Tear me apart – Fortsetzung

Kapitel 8

Überwältigt

Hermine konnte die Einladung ihrer Freunde, sie beim Quidditch-Training zu besuchen, nur schwer ausschlagen. Harry hatte recht, sie hatte wirklich einiges versäumt, was um sie herum geschehen war, während sie mit Snape, ihrer Ehe und ihrer Schwangerschaft beschäftigt gewesen war. So stand sie dick eingepackt am Rande des Spielfelds und sah dabei zu, wie Harry, Ron und Ginny bei winterlicher Kälte ihre Runden drehten. Außer den Spielern war niemand sonst hier und schon bald begann sie sich zu langweilen. Nachdenklich wippte sie mit den Füßen auf und ab und winkte gelegentlich mit klammen Händen den Spielern zu, um sie aufzumuntern.

Es war schon eigenartig, wie sich alles binnen weniger Monate verändert hatte. Vor einem Jahr noch hatte sie gehofft, fest mit Ron zusammenzukommen. Doch nun musste sie sich eingestehen, dass er nie viel mehr als ein guter Freund für sie gewesen war. Die Gefühle, die sie hingegen für Snape entwickelt hatte, waren weitaus tiefer, als sie sich je hätte vorstellen können. Sie liebte es, wie er sie in seinen Armen hielt und fühlte sich beschützt und geborgen. Er konnte ihr all das geben, wonach sie sich sehnte und war so vollkommen anders, als sie es für möglich gehalten hätte.

Obwohl sie wusste, dass er sich davor gefürchtet hatte, ihr näher zu kommen und sich in ihrer Gegenwart fallen zu lassen, hatte er es getan und sie mit ungeahnter Leidenschaft in den Bann gezogen. Es fühlte sich alles so richtig und vollkommen an, sobald sie in seiner Gegenwart war, dass nichts anderes mehr zählte. Kein anderer Mann konnte das bei ihr auslösen, schon gar nicht ein gleichaltriger Teenager.

Dennoch hatten sie Probleme, die sie in den Griff bekommen mussten. Snape war ein Einzelgänger und nicht daran gewöhnt, engeren Kontakt zu jemandem zu haben. Außerdem fiel es ihm sehr schwer, alles zu verarbeiten, was er in Bezug auf Voldemort erlebte. Auch die Tatsache, dass Hermine immer noch seine Schülerin war und deshalb weitaus mehr seiner Verantwortung unterlag, als eine gewöhnliche Ehefrau, ließ sich nicht so leicht verdrängen. Und so war sie dankbar für jeden kleinen Schritt, den ihre Beziehung in die richtige Richtung machte. Sie wusste, dass Severus sich bemühte, sich ihr zu öffnen, wenn auch auf seine Art. Je mehr sie dabei über seine Vergangenheit lernte, umso besser konnte sie ihn verstehen. Die Gratwanderung aber, auf der sie sich befand, sobald sie versuchte, etwas über ihn herauszufinden, machte ihr deutlich klar, dass noch ein langer Weg vor ihr lag, denn trotz ihrer gemeinsamen Erlebnisse war er immer noch sehr eigen.

Hermine war tief in ihre Gedanken versunken und erschrak fast zu Tode, als plötzlich eine bekannte Stimme zu ihr sprach.

„Miss Granger?"

Sie fuhr herum und starrte die aufrechte schwarze Gestalt an, die mit hochgezogenen Brauen hinter ihr stand und den Blick direkt in ihre Augen gleiten ließ.

„Severus!"

Aufgeregt sprang sie in die Höhe und umklammerte ihn mit Armen und Beinen, doch er hielt mühelos ihrem Schwung stand und drückte sie an sich.

„Du hast mich wohl vermisst", stellte er mit einem schelmischen Lächeln auf dem Gesicht fest.

