Die Fakten auf dem Tisch
Draco betrat nach der Freistunde frisch eingekleidet das Klassenzimmer für Bedeutung alter Magiesprüche. War seine Körperhaltung am Anfang noch arrogant, so wurde der junge Malfoy im Laufe des Nachmittags doch etwas unsicher.
Die ungehaltenen Blicke einiger Mitschüler und das Getuschel, wenn er in der Pause an einer Gruppe Klassenkameraden vorbei kam, waren schon auffällig. Irgendetwas schien sich verändert zu haben. Doch die Haltung ihm gegenüber war nicht bösartig oder feindselig. Mitleidige Zurückhaltung traf es wohl eher. Was sich hinter seinem Rücken aber alles tat, das konnte Draco nicht herausfinden. So brachte er, seine Situation verkennend, in gewohnt überheblicher Manier die letzte Schulstunde in Zauberkunst hinter sich. Während sein Nachbar sich noch immer bemühte, seiner Alpendole das Fauchen eines Luchses zu entlocken, brachte Malfoy sein bellendes Eichhörnchen nach vorn zum Lehrer und wollte sich dann zum Abendessen begeben.
Unter der Tür zum Speisesaal wurde er aber von der Schulleiterin abgefangen. Er solle sich im Sitzungszimmer der Lehrer einfinden. Es sei Besuch für den jungen Herrn gekommen und wünsche ihn sofort zu sprechen.
Überrascht drehte Draco sich um und begab sich wie gewünscht in das Sitzungszimmer. Dort sah ihm ein hochgewachsener, elegant gekleideter Mann entgegen.
„Hallo Vater", rief der junge Malfoy erfreut. „Kommst du mich abholen?"
Sein Vater warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. „Schweig!"
„Ja, aber, ich habe doch nichts ...", versuchte der Sohn es dennoch.
„Setz dich hin und schweig!" Mit einer herrischen Geste unterstrich sein Vater die Worte, bevor er sich zu einem der Fenster begab und auf den Pausenhof blickte. Dort tummelten sich noch ein paar verspätete Schüler, die nun aber auch zum Essen eilten. Draco hatte sich inzwischen an den Tisch gesetzt.
„Du hast nichts gemacht, ja?", stieg Lucius mit der Aussage Dracos ins Gespräch ein.
„Mit weisser Schrift rassistische Parolen auf die dunkle Haut von Thomas Dean zu fluchen, war ja eine Glanzleistung von dir. Vor allem, wenn du es auch noch vor Madame Hooch und der versammelten Quidditchmannschaft von Gryffindor tust. Nicht zu reden von der Misere mit den indischen Zwillingen, die du mit dem Imperius in den Verbotenen Wald geschickt hast, um das heilige Mondkalb zu suchen. Kurz davor war noch die unbedachte Aktion, als du Blaise dazu angestiftet hast, Professor Snapes Trankzutaten zu verhexen, so dass sie nur noch von Slytherins angefasst werden konnten. Severus war stocksauer, als im Unterricht ein Grossteil seiner kostbaren Zutaten den Schülern aus den Händen flutschten und in der Feuerglut verbrannten", erinnerte ihn sein Vater mit gefährlich leiser Stimme an seine Untaten in den letzten drei Monaten. „Hier gehst du nun auch schon auf die Barrikaden, pöbelst anderssprachige Mitschüler an und bemängelst die Kultur des Gastlandes. Meinst du, das haben mir die Aufsichtspersonen nicht mitgeteilt?" Lucius drehte sich vom Fenster weg und sah Draco direkt an. „Als wäre es damit noch nicht genug, besitzt du die Frechheit und schickst mir einen Heuler, um dich zu beschweren. BESCHWEREN WEGEN EIN BISSCHEN JODELN?", donnerte Malfoy Senior nun. Draco war reflexartig zurückgewichen, bevor ihn noch der Spazierstock traf. Mist, das mit dem Heuler war doch keine so gute Idee gewesen. Aber dieser doofe Auslandkurs war ja auch eine etwas übertriebene Strafe.
„So so, übertrieben findest du es", kam prompt der Kommentar von Lucius.
Draco sah erschrocken in die Augen seines Vaters. Legilimentik! Sein Dad hatte seine Gedanken gelesen, dann musste er wirklich sehr zornig sein.
„Ich will dir mal die Alternativen zu deinem Auslandsaufenthalt aufzeigen. Wenn ich dein Praktikum als erzieherische Massnahme nicht akzeptiere, dann können wir beide gleich vor dem Garmot antraben. Du wegen Körperverletzung und Gehfährdung von Leben. Ich, weil ich meine Pflicht als Erziehungsberechtigter nicht wahrgenommen habe. Ob du dann hinter Gittern landest, weiss ich nicht, aber ich müsste, zusätzlich zu dem Schadenersatz an das Opfer und dessen Eltern, auch noch eine hohe Summe Bussgeld bezahlen. Du, das heisst wir, sind nämlich für das laufende Schuljahr auf Bewährung. Noch ein Vergehen gleicher Art und wir sehen uns vor Gericht wieder. Dass dann auch die Geldstrafe, die bis jetzt nur bedingt verhängt wurde, fällig wird, versteht sich von selbst. Sei froh, dass du nur strafversetzt wurdest und ich lediglich die Spitalkosten für die Behandlung von Dean im St. Mungos übernehmen muss. Das haben wir nur mir und meinem Einfluss auf die Schulräte von Hogwarts zu verdanken. Diese haben mit Dumbledore und den Eltern verhandelt, um eine gütliche Einigung für beide Seiten zu erzielen."
Jetzt kam Lucius ganz nahe zu Draco und packte ihn am Kragen. „Wenn ich dir einen Rat geben darf, falle nicht weiter mit rassistischen Aktionen auf. Und wag es ja nie mehr, mir einen Heuler zu senden!"
Nach der Unterredung mit seinem Vater schlich der junge Malfoy kleinlaut aus dem Zimmer. Der Appetit auf das Nachtessen war ihm vergangen. Je mehr er sich sträubte, sich der anderen Kultur gegenüber tolerant zu zeigen, desto schlimmer würden die Konsequenzen für ihn und seine Familie werden. Ihnen drohte ja noch immer die Vorladung vor dem Garmot, wenn er sich nicht gewaltig zusammenriss und seine Mitschüler nicht nett behandelte. Sein Vater konnte und wollte ihm diesmal nicht helfen, da musste er jetzt eben durch.
