Chapter 8:

Während der folgenden Tage erholte sich Leo mit erstaunlicher Geschwindigkeit und erlangte so Stück für Stück seine alte Form zurück. Die Freunde gingen dazu über, ihre freien Minuten alle gemeinsam zu verbringen. Abgesehen davon, wenn die Lightspeed Rangers zu einem Monsterangriff gerufen wurden, waren die Zwölf eigentlich immer als Gruppe anzutreffen.

Doch am heutigen Nachmittag stand ein spezielles Training für Carter und die Mitglieder seines Teams an und so hatten sich die Galaxy Ranger entschlossen, allein aufzubrechen, um ein wenig Zeit in ihrer Gemeinschaft zu verbringen. Auch nach der vielen letztlich zusammen verbrachten Zeit gab es immer noch Dinge, die sie sich erzählen konnten. Während der vergangenen drei Monate hatte jeder von ihnen viel erlebt, von dem sie ihren Gefährten berichten wollten.

Sie verabschiedeten sich von den Lightspeed Rangers und teleportierten aus der Basis. Die Rangers sahen ihn nach, ein wenig traurig darüber, daß sie nicht mit ihnen gehen konnten. Aber sie wußten auch, wie wichtig das Training für sie alle war. Also machten sie sich unter Anleitung eines kampferfahrenen Soldaten an die Arbeit, ihre Techniken zu üben und zu verbessern.

Der Tag verging rasch und es waren mehrere Stunden verflossen, als auf einmal...

Übermütiges Gelächter erschallte plötzlich aus dem Nirgendwo. Die in der Trainingshalle anwesenden Personen schauten auf, suchten nach der Quelle der Fröhlichkeit. Und schon Sekunden später hatten sie diese auch entdeckt – strahlende Lichtpunkte in Rot, Grün und Pink tanzten von der Decke herab und verdichteten sich zu Wolken schimmernder Energie, aus denen sich die Gestalten von Leo, Damon und Kendrix materialisierten.

Die drei Freunde klammerten sich lachend aneinander, um nicht zu Boden zu stürzen. Die Unbeschwertheit ihres Lachens wärmte den Anwesenden das Herz – die Freunde klangen so jung und ohne Sorgen. Obwohl sie alle nicht wußten, was Leo, Kendrix und Damon so amüsierte, freuten sie sich doch sofort mit ihnen.

Der Grund ihrer Fröhlichkeit folgte den Dreien jedoch auf dem Fuße – kobaltblaues Licht erstrahlte inmitten der Trainingshalle und Kais triefendnasse Gestalt erschien, gefolgt von schimmernden Wolken aus golden-schwarzer und gelber Energie.

Mike und Maya materialisierten nicht weit von ihrer Freunden entfernt und gaben sich augenscheinlich alle erdenkliche Mühe, nicht laut vor Lachen herauszuplatzen. Doch es fiel ihnen schwer und als sie Kai wie einen begossenen Pudel mitten in der Halle stehen sahen, stimmten sie in das fröhliche Lachen ihrer drei Freunde ein.

Es klang kein Spott oder Häme darin mit – sondern einfach nur der Spaß über einen gelungenen Streich. Denn das war es gewesen, erkannten die Lightspeed Rangers. Sie konnten sich ebenfalls ein Lächeln nicht verkneifen, angesichts von Kais Anblick. Der von Kendrix und Leo geplante Streich war, offensichtlich noch unterstützt von Damon, erfolgreich in die Tat umgesetzt worden.

Kai versuchte, die Reste seiner Würde zu bewahren und sah die Übeltäter strafend aus seinen grauen Augen an. Er runzelte die Stirn und meinte mit anklagender Stimme: „Das war ein ganz hinterhältiger Streich! Dabei hatte ich vor, euch allen heute abend ein Festtagsessen zu kochen, doch nun wird daraus wohl nichts werden. Womit hatte ich das denn verdient?", fügte er noch klagend hinzu.

Er gab sich alle Mühe, tief getroffen zu wirken über den kindischen Streich, dem ihm seine Freunde gespielt hatte, doch das amüsierte Funkeln in seinen Augen verriet ihn. Wasser tropfte Kai in die Augen und sammelte sich in einer Pfütze zu seinen Füßen. Der Anblick war einfach zu herrlich.

Leo biß sich auf die Unterlippe, um nicht erneut loszulachen und auch Kendrix gab sich alle Mühe, ihr Grinsen zu verbergen. Doch Damon machte ihre Bemühungen zunichte, indem er sagte: „Und was wolltest du uns denn Feines servieren, Kai? Wie wäre es mit einer Wassersuppe – da hast du doch jetzt schon die Zutaten für!"

Erneut explodierten die Freunde in Gelächter. Selbst das Objekt der Fröhlichkeit – Kai – stimmte in das Lachen mit ein, denn er wußte, was für einen seltsamen Anblick er bieten mußte. Als er jedoch auf einmal zu niesen begann, wurden die Gesichter seiner Freunde sofort wieder ernst und sie eilten auf ihn zu.

„Zieh dir trockene Sachen an, Kai! Sonst wirst du uns noch krank", rief Leo besorgt.

Kai sah ihn kopfschüttelnd an und meinte trocken: „Jaja, was macht man nicht alles mit bei euch. Jetzt hole ich mir inmitten in der Hitze eine Erkältung, na schönen Dank auch."

Mit einem ‚Bin bald wieder da' drückte er auf die Transportertaste auf seinem an seinem rechten Handgelenk befestigten Kommunikator und verschwand in einem Strahl kobaltblauen Lichts. Seine Freunde sahen ihm für einen Augenblick nach, dann grinsten sie sich an. Es machte ihnen zuviel Freude, Kai Streiche zu spielen.

Dieser reagierte immer auf diese so ernsthafte Art, als wäre er zutiefst getroffen über das kindische Verhalten eigentlich erwachsener Leute. Doch sie wußten alle, daß er sich genauso darüber amüsierte wie sie. Und er zahlte es ihnen oft genug mit gleicher Münze heim. Es war immer wieder ein Anlaß ungehemmter Freude für sie alle, wenn einer der Freunde – oder auch mehrere – einen Streich ausheckte, um einen der Ihren ein wenig zu ärgern. Diese Streiche waren jedoch niemals böse gemeint oder hatten das Ziel, die betroffene Person bloßzustellen. Vielmehr war es oft ein Ausdruck der Zuneigung, welche die Freunde füreinander hegten.

Als Kai wenige Minuten später wieder erschien, hatten sich seine Freunde beruhigt und er konnte auf seine Einladung zurückkommen. Kai streifte seine Teamgefährten mit einem Seitenblick, als er, an die Lightspeed Rangers gewandt, sagte: „Trotz der wenig freundlichen Behandlung, die mir heute widerfahren ist, habe ich vor, heute abend für euch alle zu kochen. Und es wird ganz bestimmt keine Wassersuppe geben, denn von Wasser habe ich für heute ersteinmal genug."

In seinen Augen tanzten kleine Teufelchen, als er Damon einen Blick zuwarf. „Obwohl, wenn ich es mir recht überlege... Damon, ich glaube, eine schöne Wassersuppe wird dir gut bekommen." Damon zuckte zusammen und warf Kai einen bittenden Blick zu. „Kai, das kannst du mir nicht antun! Ich werde verhungern!"

Seine Freunde lachten angesichts seiner leidenden Miene, doch Kai sagte trocken: „Selber schuld. Du hast mich schließlich auf die Idee gebracht." Damon ließ den Kopf hängen und bot einen Anblick des Jammers, was Kai endlich erweichte.

Er trat auf seinen Freund zu und meinte: „Mal sehen, was sich machen läßt. Ich kann mir ja schließlich nicht nachsagen lassen, jemand wäre bei meinen Kochkünsten verhungert!" Ein dankbarer Blick aus Damons dunklen Augen traf ihn.

Seinen Gefährten war nur allzu gut bekannt, wie toll Damon Kais Essen fand. Es wäre für Damon die größte Strafe gewesen, hätte er nichts von dem Essen abbekommen, daß Kai fabrizieren würde. Doch so war er erleichtert und die zwei Freunde lächelten sich an. Damon war auch sofort bereit, Kai bei der Zubereitung zu helfen und so verließen die Beiden ihre Freunde erneut, um sich an die Arbeit zu machen.

Der Rest der Rangers verbrachten die verbleibende Zeit bis zum Essen mit einem Besuch in dem Aquapark, in dem Chad früher gearbeitet hatte. Die Freunde waren begeistert von den verschiedenen Tieren, die sie in dem Park antrafen. Und alle Tiere waren artgerecht untergebracht, was nicht zuletzt dafür sorgte, daß sich jedermann – ob Mensch oder Tier – dort wohlfühlte. Es gab große Gehege und viel Platz, um den Tieren den Freiraum zu geben, den sie brauchten.

Chad erklärte seinen Freunden, daß es in diesem Park auch mehrere Tierarten gab, die in freier Wildbahn schon als ausgestorben galten. Beeindruckt lauschten die Freunde, als Chad ihnen erzählte, daß von den Parkverantwortlichen trotzdem immer wieder Auswilderungsversuche unternommen wurden, um diese Tierarten wieder in ihrem ursprünglichen Lebensraum anzusiedeln.

Schließlich gelangten sie zu den Bassins, in denen sich neben Säugetieren und Fischen aller Arten auch Chads persönliche Freunde, die Orcas, tummelten. Chads Liebe für alle Meerestiere wurde hier am deutlichsten, da er sich kaum von ihnen zu trennen vermochte. Doch die Freunde konnten es ihm kaum übelnehmen, jeder von ihnen war angetan von den großen, aber so sanften Riesen. Besonders Maya war sehr beeindruckt, den auf ihrer Heimatwelt Mirinoi gab es solch große Meeresbewohner nicht.

Als die Freunde den Park schließlich wieder verließen, meinte Chad: „Es ist schade, daß Kai und Damon nicht dabei waren."

Daraufhin meinte Joel nur trocken: „Ich glaube nicht, daß es Kai viel stören wird, darauf verzichtet zu haben. Er hatte heute wohl schon genug mit Wasser zu tun und schließlich ist dies hier", Joel deutete zur Untermalung auf das Schild, auf dem in großen Buchstaben „SEAWORLD" geschrieben stand, „vor allem ein Aquapark. Also?", grinste er seine Freunde an, die daraufhin erneut in leises Lachen ausbrachen.

