Kapitel 7 – Wiedersehen mit der Vergangenheit
I'm looking for a place Isn't anyone tryin' to find me? It's a damn cold night
I'm searching for a face
Is anybody here I know?
'Cause nothing's going right
And everything's a mess
And no one likes to be alone
Won't somebody come take me home?
Trying to figure out this life
Won't you take me by the hand
Take me somewhere new
I don't know who you are
But I... I'm with you
I'm with you
November 1994
Familienfeierlichkeiten sind wirklich die Pest. Keine Ahnung, warum ich mir das immer wieder antue. Eigentlich sollte ich es besser wissen. Aber es ist wie ein Zwang. Obwohl es in meinem gesamten fast 35-jährigen Leben nie anders gewesen ist, gehe ich jedes Mal wieder hin und hoffe darauf, dass es dieses Mal besser läuft. Aber wie sollte es? Ich bin nicht grade das, was meine Eltern erwartet haben. Und nein, ich übertreibe es nicht. Meine Mutter hat es mir selbst gesagt.
„Du bist nicht das, was wir … erhofft hatten, Kind."
Nun, die sind auch nicht das, was ich mir wünsche, aber das ist ihnen egal. So wie ich sie nicht kümmere. Jedenfalls habe ich mich nach endlosem Geschwätz endlich davon stehlen können. Weg von gezwungener Höflichkeit und falschen Lächeln, die nur unzureichend die Spitzen verdecken, die mit ihnen abgefeuert werden.
Eine ganze Weile haben meine Schritte kein Ziel. Ich laufe blindlings, setze einen Fuß vor den anderen. Darin bin ich gut. Dinge einfach zu tun, weil sie sein müssen, ohne sie wirklich zu wollen. Mein ganzes Leben lang war ich darin wirklich ganz hervorragend. Ich habe mich und die ganze Welt betrogen, weil andere es von mir erwartet haben … Und manchmal tue ich es heute noch. Es gibt so viele Entscheidungen in meinem Leben, die ich bereue. So viele ungetane und ungesagte Dinge.
Eine davon ist besonders schwer. Ich habe geliebt. Mit jeder Faser meines Herzens. So stark, dass ich in den Fluten der Emotionen beinah untergegangen bin. Bin versunken in braunen Augen und einem wunderbaren Lächeln. Aber ich habe nie darüber gesprochen, sondern geschwiegen. Habe nicht gekämpft um diese Liebe, aus Angst, man könne mich zurückweisen. Nicht das Gleiche empfinden.
Ich hätte es sagen müssen! Doch stattdessen habe ich geschwiegen und zugesehen, wie jemand anderer diesen Menschen für sich beansprucht hat. Und letztendlich habe ich auch dabei zugesehen, wie meine Welt zerbrach. Wie meine Freunde starben. Alles, was ich tun konnte, war wegzulaufen. Weit weg. Ich habe Kontinente zwischen mich und die Erinnerungen gebracht. Mich in eine Arbeit gestürzt, die mich nicht interessierte, mich aber vom Nachdenken ablenkte. Der Krieg war zwar vorbei. Aber er hat mich einfach zu viel gekostet.
Viel zu viel!
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September 1974
„Merlin, ist die scharf! Seht euch die Beine an! Und die ist wirklich Deine Verlobte, Pads?" Wenn James weiter so glotzte, dann würden ihm vermutlich die Augen raus fallen.
„Yep. Ihr Name ist Rabecca."
„Dann hat es also doch etwas für sich, in einer traditionellen, reinblütigen Familie zu leben, was Pads?"
