Kapitel 7: Wie geht es Jensen

Sam war entsetzlich müde und wollte am liebsten nur noch schlafen. Obwohl er gleichzeitig wusste, dass er bestimmt kein Auge zu tun könnte. Aber er wünschte sich, er könnte ein wenig allein sein, um sich erst einmal darüber klar zu werden, was an diesem Tag alles passiert war. Doch auch das würde erstmal nicht passieren.
Er lehnte sich in Jareds Auto zurück, versuchte eine etwas bequemere Position zu finden und wandte das Gesicht zum Fenster, um auf diese Weise wenigstens mit sich und seinen Gedanken alleine zu sein.
Doch nach nur wenigen Minuten konnte er nicht anders, als einen Blick auf seinen Zwillingsbruder zu werfen, der neben seinem Vater auf dem Beifahrersitz saß und regungslos aus dem Fenster starrte.
Wenn es für ihn selber schon viele Informationen waren, dann musste Jared beinahe der Kopf platzen. Doch er hielt sich gut und Sam konnte nicht anders, als ihn dafür zu bewundern.
Er fragte sich, was wohl in ihm vorging. Aber er kannte ihn nicht gut genug, um in seinem Gesicht lesen zu können. Sein Zwilling war einfach nur ein Fremder für ihn, der zufällig genau so aussah wie er selber. Und er fragte sich, wie es wohl gewesen wäre, wenn sie zusammen aufgewachsen wären und sich nahe gestanden hätten.
Er würde es niemals erfahren, denn sein Vater hatte ihm die Möglichkeit genommen. Und das entfachte eine Wut in ihm, die er nur mühsam unterdrücken konnte. Er tat es dennoch, denn auch wenn er es niemandem sonst eingestehen würde, er konnte auch seinen Vater ein wenig verstehen. Und er war sich ziemlich sicher, dass dieser tatsächlich nur ihre Sicherheit gewollt hatte. Der Ausbruch gegenüber Anna Padalecki hatte ihm das deutlich gemacht und einmal mehr überrascht. So kannte er seinen Vater nicht. John Winchester gehörte nicht grade zu den Menschen, die ihre Gefühle offen zeigten. Doch er hatte seine Gefühle dieses eine Mal nicht verbergen können und Sam war klar geworden, dass sie ihrem Vater anscheinend doch nicht egal waren.
Allerdings wusste er nicht so genau, was er mit dieser Erkenntnis anfangen sollte. John Winchester hatte ihnen nicht viel von ihrer Kindheit übrig gelassen. Es war immer ums Jagen gegangen und er hatte sie trainiert. Ein Vater war er nicht für sie gewesen. Sam konnte sich kaum erinnern, von seinem ihm mal in die Arme genommen worden zu sein und auch Lob hatte es eher selten gegeben, schon gar nicht für seine schulischen Leistungen, die ihm selber so wichtig gewesen waren. Das hatte alles immer Dean übernommen.
Sam war sich bewusst, dass Bobby und vor allem Dean ihn mehr aufgezogen hatten als sein Vater. Dean hatte immer versucht, ihm wenigstens ein wenig Kindheit zu bieten und dafür seine eigene aufgegeben. Ihr Vater hatte es ihm von Anfang an eingetrichtert. Und Sam fragte sich, warum ihm diese Dinge erst jetzt klar wurden. Vielleicht lag es an der Strafpredigt, die Bobby ihm gehalten hatte, als er ihn am Collegge abgeholt hatte.
Wieder fiel sein Blick auf Jared. Er trommelte ungeduldig mit seinen Fingern auf seinem Bein herum. Anscheinend konnte er es nicht erwarten ins Krankenhaus zu kommen, um zu sehen wie es Jensen ging. Sie hatten weder von Dean noch von Bobby etwas gehört und deshalb waren sie nun, nachdem sie das nötigste zusammengepackt hatten, ebenfalls auf dem Weg zum Krankenhaus. Anna Padalecki fuhr Bobbys Truck. John hatte nicht mit ihr zusammen im Auto sitzen wollen und auch Jared hatte es vorgezogen ihre Nähe zu meiden.

Endlich im Krankenhaus angekommen übernahm Jared die Führung und fragte eine junge Frau am Eingangstresen nach Jensen. Sie wurden in die vierte Etage geschickt, in der sich der OP-Bereich und die Aufwachräume befanden. In dem angrenzenden Warteraum fanden sie schließlich Bobby, der ganz entgegen seiner Natur im Zimmer auf und ab ging und aussah, als würde er gleich aus der Haut fahren.
„Bobby?" fragte John und Jared sah Sams Überraschung, als dieser seine Besorgnis so offen zeigte.
„Habt ihr schon etwas gehört? Wo ist Dean? Wie geht es Jensen? Warum habt ihr euch nicht gemeldet?" Sam stellte diese Fragen, die auch Jared auf der Zunge lagen, wenn vielleicht auch nicht in der selben Reihenfolge.