Nun war es aber Zeit, daß die Freunde sich auf den Weg zum Raumschiff der Galaxy Rangers machten, denn Kai wäre bestimmt nicht sehr erfreut, würden sie ihn mit seinem Essen warten lassen. Außerdem bestände dann die Möglichkeit, daß Damon alles allein verputzen würde. Und das wäre sehr schade, beteuerten die Freunde um Leo, denn Kai machte ausgezeichnete Menüs.

Davon konnten sich wenig später auch die Lightspeed Rangers überzeugen, als sie an dem gedeckten Tisch saßen und herzhaft zulangten. Kai hatte sich mit Damons Unterstützung wirklich alle Mühe gegeben und es mundete den Freunden hervorragend.

Nach dem Mahl bekamen die Lightspeed Rangers noch ein Führung durch das Raumschiff und lernten dabei auch DECA und Alpha kennen. Sie waren beeindruckt von der Technik, die auf dem Raumschiff vorherrschte und machten auch keinen Hehl aus ihrer Verwunderung über Alpha. Ein Roboter, der Gefühle besaß, war etwas völlig Neues für sie.

Die Galaxy Rangers klärten die sechs Freunde rasch darüber auf, daß Alpha für sie mehr als nur ein Roboter war – er war ein Freund. Ebenso war DECA für sie nicht nur ein Raumschiff, welches sie dorthin brachte, wo sie hinwollten. Vielmehr war es ihr Heim, solange sie im Weltraum unterwegs waren – ein Ort, wo sie sich sicher und geborgen fühlten. Eine Art Heimat, die sie mit allen Mitteln zu schützen bereit waren.

Nachdem sie den Rundgang abgeschlossen hatten, wurde es Zeit, schlafen zu gehen. Und so verabschiedeten sich die Lightspeed Rangers von ihren Freunden, denn diese hatten seit Leos Genesung begonnen, wieder in ihren Quartieren auf ihrem Raumschiff zu übernachten.

Der nächste Morgen fand die Freunde bei ihrem täglichen Training. Doch nicht alle der zwölf Rangers waren anwesend – Mike hatte sich von Carter und Dana breitschlagen lassen, mit ihnen einen ausführlicheren Gang durch DECA zu machen.

Die zwei Lightspeed Rangers waren sehr neugierig auf das Leben im Weltall und wollten das Heim ihrer neuen Freunde besser kennenlernen, als es am vorherigen Abend möglich gewesen war. Also waren nur Chad, Joel sowie Kelsey und Ryan anwesend, um den Galaxy Rangern beim Training zuzusehen.

Nachdem Leo wieder gesund war, war die Gruppe der Freunde ein täglicher Anblick innerhalb der Trainingshalle geworden. Oft hatten sie Zuschauer bei ihren Übungen, doch jetzt war es noch früh am Morgen und nur wenige Personen befanden sich außer den Freunden in der Halle.

Die Galaxy Rangers nutzten dankbar die größeren Ausmaße der Halle. Auch wenn es auf DECA viel Platz gab, waren die Räumlichkeiten doch beschränkt im Vergleich zu der weitläufigen Trainingshalle der Mariner Bay Basis.

Nachdem Leo und seine Freunde so lange voneinander getrennt gewesen waren, nutzten sich jede Minute, um wieder ihren vertrauten Rhythmus zu finden und ihre Techniken zu verfeinern. Oftmals riefen ihre komplizierten Übungen und Techniken unter den Anwesenden Staunen hervor, doch an diesem Tag hatten die fünf Freunde endlich wieder ihre ursprüngliche hohe Form der Teamarbeit erreicht und beschlossen, die gefährlichste Art ihres Trainings durchzuführen. Sie wollten, nur mit ihrem Quasarschwert als Waffe, alle gleichzeitig gegeneinander antreten, um damit ihre Reaktionen zu schärfen und ihre Fähigkeit verbessern, auf plötzliche Situationen reagieren zu können.

Daher wechselten sie ständig den Partner, mit dem sie kämpften – bei ihrem Training wurde aus dem Kamerad, der eben noch den Rücken des Freundes deckte, plötzlich der Angreifer und umgekehrt. Sie verzichteten auch auf die Power, welche ihnen die Verwandlung zur Verfügung gestellt hätte – in manchen Situationen kam es darauf an, daß man sich auch zu wehren wußte, ohne auf diese Unterstützung zurückgreifen zu können.

Eben ging Damon, mit Maya als Unterstützung an seiner Seite, zum Angriff auf Leo über. Dieser jedoch hatte Kai als Rückendeckung, welcher Damon in die Attacke fiel und diesen zum Rückzug zwang. Leo hatte derweil Maya im Auge behalten und verhinderte nun, daß sie seinem Freund in den Rücken fiel. Plötzlich war auch Kendrix da und trennte die Beiden voneinander, als sie sich Maya zuwandte, die daraufhin ihre Verteidigungsposition Leo gegenüber aufgeben mußte, um sich Kendrix widmen zu können.

Den verblüfften Lightspeed Rangers ging auf, wieviel Können und gleichzeitig Vertrauen ihnen hier dargeboten wurde. Denn es trainierte zwar einerseits die Flexibilität der fünf Gefährten, da sie sich ständig auf einen jeweils anderen Kampfstil einstellen mußten. Andererseits mußten die Freunde sich aber auch darauf verlassen können, daß eine Attacke abgebrochen werden würde, sollte der Angegriffene nicht schnell genug reagieren können. Die Quasarschwerter in den Händen der fünf Galaxy Rangers waren sehr gefährliche Waffen, mit denen sie sich gegenseitig schwer verletzen konnten – doch sie waren alle mit schnellen Reflexen ausgestattet, die es ihnen erlaubten, den Verletzungen zu entgehen.

So wogte der Kampf für mehrere Minuten hin- und her, wobei es den Zuschauenden schon vom Hinsehen ganz beklommen wurde, denn sie konnten manchmal dem Partnerwechsel kaum mit den Augen folgen. Wie es den Galaxy Rangern möglich war, dies während des Kampfes zu erkennen, war vielen der inzwischen Anwesenden ein unlösbares Rätsel.

Auch Captain Mitchell hatte sich in der Trainingshalle eingefunden und beobachtete den Kampf der Freunde. Er bewunderte die Art, wie sie ihr Training durchführten und erkannte rasch die Gründe, die dahinterstanden. Durch die Partnerwechsel, bei denen Freund und Feind von Sekunde zu Sekunde wechselte, schärften sie ihre Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Und die verschiedenen Kampfstile, mit denen jeder Einzelne von ihnen konfrontiert wurde, stellte ihre Anpassungsfähigkeit auf die Probe. Ein wirklich leistungsmäßig sehr hohes Maß an Können wurde hier gefordert, doch die Ergebnisse dieses Trainings zeigten sich in der Bilanz von Kämpfen, von denen die Galaxy Rangers jeden einzelnen für sich hatten entscheiden können.

Captain Mitchell spürte die Bewunderung seiner Rangers und lächelte in sich hinein. Auch sie würden eines Tages so weit sein, wenn sie ihre eigenen Erfahrungen gesammelt hatten. Zur Zeit waren die Lightspeed Rangers wirklich gut und stets erfolgreich in ihrem Kampf gegen die Monster, die Diabolico gegen sie ins Feld sandte, doch der Captain wußte, sie konnten noch besser werden. Und wenn der Anblick ihrer Freunde sie dazu anspornte, härter zu trainieren – nun, er hatte nichts dagegen.

Mitchell wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Kämpfenden zu, die noch immer ständig ihre Taktik und den Partner wechselten. Er bewunderte vor allem die Ausdauer und Entschlossenheit, welche die Freunde an den Tag legten.

Und dann geschah es...

Leo war gerade dabei, seinem Partner – Damon – zu Hilfe zu eilen und fiel Kendrix in einen Angriff. Als er sich umdrehte, um weiter in den Kampf einzugreifen, erstarrte er plötzlich zu vollkommener Regungslosigkeit. Wie gebannt stand er da und schien zu vergessen, wo er sich befand.

Kai hatte die sich bietende Möglichkeit sofort wahrgenommen und griff Leo an. Mitten in seiner Attacke bemerkte Kai jedoch, daß sein Freund völlig abwesend wirkte. Leo achtete nicht auf Kai und dessen sich rasend schnell näherndes Quasarschwert. Kai wollte den Angriff abbrechen, doch er konnte den Schwung seines Angriffs nicht mehr rechtzeitig abbremsen. Seine Attacke würde Leo völlig ungeschützt treffen.

Maya hatte die Gefahr für ihren Anführer bemerkt, doch sie stand zu weit weg, um Kais Angriff ablenken zu können. So rief sie nur angstvoll: „Leo, paß auf!"

Damon, der schon auf sie zugelaufen war, fuhr bei ihrem Aufschrei herum und erfaßte die Lage mit einem Blick. Sofort stürzte er sich in Kais Bahn, um diesen von dem verhängnisvollen Kurs abzubringen. Doch auch Kai reagierte in Bruchteilen von Sekunden. Nachdem er erkannt hatte, daß Leo ihn nicht wahrnahm und die Gefahr für seinen Freund damit bedrohlich anstieg, handelte Kai auf die einzig richtige Weise und rief: „Quasarschwert, verschwinde!"

In dem Augenblick, in dem blaues Licht aufblendete und das Schwert verschwand, war Damon bei seinem Freund angelangt und riß diesen durch die Wucht seines eigenen Schwungs zu Boden. Die zwei Gefährten stürzten hart und blieben für einen Moment benommen liegen. Doch schon Sekunden später regten sie sich wieder und erhoben sich.

Mit angsterfüllten Gesichtern liefen sie auf Leo zu, bei dem inzwischen auch schon Maya und Kendrix standen. Die zwei Mädchen versuchten, Leo zum Reden zu bewegen, doch der schien ihre Anwesenheit überhaupt nicht wahrzunehmen.

Kai legte seinem Freund die Hand auf die Schulter, um diesen aus seiner Trance wachzurütteln, doch Leo reagierte nicht und Kai blickte besorgt in seine Gesicht. Er spürte die Anspannung in Leos Gestalt; dieser schien förmlich erstarrt zu sein.

Ängstlich über Leos seltsames Verhalten blickten die vier Teamgefährten sich an. Sie wußten nicht, was sie tun sollten. Sie konnten Leo nicht erreichen, er schien wie in einer eigenen Welt gefangen zu sein. Das jagte den Freunden Angst ein, denn so kannten sie ihren Anführer nicht. Er war immer so voller Leben – und nun reagierte er nicht einmal auf ihre Bemühungen!

Die vier Galaxy Ranger erhielten Unterstützung in ihren Anstrengungen, als sich Captain Mitchell und die anwesenden Lightspeed Rangers zu ihnen gesellten. Auch ihnen stand die Sorge in die Gesichter geschrieben.

