8. Kapitel: In dem gelernt und Quidditch gespielt, Hagrid Vater (oder Mutter) wird und mehr oder weniger freiwillig mehr über den Stein erzählt, Harrys Tarnumhang zum Einsatz kommt
Die Tage vergingen schnell. Gryffindor besiegte Hufflepuff, was wohl eigentlich gut für sie war, Flint jedoch trotzdem wurmte, weil es Wood freute. Severus schien immer schlechter gelaunt, grüßte sie nur knapp, brachte Neville fast zum Weinen und war in seinem Unterricht übermäßig streng, wortkarg und ernst. Millicent hatte begonnen regelmäßig im dritten Stock an der Tür zu lauschen, hinter der Fluffy war, um zu schauen, ob der Hund nach bei guter Gesundheit war. Sie hatte überlegt, ob sie sich ihm nähern und sehen sollte, ob er nicht weniger gefährlich war, als er schien, doch Hermine, Harry und Draco waren einstimmig dagegen und Draco drohte ihr, ihr den Beinklammerfluch, den er besser als Hermine zu beherrschen gelernt hatte, hinterherzujagen, sollte sie es dennoch versuchen.
Obwohl sie die Quirrelltheorie (wie auch die Pansytheorie) im Grunde abgelehnt hatten (bessere Theorien fanden sie jedoch auch nicht), fiel ihnen doch sehr auf wie bleich, hager und noch stotternder ihr Professor für Verteidigung gegen die Dunklen Künste wurde. War der Unterricht vorher wenig erhellend, so war er jetzt noch schlechter als der von Professor Binns, in dem Harry und Draco mit Harrys Schachbrett in der hintersten Reihe immer längere und kniffligere Partien spielten.
Außerdem beschloss Hermine, dass sie anfangen sollten für die Prüfungen zu lernen. Harry gab ihr im Stillen recht, aber Draco und Millicent waren wenig begeistert, als sie Zeitpläne aufstellte, die jede freie Minute schluckten und zu Wiederholungsstunden umwandeln sollten.
„Wir müssen diese Prüfungen bestehen.", erinnerte sie immer wieder. „Sonst kommen wir nicht ins zweite Schuljahr."
Harry hätte wohl ein wenig Angst gehabt, durchzufallen, wenn er nicht gemerkt hätte, wie viel er von dem Unterrichtsstoff behalten hatte, einfach durch das regelmäßige Arbeiten mit den anderen dreien. Außerdem versicherte ihm Remus in seinem nächsten Brief, dass die Prüfungen im ersten Jahr leicht waren und Lehrer dafür sorgten, dass niemand durchfiel. Anscheinend hatte es in seinem Jahrgang viele Schüler gegeben, die wirklich faul waren, kein Interesse zeigten und die dennoch bis zum Ende ihrer Schulzeit in Hogwarts durchkamen. Das erleichterte Harry etwas. Auch wenn er überlegte, ob Remus nicht doch ein wenig übertrieb mit seinen Ausführungen.
Sie bekamen Unmengen an Hausaufgaben, wie es Harry schien. Und als die Osterferien kamen, überlegte er, ob sich wohl alle Lehrer verschworen hatten, ihnen keine freie Minute zu gönnen, so viel ließen sie Professor McGonagall, Flitwick, der übel gelaunte Severus, Binns (bei dem Harry die Ansage der Aufgaben beinahe nicht mitbekommen hatte), die Astronomielehrerin Professor Sinistra, Professor Sprout und sogar der zögerliche Quirrell über die kurze freie Zeit machen. Zusammen mit Hermine blieben ihnen so nur wenige Stunden der Ferien übrig, von denen in Harrys Fall Training mit Flint weitere beanspruchte.
An einem Tag, an dem sie in der Bücherei an ihrem Stammtisch Hausaufgaben für Kräuterkunde machten, unterstützt von Neville, der von dem Fach die meiste Ahnung hatte, dem sie dafür bei einem Aufsatz in Verwandlung am Tag zuvor geholfen hatten, bemerkte Harry zu seiner Verwunderung die große Gestalt Hagrids zwischen den Regalen, als er in die Abteilung für Pflanzen ging, um ein Buch zu finden mit näheren Informationen zu „Diptam". Neugierig ging er zu ihm hin.
„Hagrid?", fragte er.
Der Mann drehte sich überrascht um, erblickte Harry und wirkte dann auf einmal leicht verlegen. Harry kam der Gedanke, dass Hagrid irgendetwas tat, das er nicht tun sollte. Und dass der Mann wirklich nicht gut darin war, dies nicht zu zeigen. Unauffälligkeit war nicht nur wegen seiner Größe keine seiner Stärken.
„Harry.", sagte er. „Was... äh... machst du denn hier?"
„Wir machen hier immer Hausaufgaben. Eigentlich sind wir ständig hier. So verwundernswert ist es nicht, mich hier anzutreffen. Aber was machst du eigentlich hier?"
Hagrid trat von einem Bein aufs andere.
„Ich... äh... wollte nur was gucken."
Es schien, als wolle Hagrid verzweifelt dafür sorgen wollen, dass Harry nicht sah, vor welchen Büchern er gestanden hatte, denn nun stellte er sich zwischen ihn und das Regal und machte sich (wenn die überhaupt möglich war) noch größer, um ihm die Sicht zu versperren.
Harry hätte versuchen können, ihn abzulenken, auszufragen, oder doch einen Blick zu erhaschen, doch was würde es ihm nützen, Hagrid darauf aufmerksam zu machen, dass er wusste, dass der große Mann versuchte etwas zu verbergen? Es würde den anderen nur wachsamer und vorsichtiger machen und ihn vielleicht dazu bringen, einen Weg zu suchen, Harry irgendwie abzulenken. Nein, er würde ihn glauben lassen, dass er keineswegs neugierig und seinerseits aufmerksam auf des Verhalten des anderen geworden war. Er konnte immer noch nach den Büchern schauen, wenn Hagrid die Bücherei hinter sich ließ, was er tun würde, denn er war wohl gerade dabei gewesen zu gehen, als Harry ihn fand.
Also sagte er stattdessen: „Ach so", und dann: „Ich habe dich in letzter Zeit selten gesehen. Wir haben wirklich viel zu tun die Tage. Hermine hat begonnen uns in einen Prüungslernverfahren zu verwickeln und viele Hausarbeiten bekommen wir obendrein. Aber es wäre schön, dich mal wieder richtig zu sehen."
Hagrid wurde etwas ruhiger. Harrys Herangehensweise hatte eindeutig geholfen. „Stimmt. Hab euch auch länger kaum gesehen. Kann mich noch erinnern, dass es in meinem ersten Jahr hier ähnlich war." Er schien zu überlegen und meinte dann: „Aber hätt nichts dagegen, euch wieder mal bei mir zu sehen."
Harry überlegte. Im Grunde wäre er froh darüber, einmal vom Lernen und Wiederholen loszukommen, wenn Hagrid sie einlud, würde Hermine ihnen diese Pause nicht ausschlagen und er glaubte, dass Millicent Fang ein wenig vermisste, auch weil sie zwar begeistert war Helena nun bei sich zu haben, die Katze jedoch sehr unabhängig und nicht so verschmust wie der Saurüde war (und Fang mit verschmust zu betiteln kam ihm irgendwie falsch vor, aber besser konnte er es nicht beurteilen). Und was immer Hagrid diesmal zu verbergen hatte, in seiner Hütte würde es einfacher sein, es herauszubekommen, weil der Mann sich dort sicherer fühlte.
„Morgen haben wir einen recht vollen Tag und übermorgen habe ich in meiner lern-freien Zeit Training. Dann kommt das Spiel, aber heute Abend würde Hermine uns nur einen eher unwichtigen Teil von Geschichte wiederholen lassen...", sagte er langsam wie mehr zu sich selbst, doch sich durchaus bewusst, dass Hagrid ihm zuhörte.
„Nun", meinte Hagrid und schien sich nicht ganz sicher zu sein, „hätt im Grunde nichts dagegen, wenn ihr nachher bei mir vorbeikommt..."
Na also. „Oh, wirklich? Nun, ich werde es den anderen dreien sagen. Dann kommen wir heute vorbei." und auf Hagrids bestehende leichte Unsicherheit hin „Und Millicent würde sich freuen, Fang wiederzusehen."
Das lenkte Hagrid offenbar ab. „Oh, ja. Er vermisst sie auch. Gutes Mädchen, deine Freundin. Gibt wenige, die ihn so begeistern."
„Na, dann", sagte Harry, „ich geh mal wieder zu den anderen und sag ihnen Bescheid. Und du willst sicher wieder weiter. Bis nachher."
Dann wandte er sich wieder der Suche nach einem Pflanzenbuch zu.
Als Hagrid um die Ecke der Regale herum fortging, hatte Harry etwas Passendes gefunden und sah dann nach, vor welchen Büchern Hagrid gestanden hatte.
Er las die Titel in der Regalreihe. Dann entfuhr ihm ein leises Zischen. „Drachen."
