8. Why Can't You See …?
(Suspicious Minds – Elvis Presley)


Simon kam aus dem Bad und zog sich seine Schulrobe über. Er fand die Uniform immer noch unbequem und hässlich. Sie hatte keinerlei Ähnlichkeit mit den prächtigen, farbenfrohen Roben und phantasievollen, wehenden Gewändern, die viele Zauberer und Hexen in der Winkelgasse getragen hatten. Und der Stoff war für seinen Geschmack zu dick und kratzig. Es wurde zwar Herbst, er konnte sich aber vorstellen, dass es im Sommer auch im Innern des Schlosses nicht kühl genug war – außer vielleicht in den Kellergewölben –, als dass man nicht in ihnen schwitzte. Aber wahrscheinlich gab es auch dafür irgendeinen Zauber.

Er war allein im Schlafsaal der Ravenclaws. Die anderen waren beim Aufstehen wie gewöhnlich ziemlich laut gewesen, er hatte sich aber einfach die Bettdecke über den Kopf gezogen und war gleich wieder eingeschlafen. Anthony und Terry hatten ihn in Ruhe gelassen. Wie er es ihnen auch geraten haben wollte, schließlich war er deutlich genug gewesen. Und es wäre unvernünftig gewesen, heute nicht auszuschlafen. Mittwoch war der einzige Tag der Woche, an dem sie gleich zwei Freistunden nach dem Frühstück hatten. Er war ihm unbegreiflich, warum die anderen lieber frühstückten als ausschliefen.

Er sah auf seinen Wecker. Er hatte mit Bedacht einen alten mechanischen Wecker mit aufziehbarem Uhrwerk mitgenommen, weil er in einer der Informationsbroschüren des Ministeriums gelesen hatte, dass selbst relativ simple elektronische Geräte in Gebieten erhöhter Magiekonzentration nur unzuverlässig funktionierten. Noch eine knappe Stunde bis Kräuterkunde. Das sollte eigentlich reichen, auch wenn es wegen der unvorhersehbaren Umwege, zu denen einen das Schloss häufig zwang, nie ganz sicher war, wie lange man von A nach B brauchte.

Zuerst musste er auf jeden Fall in die Bibliothek. Er hatte Madam Pince fest versprochen, das Buch über Koboldhandwerk gleich am nächsten Tag wieder zurückzubringen. Denn eigentlich war es aus dem Präsenzbestand und konnte nicht ohne weiteres entliehen werden. Es sei denn, man war ein Professor oder die Bibliothekarin konnte einen gut leiden. Zuerst hatte es ja nicht so ausgesehen, als ob er mit Madam Pince jemals warm werden würde. Man stelle sich vor, hatte die Frau doch die Unverfrorenheit besessen, ihm gegenüber zu behaupten, es gäbe keinen Katalog für den Buchbestand der Schulbibliothek. Als wäre er ein Vollidiot und noch nicht sein halbes Leben lang in Bibliotheken zu Hause. Wenn sie behauptete hätte, es gäbe keinen Schlagwort- oder keinen Stichwortkatalog, vielleicht hätte er ihr geglaubt, aber eine Bibliothek ohne mindestens einen alphabetischen Katalog war keine Bibliothek, sondern eine Bücherhalde.

Anfangs war Madam Pince aber auch bei ihrem zweiten Gespräch recht kühl gewesen, obwohl er sich für seinen Ausbruch entschuldigt hatte. Als er erklärt hatte, dann würde er sich eben selbst ans Erstellen eines einfachen Index machen müssen, hatte sie ungläubig aufgelacht. Aber dank Incunabula Logshaws wäre es kein Problem gewesen, nur zeitaufwendig, mühsam und mit ein paar Stunden stupiden Wanderns durch die Regalreihen verbunden. Das hatte er auch Madam Pince erklärt, die jedoch bei der bloßen Erwähnung des Namens »Incunabula Logshaw« sofort sichtlich auftaute. Sie hatte ihn zur Seite genommen und ihm gesagt, er solle warten, bis sie die Bibliothek schließe. Als sie dann um acht Uhr den letzten Benutzer hinausgescheucht und die Tür abgeschlossen hatte, rief sie ihn hinter die Theke und holte das Buch aus einer abgeschlossenen Schublade hervor. Er hatte natürlich mit einem Karteikartenkatalog gerechnet und das großformatige, aber dünne Bändchen erstaunt gemustert. Madam Pince hatte es aufgeschlagen und ihm die sieben Seiten des Buches erklärt. Wenn man eine Doppelseite aufschlug, erschienen links, je nach Seite, die verschiedenen Suchkategorien. Gleichzeitig wurde rechts der Standort der dazu passenden Bücher angezeigt. Man konnte auf der ersten Doppelseite alphabetisch nach Verfassern und Titeln suchen, dann kamen ein Stichwort- und ein Schlagwortverzeichnis, eine Systematik und eine Zugangsliste. Als letzte Kategorie waren die Bücher noch mal unter ihrer laufenden Zugangsnummer geordnet, und rechts konnte man den aktuellen Besitzer und die Entleihdauer ablesen. Alles, was man sich von einem Bibliothekskatalog überhaupt wünschen konnte. Madam Pince musste das Leuchten in seinen Augen bemerkt haben, denn sie zeigte ihm, nicht ohne Stolz, wie man nur mit dem Zauberstab die jeweilige Suchseite oben oder unten berühren musste, damit sich die Einträge wie von selbst über die Seite schoben. Sie forderte ihn sogar auf, ein Buch von Mrs. Logshaw im Bestand zu suchen. Es war wirklich einfach, wenn er auch ein paar Anläufe brauchte, bis der die Geschwindigkeit unter Kontrolle hatte, mit der die Einträge über die Seite wanderten.

Sie hatten sich dann noch eine Weile über die Systematik der Aufstellung unterhalten und waren beide der Meinung, dass Deweys Dezimalklassifikation zwar prinzipiell eine gute Sache war, mnemotechnisch jedoch eine einzige Katastrophe. Madam Pince hatte ihre Bücher nicht nach der für Magie abgewandelten Dewey-Systematik aufgestellt, sondern nach einer alternativen, eben von Incunabula Logshaw entwickelten. Für einen Augenblick stieg in ihm der Verdacht auf, dass Incunabula Logshaws echter Name vielleicht Irma Pince lauten könnte. Aber dann erzählte ihm die Bibliothekarin, dass »Mrs. Logshaw leider viel zu früh verstorben« war, und dass sie sich glücklich schätzen konnte, sie während ihrer Ausbildung noch kennengelernt zu haben.

Als er sie gefragt hatte, warum sie nicht zumindest den alphabetischen Teilkatalog für die Schüler zugänglich mache, hatte sie erwidert, dass es vonseiten des Herrn Direktors und des Lehrerkollegiums nicht erwünscht sei, den Schüler unbeschränkten Einblick in den Gesamtbestand zu geben. Und es wäre mit zu großem Aufwand verbunden, die verschiedenen Standorte – die frei zugängliche und die Verbotene Abteilung, sowie die Handbibliotheken der Professoren und noch ein paar, die Madam Pince nicht näher spezifizieren wollte – zu trennen und als Einzelkataloge zur Verfügung zu stellen. Vor allem, da es gewisse Fluktuationen zwischen den Standorten gäbe. Sie sei auch nicht begeistert von dieser Situation, hatte sie zugegeben. Schließlich sei das hier eine Schulbibliothek, aber angesichts der Gefährlichkeit einiger Bände aus der Verbotenen Abteilung und den wissenschaftlichen Handapparaten der Professoren könne sie die Beweggründe des Lehrkörpers zum Teil verstehen.

Dann hatte sie ihm gezeigt, wie man die Signaturen auf den Buchrücken sichtbar machen konnte, und ihn beinahe gönnerhaft gefragt, ob er ihr beim Einstellen der zurückgegebenen Bücher helfen wolle. Simon war nur begrenzt dankbar für diese Ehre gewesen. Aber er wollte es sich nicht mit der Bibliothekarin verderben, also hatte er so getan, als wäre er begeistert von der Idee. Während Madam Pince in der Verbotenen Abteilung verschwand, hatte er begonnen, im jedermann zugänglichen Bereich einzustellen.

