Kapitel 8.1

Lupin

Zum Glück waren Marcus und Dr. Earhart noch nicht weit gekommen: Im Treppenhaus passte ich sie ab.

„Wäre es möglich", keuchte ich (denn ich war sowohl vom Rennen als auch von dem Gespräch etwas außer Atem), „dass die Patientin Miss Tonks einen anderen Pfleger bekommt?"

Die beiden blickten verwundert.

„Was hast du ihr denn angetan?", fragte Marcus belustigt.
„Ähm..." Mein Blick schweifte durch den Gang. Ein alter Zauberer im Nachthemd ließ gerade mit einem gierigen Grinsen sein Mittagessen die Stufen hoch schweben. Wir rückten ein wenig zur Seite, um ihm Platz zu machen.

„Zwischen ihr und mir ist etwas Unangenehmes vorgefallen", meinte ich gedämpft.
„Woher kennt ihr euch denn?", bohrte Marcus nach.

„Aus einem...Kochkurs." Wegen des Essensgeruchs, der noch im Raum hing, war das das Erste, was mir einfiel.

Dr. Earhart zog die Augenbrauen hoch, Marcus jedoch wirkte nun ernsthaft interessiert. Bevor er mich jedoch mit weiteren Fragen in arge Bedrängnis bringen konnte, schickte ihn Dr. Earhart los, zusammen mit einem gewissen Mr. Gregory nach Tonks zu sehen.

Nun plötzlich mit meiner Chefin allein, fühlte ich mich extrem unbehaglich. Vor ihr, so schien mir, konnte ich die Wahrheit nicht verbergen. Andererseits konnte ich ihr unmöglich vom Orden erzählen.

Dr. Earhart schien meinen inneren Konflikt zu spüren.

„Ich nehme an", sagte sie, „dass sich Ihr Kochkurs von anderen Kursen dieser Art ein wenig unterscheidet?"

„Wir kochen ausschließlich...streng geheime Rezepte", bestätigte ich.
„Hm. Und vermutlich ist Albus Dumbledore der maître de cuisine?"

Schockiert schaute ich sie an. Woher...?

„Schauen Sie nicht so komisch aus der Wäsche. Nach Ihrem Bewerbungsgespräch hat mich Dumbledore kontaktiert. Er sprach von einer gewissen Organisation, der Sie angehören, und bat mich, diese...Nebentätigkeit bei der Erstellung Ihrer Arbeitszeiten zu berücksichtigen."

Sie machte eine kurze Pause, wahrscheinlich, um meine Reaktion abzuwarten. Ich tat und sagte nichts. Ich war zu perplex.

„Diese Dame, Miss Tonks...", fuhr Dr. Earhart fort. „Gehört sie ebenfalls der Organisation an?"

Ich nickte.

„Und sie weiß, dass..."
„...was ich bin, ja. Aber ich bin überzeugt davon, dass sie niemandem hier davon erzählt. Darf ich fragen, wo man sie gefunden hat?"

„Den Kollegen aus dem St. Mungos zufolge in ihrer Wohnung. Offensichtlich lag sie seit mehreren Tagen halb bewusstlos auf dem Boden und war ziemlich entkräftet, als man sie fand. Da sie Aurorin ist, war es im Zaubereiministerium aufgefallen, dass sie nicht zur Arbeit erschien."

„Verstehe...danke." In meinem Kopf ratterte es ununterbrochen, als ich versuchte, diese neuen Informationen Stück für Stück zusammen zu setzen. Aber das, was ich da hörte, ergab nur schwer eine sinnvolle Geschichte. Hatte Tonks sich aus Versehen den Kopf gestoßen, als sie an jenem Abend so überstürzt das Ordenstreffen verlassen hatte?
„Und...die Verletzung am Herzen?"

„Na ja, es scheint, als wäre an der Stelle etwas Spitzes in ihre Haut getrieben worden. Wobei ich mir kaum vorstellen kann, dass jemand Fremdes ihr das zugefügt haben soll."

Dr. Earhart klopfte mir mitfühlend auf die Schulter. „Sie sehen ziemlich besorgt aus. Aber das wird schon wieder. So, wie die Dame gerade Ihren Namen gebrüllt hat, scheint sie mir in einem recht stabilen Zustand zu sein...Also dann, auf zum nächsten Patienten."

Der Tag neigte sich in dem Ende zu und ich war im Begriff, mich auf den Nachhauseweg zu machen, als mir Marcus über den Weg lief.
„Da bist du ja, Romulus. Gut, dass ich dich noch erwische", sagte er, kam mit großen Schritten auf mich zu und hielt dann inne. Offenbar war ihm aufgefallen, dass ich geschafft aussah. Tatsächlich fühlte ich mich nach dem aufregenden Tag ziemlich ermattet und hatte obendrein seit Stunden nichts gegessen.

