Alle Personen und Handlungsteile aus 'Harry Potter' gehören Ms Rowling., alle originalen Charaktere gehören Hebe GB, ich bin nur für die deutsche Fassung verantwortlich.
Leliha
Kapitel 8
Severus Snape hatte selten Mitleid mit irgendjemandem und er verabscheute es noch viel mehr, wenn ihm dieses von anderen entgegengebracht wurde. Daher traf es ihn überraschend, dass er es für die erschöpfte Frau neben sich empfand, die vor schierer seelischer und körperlicher Erschöpfung das Bewusstsein verloren hatte. Sie lag äußerst unbequem, saß nur noch halb auf dem Sessel, während ihr Oberkörper auf das Bett gesackt und ihr Hals ungünstig gestreckt war. Er zuckte beim Hinsehen zusammen und tastete automatisch nach dem Verband, der immer noch seine eigene, in Heilung befindliche Wunde bedeckte. Eine Wunde , die ihn nach wie vor mit bösartigen Schmerzen plagte, wann immer er versuchte, sich zu bewegen.
Nachdem sie ihn beschuldigt hatte, sie verletzt zu haben, wusste er nicht so recht, was er jetzt am besten tun sollte. Wenn er sie so liegen ließ, würde sie mit einem schmerzhaft steifen Hals aufwachen, aber wohin konnte er sie verlagern? Soweit er erkennen konnte, gab es nur zwei Möglichkeiten, den Boden oder das Bett…neben sich selbst. Der einzige freie Platz auf dem Fußboden, den er deutlich zu sehen in der Lage war, schien mit Blut und Erbrochenem verschmiert zu sein. Sicher, er hätte ein Evanesco anwenden können, aber sie würde sich an den Originalzustand erinnern und es schien einfach nicht angemessen, sie dort zu deponieren. Angemessen? Würde es angemessen für sie sein, neben ihm zu erwachen?
Es wäre ja nicht das erste Mal, dachte er, seiner anfänglichen Augenblicke des Zusichkommens in diesem Raum gedenkend, und riss sich sofort wieder los von den Erinnerungen daran, wie er sich in den wirbelnden grauen Tiefen ihrer Augen verloren hatte.
Er selber brauchte auch Schlaf. Die Entfernungs- und Wiederherstellungszauber waren hochkompliziert gewesen. Unter normalen Bedingungen hätte er die Beanspruchung seiner Zauberkräfte kaum gemerkt, aber sein vergifteter, geschwächter Körper hatte fast keine Reserven mehr. Naginis Gift hatte seine Muskeln geschwächt und der Blutverlust ließ ihn schon bei geringen Anstrengungen außer Atem geraten, er war entschlossen, dafür zu sorgen, dass sie beide sich richtig ausruhen konnten. Es war das mindeste, was er tun konnte, nach all dem, in das er sie unwissentlich hineingezogen hatte.
Sie hatte ihm keine Gelegenheit gegeben, sein Handeln zu erklären, bevor sie ins Bad geflüchtet war, nachdem er ihren Geist verlassen hatte. Das hatte er auch nicht von ihr erwartet. Es war schwer gewesen, sich davon zu überzeugen, dass sie keine perfekte Täuschung war. Dass sie nicht von Voldemort geschaffen worden war, um ihn zu dem Geständnis zu erpressen, dass er ihn mit der Inszenierung ihres ‚Todes' verraten hatte. Er hatte sich zu fast allen Winkeln ihrer Privatsphäre gewaltsam Zugang verschafft und sie hatte versucht, ihn an jeder Biegung tapfer zu bekämpfen. Sie war ein Naturtalent in Okklumentik und das hatte auch nicht gerade dazu beigetragen, ihn zu überzeugen, dass sie real war.