„Hast du etwas zu Diptam gefunden?", fragte Draco, als Harry zu ihrem Tisch zurückkehrte.
Harry warf ihm ein schmales Buch zu, was Hermine missbilligend von einem anderen Buch, das sie gerade las, aufblicken ließ.
„Wo ist Neville?"
„Muss für McGonagall etwas erledigen, weil er vor zwei Tagen ausversehen im Gang in der Pause zwei Fackeln irgendwie zerstört hat. Frag nicht. Er hat auch keine Ahnung wie.", erwiderte Draco.
„Manchmal glaube ich wirklich er hat mehr Pech als andere... Aber McGonagall ist, denke ich, bei ihren Strafarbeiten noch ganz okay.", meinte Harry nachdenklich und wechselte dann das Thema, „Nun, das mal beiseite. Ich habe Hagrid getroffen. Er lädt uns nachher zu sich ein."
„Mh. Ich habe vorhin gedacht ihn kurz zu sehen. Es verwundert mich, dass er hierher kommt.", sagte Draco.
„Ich bin auf jeden Fall für eine kleine Pause.", murmelte Millicent.
Hermine biss sich auf die Lippe. „Eigentlich sollten wir nachher Geschichte wiederholen."
„Die Koboldunruhen haben wir uns schon vor fünf Tagen angeschaut", meinte Harry. „Und Hagrid freut sich sicher uns zu sehen. Außerdem habe ich ihm gesagt, wir kommen."
„Oh nun, na schön.", gab Hermine nach.
„Wonach hat er eigentlich geschaut?", fragte Draco als sie auf dem Weg zur Hütte am Waldrand waren.
„Bücher über Drachen.", antwortete Harry.
„Oh wie passend.", sagte Hermine, „Er recherchiert Drachen und wir kommen mit einem Draconis in unserer Begleitung zu Besuch."
Die anderen drei blickten sie schweigend an.
„Ich muss an meinem Humor noch arbeiten, oder...?", meinte Hermine.
„Naja. Aber du hast es versucht.", sagte Harry.
„Ich bin stolz auf dich für den Versuch.", gab Millicent ihre Zustimmung.
„Nun, vielleicht muss ich mich damit abfinden. Witzig zu sein ist eben keine meiner Stärken. Aber mal etwas anderes... Bevor wir ankommen."
„Nicht wieder eine Lehrstunde, oder?", sagte Draco ein wenig beunruhigt.
„Ach was. Und eigentlich solltet ihr froh sein, dass wir endlich mit dem Lernen angefangen haben. Nein, was ich meine ist, wenn wir schon wieder einmal mit ihm sprechen können, können wir vielleicht etwas darüber herausbekommen was er noch über den Stein weiß und bestätigen, dass die Lehrer wirklich Bescheid wissen."
„Mh.", machte der blonde Slytherin, „Keine schlechte Idee, eigentlich. Wirklich voran kommen wir sonst nie. Andererseits... vielleicht sollten wir uns heraushalten..."
„Ach was.", sagte Millicent neben ihm, „Wir schaden keinem."
„Außer uns selbst..."
„Wir werden versuchen, daran zu denken.", sagte Harry.
Da waren sie auch schon vor der Hütte, deren Vorhänge seltsamerweise heute alle zugezogen waren. Aber Hagrid hatte wahrscheinlich seine Gründe.
Sie klopften an und der Wildhüter ließ sie bei sich ein. Sofort war Fang bei Millicent und sie ließen sich wieder auf dem Sofa in der Hütte nieder. Es war beinahe unerträglich warm.
Hagrid bot ihnen Tee, neuerlich Kekse und auch Wiesel-Sandwiches an. Alle nahmen eine Tasse Kräutertee, die Kekse lehnten sie höflich ab und allein Millicent nahm von den Sandwiches und begann damit, Teile der belegten Brote selbst zu essen und Teile dem Hund zu geben. Da Hagrid nichts sagte, schien dies in Ordnung zu sein.
„Nu, ich hab euch ja wirklich lange nich mehr gesehen.", meinte Hagrid dann. „Harry hat mir schon gesagt, dass ihr viel lernt und viel zu tun habt. War meiner Zeit um die Tage herum auch nich anders, glaub ich. Aber ihr solltet nich vergessen auch n' wenig anderes zu tun."
Hermine schien wieder einen Vortrag über Lernen und Prüfungen halten zu wollen, aber die anderen drei stimmten Hagrid schnell zu und hielten sie davon ab, erneut über die Wichtigkeit dieser Dinge zu reden.
Es wurde still. Irgendwie konnte keiner einen guten Gesprächsansatz finden. Harry überlegte, wie sie auf den Stein zu sprechen kämen könnten. Dann lieferte Hagrid ihm zum Glück einen guten Einstieg.
„Nun, wir recherchieren viel.", meinte Hermine, immer noch ihre Lernstunden verteidigend und Hagrid runzelte auf einmal die Brauen und sah sie ernst an.
„Aber ihr sucht nich mehr nach Flamel, oder?", meinte er.
Draco setzte sich auf und wollte wohl etwas sagen, doch Harry dachte sich, dass jetzt das Beste wäre einfach nur ehrlich zu sein und Hagrid so zu überrumpeln.
„Wir wissen schon lange, wer Flamel ist.", sagte er und erntete verwunderte Blicke der anderen, seine drei Freunde waren sich wohl nicht sicher, warum er dies zugab und Hagrid war, wie er es vorausgesehen hatte, überrumpelt. „Und wir wissen auch, was Fluffy bewacht.", fuhr Harry fort, „Worüber wir uns nicht sicher sind, ist wie sicher der Stein..."
„Shhhh!", rief Hagrid panisch, als würde er denken, jemand könnte sie hören.
„Bitte, Hagrid, wir wissen von dem Stein, du weißt von dem Stein, keiner hier weiß nicht Bescheid. Nein, was wir uns wirklich fragen ist, ob er auch sicher ist und wer außer uns noch von ihm weiß."
„Wir fragen uns, ob du uns etwas dazu sagen kannst?", übernahm Hermine, die wieder einmal am schnellsten Harry hatte folgen können.
Hagrid sah leicht böse aus. „Hätt euch den Namen nie sagen sollen", murmelte er. „Und euch noch mehr sagen kann ich natürlich nich. Erstens, weil ich auch nich alles weiß und zweitens, weil ihr sowieso schon viel zu viel wisst."
„Nun", meinte da Draco, der sich gefasst hatte, „Wir wollen unsere Nasen natürlich nicht in etwas stecken, dass uns nicht angeht. Wir wissen nur, dass jemand schon versucht hat den Stein zu stehlen und sind uns um seinen Wert im Klaren, es bereitet uns nur Sorgen nicht sicher sein zu können, dass er im Schloss sicher ist... Natürlich wissen wir, dass du nicht darüber reden darfst, aber ich bin mir sicher, dass du etwas mehr wissen könntest, das uns beruhigen würde."
Hagrid sah ihn misstrauisch an.
„Nun, ich sollte wirklich nicht..."
„Hör mal Hagrid, wir wollen uns nur versichern. Und natürlich sind wir neugierig zu wissen, wem Dumbledore genug Vertrauen in so einer wichtigen Angelegenheit schenken könnte und um Hilfe bitten würde, abgesehen von dir.", nahm Hermine den Faden auf.
„Naja, ich meine...", sprach Hagrid, der offensichtlich weich geworden war und stolz bei der Erwähnung von Dumbledores Vertraue in ihn, „es wird nich schaden, es euch ein wenig zu erzählen... Damit ihr sicher sein könnt. Schätz ich. Kann euch natürlich nichts genaues sagen. Aber ihr solltet wissen, dass Dumbledore natürlich dafür gesorgt hat, dass der Stein sicher ist. Hat sich nich nur Fluffy geliehen, auch n' paar der Lehrer haben für Schutz gesorgt..."
„Lehrer?", fragte Millicent und sah von Fang auf, der wieder einmal mit dem Kopf auf ihren Knie lag.
„Na nun, Professor Sprout, Professor Flitwick, Professor McGonagall", überlegte Hagrid, „Professor Quirrell... und lasst mal überlegen... Professor Snape... Professor Kettleburn, das ist der Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe, hat mit mir Fluffy ins Schloss gebracht. Und Professor Dumbledore selbst natürlich. Ihr seht also, ihr braucht euch keine Sorgen zu machen."
Nun es bestätigte, dass die Lehrer größtenteils Bescheid wussten.
„Keiner außer dir weiß, wie man an Fluffy vorbei kommt, nicht wahr?", sagte Draco.
„Und du würdest auch niemandem erzählen, schließlich vertraut Dumbledore dir zu recht.", ergänzte Harry.
„Keine weiß es. Keiner außer mir und Dumbledore, nicht einmal Professor Kettleburn."
Auf jeden Fall nicht Severus und wahrscheinlich nicht der mutmaßliche hypothetische Dieb, dachten wohl alle vier Schüler.