Er hatte eine ganze Weile gebraucht, da die Signaturen auf seinen Zauberspruch hin nicht in lateinischen Buchstaben, sondern in einer Art Runenalphabet auf den Buchrücken aufleuchteten, das er natürlich nicht beherrschte. Es hatte deshalb zum Teil ewig gedauert, bis er am Regal die richtige Stelle für ein Buch gefunden hatte. Bei den ersten paar Bänden hatte er jedes Mal die ganze Regalreihe abgehen müssen, bis er die Abfolge der Runen ansatzweise hatte rekonstruieren können. Wenigstens war es ein ganz normales Alphabet mit sechsundzwanzig Zeichen. Sie sahen lediglich anders aus. Und wenn er tatsächlich einen Fehler machen sollte, würde es Madam Pince ja bei ihrem Kontrollgang bemerken, hatte er sich gesagt. Er hatte die Bücher gekippt einstellen müssen, damit sie später noch sehen konnte, welche Bände er in die Regale gestellt hatte, und sie diese nur noch aufzurichten brauchte – falls er den richtigen Standort gefunden hatte. Simon war fast beleidigt gewesen, dass sie ihm nicht zugetraut hatte, seinen Stapel korrekt einzustellen. Aber wieder hatte er nichts gesagt. Es war nur von Vorteil, wenn man mit der Bibliothekarin gut auskam, die wohl den Zugang zu einem bedeutenden Teil der Bücher in dieser Bibliothek überwachte, wenn er sich die Größe der Verbotenen Abteilung vor Augen hielt. Eine Hand wäscht die andere, hatte er sich gedacht. Und wie man gestern gesehen hatte, war die Überlegung richtig gewesen. Natürlich würde er dafür Gegenleistungen erbringen müssen, aber das schien ihm eine großzügige Auslegung der Bibliotheksregeln wert zu sein. Schließlich wollte ihm diese Schule den Zugang zu über der Hälfte des Buchbestands verwehren – was eine unerträgliche Zumutung darstellte.

Er nahm das Buch, das er heute noch zurückgeben musste, von seiner Truhe, warf im Vorbeigehen noch einen flüchtigen Kontrollblick in den Spiegel und verließ eilig den Schlafsaal. Im Gemeinschaftsraum waren die anderen Erstklässler, nur Luna fehlte. Er sah zur Decke und ärgerte sich immer noch, dass sie keine Möglichkeit gefunden hatten, die Sternprojektion zu steuern. Auch Professor Sinistra hatte nur gelacht, als er sie danach gefragt hatte und ihm erzählt, dass schon ganze Generationen von Ravenclaws nach einer Steuerung gesucht hätten, aber niemand, einschließlich ihrer selbst, sei jemals fündig geworden. Der Sternenhimmel im Gemeinschaftsraum habe Tag und Nacht immer nur den aktuellen Stand der Sterne und Planeten der nördlichen Hemisphäre angezeigt.

Anthony saß in einem Sessel und las im Quibbler, wie Simon verwundert zur Kenntnis nahm. Er sah nur kurz von seiner Lektüre auf und nickte ihm zu. Und Terry starrte aus einem der Fenster auf den großen See, der von hier oben gar nicht so groß wirkte. Auf sein »Morgen« hin drehte Terry sich um und fragte ihn, wohin er ginge. Simon antwortete »In die Bibliothek« und wartete einen Augenblick, ob Terry Anstalten machen würde mitzukommen – was dem Jungen seines Erachtens nicht schaden würde –, aber dieser drehte sich wieder um und fuhr fort, trübsinnig auf den See hinunterzustarren. Also machte Simon sich allein auf den Weg, und als er am Türklopfer vorbeikam, fiel ihm wieder das Rätsel ein, das er dem Bronzeadler stellen wollte, wenn dieser ihn mal wieder nicht durchlassen wollte. Bisher hatte der Adler es zwar erst ein Mal gewagt, seine Antwort als ungenügend abzuqualifizieren, aber beim nächsten Mal hatte er eine adäquate Erwiderung parat. Er musste bei dem Gedanken fast grinsen.

Er sucht sich seinen Weg in den vierten Stock. Im Prinzip war es nicht schwer, trotz der verborgenen Durchgänge und der sich bewegenden Treppen. Solange man wusste, ob man nach oben oder unten wollte, musste man nur nach entsprechenden Gelegenheiten suchen, und irgendwann kam man schon ans Ziel. Und wenn man wirklich nicht mehr weiter wusste, konnte man immer noch eines der Porträts fragen, auch wenn deren Auskünfte in ihrer Qualität doch stark variierten. Apropos Porträts. Da stand Luna im Korridor und unterhielt sich mit dem Bild eines alten Zauberers, der gemütlich Pfeife rauchend in einem Sessel vor einem flackernden Kaminfeuer saß. Im Vorbeigehen sagte er auch zu ihr »Morgen«, und sie erwiderte seinen Gruß mit einem verträumten Lächeln. Sie lächelte oft so abwesend glücklich, wenn sie ihn sah. Er hoffte für sie, dass sie nicht irgendeine Klein-Mädchen-Schwärmerei für ihn entwickelt hatte. Er konnte zwar nicht umhin zuzugeben – zumindest sich selbst gegenüber –, dass er sich in gewisser Weise geschmeichelt fühlte, aber er legte letzten Endes keinen Wert darauf, von gerade elf Jahre alt gewordenen Mädchen angehimmelt zu werden; ehrlich nicht.

Er erreichte die Bibliothek ohne Zwischenfälle. Es war totenstill im Raum. Madam Pince war mit einem mörderischen Gesichtsausdruck damit beschäftigt, einen aus seinem Einband gelösten Buchblock mit Buchbinderleim, Pappstreifen und ein paar Zaubersprüchen zu reparieren. Da hatte wohl jemand zum letzten Mal etwas aus der Bibliothek entliehen. Sie wies ihn schlecht gelaunt an, sein Buch gleich selbst zurückzustellen. Offenbar hatte sie gestern keine Fehler an seiner Arbeit gefunden. Er machte sich besser schnell aus dem Staub, bevor ihr Zorn sich auch gegen ihn richten konnte. Er hatte sowieso noch etwas anderes vor.

Er wollte endlich der Küche einen Besuch abzustatten. Nicht um sich über die Getränkeauswahl zu beschweren. Nicht primär. Er hatte von Anthony erfahren, dass das Essen wahrscheinlich von Hauselfen zubereitet würde, und Simon war noch nie einem Hauself begegnet. Vielleicht ließ sich ja nebenbei eine kleine Anregung zur Verbesserung des Getränkeangebots anbringen. Aber erst einmal musste er die Küche finden. Eines der Porträts im siebten Stock hatte gemeint, sie befinde sich im Untergeschoss des Schlosses, direkt unter der Großen Halle. Irgendwo in der Nähe der Hufflepuff-Unterkünfte. Er musste sich also nur immer nach unten bewegen und im Erdgeschoss, in der Nähe der Großen Halle, einen Weg ins Untergeschoss finden.

Er nahm die Abkürzung in den zweiten Stock, die hinter einem Wandteppich verborgen war. Luna hatte sie immer benutzt, wenn sie die anderen im Schloss herumgeführt hatte. Er war so in Gedanken versunken, dass er erst an die Trickstufe – vor der Luna jedes Mal gewarnt hatte – dachte, als er bereits am unteren Ende der Treppe angekommen war. Entweder er kannte den Weg inzwischen so gut, dass er sie unbewusst übersprungen hatte, oder sie funktionierte heute nicht. In diesem Schloss wusste man nie. Ein Weg, der gestern noch frei begehbar gewesen war, konnte morgen in eine Sackgasse münden. Oder ganz verschwunden sein.