Erst die letzte Erinnerung hatte ihn schließlich überzeugt. Sie saß in genau dem Stuhl, in dem sie jetzt war und stillte ein kleines, braunhaariges Baby. Sie trug einen dunkellila, lose gebundenen seidenen Morgenmantel, der sich über ihren ausgestreckten, langen und wohlgeformten Beinen geöffnet hatte und ein Stück ihres volleren Oberschenkels entblößte, und der über dem weichen Hügel der Brust, an der das Kind hungrig nuckelte, von einer Schulter gerutscht war . Ihr langes, zerzaustes Haar umrahmte unordentlich ihr elegantes Gesicht und sie beobachtete das Trinken ihres Sohnes mit einer solch reinen Liebe, dass er davon beinahe hypnotisiert war…bis sie all ihre geistigen Kräfte mobilisiert hatte und ins Badezimmer geflohen war.
Er hatte ihr nachgestarrt, zutiefst darum bittend, dass sie sein Bedauern spüren möge und ein unangebrachtes Verlangen nach dem, was er gerade gesehen hatte, unterdrückend. Er konnte ihr gebrochenes Schluchzen durch die geschlossene Tür hören. Es wurde fast zu einer beschämenden Begleitmusik, als er sich gestattete, das, was er durch ihre Augen erfahren hatte, noch einmal Revue passieren zu lassen. In ihrer Kindheit war sie von ihren Adoptiveltern nur geduldet und von ihrer Schwester drangsaliert worden. Emotionslos hatte er beobachtet, wie sie immer wieder missbraucht wurde; seelisch, körperlich und sogar sexuell, letzteres durch ihren Ehemann, was ihren Rückzug in die schützende Rolle von Dr. Ellen Rafferty bewirkt hatte, die klug und unerbittlich, aber auch kompetent war, die respektiert wurde und, ganz entscheidend, alles unter Kontrolle hatte. Als er sich in die Erinnerung an den Tag drängte, an dem sie all ihr verbleibendes Vertrauen und den Glauben an die Welt verloren hatte, wurde er aus seinem neutralen Voyeurismus gerissen. Es war der Tag, an dem sie ihr Erstgeborenes an sich gepresst und es gebeten hatte ‚für Mami zu atmen', so lange, bis die Sanitäter es ihr entwunden hatten; und Snape konnte nicht umhin, eine seltsame gefühlsmäßige Verbindung zu dem Moment, an dem er Lily für immer verloren hatte, zu spüren, und er erkannte das Gefühl der Seelenlosigkeit, als er beobachtete, wie alle Freude aus ihr herausgesogen wurde. Severus verspürte selten Mitgefühl und der emotionalen Sog, den es auslöste, irritierte ihn.
Das war auch genau der Grund, weshalb er sich sein gesamtes Erwachsenenleben lang bewusst von fast jedem distanziert hatte. Wenn man ein Doppelleben führte, gab es keinen Platz für Unsicherheit, weder gefühlsmäßig noch sonstwie. Er war sehr geschickt darin, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten, niemand war ihm je zu nahe gekommen, hatte ihn aus der Ruhe gebracht – bis jetzt. Er stand als Zauberer in ihrer Schuld, sie hatte sein Leben gerettet, ganz gleich, wie – seiner Meinung nach - ungeschickt, und widerwillig gestand er sich ein, dass er den körperlichen Schaden, den die Schlange anrichten konnte, unterschätzt hatte. Er hätte eine Wetter darauf abschließen können, dass Nagini das Mittel zu seinem Tod werden würde, und er hatte sechs Monate gebraucht, um das Gegenmittel zu perfektionieren, indem er kleinste Mengen des Gifts, von Wurmschwanz für verschiedene finstere Riten gemolken, gestohlen hatte. Sechs Monate lang hatte er das Gegengift dann heimlich eingenommen, und dies hatte seine Überlebenschancen beträchtlich gesteigert. Damit, und mit dem zögernden Glauben an den mystischen Schutz des Amuletts der Hexe, bei dem Dumbledore darauf bestanden hatte, dass er es immer bei sich trug, hatte er sich in der Lage gefühlt, der Schlange mit vorsichtigem Selbstbewusstsein gegenübertreten zu können, aber in dem Moment, in dem diese fürchterlichen Zähne seinen Hals durchbohrt hatten, hatte er erkannt, dass er Naginis Tötungsinstinkt und ihren Wunsch, ihren Meister zufriedenzustellen, massiv unterschätzt hatte. Als Potter sich über ihn beugte, hatte er kurz gehofft, dass das Amulett wirklich Hilfe gebracht hatte, aber Potters Gegenwart brachte keine Erlösung, deshalb erfüllte er seine letzte Pflicht und gab Harry die Erinnerungen, von denen Dumbledore gehofft hatte, dass sie sie zum Sieg tragen würden und hatte sich schließlich selbst einen Wunsch erfüllt, indem er danach verlangt hatte, die Augen zu sehen, von denen er so sehr hoffte, dass sie auf der anderen Seite auf ihn warten würden. Aber als dann die grünen Augen sich in Schwärze auflösten, stellte er fest, dass die Augen, die ihn begrüßten, von einem schillernden Grau waren.