„Hey, immer langsam," antwortete Bobby. „Eine Frage nach der anderen."
Doch angesichts der erwartungsvollen Gesichter um ihn herum, konnte er nicht anders, als ihnen zu sagen, was er wusste.
„Jensen ist etwa vor zwanzig Minuten aus dem OP gekommen. Die Ärzte haben innere Blutungen vermutet. Und wir haben uns nicht gemeldet, weil es nichts zu erzählen gab. Es ist grade mal zehn Minuten her, dass der Arzt Dean mitgenommen hat, um ihm zu erklären, was mit seinem Bruder los ist. Seitdem habe ich nichts von ihm gehört. Ich weiß nur, dass Jensen lebt, mehr kann ich euch auch nicht sagen."
Und bei diesen Worten viel Jared zu erst einmal ein Stein vom Herzen. Jensen lebte. Das war doch erst einmal ein gutes Zeichen, versuchte er sich selber zu beruhigen. Er wagte nicht daran zu denken, dass sein bester Freund sterben konnte. Sein Bruder. Er schüttelte den Kopf bei dem Gedanken und ließ sich auf einen der Stühle im Wartezimmer fallen. Sein Verstand war noch immer dabei, die Informationen zu sortieren, die er in den letzten Stunden bekommen hatte. Aber es bereitete ihm Schwierigkeiten, all das zu verdauen, was er gehört hatte. Die Welt war plötzlich nicht mehr das, was sie gewesen war.
Jensen war sein Bruder. Es war nicht so, dass er das nicht vorher gewesen war, jedenfalls in seinem Herzen, aber dass es tatsächlich so war… Außerdem hatte er einen Zwillingsbruder, was noch viel unglaublicher war. Er blickte zu Sam, der sich an eine Wand gelehnt hatte und mit seinen Gedanken weit weg zu sein schien. Er wusste nicht, was er von ihm halten sollte. Sam schien ihm so widersprüchlich und es viel ihm unglaublich schwer ihn einzuschätzen. Obwohl sie Zwillinge waren, schienen sie zumindest auf dem ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben. Der andere Mann gab sich verschlossen, und doch spiegelte sich eine Vielzahl von Emotionen in seinem Gesicht. Er wirkte ruhig und gleichzeitig hatte Jared das Gefühl, er würde jeden Moment explodieren.
Jared wandte den Kopf ab. Es brachte nichts, sein Ebenbild zu analysieren. Er kannte den jungen Mann nicht. Vielleicht würden sie sich im Laufe der Zeit kennen lernen.
Jared hatte keine Ahnung, ob er die Menschen, die so plötzlich in sein Leben geplatzt waren, nun öfter sehen würde. Bisher hatte John noch kein Wort darüber verloren, was jetzt geschehen sollte. Er hatte das Gefühl, dass der Mann jedoch früher oder später damit herausrücken würde, was er vorhatte. Und Jared nahm an, dass er einen Plan hatte oder etwas Ähnliches. Schließlich waren sie sicher nicht aufgetaucht, um diesen Dämon zu vernichten und ihnen bzw. Jensen zu helfen, um dann wieder zu verschwinden und sie ungeschützt zu lassen. Angeblich hatte diese ganze Trennungsgeschichte ja dazu gedient, dass sie in Sicherheit waren.
Wenn seine Mutter nicht bestätigt hätte, dass der Mann, der behauptete sein Vater zu sein, nicht völlig verrückt war, dann hätte er mit Sicherheit kein Wort von dem geglaubt, dass dieser erzählt hatte.
Anderseits war er sich auch nicht sicher, was er noch von seiner Mutter erwarten konnte. Denn wie es aussah hatte sie ihn sein ganzes Leben lang belogen. Wie es aussah, war sie gar nicht seine richtige Mutter. Dennoch konnte er seine Gefühle nicht einfach so abstellen, schließlich hatte die Frau ihn großgezogen und bis vor einigen Stunden hatte er noch GEGLAUBT, dass sie die Frau war, die ihn geboren hatte.
Doch ihre Mutter-Sohn-Beziehung hatte immer auf Vertrauen basiert. Jared hatte immer mit seinen Problemen zu ihr kommen können. Und nun wusste er nicht, ob er dieses Vertrauen wieder finden konnte. Er hoffte, dass er es konnte. Denn wie es aussah, hatte sie ihn schließlich auch über sich selber belogen oder ihm zumindest wichtiges verschwiegen. Sie hatte nicht einmal erwähnt, dass sie krank war. Doch er hatte in ihren Augen gesehen, dass diese Krankheit schlimm war, dass sie sie nicht besiegen konnte. Und wenn er ihr nicht in naher Zukunft verzeihen konnte, dann hätte er vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu.