„Schon nicht ohne, so ein Job als Pfleger, was?", meinte Marcus und zeigte wieder sein breites Lächeln.
„Anstrengend, aber auch schön", murmelte ich. Kurz zuvor hatte mir meine, nun auch offizielle, Chefin verkündet, dass sie mit meiner Arbeit zufrieden gewesen sei, und mir einen Arbeitsplan für die nächsten Wochen in die Hand gedrückt. Es überraschte mich nicht gerade, dass ich an den Tagen um Vollmond herum frei hatte.

„Ja...Ich soll dir übrigens eine Nachricht von Miss Tonks übermitteln."
Überrascht blickte ich auf.
„Sie lässt ausrichten, dass sie keine Ahnung hat, weswegen du dich ihr gegenüber so merkwürdig verhältst. Sie möchte gern mit dir sprechen. Obendrein dankt sie dir dafür, dass du dich für sie eingesetzt hast, und auch für deinen Rat in Sachen Schnuffel, denn sie weiß nun, dass du Recht hattest."
Zum zweiten Mal an diesem Tag war ich vollkommen sprachlos. In meinem Kopf war auf einmal klar und deutlich Sirius' Stimme zu vernehmen.

„...Angst vor dir...Angst vor dir...Angst vor dir..."

Das durfte doch alles nicht wahr sein. Wie in einem Traum drangen Marcus' Worte nur undeutlich zu mir durch.
„Würde mich ja mal interessieren, wer sie ist. Ein One-Night-Stand?"
Das riss mich nun doch aus meinen Gedanken. „Wie bitte?"

„Entschuldigung, war nur eine Vermutung. Aber ihr scheint euch ja recht gut zu kennen. Ist sie in dich verliebt?", mutmaßte Marcus weiter und zwinkerte dabei.
Die Röte schoss mir ins Gesicht. „Nein", meinte ich. Und halb aus Trotz, halb aus Verlegenheit fuhr ich fort: „Es gibt da jemanden, den sie mag, aber dieser jemand bin nicht ich."

Doch genau diesem jemand würde ich jetzt einen Besuch abstatten.

Das Hauptquartier des Phönixordens war wie ausgestorben. Weder in der Küche noch im Wohn- oder Esszimmer war eine Menschenseele zu finden.
Erst im Flur traf ich auf den Hauselfen Kreacher, der in ein Selbstgespräch versunken zu sein schien.
„Hallo, Kreacher", sagte ich freundlich und kniete mich zu ihm nieder. „Kannst du mir sagen, wo Sirius steckt?"

Der Elf schreckte hoch. Seine riesigen Augen wirkten so milchig, als könnten sie nicht recht sehen, was sich vor ihnen befand. Doch seine langen Ohren hatten gezuckt, als ich das Wort an ihn gerichtet hatte.
„Der Werwolf spricht zu Kreacher", krächzte er. „Kreacher fragt sich, ob er ihn wohl beißen wird."

„Im Moment würde ich höchstens in ein Stück von Mollys Apfelkuchen beißen", entgegnete ich bemüht lässig. „Verrätst du mir jetzt, wo dein Meister ist?"

Kreachers faltiges Gesicht nahm auf einmal einen verschlagenen Ausdruck an.
„Wahrscheinlich feiert der Meister seinen jüngsten Triumph."

„Was für einen Triumph, Kreacher?"

„Dass er mal wieder ein Herz gebrochen hat."

Es war, als hätte er einen Zauber gesprochen, der mir den Weg erhellte. Mit einem Mal ergab alles einen Sinn: Tonks, die so bleich und traurig ausgesehen hatte, ihre Verletzung am Herzen, Sirius, der mir partout nicht in die Augen hatte blicken wollen.
Sirius. Er hatte mich angelogen.

„Kreacher", sagte ich ganz langsam. „Du hast gehört, was Sirius zu Tonks gesagt hat?"

„Kreacher war hinter dem Sofa, als der Meister und die Blutsverräterin den Raum betreten haben", sagte der Elf. Nun, da es darum ging, seinen Meister schlecht darzustellen, wurde er plötzlich gesprächig. „Er hat gehört, wie der Meister die Blutsverräterin abgewiesen hat."
Abgewiesen...Ich konnte es nicht fassen. Deshalb hatte der Elf auch gelacht, als Sirius mir gegenüber seine Kopfverletzung erklärt hatte. Vermutlich war auch das gelogen gewesen.

Vermutlich hatte Sirius – der stolze, manchmal ignorante Sirius – einfach nicht wahrhaben wollen, dass er Tonks mit seiner Reaktion so verletzt hatte.

Stattdessen hatte er das getan, was ihm am naheliegendsten schien: die Schuld auf jemand anderen zu schieben. Auf mich, seinen besten Freund.
Auf einmal wusste ich, wie ich dem Elfen Sirius' Aufenthaltsort entlocken konnte.

„Kreacher, wenn du mir sagst, wo Sirius ist", sagte ich, „dann sorge ich dafür, dass dein Meister sehr großen Ärger bekommt."
Ein sadistisches Grinsen machte sich auf dem Gesicht des Elfen breit. „Er ist oben, im Zimmer bei dem Hippogreif", sagte er.