„Manchmal." Sirius ließ den Blick über das Mädchen wandern, über das er und seine Freunde sich grade ausließen. Rabecca Magnifor. Eine weit entfernte Cousine von ihm. Seine Eltern hatten ihm im letzten Sommer erklärt, das sie ab heute seine Verlobte sei und er sie heiraten solle, sobald er 21 war, um die Blutlinie der Black zu stärken. Zuerst hatte er sich furchtbar dagegen gesträubt. Er hatte getobt und gewütet, weil man ihn wie ein Stück edles Vieh verschachert hatte. Wie einen Zuchtbullen! Doch dann hatte man sie ihm vorgestellt und er war angenehm überrascht worden.
Becca war schlank, hatte dunkelbraune Augen und einen ziemlich verführerischen Schmollmund. Sie hatte außerdem sattbraunes Haar mit kleinen, blonden Schattierungen. Ihre Taille war schmal und ihre Brüste bereits mit ihren jungen 12 Jahren recht appetitlich. Alles in allem hatte Sirius eingesehen, dass es ihn deutlich schlechter hätte treffen können.
Und dieser Eindruck hatte sich nur verstärkt, als er sie geküsst hatte. Sie hatte es bereitwillig geschehen lassen, seinen Kuss sogar fast enthusiastisch erwidert. Fast ein wenig zu enthusiastisch. Und beinah ein bisschen zu routiniert. Aber dieser Gedanke war schnell vergessen, nachdem sie sich eng an ihn geschmiegt hatte und er reagierte wie ein normaler 14-jähriger.
Becca war in ihren ersten zwei Schuljahren nach Durmstrang gegangen. Für die Verlobung allerdings hatten ihre Eltern beschlossen, dass ihre Tochter den Rest ihrer Schulzeit ruhig in Hogwarts verbringen konnte. Sie war nach Slytherin gesteckt worden, genauso wie sein kleiner Bruder Regulus.
„Wenn ihr sie weiter so anglotzt, werdet ihr noch an dem Ständer in euren Hosen krepieren", brummte jemand neben ihnen. Sirius wandte den Blick von dem Mädchen am Slytherin-Tisch ab und warf dem Sprecher dieser Worte nur einen amüsierten Blick zu. Toni saß links von ihm und stocherte reichlich verbissen auf seinem Teller herum.
„Nur kein Neid, Toni. Ich hab´ nichts dagegen, wenn Du sie in Deine feuchten Träume einflechtest." Er wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. „Bei ihr kann einem die Hose ganz schön eng werden, was? Ich spreche schließlich aus Erfahrung. Und Dir täte, so wie Du guckst, eine romantische Beziehung mit Deiner rechten Hand echt gut, Mann."
„Ich bin nicht Du, Pads."
„Stimmt, Du bist unser kleiner Spätzünder." Sirius grinste. „Aber keine Sorge. Irgendwann wird auch Deine Stimme tiefer und Du bekommst etwas, das man als Bart definieren könnte. Und irgendwann kommt auch Dein erster, feuchter Traum."
Toni warf ihm einen so tödlichen Avada Kedavra-Blick zu, das Sirius nur in lautes Lachen ausbrach.
„Unser kleines Nesthäkchen!" spottete er gutmütig und knuffte seinem Freund in die Seite.
„Lass ihn in Ruhe, Pads", ertönte es nun ihm direkt gegenüber, hinter einem dicken Buch. „Nicht jeder hat so eine ausgeprägte Libido wie Du oder Prongs."
„Höre ich da etwa die sanfte Stimme unseres Superhirns?" Sirius grinste. „Und dabei hätte ich geschworen, das Du bei Deiner ‚leichten' Lektüre mittlerweile ins Koma gefallen bist, Moony. Was ist es dieses Mal? Shakespeare?"
„Kant."
„Wer?"
Remus warf ihm einen mitleidigen Blick zu, ehe er die Augen wieder auf die Buchstaben richtete. „Nicht wichtig, Sirius. Du würdest ihn so oder so nicht verstehen." Seine Klassenkameradin Josie, die ihm - wie so oft - über die Schulter spähte, um mit ihm gemeinsam in dem Buch zu lesen, lächelte nur stumm in sich hinein.