Als er im Erdgeschoss ankam und an den vier Stundengläsern vorbeiging, die mit ihren farbigen Murmeln die Hauspunkte zählten, schüttelte er missbilligend den Kopf. Leider war niemand da, der es hätte sehen könne, aber das war kein Grund, es nicht zu tun. Dieser Konkurrenzkampf um Hauspunkte war nicht nur geschmacklos, sondern stellte in seinen Augen auch den Gipfel verfehlter Pädagogik dar. Natürlich war nichts gegen einen sportlich-fairen Wettstreit einzuwenden, aber wenn auch nur die Hälfte der Geschichten stimmte, die er über die Rivalitäten zwischen den vier Schulhäusern gehört und gelesen hatte, dann war es wirklich unnötig, diese Ressentiments auch noch zu schüren. Nicht einmal auf seiner alten Schule in Leeds hätte das jemand für eine gute Idee gehalten, dessen war er sich ziemlich sicher. Und das war immerhin eine öffentliche Schule gewesen. Wie auch immer, im Moment herrschte relativer Gleichstand auf niedrigem Niveau; es war ja auch erst der dritte Schultag.

Er suchte auf der Seite der Großen Halle eine Treppe, die ihn ins Untergeschoss und zur Küche führen würde. Die Gänge, die auf der anderen Seite nach unten führten, mussten in den Verliesen enden, in denen die Slytherins hausten. Zuerst suchte er vergeblich, doch dann sah er eine dünne, graue Katze, die vor einem dunklen Eingang auf irgendetwas lauerte. Und hinter dieser Öffnung führte eine Treppe nach unten. Die Katze war so konzentriert, dass sie nicht einmal bemerkte, dass er sich näherte. Er strich ihr über den Kopf, was sie zusammenzucken und auffauchen ließ. Sie schlug mit einer Vorderpfote nach seiner Hand und ihre ausgefahrenen Krallen hinterließen einen roten Striemen. Das kannte er von seiner eigenen Katze zu Hause.

»Hab' ich das Kätzchen erschreckt?«, fragte er in beruhigendem Ton. Nachdem er sich umgesehen hatte, ob auch niemand ihn sah, redete er weiter auf die Katze ein. Und nach ein paar vorsichtigen Annäherungsversuchen ließ sie sich dazu herab, sich von ihm unter dem Kinn kraulen zu lassen. Der Kratzer auf seinem Handrücken hatte mittlerweile zu bluten begonnen. Aber auch daran war er gewöhnt. Natürlich vermisste er seine eigene Katze nicht. Und eigentlich war es ja auch gar nicht seine. Sie hatte seiner Großmutter gehört und nicht einmal einen eigenen Namen. Großmutter hatte sie immer nur »Katze!« gerufen oder manchmal »Dummes Katzenvieh!«. Aber sie hörte auf beides gleich schlecht.

Als die Katze zu schnurren begann, erinnerte er sich, dass er ja noch etwas vorhatte. Er sah sich zur Sicherheit noch einmal um, ob er auch wirklich allein war, bevor er sich bei ihr entschuldigte, dass er weiter müsse. Sie schien ihn sogar zu verstehen, denn sie zeigte ihm beleidigt ihr Hinterteil und zog mit hoch erhobenem Schwanz von dannen. Anscheinend hatte sie vergessen, dass sie sich eigentlich auf der Jagd befunden hatte.

Er ging vorsichtig die düstere Treppe hinunter und entzündete automatisch ein Diebeslicht. Er benutzte den Spruch in den letzten Tagen häufig, wenn er noch spät nachts las und die anderen schon schliefen. Zwar war Mrs. Logshaws Zauber zum Beleuchten der Seiten fürs Lesen absolut ausreichend, aber wenn er auf die Toilette musste oder sich ein Glas Wasser holen wollte, brauchte er ein Licht, das die anderen nicht stören oder aufwecken würde. Nicht alle zogen die dicken Vorhänge ihrer Betten nachts zu. Wenn er nachts nicht noch hätte lesen wollen, hätte er selbst es wahrscheinlich auch nicht getan. Es war wohl übertrieben, die Luft unter den zugezogenen Vorhängen als stickig zu bezeichnen, aber mit offenen schlief man deutlich besser.

Er hatte gut daran getan, sich eine Lichtquelle zu beschwören, denn der Gang am Ende der Treppe war nur von vereinzelten Fackeln erhellt. Weit und breit war niemand zu hören oder zu sehen. Er ging den Gang entlang und öffnete die Türen zu den Räumen links und rechts von ihm. Aber sie waren entweder leer oder dienten offensichtlich als Vorratslager oder Abstellkammern. Er kam an einer alten, klapprigen Ritterrüstung vorbei und blieb einen Moment vor einem Stillleben stehen, in dem sich jedoch niemand aufhielt, den er nach dem Weg hätte fragen können. Er arbeitete sich systematisch vor und fand nur immer mehr Lagerräume. Er musste sich ganz in der Nähe befinden, wenn ihn sein Orientierungssinn nicht völlig verlassen hatte. Und Vorratslager sollten sich logisch- und logistischerweise ja auch in der Nähe der Küche befinden. Aber er war schon fast am Ende des Gangs angelangt, ohne die eigentliche Küche gefunden zu haben. Eben wollte er die vorletzte Tür öffnen, als diese plötzlich von selbst aufging und jemand heraustrat. Sie wären beinahe zusammengestoßen, nur Simons Zurückzucken verhinderte das. Der andere schien nicht weniger erschrocken über seine Anwesenheit.

»Wer ist da?«, fragte er mit sich überschlagender Stimme. Simon erkannte ihn sofort. Die kupferroten Haare, die seltsam wimpernlos aussehenden Augen mit ihren nahezu unsichtbaren Brauen und der gemeine, dünnlippige Mund ließen die Gestalt vor ihm fast unheimlich wirken. Die breiten Schultern und der hochzuckende Zauberstab verstärkten den bedrohlichen Eindruck noch. Es handelte sich um den Jungen, mit dem er schon in der Winkelgasse beinahe zusammengestoßen wäre. Eine »Weasley«, wenn sich Luna nicht geirrt hatte.

»Lumos!«, rief der andere. Erst jetzt fiel Simon wieder ein, dass er selbst ja nur aufgrund seines Diebeslichts in dem hier unten herrschenden Zwielicht etwas erkennen konnte und ihn dieser »Weasley« bisher wahrscheinlich noch gar nicht erkannt hatte.

Es trug nicht zur Klärung der Situation bei, dass sie beide gleichzeitig zu sprechen begannen. Die Frage »Was hast du hier unten zu suchen?« empfand Simon als reichlich unverschämt, aber sein eigenes empörtes »Du schon wieder!« war möglicherweise auch nicht verständigungsfördernd.

Sie sahen sich verständnislos an. »Was heißt da ›schon wieder‹?«, fragte Weasley. »Ich hab' dich gefragt, was du hier unten zu suchen hast!«

Diese Reaktion ließ darauf schließen, dass Simon es dieses Mal mit dem anderen Zwilling zu tun hatte. Aber woher hätte er das wissen sollen? Sie sahen sich unglaublich ähnlich, sogar für eineiige Zwillinge. Sie hatten sogar die gleiche Kopfform, soweit er das beurteilen konnte. Natürlich könnte man sie an den Sommersprossen unterscheiden, überlegte Simon. Aber dazu müsste man sie ganz genau und aus der Nähe studieren. Auch wenn die Veranlagung genetisch bedingt war, mussten sich doch Position und Verteilung der einzelnen Pigmentflecke unterscheiden. Auf manchen seiner Kinderfotos hatte Simon selbst ein paar Sommersprossen, aber sie waren im Lauf der Zeit wieder verschwunden. Das einzige andere Unterscheidungsmerkmal, das ihm einfiel, würde nicht weiterhelfen. Erstens waren die Unterschiede möglicherweise noch weniger augenfällig als bei den Sommersprossen, und zweitens konnte er sie kaum auffordern, ihm ihre Bauchnabel zu zeigen, nicht wahr?


