HYA und ein wundervoll sonnig-warmes Hallo ihr Lieben!
Hach wie schön ist dieser Frühlingstag heute! Ich bin noch immer vom ganzen Vitamin D beseelt.

Die verlorenen Kinder sind zurück, doch hilft es?

Viel Spaß,

Tali

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8. Kapitel - Asche zu Asche

Things we lost to the flames
Things we'll never see again
Maybe we started this fire
We sat apart and watched
(You said) we were born with nothing
And we sure as hell have nothing now
(Bastille, things we lost)

Edward

Ich brauche kein Empath zu sein, um den Schmerz von Alice' Visionen zu verstehen. Sie sind der Grund, warum sie uns verlassen hat. Sie hat versucht uns alle zu retten. Hat Wochenlang dieses Szenario in ihrem Kopf gehabt. Ich frage mich, ob Jasper wusste, was sie gesehen oder ob dies ein Geheimnis war, dass sie ihm gegenüber gehütet hat. Aber Jasper kann Alice lesen wie ein Buch, er weiß wann sie etwas zu verbergen versucht.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, versuche mich abzulenken, mich nützlich zu machen, meine eigenen Gefühle hinten anzustellen, so wie Carlisle es immer tut. Doch neben meiner Trauer bin ich einfach nur froh, dass Bella und Nessie in Sicherheit sind. Zumindest vorerst.

Schrecklich ist, dass wir eigentlich keine Zeit für Trauer haben. Es ist ein Machtvakuum entstanden, als die Volturi nach Forks gekommen sind. Nun, wo keiner von ihnen nach Volterra zurückkehren wird, ist dies Sprungbrett für andere, die sich nach Macht sehnen.

Wir sollten einschreiten, müssen etwas tun. Carlisle würde nicht tatenlos die Hände in den Schoß legen. Carlisle würde das Richtige tun. Er wüsste, was das Richtige ist. Ich frage mich, woher er es nimmt.

Grübele darüber nach, denn wenn ich es nicht tue, überfällt mich der Verlust, dann wird mir klar, dass Carlisle nicht mehr da ist. Jasper nicht milde lächelnd zur Tür hereinkommt. Rosalie sich nie wieder mit mir streiten wird – diese Vorstellung erscheint mir so fürchterlich, dass ich über die Ironie lachen würde, wenn es nicht so furchtbar grausam wäre. Unsere Freunde haben ihr Leben für meine Familie gelassen. Meine Kernfamilie mag ja in Sicherheit sein, aber ich habe mehrere Familien, mehrere Zirkel verdammt. Habe meine Familie geopfert.

Und es tut mir leid. Mehr als ich jemals sagen könnte.

Ich sehe die anderen an, und weiß nicht, wie ich ihnen gegenüber treten soll.

Peter, der nicht nur den Bruder, sondern auch die Geliebte betrauert. Siobhan und Maggie, die starken Persönlichkeiten von der grünen Insel, die wie Schatten sind, nachdem ihr Zeugnis für meine Familie ihren Mann und - ich wage es Vater zu nennen – denn das ist, was Maggie in Liam sieht – von ihnen genommen hat. Unsere Verwandten aus Denali, deren Schwester dies alles losgetreten hat, weil ihre Gefühle ihre größte Stärke, gleichsam aber auch ihre schlimmste Schwäche gewesen sind.

Sie alle könnten über die Entfernungen zu uns aus meinen Gedanken schleichen, wenn ich mir Mühe geben würde. Doch meine Familie ist auch zerbrochen. Ich denke an Jacob, der bis vor Kurzem hier gewesen ist und nur aufbrach, um Sam bei der Übermittlung der Hiobsbotschaften zu helfen. Sue. Arme, arme Sue. Mein Herz bricht. Ich habe ihre Kinder und die Kinder anderen Mütter und Väter in den Tod geschickt. Ich weiß, dass diese Verluste auch Bella stark belasten. Seth wird nie wieder sein Grinsen grinsen und das Leben so leicht nehmen, wie nur er es konnte.