Ich schloss einen Moment lang die Augen, stand auf...
...und trat mit voller Wucht gegen den Trollbeinschirmständer.
Mit einem lauten Klonk fiel das Ding um. Kreacher schaute erschrocken und brach in ein lautes Wehklagen aus, als das Porträt von Sirius Mutter wieder anfing zu schreien.
„BLUTSVERRÄTER! WERWÖLFE!"

Halt den Mund!", schrie ich, zückte meinen Zauberstab und schaffte es irgendwie, der Hexe einen Klebstreifen über den Mund zu zaubern.

Dann rannte ich nach oben, wobei ich jeweils drei Treppenstufen auf einmal nahm. Sirius versteckte sich ganz oben im Haus. Es dauerte eine Weile, bis ich auf der letzten Etage angekommen war. Unterwegs sah ich einzig und allein Tonks' Gesicht vor mir.

Endlich angekommen, klopfte ich energisch gegen die Tür.
„Sirius! Mach auf, ich bin's!"
Augenblicke später öffnete er.

Als ich Sirius sah, geriet ich kurz aus der Fassung. Er sah einfach grauenvoll aus. Unrasiert, ungepflegt, verströmte einen starken Geruch nach Alkohol und war gerade dabei, einem Schokofrosch den Kopf abzubeißen.

„Wasch gibt's?", fragte er kauend.
„Wie lange bist du schon hier oben?", wollte ich wissen. Dass er sich hier so gehen ließ, ließ mich beinahe vergessen, weswegen ich gekommen war.

„Hm...seit vorgestern, glaube ich. Habe ein paar gute Geschäfte mit Mundungus gemacht – Feuerwhisky. Möchtest du einen Schluck?"
„Nein danke", erwiderte ich, immer noch schockiert und nun auch leicht angewidert. „Sirius, auch wenn du einsam bist, kannst du dich hier nicht verschanzen."
„Ist ja gut, Mama", sagte Sirius ärgerlich. Jetzt öffnete er die Tür ganz und ich stellte fest, dass er zu allem Überfluss nur mit einem speckigen Holzfällerhemd und einer Art Jogginghose bekleidet war. Im Hintergrund ruhte Seidenschnabel auf dem Boden, seine Federn flogen durch den ganzen Raum. Essensreste und ein paar leere Flaschen bedeckten den Tisch.
„Du bist aber bestimmt nicht hier, um mich aus diesem Loch heraus zu holen, oder?", fragte Sirius.
Ich wandte den Blick von dem Chaos ab und schaute ihm fest in die Augen.
„Tonks", sagte ich nur.

Sirius zuckte zusammen. „Dann weißt du Bescheid?"

„Lass uns irgendwo anders reden", bat ich ihn. Wortlos liefen wir die Stufen hinab bis ins Erdgeschoss und in die Küche. Sirius nahm sofort Platz, die Hände auf dem Tisch gelegt, in denen sich der noch immer zuckende Schokofrosch befand. Ich blieb stehen und schaute mich im Raum um, als könnte ich irgendwo die Worte finden, die ich nun an meinen Freund richten musste. Aus einem großen Silberteller, der an der Wand hing, blickte mir mein eigenes ratloses Antlitz entgegen.
Wieder einmal stellte ich fest, wie müde und grau ich aussah. Kein Vergleich zu Sirius, der trotz seines nachlässigen Aussehens noch immer als attraktiv bezeichnet werden konnte.

„Hör zu, ich wollte dich und Tonks nicht verletzen", begann ebenjener Sirius jetzt gerade. Doch es klang wenig reumütig. Zudem ärgerte es mich, dass er als Erster das Wort ergriff, ohne genau begriffen zu haben, worum es ging und wie ernst die Lage war.

„Tonks ist im Krankenhaus", sagte ich deshalb. Das schien Sirius' Selbstbewusstsein einen Kratzer zu verpassen.
„Du warst anscheinend nicht besonders sensibel und hast ihr einen ziemlichen Schock verpasst", fuhr ich fort. Sirius richtete seine Antwort an den Tisch.

„Dachte halt, dass ich es ihr besser so direkt sage, als dass sie sich noch länger Hoffnungen macht."
„Und warum hast du das nicht viel früher gemacht?", wollte ich wissen. „Und warum war es so schwer, mir das genau so zu sagen, wie du es jetzt tust?"

Mittlerweile war es eher Enttäuschung als Zorn, die in meinen Worten mitschwang. Ich fühlte mich von Sirius hintergangen. Doch viel schlimmer war, dass er zum wiederholten Male mit den Gefühlen einer anderen Person gespielt hatte. Noch dazu gehörten diese einem Ordensmitglied.

„Hör zu, Moony, ich wusste nicht, dass Tonks so extrem reagieren würde." Jetzt suchte Sirius meinen Blick, und ich war es, der ihm auswich. „Ich war genervt und – na gut - wollte sie loswerden. Als ich gehört habe, wie du mich und sie vor Snape verteidigt hast, kam mir eine Idee. Wenn Tonks unbedingt mit jemanden zusammen sein will, wärst du doch viel besser geeignet. Also habe ich schnell einen Zettel mit ihrer Adresse hingekritzelt und dir das Märchen erzählt, dass sie Angst vorm großen bösen Wolf hätte. Ich wusste, dass dich das aufregen würde und dass du mit ihr sprechen wollen würdest. Und vielleicht hättet ihr ja auf diesem Weg zusammen gefunden."