George war immer noch geschockt. Er hatte die Karte der Marodeure doch sorgfältig abgesucht, bevor er den Lagerraum verlassen hatte, der jetzt ihr Labor beheimatete. Im ganzen Untergeschoss waren nur die Hauselfen in der Küche unterwegs gewesen, sonst niemand. Er hatte sich doppelt vergewissert, weil er auf dem Hinweg von Mrs. Norris beobachtet worden war. Er hatte die Karte studiert, sie gelöscht, eingesteckt und die Tür geöffnet. Es hatte nur Sekunden gedauert. Es war ausgeschlossen, dass jemand aus dem Erdgeschoss so schnell die Treppe hinunter und den Gang entlang bis vor die Tür laufen konnte. Vollkommen ausgeschlossen! Trotzdem stand da jemand.

Ihm wäre fast das Herz stehengeblieben, und für einen winzigen Augenblick war er in Panik geraten. Dann hatte er gedacht, dass sich vielleicht einer der Geister durch die Decke hatte fallen lassen, aber der Junge, der im Licht seines Lumos auftauchte, sah nicht aus wie ein Geist. Er begegnete ihm zum ersten Mal, aber offensichtlich kannte der andere Fred, seinem »Du schon wieder!« nach zu schließen. Zwar hatte er diese unscheinbare Gestalt bestimmt schon einmal in der Großen Halle gesehen, aber er konnte sich beim besten Willen nicht an ihn erinnern. Was kein Wunder war. Der Junge war so unauffällig und gewöhnlich, dass er wahrscheinlich Mühe hätte, ihn wiederzuerkennen, wenn er ihm morgen erneut in einem Korridor über den Weg liefe. Aber was hatte der Kerl in den Kellern zu suchen? Vielleicht gehörte er zu den Hufflepuff-Erstklässlern und hatte sich auf dem Weg zu deren Gemeinschaftsraum verlaufen? Nicht sehr wahrscheinlich. Der Junge sah nicht wie ein Erstklässler aus. Außerdem würde das noch lange nicht erklären, wie er so schnell vor der Tür zu ihrem Labor aufgetaucht war.

Er wirkte auch sonst ziemlich komisch. Und er hatte die Frage, was er hier unten zu suchen hatte, immer noch nicht beantwortet. Stattdessen war sein Blick ausdruckslos ins Leere gerichtet. George bezweifelt, dass der andere ihn im Moment überhaupt wahrnahm. Er schien in Gedanken ganz woanders zu sein, fast als wäre er in Trance. Oder er war einfach nur dämlich und mit der Situation geistig überfordert. Wenn George ihn genau betrachtete, hatte sein Gesichtsausdruck tatsächlich etwas leicht Stupides. Er wedelte mit der Hand vor den Augen des anderen Jungen, um festzustellen, ob jemand zu Hause war.

»Was soll das?«, fragte der Junge und zuckte vor der Hand zurück.

Na, wenigstens ein Lebenszeichen. »Was du hier unten zu suchen hast, hab' ich dich gefragt!« Wenn der andere ihm nachspioniert hatte, würde er sich bestimmt irgendeine lahme Entschuldigung einfallen lassen. George war gespannt, wie sie lauten mochte.

»Drei Mal jetzt«, erwiderte der Junge frech. »Und dass ich die beiden ersten Male nicht geantwortet habe, sollte dir eine gewisse Botschaft vermitteln. Du bist ein bisschen langsam, oder?«

George schnappte nach Luft. Wusste dieser Schleicher nicht, mit wem er es zu tun hatte? So einen Ton trauten sich nicht einmal die älteren Schüler gegenüber einem Weasley-Zwilling anzuschlagen. Jedenfalls nicht mehr, seit Fred und er ein paar Lektionen erteilt hatten. Die Familie und ein paar gute Freunde wie Angelina oder Lee konnten sich so etwas vielleicht erlauben, aber nicht ein dahergelaufener, herumspionierender Wurm wie der da! Bestimmt war dieser Pechvogel ein Slytherin, um den es nicht schade sein würde. George griff nach seinem Zauberstab.

»Aber meine Mutter sagt immer, dass ich mehr Geduld im Umgang mit Minderbegabten und geistig Zurückgebliebenen haben sollte. Schließlich können sie nichts für ihren Zustand.« Der monotone Klang seiner Stimme begann an Georges Nerven zu zehren. »Wusstest du, dass Intelligenz zum größten Teil genetisch bedingt ist? Interessanterweise scheinen neuere Forschungen darauf hinzudeuten, dass die genetische Ausstattung mütterlicherseits dabei sogar eine leicht dominante Rolle spielt.« George biss die Zähne zusammen und hob seinen Stab. Er war sich nicht völlig sicher, aber das hatte sich so angehört, als ob der Junge ihn und seine Mum gerade beiläufig beleidigt und als dumm hingestellt hatte. »Aber auch wenn es dich eigentlich überhaupt nichts angeht: Ich bin auf der Suche nach der Küche. Du weißt schon, der Ort, an dem die Nahrung zubereitet wird.« Haargenau mit dieser Ausrede hatte George gerechnet. »Nahrung, Essen, Happa-happa, du verstehen?«

Der Wurm hatte ja keine Ahnung, welches Glück er hatte, dass Fred nicht da war. Sonst wäre er schon geschockt, gefesselt und zu einem Paket verschnürt, hätte einen Apfel als Knebel im Mund und wäre heute Mittag als Hauptgericht am Lehrertisch serviert worden. Natürlich wäre die Aufgabe, die Hauselfen zum Mitmachen zu überreden, wieder an ihm hängengeblieben. Es kostete George einige Überwindung, den Zauberstab zu senken. Aber es war wichtiger herauszufinden, ob dieser lebensmüde Bastard tatsächlich nicht auf der Karte auftauchte oder ob er ihn vielleicht doch nur übersehen hatte. Rache konnte noch ein Weilchen warten. Aufgeschoben …

»Die Küche ist weiter vorn«, zischte George deshalb zwischen seinen Zähnen hervor. »Das Stillleben. Man muss die Birne kitzeln.« Es war kein großes Geheimnis. Jeder Hufflepuff hätte ihm das sagen können. Und wahrscheinlich wusste er es schon. Aber da dieser Schleicher es als Ausrede benutzt hatte, blieb ihm jetzt keine andere Wahl, als in die Küche zu gehen oder zuzugeben, dass er gelogen hatte. Wenigstens solange er nicht unbeobachtet wieder verschwinden konnte, und das würde er nicht, dafür würde George schon sorgen.

»Ich zeig's dir«, bot George deswegen zähneknirschend an, ohne sich die Mühe zu machen, den drohenden Unterton seiner Stimme zu verstecken, und ging zu dem großen Gemälde voraus. Auf dem Weg dorthin versuchte er sich zu beruhigen und wieder klar zu denken. Eigentlich konnte der Junge nichts von dem Labor wissen. Er hatte ihn also nur beim Verlassen eines Lagerraums erwischt. Schlimm genug. Aber wenn er es herumerzählte … George hätte im Moment seinen rechten Arm dafür gegeben, einen Gedächtniszauber zu beherrschen. Es wurde höchste Zeit, dass Fred und er sich darüber schlaumachten. Aber sogar für sie war es nicht gerade einfach, in die Verbotene Abteilung zu kommen – unbemerkt, hieß das. Darum … vielleicht sollten sie doch so schnell wie möglich wieder umziehen. Nur wohin? Es blieben nur noch die Geheimgänge. Und bis auf drei kannte Filch sie alle. Und die, die er nicht kannte, waren kaum geeignet. Einer so baufällig, dass er jederzeit einstürzen konnte, ein anderer von der Peitschenden Weide blockiert, und der Gang hinter dem Buckel der Hexe begann erstens im dritten Stock und hatte zweitens diese blöde Rutschbahn als Zugang. Darüber größere Materialmengen hinauf- oder hinunterzuschaffen, war extrem unpraktisch.

Deshalb beschloss er, als sie das Bild der Obstschale erreicht hatten, eine kleine Drohung auszusprechen. Nur nicht zu heftig oder konkret, damit der Junge nicht erkannte, dass er vorhin etwas Wichtiges gesehen hatte.