Dann sehe ich Alice, deren Gedanken noch voll sind, mit den Visionen, damit, wie es hätte ausgehen können, ausgehen sollen und dem, was war. Der Verlust von Jasper sickert langsam in sie hinein, meine kleine Schwester wird noch zierlicher.

Emmett. Es sei ein Gefühl wie selbst zu sterben, denkt er. Nur diesmal ist kein goldener Engel da, der sein Leben rettet.

Esme. Ich finde keine Worte. Meine Mutter sieht mich an. Einen langen, stillen Moment und versucht so etwas wie ein Lächeln, doch es ist zu gequält, zu erschlagen, um schön zu sein.

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GARRETT

And I see fire blood in the breeze

And I hope that you remember me

(Ed Sheeran, I see fire)

Edward verzieht das Gesicht erschrocken. Er kann die Bilder in Alice' Kopf sehen, sieht, was sie gesehen hat, sieht, welche Vision sie vor Aro ausbreitet, was auf uns zukommen wird.

Drücke die Hand der kleinen Kratzbürste fester, sie lehnt sich gegen meinen Arm, blickt eine Sekunde zu mir hinauf.

Was hast du nur mit mir gemacht? Du hast mich verhext, widerspenstiges Frauenzimmer.

Edward stöhnt auf, blicke beunruhigt in seine Richtung.

Er versucht sich nichts anmerken zu lassen, doch sein Blick wandert. Irgendetwas wird uns zustoßen. Er macht ein paar Schritte vor, steht vor Carlisle.

Kreuze meinen Blick mit Liam. Die Stille auf dem Feld ist beunruhigend. Nur Renesmees seltsames Herz und das Trommeln der Wölfe ist zuhören.

Siobhan hat aufgehört, sich den Ausgang der Situation vorzustellen. Sie beobachtet missmutig, was uns an der gegnerischen Front bevorsteht.

Alice ermahnt Aro. Was auch immer in ihrem Kopf ist, scheint ihn zu einem kurzen Innehalten zu bewegen.

„So wird es sein, es sei denn, du entscheidest dich, einen anderen Weg einzuschlagen.", die junge Cullen und der falsche König sehen sich an. Einen langen Moment und die Gier flackert in den Augen des Düsteren auf.

Die Anspannung knistert auf der Lichtung hin und her. Kate zieht an meinem Arm, umklammert meine Hand und drückt sich in meine Seite. Süße kleine Kratzbürste.

Unsere Linie neigt sich ein Stück vor, in Erwartung. Die Gestaltwandler knurren unruhig.

Caius fordert eine Entscheidung. „Das Kind wird immer eine Bedrohung sein.", grimmig, während Aro seine Augen weit aufreißt und Alice anstarrt. Scheinbar sprachlos.

„Aber gäbe es einen Weg, zu beweisen, dass mein Kind keine Gefahr darstellt, würden wir dann scheiden, Freunde wie ehedem?", ist es Edward, der das Wort ergreift. Carlisle blickt seinen Sohn an, so etwas wie Hoffnung im Blick. Einen Beweis? Wo die kleine Renesmee auf dem rostroten Wolf doch so einzigartig erscheint.

„Natürlich, aber dafür gibt es keine Gewissheit.", reißt Caius das Wort an sich, während Aro noch immer schweigt, Alice und unsere Linie betrachtet. Mir behagt es nicht, dass er so still ist. Vielleicht plant er einen hinterhältigen neuen Anschlag, eine neue falsche Anklage, um zu bekommen, was er am meisten begehrt. Alice wendet sich von den heuchlerischen Königen ab und kommt lächelnd auf unsere Reihe zu. Die Wachen lassen vom jungen Major ab, der verächtlich knurrt und seine Kleidung zurecht rückt.

Bruder und Schwester lächeln sich wissend an. Jasper richtet sich auf, eine Welle der Zuversicht trifft uns. Und Ruhe, die Anspannung ebbt vorsichtig ab. Ich bin mir sicher, dass es sein Werk ist. Er deeskaliert die Stimmung, um nicht doch noch einen Eklat zu riskieren.

„Eigentlich schon.", behauptet Edward. Gewissheit?

