Der Kampf war kurz und außer Sheppards Arm gab es keine weiteren Verletzungen. Die Soldaten der Regierung waren schnell ausgeschaltet und Malin verabschiedete sich von John, Teyla, Ronon und Carson.

„Ich schäme mich so für mein Volk", sagte er leise, als er vor John stand.

Dieser nickte. „Es ist nicht Ihre Schuld, Malin. Sorgen Sie einfach dafür, dass es in Zukunft besser wird."

„Ich werde alles geben, dass sich die Dinge ändern", sagte der junge Mann aufrichtig. „Und wenn es soweit ist, werden Sie willkommene Gäste meines Volkes sein."

„Ich weiß nicht, ob jeder von uns es ertragen könnte, noch einmal auf diesen Planeten zu kommen", sagte Carson mit leiser Stimme und sein Blick war auf die zusammengekrümmte, bewusstlose Gestalt Rodneys gerichtet, der auf einer improvisierten Trage gerade in den Jumper gebracht wurde.

Malin nickte, Traurigkeit in den Augen. „Ich verstehe. Dennoch hoffe ich, dass Sie nicht über jeden unseres Volkes schlecht denken."

Lächelnd erwiderte Teyla: „Bestimmt nicht, Malin. Ohne die Hilfe ihrer Freunde wären wir jetzt nicht hier und so etwas vergessen wir nicht." Sie schüttelte dem Esperianer herzlich die Hand und auch John verabschiedete sich mit einem schwachen Lächeln. So sehr er fair sein wollte, ein einziger Blick auf Rodney reichte ihm, um Wut und Angst um das Leben seines Freundes wieder hoch kochen zu lassen.

Es war nicht fair Malin gegenüber, aber er konnte sich nicht dagegen wehren. Hätte man ihn selber misshandelt und verhört, wäre er vielleicht leichter bereit gewesen, zu verzeihen.

Dennoch bemühte er sich sehr um ein freundliches Lächeln, aber er konnte in Malins Augen sehen, dass dieser genau erkannte, was wirklich in John vorging.

Einzig Ronon beteiligte sich nicht an der Verabschiedung, sondern starrte finster zum Jumper, in dem gerade die Trage mit Rodney verschwunden war.

„Gehen wir", sagte er knapp und stieg ein.

Sie verließen den Planeten ohne weiter behelligt zu werden, die Tumulte in der Hauptstadt schienen alle Kräfte der Regierung gebunden zu haben.

Auf Atlantis übernahm Carson sofort das Kommando und schaffte sie alle auf die Krankenstation. Ronons Proteste überging er genauso, wie er den Einwand, er wäre selber geschwächt und müsse versorgt werden, beiseite wischte.

Sich selber, Ronon und Teyla verordnete er einen Vitamin-Cocktail und eine Zweiliterflasche Mineralwasser, dann ließ er die beiden wieder gehen.

John und Rodney wurden sofort versorgt und während Johns Schulter im Akutbereich von dem Dienst habenden Arzt chirurgisch versorgt wurde, begleitete Carson Rodney in den abgetrennten Bereich für kritisch kranke Patienten.

Trotz aller Müdigkeit wollte er sich selber um ihn kümmern und seine Kollegen respektierten diesen Wunsch. Sie assistierten ihm, überließen ihm aber die Leitung.

Nachdem Rodneys Kreislauf stabilisiert und er mit ausreichend Flüssigkeit versorgt wurde, hätte er eigentlich erwachen müssen, doch sein komatöser Zustand hielt an.

Und so lag er da, als Dr. Beckett endlich Ronon, Teyla und John erlaubte, ihn zu sehen.

John hatte den Arm in einer Schlinge und war von den Schmerzmitteln halb betäubt, aber er hatte darauf bestanden, Rodney zu sehen. Ronon stützte ihn, denn trotz Carsons Ermahnungen hatte John sich standhaft geweigert, einen Rollstuhl zu benutzen.

Carson war zu müde, um sich noch auf weitere Diskussionen einzulassen und so standen sie nun an Rodneys Bett.

„Er bekommt kreislaufunterstützende und fiebersenkende Medikamente und ist im Moment stabil", sagte Carson leise, aber die Frage, was wirklich los war, klang unausgesprochen in seiner Stimme mit.

Teyla legte sanft ihre Hand auf Rodneys Arm. „Vielleicht braucht er einfach Ruhe."

„Ja, vielleicht", murmelte Carson und rieb sich die Augen. „Und da ist er nicht der Einzige. Wir sollten uns alle ausruhen."

John schwankte leicht und wurde von Ronon fester gepackt. „Ich bringe ihn in sein Bett", sagte der und schob John überraschend sanft in die Richtung des Krankenbettes.

„Wir sehen uns morgen", sagte Teyla zum Abschied und verließ die Krankenstation.

John musste die nächsten Tage in der Krankenstation bleiben, aber seine Schulter machte gute Fortschritte, so dass Dr. Beckett sehr zufrieden war.

Nach drei Tagen erklärte er John: „Morgen früh können Sie in Ihr Quartier zurückkehren, wenn Sie sich täglich hier für eine Antibiotika-Infusion einfinden."

John stöhnte. Er hasste Spritzen. „Muss das sein? Ich meine, wozu soll das gut sein? Mir geht es gut und die Schmerzmittel, die Sie mir geben, reichen völlig aus."

Carson verdrehte die Augen. „Hören Sie. Kugeln sind im Allgemeinen nicht steril und Schultergelenke sind im Allgemeinen ein in sich geschlossener, steriler Raum. Dringt ein unsteriler Gegenstand in einen geschlossenen, sterilen Raum ein, kommt es zu einer Infektion. Und im Allgemeinen führt ein infiziertes Schultergelenk dazu, dass die Schulter steif bleibt. Wollen Sie das?"