„Es ist zumindest ein Anfang.", murmelte Hermine leise und ging wohl wieder eine Liste Verdächtiger durch.
Harry stimmte ihr gedanklich zu und ließ seinen Blick wandern, während er die neuen Informationen ebenfalls in das einordnete, was sie bereits wussten.
Draco neben ihm wurde ein wenig hibbelig. „Können wir vielleicht ein Fenster aufmachen?", fragte der blonde Junge und Harry merkte, dass auch ihm selbst langsam zu warm wurde.
Hagrid schien verlegen. „Geht nich.", sagte er.
„Aber wieso...?", begann Draco, da fiel Harrys Blick, der immer noch umherschweifte auf etwas in Hagrids Feuerstelle, zu der auch der Mann kurz herüber schaute, und wieder weg sah, als hätte man ihn bei irgendetwas ertappt.
„Hagrid, was...", fragte Harry und sah auf das ovale schwarze Objekt im Feuer, er begann etwas zu ahnen, was ihn beunruhigte, „...ist das?"
Die anderen folgten seinem Blick. Draco und Hermine zischten leise, als auch sie erkannten, was Hagrid da in seinem Feuer hatte. Es war ein großes Ei. Hagrids plötzliches Interesse an Büchern über Drachen machte nun auf einmal durchaus Sinn.
„Das kann nicht dein Ernst sein!", rief Draco entgeistert.
„Ja nun...", brummte Hagrid verlegen, „Das äh..."
„Du brütest es nicht aus, sag, dass du es nicht ausbrütest.", sagte Hermine.
„Hu.", machte der große Mann vor ihnen, „Nun... es ist ein Ei..."
„Wo hast du es her?", fragte Millicent neugierig und beäugte das Objekt im Feuer näher. Sie schien sich nicht daran zu stören. Harry war sich fast sicher, sie würde auch einen Drachen bei sich aufnehmen, wenn sie es könnte...
Hagrid grinste ein wenig. „Gewonnen. War letzte Nacht im Dorf was trinken und n' bisschen Karten spielen mit nem' Fremden, der's dabei hatte. War wohl ganz froh, es los zu werden."
„Was, Hagrid", sagte Hermine, „machst du, wenn es schlüpft?"
„Naja", meinte der Mann vor ihnen, „dacht ich könnt mich drum kümmern."
Er zog ein Buch unter dem Kissen seines Sessels hervor. „Drachenzucht für Haus und Hof", stand in großen Buchstaben auf dem Einband.
„Steht alles drin. Wie man das Ei ausbrütet, womit man es nach dem Schlüpfen füttert, wie man die Art bestimmt und seht ihr...", er schlug eine Seite auf und deutete auf die Abbildung des Drachens und eines Eis darin, „... das hier ist zum Beispiel ein Norwegischer Stachelbuckel."
„Hagrid...", begann Hermine, „Hagrid, wir reden hier von einem Drachen. Einem schnell wachsendem, feuerspeiendem Drachen, Hagrid."
„Ich weiß, im Handbuch „Vom Ei zum Inferno" stand Norwegische Stachelbuckel sind diejenigen, die am schnellsten Feuer spucken können, toll nich wahr?"
Hermines Gesicht verzog sich. Draco sah aus, als suche er irgendeinen Weg, mit dieser Sache nichts zu tun zu haben. Millicent schien zu überlegen, ob sie Hagrids Begeisterung teilen oder einen Einwand machen sollte.
„Du lebst in einer Hütte aus Holz.", sagte Harry versucht Hagrid zur Vernunft zu bringen, „Holz, das gut brennt."
„Na, ich werd schon aufpassen."
Offensichtlich ließ Hagrid nicht mit sich reden.
„Wir müssen ihn zur Vernunft bringen.", sagte Hermine. „Er kann keinen...", sie schaute sich aufmerksam um und senkte die Stimme, „er kann keinen Drachen aufziehen."
Sie saßen gemeinsam an dem Tisch der Slytherins und ein wenig von den anderen isoliert, was keine Seltenheit war und das Thema Drachenei, das sie nach Hagrids stummer Beharrlichkeit hatten fallen lassen, war allen Lernvorträgen Hermines gewichen.
„Es ist illegal.", stimmte Draco ihr zu, „Und es wird schief gehen. In jedem Fall."
„Naja, interessant wäre es schon... einen von ihnen zu sehen... meine ich...", murmelte Millicent. „Es kann nicht genug Tiere und Tierwesen geben."
„Reichen dir denn nicht zwei große Hund mit insgesamt vier Köpfen, hunderte von Eulen, die wenigen Kröten eingeschlossen die von Neville, die Ratte von Ron, Helena, die drei Kater der Ravenclaws, die anderen fünf Katzen neben Helena und diese Spinne von diesem Freund der Weasleys?", sagte Harry.
„Es ist ein Drache!", erwiderte das dunkelhaarige Mädchen bestimmt. „Wie oft in unserem Leben werden wir einen Drachen sehen?"
„Hoffentlich so gut wie nie.", sagte Draco.
„Aber ein echter Drache!", rief Millicent und wurde lauter.
„Shhh!", zischte Harry, aber sie waren bereits gehört wurden.
Zwei vertraute Rothaarige Köpfe wandten sich in ihre Richtung. Fred und George waren gerade in ihrer Nähe vorbeigegangen, als Millicent „Drache" rief und offenkundig auf sie aufmerksam geworden. Ein paar andere Schüler schauten ebenfalls in ihre Richtung.
„Drachen?", fragte einer von den Zwillingen neugierig.
„Das klingt nach Ärger."
„Nicht, dass wir etwas dagegen hätten."
„Nicht wirklich."
„Ach-äh... Millicent meinte nur, wenn sie könnte, dann würde sie gerne mal einen Drachen sehen. Von nahem und... äh... in echt... und so...", suchte Harry sich schnell etwas zusammen. Das fehlte ihnen noch, dass einer der beiden spitzbekam, dass Hagrid einen Drachen hatte. Nicht, dass sie ihn dafür verpetzen würden, eher im Gegenteil. Und wenn sie einen Weg fanden, Unheil anzurichten...
Zum Glück schienen zumindest die anderen Schüler neben Fred und George nicht allzu großes Interesse an ihrem Gespräch zu finden. Hoffte er zumindest.
„Wirklich?", meinte Fred/George, irgendwann würde Harry einen Weg finden, sie zu unterscheiden.
„Nun wir haben nichts gegen Drachen, nicht wahr Fred?", also war es George. Es sei denn sie veräppelten sie wieder und benannten sich absichtlich falsch und... Harry wollte nicht weiter darüber nachdenken, es würde ihm nur Kopfschmerzen einbringen, und ohnehin reichten Hagrid, sein Ei, Hermines und Dracos überreizte Stimmung und Millicents nicht gerade heimlicher Wunsch, den Drachen bei Hagrid und schlüpfen zu lassen...
„Ah, drei zu eins, das du einen Drachen nicht sehen, sondern aufziehen willst.", sagte Fred (er war jetzt einfach Fred, basta) zu Millicent und zwinkerte.
„Ist aber nicht ganz so ein tolles Haustier.", meinte George.
„Haben schon welche gesehen..."
„Wirklich?", meinte Millicent interessiert.
„Unser Bruder..."
„...Charlie, nicht Percy oder Ron..."
Und Harry erinnerte sich an Charlie Weasley, den ehemaligen Gryffindorsucher, von dem er schon gehört hatte.
„...unser Bruder arbeitet mit Drachen..."
„Das macht Mum immer Sorgen."
„Ihr macht es allerdings auch Sorgen, dass sie glaubt, wir könnten die Schule in die Luft jagen."
„Würden wir nicht tun."
„Die Schutzzauber lassen es ohnehin nicht zu."
„Nicht, dass wir uns darüber informiert hätten."
„Was macht Charlie genau?", fragte Millicent wissbegierig.
„Er erforscht Drachen in Rumänien."
„Hat öfter Brandblasen."
„Aber wir würden dir davon abraten, zu versuchen, dir einen zu zulegen."
„Sehr teuer, schwierig zu beschaffen."
„Illegal...", brummte Draco.
„Wie sieht ein Drache in echt aus?", fragte Millicent.
„Groß und gefährlich."
„Nein, im Ernst. Gib diese Idee lieber auf.", sagte George und wirkte weniger heiter.
„Selbst wir wollen keinen Drachen in unserer Nähe haben."
„Und Charlies Job ist wirklich verdammt riskant."
„Na dann. Hoffen, du überlegst dir das.", meinte einer der beiden und zwinkerte.
„Wir müssen weiter. Percy schaut schon wieder böse."
„Verbrüderung mit dem Feind."
„Nicht möglich, dass sich die Brüder vom Vertrauensschüler von Gryffindor mit Slytherins unterhalten."
Damit verabschiedeten sie sich.
„Okay", sagte Harry, „okay. Keine Gespräche mehr über Themen, die Aufmerksamkeit erregen an vollen Orten, umgeben von Leuten, die etwas hören können."