Der Schnee knirscht, es ist ein weiteres Geräusch, neben Renesmees seltsamen Herz und den Wölfen.

Drei Vampire kommen auf die Lichtung. Sie sehen den Amazonen ähnlich. Senna und Zafrina seufzen, murmeln den Namen ihrer Schwester, die voran geht.

Die beiden anderen, eine bildschöne kleine Vampirfrau, mit dunklem Teint und rabenschwarzen Haaren und ein großgewachsener junger Mann, dessen Augen eine seltsame Teakholzfarbene Fasson haben. Ein weiteres Geräusch. Dasselbe trommelnde Herz, wie das von Renesmee.

„Ich habe mich ebenfalls auf die Suche nach Zeugen gemacht.", beginnt Alice, bevor sie einen Schritt zur Seite macht, um den Neuankömmlingen das Feld zu überlassen.

Caius protestiert, doch Aro unterbricht ihn scharf. Wie ungewöhnlich, dass er von seinem üblichen Verfahren abweicht. Ich frage mich, was Alice ihm gezeigt haben mag.

Die große Vampirfrau, die ich für Kachiri halte, nickt der Kleineren zu. Der junge Mann versichert sich mit einem Blick zu Jasper, bevor er seine Geschichte beginnt.

Der Junge, Nahuel, wie sich herausstellt, spricht beinahe akzentfrei, während das Holpern in der Stimme seiner Tante gut zu hören ist.

„Ich bin halb Mensch, halb Vampir, wie das Mädchen.", erklärt er. Berichtet von der Geschichte seiner Mutter und des Wahnsinns seines Vaters.

Wir sind überrascht, dass Nahuel giftig ist, einen anderen Vampir erschaffen kann. Isabellas Kind ist nicht dazu in der Lage. Wie merkwürdig.

„Wie alt bist du?", erkundigt sich Bella plötzlich aufgeregt, ungeachtet der Beweisaufnahme und des Prozedere. Sie eilt einige Schritte auf ihn zu, Edward setzt ihr nach. Sie hat Hoffnung, dass ihr Kind nicht sterben wird, dass das rasante Wachstum irgendwann aufhört.

„150 Jahre, ungefähr.", Nahuel verzieht den Mund zu einer Art Lächeln. Ihn und seine Tante scheint ein enges Band zu verbinden. Er neigt den Kopf immer etwas, wenn er sie ansieht. Eine kleine devote Geste, die sicherlich in der gemeinsamen Vergangenheit entstanden ist. In Huilens Blick liegt Stolz, wenn sie ihn ansieht, aber auch Schmerz.

Wir sind alle erleichtert, als klar ist, dass Nahuel sich seit seinem siebten Lebensjahr nicht mehr verändert hat. Renesmee wird nicht alt und grau werden. Sie kann das ewige Leben mit ihren Eltern und der Familie verbringen. Die Welt sehen. Meinungen haben und sich morgen um entscheiden. Ich freue mich für sie.

„Nichts destotrotz!", knurrt Caius, will den Kampf, für den sie gekommen sind. „Die Cullens verkehren mit Werwölfen, unseren natürlichen Feinden.", zischt er. Also fürchtet er die Werwölfe tatsächlich so sehr, wie ihm nachgesagt wird. Was für ein Idiot er ist!

Selbst ich weiß, dass die wahren Werwölfe nicht in Rudeln leben und vor allen Dingen nicht bei Tag und außerhalb des Vollmondes anzutreffen sind. Aro schüttelt energisch den Kopf, bietet dem anderen mit einer brüsken Handbewegung Einhalt.

„Wir werden heute nicht kämpfen.", murmelt Aro geschlagen. Marcus scheint zu lächeln, als belustige ihn die Enttäuschung seines Mitstreiters. Dann strafft „unser König" seine Positur. „Carlisle, mein Freund.", beginnt er. Ich verspüre den Drang mich zu übergeben. Mehrfach. Er raspelt Süßholz, das ihn nach diesem Tag niemand von uns mehr abnimmt. Er war bereit, einer seiner Vertrauten in den Tod zu schicken, nur damit er sich selbst bereichern kann.