„Was hat Leo?", fragte Chad ängstlich, während Ryan auf seinen Freund zutrat und ihn behutsam an der Schulter rüttelte. Ryan hatte gehofft, damit eine Reaktion zu erzielen, doch auch dieses Mal reagierte Leo nicht. Seine grünen Augen waren weit geöffnet und blickten in die Ferne, als ob er dort etwas sehen würde, was den Anderen verborgen blieb.

Auf einmal erstrahlte Leos Medaillon in einem leuchtenden roten Schein, welcher eine drohende Gefahr verdeutlichte. Sekunden später erhellte noch mehr Licht die Trainingshalle, als Strahlen gold-schwarzen sowie roten und pinkfarbenen Lichtes erschienen.

Mike nahm sich kaum die Zeit, Danas und Carters Hände loszulassen, bevor er loslief, um zu seinem Bruder zu gelangen. In Rekordtempo war er an Leos Seite und beugte sich besorgt über diesen. Die Freunde sahen, daß auch das an seinem Hals hängende Medaillon rotes Licht versandte. Das also hatte Mike so früh zurückgebracht. Die Lightspeed Rangers hatten sich schon gewundert, wieso ihre Freunde so plötzlich wieder hier auftauchten.

Auch Carter und Dana waren inzwischen bei der Gruppe angelangt und wandten sich an ihre Freunde. Carter blickte Ryan an und fragte: „Was ist los? Was hat Leo?" Ryan konnte nur mit den Schultern zucken, Besorgnis klar erkennbar in den blaugrauen Augen.

„Leo! Leo, was ist denn los?", erklang da Mikes sorgenvolle Stimme.

Er faßte seinen Bruder an den Schultern und rüttelte ihn leicht. Und plötzlich kam wieder Leben in Leos reglose Gestalt. Er zuckte sichtlich zusammen und fuhr mit einem Aufschrei einen Schritt zurück. Dadurch fielen Mikes Hände von seinen Schultern, doch dieser trat sofort wieder einen Schritt auf Leo zu.

„Leo, ist alles in Ordnung mit dir?", fragte Mike seinen jüngeren Bruder.

Leo hob den Kopf und als die Rangers in seine Augen sahen, entfuhren ihnen erschreckte Ausrufe. In den Tiefen von Leos ausdrucksstarken Augen stand ein schreckliches Grauen geschrieben und Tränen schimmerten darin. Am ganzen Körper zitternd trat Leo noch einen Schritt zurück und betrachtete für einen Augenblick seine versammelten Freunde.

Dann hob er mit einem Mal die rechte Hand und indem er auf die Transporttaste drückte, flüsterte er: „Verzeiht." Dann war er verschwunden und ließ elf sehr verstörte Freunde zurück, die sich gegenseitig fassungslos ansahen.

Auch Captain Mitchell war tief getroffen von dem Schrecken, den er in Leos sonst so fröhlichen Augen gesehen hatte. Er spürte, irgendetwas hatte den jungen Mann sehr verletzt. Er mußte etwas erlebt haben, was dieses Grauen ausgelöst hatte.

Sofort regte sich in dem Captain der Wunsch, Leo zu helfen. Dieser durfte jetzt nicht allein sein, denn was auch immer er gesehen hatte, es war schrecklich für ihn gewesen. Also wandte er sich an die Gruppe der Rangers, die noch immer vollkommen verblüfft und geschockt an dem Platz verharrten, an dem sie standen.

Nur Mike ließ die Zeit nach dem Verschwinden seines Bruders nicht tatenlos verstreichen. Er hatte die Augen geschlossen und umklammerte das Amulett an seinem Hals, welches noch immer rot erstrahlte. An der Intensität des Strahlens konnte Mike erkennen, daß, was auch immer Leo einen derartigen Schrecken eingejagt hatte, diesen noch immer sehr beschäftigte. Mike spürte, wie verletzt Leos Seele durch das war, was er hatte erleben müssen. Er mußte ihn finden – um ihm zu helfen, ihn zu trösten.

Daher versuchte Mike mit Hilfe des Amuletts, seinen Bruder zu finden. Zu lokalisieren, wohin er gegangen sein mochte. Und dann wußte er es plötzlich und ein Teil der Sorge fiel von ihm ab.

In dem Moment, in dem Captain Mitchell zu seinen Freunden trat und etwas zu ihnen sagen wollte, drehte sich Mike zu ihnen allen um und meinte: „Ich weiß jetzt, wo Leo hingegangen ist. Sir, würden Sie mit unseren Freunden bitte auf uns warten?", wandte sich Mike an Mitchell, der zustimmend nickte.

Obwohl er nicht wußte, wie Mike genau an das Wissen über Leos Aufenthaltsort gelangt war, vertraute er dem Gefühl des jüngeren Mannes. Er antwortete Mike: „Wir werden im Besprechungsraum auf eure Rückkehr warten. Viel Glück!"

Mike nickte und blickte seine Freunde an, die noch wie erstarrt dastanden. Das Grauen in Leos lebhaften Augen zu sehen hatte sie alle zutiefst erschüttert. Mike seufzte auf und sagte dann zu ihnen: „Freunde, hört mir zu. Ich werde Leo holen und dann klären wir gemeinsam, was los war. In Ordnung?" Die zehn Rangers hoben die Köpfe und sahen Mike an. Carter antwortete als Erster: „Ja, in Ordnung, Mike. Bitte, finde ihn schnell!"

„Er sah so schrecklich traurig aus", flüsterte Kendrix den Tränen nahe. Maya nahm sie in den Arm, um sie zu trösten, doch sie sah nicht sehr viel besser aus. Doch darauf konnte Mike jetzt keine Rücksicht nehmen. Er mußte zu Leo, dessen Schmerz er durch ihre emphatische Verbindung fast überdeutlich spürte. Daß Leo vergaß, sich vor ihm abzuschirmen, zeigte Mike, wie schlimm die Vision ihn getroffen haben mußte.

Mike hieb auf die Transporttaste und konzentrierte alle Gedanken auf seinen Bruder, als er sich in einen Strahl gold-schwarzen Lichtes auflöste. Als er wieder materialisierte, fand er sich, wie erwartet, auf der Wiese von ihrem Picknick wieder. Leo war zu dem Ort zurückgekehrt, an den er viele schöne Erinnerungen hatte. Erinnerungen, die ihm helfen sollten, den Schrecken seiner Vision zu vertreiben.

Als Mike sich umblickte, sah er seinen Bruder nahe eines Abhangs stehen und auf die Stadt hinunterblicken. Was Mikes Herz jedoch schier zerbrechen ließ, war die Verlorenheit und Einsamkeit, die Leo umgaben. Dieser hatte beide Arme um den Körper geschlungen, als müsse er sich an sich selbst festhalten. Blicklos starrte er auf die Stadt hinab, während in seinem Kopf die Bilder des Grauens wieder und wieder erschienen.

Leo hörte seinen Bruder nicht kommen, doch er spürte seine Anwesenheit. Und plötzlich schlangen sich tröstende Arme um ihn und hielten ihn fest. Gegen die Wärme, die von Mike ausging sowie die Zuflucht, die er in diesem Moment bot, konnte Leo sich nicht wehren. Zu groß war das Grauen; er brauchte jemanden, an dem er sich – und wenn auch nur für einen kleinen Augenblick – festhalten konnte. Der ihm eine emotionale Stütze gab, damit er wieder zu sich finden konnte.

So standen die zwei Brüder für einige Minuten schweigend aneinandergelehnt da. Dann hatte Leo wieder genug eigene innere Kraft gesammelt, um sich aus der Umarmung seines älteren Bruders lösen zu können und diesen dankbar anzublicken. Mike war unglaublich erleichtert, als er Leo wieder etwas gefestigt erlebte. Zwar waren in Leos Augen noch immer großer Schmerz zu erkennen, doch er hatte sich wieder gefangen. Liebevoll blickte Mike Leo an und zog ihn noch einmal kurz an sich, bevor er ihn losließ.

„Ich danke dir, Mike", sagte Leo. Seine warme, melodische Stimme klang rauh und auch dort konnte man den Nachhall des Erlebten noch heraushören. Doch Leo schien von Sekunde zu Sekunde wieder mehr zu seinem alten Selbst zu finden.

„Gern geschehen, kleiner Bruder", antwortete Mike und sah Leo fragend an. „Geht es wieder?" Leo holte tief Luft, doch dann nickte er zustimmend. „Ja, es geht schon wieder. Es tut mir leid, wenn ich euch Kummer bereitet habe." „Wir haben uns Sorgen gemacht, das stimmt. Aber du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Leo. Du hast etwas Schlimmes erlebt, nicht wahr?"

Leo senkte den Kopf und nickte erneut. Dann sah er seinen Bruder an und meinte zu diesem: „Ja, das kann man wohl so ausdrücken. Laß uns zurückkehren, ich will die Anderen nicht unnötig länger aufregen. Und ich möchte diese ‚Geschichte' nicht mehr als einmal erzählen müssen."

Widerspruchslos sah Mike seinen Bruder an, der zu ihm trat und seine Hand noch einmal dankbar drückte. Dann machten sich die zwei Corbett-Brüder auf, um in die Aquabasis zurückzukehren. Als sie dort materialisierten, wurden sie von ihren Freunden schon ungeduldig erwartet.

Kaum, daß Leos Gestalt neben der von Mike sichtbar wurde, setzte sich Kendrix in Bewegung und lief auf ihren Freund zu. Dieser breitete schweigend die Arme aus, in die Kendrix ohne zu zögern hineinlief. Sie umarmte ihn fest und es war für die Anderen schwer festzustellen, wer wen festhielt und tröstete. Als Kendrix das Gesicht zu Leo hob, malte sich darin ihre große Sorge um diesen.

Es gab Leo einen Stich ins Herz, als er erkannte, daß er Kendrix Kummer gemacht hatte. Unwillkürlich schlossen sich seine Arme fester um sie und er blickte über ihren Kopf hinweg auf seine anderen Freunde. Als er sprach, klang seine Stimme etwas wackelig. „Es tut mir leid. Verzeiht mir."

Dies war alles, was seine Freunde gebraucht hatten. Kaum hatte Leo ausgesprochen, waren sie auch schon in Bewegung und kurze Zeit später fand sich Leo in der größten Gruppenumarmung seines Lebens wieder. Dankbar nahm er die Freundschaft an, die ihm von ihnen entgegenschlug. Ihre Wärme zu spüren, ihre Sorge um ihn – all das, was ihre Freundschaft ausmachte... Es vertrieb die Schrecken seiner Vision zwar nicht vollständig, doch Leo fühlte sich nunmehr wieder ruhig genug, um ihnen davon erzählen zu können.