Also war doch alles von Anfang an so geplant gewesen, wie ich es mir gedacht hatte.

„Und, na ja, ich gebe zu, dass ich auch ein bisschen sauer auf Tonks war, weil sie mir die Beule hier verpasst hat." Er deutete mit einem Finger auf den mittlerweile lilafarbenen Bluterguss und lächelte verschmitzt, was ich jedoch nicht erwiderte. Für ihn war alles nach wie vor ein Spiel.

„Sirius, das ist alles gut und schön. Ich meine: Nein, ist es nicht", seufzte ich. „Du hast Tonks tief verletzt und mich belogen. Wie kommst du denn darauf, dass sich ein Problem so leicht aus der Welt schaffen lässt? Tonks ist in dich verliebt! Du kannst doch nicht davon ausgehen, dass sie sich schnurrstracks jemand anderem zuwendet, noch dazu jemandem wie mir..."

„Du hast ja recht. Das ist mir mittlerweile auch klar geworden", murmelte Sirius. Zum ersten Mal schien er einen Funken Scham zu empfinden. „Deshalb war ich auch so lange da oben – schlechtes Gewissen. Hat mich ziemlich beschäftigt, die ganze Geschichte. Aber du solltest dich nicht immer selbst abwerten, Moony. Du hast viele gute Eigenschaften, die mir fehlen."

„Zum Beispiel?", fragte ich matt.

„Anstand, Güte – wenn ich du wäre, hätte ich mir längst eine reingehauen – Hilfsbereitschaft. Es tut mir leid, hörst du? Verzeihst du mir?"

Es war ihm wichtig, das ich spürte ich. Eine Weile lang sagte niemand von uns beiden etwas. Bis auf das Ticken der Küchenuhr war es still.

Als ich schließlich sprach, wählte ich meine Worte mit Bedacht.

„Ich will dir verzeihen. Aber nur unter ein paar Bedingungen."

Sirius wirkte aufrichtig erleichtert. „Klar. Schieß los."

„Also erstens", fing ich an und überlegte. „Du vergräbst dich nicht länger da oben, sondern bist Harry gefälligst ein gutes Vorbild und kümmerst dich um dein Äußeres. Keinen Feuerwhisky am hellichten Tage mehr! Zweitens: Du entschuldigst dich bei Tonks."

Sirius verzog das Gesicht. „Das meine ich ernst", entgegnete ich warnend. Er nickte widerwillig.

„Und drittens..." Ich warf einen vielsagenden Blick Richtung Schokofrosch. Verwirrt folgte Sirius meinem Blick und begriff dann.
„Oh, na schön...", sagte er und warf mir den Frosch zu, den ich in zwei Bissen verschlang. Mit der Schokolade breitete sich Wärme in meinem Körper aus und ich fühlte mich plötzlich viel besser. Mein Freund hatte sich entschuldigt, Tonks war nicht sauer auf mich und hatte keine Angst vor mir und mein erster Arbeitstag war gut verlaufen. Ich würde die Stelle haben können.

Wenn da nicht der drohende Krieg gewesen wäre, wäre fast alles optimal gewesen.

„Du bist ein toller Freund, Remus", sagte Sirius plötzlich. „Ich habe mir überlegt...Wenn das hier alles vorbei ist und ich mich wieder auf die Straße trauen kann, ob ich dann nicht irgendwo hin verreise...die Welt anschaue. Vielleicht Harry mitnehme. Würdest du auch mitkommen?"

„Lass uns erst einmal Voldemort aus dem Weg räumen", meinte ich, lächelte aber. Die Anspannung des Tages fiel allmählich von mir ab. Ich dachte an Tonks und hoffte, dass es ihr gut ging. Sirius zog amüsiert die Augenbrauen hoch.

„Du hast Schokolade zwischen den Zähnen!"

Tonks

Warum eigentlich? Eigentlich brauchte ich nun wirklich nicht mehr zu weinen. Alles war klar. Auf Sirius brauchte ich nicht mehr zu hoffen, Remus drehte offensichtlich gerade durch, aber das konnte mir ja wohl egal sein – ich lag hier, mir war warm, ich musste nichts tun, mein Kopf schmerzte nicht mehr, mein Herz schlug und die weiße Decke über mir lud zum Ordnen von Gedanken ein.

Ich wusste immer noch nicht, wo ich war, und hoffte, dass auch niemand nach mir sehen würde. Ich wollte nur allein sein.