Hermine nickte. „Fred und George machen sich aus solchen Sachen Spaß und nehmen einen Gesprächsfetzen nicht gleich ernst oder machen zumindest keinen Aufstand, wenn es sich anhört, als rede jemand über etwas leicht regelwidriges, und ich bin dieses eine mal froh darüber, aber viele andere können schnell etwas missverstehen oder Fragen stellen."
Draco stimmte dem uneingeschränkt zu und auch Millicent meinte, sie könne sehen, dass dies vernünftig sei.
Ein paar mal versuchten sie noch mit Hagrid zu reden, und ihn zur Vernunft zu bringen, wider besseren Wissens. Es schien klar, dass er sich nicht überzeugen ließ. Harry musste Draco davon abhalten, seinem Impuls zu folgen, und Hagrids Geheimnis irgendwem zu erzählen. Hermine beschloss, dass sie mit ihrer Zeit etwas Besseres anfangen sollten, wenn Reden der Vernunft bei Hagrid fruchtlos blieben und versenkte sich tief in ihre Lernpläne, die durch das Ei gestört worden waren und nun wieder eingeholt werden mussten.
Schließlich gaben sie es auf. Die Katastrophe, die sicher kommen würde, ließ sich nur aufhalten, indem sie Hagrid verpetzten, was ihn wahrscheinlich seinen Beruf kosten würde, das konnten sie ihm, Drache hin oder her, nun doch nicht antun.
Harry überlegte Remus von dem Drachen zu schreiben, aber wahrscheinlich wüsste auch sein Pate keinen guten Rat in so einer Sache. Vielleicht war das Ei auch unfruchtbar und Hagrids Feuer nicht ausreichend warm genug. Zumindest hoffte er das.
Dann kam das dritte Quidditchspiel des Jahres. Flint war total aufgedreht und nicht mehr zu beruhigen. Harry hatte gedacht, Ravenclaw und Gryffindor seien die schweren Gegner, doch auf einmal schienen ihm die Spieler von Hufflepuff, von denen er manche von Adrian Pucey gezeigt bekommen hatte, der Flints Enthusiasmus zu unterstützen begann, ungewöhnlich geschickt, kräftig und einschüchternd. Gryffindor hatte Hufflepuff, Hufflepuff Ravenclaw besiegt. Harry war klar, dass es bei Quidditch natürlich auch sehr viel auf das Glück im Spiel ankam, aber er war sich auch sicher gewesen, dass Ravenclaw sie niedergemacht hätte, wenn er nicht so schnell den Schnatz gefangen hätte. Und er hatte das Spiel zwischen ihnen und den Spielern im Gelb Hufflepuffs gesehen. Die Spieler waren gut. Vor allem die Jäger und auch der Hüter, die Treiber ließen sich zwar nicht mit den Weasleyzwillingen messen schienen jedoch gleichauf mit denen seiner eigenen Mannschaft und der Sucher hatte immerhin den Schnatz gefangen und hätte ihn laut dem, was Harry wusste, auch im ersten Spiel Hufflepuffs nicht leicht dem Gryffindorsucher überlassen. Außerdem schienen ihm die beiden Spiele zuvor irgendwie zu einfach. Es konnte nicht sein, dass sie dreimal hintereinander gut gewannen. Vor allem nicht, wo er doch bei allem Können, das er wohl besaß, doch mehr Glück als Verstand bei seinen beiden Fängen gehabt hatte. Irgendwie hatte er ein schlechtes Gefühl.
Flitwick, Severus und McGonagall begannen wahrscheinlich eine Art Wettbewerb, wer seine Schüler als erstes auslaugen würde. Sie mussten Schwebezauber in Paaren wiederholen, mehrere kleine metallene Schlösser, die Flitwick in einer Kiste mitbrachte innerhalb kürzester Zeit hintereinander abwechselnd öffnen und schließen und lernen den Lichtzauber (Lumos) mit bestimmten Helligkeiten, Reichweiten und Farbschattierungen des bläulichen Weißes, das er für gewöhnlich annahm, zu wirken. Severus ließ sie Zutaten den Tränken für den ersten Jahrgang zuordnen, die sie bereits besprochen hatten und die zwölf Anwendungen von Drachenblut mehrfach wiederholen. McGonagall fragte sie spontan und zufällig im Unterricht über Themen ab, die sie einmal in ihren Hausarbeiten hatten behandeln müssen, machte deutlich, dass sie erwartete, dass sie demnächst alle zumindest drei Aspekte einer Nadel bei den Streichhölzern, die sie wieder mitgebracht hatte, herbeiführen konnten und kündigte die Verwandlungen kleiner Tiere in unbelebte Gegenstände an. Auch die anderen Fächer übertrafen teilweise ihre Anforderungen um die Zeit vor den Osterferien herum und Hermine laugte Millicent, Harry und Draco zusätzlich aus und verlangte mehr Wissen und mehr Arbeit als alle ihre Lehrer zusammen, bis die drei anderen sich vor ihr in die Slytheringemeinschaftsräume zu flüchten begannen, was sie verärgerte, jedoch dazu brachte, ihre Lernwut etwas zu dämpfen bzw. mehr für sich selbst auszuleben.
Das Wetter am Wochenende des letzten Spiels für Slytherin in diesem Jahr war extrem schlecht. Harrys ungutes Gefühl bestätigte sich bald, als Hufflepuff unerwartet mit ganzen 230 Punkten gegen sie gewann, nachdem Flint nach drei Toren in Folge die Nerven verlor, was Hufflepuff insgesamt schließlich ganze sieben Freiwürfe einbrachte plus drei weitere durch einen ihrer Treiber und Adrian und den dritten Jäger ihrer Mannschaft. Harry hatte das Gefühl, dass es selten Spiele gab mit so vielen offensichtlichen und wirklich schlechten groben Fouls. Beinahe hätten sie auch noch den Schnatz nicht bekommen und Flint war ihm zwar im Nachhinein böse, als Harry ihn fing und das Spiel beendete, weil sie verloren, aber Harry war sich nicht sicher, wie weit ihre Punkte erst auseinander gelegen hätten, wenn er es nicht getan hätte.
Nun lag Hufflepuff vorn in der Punktetabelle, gefolgt von ihnen und Ravenclaw und Gryffindor, die sich einen Platz teilten. Egal, wie das Spiel zwischen den letzten beiden ausgehen würde, den Pokal würde Slytherin nicht mehr bekommen. Harry wünschte einerseits den Gryffindors und den Zwillingen einen Sieg, fürchtete aber, dass Flint dies in den Wahnsinn treiben würde. Nun vielleicht würde es auch ein Schock sein, der ihren Kapitän wieder etwas runter brachte. Er war jedenfalls froh nicht neben einem Mitglied ihrer Mannschaft auch noch Flints Partner im Unterricht zu sein wie einer seiner bemitleidenswerten Mitspieler.
Drei Tage danach brachte Hedwig ihm zum Frühstück eine Notiz von Hagrid. Sein Ei sprach auf die Ausbrütungsmethode an. „Er schlüpft.", las Harry den anderen leise vor. Bis auf Millicent waren sie alle nicht begeistert von Hagrids Wunsch einen Drachen großzuziehen, doch andererseits war dies, egal wie dumm und gefährlich es war, etwas, das sie wahrscheinlich nie wieder erleben könnten... selbst Hermine war trotz allem auch neugierig und schien sich selbst ein wenig dafür zu hassen, konnte es aber nicht verhehlen und ließ sich genauso wie Harry und Draco letztlich von Millicent bereitwillig breitschlagen, zu viert in der großen Pause zu Hagrids Hütte zu gehen.
Hagrid war ganz aus dem Häuschen, als sie ankamen.
„Er ist fast da.", sagte er freudig und strahlte.
Sie fanden das Ei auf dem Tisch vor, Fang hatte Hagrid nach draußen gebracht, weil er meinte, er wolle nicht, dass sich das Drachenbaby vielleicht wegen dem großen Hund erschreckte („Umgekehrt wird ein Schuh draus...", murmelte Draco).
Die Schale hatte Risse und das Ei schwankte leicht. Die Hoffnung, die in Harry mit der Aufregung kämpfte, dass Hagrid sich geirrt hatte und es doch nicht schlüpfte, war wohl nicht sehr realistisch.
Millicent ging nah zu dem Ei und Hermine blieb etwas unsicher in ihrer Nähe, während Draco aussah, als überlege er, sich entweder dem Slytherinmädchen anzuschließen oder zu kneifen. Schließlich setzten sie sich jedoch alle fünf vor den Tisch.
Eine Weile lang geschah nicht viel, dann kratzte etwas laut an der Schale und sie riss auf. Etwas glitschiges, dunkles und schrumpliges fiel aus dem zerstörten Ei auf den Tisch, blieb kurz liegen und begann dann sich zu bewegen und ein paar große Flügel, ein kleiner schwarzer Körper und ein langgezogener Kopf mit rötlich gelben Augen, weiten Nüstern und einer winzigen Schnauze hinter der sich scharfe Zähne zeigten, kam in Sicht.