Hermine nickte und drückte ihre Nase in sein Haar, um seinen markanten Duft tief in sich aufzunehmen. Unterdessen trug er sie vor sich her und presste sie mit dem Rücken gegen den erstbesten Holzpfosten der Tribüne. Wie ein Affe klammerte sie an ihm und durchforstete mit den Fingern seine Haare. Das Gefühl, ihn endlich wieder bei sich zu haben, überwältigte sie vollends und schon machte sich eine ungeheure Anziehungskraft zwischen ihnen breit.

Snape beugte sich zu ihr und lehnte seinen Kopf an ihre Stirn, während er sie in seinen Armen hielt und sanft schaukelte. Sie genoss die Wärme seines Atems auf ihrem Gesicht und strich ihm die langen Strähnen, die wieder einmal seine Augen verdeckten, hinters Ohr, damit sie ihn besser sehen konnte.

„Ich habe dich unheimlich vermisst", flüsterte sie bestätigend.

„Genauso wie ich dich vermisst habe."

Der tiefe Klang seiner Stimme entlockte ihr einen wohligen Seufzer. Sie konnte kaum fassen, dass er endlich zurück war. Wie sehr hatte sie sich danach gesehnt, ihn einfach nur zu hören?

Eine ganze Weile blickten sie sich gegenseitig in die Augen und Hermine verlor sich in den endlosen Tiefen seiner Pupillen.

„Ich hätte dich nie gehen lassen dürfen", sagte sie eindringlich, obwohl beide wussten, dass es keinen anderen Weg gegeben hätte.

Die Freude, die sie verspürte, war so groß, dass es sie nicht kümmerte, dass sie dabei klang wie ein kleines Mädchen. Ihre Worte waren nur ein kläglicher Beweis dessen, was sie für ihn empfand: Verbundenheit, Sehnsucht, Liebe.

Snape streckte seinen Hals und drückte ihr einen Kuss auf den Mund, den Hermine bereitwillig erwiderte. Sie spürte, wie seine Zunge gegen ihre Lippen drang und mehr forderte und gab ihm was er wollte.

Von einem unbeschreiblichen Verlangen durchzogen stöhnte er tief und kehlig auf und Hermine genoss die vertrauten Geräusche, die ihr einen Schauder den Rücken hinunter jagten. Sie fühlte eine innige Sehnsucht und Leidenschaft für ihren Professor in sich aufsteigen, der offenbar unbeeindruckt davon war, dass sie sich in aller Öffentlichkeit befanden. Vergessen waren die Quidditch-Spieler, die hoch oben am Himmel ihre Runden drehten. Auch die eisige Kälte, die sie umgab, konnte ihnen nichts anhaben. Snape ließ sich fallen und Hermine presste sich ermutigt noch fester an ihn und gab ihm das Gefühl, begehrt zu werden, das er voller Inbrunst willkommen hieß.

Als ihnen bewusst wurde, dass sie keine Luft mehr bekamen, lösten sie sich widerwillig voneinander los und starrten sich in die Augen. Sekunden des Schweigens vergingen, in denen nur das heftige Atmen beider Körper zu hören war.

Hermine lehnte sich zu ihm und drückte ihre Stirn an seine, während er sich ihr mit einem sanften Lächeln ergab.

„Ich habe das vermisst."

Sie lachte. „Das habe ich auch vermisst."

Sanft wog er sie in seinen Armen, es war fast so, als würde die Zeit für einen Moment still stehen. Nur sie beide existierten und erkundeten ihre Liebe füreinander.

„Wie fühlst du dich?", fragte er vorsichtig.

Hermine fuhr gedankenverloren mit dem Finger die Konturen seiner Oberlippe nach. „Blendend." Ein zuversichtliches Lächeln kräuselte ihre Mundwinkel. „Jetzt wo du wieder da bist."

Er rieb seine Stirn an ihrer. „Dann ist also alles in Ordnung mit dir?"

Sie sah seine erhobenen Brauen und musste lachen. „Ja, Severus. Es geht mir gut."

Zufrieden nickte er. „Gut. Dann geht es mir auch gut."

