Jinai: Aua.
Raffael: Jammer nicht.
Jinai: Hey, wer ist gestern 750 Meter geschwommen, du oder ich? *raffael in den schrank stopf* aua, aua, aua *dabei jammer*
Psychomantium: Wenn jinai einen Plan hätte, wär ich echt überrascht - Hey, du bist noch nicht dran! Das sind meine reviews! Und wie bist du überhaupt aus dem Schrank rausgekommen? *raffael zurückstopf* Ich habe natürlich einen Plan, egal, was dieser Gnom sagt. Und was Jinai angeht ... höhö ... lies. Ich hab noch keine Ahnung, wie lang diese FF werden wird und wie lange es dauern wird, aber ich hab noch viel geplant ... äh ... mal schauen, wie ich das alles unterbringen werde o.o
Yunaria: Nachträglich alles Gute, ich hab erst später Geburtstag ... hab mir etwas mehr Zeit gelassen :D Was Jinai und Kanda und das Akuma angeht, überlass ich dich deinen Spekulationen, das könnt ihr als Leser viel besser als ich xD
sternenhagel: Aber nur FAST. Auch wenn ich nicht daran glaube, dass, was dich nicht umbringt, dich stärker macht ... nun ja ... es bringt dich zumindest nicht um xD Daran erkennt man, aus welchem Holz jemand geschnitzt ist, obwohl ich es niemandem wünschen würde - und hier zitiere ich einen namenlosen Schauspieler aus einer namenlosen Serie - "Glücklich ist der Mann, der nicht herausfindet, wozu er fähig ist."
Rated: T, bis ich was anderes sage
Disclaimer: Auch dieser Disclaimer beschränkt sich auf die wichtigste Kerninformation: Raffael hat nichts mehr von den Keksen bekommen. Ach ja, und alles gehört natürlich Katsura Hoshino und ich verdiene kein Geld damit.
8. Ausgetrickst
Es war nicht weit bis zum Krankenhaus. Schließlich war Gibraltar keine besonders große Halbinsel.
Zwischen Kanda und dem Dienststellenleiter der Polizei war eine seltsame Art von Einverständnis entstanden. Es kam dem Exorzisten fast so vor, als wolle der andere Mann wirklich an seine Unschuld glauben, selbst wenn es keine anderen Erklärung gab, und als hätte er fast schon so etwas wie Mitleid mit ihm, weil er wegen dieser falschen Verdächtigungen eingesperrt war, die leider nicht entkräftet werden konnten.
Jetzt nicht mehr.
Für den kurzen Weg mit der Kutsche hatte man ihm Handschellen anlegen müssen, so lauteten die Vorschriften. Mit dem Dienststellenleiter höchstpersönlich und einer Eskorte von zwei weiteren Polizisten wurde Kanda durch die Stadt geführt, in der die eine Hälfte der Stadt schon längst ihr Handwerk niedergelegt hatte und die anderen Hälfte gerade erst zu arbeiten begann. Flüchtige Blicke wurden ihnen beim Aussteigen zugeworfen und Kanda hörte, wie die Leute tuschelten. Sollten sie doch hinter seinem Rücken über ihn reden. Er würde dieser Stadt schon bald den Rücken kehren. Sobald seine Unschuld bewiesen war oder Kie seine Freilassung erwirkt hatte.
Das Colonial Hospital lag oberhalb der Stadt und war erst vor kurz neu aufgebaut worden, mit Veranden, Säulen und Rundbögen, den typischen flachen Dächern der Südländer Europas aus roten Dachziegeln und weißen Mauern. Es sah aus wie die Villa eines spanischen Grande. Von dort aus konnte man die gesamte Stadt überblicken, auch die Polizeistation in der Nähe des Hafens erkennen.