Er konnte sie nicht einfach so auf dem Boden ablegen, aber andererseits war er auch nicht bereit, sich die Tatsache einzugestehen, dass sie irgendwie, nach diesen paar Stunden, ihm etwas bedeutete. Trotz alledem war sie nicht Lily, und von dieser war seit Jahrzehnten jede seiner Handlungen bestimmt gewesen. Schuld überkam ihn, als er entgegen aller Vernunft fürchtete, auf irgendeine Weise Lily zu betrügen. Er fühlte sich elend und schmutzig, wollte sich mit aller Kraft bewegen, sich waschen, einen klaren Kopf bekommen. Versuchsweise hob er seine schweren Beine. Es kostete ihn enorme Anstrengung, aber sie bewegten sich.
„Scheiße!" entfuhr es ihm, als er bei seinem Unterfangen an den provisorischen Kathederhalter stieß und heftig an dem Katheder zog. Ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, sprach er einen Verkleinerungszauber, entfernte den Schlauch, löste den Halter mit einem Diffindo und warf das Objekt des Anstoßes mit aller Kraft weg, so dass es an die gegenüberliegende Wand prallte, bevor es zu Boden fiel. Zuerst verspürte er Erleichterung, danach jedoch ein dringendes Verlangen nach dem Badezimmer.
„Scheiße, scheiße, scheiße!" zischte er, bizarrerweise erfreut darüber, dass seine Not Elena nicht aufweckte.
Seine Beine als Gegengewicht eisetzend, schwang er sich in eine sitzende Position auf dem Bettrand. Sofort verschwamm die Welt vor seinen Augen und ihn überfiel ein schwerer Anfall von Übelkeit. Er sackte zusammen, atmete hechelnd, bis das Gefühl vorüber war, und wartete darauf, dass das Zimmer aufhören würde, sich zu drehen. Seine armselige Schwäche verfluchend, zwang er sich dazu, aufzustehen, während Schwindelgefühl und Übelkeit ihn erneut wie ein Blitzschlag überkamen. Mit zitternden Beinen und vor Anstrengung wild klopfendem Herzen schaffte er es halb stolpernd, halb sich vorwärtsziehend zum Bad und zurück. Auf dem Bettrand sitzend, erschöpft nach Luft schnappend, beobachtete er Elena, während er sich erholte.
Er war fest entschlossen, sie ganz objektiv zu betrachten und sagte sich, dass der einzige Grund, der ihn dazu bewog, ihr helfen zu wollen, der war, dass er in ihrer Schuld stand. Zufrieden mit dieser Erklärung an sich selbst, sprach er mit seiner gewohnten, geschickten Präzision ‚wingardium leviosa' und manövrierte sie auf die anderer Seite des Bettes. Er ließ sich neben ihr nieder, was ungemein frustrierend war, weil sein total erschöpfter Körper ihm nicht mehr gehorchen konnte. Dennoch stützte er sich unsicher auf, um ihren Kopf sanft in eine bequemere Lage zu bringen. Sie murmelte etwas Zusammenhangloses und er fühlte sich von ihren trockenen, rissigen Lippen angezogen, als er auf sein Kissen zurücksank. Er hatte keine Kraft mehr für Sitte und Anstand, er konnte sich nicht von ihr wegdrehen, und so versank er in Bewusstlosigkeit, ihre Lippen nur Zentimeter von den seinen entfernt, während er sich immer wieder sagte, dass er in ihrer Schuld stand – und das war alles.