Nach einer Weile löste sich die Gruppe langsam auf und sie alle nahmen rund um den Tisch Platz. Doch Leo hielt es nicht lange in seinem Sessel und er erhob sich wieder. Er trat auf das Fenster zu und sagte leise: „Erinnert ihr euch daran, was ich euch über Jolran und seinen Kampf gegen die finstere Macht erzählt habe?"

Schweigen antwortete ihm zuerst, doch schließlich meldete sich Chad zu Wort. „Du sagtest, er habe dir den Kampf, den seine Freunde und er gegen jene Macht gefochten haben, gezeigt. Wie sie gemeinsam seine zweite Heimat verteidigten."

Leo drehte den Kopf zu dem Sprecher und nickte. „Ja, genau. Doch was ich damals nicht wußte – nicht ahnen konnte – war, daß Jolran mir eine gekürzte Version zeigte. Er machte mir die grundlegenden Fakten deutlich, wenn man es so ausdrücken will. Er wollte, daß ich weiß, worum es geht."

„Aber", Leo machte eine Pause und als er fortfuhr, war seine Stimme viel leiser, „was er mir verschwieg, war der Schmerz, den er fühlte, als Annwyn, Drystan und seine drei anderen Freunde starben. Seine Gefühle angesichts der Schrecken des Krieges, welcher monatelang auf Antares tobte – der Grausamkeiten, welche verübt wurden. All das hielt er vor mir zurück, damit ich das Leid, welches er erlebt hatte, nicht teilen mußte. Er muß sehr einsam gewesen sein während der Jahre, die der Verteidigung von Antares folgten. Die Freunde zu begraben – die, welche er unter den Einwohnern von Antares hatte sowie diejenigen, die so selbstlos zu Hilfe geeilt waren..." Leo verstummte und auch sonst regte sich niemand. Jeder von ihnen war auf seine Weise damit beschäftigt, zu verarbeiten, was Leo ihnen klarzumachen versuchte.

Plötzlich erhob sich Kai und trat auf Leo zu. Er sagte leise, an seinen Freund gerichtet: „Du hast uns alle nach dieser ‚Vision' vorhin so seltsam angeschaut, Leo. Du hast in Jolrans Freunden uns gesehen, nicht wahr?" Kais Frage traf genau ins Schwarze.

Leos Unterlippe begann zu beben, als er verzweifelt versuchte, seine Gefühle im Griff zu behalten. Er flüsterte mit schwankender Stimme: „Es war, als wäre ich er, Kai. Als wäre ich dort – auf Antares, während des Endkampfes. Ich konnte spüren, was Jolran fühlte, als er seine Freunde zwar den übermächtigen Gegner besiegen sah, sie aber dafür gleichzeitig den höchsten Preis bezahlten. Mit ihrem Leben. Ich konnte Jolrans tiefen Schmerz fühlen, als er Annwyn verlor..."

Leos Stimme brach und er blickte Kendrix aus smaragdgrünen Augen an, aus denen die Verzweiflung sprach. Kendrix sprang auf und lief auf ihn zu, schlang die Arme um seine schlanke bebende Gestalt und preßte sich eng an ihn.

„Kein Wunder, daß du völlig fertig warst, Leo", erklang Carters Stimme. Auch seine Stimme schwankte, er schien völlig geschockt von dem, was Leo erzählte hatte. „Zu erleben, was damals geschah, war bestimmt schon als relativ unbeteiligter Zuschauer nicht gerade einfach. Aber dabei zu sein...ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie du dich fühlen mußt."

„Aber warum gerade jetzt?", meldete sich Maya zu Wort. Leo schaute sie an, während sich seine Arme instinktiv noch enger um Kendrix schlossen.

Doch bevor er antworten konnte, ertönte Mike dunkle Stimme: „Weil die Zeit gekommen ist. Die Zeit, auf die Jolran all die Jahrhunderte gewartet hat. Und die er gefürchtet hat." Mike wandte Leo den Kopf zu und blickte ihn aus seinen warmen braunen Augen an. „Nicht wahr, Leo?"

Leo sah unglaublich traurig aus, als er sagte: „Ja, du hast Recht, Mike. Sie sind frei." Diese drei Worte hatten die Wirkung einer Bombe, die gezündet wurde. Die Rangers zuckten zusammen und schauten sich gegenseitig an.

Captain Mitchell hatte sich die ganze Zeit über ruhig verhalten. Er beobachtete die Reaktionen der jungen Leute auf Leos Bericht. Auch ihre unbewußte gegenseitige Hilfe und Anteilnahme entging ihm nicht, auch wenn es ihnen offensichtlich nicht bewußt war, wie sehr sie sich aufeinander stützten. Doch nun meldete er sich zu Wort. „Leo, kannst du von dir aus Kontakt mit diesem Jolran aufnehmen?"

Leo sah ihn stirnrunzelnd an und meinte nach einigem Überlegen: „Ich bin mir nicht ganz sicher, Sir. Jolran sagte, wir seien über das rote Quasarschwert verbunden. Immerhin war es einmal das Seinige. Also nehme ich an, es könnte funktionieren. Aber wieso fragen Sie?" Auch die restlichen Rangers sahen Mitchell fragend an.

Dieser antwortete: „Weil ich meine, daß er viel mit dieser Situation zu tun hat. Er könnte Aufklärung darüber geben, warum du diese Vision hattest, denn sie kam offensichtlich nicht von ihm. Hätte er gewollt, daß du erfährst, was im Einzelnen damals vorfiel, hätte er es dir an jenem Tag gezeigt, als er Kontakt zu dir herstellte. Doch das tat er nicht. Außerdem sagtest du, er hätte dir versprochen, sich zu gegebener Zeit wieder bei dir zu melden. Und ich denke, diese Zeit ist jetzt gekommen."

„Der Captain hat Recht, Leo", sagte Mike zu seinem Bruder. „Willst du nicht versuchen, Jolran zu erreichen? Er könnte uns hier sehr behilflich sein."

Leo sah seinen Bruder für einen Moment schweigend an und überlegte. Dann löste er sich sanft aus Kendrix' Halt und hob die rechte Hand. Mit einem Aufblitzen an rotleuchtender Energie erschien sein Quasarschwert in seiner Hand. Leo sah das Schwert für einen Moment sinnend an, als Erinnerungen ihn überfluteten, wie er es als Jolran vor vielen Jahrtausenden geführt hatte. Doch dann drängte Leo diese Erinnerungen zurück und konzentrierte sich.

Er schloß die Augen und versuchte, Jolran zu rufen. In gewisser Weise war es so ähnlich, als wenn er mit Mike auf ihrer emphatischen Basis kommunizierte. Doch in jenen Fällen brauchte sich Leo nicht dazu zu konzentrieren, es geschah ganz natürlich.

Leo begann, sich vorzustellen, wie Jolran ausgesehen hatte bei ihrem ersten – und bisher einzigen – Treffen damals, im Wald auf Mirinoi. Je klarer das Bild wurde, desto sicherer fühlte sich Leo, daß er eine Chance hatte, Jolran zu erreichen.

Und wirklich, auf einmal schien das Bild, welches Leo aus seinen Erinnerungen geschaffen hatte, ihn anzusehen und zu nicken. Leo spürte die Erleichterung über sich hinwegspülen, daß es ihm gelungen war. Mike hatte Recht, Jolran würde zur Klärung der Vision sicher beitragen können. Als Leo die Augen wieder öffnete, starrten ihn zwölf Augenpaare fragend an. Mike stand inzwischen an seiner Seite und stützte Leo, als diesem auf einmal schwindlig von der Anstrengung wurde.

Auf einmal begann das rote Quasarschwert in Leos Hand zu erglühen und silbriger Rauch löste sich von der Klinge. Wie gebannt starrten alle darauf, doch als der Nebel sich wieder verzog, war der Raum außer den Rangers und Captain Mitchell noch immer leer. Jedenfalls für alle außer Leo, der auf einmal sehr erleichtert wirkte.

„Jolran, zum Glück!", rief er aus.

„Ich freue mich auch, dich wiederzusehen, mein junger Freund", antwortete ihm der alte Magier freundlich lächelnd.

„Darf ich Euch meine Freunde vorstellen?", meinte Leo und trat zu der Gruppe seiner Gefährten. Als er diese jedoch ansah, bemerkte er die Verwirrung in ihren Gesichtern.

„Freunde?", fragte Leo stirnrunzelnd.

„Leo, ist er hier? Ist Jolran hier in diesem Raum?", erkundigte sich Kai bei seinem Freund.

„Aber ja, natürlich. Seht ihr ihn denn nicht?", erwiderte Leo erstaunt. Er erntete reihum Kopfschütteln von ihnen und wandte sich, Erklärung heischend, an den Magier. „Jolran, warum können sie Euch nicht sehen?"

Der Angesprochene sah Leo an und meinte: „Wie ich dir damals erklärte, Leo, sind wir beide über das Quasarschwert miteinander verbunden. Das ist auch der Grund, warum du mich eben erreichen konntest. Doch diese Verbindung habe ich leider nicht zu deinen Freunden und darum ist es ihnen nicht möglich, meine Erscheinung wahrzunehmen."

„Ich verstehe", meinte Leo. Doch er wirkte unzufrieden mit der Situation.

Seinen Freunden bot sich ein etwas unwirkliches Bild, wie Leo anscheinend mit der Luft sprach, doch Mike konnte eine neue Präsenz im Raum spüren. Maya erging es ebenso und die Beiden nickten einander zu.

Leo sprach den Geist Jolrans erneut an. „Ist es nicht irgendwie möglich, daß Ihr auch für meine Freunde sichtbar werdet? Wir haben einiges mit Euch zu besprechen und es wäre sehr umständlich, wenn nur ich Euch dabei sehen könnte."

„Das wäre es in der Tat", stimmte der Magier zu und überlegte kurz. Dann schien ihm etwas einzufallen und er sagte zu Leo: „Gib mir deine Hand und konzentriere alle deine Gedanken auf mich. Ich werde versuchen, deine Verbindung zu deinen Freunden zu nutzen, um für sie sichtbar zu werden."

Leo wirkte überrascht, aber er war einverstanden. Auf die Gestalt des Magiers zutretend, streckte er diesem die rechte Hand entgegen und schloß erneut die Augen. Tiefe Konzentration stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er alle Gedanken auf den Zauberer richtete. Plötzlich erschien um Leos Gestalt eine rotschimmernde Aura, die sich immer weiter verstärkte. Die Freunde hielten gebannt den Atem an, als die Luft neben Leo auf einmal zu wabern anfing und sich Umrisse aus dem Nichts zu formen begannen.