Im Foyer lief ihnen eine Schwester über den Weg, mit weißer Schürze, Häubchen und gestärktem weißen Kragen. Sie hatte etwas Würdevolles und Beruhigendes an sich, auch wenn die Uniform eine gewisse Strenge vermittelte. Sie war es, die den zuständigen Doktor für sie ausfindig machte und sie zu ihm brachte. Er betreute gerade einen Patienten in einem der weniger anheimelnd wirkenden sterilen Patientenzimmer, in denen bis zu zwanzig Betten aus Metallgestellen standen. Der Raum verströmte eine Aura von Leid, Krankheit und Verzweiflung, die der eines Akumas sehr ähnlich war. Es war Kanda unangenehmer, dort hinein zu gehen, als sich den Blicken der Leute auf der Straße auszusetzen. Akuma konnte er bekämpfen, aber das hier … dagegen war er machtlos. Das waren die ganz alltäglichen Qualen, die man dem Grafen nicht anlasten konnte.
Der Arzt sah müde und angespannt aus und er zählte sofort eins und eins zusammen, als man Kanda in Handschellen zu ihm führte. Sein Gesicht war verschlossen wie eine Auster und er brachte die Lippen gerade lange genug auseinander, um sie barsch anzuweisen, ihm zu folgen.
Er führte sie weg von den offiziellen, öffentlich zugänglichen Räumen des Krankenhauses und über eine kalte Treppe in den Keller hinab. Dort war es noch kälter und als der Arzt ihnen eine Tür aufschloss, sank die Raumtemperatur noch einmal um ein paar Grad.
Sie befanden sich in der Leichenhalle.
Auf metallenen Bahren lagen die sterblichen Überreste mehrerer Menschen, meist ältere Menschen, bei denen es nicht schwer zu erraten war, woran sie gestorben waren. Wahrscheinlich wurden sie bis zur Beerdigung hier aufbewahrt oder hatten ihre Körper der Medizin zur Verfügung gestellt. Das einzige, was ihre Nacktheit verbarg, waren die weißen Leichentücher, die über ihnen ausgebreitet worden waren. Kanda war es gewöhnt, dass Menschen starben, er sah es oft genug, doch mit Leichen wurde er nicht oft konfrontiert. Von Akumageschossen getroffen, zerfielen sie alle zu Staub. Und diese Menschen hier sahen auch nicht aus, als wären sie gerade gestorben. Sauber und friedlich lagen sie auf ihren kalten Bahren, als würden sie schlafen. Kein Blut, kein Schmerz, kein Leid.
Auch die Leiche, die ihnen der Arzt präsentierte, bildete da keinen Unterschied. Es war immer noch erschreckend, wie ähnlich das Mädchen Jinai sah, fast wie ein Zwilling, selbst jetzt noch, da Kanda wusste, dass es nicht die Exorzistin war, die da lag. Sie sah jetzt genauso aus wie die anderen: friedlich, schlafend, entrückt.
„Würden Sie uns einen Moment alleine lassen?", hörte Kanda den Dienststellenleiter hinter seinem Rücken bitten. Die Schritte, die sich daraufhin entfernten, konnte er dem Arzt zuordnen; die Polizisten trugen schwere Straßenschuhe, die mehr Lärm machten als die weichen Sandalen des Arztes.
„Ist sie das?"
Kanda hatte bisher einfach auf die Leiche gestarrt und hob jetzt den Blick. Er sah am Gesichtsausdruck des Mannes genau das, was er schon befürchtet hatte: Die gleiche Erkenntnis, die ihm schon gekommen war.
Er hatte ein unschuldiges Mädchen getötet.
Bisher hatte der Japaner sich geweigert, diese Möglichkeit zu akzeptieren, aber wie es aussah, blieb ihm nichts anderes übrig. Es sei denn, es handelte sich um einen weiteren Trick der Akuma, worauf er kaum noch zu hoffen wagte.