Sehe mich nach Carlisle und Eleazar um, deren Weltbild, das Bild unserer Ordnung sicherlich in den Grundmanifesten erschüttert ist. Sie haben immer an die Gerechtigkeit und die Notwendigkeit der Obrigkeiten geglaubt. Eleazar hat für sie gekämpft, weil er sie für richtig und wichtig hielt. War Teil dieser Maschinerie und muss feststellen, dass er benutzt worden ist, um die Ziele einiger weniger machthungriger Vampire zu erfüllen.

Aros Blick schweift über unsere Linie. Auf Alice, Edward und Bella verharrt er länger, bevor er die Reihe entlang wandert. Zafrina ansieht. Benjamin. Tia knurrt besitzergreifend. Benjamin lächelt, reckt den Kopf. Einen kurzen Moment nur. Einen Augenblick betrachtet der falsche König den irischen Zirkel, schüttelt jedoch ganz leicht den Kopf. Siobhans Gabe bringt ihm nichts, wenn sie sich nicht unterwirft und nicht klar ist, wie stark ihr Talent ist und jemanden wie Maggie kann er nicht gebrauchen. Jemanden, der seine Lügen benennt, schadet ihm mehr, als das es hilft. Liam tritt vor seine Frauen, eine stumme Ansage, aus Prinzip. Siobhan beobachtet ihren Mann genau, auch Maggies Blick folgt ihm. Sie lassen ihn gewähren, denn so eigenständig die beiden Frauen sind, so sehr schätzen sie seine Fürsorge.

Liam und ich nicken uns zu, als ich Aros Augen auf mir spüren kann.

Nicht auf mir, sondern auf meinem kleinen Elektroschocker. Kehlig rumpelt das Knurren aus mir hervor. Ich teile nicht. Kate zischt verächtlich, schlingt ihren Arm um meine Taille. Ob, um mich aufzuhalten oder sich selbst, kann ich nicht sagen.

Die Volturi ziehen sich schnell zurück, sie bilden einen grauen Schleier über dem Weiß der Umgebung. Sie verschwinden Kommentarlos, ohne Widerspruch, weil sie keine Meinung haben.

Aro verharrt einen Moment. Blickt zu uns zurück.

„Ein hoher Preis.", murmelt er und ist in einem weißen Nebel aus empor stiebendem Schnee verschwunden.

And I want it and I want anything
But there were so many red flags
Now another one bites the dust
And let's be clear, I trust no one
(Sia, elastic heart)

„Es ist vorbei.", erklärt Edward. Er sagt noch etwas, doch ich bekomme es nicht mit. Ich bin erleichtert, dass es bei einer verlorenen Schwester aus Denali geblieben ist. Betrachte meine Schwester aus Denali, die aus ihren kugelrunden goldenen Augen zu mir aufsieht. Drücke sie an mich. Tanya lächelt uns aufmunternd zu, als sie zu der kahlen Stelle im Schnee schreitet, an der Irina ihr Ende gefunden hat.

Die Gesichter der Schwestern sind von Trauer gezeichnet, Kate blickt Tanya hinterher, gedankenverloren. Um uns herum fallen sich die Zeugen in die Arme, die verlorenen Kinder und ihre eigenen Zeugen werden willkommen geheißen, Vladimir und Stefan grollen.

„Die Volturi werden nicht verzeihen, was geschehen ist!", Stefan spuckt in den Schnee, fordert einen Vergeltungsschlag. Würden die Volturi untergehen, würden die Rumänen sicherlich in ihre Lücke springen.

Anstand und gute Kinderstube hin oder her, ich bin froh, dass wir es überlebt haben, ich mein Versprechen einlösen kann. Packe Kate an den Oberarmen, ziehe sie zu mir hinauf, drücke meine Lippen auf ihren Mund. Erwarte Widerstand, Protest, doch mein kleiner Feuerwerkskörper reckt sich mir entgegen, öffnet ihre sinnlichen Lippen und drängt mit ihrer Zunge in meinen Mund.

Ihre Finger krallen sich in mein Revers, sie klammert sich an mich, als wäre sie genauso erleichtert, wie ich es bin.