Stärker und stärker traten die Umrisse eines Mannes in fremdartiger Kleidung hervor, bis schließlich Jolrans Gestalt auch für Leos Freunde und Captain Mitchell sichtbar war. Er war noch immer durchsichtig, doch schließlich hatten sie es hier auch mit einem Geist zu tun – dem Geist eines großen Magiers aus einem Jahrtausend, welches weit zurücklag.

Leo öffnete seine Augen wieder und lächelte, als er an den Gesichtern der Rangers erkannte, daß es ihnen gelungen war.

Der Magier an seiner Seite trat noch einen Schritt auf ihn zu und sagte dann: „Deine inneren Kräfte sind beeindruckend, mein junger Freund. Ebenso wie die Stärke deiner Verbindung zu ihnen." Damit wies Jolran auf Leos Freunde. In Leos Augen blitzte es dankbar auf, doch er sagte nichts dazu. Vielmehr trat er erneut auf die Gruppe seiner Gefährten zu und meinte: „Jetzt, wo alle Euch wahrnehmen können, möchte ich sie Euch auch vorstellen."

Leo trat zu jedem seiner Freunde und nannte Jolran ihre Namen. Als er auch Captain Mitchell vorgestellt hatte, verbeugte sich der Magier vor ihnen. „Ich danke dir. Mein Name ist Jolran Arion ap Drusten, d'Ran der verlorenen Welt von Sylistair und Beschützer von Antares sowie Hüter und Miterschaffer der heiligen Quasarschwerter." Jolran lächelte. „Aber bitte, nennt mich einfach Jolran."

Schweigen antwortete ihm und Leo sah seine Freunde lächelnd an. Er konnte ihnen nachfühlen, daß sie tief beeindruckt waren von Erscheinung und Ausstrahlung des Magiers. Auch er hatte schon bei ihrem ersten Treffen große Hochachtung empfunden, doch nun, da er um die Gefühle und Gedanken des Zauberers wußte, fühlte er sich ihm noch enger verbunden. Doch Leo hatte auch erkannt, daß seine Freunde, die nicht über seine Erfahrungen – zum Glück, seufzte Leo innerlich – mit Jolrans Vergangenheit verfügten, einige Minuten brauchten, um sich auf diesen einzustellen.

Auch der Magier schien vollstes Verständnis zu haben und nutzte die Zeit, sich in dem Besprechungsraum umzusehen. Für ihn war dieses Jahrhundert, ja sogar dieses Jahrtausend, vollkommen fremd. Er mußte sich ziemlich fehl am Platze vorkommen, dachte Leo für einen Augenblick, als er Jolran beobachtete. Doch dann verwarf Leo diesen Gedanken wieder und bot Jolran seinen Sessel an, damit er Platz nehmen konnte.

Diese Geste erweckte den Rest der Rangers aus ihrem Staunen und sie alle gingen langsam auf den Tisch zu, damit auch sie sich wieder setzen konnten. Leo dagegen blieb am Fenster stehen und sah für eine Weile sinnend hinaus.

Jolran spürte, daß den jungen Mann, der in ihm solch starke Erinnerungen an seine eigene Jugend weckte, etwas sehr beschäftigte. Er wirkte aufgewühlt, erschüttert und doch gleichzeitig stark und entschlossen.

Noch einigen Minuten sprach der Magier Leo an.

„Nun, mein junger Freund, so treffen wir uns also wieder. Ich nehme an, daß ihr es geschafft habt, die dunkle Kraft, gegen die ihr so lange schon gekämpft habt, endgültig zu besiegen. Ist es so?"

Leo drehte sich zu Jolran um und wirkte für eine Sekunde verwirrt. Doch dann blitzte Verstehen in seinen tiefgrünen Augen auf und er erwiderte: „Trakeena? Ja, wir haben sie besiegt."

Jolran fuhr fort, als Leo wieder verstummte: „Doch euer Sieg über sie ist nicht der Grund, warum du mich gerufen hast, nicht wahr? Was ist geschehen, daß du meine Hilfe suchst?"

Leo wandte seinen Blick wieder nach draußen und schien kurz mit sich zu ringen. Seine Freunde blieben stumm, denn sie fühlten, daß Leo Jolran selbst berichten mußte, was ihm widerfahren war. Leos Stimme klang leise, als er sagte: „Damals, auf Mirinoi, habt ihr mir einen Blick in die Vergangenheit gewährt. In die Zeit, als Ihr Antares verteidigt habt. Ihr wolltet damals, daß ich erfahre, warum uns die Quasarschwerter als Träger wählten. Wozu meine Freunde und ich damit auserkoren wurden."

„Ja, das tat ich", stimmte der Magier ernst zu. „Ich halte euch für die richtige Wahl, um den Kampf fortzuführen, der vor so vielen Jahrtausenden seinen Anfang nahm. Doch ihr solltet selbst entscheiden, ob ihr diese Aufgabe übernehmen wolltet, denn wenn ihr es tut, dann in dem Wissen über die Konsequenzen eurer Wahl. Darum zeigte ich dir Bilder des Kampfes auf Antares gegen das Böse, welches über uns hereinbrach. Solltet ihr zustimmen, mußtet ihr bereit sein für den Tag, an dem es wieder erscheinen würde. Dem Tag, auf den ich Jahrhunderte lang in dem roten Quasarschwert gewartet hatte, um die neuen Träger der Schwerter warnen zu können. " Der Magier verstummte.

Leo seufzte leise und seine Schultern sanken herab. Doch schon wenig später straffte sich seine hohe Gestalt und er drehte sich zu Jolran herum. In Leos grünen Augen schimmerte großes Mitgefühl, als er zu dem Magier sagte: „Doch Ihr habt mir an jenem Tag nur das gezeigt, was an Fakten nötig war, um diese Entscheidung treffen zu können. Alles Andere habt ihr vor mir verborgen."

Leo kam mit langen Schritten auf Jolran zu und hockte sich vor diesem hin, damit ihre Augen auf gleicher Höhe waren. Seine Stimme klang sanft und traurig zugleich, als er fortfuhr: „Es tut mir so leid, was damals geschah. Ich wünschte, ich hätte Euren Freunden und Euch zur Seite stehen können. Ihr alle zahltet einen hohen Preis für den Schutz, den Ihr Antares angedeihen ließet." Damit senkte Leo den Kopf.

Jolran sah vollkommen verwirrt aus, als er zu verstehen versuchte, was Leo ihm sagen wollte. Doch auf einmal ging ein Ruck durch seine Gestalt und er rief erstaunt aus: „Du weißt davon mehr, als ich dir zeigte, nicht wahr? Du hast gesehen, was geschah! Aber wie ist das möglich?"

Als Leo den Kopf wieder hob, glänzten in seinen Augen Tränen und er schien sich ihrer nicht zu schämen. Vielmehr nickte er zustimmend, doch kein Wort entrang sich seiner Kehle. Auf einmal stand Mike neben seinem Bruder und legte diesem tröstend die Hand auf die Schulter. Leo griff danach, blieb jedoch stumm.

So wandte sich Mike an Jolran, der Leo geschockt ansah. „Ja, mein Bruder hat in einer Vision erlebt, was Euch – und vor allem Euren Freunden – damals widerfuhr. Er fühlte die Schmerzen und die Schrecken, welche Euch quälten. Auch ich kann nur sagen, es tut mir leid, daß Euer Kampf so tragisch enden mußte. Wir hätten Euch gern geholfen."

Jolran sah die anderen Rangers der Reihe nach an und konnte in jedem der Gesichter erkennen, daß sie Mike aus tiefstem Herzen zustimmten. Mitgefühl und Verständnis, aber auch große Trauer lag in ihren Blicken.

Damit hatte Jolran nicht gerechnet. Sie schienen alle noch so jung, so unschuldig – und doch konnten sie sich so gut in seine damalige Situation einfühlen. Er glaubte ihnen, daß sie geholfen hätten, wäre es ihnen damals möglich gewesen. Obwohl jener Kampf lange bevor sie überhaupt zur Welt gekommen waren, gefochten worden war, nahmen sie doch Anteil an seinem Geschick.

Vor allem Leo, erkannte Jolran. Noch immer standen Tränen in den Augen des jungen Mannes und Jolran spürte, daß sein Mitgefühl am größten war. Aber er hatte schließlich auch am eigenen Leib erfahren müssen, wie grausam es in jenem Krieg zugegangen war. Daß Leo sich so gut in ihn hineinversetzen konnte, war erstaunlich. Aber vielleicht war es gerade das, was Leo so besonders machte. Seine Anteilnahme am Geschick eines Fremden, der ihn vielleicht zu einem ähnlichen Schicksal verdammte...

Jolran entspannte sich; er hatte gar nicht bemerkt, wie verkrampft er angesichts der Neuigkeiten gewesen war. Dann faßte er nach Leos Händen, blickte diesen und dessen Freunde aus seinen weisen Augen an und sagte mit seiner freundlichen Stimme: „Ich danke euch für euer Mitgefühl. Vor allem dir, mein junger Freund", wandte sich Jolran sich wieder an Leo, „habe ich zu danken. Ich hielt dieses von dir fern, als ich dir auf Mirinoi unseren Kampf zeigte, da ich dich nicht mit meinen Gefühlen belasten wollte. Für die Entscheidung wären sie nicht ausschlaggebend, meinte ich. Und ich wäre auch gar nicht in der Lage gewesen, diese Gefühle in dir zu wecken – diese Macht habe ich nicht. Zum Glück, meine ich, denn daß du den Schrecken von damals miterleben mußtest, war nicht von mir beabsichtigt. Es tut mir sehr leid."

Der Magier legte eine Hand auf Leos Schulter und sah diesem tief in die Augen. „Es steckt noch mehr in dir, als ich glaubte. Du hast eine Gabe, mein Freund, eine seltene Gabe. Fühlen zu können, was jemand Anderer empfindet, kann eine Fähigkeit sein, mit der man viel Gutes bewirken kann. Doch sie kann auch ebenso zu einer Belastung werden, denn die Schmerzen eines Freundes zu ertragen ist manchmal mehr, als man aushalten kann."

Jolran sah auf und bemerkte den Blick, mit dem Mike ihn ansah. Der Magier streckte die rechte Hand nach Mike aus und als dieser danach griff, zog er den Älteren der Corbett-Brüder näher zu sich heran. „Du bist seine Familie", damit wies Jolran auf Leo, der seinen Bruder und den Zauberer beobachtete und in dessen Mundwinkeln jetzt ein liebevolles Lächeln erschien, „und sein Schutzschild gegen drohende Gefahr." Als Mike Jolran voller Staunen darüber anblickte, was dieser über ihn und Leo zu wissen schien, konnte der Magier ein Lächeln nicht verbergen.