Es musste noch mehr dahinter stecken. Das musste es einfach. Er konnte keinen Menschen getötet haben, er konnte sich nicht so geirrt haben, das war einfach unmöglich. Kanda presste die Lippen aufeinander und zog mit den gefesselten Händen das Tuch von der Leiche. Sie war nackt und die Polizisten zischten entsetzt bei seiner Pietätlosigkeit, aber er ließ das Leichentuch achtlos zu Boden fallen. Es interessierte ihn nicht, wieso die Beamten nicht gleich einschritten, sie taten es einfach nicht. Kanda studierte den toten Körper vor sich.
Sie war gewaschen worden und die Wunden hatte man vernäht. Eine große und vermutlich auch sehr tiefe Schnittwunde unterhalb der Rippen konnte er wohl als Todesursache ausmachen; sie hatte zu viel Blut verloren, um sie noch zu retten. Er registrierte auch, dass sie erschreckend dünn war. Man konnte jede Rippe unter der straff gezogenen Haut erkennen und die Hüftknochen standen deutlich hervor. Ihre Arme hätte er wohl beide mit nur einer Hand umschließen können, ihre Finger sahen aus wie dünne Zweige, um die Beine war es ähnlich bestellt. Überall zeichneten sich die Knochen durch die Haut ab, ihr Oberkörper war fast knabenhaft, von weiblichen Rundungen nichts zu sehen. Sie sah halb verhungert aus.
Hatte das Mädchen, das ihn gestern angegriffen hatte, auch so ausgesehen?
„Hat man bei ihr irgendetwas gefunden?", erkundigte er sich emotionslos, ohne sich zu den Polizisten umzudrehen. „Einen Ausweis, Geld, irgendetwas?"
„Sie hatte nur die Kleider, die sie am Leib trug", erwiderte der ranghöchste der anwesenden Polizisten. Also blieb Mugens Schwertscheide auch weiterhin verschollen.
Obwohl er gewusst hatte, dass es nicht sein konnte, hatte Kanda sich trotzdem auch vergewissern müssen, dass das vor ihm nicht Jinai war. Und selbst wenn diese Leiche nicht so abgemagert wie ein verhungerter Straßenköter ausgesehen hätte, die fehlenden Narben beruhigten ihn zumindest in der Hinsicht. Wer war es dann?
Kandas Blick schweifte zum Gesicht des toten Mädchens. Es irritierte ihn, dass die Gesichtszüge des Mädchens Jinai so ähnlich sahen, aber etwas daran irritierte ihn noch mehr als das. Den Körper vor sich hätte er wohl kaum mit dem der Exorzistin verwechseln können, das Gesicht dafür schon. Es bestand ein verwirrender Kontrast zwischen dem Gesicht, das er sah, und dem Körper, zu dem es gehörte.
Und was, wenn …
Neben der Bahre stand ein Beistelltisch mit verschiedenen Werkzeugen, vermutlich dazu da, die Leichen zu präparieren. Er nahm ein dünnes Messer von diesem Tisch, hörte den Tumult hinter sich, den die Polizisten bei seiner Bewegung verursachten, und schnitt unberührt die Haut an der Wange der Leiche auf.
Dann packten ihn vier Hände an den Schultern und wollten ihn von dem Tisch wegzerren, aber der Exorzist rammte einem der Polizisten den Ellbogen in den Magen und stieß den anderen einfach von sich.
„Sir, er ist verrückt! Genau, wie José gesagt hat!"
Sollten sie doch hinter seinem Rücken über ihn reden. Sollten sie ihn doch verrückt nennen. Er würde dieser Stadt schon bald den Rücken kehren. Aber vorher hatte er etwas zu beweisen, also schob er die Fingernägel in den Schnitt und riss an der Haut.
Sie löste sich von dem Gesicht wie eine Tapete von der Wand und darunter kam eine zweite, unversehrte Haut zum Vorschein. Es war nur eine Maske gewesen.