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Ginny eilte zu Professor McGonagall. Ihre Hauslehrerin sah plötzlich bleich und verloren aus in dem großen Stuhl des Direktors, wie sie den Kopf in den Händen barg und mit schmerzlich gepresster Stimme immer wieder sagte: „Elena…"
Harry fing Ginnys Blick auf und hob eine fragende Augenbraue. Sie zuckte mit den Schultern und versuchte, durch die dünnen, verkrampften Finger ihrer Lehrerin zu schauen. Dann fragte sie: „Wer ist Elena?"
Mit unerwarteter Geschwindigkeit sprang Minerva McGonagall auf die Füße, rauschte zur Tür, drehte sich dramatisch um und sah zu Harry, Ginny und dem lästigen Porträt. Sie war eindeutig beleidigt und hielt ihren Ärger mühsam unter Kontrolle.
„Offenbar hat der große Albus Dumbledore beschlossen, dass niemand mehr das Recht auf ein bisschen Privatsphäre hat und dass wir alle ihm zu Vergnügen unsere schmutzige Wäsche zur Schau stellen müssen, Miss Weasley", tobte sie.
Ginny wirkte verwirrt ob des uncharakteristischen Ausbruchs und blickte hilfesuchend zu Harry.
„Es tut uns leid, Professor, wir wollten nicht neugierig sein. Sie sahen nur so…verzweifelt aus", versuchte er es und nahm Ginnys Hand und drückte sie tröstend.
„Wie überaus scharfsinnig, Mr. Potter", schoss sie zurück, aber dann, als sie seinen verletzten Gesichtsausdruck sah, murmelte sie: „Entschuldigung, Harry – das alles ist nicht Ihre Schuld."
Er fühlte sich jetzt äußerst hilflos und unbehaglich, und Harry wünschte sich, er könnte einfach gehen, aber Snape war möglicherweise in Gefahr und er war nicht bereit, ihn wieder einmal im Stich zu lassen. So hielt er die Stellung, versuchte, Dumbledores Blick aufzufangen, damit dieser etwas Hilfreiches äußern würde, während Professor McGonagall dabei war, wieder zur Tür zu rauschen und mit einem feurigen Schnauben den Raum zu verlassen.
„Minerva, bitte. Es gab keine andere Wahl."
Dumbledores gefühlvolle Bitte schien sie für einen Moment aufzuhalten. Ihr Ärger schien abzuflauen und mit dem Rücken zu ihnen sagte sie mit einer bewusst resignierten Stimme:
„Es gibt immer eine andere Wahl, Albus. Du hast dich entschieden, Severus' Bedürfnisse denen von Elena oder mir vorzuziehen und jetzt ist sie in genau der Gefahr, vor der zu beschützen ich alles geopfert habe. Du solltest besser hoffen, dass wir sie vor den Todessern finden, denn ich werde dir dein gesamtes Leben zur Hölle machen, wenn durch dein unbedachtes Handeln meine Tochter irgendeinen Schaden erleidet."
Die dicke Holztür schlug krachend zu, während Harry und Ginny zurückblieben und versuchten, die Puzzleteile zusammenzusetzen, die den ungehaltenen Abgang ihrer Lehrerin erklären würden.
„McGonagall hat eine Tochter?" wunderte sich Ginny laut und ungläubig.
„Und ihr Name ist offenbar Elena", fügte ein schockierter Harry hinzu.