„Da hat er so ein hübsches Mädchen neben sich und liest! Moony, bei Dir ist echt Hopfen und Malz verloren. Vielleicht sollte sich Josie einen richtigen Freund suchen, statt ihre Zeit mit einem Bücherwurm wie Dir zu verschwenden, der mit ihr nur über Literatur und Arithmantik redet. Hey!" Sirius Augen blitzten fröhlich. „Nimm Toni, Süße! Er ist noch vollkommen formbar. Du kannst ihn Dir so erziehen, wie Du ihn möchtest. Und Spätzünder explodieren ja angeblich besonders laut!"
„Halt´s Maul, Sirius!" fauchte Toni sofort aufgebracht, was nun James Aufmerksamkeit von Sirius´ Verlobter zog und sich dem kleinen Streit an seinem Tisch zuwenden ließ.
„Vielleicht hat Toni sein Herz ja schon an jemand anderen verloren. Oder er ist scharf auf Deine Becca, Pads", mutmaßte er mit einem teuflischen Grinsen, das Toni endgültig explodieren ließ.
„Bin ich nicht!" schrie er, kam auf die Füße, packte seine Schultasche und stürzte aus dem Raum. Doppeltes, schallendes Gelächter verfolgte ihn seinen ganzen Weg nach draußen und ließ ihn seine Schritte nur beschleunigen. Als er in der großen Halle angekommen war, blieb er stehen und atmete schwer. Verflucht! Wenn James gewusst hätte, wie Recht er doch mit seiner Bemerkung hatte…
Ein paar Tage später passierten dann etwas sehr Merkwürdiges. Remus, der sein Zaubertränke-Buch im gemeinsamen Schlafsaal vergessen hatte – Peter und James würden morgen noch darüber lachen, das ausgerechnet er sein Buch vergessen hatte, und Sirius war nur minimal schuldbewusst, weil er es gestern aus Moonys Tasche gekramt hatte, um seine Hausaufgaben abzuschreiben – rannte hastig die Treppe zu selbigem hinauf und stieß die Tür auf.
Ohne darüber nachzudenken stürmte er in den Raum – und stutzte. Toni, der sich heute Morgen nicht wohl gefühlt hatte und daher im Bett geblieben war, saß aufrecht und ohne T-Shirt an der Bettkante. Ein breiter, straffer Verband war um seinen Oberkörper gewickelt. Er zuckte heftig zusammen, als die Tür unvermutet gegen die Wand krachte und starrte Remus erschrocken an.
„Toni. Alles in Ordnung?"
Hastig griff der Freund zu seinem T-Shirt und streifte es sich über den Kopf. „Ja! Natürlich! Alles in Ordnung!"
Kein Wunder, das er sich nicht gut fühlte, dachte Remus mitleidig. Er musste sich ganz schön verletzt haben, wenn er einen solch riesigen Verband benötigte. Geprellte oder gebrochene Rippen waren wirklich verdammt schmerzhaft! Er selbst kannte sich schließlich bestens damit aus…
„Brauchst Du Hilfe?"
„Nein. Alles okay. Du solltest Dich beeilen, sonst kommst Du noch zu spät zum Unterricht, Remus!"
„Ähm … ja." Moony schnappte sich sein Buch und nickte. „Und Du bist sicher…?"
„JA! Geh bitte!"
Nachdem Remus endlich die Tür hinter sich zugezogen hatte, vergrub Toni das Gesicht in den Händen und holte tief Luft. Verflucht! Verflucht, verflucht, verflucht! Hoffentlich setzte Remus jetzt nicht Madam Pomfrey auf ihn an ... die neugierigen Fragen der Krankenschwester wären das Letzte, was er brauchte!
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November 1994
Mein Blick richtet sich endlich nach vorn, nur um festzustellen, das mich meine Schritte ungewollt an die Grenze von Hogsmeade getragen haben. Eine der Stätten meiner Kindheit. Eine unglaublich glückliche Kindheit. Hier bin ich erwachsen geworden und habe gelernt, dass es durchaus Menschen gibt, die MICH mögen. Egal, was ich tue.