Wieder wurde Kanda vom Tisch weggezogen und diesmal ließ er es geschehen. Das Gesicht des Dienststellenleiters tauchte vor ihm auf. Es trug einen fragenden Ausdruck. „Was sollte das denn?", fragte der Beamte und klang überraschenderweise nicht einmal besonders verärgert. Stand der Mann immer noch auf seiner Seite?
„Es war nur eine Maske", entgegnete Kanda gelassen. „Das ist nicht das Mädchen, das Sie suchen."
Nun schlich sich doch Unsicherheit in das Gesicht seines Gegenübers und er sah zögernd zu der Bahre hinüber, aber Kanda war sich jetzt ganz sicher. Wer auch immer dieses Mädchen war, er hatte es nicht getötet.
Der Beamte, der anscheinend wirklich noch immer an seine Unschuld glaubte, trat nun selbst an den Tisch und streckte die Finger nach dem Gesicht des Mädchens aus. Er schien sich überwinden zu müssen, zog dann aber an der Stelle, an der Kanda in die Maske geschnitten hatte. Auch unter seinen Fingern löste sich die zweite Haut vom Gesicht und nun, bestärkt in der Erkenntnis, dass Kanda Recht hatte, begann der Polizist, mehr von dem darunterliegenden Gesicht freizuliegen.
Es war ein Mädchen, ungefähr in Kandas Alter, aber mit Sommersprossen auf der Nase, eingefallenen Wangen und schiefen Zähnen. Ihre Haare waren eigentlich heller, aber auch diese hatten unter einer Perücke gesteckt und unter den dichten dunkelbraunen Haaren war das niemandem aufgefallen. Wahrscheinlich war sie eine Waise, die auf der Straße gelebt hatte und die niemand vermisste. Vielleicht hatten die Akuma sie deshalb ausgesucht, um eine Leiche präsentieren zu können, die Kandas vermeintliche Schuld beweisen würde.
Aber Akuma waren dafür nicht klug genug. Sie mussten Hilfe gehabt haben.
„Das ist nicht unsere Leiche", stellte der Beamte schließlich fest. „Dieser Ausflug war völlige Zeitverschwendung. Unser Opfer ist noch irgendwo da draußen, das heißt, falls es überhaupt eines gibt. Bringen wir ihn zurück."
Kanda blieb stehen, wo er war, und ließ sich nicht dazu herab, auch nur einen Schritt von der Leiche weg zu machen. Stattdessen fixierte er den einzigen Mann im Raum, der ihm noch so etwas wie Sympathie entgegenbrachte. „Warum wollen Sie mich zurückbringen?"
„Damit ist vielleicht das Tötungsdelikt vom Tisch", wandte der Beamte ein, „aber wir wissen immer noch nicht, wo das Mädchen nun wirklich ist. Jemand hat sich offensichtlich sehr viel Mühe gegeben, um sie vor Ihnen zu verstecken. Und es bleibt immer noch die Tatsache, dass Sie sie mit einer Waffe bedroht haben. Sie müssen in unserem Gewahrsam bleiben."
„Sehen Sie es doch mal von meiner Warte", entgegnete Kanda kühl und mit bohrendem Blick. „Jemand geht so weit, ein unschuldiges Mädchen zu töten, um mir etwas anzuhängen, das ich nicht getan habe, und mir einen bestochenen Polizisten auf den Hals zu hängen, damit er mich in meiner Zelle erschießt, um zu verhindern, dass ich freigelassen werde."
„Dann ist es sogar noch besser, dass wir Sie im Auge behalten und auf sie aufpassen können", erwiderte der Dienststellenleiter gelassen.
„Che." Und damit sagte Kanda für den Rest des Rückweges nichts mehr.
Sollten sie doch hinter seinem Rücken über ihn reden. Sollten sie ihn doch verrückt nennen. Sollten sie ihn doch wieder einsperren. Er würde dieser Stadt schon bald den Rücken kehren.
oOo
„Sie haben ihn weggebracht?"