Das Drachenbaby schnupperte und nieste. Ein paar Funken flogen aus seiner Schnauze.
„Wow.", sagte Millicent.
„Ist es nich schön?", meinte Hagrid leise im Klang eines stolzen Elternteils, das sein Baby zum ersten mal sah. Er versuchte es zu streicheln und zog dann schnell seine Hand zurück, als der Drache mit seinen Zähnen nach ihr schnappte.
„Es hat schon alle seine kleinen Zähnchen!", rief er begeistert. Das Baby fauchte und schnappte wieder nach ihm. „Oh guckt doch, ich wette, es erkennt mich.", meinte Hagrid und hielt einen seiner Finger gefährlich nahe wieder an die Zähne, bevor sie schnell wieder wegziehen musste.
„Wir müssen es jemandem sagen.", meinte Draco. „Er ist vier Tage alt und schon fast doppelt so groß. Wenn das so weiter geht, passt er in weniger als einem Monat nicht mehr in die Hütte. Und er hat noch nicht einmal mit dem Feuerspeien angefangen. Was denkt ihr, was passiert, wenn das erst losgeht?"
„Das hatten wir schon. Wir können es niemandem sagen.", erinnerte Harry den anderen Jungen.
„Früher oder später wird es sowieso bemerkt werden. Ein Drache ist ab einer gewissen Größe nicht mehr gerade unauffällig. Die Frage ist, wird Hagrid auffliegen, bevor oder nachdem dieses „süße Baby" seiner Hütte, ihm selbst oder irgendjemand anders ernsthaft Schaden beifügt, oder nicht...", murmelte Draco.
„Kann er ihn nicht... ich weiß nicht... im Wald aussetzen, oder so?", fragte sich Harry.
„In unserer Nähe?!", erwiderte Draco.
„Ganz allein?!", rief Millicent gleichzeitig empört.
Hermine kam zu ihnen und sah etwas durch den Wind aus. Heute war sie diejenige gewesen, die Hagrid bei der Fütterung seines „Babys" geholfen hatte, da die drei Slytherins später frei gehabt hatten. Einer ihrer Finger war mit einem Verband umwickelt.
„Es hat mich gebissen.", meinte sie. „Und frisst und trinkt schon wieder mehr. Wie will Hagrid ihn ernähren? Irgendwann gibt es auf den ganzen Ländereien keine kleinen Tiere mehr..."
„Nun irgendwann wird sein Baby feststellen, dass es auch größere Dinge essen kann.", meinte Draco. „Uns zum Beispiel. Wenn es eine Sache gibt, um die ich mir wirklich keine Sorgen mache, dann ist es, dass es verhungern könnte."
„Er ist ein Baby!", widersprach Millicent.
Zwei Tage später sahen sie Hagrid zum ersten mal seit einer Weile wieder am Lehrertisch. „Schläft.", meinte er auf ihre fragenden Blicke hin. Wie Hermine hatte auch er ein paar Verbände und etwas am linken Arm, das Harry bemerkte, als er den Ärmel hochschob, damit er nicht in sein Essen hing, das verdächtig nach Brandblasen aussah. Wenn der Drache auch noch lernen würde Feuer zu speien, hatten sie ein noch größeres Problem. Er bemerkte auch, dass ein paar der Lehrer Hagrids Verletzungen bemerkten. Harry war sich nicht sicher, ob er hoffte, dass sie begannen Fragen zu stellen und der Babydrache aufflog (und apropos fliegen... was taten sie wenn er fliegen lernte?) oder alle von Hagrids Verwundungen als übliche Resultate seiner Arbeit abtaten...
„Wir haben ein Problem...", sagte Hermine nach dem Mittagessen zu Draco, Millicent und Harry.
„Nur eines?", fragte Draco sarkastisch, „Nicht zufällig ein kleines schwarzes, bissiges?"
„Ja, nun das natürlich, und auch den Verzug im Lernen...", die anderen drei stöhnten auf, „...aber das, was ich meine ist...", sie sah sich um und zog dann den Verband von ihrem Finger, „...ich glaube Hagrids Baby ist giftig."
Sie sahen ihren Finger, der rötlich und angeschwollen war und an den Stellen, wo die Zähne eingesunken waren, eine giftig grüne Färbung angenommen hatte.
„Verdammt.", sagte Harry. „Das ist schon länger so, oder? Warum hast du nichts gesagt?"
„Ich wollte euch nicht beunruhigen... aber ich habe nichts über die Behandlung von Drachenbissen in der Bücherei finden können und überhaupt ist das Lesen mit der Hand etwas schwieriger... ich glaube, ich muss zu Madam Pomfrey."
„Idiotin, du hättest etwas sagen sollen. Was wenn der Biss giftig genug gewesen wäre, dass du umgekippt wärst?", schnarrte Draco und schafft es gleichzeitig so zu klingen, als wolle er Hermine zur Schnecke machen und wäre sehr besorgt.
„Sie wird wissen, dass es ein Drache war...", meinte Millicent.
„Du wirst jetzt nicht sagen, sie soll den Biss unbehandelt lassen, damit dem Drachen nichts geschieht, oder doch?", erwiderte Harry nun doch etwas gereizt.
„Nein, natürlich nicht... Ich habe ein wenig nachgedacht, ich weiß, ich verteidige Hagrid und ich finde es toll einen echten Drachen zu sehen, aber ihr habt recht, wenn ihr sagt, dass das nicht so bleiben kann...", gab Millicent zu, „Aber wir können ihn auch nicht aussetzen, oder verpetzen."
„Ja, nun, was sollen wir dann tun?", fragte Hermine.
„Wir könnten mit Onkel Sev reden...", murmelte Draco.
„Wir nehmen an, dass wir ihm trauen können, aber wir wissen es nicht.", wandte Hermine ein, die ihren Finger wieder einwickelte.
„Remus weiß nicht viel über Drachen und muss zurzeit auch viel arbeiten, und eure Eltern würden entweder zum Schulleiter gehen, oder wüssten auch keinen Rat.", sagte Harry, da fiel ihm etwas ein. „Was ist mit Charlie Weasley? Ich meine ja, es ist leicht verrückt, aber wenn er mit Drachen arbeitet, weiß er sicher etwas... er könnte den Drachen aufziehen oder so und auswildern. Und wenn er den Zwillingen auch nur etwas ähnlich ist, wird er nichts verraten und uns vielleicht sogar helfen."
„Wir haben seine Adresse nicht.", meinte Hermine.
„Millicent könnte Fred und George danach fragen.", fuhr Harry fort.
„Warum ich?"
„Weil du großes Interesse an seinem Beruf hast und neugierig geworden bist und ihn fragen willst, was ein Drachenforscher so tut.", sagte Draco, „Ist doch klar."
„Es könnte zumindest etwas bringen...", meinte Hermine. „Okay. Versuchen wir es."
Fred und George schien die Ausrede mehr oder weniger zu überzeugen, aber sie gaben Millicent Charlies Adresse. Den Brief schrieben Harry, Draco und Hermine gemeinsam, während ihre Freundin bei Hagrid war, um ihm beim Füttern zu helfen und ihm nebenbei von Charlie zu erzählen und zu überzeugen etwas zu unternehmen. Sie war diejenige, der es am ehesten gelingen könnte ihn in dieser Sache zu überreden.
Tatsächlich kam sie später Millicent wieder mit der Nachricht, dass das Baby nun einen Namen hatte (Norbert „Prima...", meinte Draco), Hagrid zwar traurig war (wie sie selbst), aber sie ihn doch dazu hatte bringen können, zuzusagen zu versuchen einen besseren Ort für „Norbert" zu finden.
Hermine hatte beschlossen, ihren Finger erst einmal weiter notdürftig zu kühlen und mit einem einfachen Heiltrank, den Draco und Harry zubereiteten, etwas zu beruhigen, damit sie eine Lösung hatten, bevor Madam Pomfrey jemanden informieren würde. Weder Millicent noch Harry waren begeistert davon, Draco stimmte ihr jedoch zu, dass es vielleicht erst einmal klüger sein würde. Tatsächlich schienen Kälte und provisorische Heilung etwas zu helfen.
Norbert wuchs noch weiter und dann konnten sie zum ersten mal sehen, dass er auch das Feuerspucken zu lernen begann, jedoch zum Glück nur ein einziges mal. Sie hofften, es würde erst einmal ansonsten weiter bei vereinzelten Funken bleiben. Irgendwie schafften sie es auch dafür zu sorgen, dass niemand im Laufe der folgenden Woche aufmerksam wurde. Harry überlegte, dass es ihm seltsam vorkam, dass nicht zumindest Dumbledore, der ja immerhin auch ihn im Tarnumhang vor dem Spiegel hatte finden können, inzwischen von Norbert wusste, aber sicher hatte der Mann viel anderes in seinem Blickfeld. Vielleicht wusste er auch Bescheid und hatte Gründe sich nicht einzumischen. Nun, was wusste Harry schon von ihrem Schulleiter...