Die Luft scheint plötzlich erfüllt von Erinnerungen. Schönen und schrecklichen. Und erst jetzt wird mir bewusst, dass es in Strömen regnet. Der Himmel hat förmlich seine Schleusen geöffnet. Und die dunklen Straßen, die in meinem Kopf angefüllt sind von lachenden und schwatzenden Kinderstimmen, werden in regelmäßigen Abständen erhellt von zuckenden Blitzen. Das dunkle Grollen des Donners stellt mir die Nackenhaare auf, als sei die Luft um mich her plötzlich mit Elektrizität voll gesogen.
Ich liebe Gewitter. Die entfesselten Naturgewalten. Nur in einem solchen Wetter fühle ich mich wirklich frei und ungebunden. In den entfesselten Elementen bin ich ich selbst.
Ein erneuter Blitz zuckt über den Himmel und erleuchtet sekundenlang die Welt um mich her. Und lässt meinen Blick auf einen großen Haufen Lumpen fallen. Etwas abseits, am Rande der Straße. Eigenartig.
Meine Neugierde treibt mich hin. Ich weiß nicht, was ich erhoffe zu finden, aber ich kann nicht anders. Dieses Etwas zieht mich unwiderstehlich an, so wie ein Magnet ein Stück Metall.
Neben dem Haufen angekommen gehe ich langsam in die Knie. Und der nächste Blitz macht mir klar, dass es kein Haufen alter, abgetragener Kleider ist, sondern ein Mensch. Offenbar ein Mann. Wer hält sich – außer mir – bei diesem Wetter denn draußen auf? Normalerweise sucht jeder, den ich kenne, bei solchen Unwettern sein sicheres Zuhause auf. Ich kannte nur einen, der meine Leidenschaft für sie geteilt hat.
Ich strecke die Hand aus und schüttele ihn. Da hat vermutlich wieder jemand den Johannisbeer-Schnaps von Madame Rosmerta zu gern getrunken. Teufelszeug. Und er weiß offenbar nicht, wo seine Grenzen sind. Wusste ich lange Zeit auch nicht.
Hier kann er jedenfalls nicht bleiben. Hier holt er sich den Tod.
Und dann schaffe ich es mit einem Ruck, den vermeintlich Betrunkenen auf den Rücken zu drehen. Und wünsche mir fast augenblicklich, es nicht geschafft zu haben.
Ein ersticktes Geräusch entringt sich meiner Kehle und ich stolpere zurück, lande unsanft im Schlamm. Merlin! Das kann nicht sein! Ich träume! Wieso? Warum? Woher?
Tausend Fragen wirbeln durch meinen Kopf, während ich am ganzen Körper zittere. Da liegt ER! Der Mensch, der Schuld ist an all meinen zerbrochenen Träumen.
Sirius Black.
Wut auf ihn ringt mit Angst. Nicht der Angst vor ihm, dass er mich angreifen könnte, dass er sich vielleicht meiner ebenso leicht entledigt, wie er es mit James und Lily getan haben soll, wenn ich ihm nur die Chance dazu gebe.
Ich spreche immer noch nur von der reinen Möglichkeit. Tief in mir hat es immer einen Teil gegeben, der sich geweigert hat, die Realität anzunehmen, die Beweise anzuerkennen.
Himmel, ich sollte mich fürchten. Sollte meinen Zauberstab ziehen und weg apparieren, am besten direkt ins Ministerium – und ich sollte zurückkehren mit einer Armee von Auroren, damit sie ihn festnehmen. Aber was tue ich stattdessen? Ich komme auf Knie und Hände und robbe zurück zu ihm, fürchte mich schlicht vor der Tatsache, das er nicht mehr ist, dass sich seine Augen nie wieder öffnen und ich ihn begraben muss, so wie die Menschen, die er getötet haben soll.