»Wehe, du spionierst uns weiter nach! Mein Bruder und ich mögen es gar nicht, wenn uns jemand in die Quere kommt. Lass dir von den anderen aus deinem Haus ein paar Geschichten erzählen!«

Der Junge hatte sich gut unter Kontrolle. Oder wirklich noch nichts von den Weasley-Zwillingen gehört. »Ich zittere, ich zittere«, wagte er scheinbar gelangweilt zu erwidern. Aber er hatte bezeichnenderweise nicht abgestritten, ihnen nachspioniert zu haben.

George wollte schon die Birne kitzeln, um den Türknauf der Küchentür erscheinen zu lassen, als ihm einfiel, dass er ja noch nicht einmal den Namen des anderen kannte. Und falls er wirklich nicht auf der Karte erschien, würde er ihn dort auch nicht ablesen können.

»Wie heißt du überhaupt?«, fragte er und bemühte sich, seiner Stimme einen leicht versöhnlichen Unterton zu geben.

Der andere sah ihn einen Moment lang ausdruckslos an, als überlege er, ob er auf die Frage antworten solle.

»Simon Grey«, sagte er dann. »Und du?«

George erwog kurz, Freds Namen zu benutzen, aber entschied sich dagegen. Anscheinend war dieser Grey Fred schon einmal begegnet und hatte vielleicht sogar mit ihm gesprochen. Also antwortete er wahrheitsgemäß »George Weasley«, kitzelte die Birne und machte dem Jungen die Tür zur Küche auf. Wenigstens sagte der Schleicher »Danke«, wenn auch etwas zögerlich. Als der Junge die Küche betreten hatte und sich der erste Hauself unter Verbeugungen auf ihn stürzte, schloss George die Tür wieder und hastete in den nächsten Lagerraum, wo er die Karte der Marodeure aus dem Umhang zog. Nachdem er ihr wieder einmal geschworen hatte, dass er nichts Gutes im Schilde führte, suchte er den Küchenbereich systematisch ab. Aber nur das Gewimmel der Hauselfen entlang der Herdreihen und der großen Tische war zu erkennen. Die Punkte wuselten geschäftig durcheinander. Mit einer Ausnahme: Drei Hauselfen standen ruhig und beinahe unbeweglich in der Nähe des Kücheneingangs. Eine typische Begrüßungsdelegation, dachte George. Und die drei Punkte zitterten hin und wieder. Wahrscheinlich verneigten sich die Hauselfen gerade. Aber es gab wirklich nur diese drei Punkte. Sie standen einfach da und sprachen mit jemandem, der nicht mal einen verwaschenen Fleck auf der Karte erzeugte.

Einerseits war George erleichtert, dass er sich keine Nachlässigkeit vorzuwerfen hatte, andererseits hieß das auch, dass sie sich in Zukunft nicht mehr vollkommen auf die Karte verlassen konnten. Hoffentlich war dieser Simon Grey nur ein Einzelfall und die Zauberkraft der Karte ließ nicht nach. Das war ein schrecklicher Gedanke. Die Karte der Marodeure war ihr allerwichtigstes Hilfsmittel. Man konnte sogar sagen, dass sie es größtenteils ihr zu verdanken hatten, was und wer sie heute waren. Es war nicht auszudenken, wie sie ohne dieses wertvollste ihrer Hilfsmittel dastehen würden. Er suchte Fred auf der Karte und fand ihn im Schlafsaal der Gryffindors. Sein Bruder musste so schnell wie möglich unterrichtet werden. Und Fred würde ihm gefälligst verraten, woher er diesen Grey kannte.

Die drei Punkte der Hauselfen schienen einen unsichtbaren Punkt unter Verbeugungen zur Tür zu begleiten, wenn er das Geschehen auf der Karte richtig deutete. Er löschte die Karte wieder, wartete noch einen Moment und warf dann einen verstohlenen Blick aus der Tür des Lagerraums. Da ging der Schleicher auf die Treppe zu, die ins Erdgeschoss führte. Als wäre nichts passiert. Er musste jetzt wirklich dringend mit Fred ein ernstes Gespräch unter vier Augen führen. Woher kannte dieser Kerl seinen Bruder, und warum hatte Fred ihm nichts von diesem »Simon Grey« erzählt?


Fred hielt seinen Zauberstab starr auf Hagrid und Professor Kettleburn gerichtet und rief laut: »Audiantos!«

Es war ein unpraktischer Zauberspruch. George und er planten, bei Gelegenheit einen Ersatz dafür zu entwickeln. Aber wenn man die schleppenden Fortschritte ihres gegenwärtigen Projekts bedachte, konnte das noch lange auf sich warten lassen. Der Spruch selbst war noch das einfachste an Audiantos. Die Randbedingungen des Zaubers waren das eigentliche Problem. Es musste eine unverstellte Sichtlinie zum Ziel geben, was unausweichlich bedeutete, dass auch das Ziel den Zauberer sehen konnte. Und der Zauberstab musste ganz genau auf das Ziel ausgerichtet werden.

Auf die Entfernung, in der sich Hagrid und Kettleburn aufhielten, wurde sogar das kleinste Zittern der Hand zu einem Problem. Obwohl er seine Linke, die den Zauberstab hielt, mit der rechten Hand abzustützen und stabil zu halten versuchte, rutschte der Fokus des Zaubers immer wieder von den beiden weg. Das machte sein Lauschen zu einem Ratespiel. Wenigstens waren sie so weit entfernt, dass die Gefahr, entdeckt zu werden, nur minimal war. Er hatte zwar das Fenster des Schlafsaals öffnen müssen, damit der Zauber gelang, sich aber dann soweit ins Zimmer zurückgezogen, dass er Hagrids Hütte gerade noch erkennen konnte. Es war Zufall gewesen, dass er Kettleburn aus dem Schloss hatte gehen sehen. Und als erkannte, dass der Professor auf die Hütte des Wildhüters am Waldrand zuhielt, hatte er beschlossen, die beiden zu belauschen, wenn es irgendwie möglich war. Der Zerberus im dritten Stock konnte nur von einem der beiden stammen. Vielleicht würde er etwas über den Zweck der Einquartierung dieses Hündchens erfahren. Oder wie man an ihm vorbeikam.

»… ham da 'n echt's Problem, Professer.« Eindeutig die tiefe Stimme Hagrids. Fred versuchte seine Hand so ruhig wie möglich zu halten. »'s zwote etz. Die Thestrale ham nich viel von übrich lassn. Nur's Horn unn 'n paar …« Verdammt! Er hatte den Fokus wieder verloren! Mit winzigen Bewegungen des Zauberstabs versuchte er, die beiden wieder zu erwischen.

»… das auch nicht, Hagrid.« Das war die zittrige Stimme von Professor Kettleburn. Er war eigentlich viel zu alt, um noch zu unterrichten. Vor allem ein Fach wie Pflege magischer Geschöpfe, das eine gewisse Kraft und Wendigkeit unbedingt erforderte, wenn es darum ging, diversen, teils giftigen Angriffen durch Krallen, Zähne, Säure- und Feuerstrahlen auszuweichen. »Kaum ein Bewohner des Verbotenen Waldes sollte in der Lage sein, ein Einhorn zu überwältigen. Und die, die es doch könnten, unterlassen es für gewöhnlich. Ich kann mir …« Schon wieder! Es war fast unmöglich, die Hand so ruhig zu halten, dass sie nicht aus der Sichtlinie herauszitterte.

»… ob's vielleich midda Sache da im Schloss zu tun ham könnt. Glaum Se nich auch?«

»Wir sollten das nicht hier besprechen, Hagrid.« Oh doch, dachte Fred, das solltet ihr! »Gehen wir hinein …« Dreck! Er wartete noch einen Moment, aber Hagrid hielt dem hinkenden Professor Kettleburn die Tür auf, und Augenblicke später waren beide in der Hütte verschwunden.

Fred ließ enttäuscht seinen Zauberstab sinken. Bevor er weiter über das Gespräch nachdachte, gab er Lee Bescheid, dass er fertig war. Er hatte ihn gebeten, an der Tür zum Schlafsaal Schmiere zu stehen und alle abzuwimmeln, die hinein wollten. Lee hatte keine Fragen gestellt. Er wusste, dass er es rechtzeitig erfahren würde, falls es ihn etwas anging, und andernfalls sowieso nur eine Lüge zu hören bekäme. Wenn doch nur mehr so wären wie Lee, dachte Fred.