Charlies Antwort kam Mitte der Woche und erleichterte sie alle ein wenig. Zumindest Harry war sich nicht sicher gewesen, ob er ihnen antworten würde und tatsächlich helfen könnte, doch der Brief klang vielversprechend.
„Lieber Harry, Draco,
liebe Hermine und Millicent,
natürlich war ich ein wenig überrascht, einen Brief zu bekommen von vier Schülern, die mich nicht kennen und die ich nicht kenne, obwohl ich von Ron und den Zwillingen bereits ein wenig von euch gehört habe. Ihr scheint mir wirklich ein paar ungewöhnliche Erstklässler zu sein und sicher auch die erste Mischung aus Slytherins und Gryffindors, die mich kontaktiert, aber ich finde, das ist eine gute Abwechslung. Ron scheint euch zwar nicht unbedingt zu leiden, aber Fred und George haben in ihren Briefen, wenn sie euch erwähnt haben, nie schlechtes über euch gesagt und wenn sie euch meine Adresse gegeben haben, hat das sicher seine Richtigkeit (ihnen nichts von dem Drachen selbst zu erzählen, war wahrscheinlich auch besser, ich mag meine Brüder, aber ich gebe euch recht, dass sie bisweilen dazu neigen Ärger und Unruhe zu sehr zu mögen).
Ich erinnere mich gut an Hagrid, hab ihn immer sehr gemocht, aber ich kann mir auch vorstellen, dass er es schafft, sich wieder irgendein Wesen zuzulegen, das ihm Ärger einbringen könnte. Glaubt mir, das geschieht nicht zum ersten mal. Und ihr habt recht, wenn ihr meint, dass seine Hütte und die Ländereien von Hogwarts nicht der richtige Lebensraum für einen Drachen sind. Ich würde den Norwegischen Stachelbuckel auch gerne nehmen, ein Fall wie dieser ist zwar ungewöhnlich, aber es hat auch schon vorher Zauberer gegeben, die sich an der Aufzucht von Drachen versucht haben, und ich und meine Kollegen wissen, wie wir mit selbstausgebrüteten Babydrachen umgehen können. Ihn jedoch von Hogwarts nach Rumänien zu transportieren könnte schwierig werden. Schließlich geht es hier um einen gesetzlich verbotenen Drachen und nach meiner Schätzung ist er auch schon etwas größer. Die beste Lösung, die mir einfällt, ist ihn ein paar Freunden mitzugeben, die mich demnächst besuchen werden.
Könntet ihr den Drachen am Samstag gegen Mitternacht auf den Astronomieturm bringen?
Sie können euch dort leicht finden, treffen und euch den Stachelbuckel abnehmen, während es noch dunkel ist und sie niemand bemerken sollte.
Schreibt mir so bald wie möglich eine Antwort.
Herzliche Grüße
Charlie", las Draco laut.
„Es ist riskant.", meinte Hermine und biss sich wieder einmal auf die Lippe, sah dann aber auch auf ihren verbundenen Finger.
„Ich habe euch doch meinen Umhang gezeigt", meinte Harry, „Wir könnten unter ihm zum Astronomieturm schleichen." Er hoffte, dass Dumbledore sie nicht verraten würde, falls er sie bemerkte, aber der Schulleiter hatte Harry auch auf die Beobachtungen Filchs und Severus' nicht angesprochen. Und alles konnte er auch nicht wissen, sonst würde wohl kaum jemand versuchen, den Stein zu stehlen, oder? Aber falls doch... Harry verschob den Gedanken (er war albern...), sie mussten sich jetzt erst einmal um Norbert kümmern.
„Wer von uns? Ich glaube nicht, dass wir alle unter den Umhang passen.", fragte Hermine.
„Du schon mal nicht. Du gehst zu Madam Pomfrey, sobald wie möglich. Außerdem müssten wir aus den Kerkern zum Gryffindorturm und dann noch zum Astronomieturm. Und wieder zu allen dreien zurück. Und bei euch ist der Eingang zum Gemeinschaftsraum auch noch so auffällig. Das ist doch etwas riskant."
„Ich bleibe im Kerker.", sagte Millicent, „Also geht ihr beide, Draco und Harry. Und wen irgendwer nach euch fragt, lasse ich mir etwas einfallen, oder habe euch eben noch gesehen, oder so. Ich kann auch ein wenig Chaos anrichten, um abzulenken, schätze ich. Besser ich werde dabei erwischt, als das irgendwer euch mit dem Drachen findet."
„Okay.", meinte Draco zögerlich. Ihm schien zwar einiges an dem Plan nicht zu gefallen, aber etwas besseres kam ihm offensichtlich auch nicht in den Sinn.
„Einverstanden.", sagte Harry und schrieb dann eine kurze Antwort an Charlie, mit der er Hedwig losschickte. Außerdem lieh er sich Dracos silbergrauen Eule, die diesem Nachrichten an seine verschickte, wenn sie ihm nicht ihren Uhu schickten, und schrieb an Remus, ob er vielleicht einen guten schnellen Weg zum Astronomieturm kannte. Sein Pate wusste schließlich ziemlich gut über das Schloss Bescheid.
Am Freitag begleiteten sie Hermine schließlich am Abend zu Madam Pomfrey, Hagrid bereitete sich darauf vor, Norbert gehen zu lassen und sagte, er würde Harry und Draco Samstagabend gegen zehn mit dem Drachenbaby erwarten. Dracos Eule brachte eine Nachricht von Remus, der ihm zwar eine Abkürzung nennen konnte, die Harry noch nicht kannte, aber keinen direkten geheimen Weg zum Turm und ihm wünschte, dass ihre Hausaufgaben in nächster Zeit etwas weniger Arbeit machen würden (Harry hatte diese und auch Hermines Lerneifer in einem anderem Brief vor kurzem erwähnt).
Madam Pomfrey zeigte sich wenig begeistert über Hermines Finger. Sie sagten natürlich nicht, was sie gebissen hatte, doch ihr war offensichtlich klar, dass es ernsthaft giftig war.
„Wie lange hast du diesen Biss schon?", fragte sie und ließ Hermine keine Zeit zu antworten, „Ein paar Tage sicherlich, warum kommt denn auch niemand gleich zu mir? Immer versuchen alle ihre Verletzungen selbst zu beurteilen, wozu bin ich die Krankenschwester in diesem Schloss, wenn jeder versucht, so zu tun, als wäre alles in Ordnung, wo es sichtbar nicht in Ordnung ist?"
Sie fuhr eine Weile damit fort, während sie begann Hermines Hand komplett zu begutachten und meinte schließlich, sie würde ihr eine Salbe geben, sie aber dennoch gerne im Krankenflügel behalten, nur für den Fall. Sie solle nicht an dem Ausschlag kratzen, sagen, wenn sie einen Unterschied bemerkte, und die Schwellung in Ruhe lassen, hoffentlich würde dann alles wieder bald gut sein. „Nun, immerhin war der Verband sauber und ordentlich und es scheint", sie blickte zu Draco und Harry mit einer Mischung aus Gutheißen und Ärger, „die Heiltränke, die sie beide ihr gegeben haben, waren in Ordnung. Es würde gerade noch fehlen, wenn sich die Wunde noch mehr entzündet hätte, oder sie sie verunreinigt hätten. Aber dennoch heißt das nicht, dass sie zukünftige Verletzung ignorieren oder selbst zu behandeln versuchen sollten."
Kaum dass Madam Pomfrey fort war, atmete Harry erleichtert auf. Er war sich zwar sicher gewesen, dass Hermine in Ordnung sein würde (sonst hätte er nicht zugelassen, dass sie den Besuch im Krankenflügel aufschob), aber es zu hören, war dennoch gut. Draco hingegen schien ein wenig stolz darauf zu sein, dass sein und Harrys Trank für gut befunden worden war und gleichzeitig etwas genervt, weil Madam Pomfrey gedacht hatte, er hätte es nicht sein können. Hermine sorgte sich laut darüber, ob sie länger bleiben müsste und Hausaufgaben verpassen würde, wofür Millicent sie gespielt in den Arm boxte, die wie Harry sehr erleichtert war und meinte, ihre Freundin solle gesund werden und sich einmal keine Gedanken über so etwas machen.
„Wenigstens eine Sache ist bald vorbei.", meinte Draco.
„Oh, ich weiß, wir haben alles abgesprochen und es klingt, als würde es gut gehen, aber ich hoffe doch ihr seid trotzdem vorsichtig", meinte Hermine da besorgt.
„Du bist diejenige, die verletzt von Madam Pomfrey ins Bett gesteckt wird.", sagte Harry.
„Bis Samstag um Mitternacht ist alles vorbei.", meinte Millicent und stimmte dem Jungen gleichzeitig zu.
„Und Harry und ich kennen den Weg zum Astronomieturm gut genug.", versicherte Draco.
Da bewegte sich auf einmal einer der Vorhänge neben Hermines Bett.