Das kann ich nicht. Das geht über meine Kräfte. Nicht auch noch ihn.
Ich beuge das Gesicht zu ihm hinunter und starre ihn an. Er riecht furchtbar, und er sieht auch so aus. Das ehemals dunkle, weiche Haar ist verfilzt und zeigt viel zu frühe, graue Strähnen, die gar nicht zu dem jetzt vollkommen entspannten Gesicht passen wollen, das mich immer noch so sehr an ihn erinnert. Nur dass jetzt ein wilder Bartwuchs seine schönen Züge überwuchert, seine Haut vor Dreck nur so strotzt und er nach Erbrochenem und Schweiß stinkt.
Mein Ohr horcht dicht über seinen trockenen, spröden Lippen nach etwas, was mir zeigt, dass er noch nicht fort ist. Und wirklich, zwischen all dem prasselnden Regen und dem Heulen des Windes höre ich wirklich seinen Atem.
Vor Erleichterung wird mir ganz schwindlig. Und ohne zu überlegen packe ich seine Schultern und schüttle ihn, zische seine Namen so laut ich mich traue – wenn ich ihn so laut rufen würde, wie ich wollte, würde in Sekunden das halbe Dorf hier sein. Doch er reagiert nicht. Gibt mir kein Lebenszeichen, außer diese dünnen, viel zu schnellen Atemzüge.
„Sirius? Sirius!" Meine rechte Hand löst sich aus dem schmutzigen Stoff seiner Sträflingskleidung und legt sich auf seine schmutzige, regennasse Wange. Er glüht förmlich.
Und er bewegt sich so schnell, dass ich nicht einmal Zeit habe meine Hand wieder wegzuziehen. Ich gebe ein erschrockenes Geräusch von mir, versuche meine Hand aus seinem Griff zu entwinden, zerre wie besessen in plötzlicher Todespanik und blinzle gegen die ungewollten Tränen in meinen Augen an. Wird er mich jetzt umbringen? Verflucht, er zeigt eine erstaunliche Kraft, dafür, dass ich ihn eben noch für halb tot gehalten habe!
„Nein! Nicht!" Ich will betteln. Nur weg von hier. Weg von dem lebenden Beweis, dass ich einst ein glückliches Leben führte.
„Ich … ich bin unschuldig." Seine Stimme klingt so anders, rau und abgehackt und ein wenig verschwommen, als koste es ihn alle noch verbliebene Kraft, diese Worte über die Lippen zu bringen. Seine braunen Augen sind aufgerissen und flackern. „Toni! Unschuldig! Peter … war … Geheimniswahrer. Nicht … getötet."
Dann sackt er so plötzlich, wie er erwacht ist, wieder in sich zusammen und seine Hand rutscht von meinem Handgelenk. Mein erster Impuls ist Rennen. So weit mich meine Füße tragen. Grauenhafte Bilder steigen in meinem Geist auf und ich kann mich nicht gegen sie wehren. Blut, Tod, die gebrochenen Augen meiner Freunde ... Doch schließlich dringen seine Worte zu mir durch.
Toni? Hat er mich wirklich erkannt?
Und unschuldig?
Kann es sein? Haben wir alle einen großen Fehler gemacht?
Ich kann es nicht erklären. Es liegt nichts Rationales an meinem Handeln. Aber er hatte mit diesen wenigen Worten den leisen Zweifel, der nun schon seit 12 Jahren in mir keimte, Nahrung gegeben. In der nächsten Sekunde habe ich meinen Zauberstab in der Hand und levitiere seinen schlaffen, leblosen Köper hoch. Lasse ihn vor mir herschweben, während ich über die schlammigen Straßen renne, meine Schritte wie ferngesteuert, mit einem Satz über den Lattenzaun springe und zu dem einzigen Ort fliehe, der mir mit Sirius im Schlepptau in diesem Moment einfällt. Für ihn bedeutet nur ein Ort Sicherheit – die heulende Hütte…
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Dort angekommen drohen meine Lungen zu zerreißen. Mein Atem geht nur stoßweise und meine Knie zittern. Trotzdem bleibe ich nicht stehen, ich kann nicht. Es geht ihm schlechter. Und das sehe ich, obwohl ich nie viel von Medimagie verstanden habe. In diesem Bereich waren Remus oder Josies kleine Schwester Lyssa gut.