Kaum war mir das klar geworden, öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer erneut. Zwei Pfleger kamen herein, Remus war nicht unter ihnen… Ich wusste nicht genau, ob ich das enttäuschend oder erleichternd fand. Allerdings war ich mir sicher, dass ich im Moment lieber allein sein wollte, doch erstaunlicherweise fiel es mir sehr leicht, die Fragen der Pfleger zu beantworten. Wie es meinem Körper ging, das war eine klare und eindeutige Sache, ich konnte klare, ehrliche Sätze sprechen. Das war gut. Bis der Pfleger, der beim ersten Mal schon mit in meinem Zimmer gewesen war – laut einer Plakette am Hemd hieß er Marcus – , verkündete: „So, Miss, noch eine letzte abschließende Frage: Woher kommt die Wunde an Ihrem Herzen? Von der Heilung her ist das kein Problem, aber wir müssen hier die Ursache notieren." Er wedelte mit einem Klemmbrett und einer Feder durch die Luft.

Von der Heilung her ist das kein Problem? Ich schnaubte, woraufhin mich beide leicht irritiert ansahen. Eine Antwort fiel mir trotzdem nicht ein. Ich zupfte nervös an der Bettdecke herum.

„Ja nun…", setzte ich an.

Erwartungsvoll schaute Marcus mich an.

„Ich weiß nicht…", murmelte ich. Marcus hob eine Augenbraue. „Es tat irgendwie weh, da hatte ich das Gefühl, mich dort festhalten zu wollen… Aber ich erinnere mich nicht besonders gut, mein Kopf tat so furchtbar weh."

Marcus notierte etwas.

„Haben Sie sich schon einmal selbst verletzt?"

Wie bitte?! Das hörte sich an, als sei ich eine planmäßige Masochistin, selbst verletzt. So ein Unsinn!

„Ich habe mich nicht selbst verletzt!", brach es wütend aus mir hervor. „Wer mich verletzt hat, kann Ihnen ja wohl egal sein. Und richten Sie Remus bitte aus, dass ich keine Ahnung habe, warum er sich mir gegenüber so merkwürdig verhält!"

Ich hielt inne und betrachte den kahlen Baum vor dem Fenster.

„Entschuldigen Sie", sagte ich reumütig, ohne den Blick von den nackten Zweigen abzuwenden. Obwohl es vollkommen irrational war, hatte ich das Gefühl, sie würden dort draußen frieren. So ganz ohne Blätter und Sonne, nur grauer Himmel und Wind. Mir trat eine Träne in die Augen. Offensichtlich war ich ziemlich überemotional.

„Könnten Sie Remus bitte sagen, dass ich gern mit ihm reden würde? Und bitte, ich bin ihm sehr dankbar dafür, wie er sich für mich eingesetzt hat, und für den Rat bei" – der Name kam mir nicht über die Lippen – „äh… Schnuffel. Ich weiß jetzt, dass er Recht hatte…"

Endlich drehte ich meinen Kopf und konnte gerade noch erkennen, wie Marcus grinsend nickte. Ich verfluchte die Träne in meinem Auge und die ganze Situation dazu, fragte mich, was er wohl von mir dachte, weil ich mich so unbeherrscht verhielt, und blickte auf meine Bettdecke. Diese war, zugegebenermaßen, kein besonders spannender Anblick, denn sie war weiß. Schneeweiß.

Wann würde es wohl den ersten Schnee geben? Ich wusste ja nicht einmal genau, welcher Tag heute war. Bei Schnee musste ich immer an die Schneeballschlachten in Hogwarts denken, an Pflege magischer Geschöpfe in der Kälte, an eisige Quidditchspiele, an den zugefrorenen See… In London würde es vermutlich ohnehin nicht schneien, nur immer regnen, und dieser eisige Wind. War ich eigentlich gerade in London? Ich wusste ja immer noch nicht, wo ich war! Ich blickte auf, doch die Pfleger waren schon gegangen.

„Kingsley!"

Nach den Wochen im Orden kam mir der Vorname meines ehemaligen Ausbilders jetzt schon ganz leicht und selbstverständlich über die Lippen.

„Übersieh mich mal nicht, nur weil ich keine zwei Meter groß bin", brummelte Alastor, zog die Tür hinter sich zu und blickte sich kritisch im Zimmer um. „Gut, dass du hier wenigstens allein bist, wobei wir uns nicht in falscher Sicherheit wiegen sollten. Die Ohren der Todesser können überall sein."

Unwillkürlich musste ich grinsen, auch Kingsleys Lippen verzogen sich zu einem kaum unterdrückten Lächeln. „Wie fühlst du dich?", fragte er.

„Ja nun…"

Ich wusste schon wieder nicht, was ich sagen sollte.

„Ich weiß nicht so genau. Ich glaube, mein Kopf ist geheilt. Bestimmt kann ich bald wieder arbeiten."

Kingsley nickte und trat ans Fenster, während Alastor mich prüfend musterte – mit beiden Augen. Ich versuchte, den Blick ruhig und fest zu erwidern.

„Was war denn eigentlich los? Warum hast du dich in deiner Wohnung verkrochen?"

Meine Bettdecke war plötzlich wieder sehr interessant.

„Ähm… ich hatte ein unerfreuliches Gespräch mit Sirius und ich habe den Streit von Snape und Remus gehört und irgendwie war mir das alles zu viel. Dann habe ich mir leider zuhause den Kopf gestoßen, zumindest sieht es so aus. Es ist alles eher durcheinander."