Die Tatzen der Wölfe knirschen im Schnee, die Stimmen um uns herum werden lauter. Drücke Kates festen kleinen Körper an mich. Sie wird mir nie wieder entkommen. 1924 habe auch ich es nicht verstanden, war zu überrumpelt von der Gewalt, mit der mich Orkan Katrina mitgerissen hatte, dabei bin ich kein wehrloser Mann, doch heute verstehe ich. Mein eigenes kleines Unwetter. Mein Feuerwerk. Mein Gewitter.

Das Ziehen in meiner Brust, das Verlangen in meinem Kopf und meinem Körper, die Ergebenheit, wenn sie aus ihren Augen zu mir aufsieht, sind auf einen einfachen Nenner zurück zu führen. Mates. Katrina aus Denali ist meine Gefährtin. Vampire lieben für immer. Sie glänzen nicht immer, mit geistiger Höchstleistung, wie dieser Mardi Gras bewiesen hat, aber, wenn wir lieben, dann für alle Zeit.

Kate

Mein Herz brennt.

Es schmerzt, der Verlust von Irina ist mit nichts wieder auszugleichen. Meine süße Schwester… Sie hat immer daran geglaubt, dass uns mehr erwartet, als das schnöde Ende, wenn wir einmal sterben. Ist da ganz bei Carlisle, war ganz auf seiner Seite. Sie hat immer an die große Liebe geglaubt, hat ihr Herz und ihre Seele anderen geöffnet. Hat daran geglaubt, ihren Gefährten in Laurent gefunden zu haben ohne dessen Verrat sie gar nicht allein nach Forks gekommen wäre, um sich zu entschuldigen, ohne dessen Zweigleisigkeit sie gar nicht Zeuge von Renesmee geworden wäre und ohne ihn wäre sie niemals nach Italien gegangen, um eine Anklage vorzubringen.

Mein Herz steht in Flammen, weil wir es überlebt haben. Der unsägliche Zerzauste drückt mich in seine Seite und ich bin dankbar, des stillen Trosts. Schließe einen Moment die Augen, genieße das Gefühl der Sicherheit, das Gefühl, meinen inneren Schutzschild sinken lassen zu können, weil er für mich stark sein wird, wenn ich es nicht kann. Sein Geruch betört meine Sinne, draußen, Leder, und ganz leicht verbranntes Haar. Innerlich huscht ein Schmunzeln durch meine Gedanken. Ich weiß nicht wie er es gemacht hat, wie er meine Stromschläge aushalten konnte, als ich versucht habe, auf die Volturi loszugehen. Er hat meine Elektrizität ausgehalten, um mich selbst und uns alle zu schützen. Mein Soldat. Mein Lieutenant. Mein Held. Nicht, dass ich es ihm so sagen würde.

Mein Krieger. Mein Vampir. Blicke zu ihm hinauf, habe das Gefühl, dass er mich ansieht. Und tatsächlich starren seine seltsam rotgoldenen Augen zu mir hinab. Mein Herz würde mir aus der Brust springen, könnte es. Ich kann nicht glauben, dass er es sein soll! Ein Junge im Vergleich zu mir! Ein Junge, der sich für einen Mann hält! Die Liebe meines Lebens! Ich kann Siobhan und Tanya in meinem Kopf schon kichern hören, sie hätten es ja gleich gesagt. Und Carmen wird Garrett umarmen, und mir einen eindeutigen Blick zu werfen, der auch nicht besser ist, als Tanyas und Siobhans offensichtlicher Spott.

Wir haben es alle überlebt. Alle Zeugen unserer Seite sind noch da. Doch das Wichtigste ist, dass Garrett noch am Leben ist. Das schlechte Gewissen, dass ich ihn über Irina stelle, durchzuckt mich, doch ich kann es nicht ändern. Mein ganzes Blut summt seinen Namen, mein Sein.

Die Augen meines Nomaden sind aufgebracht, aufgewühlt und mitfühlend, bevor er mich an den Oberarmen packt und seinen begabten Mund auf meinen drückt. Recke mich zu ihm empor, werfe mich in seine Arme, umklammere sein Revers, dass der Stoff unter meinen Finger ächzt, als seine Zunge meinen Mund erobert, die Welt um mich herum verschwimmt.