Er sah wieder aus dem Fenster auf die dunkle Linie des Waldrands. Die Wipfel der Bäume waren noch alle grün. In spätestens einem Monat würden sich einzelne Flecken, wo Laubbäume standen, bunt färben. Er hatte sich auf ihre nächtlichen Streifzüge durch den Wald gefreut. George sah ihre Expeditionen eher als notwendiges Übel zur Materialbeschaffung. Manchmal jedenfalls. Aber wenn es etwas Neues zu entdecken galt, war auch er begeistert dabei. Und nun streifte etwas – oder jemand – durch den Wald und jagte Einhörner, wenn er die Unterredung zwischen Hagrid und Kettleburn richtig verstanden hatte. Sie würden Vorsichtsmaßnahmen treffen müssen, bevor sie sich in den Wald wagen konnten. Aber George würde mit Feuereifer bei der Sache sein. Nicht nur, dass es einen neuen Bewohner des Verbotenen Waldes aufzuspüren galt, es bestand auch noch die Chance, über ein »Zutatenlager« der seltensten Einhornerzeugnisse zu stolpern. Selbst Thestrale würden Horn und Haare vermutlich nicht fressen, wenn sie den Kadaver ansonsten auch komplett vertilgen mochten. Bisweilen, wenn sie im Wald auf die unheimlichen, unsichtbaren Biester gestoßen waren, hatte er sich gefragt, wie sie wohl aussehen mochten. Natürlich gab es Zeichnungen von ihnen in Büchern, aber jeder, der Thestrale sehen konnte, meinte, dass sie ihnen nicht einmal im Ansatz gerecht würden. Aber er sollte sich wohl nicht wünschen, Thestrale zu sehen. Der Preis dafür war eindeutig zu hoch. Neugierig war er trotzdem.

Plötzlich wurde die Tür zum Schlafsaal aufgestoßen, und George kam hereingestürmt. Er ließ sich atemlos auf sein Bett fallen. Fred kam ein schrecklicher Gedanke. George hatte die Hauselfen ausfragen und im Labor die Vorstufe ihres Projekts ansetzen wollen. Wenn jemand ihr kleines Geheimnis entdeckt hatte …

»Was ist passiert?«, wollte er aufgeregt wissen. Aber statt einer Antwort winkte ihn George zu sich und schloss dann die Vorhänge des Himmelbetts. Fred hatte plötzlich ein ganz mieses Gefühl.

»Ist was mit dem Labor? Ist Filch drüber gestolpert? Jetzt red' schon!« Fred wurde ungeduldig, aber George schien alle Zeit der Welt zu haben.

»Was sagt dir der Name ›Grey‹?«, fragte er, als er wieder zu Atem gekommen war.

»Nichts«, antworte Fred wahrheitsgemäß. »Wer soll das sein?«

George sah ihn ungläubig an. »Du kennst wirklich niemand, der Grey heißt? Simon Grey? Da klingelt nichts?«

Fred war es langsam leid. »Nein!« Er wusste wirklich nicht, worauf George hinaus wollte. Was sollte das? Simon Grey. Aber irgendwie kam ihm der Name bekannt vor. Hatte er ihn vielleicht …?

»Wart' mal! Ich glaub', ich hab' den Namen schon mal gehört. Bei der Zeremonie! Irgendein Erstklässler, oder?« Er hatte während der Zeremonie nicht darauf geachtet, wie die Erstklässler hießen, die aufgerufen wurden, oder in welches Haus sie kamen. Er hatte sich die meiste Zeit mit Lee, Angelina und ein paar anderen Drittklässlern unterhalten, und George genauso. Sie hatten nur mitgeklatscht, wenn die anderen Gryffindors gejubelt hatten. Nur als Harry Potter und später Ron drankamen, hatte er dem Geschehen vor dem Lehrertisch Aufmerksamkeit geschenkt.

»Ein Erstklässler?« George klang überrascht.

»Ganz sicher bin ich mir nicht«, gab Fred zu. Er hatte der Auswahlzeremonie wirklich nicht sonderlich viel Beachtung geschenkt und sagte George das auch. »Aber was soll das? Hat dieser Grey unser Labor gefunden?«, wollte Fred endlich wissen.

»Du bist ihm nie begegnet? Ganz sicher?«

Langsam ging ihm Georges Fragerei auf die Nerven. Woher sollte er wissen, ob er schon mal irgendeinem Erstklässler über den Weg gelaufen war? Die Knirpse streunten ja scharenweise durchs Schloss. Was sollte das auch für eine Rolle spielen?

»Keine Ahnung!«, rief Fred und begann an seinem Bruder zu verzweifeln. »Aus welchem Haus ist er denn? Und wie sieht er überhaupt aus?«

George schüttelte ungläubig den Kopf, schien aber endlich zu kapieren, dass er wirklich keine Ahnung hatte, von wem die Rede war.

»Haus? Weiß nicht.« George lehnte sich gegen das Kopfbrett des Bettes und schloss nachdenklich die Augen. »Wahrscheinlich Slytherin, wenn ich raten müsste.« Das fehlte noch. Hatte ein Slytherin ihr Labor aufgespürt? »Und wie er aussieht? Schwer zu sagen.« Wieder schien er mit geschlossenen Augen an die Decke zu blicken. »Braune Haare … mehr oder weniger. Entweder so 'n fahles Braun oder 'n komisches Dunkelblond. Ansonsten …« Er zuckte mit den Schulter. »… ansonsten nichts Besonderes.«

Das war mal eine exakte Beschreibung! Sie passte höchstens auf die Hälfte der Menschheit. Und auch das sagte er George. Aber sein Bruder zuckte nur wieder mit den Achseln.

»Du könntest ihn auch nicht besser beschreiben, glaub mir. So was Durchschnittliches und Langweiliges wie den hast du noch nicht gesehen. Da ist nichts da zum Beschreiben. Null. Gar nichts.« Georges schüttelte hilflos den Kopf.

»Halt!« In Freds Gehirn tauchte eine vage Erinnerung auf. »Ein absoluter Langweiler, sagst du?« Es wäre natürlich ein ziemlicher Zufall, aber die Beschreibung – wenn man sie denn so nennen wollte – passte wie die Faust aufs Auge. Er erzählte George von dem Jungen, mit dem er in der Winkelgasse vor Flourish & Blotts fast zusammengestoßen wäre und den er im Hogwarts-Express gesehen hatte.

»Das muss er sein!« Fred fand diese Schlussfolgerung doch etwas verfrüht. »›Du schon wieder!‹ Klar! Das hat er gemeint!« Und jetzt redete sein Bruder auch noch wirres Zeug. Es wurde Zeit, dass ihm George endlich sagte, worum es überhaupt ging. Und das tat er dann auch endlich. Allerdings hörte sich die Geschichte für Fred reichlich unglaubwürdig an. Außerdem hatte er den leisen Verdacht, dass George ihm eine zensierte Fassung präsentierte, damit er besser dastand. Die Karte hatte sie noch nie im Stich gelassen. George schien seine Zweifel zu spüren. Er zog die Karte heraus und forderte ihn auf, selbst nach einem »Simon Grey« zu suchen. Was an sich schon völliger Blödsinn war, wie George genau wusste. Einen einzelnen Punkt auf der Karte zu finden, war nahezu unmöglich. Es gab schließlich Hunderte davon. Wenn man nicht zumindest das Stockwerk kannte, wo sich jemand aufhielt, war es praktisch nur durch Zufall möglich, den kleinen Punkt und die winzigen Buchstaben eines bestimmten Namens ausfindig zu machen. Nachts ging es immer noch, weil die meisten Punkte in den jeweiligen Schlafsälen versammelt waren, aber in dem tagsüber herrschenden Durcheinander sollte man schon vorher wissen, wo man zu suchen hatte – wenigstens ungefähr. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Karte ja immer nur ein Stockwerk wirklich sauber anzeigen konnte, höchstens noch das direkt darüber oder darunter liegende mit zarten Linien andeutete. Ging natürlich gar nicht anders, schließlich hatte Hogwarts von den Kellern bis zum siebten Stock schon neun Stockwerke. Und die Türme noch mal so viele. Hätte die Karte sie alle gleichzeitig zeigen wollen, hätte wahrscheinlich, trotz des winzigen Maßstabs, die Größe einer Tischdecke nicht ausgereicht. Stattdessen schien sie ihren Darstellungsbereich mit einer Mischung aus Gedankenlesen und Beobachtung der Augenbewegungen ihres jeweiligen Betrachters zu wählen.