Über all die Jahre hatte Harry einen enormen Respekt für Minerva McGonagall entwickelt. Er bewunderte ihre ruhigen und verhaltenen Fähigkeiten und ihre Stärke und hatte immer schon vermutet, dass sie im Falle eines Falles eine Kraft darstellte, mit der nicht zu Spaßen war – was die jüngsten Ereignisse bestätigt hatten. Mit Schaudern erinnerte er sich an den Schmerzensschrei, den sie ausgestoßen hatte, als sie ihn tot glaubte und begann sich zu fragen, ob von der Bezwingung Voldemorts für seine Lehrerin mehr abgehangen hatte, als er sich das vorher je hatte vorstellen können.
Er glaubte, dass er und Dumbledore bei ‚King's Cross' zu einem Einverständnis gelangt seien, doch stattdessen schien es, als gäbe es sogar noch mehr unschöne Geheimnisse, diesmal um Snape und McGonagalls Tochter. Er war gekommen, um Antworten zu finden, und hatte bis jetzt nur noch mehr Fragen. Jetzt reichte es, es war Zeit für Dumbledore, Erklärungen zu liefern.
„Professor Dumbledore, wenn Sie wieder meine Hilfe brauchen, möchte ich eines von Ihnen haben. Eine vollständige Erklärung Ihrerseits, was hier vor sich geht, keine Geheimnisse, keine Halbwahrheiten, keine Ihrer eigenmächtigen Entscheidungen für das Höhere Wohl. Die absolute Wahrheit, oder Ginny und ich gehen jetzt."
Das Porträt lächelte und hob in gespielter Unterwerfung die Hände.
„Genaugenommen steht es mir nicht zu, diese Geheimnisse mitzuteilen, Harry."
„Das ist mir klar. Nehmen wir uns ein Geheimnis nach dem anderen vor, ja?"
Ginny fühlte solch großen Stolz für den Mann an ihrer Seite, wie er so dastand mit sicherer Herausforderung, den Blick stur auf das Gesicht seines früheren Mentors gerichtet.
„Lebt Professor Snape?"
„Ja."
„Wieso?"
„Das ist nun recht langwierig und kompliziert."
„Eine kurze, aber genaue Version reicht."
Dumbledore kicherte. „O je, o je. Ganz der geschickte Verhandler."
„Komm, Ginny. Hermine wird Verständnis dafür haben. Ich habe die Spielchen satt."
Harry führte Ginny hinaus. Es war keine Taktik, keine Finte. Er hatte die halben Wahrheiten und Ränke absolut über. Sie hatten ein paar Schritte gemacht, als Dumbledore ihnen in respektvollem, ernstem Ton nachrief.
„Wartet. Du verdienst es, die Wahrheit zu erfahren, Harry, und da ich in meinem Wirkungskreis enorm eingeschränkt bin, brauche ich dich wieder. Jedoch zögere ich, dich mit noch einer weiteren gefährlichen Aufgabe zu betrauen."
„Sagen Sie uns einfach, was uns erwartet und lassen Sie uns dann selbst entscheiden", antwortete Harry und drehte sich mit ernstem Gesicht zu dem Porträt um.
„Dann setzt euch und ich hoffe sehr, dass die Professoren Snape und McGonagall mir vergeben werden…irgendwann einmal."
Sie zogen zwei gepolsterte Ledersessel vom Kamin herbei, Dumbledore gegenüber und dann setzten sich Harry und Ginny gehorsam hin und warteten auf ihre Antworten.