Wie auf ein geheimes Kommando sahen Kingsley und Alastor sich an. Irgendwie verhielten sie sich ziemlich mysteriös. Waren sie mich als Freunde besuchen gekommen, als Kollegen, als Ordensmitglieder?

„Tonks." Kingsley bemühte sich, seine Stimme ruhig und freundlich zu halten. „Was weißt du über den Streit von Remus und Snape?"

Erleichtert seufzte ich. Sie hakten nicht bei Sirius nach.

„Ich habe keine Ahnung, ich weiß nichts. Ich habe nur Satzfetzen gehört. Es ging erst noch um ihre Schulzeit und Snape hat den Orden generell beschimpft, wir seien alle Versager und ich nur ein Trampel oder so. Da ist Remus ausgerastet und hat den Zauberstab gehoben. Aber den richtigen Auslöser kenne ich nicht, tut mir leid."

Ich schwieg einen Moment.

„Aber angegriffen hat er ja nicht."

Alastor setzte sich neben mir aufs Bett, sein magisches Auge fixierte die Tür, während das gesunde auf mich gerichtet war. „Trotzdem darf dieses Verhalten nicht toleriert werden."

Kingsley nickte bedeutsam dazu. Was sollte das denn jetzt heißen? Wollten sie Remus aus dem Orden schmeißen, nur weil der gute ein einziges Mal einen Fehler gemacht hatte? Hatte er es als Werwolf nicht ohnehin schwer genug?

„Leute", versuchte ich meine Stimme zu beherrschen. „Wenn ihr den Grund kennen wollt, fragt Remus einfach selbst, er arbeitet hier. Meine Meinung ist" – meine Stimme wurde etwas lauter – „dass Remus auch einmal das Recht haben sollte, in einer solchen Situation wütend zu reagieren. Wie oft haben Sirius und Snape sich in den Haaren gehabt? Und Sirius hat niemand ausgeschlossen! Dabei sind die beiden unbeherrscht wie wütende Hippogreifen und kommen nicht miteinander aus!"

Die beiden sahen mich überrascht an. Seit ich Remus vor ein paar Tagen das letzte Mal so überraschend gesehen und ihm durch Marcus meine Nachricht hatte überbringen lassen, war einige Zeit zum Nachdenken gewesen.

„Sirius wird nie bestraft…", ergänzte ich wehleidig. Mit ziemlicher Eindeutigkeit war ich damit zu weit gegangen. Ohne diesen letzten Satz hätte ich Remus wahrscheinlich mehr geholfen, aber ich hoffte, dass meine vorhergehenden Worte wenigstens ein bisschen Eindruck hinterlassen hatten – und eigentlich blieb nur die Flucht nach vorn.

„Warum", setzte ich neu an, „kriege ich eigentlich nichts mit? Ich bekomme keine Informationen, keine gefährlichen Aufträge… Was soll das alles? Ihr könnt mir doch nicht erzählen, Dumbledore hält alles vor dem ganzen Orden geheim und ihr wisst auch alle nichts! Als ob! Nichts erzählt man mir, wozu braucht ihr mich überhaupt?"

Kingsley setzte sich auf die andere Seite des Bettes, beide schauten mich bestürzt an.

„Tonks", wieder war es Kingsleys beruhigende Stimme, die auf mich einsprach, „wir brauchen dich. Wir brauchen alle, die wir kriegen können." Ich verzog das Gesicht. Na toll, egal wer, selbst tollpatschige Trampel. „Versteh mich bitte nicht falsch. Jeder, der überzeugt von der Wahrheit ist, ist eine riesige Hilfe. Und du bist auch noch Aurorin, du warst beim letzten Mal nicht dabei, genauso wenig wie ich, uns verdächtigt niemand, die Todesser kennen uns nicht. Und was die mangelnden Informationen angeht…" Kingsley seufzte und blickte aus dem Fenster. Ich überlegte kurz, ob der kahle Baum ihm ebenso leidtat wie mir, schüttelte diesen sentimentalen Gedanken dann aber schnell aus dem Kopf.

„…lässt Dumbledore uns alle gleichermaßen im Dunkeln", ergänzte Alastor knarzende Stimme. „Glaub mir, das macht uns auch keinen Spaß. Dumbledore ist brilliant. Aber er hat nie wirklich verstanden, was Teamwork bedeutet. Er braucht viele mehr oder weniger begabte Handlanger, die ihm und seiner Version der Wahrheit genug vertrauen, aber er selbst vertraut niemandem. Das macht uns allen Sorgen. Am wenigsten vertraut er im Moment Harry. Er versteht einfach nicht, dass auch andere Menschen mal einen nützlichen Beitrag leisten könnten, ohne gleich alles im nächsten Pub herumzubrüllen. Und gefährliche Aufträge… die gibt es nicht. Nur das Bewachen der Mysteriumsabteilung, aber da bist du ja ebenso beteiligt wie alle anderen. Ohne dass irgendjemand den genauen Grund kennt."