„Du brauchst nicht so erstaunt zu sein. Es ist offensichtlich – eure Ähnlichkeit nicht nur äußerlich. Auch du besitzt diese Gabe – die Empfindsamkeit Anderen gegenüber. Sie ist bei dir nicht ganz so stark ausgeprägt wie bei deinem Bruder, doch untereinander habt ihr mit ihr etwas erschaffen... Eure Verbindung zueinander – ich kann sie deutlich spüren, fast sogar sehen, so stark ist sie. Ihr nutzt eure Gabe rein instinktiv und nur auf der Basis eurer Gefühle füreinander."

Jolran musterte Mike für einen Moment aus seinen weisen Augen, dann nickte er und lächelte Mike voller Güte an: „Im Gegensatz zu deinem Bruder hast du den Großteil deiner Kraft und inneren Stärke dafür reserviert, ihn zu beschützen und vor jedwedem Unglück zu bewahren. Damit gabst du ihm die Gelegenheit, seine eigenen Talente – die Fähigkeiten, die in ihm schlummerten – zu entdecken. Doch anscheinend haben wir alle noch unterschätzt, was in Leo darauf wartet, geweckt zu werden." Damit warf Jolran Leo einen Blick zu, der verständnislos zurückschaute.

Mike dagegen lächelte nur. Er hatte schon immer gewußt, daß Leo Großes bevorstand – er dazu ausersehen war, Anderen zu helfen. Daher hatte Mike schon vor vielen Jahren beschlossen, auf Leo achtzugeben, damit dieser seinem Schicksal folgen konnte und den Menschen um ihn herum Gutes tun konnte.

Jolran erhob sich aus seinem Sessel und trat auf Leo zu, der wieder zum Fenster zurückgewichen war. Dort stand er inmitten des Lichtes, welches durch das Fenster einfiel und als Jolran ihn so betrachtete... Auf einmal schien es dem Magier, als sähe er eine Aura um Leo herum, die ihm vorher nicht aufgefallen war. Jolran konnte Leos innere Stärke wahrnehmen und eine große Macht, welche diesem innewohnte und darauf gewartet hatte, befreit zu werden.

Während Jolran Leo beobachtete, schien sich auch dessen Kleidung zu verändern – statt der Jeans und der Lederjacke über dem roten Shirt trug Leo Kleidung, die aus einer anderen Welt zu stammen schien. Alles, von den weichen kniehohen Stiefeln über die Tunika bis hin zu dem langen Mantel, den er mit lässiger Eleganz trug, war in warmen Rottönen gehalten. An seiner Seite hing ein großes Schwert, welches ebenfalls rot schimmerte. All das vermittelte den Eindruck, als wäre Leo von einer Aura aus Feuer umhüllt.

Und in der Hand hielt er etwas... Jolran konnte nicht genau erkennen, was es war, doch es strahlte Kraft aus – eine Kraft, die Leo zur Verfügung stand und die dieser dazu einsetzte, Andere zu schützen.

Dann verblaßte die Vision, ebenso rasch wie sie gekommen war und Jolran fand sich Auge in Auge mit besorgten Gesichtern. Leo stand vor ihm, neben ihm sein Bruder. Jolran straffte seine Gestalt und als die Geschwister bemerkten, daß er in die Realität zurückgekehrt war, atmeten sie sichtlich auf.

„Was ist geschehen, Jolran? Geht es Euch wieder gut?", fragte Leo dennoch besorgt.

Der Magier hob die Hand, um ihn zu beschwichtigen. „Mit mir ist alles in Ordnung, macht euch keine Sorgen. Es ist nur schon sehr lange Zeit her, daß sich mir die Gabe der Weissagung offenbarte." Mit diesen Worten setzte sich Jolran wieder in den Sessel, aus dem er kurze Zeit vorher aufgestanden war, um zu Leo an das Fenster zu treten. Was er auch dabei im Sinn gehabt hatte, es war Jolran entfallen. Vielmehr beschäftigte ihn, was er gesehen hatte.

Das Schwert an Leos Seite... Und die Kleidung, die er trug – all das weckte Erinnerungen in Jolran. Erinnerungen an Geschichten, die selbst zu seiner Kindheit schon Legenden gewesen waren. Mythen, die man den Kindern erzählte, um sie zu unterhalten. Sagen aus einer Zeit, in der man alle Hoffnung gebraucht hatte, um zu ertragen, was mit einem geschah. Einer dunklen Zeit. In einer solch verzweifelten Lage hatte es doch immer auch Hoffnung gegeben – Hoffnung durch das Wissen, daß es jemanden gab, der den Menschen in ihrer Verzweiflung zu Hilfe eilte und ihnen Unterstützung gewährte.

Doch das waren Legenden. Seit Jahrtausenden hatte niemand mehr von der heiligen Macht der Wächter gehört. Kaum jemand wußte noch, daß es sie jemals gegeben hatte. Und wenn, dann wurden sie in das Reich der Legenden verbannt. Sollte es nun soweit sein, dies zu widerlegen? Würden die Wächter auferstehen?

Jolran sah auf und blickte Leo aus seinen weisen Augen sinnend an. Dieser trat sichtlich unbehaglich angesichts der Musterung auf den Magier zu und beugte sich vor, als er zu Jolran sagte: „Was habt Ihr, Jolran? Habt Ihr etwas gesehen?"

Der Angesprochene blickte tief in Leos smaragdgrüne Augen, in denen sich Erfahrungen, Ehrlichkeit und viel Gefühl spiegelten. Konnte es sein? Konnte Leo wirklich einer der Wächter sein?

Jolran seufzte auf und lehnte sich in den Sessel zurück. Dann antwortete er auf Leos Frage. „Ja, mein Freund, ich habe etwas gesehen. Doch das, was ich sah", kam er den Fragen der Rangers zuvor, „ist nur eine Möglichkeit der Zukunft. Jede Entscheidung, die einer von uns trifft, jede Lösung, die man für ein Problem anbietet, kann diese Zukunft so sehr verändern, daß sie nicht mehr der entspricht, die ich eben sah."

Verwirrung stand in den Gesichtern geschrieben, die sich um Erklärung bittend an ihn wandten. Keiner der jungen Leute wußte so genau, worauf Jolran hinauswollte. Doch dann ergriff Kai das Wort: „Wollt Ihr damit sagen, daß Ihr zwar wißt, was geschehen kann – aber nicht sicher seit, daß es eintreffen wird? Ist es das?"

Jolran schmunzelte und nickte. „Genau so ist es. Ich sehe schon, das wäre nichts für dich", fügte er noch hinzu, als er Kais unzufriedenen Gesichtsausdruck bemerkte. Dessen Freunde grinsten, denn inzwischen wußten sie alle, wie sehr er es verabscheute, keine Strategie zu haben, die man ausführen konnte. Ungewisses machte Kai nervös. Nicht genau zu wissen, was er tun sollte, konnte ihn sogar richtig verärgern.

Schweigen breitete sich aus, doch schließlich erhob sich Jolran erneut und ging auf Leo zu, bis er genau vor ihm stand. Sie beide waren fast von gleicher Höhe, was den Magier zu einem großen Mann machte. Jolran seufzte leise und sagte dann zu Leo: „Wie schon gesagt, die Zukunft entsteht durch die Entscheidungen, die wir treffen. Und nun stelle ich dich vor eine solche Wahl."

Leo blinzelte überrascht und Mike trat raschen Schrittes auf ihn zu, denn er wollte seinem Bruder alle Unterstützung zukommen lassen, die er benötigte. Und wenn es nur seine Anwesenheit war, die Leo half, sich zu entscheiden.

„Was soll ich entscheiden, Jolran?", fragte Leo den Zauberer. Dieser nickte vor sich hin und lächelte sanft, als hätte Leo damit schon eine Wahl getroffen.

Dann sagte er: „Als ich auf Antares lebte, vor nun schon so langer Zeit, gab es auf dort Geschichten über eine große Macht. Niemand wußte Genaues, da sie nur noch in den Legenden Erwähnung fand. Doch ich hatte mich schon immer gern mit Sagen befaßt, denn aus ihnen konnte man viel über die Vergangenheit – aber auch für die Zukunft – lernen.

Durch diese Mythen und Legenden erfuhr ich, daß vor Jahrtausenden – in einem dunklen Zeitalter – es sogenannte Wächter gegeben hatte, die Antares und viele weitere Welten mit ihrer Macht beschützten. Viele Kämpfe fochten sie für das Gute, schützten die, welche ihre Hilfe erflehten.

Doch Jahrhunderte vergingen und als bessere Zeiten kamen, wurden sie weniger und weniger benötigt – und verschwanden. Und gingen schließlich in die Legenden ein. Niemand glaubte mehr daran, daß sie jemals wirklich existiert hatten. Doch Antares war ihre Heimatwelt, der Ausgangspunkt für ihre Reisen gewesen." Jolran verstummte und auch die Freunde schwiegen, um zu verarbeiten, was sie gehört hatten.

Doch dann erklang Leos Stimme. „Ihr möchtet, daß ich danach suche?"

Alle Blicke wandten sich Leo zu und Jolran nickte. „Ja, so ist es, mein junger Freund. Was ich sah, deute ich dahingehend, daß es dir möglich sein könnte, diese Macht ausfindig zu machen. Mit der Hilfe der Macht eines Wächters wäre der Kampf gegen die Bedrohung, die dem Universum jetzt wieder einmal bevorsteht, sehr viel aussichtsreicher. Die Chancen wären größer, verstehst du?"

Leo nickte, doch dann richtete Mike eine Frage an Jolran, welche die Hoffnung, die schon in den Rangers gekeimt hatte, fast wieder zerstörte. „Aber Ihr sagtet, die Heimatwelt jener Wächter wäre Antares. Wie sollten wir schnell genug dorthin gelangen – selbst wenn wir wüßten, wo Antares liegt und ob diese Welt überhaupt noch existiert?"

Jolran blickte Mike lächelnd an. „Deine Worte zeugen von großer Weisheit, doch dies ist nicht das Problem, das sich stellt. Antares existiert noch, ich habe mich davon überzeugt. Und die Frage des Transports – nun, mit Hilfe der Macht, die ich noch besitze, wäre ich in der Lage, euren Freund dorthin zu transportieren. Aber nur ihn", kam Jolran der nächsten Frage gleich zuvor, „denn wie schon erwähnt, besitze ich nur zu Leo eine Verbindung, die stark genug ist. Und ich habe nur ihn in meiner Vision gesehen... Doch es ist seine eigene Entscheidung, ob er auf diese spirituelle Reise gehen will."