Der Gedanke an die Beiden – oder vielmehr die Drei – schmerzt. Aber ich verdränge den Gedanken an ihre Gesichter einfach. Und beim näheren Hinsehen bereue ich meine Entscheidung, ihn in diese staubige Bruchbude gebracht zu haben. Er braucht einen Arzt, und das schnell! Außerdem habe ich ihn so wieder in die Nähe der Dementoren gebracht, die ihn jagen und suchen. Aber wo sonst hätte ich hingehen sollen? Alles Andere bedeutet für ihn wieder Askaban. Und das kann ich nicht tun. Ich bin schon einmal fort gelaufen, um es nicht mit anzusehen.
Ich atme tief durch, ehe ich eine klapprige Tür aufsprenge, mir bleibt keine Zeit den Eingang unter der peitschenden Weide zu finden. Sein Atem rasselt so sehr, dass mir eine Gänsehaut über den Rücken kriecht!
In der Hütte ist es stickig und dunkel. Ich habe diesen Ort nie gemocht, auch zu Schulzeiten nicht. Es waren immer die Marauder, die sich um Vollmond hier herum getrieben haben. Ich bin lieber im Gemeinschaftsrum geblieben und habe für Alibis gesorgt.
Oben finde ich ein reichlich staubiges Bett, was ansonsten aber noch ganz in Ordnung scheint. Ich ziehe die obere Bettdecke weg und werfe sie achtlos auf den Boden. Die Decken darunter sind recht sauber, und so lasse ich Sirius auf das Bett schweben und stehe einen Moment lang unschlüssig neben ihm. Was nun? Wie gesagt, ich war nie gut in Medimagie …
Schließlich erinnere ich mich vage an eine Erzählung über Wadenwickel, von meiner Großmutter. In Wasser getauchte Stoffstreifen, die um die Waden gewickelt Fieber senken sollen. Dunkel erinnere ich mich auch daran, dass sie auch noch etwas anderes ins Wasser gegeben hat um die Wirkung zu verstärken, aber selbst wenn mir der Name des Krauts wieder einfallen würde, hier würde ich es wohl nicht finden.
Also verwandle ich eine verbeulte Teekanne – Moony hat Tee geliebt … aufhören, Toni! – in eine metallene Schüssel und trage sie in Ermangelung einer besseren Idee hinaus in den Regen. Merlin sei Dank schüttet es immer noch. Gleich nachdem die Schüssel positioniert ist fällt mir das Holz der zertrümmerten Tür ins Augen, und ich sammle so viel ich tragen kann ein und verschwinde wieder nach oben. Dort staple ich es auf dem Fußboden auf und lasse es mit einem „Inscendio!" zu einem prasselnden Feuer hoch lodern. Ein paar Schutzzauber sollten uns davor bewahren, dass das Haus über uns abfackelt. Hoffe ich …
Bis die Schüssel voll gelaufen ist zerbreche ich mir den Kopf über mein weiteres Vorgehen. Doch da Sirius begonnen hat zu murmeln und immer wieder erstickte Geräusche von sich gibt lenkt es mich ab und ich beschließe, dass die Wadenwickel Vorrang haben. Die Schüssel ist schwer vor lauter Wasser und ich bemühe mich nach diesem Spurt nicht die Hälfte davon auf der Treppe zu verschütten.