„Euch ist beiden bekannt, dass Professor Snape sich bei zahlreichen Gelegenheiten als Doppelagent in Gefahr begeben hat. Nun gibt es seit Jahrhunderten schon eine weitere Legende, ähnlich wie die der Heiligtümern, sie betrifft ein Amulett, von dem behauptet wird, dass es den Träger vor dem Tod bewahrt. Die Einzelheiten der Legende differieren voneinander, aber bei meiner Suche nach den Heiligtümern stieß ich auf verborgene Informationen, die dazu führten, dass ich das Amulett entdeckte. Wie du weißt, Harry, war der Tod ein Hindernis, das du überwinden musstest, um uns von Voldemort zu befreien. Das Amulett hätte bei dir nicht viel genützt, aber Severus brauchte seinen Schutz. Ich fürchte, er hat jahrelang geglaubt, dass der Tod dem Leben vorzuziehen sei. Ich wollte ihn beschützen, auch vor sich selber und habe darauf bestanden, dass er es trug. Er wollte nicht, wie er sagte, ‚sich selbst erniedrigen, indem er irgendeinen zweifelhaften fabulösen Schnickschnack trug'. Daher bat ich die Hauselfen, es heimlich in seine Umhänge einzunähen. Ich glaube, er wusste von meinem Trick und hat sich entschieden, mir meinen Willen zu lassen, solange wie der Gegenstand nicht öffentlich zu sehen war.
Wie auch immer, kurz vor deinem Sieg gestern, aktivierte sich das Amulett. Angeblich soll der nahende Tod der Auslöser sein…"
Das muss gewesen sein, als Nagini ihre Zähne in ihn gestoßen hat, dachte Harry.
„Ich merkte, dass mein Kopf bis zum Rand voll war mit Bildern von der Heulenden Hütte, einem Muggelkrankenhaus und der Arbeit einer bestimmten Ärztin. Ich erkannte die Ärztin aus den Gründen, die gleich deutlich werden. Zur gleichen Zeit, in der mich die Bilder überfielen, überkam mich das dringende Verlangen, die Ärztin zu Severus in die Hütte zu bringen. Ich kann es nicht erklären, aber ich wusste, dass er in Todesgefahr schwebte."
„Aber wie konnten Sie das tun? Mit Verlaub, Sir, Sie sind ein Gemälde", stellte Ginny zweifelnd fest.
„Das hast du recht, Ginevra. Die Ärztin ist mein Patenkind, die ich nur selten besucht habe, da es sie einem zu großen Risiko ausgesetzt hätte; jedoch war es mir möglich, mich bei vielen Gelegenheiten im Traum mit ihr zu verbinden. Zu Severus' großem Glück, hielten sie und einige ihrer Mitarbeiter im Krankenhaus gerade ein Nickerchen…ich glaube, der Ausdruck heißt ‚power-napping'…im Augenblick seiner Not und ich konnte einen ‚Wachtraum' schaffen, wenn du es so nennen willst. Ich glaube, ich habe für die Verbindung gesorgt, eine Leitung für die alte Magie des Amuletts und es holte sie zu Severus."
Ginnys Augen leuchteten plötzlich auf, als sie die Verbindung zwischen den Ereignissen im Büro herstellte.
„Ihr Patenkind ist Elena, Professor McGonagalls Tochter."
„Genau. Bravo, Miss Weasley", applaudierte Dumbledore.
Harry fühlte sich, als habe die wiederholte Bezeichnung ‚Hohlkopf', die Snape ihm hatte zukommen lassen, in der Tat einige Berechtigung, während er versuchte, die selbe Verbindung herzustellen, die Ginny sofort gefunden hatte.
„Aber…wann hat Professor McGonagall eine Tochter bekommen und warum haben wir nie etwas von ihr gehört und warum wurde sie unter Muggeln versteckt und was haben Sie genau getan, damit sie jetzt so wütend über Sie ist…?" brach es aus ihm heraus.
„Hast du dich jemals gefragt, warum Professor McGonagall Hermine so mag?"
„Ja…eh…nein, also, Hermine ist schlau und schafft jede Menge Punkte für Gryffindor, warum sollte sie sie also nicht mögen?"
„Hermine erinnert Minerva an sich selbst, als sie in diesem Alter war. Ein riesiger Wissensdurst und eine noch größere Fähigkeit zu lieben. Minerva hatte ihren eigenen Ronald Weasley…"
Ginny prustete los, Harry grinste und Dumbledore kicherte: „O, komm schon Ginevra – es war nie deutlicher, dass Gegensätze sich anziehen. Minervas Ronald war Gabriel Grayson, ein Aurorkollege von Alistair Moody. Er war ein angeberischer, arrogant wirkender Draufgänger und völlig unpassend für Minerva, jedenfalls dachten wir das alle. Aber sie betete ihn an, sah etwas in ihm, was uns anderen völlig entging und heiratete ihn einen Monat, nachdem sie ihn kennengelernt hatte."