Er gehört mir. Mir allein. Mein, meins, meins.

Seine Präsenz umgibt mich, benebelt mich, lässt mich vergessen, was wir verloren haben. Lässt mich vergessen, dass eine gemeinsame Nacht etwas anderes ist, als ein gemeinsames Leben. Für einen Moment spüre ich weder Angst noch Trauer. Nur dieses Gefühl von Zufriedenheit. Glück.

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Tanya

Siobhan drückt Carmens Hand tröstlich. Meine Schwester lächelt ihre Freundin an, nickend.

„Tanya.", sagt die Irin in ihrer sanften Stimme und dem starken Akzent. Sie gibt sich inzwischen keine Mühe mehr, die Anstrengungen sind vorbei. Nicke ihr zu, als ich mich zu ihnen geselle.

Wir haben eine Schwester verloren. Irina ist unwiederbringlich verloren, weil sie glaubte, etwas gesehen zu haben, das nicht da war.

Wir haben einen Bruder gewonnen. Betrachte meine jüngere Schwester, Kate unterhält sich mich Rosalie, die Jaspers Hand fest umklammert hält – die Hale Zwillinge bedeuten sich sehr viel, auch wenn die unnahbare Rosalie es nie offen zugeben würde – bis sich Jasper aus ihrem Griff löst. Jungs! Der junge Major stiehlt sich davon, sucht die Nähe der Soldaten. Rose und Kate blicken den Männern mürrisch hinterher. Kate würde natürlich niemals zugeben, dass sie ihren liebsten Spielkameraden nicht teilen will.

Unser neuer Bruder, Garrett aus den Kolonien, ist mir selbst lieb und teuer. Doch es wird in unserem Haushalt wohl eine Weile sehr turbulent werden. Ich kenne das Temperament meiner Schwester. Und wie hatte sie gesagt, der Patriot bringt das Schlechteste in ihr zum Vorschein.

Doch es beruhigt mich, zu wissen, dass er uns begleiten wird. Seine Anwesenheit vertreibt die trüben Gedanken. Alice sagt, er wird uns allen Irinas Fehlen ertragbarer machen. Garretts Versprechen, sich uns anzuschließen, ist etwas Gutes an Irinas Ende.

Meine kleine Schwester gibt endlich zu, dass sie ihren Gefährten gefunden hat. Auch wenn sie es nur sehr widerwillig tut und sie sich vermutlich niemals mit Turteltauben- Blicken ansehen werden, wie Bella und Edward. Aber Bella und Edward sind auch sehr jung. Garrett hat ein menschliches Leben gehabt, bevor der Krieg ihn aus seiner Zeit riss, Kate ist zwar kaum älter als Bella gewesen, doch in einer Ära, die gänzlich von der heutigen Welt zu unterscheiden ist.

Meine Schwester hat ein schlechtes Gewissen, schämt sich ihrer Glückgefühle, doch ich sehe das feine kleine Lächeln, dass sie und ihr Patriot teilen, als die Männer sich davon stehlen. Garrett ist ein aufmerksamer Mann, der versteht, dass wir einen Moment mit unserer Familie brauchen. Die Cullens und wir trauern um Irina, die anderen haben sie nicht gekannt, können den Schmerz nicht nachempfinden.

Alice

Schließe die Augen und schüttele mich, versuche die Nachwirkungen von mir abfallen zu lassen. Jasper wendet seinen Blick in meine Richtung und eine Welle voll von Ruhe und Frieden trifft mich. Danke, Major. Die Soldaten stehlen sich des großen Wiedersehens davon, entwischen somit unvorhergesehenen Gefühlbekundungen.

Edward mustert mich. Er hat die Möglichkeiten gesehen. Hat gesehen, was im dunkelsten aller Momente hätte passieren können.