Nachdenklich senkte sie den Blick und fing an, die engen Knöpfe auf seiner Brust zu inspizieren, die seinen Körper in der schwarzen Kleidung gefangen hielten, die er Tag und Nacht zu tragen schien. Sie war so daran gewöhnt, dass sie ihn sich in nichts anderem vorstellen konnte, mal abgesehen von den schwarzen Sachen, die er zum Schlafen trug, sofern er nicht gerade zu erschöpft oder zu betrunken in seinem alten Sessel einnickte.

„Ich hab mir Sorgen um dich gemacht", gestand sie leise.

Er legte den Kopf schief und funkelte sie mit seinen dunklen Augen an. „Das sollst du nicht."

„Ich weiß. Aber es ist unvermeidlich."

„Ist es nicht", beharrte er. „Du brauchst einen klaren Kopf, Hermine. Ich bin froh, dass ich dich hier draußen gefunden habe. Diese ewige Kerkerluft ist nicht gut für dich und das Baby."

Ihre Kinnlade klappte nach unten „Was?", fragte sie, vollkommen überrascht von seinem Verhalten.

„Du hast schon richtig verstanden", entgegnete er ernst. Dann nahm er ihre Lippe zwischen seine Zähne und knabberte daran herum.

„Ouch!" Hermine schreckte verdattert zurück. „Du hast mich gebissen!"

„Das kommt davon. Ich möchte, dass du nicht so nachlässig mit dir umgehst, wenn ich fort bin."

Sie antwortete ihm mit einem Kuss auf die markante Hakennase.

„Sei lieber vorsichtig, mit wem du dich anlegst, Professor."

„Ah." Ein schelmisches Grinsen legte sich über sein Gesicht. „Soll das etwa eine Herausforderung sein, Miss Granger?"

Sie nickte spielerisch. „Jederzeit. Aber lass mich zuerst runter, wir wollen doch nicht, dass du dir den Rücken verrenkst, oder?"

Ein tiefes Brummen entfuhr ihm. „Gerade war noch alles in Ordnung. Aber jetzt fühle ich mich plötzlich steinalt."

„Ist ja schon gut, ich nehme es zurück."

Sie sah ihn mit einem unschuldigem Blick an, bis er endlich mit einem Grinsen darauf reagierte.

„Das will ich hoffen."

Sanft setzte er sie auf die Erde, ohne seine Hände von ihrem Körper zu nehmen und Hermine lehnte sich an ihn und atmete tief ein, während er die Enden seines Umhangs um sie schlang, um sie zu wärmen.

„Du duftest wunderbar. Obwohl du fort warst. Das bist du, du ganz allein."

Nachdenklich legte er sein Kinn auf ihr Haupt. „Wenn du wüsstest. Es ist nicht gerade erquickend, in einem Haus voller schmutziger Todesser gefangen zu sein."

Hermine krallte ihre Finger um seine Knöpfe und blinzelte zu ihm hoch. „Ihr wart wieder bei den Malfoys?"

Er nickte. „Ja."

Sie biss sich auf die Lippe und schmeckte die wunde Stelle, an der er zuvor geknabbert hatte.

„Ich konnte nicht viel erkennen, das Tattoo war zu blass. Aber eigentlich hätte ich es mir denken können."

Er nahm sie mit einem bestimmten Griff bei den Schultern. „Mach dir keine Sorgen. Ich habe schon weit schlimmere Dinge durch gestanden."

Hermine schüttelte den Kopf, ehe sie antwortete. „Du bist ein Lügner."

Erstaunt hob er eine seiner Brauen an. „Was? Du glaubst mir nicht?"

„Die Zeiten, in denen du mir was vorspielen konntest, sind vorbei, Mister", sagte sie mit einem zaghaften Lächeln auf den Lippen. „Ich kann dich durchschauen, schon vergessen?"

„Hermine", begann er sanft und nahm ihr Kinn zwischen seine Finger, sodass sie ihm in die Augen sehen musste. „Das kommt nur daher, weil du einen schlechten Einfluss auf mich hast. Der Dunkle Lord hat mich noch nie durchschaut. Und ich werde nicht zulassen, dass er es tut."