Oben angekommen beuge ich mich wieder über Sirius – und erinnere mich an seinen Geruch. Unwillkürlich ziehe ich die Nase kraus. Er stinkt gotterbärmlich – und das DEM Dauerduscher, der sich früher förmlich mit Duftwässerchen einbalsamiert hat. Nicht nur in diesem Bezug scheint er sich verändert zu haben. Der fröhliche Junge ist nur noch ein Schatten seiner selbst.
Dumme Tränen steigen in mir auf und ich blinzle sie energisch zurück. Viel mehr stelle ich die Schüssel in die Nähe des Feuers, um das Wasser darin ein wenig zu erwärmen und flitze dann noch einmal die quietschende Treppe hinab. Etwa drei Schritte vom Haus entfernt stoße ich auf das, was ich suche, nicht viel, aber es wird helfen. Ich rupfe einen Handvoll Seifenkraut und eine weitere Handvoll Kamillenblüten ab und renne zähneklappernd zurück. Oben angekommen, erneut nass bis auch die Haut, werfe ich Beides ins Wasser und beginne, die staubige Oberdecke in Streifen zu reißen. Ein paar für die Wickel. Und einen weiteren, um ihn zu säubern. Dass diese Arbeit vergebene Liebesmüh sein könnte, verdränge ich bewusst.
Fünf Minuten später ist das Regenwasser handwarm und riecht angenehm nach Kamille. Das Seifenkraut hat einen leichten Schaum gebildet. Und ich stehe vor dem nächsten Problem. Ich kann ihn schlecht angezogen waschen, auch wenn seine Klamotten eine Wäsche genauso nötig hätten.
Igitt!
Später.
Ich versuche ihn wachzurütteln, damit er mir vielleicht hilft – immerhin bin ich um einiges kleiner als er - doch Sirius ist wieder bewusstlos. Also beginne ich ihn mühsam aus den stinkenden Stofffetzen zu schälen. Ich entblöße magere Arme und Rippen, die man vom bloßen Anblicken her zählen kann. Merlin, er muss seit Tagen nichts mehr gegessen haben! Und an seinem linken Arm prangt ein hässlicher Schnitt, der rot, geschwollen und verkrustet ist. Mich beschleicht die düstere Ahnung, dass sein Fieber auch hiervon stammt.
Verflucht! Das kompliziert die Sache ungemein! Aber zuerst das Dringendste.
Ich tauche einen Streifen in die Seifenlauge und beginne damit, sein Gesicht zu waschen. Oder eher, zu schrubben. Er zuckt nicht einmal. Und als ich an seiner Brust angekommen bin, ist mir selbst der Schweiß ausgebrochen. Trotz der triefendnassen Kleidung, in der ich immer noch stecke …
Es scheint ewig zu dauern, bis ich ihn sauber habe. Zumindest an den Stellen, die ich wage zu säubern. Ich bin schließlich nicht lebensmüde! Bei meinem heutigen Glück wird er ausgerechnet dann wach, wenn ich ihn DORT säubere! Und das kann ich mir sparen! Ehrlich!
Seine Waden sind doppelt und dreifach mit feuchten Tüchern umwickelt und der Rest seines Körpers ist in eine weitere Decke gehüllt, die ich nebenan gefunden habe. Er schlottert heftig, obwohl es wirklich nicht mehr kalt ist. Und meine Verzweiflung wächst. Der Schnitt sieht nicht gut aus! Und er ist aschgrau im Gesicht und kalter Schweiß steht ihm auf der Stirn.
Ein Arzt! Wo finde ich einen Arzt? Einen Medimagier …
Und endlich fällt der Groschen! Lyssa! Sie ist die Einzige, die ich wage, um Hilfe zu bitten. Ich kann jetzt nur noch hoffen, dass sie immer noch im Haus ihrer Eltern lebt. Sonst ist Sirius verloren.
Mit einem leisen Plop disapperiere ich.