Beobachte meine Cousine Kate. Jasper sagt, dass die Schuld sie zermürbt, weil wir Irina verloren haben und sie dennoch glücklich ist. Sie versucht sich, die Emotionen zu verbieten, die ihr ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Schon immer war Kate die Zurückgenommene, sie spricht nicht über ihre Gefühle, kann es nicht. Es wird ein interessanter Weg von ihr und dem zotteligen Patrioten, sind sie doch beide starke Persönlichkeiten.

Doch Garrett, der sich sein ganzes Leben als Einzelgänger gesehen hat, der für Mates und Liebhaber immer nur ein Lächeln übrig hatte, legt dem Firecracker sein Herz in die Hände. Sie sind beide Anfänger, was das angeht. Aber ich sehe, dass Garretts Vertrauen nahezu unerschütterlich ist.

Edward verfolgt meine Gedanken. Er weiß, wie es hätte Enden können.

Ich habe es gesehen. Habe gesehen, dass Garrett und Kate am Verlust von Familie und Freunden zerbrechen würde, wäre meine dunkelste Vision wahr geworden.

Kate, die eine unstillbare Angst entwickeln würde, dass der Nomade ihr entgleitet. Garrett, der nach einigen Jahrzehnten, nach einer Zeit, in der er seinen Kameraden und Siobhan ihren Mann betrauern konnte, verstärkt mit den verbliebenen Iren in Kontakt tritt. Er ihre Nähe sucht, weil Vladimir und Stefan schlussendlich doch an die Spitze unserer Gemeinschaft drängen und Siobhan und Maggie die beiden nicht aufhalten werden.

Garrett versucht, zu verstehen, wie Vladimir und Stefan den Verlust ihrer Mates vor so vielen Jahren überstehen konnten, denkt er doch an Marcus der Volturi, der seine Existenz nur ertragen hat. Dann sieht er seine Freundin Siobhan und die Frau, die sein bester Kumpel so sehr geliebt hat, die nur noch wenig mit dem früheren Zirkeloberhaupt gemein hat. Für den Kameraden, den er wie einen… ich nenne es Bruder – in ihrem eigenen komischen Weg – geliebt hat, will er das Mädchen, dass Liam geliebt hat, nicht kampflos aufgeben.

Ich frage mich seit jeher, wie Siobhan sich je sicher sein konnte, dass Liam ihr Mate ist. Der wortkarge Mann ist nicht für Gefühlsbekundungen bekannt und auch Siobhan zeigt ihre Zuneigung nicht aufdringlich. Zumindest nicht, dass es mir bekannt wäre. Ich verstehe die Liebe der beiden Iren nicht und werde sie nun niemals begreifen können.

Kate wird Garretts Abwesenheit immer stärker als Beweis sehen, dass der Nomade das reisen braucht und sie ihm nicht genug ist, dass er die Nähe einer Freundin ihrer Gegenwart vorzieht – dabei versucht der wissbegierige Patriot nur seine eigene Angst zu lindern, die Angst, eines Tages ohne seine ketzerische Kleine sein zu müssen. Carlisles und Liams Ableben haben ihm deutlich gemacht, dass wir nicht unsterblich sind, die zwei Personen, deren Tod er am wenigsten erwartet hätte, sind nicht mehr.

Garretts Geduld ist dünner über die Jahre geworden. Kates Gezeter erträgt er immer schlechter. Weil sie beide nicht über Gefühle sprechen. Und der Verlust der anderen Familienmitglieder so überwältigend, dass niemand helfend einschreiten kann.

Sie würden an ihrer Liebe zerbrechen, weil sie keine Zeit hatten, das Ausmaß zu begreifen.

Ich bin froh, dass diese Vision nicht wahr wird. Als Garrett mit seinen Kameraden auf unserem Gelände verschwindet, ziert ein kleines aufmunterndes Lächeln seine Züge, es ist für Kate und Irina bestimmt.

Kate beobachtet, wie die Männer unsere Versammlung verlassen, rollt mit den Augen. „Ob Garrett weiß, worauf er sich da eingelassen hat?", neckt Emmett. Kate schenkt ihm einen Killerblick, der dem von Rosalie in nichts nachsteht.

„Nicht, dass es dich etwas anginge, aber glaube mir, der kleine Patriot weiß damit umzugehen."