John schüttelte ergeben den Kopf. „Gut, also täglich eine Infusion. Wie lange?"

„Zehn Tage. Von denen wir jetzt schon drei geschafft haben." Carson lächelte.

Im Gegensatz zu John verbesserte sich Rodneys Zustand nicht. Er lag noch immer komatös in seinem Krankenbett und zeigte keinerlei Reaktion auf die unterschiedlichsten Stimulanzien, die Carson ihm verabreichte.

Das Team besuchte ihn jede Tag, aber auch sie erreichten keine Änderung seines Zustandes, obwohl Teyla jeden Tag mehrere Stunden bei ihm saß, und mit ihm sprach, während Ronon nur bewegungslos neben dem Bett stand und Rodney ansah, als wolle er ihn ins Leben zurück starren.

Auch John verbrachte Zeit an Rodneys Bett, aber weniger, als die anderen. Er ertrug es nicht, seinen Freund so leblos dort liegen zu sehen, als hätte dieser aufgegeben.

Hilflosigkeit und kalte Wut mischten sich mit Angst, dass er nicht wieder er selbst werden würde, wenn er auf Rodneys blasses Gesicht hinuntersah.

Und am Wenigsten ertrug er die Stille, die nur von dem Summen der Geräte und gelegentlichen Alarmtönen unterbrochen wurde. Er hätte alles dafür gegeben, einen Redeschwall oder eine Schimpftirade von Rodney zu hören.

In der Nacht vor seiner Entlassung, als alles still war in der Krankenstation und er aus dem Dienstzimmer des Pflegers nur das gelegentliche Blättern einer Zeitung hörte, schlich er sich noch einmal an Rodneys Bett.

Lange stand er unbeweglich da und sah seinen Freund an. Wirre Gedanken gingen durch seinen Kopf, während er wieder die Mischung aus Wut, Furcht und Ohnmacht niederkämpfte.

Er lauschte noch einmal auf die Geräusche der Krankenstation, sah sich noch einmal um, ob er wirklich unbeobachtet war.

Schließlich hob er langsam seine Hand und strich vorsichtig über Rodneys Gesicht. Es fühlte sich richtig an und er ließ die Hand an Rodneys Wange liegen.

Dann flüsterte er: „Komm schon, mein Freund. Wir haben das nicht alles durchgestanden, damit du jetzt… schlapp machst."

Er blieb lange so stehen, hoffte tief in seinem Herzen, dass Rodney ihn hörte und fühlte und dass er den Kampf aufnehmen würde.

Vier Tage später erwachte Rodney unvermittelt und kaum hatte er sich einigermaßen erholt, bestand er darauf, entlassen zu werden und in sein Labor gehen zu können.

Er war pampig, unfreundlich, aufbrausend und wurde geradezu ausfallend, als Carson ihm erklärte, er müsse sich schonen. Alles in Allem schien er ganz der Alte zu sein, doch Carson ließ sich nicht täuschen und bestand darauf, dass Rodney nicht wieder in den aktiven Dienst zurückkehren durfte, bevor er nicht eine ganze Reihe von Sitzungen mit Kate Heightmeyer hinter sich gebracht hatte.

Rodney tobte, doch es half alles nichts. Carson erklärte, er werde erlauben, dass Rodney in seinem Labor forsche, aber der aktive Dienst käme nicht in Frage, bevor nicht der psychische Aspekt der Gefangenschaft auf Esperia abgearbeitet sei.

John versuchte Rodney damit zu beruhigen, dass er ihm erklärte, das Team würde derzeit sowieso nicht auf Außenmissionen gehen. „Meine Schulter setzt mich noch mindestens acht Wochen außer Gefecht und in der Zeit kannst du doch Carson den Gefallen tun. Er wird sowieso nicht nachgeben."

„Ach lass mich in Ruhe", fauchte Rodney. „Mir fehlt nichts. Man hat mir nichts getan, außer meinen Handgelenken." Er rieb sich die Arme und Johns Blick fiel unwillkürlich auf die zarten rosa Striemen der verheilenden Wunden um Rodneys Hände, wo die Lederriemen in die Haut eingeschnitten hatten. „Oh, und natürlich ist da noch eine Tür, die auf mich gefallen ist und mir einige Rippen geprellt hat." Rodneys Tonfall war ätzend geworden, dann aber beruhigte er sich wieder.

„Ich war dehydriert und am Ende meiner Kräfte, aber davon habe ich mich jetzt erholt. Es besteht keinerlei Grund, mich wie ein rohes Ei zu behandeln."

So hypochondrisch Rodney sonst war, jetzt schien ihm nichts wichtiger zu sein, als zu seinem Alltag zurück zu kehren und zu vergessen.

Doch John wusste, dass das nicht möglich war. Er hatte es in ähnlichen Situationen selber versucht und es brauchte einfach Zeit. Er war nicht der Ansicht, dass Gespräche mit der Psychologin helfen konnten, aber er verstand Carsons und Elisabeths Weigerung, Rodney wieder in den aktiven Dienst zu lassen, bevor er nicht zumindest einigermaßen wiederhergestellt war.

Dennoch glaubte er, dass er und sein Team vielleicht eher in der Lage waren, Rodney zu helfen, ja, wenn er ehrlich war, glaubte er in erster Linie, dass er selber es war, der das konnte. Und er war fest entschlossen, alles dafür zu tun.