„Dann vertraut er dir also?"

Er zuckte mit den Schultern. „Bis jetzt ja, obwohl Bella alles tut, um mir in die Quere zu kommen. Ihre Worte sind pures Gift und das kann gefährlich sein. Ich muss ihnen immer voraus sein, um sie mit den richtigen Informationen zu füttern."

Sie nickte. „Ich hoffe, du weißt, was du tust."

Snape fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Es ist nicht leicht und es kostet Kraft. Aber es ist machbar."

Sie sah ihn skeptisch an. „Du siehst dünn und ausgemergelt aus."

„Ist das ein Wunder? Die Gesellschaft, in der ich mich befand, hat mir auch noch die letzte Lust am Essen genommen. Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, jemals zu viel auf den Rippen gehabt zu haben." Er seufzte nachdenklich. „Ich kenne nichts anderes. Poppy hat schon immer mit mir geschimpft, weil nichts an mir hängen bleiben wollte. Ich glaube, ich war der schmächtigste Junge, den die Schule je zu Gesicht bekommen hat."

Hermine sah zu ihm auf und erkannte, dass etwas in ihm vorging, was mit seiner Vergangenheit zu tun hatte. Vermutlich kämpfte er gerade wieder einmal damit, wie er als Kind von seinen Eltern vernachlässigt wurde. Sie wunderte sich, wie er es schaffte, alles zu ertragen und wie er binnen Sekunden zu einem anderen Menschen werden konnte.

„Dann sollten wir besser reingehen und zusehen, dass wir was Ordentliches für dich zu Essen auftreiben", bot sie ihm an. „Dobby wird uns bestimmt helfen."

„Wenn du es sagst …"

Schweigend schlenderten sie nebeneinander her und Hermine konnte spüren, dass er wieder vorsichtiger wurde. Die stürmische Begrüßung, die sie vorhin erfahren durfte, war ein einmaliges Erlebnis gewesen, das sie sehr zu schätzen wusste.

Snapes Augen tasteten behutsam die Umgebung ab, als würde er damit rechnen, jeden Moment mit einer plötzlich auftauchenden Gefahr konfrontiert zu werden. Wäre sie nicht daran gewöhnt gewesen, hätte sie sich bestimmt davon beunruhigen lassen. Doch mittlerweile wusste sie, dass dieses Verhalten zu seinem Alltag gehörte. Er war auf der Hut, bei allem was er tat. Jeder seiner Schritte war mit Bedacht gewählt, um seinen Feinden keinen Angriffspunkt bieten zu können.

Langsam kehrten sie dem Spielfeld den Rücken zu, als plötzlich die Quidditch-Spieler nacheinander im Tiefflug an ihnen vorbei sausten. Hermines Haare wurden von dem aufkommenden Windstoß durcheinander gewirbelt, ihr Herz raste vor Schreck. Snape hingegen reagierte vollkommen kühl und unbeeindruckt.

„Harry! Mach das ja nicht noch einmal", schimpfte sie ihrem Freund in der Luft hinterher.

Er drehte sich mit seinem Besen zu ihr um, hob die Hand und winkte in ihre Richtung.

„Wir sehen uns, Mione!"

Schon war er wieder verschwunden.

Severus strafte Hermine mit einem skeptischen Blick aus den Augenwinkeln.

„Was war das denn eben?"

„Oh, nun ja, ich fürchte, du hattest recht. Harry ist zu mir gekommen und wir haben uns ausgesprochen."

Snape nickte anerkennend. „Das hat ja länger gedauert, als ich dachte."

Hermine grinste. „Ja. Aber letztendlich hat er seinen Stolz überwunden und es getan."

„Gut." Er lächelte zaghaft und räusperte sich. „Ich meine, es wurde Zeit, dass er begreift, was er an dir hat."

Hermine schnappte sich seine Hand und streckte sich zu ihm hoch, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Sie ignorierte sein tiefes Brummen und lachte vergnügt.

„Ja, Severus. Es wurde Zeit."