Alastor schnaubte und schloss resigniert die Augen. Ich fragte mich, worauf sein magisches Auge jetzt wohl gerichtet war. Sehen konnte ich es schließlich nicht, aber was fixierte er wohl…? Mit einem neuerlichen Kopfschütteln versuchte ich, mich wieder auf den Inhalt seiner Worte zu konzentrieren. Ganz offensichtlich wurde ich nicht absichtlich ausgeschlossen. Ganz offensichtlich tat der Orden einfach nicht so viel. Ganz offensichtlich gab es ein großes Vertrauensproblem.

„Ich verstehe das nicht ganz", entgegnete ich, nun deutlich ruhiger. „Wenn das alles stimmt und ihr mich nicht belügt" – Alastor, der bei meinem ersten Wort die Augen wieder geöffnet hatte, verdrehte sie nun ausgiebig – „warum bei Merlins Unterhose seid ihr dann alle im Orden und lasst euch das bieten? Und Harry? Und Arthur, Molly? Remus?" – ganz bewusst ließ ich Sirius aus, irgendwie bereitete mir das eine kindische Genugtuung – „Ihr seid doch alle nicht blöd!"

Nun war es wieder Kingsley, der sprach. „Dumbledore ist ein guter Mensch. Der ganze Orden ist ein Haufen guter Menschen. Na ja… oder zumindest solcher, die auf der richtigen Seite stehen" – sein zweifelnder Gesichtsausdruck sagte deutlicher als alle Worte der Welt es könnten: Snape –„ die sehr unterschiedlich sind, die gemeinsam sehr viel schaffen können. Der Orden ist ein Ort ziemlicher Toleranz, ich meine, von Mundungus bis Arthur ist alles vertreten. Wenn irgendjemand Voldemort und den Todessern etwas entgegensetzen kann, dann ein solcher Zusammenschluss intelligenter und vielfältiger Zauberer. Wenn man etwas tun will, dann gibt es keine wirkliche Alternative."

„Außerdem", knurrte Alastor entschlossen, „ist das, was wir tun, nicht sinnlos. Wir versuchen, mehr Menschen zu überzeugen, auch in anderen Ländern. Bill und Charlie sind da ja mit ihren Lieblingen ganz gut dabei." Alastor grinste schief über sein vernarbtes Gesicht, offensichtlich fand er den Vergleich Charlies rumänischer Drachen mit Bills neuer Freundin Fleur Delacour unheimlich gelungen, und auch ich musste ob des Witzes kurz auflachen. „Und auch die Wachdienste sind nicht sinnlos, so viel Vertrauen sollten wir schon in Dumbledore haben. Wer weiß, wie schnell wir uns nach diesen friedlichen Zeiten zurücksehnen werden…"

War das wieder nur der übervorsichtige, schwarzsehende Alastor? Plötzlich wurde mir wieder bewusst, wer wirklich unser Gegner war. Alastor hatte vermutlich Recht. Vielleicht würde uns der Kampf noch viel früher bevorstehen, als uns lieb sein konnte.

„Sie haben aber reichlich Männerbesuch", rief Marcus mit einem verschmitzten Grinsen, kaum dass er durch die Tür getreten war. Alastor und Kingsley hatten sich bereits wieder auf dem Weg ins Ministerium gemacht.

„Kennen Sie die alle aus Ihrem Kochkurs?"

„Das waren zwei Kollegen!", erwiderte ich entrüstet. „Was denn für ein Kochkurs?"

„Ich wusste es! Der gute Romulus hat mir da einen Bären aufgebunden, er wollte einfach nicht mit der Sprache rausrücken, woher ihr euch kennt!"

Nach den paar Tagen Ruhe schaltete ich zum Glück recht schnell und hatte gleich eine passende Antwort parat: „Nur weil Remus und ich uns aus einem Kochkurs kennen, heißt das nicht, dass ich alle meine Bekannten aus einem Kochkurs habe. Das waren, wie gesagt, Kollegen, als Männerbesuch kann man das wohl kaum bezeichnen."

Innerlich musste ich grinsen. Wie zum Teufel kam Remus darauf zu erzählen, wir hätten uns in einem Kochkurs kennengelernt? Meine Geschicklichkeit in einem Kochkurs wäre für die Teilnehmer wahrscheinlich tödlich.

Marcus sah mich ein bisschen enttäuscht an, offensichtlich hatte er sich andere Neuigkeiten erhofft. Der Kerl war schon ziemlich schräg. Plötzlich hellte sich sein Gesicht wieder auf: „Ja nun, draußen wartet aber noch ein sicherlich vortrefflicher Koch" – meinte er Remus? Aber wieso dann noch? – „der noch dazu recht gutaussehend scheint, soweit ich das beurteilen kann…"

Oh nein. Es konnte sich nur um Sirius handeln.

„Soll ich ihn hereinlassen?"

Diese Frage kam eindeutig zu spät, denn kaum hatte Marcus den Satz beendet, öffnete sich auch schon die Tür und ein Mann stürzte herein – er hatte kurze, dunkle Haare und einen rauschenden Bart, außerdem trug er eine Sonnenbrille, ein Hawaiihemd und kurze, mit Blumen bedruckte Hosen, die Richtung Boden in ein recht großes Stück ziemlich behaarter Beine und schließlich türkisfarbene Flipflops übergingen.

