Es war bereits nach sieben, als Snape am nächsten Morgen die Augen aufschlug. Mit einem Anflug von Entsetzen starrte er auf die Uhr, die neben seinem Bett auf dem kleinen Nachttisch stand. Verwirrt rieb er sich über die Augen und sah noch einmal hin, doch es blieb dabei: seine innere Uhr hatte ihn im Stich gelassen!

Dabei hatte er sich am Abend zuvor für seine Verhältnisse früh schlafen gelegt, und er fühlte sich noch nicht einmal ausgeruht, obwohl er gemeinerhand selten mehr als vier Stunden Schlaf brauchte. Stundenlang war er bis vor Kurzem noch durch die Gänge Hogwarts geschlichen. In Schülerkreisen war das Gerücht kursiert, er würde das allein aus Bösartigkeit tun, weil er es liebte, einen von ihnen zu erwischen und Strafarbeiten aufzubrummen. Nun, das war immer wieder eine nette Abwechslung gewesen, zugegebenermaßen; doch so oft, wie zu Zeiten der Weasley-Zwillinge, war dies ohnehin nicht vorgekommen. Wenn diejenigen, die sich aus ihren Schlafsälen des Nachts herausgetraut hatten, herumtrampelten wie eine Horde Elefanten, durften sie sich wahrhaftig nicht wundern, wenn man ihnen auf die Schliche kam.

Der wahre Grund war aber, dass er schlicht und ergreifend nicht einschlafen konnte. Zu viele Dinge, die von ihm erwartet wurden, die er erledigen musste. Seine Gedanken kreisten Tag und Nacht um die Logistik seiner beiden Hauptprobleme, nämlich, seine Spionagetätigkeiten für Dumbledore und Voldemort unter einen Hut zu bekommen. Vor allem Letzterer bescherte ihm öfter, als ihm lieb war, Kopfzerbrechen.

Auch, als er sich von der Attacke Nagini´s erholt hatte, blieb die Gewohnheit erhalten. Sie ließ sich nicht mir nichts, dir nichts abstellen.

Dass er jetzt mit mehr als zwei Stunden Verspätung erst aufwachte, verwirrte ihn denn auch über alle Maßen.

Nur langsam kam er zu sich; er fühlte sich wie vom Hogwarts-Express überfahren. Mühsam kämpfte Severus sich aus dem Bett und schleppte sich ins Badezimmer, ließ das Duschwasser an und stellte sich unter den wohlig-warmen Strahl.

Nur unwillig kamen seine grauen Gehirnzellen in Schwung, und von irgendwoher schoss ihm ein Wort durch den Kopf. *Jetlag…* Was hatte er darüber gelesen? Irgendwas von wegen die innere Uhr wird damit durcheinander gebracht, wenn man mehrere Zeitzonen übersprang. Und bei Merlin, DAS hatte er. Wie war das? Acht Stunden vor oder zurück rechnen?

Nach mehreren Anläufen und angestrengtem Nachdenken kam er zu dem Schluss, dass es auf Hogwarts jetzt etwa dreiundzwanzig Uhr abends sein musste – was ihn noch mehr verwirrte, da er ja um die Zeit noch gar nicht schlief. Oder?

Es half nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen; er musste sich langsam beeilen, wenn er zumindest noch einen Kaffee bekommen wollte.

Wenige Minuten später stand Snape vor dem Badezimmerspiegel, und sah missmutig hinein. „Wenigstens halten die Spiegel hier die Klappe!" sagte er halblaut und dachte dabei an den Spiegel im Kerker Hogwarts, wo er gewohnt hatte. Dem Ding war er nie beigekommen, ständig hatte es seine Meinung kundgeben müssen über sein Aussehen – und das ziemlich frech.

Dafür lief dieser Spiegel nun wieder mit Dampf an, den Severus kurz zuvor weggezaubert hatte, und in schwungvollen Buchstaben erschien dort: „Das habe ich gehört!" Halb frustriert, halb amüsiert ließ Severus den Kopf noch vorne fallen, schüttelte den Kopf und lachte leise in sich hinein. „Wäre ja auch ZU schön gewesen." Dann sah er wieder auf. „Ich würde mich gerne rasieren, es wäre also nett, wenn du den Blick wieder freigeben würdest."

*Wie heißt das Zauberwort?"

„Bitte…" stöhnte Snape.

„Bitte was?"

„Hättest du BITTE die Güte, dich wieder blank zu machen?" Langsam wurde es ihm zu bunt, Er presste den Kiefer zusammen und hielt sich krampfhaft am Waschbecken fest.