Harrys Augenbrauen erreichten seinen Haaransatz und er versuchte verzweifelt, dieses leichtsinnige, liebeskranke Wesen mit seiner pedantischen Lehrerin in Verbindung zu bringen.
„Innerhalb eines Jahres bekamen sie Elena. Sie war ein liebenswertes Kind und Minerva war unglaublich zufrieden mit ihrem Leben, aber Gabriel hatte eine Vorliebe dafür, dunkle Zauberer zu jagen. Sogar als wir die Informationen erhielten, dass Riddle Verbündete um sich scharte und seinen Status als Dunkler Lord erreichte. Gabriel nahm einen der Hauptberater Riddles fest und innerhalb weniger Tage erhielt Minerva Todesdrohungen, die sich gegen Elena richteten, auch wenn wir keine Verbindung beweisen konnten. Sie wehrten drei extrem brutale Angriffe auf ihr Leben ab, bevor sie sich versteckten, aber, wie du genau weißt, Harry, die Riddles dieser Welt finden immer die sicheren Häuser und so entdeckte er sie auf ihrem abgeschiedenen Bauernhof. Wir schafften es gerade noch, sie so rechtzeitig zu warnen, dass Minerva ein Ferkel in Elenas Gestalt verwandeln und ihr Kind in meine Obhut geben konnte. Wir nehmen an, dass es Riddles Leute waren, die kamen, Minerva gefangennahmen und sie zwangen, dabei zuzusehen, wie sie ‚Elena' sofort mit einem ‚Avada' töteten."
Ginny schniefte und wischte sich zwei vorwitzige Tränen aus dem Gesicht.
„Wie inszenierten eine Beerdigung für das Ferkel und überzeugten die Welt von Elenas Tod, aber Minerva hatte immer noch Angst um sie und Gabriel war auf Rache aus. Wir erarbeiteten einen Plan, Elena für die ‚kurze' Zeit, die Grayson, Moody und andere brauchen würden, um die Mörder und ihre Auftraggeber zu ergreifen, unter den Muggeln zu verstecken. Minerva wollte nicht, dass Elena alleine sei und wählte deshalb mit Bedacht eine Familie aus, die ein Kind im gleichen Alter hatte. Mit der Hilfe unseres Verbindungsmanns zur Muggelwelt manipulierte sie die Geburtsregister und änderte Augen- und Haarfarbe, damit sie zu Elenas passten. Anschließend bewog sie die Familie durch Obliviate und Confunduszauber, zu glauben, dass sie Zwillinge hatte. Wenn unser Plan jemals aufgedeckt werden würde, würden sie nur nach einem Kind suchen, es war also ein zusätzlicher Schutz für ihre geliebte Tochter. Aber die dunklen Zauberer gewannen an Macht, Monate wurden zu Jahren und Gabriel wurde immer verzweifelter und unvorsichtiger. Alistair überlebte die Falle, in die man sie lockte, nur knapp und Gabriel wurde ohne Gnade getötet."
Dumbledore hielt inne, um seine Gedanken zu ordnen und fuhr dann fort:
„Von diesem Tag an hat Minerva nie mehr von ihm gesprochen. Wir begruben ihn in aller Stille, sie nahm wieder ihren Mädchennamen an und wurde zu der kühlen, gefühlsmäßig unerreichbaren Frau, wie wir sie heute so gut kennen. Wir sprechen selten von Elena, es ist einfach zu schmerzhaft, aber ich hatte immer ein Auge auf sie. Sie hat ebenfalls sehr gelitten. Voldemort erfuhr tatsächlich von unserem Plan, Elena war nicht das einzige Kind, das wir retten mussten. Die anderen wurden nach und nach entdeckt und ermordet. Elena überlebte nur, weil nach einem weiteren gescheiterten Mordversuch ausgerechnet Severus als ihr Mörder auserkoren wurde. Er kam zu mir und ich klärte ihn auf, ziemlich genauso, wie ich es jetzt tue. Wir dachten uns einen Plan aus. Severus benutzte Legilimentik, um die detaillierten Erinnerungen an einen vorhergegangenen Mordversuch aufzuzeichnen, und dann benutzten wir einen starken Confunduszauber und das Denkarium, um die Erinnerungen so zu ändern, dass Voldemort erneut von ihrem Tod überzeugt war.