„Eine spirituelle Reise?" Joel klang jetzt richtig verwirrt und machte daraus auch keinen Hehl.

„Ja, die Suche nach der Macht der Wächter ist eine Suche nach der eigenen Kraft. Denn nur die inneren Werte einer Person können es ihm ermöglichen, Zugriff auf diese Macht zu nehmen", erklärte Jolran.

Er wandte sich wieder Leo zu und fügte hinzu: „Solltest du diese Reise unternehmen wollen, werden sich dir Hindernisse in den Weg stellen. Man wird dich auf vielerlei Art und Weise prüfen, um herauszufinden, ob du würdig bist. Aber ich glaube", lächelte Jolran, „daran besteht kein Zweifel. Du hast ein mitfühlendes Herz, junger Freund. Das ist schon eine Gabe, die nicht jedem vergönnt ist und sie ist Voraussetzung dafür, bereit zu sein, andere Wesen zu beschützen. Ich glaube, daß du es schaffen kannst. Doch es ist deine Entscheidung. Überlege gut, denn von ihr hängt vielleicht dein Leben ab." Mit diesen Worten trat der große Magier von Leo zurück und nahm erneut in dem Sessel Platz, um Leo Zeit zu geben. Er wußte, diese Entscheidung benötigte Überlegung, ein Abwägen der Vor- und Nachteile sowie einer gefühlsmäßigen Wahl.

Die Stille in dem Raum wurde mit den Sekunden, die verstrichen, immer spannungsgeladener. Leo stand am Fenster und blickte hinaus. Doch er sah nicht, was sich seinem Auge darbot. Vielmehr stiegen aus seinem Gedächtnis die Bilder von den Kämpfen auf, die er gemeinsam mit seinem Bruder und seinen vier Freunden gefochten hatte – gegen die vielen Monster, gegen die sie Terra Venture verteidigt hatten, gegen Trakeena...

Er erinnerte sich an die Schmerzen, die sie hatten erleiden müssen, die Verletzungen, die seine Freunde sich in den Kämpfen gegen heimtückische Gegner zugezogen hatten...

All das stand vor Leos innerem Auge, doch dann schoben sich auch wieder die Bilder von Jolrans Gefährten in seine Überlegungen. Und damit war Leos Entscheidung gefallen. Wenn er mit seiner Suche verhindern konnte, daß etwas Ähnliches noch einmal geschah... Wenn er damit seine Freunde und seinen geliebten Bruder besser schützen konnte – dann würde er sich jeder Prüfung stellen, die auf ihn warten mochte.

Als Leo sich hocherhobenen Hauptes umwandte, wußte Mike sofort, wofür sein Bruder sich entschieden hatte. Innerlich hatte er es eigentlich von dem Augenblick an gewußt, wo Jolran davon gesprochen hatte, wieviel Gutes die Macht der Wächter bewirken konnte. Leo war schon immer bereit gewesen, Gefahren auf sich zu nehmen, wenn er damit die ihm Anvertrauten besser schützen konnte.

Stolz wallte in Mike auf, begleitet von Sorge, aber auch tiefer Liebe. Einen Moment wünschte er sich aus tiefstem Herzen, seine Eltern würden hier sein und könnten erleben, was aus Leo geworden war. Mike wußte, sie wären überaus stolz gewesen – so, wie er es war.

Leo blickte Mike an und fühlte, daß Mike wußte, wofür er sich entschlossen hatte. In den braunen Augen seines Bruders schimmerte ein wenig Angst um ihn, doch das sanfte Lächeln, daß in seinen Mundwinkeln saß, kündete auch von seiner Zustimmung. Leo war befreit, denn er brauchte die Unterstützung seines Bruders in diesem Fall – wenn auch nur moralisch. Gegen den Willen seines älteren Bruders gehen zu müssen, hätte ihn sehr belastet. Doch so erwiderte er Mikes stilles Lächeln und wandte sich dann Jolran zu.

„Ich werde es versuchen."

Der Magier blickte auf und sah Leo sinnend an. Dann meinte er zu dem Roten Galaxy Ranger: „Deine Entscheidung ist wohlüberlegt, sehe ich. Das ist gut so, denn weitreichende Entscheidungen sollte man nicht leichtfertig treffen. Wenn du bereit bist, kann ich dich jederzeit nach Antares senden. Ich will nicht hetzen, aber du weißt, die Zeit drängt. Der Gegner ist schon auf dem Weg."

Leo nickte nur schweigend und sah seine Freunde an. Diese hatten still auf ihren Plätzen gesessen, doch auch ihnen war klargewesen, daß Leo diese Chance auf eine bessere Verteidigung nicht ungenutzt lassen würde. Und doch hieß das nicht, daß sie sich nicht beklommen fühlten. Leo war kaum wieder gesund und schon wartete die nächste Prüfung und vielleicht auch Schmerz auf ihn auf dem Weg zu der Macht der Wächter. Sie würden ihm wieder nicht helfen können, was die Rangers am meisten belastete. Wieder würde er sich den Gefahren alleine stellen müssen.

Ryan erhob sich aus seinem Sessel und trat langsam auf Leo zu. Er sah ihn eine Minute schweigend an, dann umarmte er Leo fest und flüsterte ihm ins Ohr: „Bitte, sei vorsichtig. Ich möchte meinen Freund nicht verlieren." Damit trat er zurück und machte Platz für Chad und Kelsey, die nun Leo ihre Wünsche mit auf die Reise gaben. Kelsey drückte Leo an sich und sagte: „Paß auf dich auf." Chad fügte noch hinzu: „Komm bald zurück, Leo. Wir werden auf dich warten."

Joel streckte Leo die Hand entgegen, die dieser kräftig drückte. Ungewohnt ernst meinte der Grüne Lightspeed Ranger: „Ja, laß dir nicht zuviel Zeit, ok? Warten liegt mir nicht so – vor allem nicht das Warten auf die Rückkehr eines Freundes. Also beeil dich bitte."

Dana und Carter traten Leo Seite an Seite entgegen, was diesem ein weiches Lächeln entlockte. Dana umarmte Leo wie vorher ihr Bruder und sagte: „Gib auf dich acht." Carter nickte zustimmend zu ihren Worten und fügte hinzu: „Du wirst es schaffen, Leo. Daran glaube ich."

Als Nächster stand Captain Mitchell vor ihm und schüttelte Leo die Hand. Die Augen des älteres Mannes blickten Leo freundlich an und er sagte: „Unsere Hoffnungen begleiten dich. Viel Glück auf deiner Reise."

Dann war es Zeit, daß sich Leo auch von seinem Team verabschiedete.

Damon war der Erste, der langsamen Schrittes auf ihn zukam. Auch sein Gesicht, welches sonst stets ein Grinsen trug, war sehr ernst. „Mann, das ist nicht fair, daß wir dich nicht begleiten können, Leo. Doch wie Carter sagte – wir glauben an dich. Du wirst das schaffen." Damit umarmte Damon Leo kurz, aber fest und trat dann wieder zurück.

Sein Platz wurde eingenommen von Maya, die vor Leo stehenblieb und aus ihren dunklen Augen zu diesem aufsah. „Mögen die guten Geister dich schützen und leiten, Leo. Ich bete dafür, daß sie dich vor Gefahren bewahren und deinen Weg sicher machen", erklang ihre sanfte Stimme.

Leo lächelte dankbar angesichts dieses Wunsches – einer Art Segnung, die in Mayas Volk denjenigen mit auf den Weg gegeben wurden, die sich auf eine lange Reise begaben. Maya wollte schon zurücktreten, doch dann lief sie plötzlich auf Leo zu und schlang ihre Arme um dessen Gestalt. Leo erwiderte die Umarmung sanft und kurz darauf hatte Maya sich wieder gefangen.

Kai war der Nächste. Leo sah seinem zurückhaltenden Freund entgegen und fragte sich für einen Moment, was Kai wohl sagen würde. Doch er hatte nicht damit gerechnet, daß Kai ihn in seine Arme schließen würde. Sein Freund flüsterte ihm zu: „Unser Gedanken sind immer bei dir, Leo. Vergiß nie, daß wir bei dir sind, auch wenn du uns nicht siehst. Gute Reise, mein Freund."

Und damit ließ Kai seinen Anführer los und trat hastig in den Hintergrund. Leo sah ihm sprachlos nach, doch dann legte sich ein Lächeln in seine Mundwinkel und in seinen Augen schimmerte es feucht. Nur Kai und er selbst wußten, welche Gefühle Kai damit zum ersten Mal ausgesprochen hatte. Für dieses Geschenk war Leo ungemein dankbar und er würde es für immer an einem ganz besonderen Platz in seinem Herzen verwahren.

Nun waren nur noch Kendrix und Mike übrig, sich von Leo zu verabschieden.

Kendrix kam langsamen Schrittes auf Leo zu und legte ihre Arme um dessen schlanke Gestalt. Sie zitterte ein wenig, doch sie nahm sich zusammen. Sie wußte, sie durfte jetzt nicht schwach werden und Leo unter Tränen bitten, zu bleiben. Es würde ihren Freund nur belasten und das konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Darum lächelte sie ihn tapfer an. Leo hatte sie jedoch durchschaut, doch er war dankbar für ihre Stärke, denn ebenso wie Kendrix wußte er, daß er hin- und hergerissen gewesen wäre, hätte sie ihn zum Bleiben bewegen wollen.

Leo senkte den Kopf zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich liebe dich. Mach dir bitte keine allzu großen Sorgen, ja? Ich bin bald zurück, daß verspreche ich dir." Kendrix lächelte ihren Freund an, doch nun schimmerten doch Tränen in ihren Augen.

Sie hob die Hand an ihr Gesicht, um sie wegzuwischen. Doch Leo kam ihr zuvor. Zärtlich wischte er ihr die Tränen von den Wangen, dann gab er ihr einen liebevollen Kuß. Seine Augen strahlten sie voller Liebe an, so daß Kendrix wußte, er würde alles dafür tun, sein ihr gegebenes Versprechen einzulösen. Er würde gut auf sich achtgeben, denn er wurde sehnlichst erwartet.

Sanft und sichtlich voller Widerwillen löste sich Kendrix aus Leos Umarmung. Kaum spürte sie seine Arme nicht mehr um sich, fröstelte sie und fühlte sich auf einmal schrecklich allein. Maya trat zu ihr und legte den Arm um ihre Schultern.