Sie erstarrten.
„Was ist morgen um Mitternacht vorbei und wozu wollt ihr zu dem Turm?", fragte niemand anderes als Ron Weasley, der nun zu ihnen herüber sah.
„Es gehört sich nicht, die Gespräche anderer zu belauschen.", schnarrte Draco verärgert, „Und wir müssen dir nicht auch noch erklären, worüber wir sprechen."
Ron schaute wütend zurück. „Ich habe euch nicht belauscht. Nicht absichtlich. Ich bin nur zufällig gerade hier und habe euch reden gehört."
„Natürlich.", meinte Draco.
„Draco...", sagte Harry und versuchte eine Katastrophe zu verhindern. Auch Hermine wirkte leicht beunruhigt.
Millicent jedoch sagte laut: „Hör mal, Hermine hier geht es nicht gut, wir haben sie hierher gebracht und unterhalten uns ein wenig mit ihr und es wäre nett" und das klang eher wie eine Drohung, „wenn wir in Ruhe mit ihr reden könnten. Ohne, dass jemand seine Nase in die Dinge steckt, die wir bereden." Ron zog ein Gesicht, aber ließ dann den Vorhang zurückfallen. Sie hörten Schritte und dann legte er sich wohl wieder in sein eigenes Krankenbett.
„Warum er wohl hier ist...", murmelte Harry jetzt leiser.
„Egal, was es ist... ich hoffe es tut weh.", sagte Draco.
Ihm zumindest war es egal, ob Ron auch das hörte.
„Wow.", meinte Draco leise als er und Harry unter dem Umhang waren und an dem Spiegel vorbeigingen. „Ich weiß, du hast erzählt, wie er wirkt und wir haben ihn alle kurz ausprobiert, aber irgendwie ist der Effekt dennoch... ich meine..." und Harry wusste, was der andere meinte und nickte nur. Auch ihn überraschte der Umhang, Tarnumhang wie Hermine und Draco ihm erklärt hatten, jedes mal noch ein wenig.
Leise schlichen sie aus den Kerkern und über einen Seiteneingang des Schlosses hinaus auf die Ländereien. Harry war froh, dass das Schloss so viele offene und versteckte Ausgänge hatte, durch das große Portal zu gehen, unsichtbar oder nicht, schien ihm schließlich doch etwas sehr auffällig. Es war nicht einmal allzu schwer, zu zweit unter dem Umhang über das Gelände zu gehen. Vielleicht könnten sie ihn sogar zu dritt oder viert benutzen, jedenfalls solange sie nicht allzu groß waren.
Hagrid erwartete sie bei seiner Hütte. Seine Augen waren leicht gerötet, er hatte wohl etwas geweint, und bei sich trug er einen großen Korb, in den er Norbert gesteckt hatte.
„Hab ihm 'ne Menge Ratten und n' wenig Schnaps für die Reise mitgegeben. Und seinen Teddybär, falls er sich einsam fühlt.", sagte er und klang ein wenig traurig.
Draco zuckte bei diesen Worten und bei den Geräuschen, die aus dem Korb kamen ein wenig zusammen und Harry hatte das dumpfe Gefühl, dass dieser Teddybär nicht lange überleben würde.
„Mach's gut, Norbert. Mammi wird dich nie vergessen.", rief Hagrid dem Korb zu. Dann gingen Harry und Draco Korb und Norbert zwischen ihnen zurück zum Schloss.
Norbert und seine Reisesachen wogen nicht wenig, Harry bedauerte, dass sie keinen Spruch beherrschten, der das Gewicht reduzierte hätte und selbst wenn er wie Remus sein Schachbrett in der Lage gewesen wäre den Korb zu schrumpfen, hätte er doch befürchtet, dass das mit Lebewesen schwieriger war und vielleicht Folgen hätte.
Sie benutzten abwechselnd geheime und bekannte Wege bis sie zu dem Gang zum Astronomieturm kamen. Harry war froh, dass sie weder Filch noch Peeves über den Weg liefen.
Sie schafften es irgendwie dann auch noch die letzte Treppe hinauf und schließlich waren sie auf der Spitze des Turms. Sie legten Umhang und Korb ab und atmeten beide auf.
„Merlin, ich bin so froh, das zumindest das jetzt vorbei sein wird.", sagte Draco und Harry stimmte ihm zu.
Danach schwiegen sie nachdenklich und hielten Ausschau nach Charlies Freunden, während Norbert in seinem Korb tat, was auch immer er tat und sie den Drachen nur allzu gerne eine Weile ignorierten. Es dauerte nicht lange, da erblickten sie vier Gestalten auf Besen am Nachthimmel.
Die Flieger waren nett und schienen alle eine recht fröhliche optimistische Art zu haben. Sie sagten, sie würden es sie wissen lassen, wenn Norbert bei Charlie ankam, zeigten ihnen, wie sie ihn sicher transportieren würden und verabschiedeten sich dann mitsamt Korb und Drache, um wieder in die Finsternis hinter den Wolken zu verschwinden.
„Er ist weg!", rief Draco begeistert und Harry neben ihm meinte erleichtert: „Endlich." Dann sahen sie einander an und grinsten. Etwas in ihrem Schulalltag war eben doch einmal leicht.
Doch als sie sich umwanden und gerade den Tarnumhang anlegen und wieder nach unten gehen wollten, öffnete sich die Tür zum Turm und plötzlich sahen sie Argus Filch entgegen.
Schon einmal hatte Harry sich gewundert, wie der Hausmeister verstreute Schüler so einfach aufspüren konnte, aber dass er sie hier auf dem Astronomieturm mitten in der Nacht fand war einfach zu unglaublich, oder zu entsetzlich, um es vorauszusehen. Er konnte nicht zulassen, dass er den Umhang bemerkte und womöglich wegnahm. Schnell ließ er ihn in eine schattige unauffällige Ecke hinter sich fallen. Hatte Filch es bemerkt? Aber anscheinend war der Hausmeister zu froh darüber, zwei Schüler erwischt zu haben, als das er ihren Händen und dem, was hinter ihnen vorging genug Beachtung schenkte.
„Gut", sagte er und grinste, „Nun haben wir wirklich ein Problem, nicht wahr?"
Er stieß sie nicht vom Turm. Er brachte sie auch nicht in eine unterirdische Folterkammer oder ein geheimes hausmeistereigenes Verlies. Alles Dinge, die Harry ihm durchaus zutraute, die Filch vielleicht auch nicht abgelehnt hätte, ihm aber wohl sicher nicht erlaubt waren. Stattdessen brachte er sie ins Erdgeschoss und in ein Zimmer, das sie nicht kannten, wo sie zu ihrem Erstaunen einen bleichen Neville und einen verärgerten Ron vorfanden. Ebenso eine schlecht gelaunte Professor McGonagall und einen nicht minder verärgerten Severus. Harry fühlte wie ihm sehr, sehr übel wurde und in seinem Kopf drehten sich Ausreden, gute Gründe dafür nachts auf dem Turm zu sein und Wege einer eindeutig unangenehmen Situation zu entkommen. Aber. Ihm. Fiel. Nichts. Ein.
„Was...", sagte Draco neben ihm erstaunt, als er die beiden Gryffindors sah, verstummte aber beim Anblick Severus' und wurde leicht grün im Gesicht.
„Hab sie auf dem Turm gefunden, Minerva, Severus.", raunte Filch mit einem Hauch von Triumph. Jemand hatte ihm gesagt, sie würden dort sein. Harrys Blick wanderte zu Ron, der bei diesen Worten trotz seiner wahrscheinlich nicht minder misslichen Lage, irgendwie zufrieden wirkte.
„Vielen Dank, Argus, Sie können gehen.", sagte Professor McGonagall und der Hausmeister schien bleiben zu wollen, verließ dann jedoch das Zimmer und verschloss die Tür hinter ihnen. Harry hatte das Gefühl gefangen worden zu sein. Ron grinste, als er sah, wie schlecht es Draco anscheinend ging.
„Kein Grund sich zu freuen, Weasley.", sprach Severus, sah jedoch Harry an mit einem Blick in dem Wut, Ärger und Enttäuschung lagen.
„Vier Schüler aus den Betten in einer Nacht!", rief Professor McGongall. „Ich kann es nicht glauben."
„Können Sie sich erklären, Mr Potter, Mr Malfoy?", fragte Severus scharf.
Alle Augen richteten sich auf Harry und Draco.
„Ich... ich...", stammelte Harry. Er fand keine Erklärung, keine guten netten Worte. Nichts. Er konnte nicht sagen, sie wären auf dem Turm, weil das irgendeinen Zusammenhang mit dem Stein hatte, den jemand zu stehlen versuchte, auch wenn die Nennung des Steins selbst die beiden Erwachsenen wohl aus dem Konzept bringen könnte, aber dann sollten sie zudem sicherlich gar nichts vom Stein der Weisen wissen, welchen Grund könnten sie haben, nachts zum Astronomieturm zu gehen?