Egal, sie mussten sich entscheiden, ob sie ihr Labor verlegen sollten oder nicht. Und, was die dringendere Frage war, wohin sollten sie es verlegen? George schlug als Zwischenlösung vor, auf jeden Fall die Vorratskammer vorsichtshalber zu wechseln. Fred hielt das immer noch für ziemlich unsicher, hatte aber auch keine bessere Idee. Als sie sich soweit geeinigt und den Umzugstermin gleich auf dieselbe Nacht noch festgelegt hatten, schien es Fred an der Zeit, seinem Bruder vom Gespräch zwischen Hagrid und Kettleburn zu berichten. George war angemessen besorgt. »Wenn irgendwas im Wald Einhörner umbringt, sollten wir uns gut vorbereiten, bevor wir die erste Expedition starten. Was auch immer dahintersteckt, es wird von unserem Zeckenschutzzauber nicht beeindruckt sein.«


Luna war verwirrt. Nun … verwirrter als sonst. Etwas stimmte nicht mit Professor Quirrel. Irgendwie schaffte er es, in Simons Gegenwart eine Art Schatten zu werfen. Schatten war natürlich das falsche Wort. Schließlich leuchtete Simon nicht gerade. Vielleicht war es sogar das Gegenteil. Seine Verrücktheit war eher wie das Flimmern in der Luft, das man im Sommer manchmal über Straßen sehen konnte. Es brachte die Dinge durcheinander und alles war ein bisschen verschwommen. Nur bis zu Professor Quirrel reichte dieser Einfluss nicht. Es war fast so, als hielte sich der Professor unter einer Glasglocke auf, die nichts an ihn herankommen ließ und unempfänglich für Simon war.

Sie war froh, dass sie in der letzten Reihe saßen. Sie hatte kein gutes Gefühl in Quirrels Gegenwart, obwohl er vollkommen harmlos wirkte. Mehr als das: geradezu verschüchtert und ängstlich. Der Professor hatte angeblich eine unangenehme Begegnung mit einem Vampir gehabt. Im ganzen Klassenzimmer stank es nach Knoblauch. An den Wänden, über der Tür und sogar an der Decke hingen ganze Zöpfe von Knoblauchknollen. Quirrel stand hinter dem Lehrertisch und machte sich so klein wie möglich. Wäre sein signalroter Turban nicht gewesen, man hätte ihn einfach übersehen können.

Die anderen Schüler schienen noch gelangweilter als in Geschichte und machten, was sie wollten. Das Schwätzen war lauter als Professor Quirrels stotternde Stimme. Sogar Simon und Zacharias hatten wohl Mitleid mit ihm, da sie noch nicht versucht hatten, ihn in eine Diskussion zu verwickeln. Gleich zu Beginn der Stunde, nachdem klar geworden war, dass der Professor ignorieren würde, was auch immer seine Schüler im Unterricht anstellten, war Simon kurz von seinem Sitz aufgestanden und hatte ein paar Worte mit Smith gewechselt. Als er dann wieder zu seinem Sitz zurückgekehrt war, hatte er sich gemeldet und die bisher einzige Frage in dieser Stunde gestellt. Ob Vampire, der umfangreichen Erfahrung des Professors nach, tatsächlich Angst vor Knoblauch hätten. Und ob Knoblauch wirklich giftig für sie sei. Quirrel war bei der Erwähnung des Wortes »Vampir« sichtlich zusammengezuckt und hatte dann stotternd bestätigt, dass Knoblauch eines der zuverlässigsten Mittel zur Abschreckung von Vampiren sei, aber Vampire erst in den späteren Klassen durchgenommen würden.

Als er mit seinem Unterricht fortfuhr, hatten sich Simon und Zacharias einen Blick zugeworfen und den Kopf geschüttelt. Und während Smith begann, sich mit einem anderen Hufflepuff angeregt zu unterhalten, hatte Simon wieder ein Buch ausgepackt und es aufgeschlagen. Und zu ihnen dann gesagt, dass er ihnen dringend rate, es ihm gleichzutun. Es hatte sich fast wie ein Befehl angehört. Luna war sich nicht sicher, warum sie es getan hatte, aber Anthony und Terry waren dem »Ratschlag« Simons ebenfalls gefolgt. Dann hatte Simon noch zu Terry gesagt, er solle diesmal nicht nur so tun, als ob. Er würde ihn heute Abend über das erste Kapitel ausfragen. Terry hatte darauf mit »Ja, Paps« geantwortet, was Anthony wiederum dazu brachte, laut loszulachen. Aber das ging im allgemeinen Raunen und Schwätzen unter, das im Klassenzimmer herrschte. Simon ignorierte es und prophezeite, dass sie spätestens Weihnachten mit der Theorie durch wären, wenn sie jede Stunde Verteidigung gegen die Dunklen Künste so nutzen würden.

Luna wandte sich wieder dem langweiligen Buch von Quentin Trimble zu. Er ließ sich im ersten Kapitel ausschließlich darüber aus, was man unter den Dunklen Künsten zu verstehen habe und warum bestimmte Klassen von Zaubersprüchen dazu zählten oder eben nicht. Es war interessanter, als Quirrel zuzuhören. Aber der Geräuschpegel im Klassenzimmer machte es schwer, sich zu konzentrieren. Wenigstens hatte sie sich an den Knoblauchgestank gewöhnt. Sie hatte nur drei Viertel des Kapitels geschafft, als die Stunde zu Ende war. Sie merkte es erst, als die anderen Schüler aufstanden. Hausaufgaben gab es wohl keine, zumindest hatte sich niemand etwas aufgeschrieben. Als sie das Klassenzimmer verließen, musste sie an Quirrel vorbei. Sie fühlte wieder, wie von ihm ein eigener Luftwirbel auszugehen schien, der ihn vor Simons Einfluss abschirmte. Sie bemühte sich, möglichst schnell aus dem Klassenzimmer zu kommen. Sie wollte gar nicht wissen, wie Quirrel das machte. Es reichte ihr völlig, wenn sie sich im Schatten von Simons Einfluss aufhalten konnte und vor Visionen und den anderen Dingen sicher war, die sie seit Jahren verfolgt hatten. Wenn Quirrel das nicht wollte, war das sein Problem.

Da sie noch über zwei Stunden bis zum Abendessen hatten, bestand Simon darauf, dass sie die Zeit nützlich verwendeten und im Gemeinschaftsraum weiterlernten. Die anderen Ravenclaws schienen die gleiche Idee zu haben, denn der Tross der Ravenclaw-Erstklässler wanderte geschlossen zum Ravenclawturm.

Die Atmosphäre im Gemeinschaftsraum war wesentlich besser zum Lernen geeignet als das Gelärme im Klassenzimmer. Was unter anderem wohl daran lag, dass sich die zwei anderen Lerngruppen, die wie von selbst entstanden waren, in die jeweiligen Schlafsäle zurückzogen. Oder besser gesagt, die übrigen Mädchen waren in den Mädchenschlafsaal gegangen, also war den vier anderen Jungs keine große Auswahl geblieben. Ihre Gruppe war die einzige gemischte.