„Aber gerne, geht doch!" Langsam verblassten die Wörter und der Professor begann, sich zu rasieren. „Verbindlichsten Dank!" grummelte er, sah in den Spiegel und stellte fest, dass er heute besonders zum fürchten aussah: tiefe Augenringe, die Haut noch blasser als sonst – kurz, er sah perfekt aus für heute!

Als er aus dem Bad kam, überlegte er kurz, die Rollladen hochzufahren, entschied sich dann aber dagegen. Wer wusste schon, ob das Zimmer sich dann nicht aufheizen würde wie eine Wüste?

Snape schlüpfte in seine übliche Kleidung und mühte sich mit den tausend Knöpfen ab, die von seinen fahrigen Fingern einfach zu fassen waren. Schließlich hatte er es dann doch geschafft; trotzig schlug er den Kragen hoch und verließ seine Wohnung.

Eigentlich hatte er vorgehabt, vor dem Frühstück noch die Stundenpläne und Namenslisten zu studieren. Jetzt stürmte er jedoch nur kurz in das kleine Büro, schnappte sich die Papiere und stand Sekunden später vor der gläsernen Haustür. Dort stoppte er abrupt und sah misstrauisch hinaus.

Kein Wölkchen am Himmel – er hatte es geahnt! Seine Laune sank noch tiefer, als er den unvermeidlichen Anti-Schwitz-Zauber sprach. Erst dann öffnete er die Tür und trat hinaus in die feucht-schwüle Wärme, die auf ihn wartete. Die Erde dampfte regelrecht, denn auch wenn man es nicht vermuten würde, waren die Nächte hier doch ziemlich frisch, was dazu führte, dass der Tau, der sich überall absetzte, morgens wegen der kräftigen Sonne schnell verdunstete und Nebel keine Seltenheit war. An diesem Morgen jedoch waren es lediglich vereinzelte Nebelschwaden, die hier und dort aufstiegen und der Umgebung einen mystisch anmutenden Anstrich gaben.

Snape straffte die Schultern und stapfte den Weg entlang zu dem Gebäude, in dem sich die Mensa befand. Neugierig, wie er war, sah er sich unterwegs um und prägte sich jedes Detail genaustens ein. Die Wege waren sorgsam gepflegt und mit feinem Kies gestaltet; alle paar Meter befand sich eine kleine Lampe, die unauffällig in das Bild eingefügt worden war. Hohe Pinien, Kiefern und Fichten prägten das Gelände und trennten die Gebäude voneinander ab, so, dass man meinen könnte, man befände sich in einem Wald. Geschickte Gartenarchitektur war vonnöten, um zu erreichen, dass man, kaum, dass das Gebäude hinter einem von den Bäumen verdeckt wurde, das nächste strahlend weiße Haus erblickte. Dennoch war genug Platz für Rabatte und Beete, in denen die farbenprächtigsten und exotischsten Blumen blühten.

Alles in allem gefiel Snape, was er sah. So eigenbrötlerisch er sich Menschen gegenüber auch benahm, der Schönheit der Natur konnte noch nicht einmal er sich entziehen. Er wollte es auch gar nicht; sie war sein bester Freund. Dorthin konnte er sich immer zurückziehen, wenn es ihm zuviel wurde, oder wenn er nachdenken musste. Sie nahm Severus so, wie er war, fragte nicht nach dem Warum, und gab, was sie hatte, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

Je näher er der Mensa kam, umso mehr Studenten begegneten dem Professor oder strömten ebenfalls dem Frühstück entgegen. Die meisten warfen ihm nur einen verstohlenen Blick zu, kaum einer traute sich, ihn offen anzustarren, und wenn, dann starrte er zurück, bis sie aufgaben und weiter trotteten.

Reges Treiben herrschte in dem Raum, der allen gemeinsam zum Essen diente. Die meisten Tische waren bereits besetzt, und an dem Büffet stand noch eine lange Schlange mit hungrigen Menschen. Fast war Snape versucht, das Frühstück ausfallen zu lassen, doch ohne seinen morgendlichen Kaffee war der Tag schon gelaufen, ehe er richtig begonnen hatte; also stellte er sich missmutig hinten an und wartete mehr oder weniger geduldig darauf, dass er an der Reihe war. Dann füllte er sich eine große Kanne mit Kaffee, beäugte misstrauisch die Platten mit gebackenen Schinken, süßen Pfannkuchen, seltsam anmutendem Toast, das in irgendetwas gebacken worden war und noch eine Menge anderer undefinierbarer Speisen. Schließlich lud er sich auf den Teller, was noch am harmlosesten aussah: Toast, Butter, Marmelade. Damit würde er – so hoffte Severus zumindest – nicht viel falsch machen können.