Er sah zu der Frau, die er für seine Mutter gehalten hatte. Sie war im Flur geblieben und hatte sich auf einen Stuhl dort gesetzt, wo sie regungslos saß und auf ihre Hände starrte. Sicher hatte es sie verletzt, dass er nicht mit ihr hatte fahren wollen. Aber er hatte Zeit gebraucht. Und er wusste, dass er auch jetzt noch nicht bereit war, mit ihr zu reden.

Jared sprang auf, als er Schritte auf dem Flur hörte und seine Mutter aufblicken sah. Kurze Zeit später stand Dean in der Tür.
Er sah müde aus, hatte dunkle Ringe unter den Augen, doch sein Gesicht zeigte nicht, ob er gute oder schlechte Neuigkeiten hatte.
Jared versuchte ihn mit Jensen zu vergleichen, doch das einzige, was die beiden zu unterscheiden schien, war ein etwas anderer Haarschnitt.
„Sie bringen Jensen in etwa einer halben Stunde auf ein Zimmer, dann können wir zu ihm," sagte Dean zu ihnen allen, doch sein Blick war auf John gerichtet.
„Wie geht es ihm? Was hat der Arzt gesagt?" fragte dieser dann auch.
Dieser rieb sich über die müden Augen und Jared glaubte einen Moment, dass er leicht schwankte.
„Komm, Junge, setz dich hin und erzähl uns, was der Arzt gesagt hatte," übernahm Bobby die Initiative und schob Dean zu einem der Stühle.
„Sie glauben, dass sie die Blutungen gestoppt haben," sagte er, wurde aber gleich wieder von seinem Vater unterbrochen.
„Was heißt denn, sie glauben?"
„Nun lass ihn doch einfach erzählen, Dad," mischte sich Sam ein und Jared konnte ihm innerlich nur zustimmen. Er wollte endlich wissen, was los war.
„Der Arzt sagt, dass er viel Blut verloren hat und es waren wohl viele kleine Risse, die sie reparieren mussten. Deshalb hat die Operation auch so lange gedauert. Aber er konnte mir nicht sagen, ob sie tatsächlich alle Blutungen gestoppt haben. Er glaubt es, aber meinte, es könnte sein, dass sie bei den vielen Wunden vielleicht etwas übersehen haben. Sein Kreislauf ist zwischendurch abgesackt und sie mussten sich beeilen, damit er nicht völlig zusammenbricht."
Dean unterbrach einen Moment, fuhr dann jedoch fort, bevor ihn wieder jemand drängen konnte, weiter zu erzählen.
„Er bekommt Bluttransfusionen und der Arzt meint, dass wahrscheinlich alles wieder in Ordnung kommt, wenn er in den nächsten vierundzwanzig Stunden stabil bleibt und keine neuen Blutungen auftreten."
„Na, das hört sich doch ganz gut an," meinte Bobby, als Dean still blieb.
Jared wusste nicht, ob er seinen Optimismus teilen sollte.
„Wann kann er aus dem Krankenhaus?" fragte John und alle Augen richteten sich auf ihn.
Jared konnte nicht glauben, dass der Mann das gefragt hatte.
„Das kann sicher noch eine Weile dauern," antwortete Dean.
„Nun, wir müssen zu sehen, dass es so bald wie möglich ist," kam darauf die Erwiderung und in Jared begann es zu brodeln.
„Wir wissen überhaupt nicht, ob er überhaupt gesund wird," sagte er mit eisiger Stimme. „Er muss so lange hier bleiben wie nötig und wenn es ein paar Wochen dauert."
John sah ihn an und sein Blick sorgte dafür, dass Jared ihm am liebsten ausgewichen wäre. Doch er hob stattdessen stur das Kinn. Er würde nicht zulassen, dass dieser Mann seinen Freund hier herauszerrte, bevor sicher war, dass es ihm wieder gut ging.
„Jared," sagte John nun zu ihm und seine Stimme klang ernst. „Die Dämonen werden hierher kommen. Sie werden wahrscheinlich schon wissen, dass Jensen noch lebt und ihn suchen und hier im Krankenhaus haben wir nicht viele Möglichkeiten ihn und uns zu verteidigen. Und daher werden wir ihn auf jeden Fall so schnell wie möglich hier wegbringen, sobald er transportfähig ist."
„Aber…" Jared wusste nicht, was er sagen sollte. Noch immer schien ihm das alles surreal.
„Und wo willst du dann hin?" fragte Sam, als Jared seinen Satz nicht beendete.
„Bobby und ich werden schon eine Lösung finden, Sam. Wir arbeiten bereits daran. Und deshalb möchte ich, dass ihr Jungs bei Jensen bleibt und sein Zimmer so sicher wie möglich macht, sobald er dort ist, während ich mit Bobby eine sichere Bleibe für uns alle finden."
Keiner von ihnen protestierte. Ihnen blieben auch zurzeit nicht viele Alternativen. Jared hatte das Gefühl, dass er sein zu Hause so schnell nicht wieder sehen würde. Doch er vermisste es bereits.