„Offenkundig nicht.", erwiderte Severus und dann vom „Sie" zum „Du" wechselnd: „Ich bin enttäuscht von dir, Harry. Und ich werde deinen Paten davon wissen lassen. Und auch deine Eltern, Draco. Das ist kein Verhalten, das ich in meinem Haus billige." Nicht, wenn sie erwischt wurden. „Zwanzig Punkte Abzug für Slytherin für jeden."
Professor McGonagall schnaubte. „Ich würde ihnen fünfzig geben, wenn sie in meinem Haus wären."
Severus sah sie kühl an. „Slytherin ist mein Haus. Draco und Harry sind meine Schüler. Sie haben ein Verhalten an den Tag gelegt, das ich nicht schätze, aber ich bestimme immer noch, wie ich mit ihnen dafür verfahre.", dann wandte er sich wieder seinem Paten und seinem Ziehkind zu und wechselte wieder zum „Sie", „Und Sie beide werden Strafarbeiten abhalten und mir außerdem für die nächsten drei Wochen beim Reinigen der Unterrichtsräume für Zaubertrankkunde und beim Brauen der monatlichen Ration leichterer Heiltränke für den Krankenflügel assistieren."
Das schien McGonagall zwar nicht zufrieden zu stellen, aber sie erwiderte nichts dazu. Harry war wiederholt wirklich froh, nicht in ihrem Haus zu sein. Andererseits tat es weh, Severus enttäuscht zu haben. Und er befürchtete, so sehr verständnisvoll Remus bisweilen sein konnte, dass auch er nicht begeistert sein würde, wenn er vom nächtlichen Ausflug Harrys erfuhr.
„Und Sie", wandte sich Professor McGonagall an Neville und Ron, „Sie beide werden ebenfalls Strafarbeiten bekommen. Und so nachgiebig wie Professor Snape auch mit dem Punkteabzug ist, in meinem Haus bekommt man mehr Punkte abgezogen, wenn man nachts in den Gängen gefunden wird. Fünfzig Punkte Abzug für Gryffindor. Und jetzt gehen Sie wieder in Ihre Betten, Sie alle. Ich will so etwas nie wieder erleben, haben Sie mich gehört?"
„Ich werde dafür sorgen, dass Mr Potter und Mr Malfoy in ihre Betten kommen.", sagte Severus. Dann verließen sie zu fünft das Zimmer in dem Professor McGonagall immer noch vor Wut schäumte.
Neville sah vollkommen fertig aus. Ron schien jede Freude darüber, dass Harry und Draco ebenfalls erwischt worden waren, verloren zu haben.
„Nun?", sagte Severus kalt. Er würde sie also doch nicht einfach laufen lassen. „Was ist also der Grund dafür, dass man Sie alle nachts in der Nähe des Turms gefunden hat?"
Harry war überrascht. Dann hatte Ron sie wohl verfolgen oder ihnen auflauern wollen, nachdem, was er im Krankenflügel gehört hatte. Sicher die letzte Zeit über waren sie miteinander ausgekommen, aber Draco war nicht gerade freundlich gewesen, keiner von ihnen, als sie bemerkt hatten, dass er sie belauschte und der Rothaarige war recht hitzköpfig. Aber warum war Neville beim Astronomieturm gewesen? Er schaute Neville an, der aber offenbar zu ängstlich war, um zu sprechen.
„Wir...mh... wir..."
„Ich habe sie darüber reden hören, dass sie heute zum Turm gehen wollten.", meinte Ron anklagend und zeigte auf Draco und Harry. Severus sah ihn giftig und leicht verächtlich an.
„Dass habe ich mitbekommen, Mr Weasley. Und wie schlau von Ihnen, dass Sie beschlossen haben, niemanden zu informieren und die beiden stattdessen nachts zu verfolgen, aber dann sind Sie schließlich wohl auch nicht ohne Grund nicht in Ravenclaw.", zischte er und blickte dann zu den anderen.
„Ich wollte Harry ein Sternbild zeigen, das er in Astronomie nicht sehen konnte.", sagte Draco und schrumpfte sofort förmlich unter Severus Blick zusammen.
Ron sah aus als wollte er protestieren, doch ihr Hauslehrer kam ihm zuvor: „Schlechte Lüge, Draco. Es ist heute Nacht bewölkt. Und ich bin mir sehr wohl über die Gestirne und ihre Beobachtung im Klaren. Es gibt weder einen Grund für sie beide ohne jegliche Ausrüstung, heute um Mitternacht auf den Turm zu steigen, noch zeigt Harry an diesen Dingen irgendein Interesse."
Irgendwie war wieder von ihm gedutzt zu werden noch bedrohlicher, als wenn er sie weiter gesiezt hätte...
„Wir können es nicht sagen.", meldete sich Harry zu Wort, „Weil es das Geheimnis von anderen betrifft. Sir."
Severus sah ihn merkwürdig an. Ron und Neville schienen verwundert.
„Schön. Schön. Ich werde es jetzt nicht erfahren. Aber ich werde es später erfahren.", meinte Severus dann und auf den Blick Rons hin: „Was schauen Sie so, Mr Weasley? Haben Sie nicht Ihre Hauslehrerin gehört? Ab in Ihr Bett und in Ihren Turm. Oder wollen Sie, dass ich Sie begleite? Natürlich müsste ich vor Mr Malfoy und Mr Potter das Passwort nennen", Harry vermutete, dass Severus durchaus klar war, dass sie dieses meist durch Hermine wusste, aber wohl richtig annahm, dass Ron dies nicht vermutete, „und ich glaube nicht, dass Sie wollen, dass sie Sie dort jederzeit aufsuchen können und dass Sie vielleicht denken könnten, die beiden würden Ihnen etwas antun, oder ähnlich Unvernünftiges. Egal ob dies nun zuträfe oder nicht."
Ron wirkte als wollte er etwas erwidern, ging dann aber fort, gefolgt von Neville, der Draco, Harry und vor allem Severus einen ängstlichen Blick zuwarf, und dann schnell den Kopf abwandte.
„Kommt."
Sie folgten Severus stumm in den Kerker.
„Ihr werdet die Benachrichtigungen über eure Strafarbeiten mit euren Eulen bekommen. Ich kann euch nicht sagen, was ihr werdet tun müssen, da Mr Filch und Professor McGonagall für die Auswahl dieser Dinge zuständig sein werden, aber ich werde euch in den nächsten Tagen die Zeiten geben, in denen ihr mir mit den Säubern des Zaubertrankraumes helfen werdet und mit mir die Heiltränke braut, ich weiß, dass ihr beide dazu im Stande seid, dies ordentlich zu tun und ich erwarte, dass ihr euch Mühe geben werdet. Ich werde dafür sorgen, dass ihr keinen Unterricht deswegen verpasst.", sagte er, als er sie vor dem Gemeinschaftsraum verabschiedete. Dann zögerte er kurz. „Außerdem will ich hoffen, dass ihr ein wenig mehr auf euch aufzupassen lernt. Ich weiß nicht, was eure wahren Gründe sind, aber ich bin mir sicher, dass etwas Gefährliches hinter diesem nächtlichen „Ausflug" verborgen liegt. Egal ob, oder ob nicht ihr freiwillig daran geraten seid, lernt etwas mehr auf euch selbst zu achten. Und zieht eine Lehre aus dem Ganzen. Meinetwegen auch, euch zumindest nicht ohne gute Ausrede erwischen zu lassen."
Dann entließ er sie.
„Hat er versucht fürsorglich und nett zu sein, oder wollte er uns bedrohen?", wisperte Draco, während sie in den Schlafsaal gingen.
„Beides, ein wenig, schätze ich.", erwiderte Harry, „Wir müssen einen Weg finden, unauffällig den Umhang zurückzuholen. Es gefällt mir nicht, dass er oben auf dem Turm liegt..."
„...oder wir freuen uns, das wir nicht von Filch, McGonagall oder Sev ermordet worden sind... und lassen ihn wo er ist bis zur nächsten Astronomiestunde...", murrte Draco. „Ron Weasley ist so ein Arsch. Könnte uns nicht in Ruhe lassen, nein, lässt sich erwischen und verpetzt uns sofort. Wünschte er wüsste, das es entfernt um einen von SEINEN Brüdern ging..."
„Ich glaube, er war einfach nur wütend, weil wir unfreundlich zu ihm waren..."
„Keiner hat ihn gezwungen, uns zu belauschen, oder?"
„Aber Neville tut mir leid... ich weiß nicht, warum er da war, aber ich schätze, er hatte irgendeine gute Absicht, nicht wie Ron... wenn herauskommt, dass ihrem Haus wegen ihm Punkte abgezogen wurden..."
„Du vergisst wohl, dass auch wir morgen hoffen müssen, dass nicht so schnell herauskommt, dass Slytherin vierzig Punkte wegen uns verloren hat..."
„Nein. Aber wir können uns irgendwie wehren. Neville nicht."
Dann schwiegen sie, bis sie in ihren Betten waren.