Beladen mit dem Tablett, die Papiere unter einen Arm geklemmt, bahnte der Professor sich einen Weg durch die plaudernden Schüler und Lehrer und sah sich nach einem freien Tisch um. Eher würde er sich draußen auf die Stufen setzen, als sich irgendwo dazu zu gesellen.

Er hatte Glück: gerade in der hintersten Ecke angekommen, verließ dort eine Gruppe Jugendlicher einen großen Tisch, und Snape hatte keinerlei Bedenken, soviel Platz für sich zu beanspruchen. Geschmeidig ließ er sich auf einen der Stühle gleiten und verteilte seine Sachen großzügig auf der Tischplatte, damit keiner auf die Idee kam, hier wäre noch Platz.

Er hatte gerade die erste Tasse Kaffee hinuntergeschlungen und biss in sein – überraschend leckeres – Brot, als ein vergnügtes „Guten Morgen! Sie haben doch sicher nichts dagegen, wenn ich mich dazu setze?" seinen Illusionen ungnädig den Garaus machte. Seine Listen wurden kurzerhand zusammen geschoben und machten einem weiteren Tablett Platz, das nur so überquoll mit gesunden Sachen. Obst, Rohkost und Müsli gaben sich ein buntes Stelldichein mit Vollkornbrot, Fruchtsaft und Kompott, abgerundet mit einer großen Schale Quark. Die Besitzerin dieses Vitaminkollers ließ sich ungeniert ihm gegenüber auf einen Stuhl fallen, strahlte ihn an und reichte ihm über den Tisch hinweg die Hand. „Mae LaPunta, Lehrerin für Sport, Quidditch und Besenflug." stellte sie sich vor. „Und Sie sind der neue Lehrer für Zaubertränke, nehme ich an? Mr. Snape?" „Professor Snape!" konnte Severus geradeso hervor bringen, völlig perplex über die Dreistigkeit der jungen Frau und ergriff kurz deren Hand. Was um alles in der Welt hatte er verbrochen, dass ihm nicht einmal die erste Mahlzeit des Tages in Ruhe gegönnt wurde?

Unmissverständlich versteckte er sich hinter seinen Listen und kaute auf dem Toast herum, dass plötzlich überhaupt nicht mehr rutschen wollte.

„Es freut mich sehr, Sie endlich einmal persönlich kennen lernen zu dürfen." „Das wäre ja damit erledigt." Antwortete Snape wortkarg und hoffte, diese Mae endlich in die Flucht zu schlagen. Stattdessen hörte er ein amüsiertes Kichern und spähte unauffällig über das Blatt hinweg. „Seien Sie doch bitte so nett und erleuchten meine unbedarfte Seele, Miss LaPunta. Was ist daran so erheiternd?"

Was tat er da? Wieso ermunterte er sie auch noch zu reden?

„Ihr Ruf ist Ihnen vorausgeeilt, Mister Snape." "Pro- "wollte er Einwand erheben, doch sie fuhr einfach fort. „Man sagt, Sie seien nicht der Gesprächigste. Nun, ich werde jetzt schön still sein und Sie in Ruhe essen lassen." Damit schob sie sich mit einem belustigten Blitzen in den Augen einen Löffel Müsli in den Mund, zwinkerte ihm zu und ließ ihrem Frühstück dann ihre ganze Aufmerksamkeit zukommen.

Kopfschüttelnd widmete Severus sich wieder den Papieren und seinem Kaffee; er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Mae es schaffen würde, den Rest der Mahlzeit still zu sein, doch er wurde etwas besseren belehrt.

Eine Viertel Stunde später hörte er, wie ihr Stuhl zurück geschoben wurde. „Das war ein sehr angenehmes Frühstück. Es würde mich freuen, wenn Sie mir heute Mittag wieder einen Platz frei halten würden." Fassungslos ließ Snape das Blatt sinken, das er gerade studierte und starrte der Lehrerin hinterher, die gerade mit federnden Schritten ihr Tablett zurückbrachte. „Welch erhebende Aussicht!" stöhnte er, sah auf die Uhr und packte nun ebenfalls eilig alles zusammen. Für einen Moment erwog er, alles stehen zu lassen, wie er es von Hogwarts gewöhnt war; doch rund um ihn brachte jeder sein Geschirr selbst zurück, also ergab er sich in sein Schicksal, packte alles auf das Tablett und tat es der Menge nach, ehe er sich eilig zurück zum Zaubertranklabor begab.