„Uhhhuu", Emmett und Tanya, die sich ein Kichern nicht verkneifen kann. Wie ich gesehen habe, erleichtert Garretts bloße Anwesenheit Irinas Verlust.

Die Amazonen sind bereits in den Regenwald zurückgekehrt.

Auch die Nomaden Mary und Randall wollen aufbrechen. Die Soldaten kehren von ihrer Lagebesprechung zurück.

Kreuze meinen Blick mit Edward. Vor lauter Visionen, bin ich mir nicht sicher, ob ich weiß, warum Randall und Garrett einen solchen Scherz miteinander teilen und sich dann fast förmlich voneinander verabschieden. Und was genau ist es, lieber Bruder, dass ich den Eindruck gewinne, Kate würde Funken sprühen, als Mary und Garrett sich umarmen, einen langen Moment, sie lachen miteinander. Fast beiläufig erscheint es, als Kate sich von unserer Formation löst, Liam ein kurzes Nicken schenkt, der aufs Haus zusteuert, vermutlich, um seine Frauen einzusammeln, und dann neben dem Patrioten zum Stehen kommt.

Kann ich „Ohhh" seufzen? Garrett blickt die zierliche Blondine neben ihm an, den Blick etwas entrückt, als würde er etwas sehen, das wir anderen nicht sehen. Mary und er stehen noch immer nur eine Armlänge voneinander entfernt, als Kate – die nichts von öffentlichen Liebesbekenntnissen hält – ich erinnere mich zu Kommentaren bezüglich Rosalie und Emmet – ihren Nomaden am Mantel packt und ihn zu sich hinab zieht. Seinen Mund erobert, sich ihm entgegen streckt, als hinge ihr Leben davon ab. Verfluchte Sukkubus. Ich kann Emmetts „UHUUUUU" hören, und Jakes „Nehmt euch ein Zimmer!"

Edward wendet sich schmunzelnd ab, lächelt, als Carlisle und Esme mit den Iren hinaus kommen. Nessie träumt von einem Urlaub in dem alten Land, will Kobolde sehen. Siobhan lädt unsere Familie ein. Betrachte Liam und frage mich, ob er ihrer Einladung zustimmt. Doch wie so oft verzieht der dunkle Mann an Siobhans Seite keine Miene. Maggie nickt, ihre roten Locken wippen mit.

Ich bin sehr froh, dass diese Familie intakt ist.

„Wirst du mir irgendwann sagen, was du gesehen hast?", erkundigt sich Siobhan.

Blicke sie überrascht an, als wir unsere Verabschiedung lösen. „Ich weiß nicht…", ich beende meine Ausrede nicht. Maggie sieht mich mit hochgezogenen Brauen an. „Wie kommst du darauf?"; frage ich stattdessen.

Siobhan lächelt, es ist ein mildes, nachdenkliches Schmunzeln. „Ich sehe, wie du uns ansiehst. Wie du Liam überlegend betrachtest. Mit welcher Traurigkeit du mich ansiehst. Aber ich gehe davon aus, nichts davon ist eingetroffen?", sie fordert mich nicht auf, etwas sofort preiszugeben, sie will nur wissen, dass sie in Sicherheit sind. Obwohl sie selbst bereits festgestellt hat, dass Aro niemals vergeben wird, was geschehen ist und wir alle eine Weile auf der Hut sein müssen.

„Nichts davon. Mit deiner Gabe sollte davon auch nie etwas wahr werden.", beruhige ich, es mag nicht ganz wahr sein, denn in meiner Vision ist ihre Gabe dysfunktional gewesen.

Maggie und sie sehen sich an, bevor sie sich von den Denalis verabschieden und den Leihwagen besteigen, in dem sie vor ein paar Wochen gekommen sind. Liam und Siobhan teilen einen Augenaufschlag miteinander, als er ihr die Beifahrertür aufhält.

Die Patrioten sind sich gar nicht so unähnlich. Sie haben sich beide feurige Frauen gesucht. Blicke Jasper an. Auch mein Mann ist ein Patriot. Aber ich bin nicht halb so störrisch, wie Kate oder Siobhan. Oder?!