Dieser Mann war eindeutig Sirius.

„Ich lasse mir doch keinen Besuch bei meiner Cousine verbieten!", grummelte er und schob Marcus zur Tür hinaus. Danach drehte er sich um und machte sich an den Versuch eines entwaffnenden Lächelns, das allerdings gefror, als er meinen Gesichtsausdruck sah.

„Na, lieber Cousin", brachte ich zwischen den Zähnen hervor, „ist dir in deinem Outfit nicht etwas zu kalt für Ende November?"

„Ähem", lächelte Sirius vorsichtig, „wer sucht schon einen gefährlichen Massenmörder im Strandlook? Du darfst nicht vergessen, ich bin der bedrohlich-gefährliche Sirius Black…"

Ich verdrehte die Augen. Ja sicher, dieser ganze Aufzug zur Tarnung. Sirius war unheimlich albern und kindisch. Und trotzdem so ein Schwein.

„Was willst du überhaupt hier, wenn es eh zu gefährlich für dich ist, dein hübsches Black-Haus zu verlassen? Bist du des Wahnsinns? Hat Dumbledore das genehmigt?"

Sirius kam ein paar Schritte näher und schreckte gerade noch von meinem gefauchten „Setz dich nicht auf mein Bett!" zurück.

„Ich… ähm… wollte mich entschuldigen, weißt du. Das war alles ein bisschen daneben von mir. Und scheiß auf Dumbledore."

Ich schnaubte. Ein bisschen. Ich landete sonst auch immer bei einem Korb im Krankenhaus.

„Also, ich meine, ich habe mich vollkommen daneben benommen, aber ich bin leider oft so, leichtsinnig, unbedacht. Ich wusste nicht, wie ernst es dir ist."

Na gut, dafür, dass ich mir den Kopf gestoßen hatte, konnte Sirius wirklich nichts. Insofern war es auch nicht wirklich seine Schuld, dass ich im Krankenhaus gelandet war.

„Sirius, lass uns irgendwann noch mal darüber reden. Oder auch gar nicht. Es ist mir egal. Ich sollte nicht mehr auf solche verdammten Schönlinge reinfallen. Lass mich nur in Ruhe."

Ich hatte eigentlich gehofft, Remus würde endlich kommen. Seit ich Marcus gebeten hatte, ihn um ein Gespräch zu bitten, waren schon einige Tage vergangen. Aber so wichtig schien es ihm nicht zu sein, so ein Missverständnis aus der Welt zu räumen.

„Tonks?"

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich wieder die nackten Zweige vor dem Fenster betrachtet hatte. Sirius sah mich aus seinen dunklen Hundeaugen an.

„Ich wollte dir nur noch erklären, was ich für Unsinn angestellt habe. Ich war so sauer und genervt, dass ich Moony erzählt habe, du seist weggerannt, weil du Angst vor ihm habest. Ich wollte, dass er mit dir redet und dich tröstet..." Sirius räusperte sich. „… oder so. Deswegen hat er sich wohl ein bisschen komisch verhalten dir gegenüber."

Das durfte ja wohl nicht wahr sein.

Ich zog kräftig an meiner Bettdecke, sodass Sirius, von der plötzlichen Bewegung überrascht, vom Bett fiel und gerade noch sein Gleichgewicht wiederfand, bevor er ganz auf dem Boden landete.

„Warum bist du so ein stinkender Knallrümpfiger Kröter? Ich fass es nicht."

Sirius blickte mich entsetzt an.

„Es tut mir wirklich leid", sagte er leise. „Und Moony lässt sich entschuldigen. Es war Vollmond, sonst hätte er dich schon längst wieder besucht. Er … hat mich auch überredet, mich bei dir zu entschuldigen. Also ich hätte es auch von allein getan…" Vermutlich bemerkte er meinen zweifelnden Blick. „… glaube ich zumindest. Na ja. Auf Wiedersehen."

„Mach, dass du weg kommst. Schade, dass wir auf der gleichen Seite stehen. Aber so müssen wir wohl weiterhin in einem Team spielen."

Mit dem Klicken der Tür lehnte ich mich in die Kissen zurück. Das war mir eindeutig alles zu viel. Wie konnte jemand nur so bescheuert und egoistisch sein? Und der arme Remus hatte alles abbekommen, dabei hatte er mit Snape offensichtlich selbst genug Probleme am Hals. Hoffentlich hatte ich ihm vorhin im Gespräch mit Kingsley und Alastor ein bisschen aus der Patsche helfen können. Und in dieser Stille überwältigte mich auch wieder die Erkenntnis, dass wir alle in großer Gefahr schwebten und einen wirklichen Kampf zu bestreiten hatten. Was war dagegen schon Sirius? Vielleicht würde uns der Kampf noch viel früher bevorstehen, als uns lieb sein konnte.

Ein erster Vorgeschmack erreichte uns kurz vor Weihnachten.