Sie setzten sich an einen der Tische und entschieden mehrheitlich, sehr zu Simons Missfallen, zuerst die Hausaufgabe in Zauberkunst zu erledigen. Je dreißig Zentimeter über die Theorie der Lichtzauber und deren praktische Anwendungsmöglichkeiten. Während sie Tintenfass, Feder und eine Rolle Pergament bereitlegte – wie es auch Anthony und Terry taten – griff Simon zu einem Block aus Papier mit aufgedruckten Linien und einem Muggelstift. Er saß mit geschlossenen Augen da und machte keine Anstalten sein Buch aufzuschlagen. Als sie schon die ersten zehn Zentimeter mit Hilfe des Theoriebuchs geschafft hatte, fing er gerade erst an zu schreiben. Allerdings sehr viel schneller als sie, wie sie zugeben musste. Sie beobachtete fasziniert, wie er seinen Muggelstift über die Papierseite fliegen ließ. Er schrieb sehr viel kleiner als sie. Allerdings benutze sie auch ihre schönste Schrift. Sie würde einfach weitermachen und Simon gar nicht beachten, sagte sie sich. Nach einer Viertelstunde hatte sie den ersten Teil geschafft. Und auch Simon legte seinen Stift beiseite und schlug das Buch über magische Theorie zu, dass er anscheinend doch noch zurate gezogen hatte. Zuerst dachte sie, dass auch er den ersten Teil beendet hätte. Aber dann sah er triumphierend in die Runde und verkündete: »Fertig!«

Anthony würdigte ihn keiner Antwort und schrieb verbissen weiter. Terry kämpfte tapfer mit seiner Pergamentrolle, die – wie sie jetzt sah – mehr Kleckse und verschmierte Tinte als Buchstaben aufwies. Und sie warf Simon einen bösen Blick zu, den dieser aber nicht bemerkte, weil er mit einem Ausdruck des Abscheus auf Terrys Hausaufgabe starrte.

»Hörst du das?«, fragte er ihn dann und neigte den Kopf zur Seite, als würde er auf etwas lauschen. »Ratatata, ratatata, ratatata.« Er murmelte es in Terrys Richtung und ließ dabei seinen Zeigefinger in der Luft kreisen. Für einen Moment fragte sich Luna, ob Simon vielleicht wirklich etwas hörte, was sie nicht wahrnehmen konnten. Schließlich war es ihr mit ihren Visionen seit Jahren ganz ähnlich ergangen.

»Das ist das arme kleine Kälbchen«, fuhr Simon aber fort und begann in seinen Schulsachen zu wühlen, »das beim Anblick dessen, was du mit seiner armen wehrlosen Haut anstellst, in seinem Grab rotiert.« Er zog einen weiteren Muggelschreiber hervor und riss von seinem Papierblock ein Blatt ab. Beides hielt er Terry hin. Terry sah in aber nur verständnislos und entgeistert an, als hätte Simon den Verstand verloren.

»Wieso ›armes Kälbchen‹? Und warum rotiert es in seinem Grab?« Das hielt auch Luna für unmöglich. Wahrscheinlich war das Tier schon lange gegessen und nur ein paar Knochen übrig geblieben.

»Pergament«, antwortete Simon nur und legte das Blatt und den Stift vor Terry hin. »Tierhaut. Das, worauf du … was weiß ich? Schreiben kann man das wohl kaum nennen, was du da machst, oder?« Luna fand das in Anbetracht von Simons Gekritzel eine unangebrachte und geradezu scheinheilige Bemerkung. Seine eigene Schrift sah aus, als hätten ein Dutzend Leute abwechselnd jeweils ein Wort hingeschmiert. Manchmal wechselte die Richtung der Buchstaben sogar innerhalb eines einzigen Wortes.

»Tierhaut?« Entsetzen schwang in Terrys Stimme mit. »Du meinst … du willst doch nicht …!« Er nahm seine Hände vom Tisch und rückte sogar den Stuhl zurück. »Das da«, er zeigte mit dem Finger auf seinen Pergamentbogen, »das da ist 'ne Tierhaut

Zufrieden lächelnd nickte Simon. »Das will ich doch meinen. Echtes Pergament. Meistens verwendet man Kalb, Schaf oder Ziege. Obwohl man für ein paar schwarzmagische Bücher angeblich auch schon Menschenhaut benutzt hat. Aber mach dir nichts draus. Mir wird auch jedes Mal fast schlecht, wenn ich an daran denke.« Und mit einem tadelnden Seitenblick auf Anthony und Luna fügte er hinzu: »Hausaufgaben auf Pergament zu schreiben! Was für eine Verschwendung!« Beinahe ehrfürchtig nahm er Terrys verschmierten Bogen in die Hand. Und nach einem gemurmelten Zauberspruch war er wieder leer, als hätte er nie einen Tropfen Tinte abbekommen. »Viel zu schade für Hausaufgaben.« Er strich den Bogen vorsichtig glatt und legte ihn wieder neben das Papierblatt vor Terry hin.

Der saß aber immer noch wie versteinert da und starrte abwechselnd auf das leere Blatt Papier und den nun wieder genauso leeren Pergamentbogen. Simon seufzte und legte ihm seinen schon fertigen Aufsatz auch noch hin.

»Formulier's aber zumindest um«, forderte er ihn auf. »Und beeil dich ein bisschen. Wir wollen noch mit Verteidigung weitermachen. Und bis zum Abendessen fertig werden. Ich hab' bei den Hauselfen Kakao für unseren Tisch bestellt.«

Aber Terry sah nur auf seine Hände, stand dann von seinem Stuhl auf und ging zur Tür, die zu den Schlafsälen führte.

»Wo willst du hin?«, rief ihm Simon hinterher.

Ohne den Blick von seinen Händen zu heben, antwortete Terry »Hände waschen«, bevor er die Tür mit Ellbogen und Unterarm aufdrückte und die Treppe hochstieg.

Simon wartete, bis er verschwunden war. Dann zwinkerte er Anthony und ihr zu. »Ob er weiß, woher Milch kommt?«

Luna verstand im ersten Moment nicht, worauf er hinaus wollte. Aber dann dämmerte es ihr. »Untersteh dich!«, warnte sie Simon. »Wehe, du fängst beim Abendessen mit Milch an!«

»So was würde ich doch nie tun«, erklärte er scheinbar beleidigt. »Aber glaubst du nicht, dass er wissen möchte, wie es Mamakuh ohne ihr Kälbchen geht?«

»Nein!« Luna verwünschte Simon. Bestimmt würde sie jetzt beim Abendessen an nichts anderes denken können.

»Schlimm, das mit der Tierhaut«, fuhr Simon leichthin fort. »Aber was sollte man sonst mit unserem lieben Kälbchen machen? Schließlich ist es nur zur Welt gekommen, damit bei Mamakuh die Milch weiter aus dem Euter sprudelt. Und jetzt, wo ihr Baby schon mal zu Braten und Pergament – oder Leder und anderen nützlichen Sachen – verarbeitet ist … da wär's doch eine Schande, wenn man Mamas Muttermilch verkommen lassen würde, oder was meint ihr?«

Jetzt sah auch Anthony Simon entsetzt an. Und Luna warnte ihn noch einmal: »Hör jetzt auf! Und wehe du fängst noch mal damit an!« Und sie meinte es so. Im Ernstfall hatte sie einige Tricks auf Lager, mit denen sie gewissen Personen den Appetit gründlicher vergällen konnte, als mit irgendwelchen Ekelgeschichten über Muttermilch und tote Kälbchen.

Aber als Terry wieder in den Gemeinschaftsraum kam, sagte Simon nichts zu ihm. Sie erledigten die Hausaufgaben – Simon musste Terry seinen Aufsatz vorlesen, da dieser seine Schrift nicht entziffern konnte –, arbeiteten das erste Kapitel von Quentin Trimbles Buch durch und gingen dann mit den anderen Ravenclaws zum Abendessen.

Die Hauselfen ließen tatsächlich an ihrem Tisch vier große Kannen Kakao auftauchen, was ihnen von den Zweitklässlern am Tisch über ihnen verwunderte – und vielleicht auch teilweise neidische – Blicke eintrug. Und Simon schien zu wissen, was gut für ihn war, denn er hielt sich zurück, was Luna ihm auch geraten haben mochte. Mamakuh wurde beim Abendessen mit keinem Wort erwähnt.