Die beiden Mädchen liebten Leo beide sehr, doch jede auf ihre Art. Während Kendrix Leo als den Mann liebte, mit dem sie ihr weiteres Leben verbringen wollte, war er in Mayas Gefühlswelt der Bruder, den sie nie gehabt hatte. Eine Stütze, an die man sich in Krisenzeiten jederzeit anlehnen konnte. Jemand, der sie niemals im Stich lassen würde und auch dann zuhörte, wenn ihre Probleme gering und unbedeutend erschienen. Leo war stets bereit, zu helfen – und wenn er das tun konnte, indem er schweigend dasaß und einfach nur zuhörte, stellte dies für ihn keine Belastung dar. Diese Erfahrung hatte Maya schon sehr bald nach ihrem ersten Treffen mit Leo und ihren anderen Freunden gemacht und es vermittelte ihr immer ein Gefühl des Geborgenseins.

Leo ging nun die wenigen Schritte auf Mike zu, welche die zwei Brüder voneinander trennten. Bei diesem angekommen, streckte er schweigend die rechte Hand aus, welche Mike sofort ergriff. Die Zwei sahen sich einen Moment in die Augen und keiner von ihnen sprach ein Wort. Sie brauchten keine Worte, denn ihre Verbindung zueinander war so stark, daß bloße Worte überflüssig waren. Worte konnten nicht ausdrücken, was sie auf ihrer emphatischen Ebene miteinander verband. Als Mikes Amulett plötzlich blauschimmernd aufleuchtete, tat es ihm das Medaillon an Leos Hals in weichem rotem Licht gleich. Einige Sekunden später ließ Leo Mikes Hand los und lächelte seinen großen Bruder an.

Dann trat er auf Jolran zu, der die ganze Zeit schweigend dagestanden hatte und gerührt den Abschied seines Nachfolgers als Träger des roten Quasarschwertes von seinen vielen Freunden beobachtet hatte. Jolran konnte spüren, wieviel Leo ihnen bedeutete, wie sehr sie sich wünschten, ihn begleiten zu dürfen.

Wie sie ihn jetzt schon vermißten, obwohl er noch nicht einmal weg war...

All das sagte nach der Meinung des Magiers sehr viel über den Charakter des jungen Mannes aus. Wenn er fähig war, so verschiedene Persönlichkeiten in Freundschaft und Liebe an sich zu binden, mußte er ein warmes Herz und eine reine Seele besitzen.

Doch nun war es Zeit, daß Leo sich auf die Reise machte. Jolran sah Leo fragend an und bekam ein zustimmendes Nicken als Antwort. Doch bevor er diesen nach Antares schickte, mußte ihm Jolran noch etwas sagen. „Du hast einen schwierigen Weg gewählt, mein junger Freund und ich muß dir gestehen, daß er wahrscheinlich noch komplizierter werden wird, als du – als ihr alle – gedacht habt. Denn du wirst deine Waffen und den Verwandler hier zurücklassen müssen." Leo hob nur fragend die Augenbrauen und wartete auf eine Erklärung, doch seine Freunde reagierten erschrocken.

Kai rief entsetzt aus: „Aber dann wird Leo dort ja überhaupt keinen Schutz haben!" Die anderen Rangers nickten erregt und einige von ihnen traten raschen Schrittes auf Jolran zu. Dieser hob jedoch beschwichtigend die Hand und hielt Leos aufgeregte Freunde damit auf.

„Ich verstehe, daß ihr beunruhigt seid, aber so sind nun einmal die Regeln. Wer sich auf die Suche nach der heiligen Macht eines Wächters begibt, muß sich ihrer würdig erweisen. Und dazu darf er nur die ihm angeborenen Fähigkeiten und Kräfte nutzen, nichts weiter. Es tut mir sehr leid, aber so ist es nun einmal." Jolran sah seine jungen Freunde bedauernd an, die ratlos vor ihm stehenblieben und nicht wußten, wie sie darauf reagieren sollten.

Ihre Erstarrung wurde von Leo unterbrochen, welcher auf Mike zutrat und ihm das rote Quasarschwert, welches er mit einem Aufblitzen an Energie zu sich gerufen hatte, entgegenstreckte. Mit einem leicht melancholischen Lächeln, als er sich an eine andere Situation erinnerte, in der es umgekehrt gewesen war, sagte Leo zu Mike: „Jetzt bin ich es, der es dir anvertraut, großer Bruder."

Mike erinnerte sich ebenfalls an den Tag, als er Leo endgültig die große Verantwortung, die mit dem roten Quasarschwert auf dessen Träger überging, übergegeben hatte. Er nahm das Schwert aus der Hand seines Bruders und erwiderte ihm: „Ich verwahre es für dich, Leo. Bis du zurückkehrst."

Leo trat nun zu Kendrix, die ihm mit großen Augen ansah und hob die Hand, an der er seinen Verwandler trug. Er öffnete den Verschluß, mit dem der Wandler befestigt war und übergab das Gerät an seine Freundin. „Würdest du für mich darauf aufpassen, Kendrix?", fragte Leo den Pink Galaxy Ranger. Kendrix mußte schlucken, doch dann nahm sie den Verwandler für den Roten Galaxy Ranger aus Leos Hand in ihre beiden Hände und antwortete Leo: „Wie Mike eben sagte, bis du zurückkehrst werde ich ihn verwahren." Ihre Stimme klang den Tränen nahe und sie mußte sich sichtlich zusammennehmen. Leo küßte sie sanft auf die Stirn und gesellte sich dann erneut zu Jolran.

Die elf Rangers – Lightspeed und Galaxy – sowie Captain Mitchell traten zurück, um dem Magier Raum zu geben für seine Beschwörung. Jolran begann, leise vor sich hinzumurmeln und plötzlich glühte eine dunkelrote Aura um ihn herum auf. Als der Magier fortfuhr, dehnte sich die Aura aus und berührte schließlich Leo. Als das geschah, erschien auch um dessen Gestalt ein Aura, die jedoch ein kräftigeres und helleres Rot besaß. Dann begannen auf einmal Lichtpunkte um Leo herumzukreisen. Immer mehr davon erschienen und letztendlich waren es so viele, daß die Freunde Leo kaum noch erkennen konnten. Sie hörten noch, wie Leo rief: „Bis bald, Freunde!", dann war er plötzlich in einem Wirbel rotgoldenen Lichtes verschwunden.

Jolran seufzte zufrieden auf und als er die ängstlich fragenden Gesichter der Rangers erblickte, lächelte er beruhigend. Es war ihm gelungen – Leo war auf dem Weg nach Antares. Die elf Rangers atmeten erleichtert aus, denn so ganz wohl war ihnen bei der ganzen Sache doch nicht gewesen.

„Und was nun?", fragte dann Chad in die sich ausbreitende Stille hinein. „Wir warten", antwortete Ryan. Er klang nicht sehr glücklich darüber, daß sie nicht wußten, was die nächste Zeit über mit ihrem Freund geschehen würde, doch er hatte sich widerstrebend damit abgefunden.

Doch Jolran hatte erneut eine Überraschung für die Rangers. Und dieses Mal war es eine, die ihnen Freude bereiten würde, da war sich der Magier sicher. Als er sich räusperte, wandten sich ihm fragende Gesichter zu und er lächelte geheimnisvoll. „Ihr seid sicher neugierig, wie es eurem Freund ergehen wird, nicht wahr?", sagte er.

„Ja sicher sind wir das, ist doch klar!", rief Damon ungeduldig aus.

„Dann habe ich eine Idee, die euch sicher gefallen wird, meine jungen Freunde", erwiderte Jolran. Neugier begann, sich auf den Gesichtern der Freunde abzuzeichnen und sie hießen den Magier, ihnen zu erläutern, was er damit meinte.

„Da es Leo anhand seiner Beziehung zu euch möglich war, mich für euch sichtbar zu machen, bin ich zuversichtlich, daß ihr zusammen in der Lage sein werdet, aufgrund eben dieser Verbindungen – eurer Freundschaft zu ihm – seine Reise mitzuerleben. Immer langsam", hob Jolran die Hand, als aufgeregte Fragen der Gruppe auf ihn einprasselten.

Dann erklärte er: „Ich kann einen magischen Schild erschaffen – eine Art Bildschirm, auf dem ihr Leo sehen könnt. Doch ich benötige dazu eure Kraft, denn ich allein habe nicht genügend Energie, um diese Verbindung herzustellen. Eure Freundschaft – und die Liebe, die ihr für Leo empfindet", bei den letzten Worten wandte sich Jolran besonders an Kendrix und Mike, „wird bewirken, daß es klappt. Also bitte, reicht mir eure Hände und konzentriert eure Gedanken ganz allein auf Leo."

Widerspruchslos und ohne einen Sekundenbruchteil zu zögern, traten die elf Freunde auf Jolran zu und bildeten einen Halbkreis vor diesem. Als der Magier die Hand ausstreckte, legten sie nacheinander ihre Hände darauf und schlossen die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Es fiel keinem von ihnen schwer, in ihren Gedanken und vor allem ihren Gefühlen ein Abbild von Leo zu schaffen.

Die Emotionen, die dabei in ihnen geweckt wurden, nutzte Jolran, um seine Magie zu wirken. Er suchte nach Leos Präsenz, die nun schon so weit entfernt auf Antar war, doch mit Hilfe der vereinten Kräfte von Leos zehn Freunden und seinem Bruder war es dem Magier möglich, eine Beziehung aufzubauen und daraufhin seine Beschwörung zu sprechen.

Als er Sekunden später seine Hand zurückzog, öffneten die Rangers die Augen und blickten ihn fragend an. Sie wollten erfahren, ob es ihnen gelungen war. Jolran deutete schweigend hinter sie und die elf Freunde drehten sich um.

Hinter ihnen, mitten über dem Konferenztisch, schwebte etwas, das wie ein Hologramm wirkte. Es zeigte eine rauhe, karge Landschaft, die nur wenig Pflanzen besaß. Und inmitten dieser wüstenartigen Landschaft stand jemand.

„Leo", entfuhr es Ryan erleichtert.

Gemeinsam eilten die Freunde dem Tisch entgegen und blickten auf das Hologramm, welches Jolrans Magie geschaffen hatte. Ja, Leo hatte seine Reise nach Antares offenbar schadlos überstanden, denn er wirkte auf die Rangers eigentlich nur neugierig. Interessiert schien er sich umzusehen, offenbar dabei, sich zu entscheiden, welche Richtung er auf der Suche nach der Höhle der Wächter einschlagen sollte.

Das war's erst einmal wieder! Meinen dank an Mondwolf für das Kommi zum letzten Kapitel!

Bis bald, geministarlight