Ich glaube, dass jede Freude und Hoffnung, die Minerva jemals hatte, reserviert ist für den Tag, an dem sie sie mit Elena teilen kann. Das hätte heute sein sollen, aber ich habe sie mit Snape verbunden und jetzt scheint es, als seinen beide verschwunden. Und das ist der Grund, warum unsere liebe Professor McGonagall gerne meinen Kopf rollen sehen möchte!"
Alle drei verharrten eine Weile schweigend. Harry konnte die Bürde an Sorgen, die diese Lehrerin so viele Jahre getragen hatte, einfach nicht glauben. Kein Wunder, dass es sich angehört hatte, als würde ihr das Herz brechen, als sie gedacht hatte, er sei gestorben, all ihre Hoffnung wäre mit ihm gestorben.
„Wir müssen sie finden. Ich möchte ein glückliches Ende für Professor McGonnagal – es ist das mindeste, was sie verdient."
„Zweifellos, Harry."
„Wie können wir sie vor dem Todesser finden? Er ist uns um Stunden voraus", fragte Ginny besorgt.
„Es ist sehr wahrscheinlich, dass er versuchen wird, Severus mit einem dunklen magischen Ritual aufzuspüren, bei dem sein Blut mit im Spiel ist. Wenn dies der Fall ist, wird Severus sicher sein, so lange er in direkter Nähe des Amuletts bleibt. Es soll den Träger mit einem mächtigen Verborgenheitsfeld umgeben, das die Entdeckung verhindert. Wahrscheinlich, damit der ausgewählte Heiler in Sicherheit arbeiten kann."
„Wenn das so ist, und wir wollen zu den Göttern beten, dass es so ist, wie werden wir sie dann finden?" fragte Harry und sah ratlos und enttäuscht drein.
„Ich glaube, dass die Hexe einen Gegenzauber hatte, um den Träger zu offenbaren, sobald die Gefahr vorüber war. Ich muss zugeben, ich bin zu senil, als dass ich mich komplett daran erinnern könnte, aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich, als ich es Severus vor vielen Jahren gab, auch nicht damit gerechnet hatte, im Fall des Falles tot zu sein. Ich habe jedoch noch meine Notizen hier. Harry, wärst du so gut und würdest in den Sprechenden Hut greifen und um einer ‚bimbelnden Schundwarze' bitten?"
Harry griff hinein, tat, wie es ihn aufgetragen worden war, und sah erstaunt zu, wie der Hut einen Stapel Papiere aus seinem schiefen Mund ausspuckte, der in einem säuberlichen Stapel zu Boden sank und sich mit einem roten Band verschnürte.
Ginny nahm den Stapel und fing an, die oberste Seite zu lesen. Die Schrift war altertümlich, es gab komplizierte Skizzen.
„Harry, wir haben keine Chance, das zu entziffern", flüsterte sie entmutigt.
„Dank dem vom Ministerium genehmigten Einsatz eines ansonsten verbotenen Zeitumkehrers hat in letzter Zeit nur eine Schülerin Alte Runen in dem Umfang studiert, der notwendig ist, um diese Papiere in dem notwendigen Tempo zu lesen…"
Nun war die Reihe an Ginny, verständnislos dreinzuschauen, während Harry grinste und Dumbledores Satz beendete.
„…und sie ist im Krankenflügel und es geht ihr besser…"