„Sie haben die Leiche gefunden."
„Welche Leiche?"
„Na, die von dem Mädchen."
„Welchem Mädchen?"
„Na, das er getötet hat."
„Wen soll er getötet haben?"
„Na, das Mädchen."
Kie ballte die Hände zu Fäusten und knirschte mit den Zähnen. Dieser Mann war so unkooperativ, das war wirklich zum Ausrasten. Er bekam nicht einmal die simpelsten Auskünfte von ihm. Stattdessen war der Beamte so sehr in seine Zeitung vertieft, dass seine Blicke inzwischen schon Löcher in das Papier brennen hätten müssen.
„Hören Sie, ich bin vom Schwarzen Orden und ich muss wissen, wohin Sie meinen Kollegen gebracht haben!"
„Hören Sie, ich bin von der Polizei und nicht dazu verpflichtet, Ihnen derartige Auskünfte zu geben."
Kie wollte auf irgendetwas einschlagen, am besten auf den Beamten selbst. Aber dann würde er Kandas Zelle von innen sehen. Es brachte nichts, sich aufzuregen; der Finder zwang sich, seine verkrampften Fäuste zu lockern und sich zu entspannen. Mit Gewalt kam er nicht weiter, aber er musste doch irgendetwas für Kanda tun können. Dazu musste er nachdenken.
Wenn es eine Leiche gab, egal von wem, dann würden sie Kanda entweder gleich vor den Kadi zerren oder versuchen, ein Geständnis zu erzwingen. Wenn sie nicht hier waren, wo waren sie dann? Kie sah sich um. Bis auf den zeitunglesenden Beamten war er allein im Raum. Hielt der Mann hier etwa alleine die Stellung?
In Kie keimte ein waghalsiger Plan.
Der Polizist schien seine Anwesenheit schon wieder ganz vergessen zu haben, also macht er vorsichtig einen Schritt auf ihn zu. Keine Reaktion. Die Augen des Mannes glitten müde über die Zeilen und vielleicht nahmen sie nicht einmal diese mehr wahr. Kie schob sich langsam an ihm vorbei und behielt ihn dabei genau im Auge. Doch der Beamte rührte sich keinen Zentimeter. SovielGlückkanndochkeineinzigerMenschhaben, dachte Kie. Aber vielleicht war das die Entschädigung dafür, was bisher alles schief gelaufen war.
Auf Zehenspitzen schlich Kie zum rückwärtigen Teil des Raumes; sein Herz klopfte bis zum Hals und das Blut rauschte in seinen Augen. Sein eigener Atem kam ihm schrecklich laut vor, aber nicht so laut wie das Klimpern des Schlüssels, als er ihn vom Schlüsselbrett nahm. Ein rascher Blick zu dem Beamten versicherte ihm, dass dieser inzwischen über seiner Zeitung eingenickt war.
Der Schlüssel zur Asservatenkammer, welcher war der Schlüssel zur Asservatenkammer?
Kie fand einen Schlüssel, an den jemand mit einem Bindfaden ein Schildchen gebunden hatte. Darauf stand 'A'. Er musste es auf einen Versuch ankommen lassen. Also schlich der Finder zu der einzigen Tür hinüber, die aus dem Raum herausführte und durch die er noch nicht gegangen war, und schob vorsichtig den Schlüssel ins Schloss.
Er passte.
Erleichtert atmete der Chinese auf und drückte die Klinke herunter. Die Tür quietschte leise, als sie aufschwang, weckte den Polizisten aber nicht auf, und Kie huschte rasch hinein. Für die Waffen, Notenbündel und Drogen, die da lagen, interessierte er sich gar nicht, er suchte nur Kandas Schwert. Es war das einzige Schwert ohne schützende Schwertscheide und so fand er es rasch.
„Ich hatte es aus der Asservatenkammer gestohlen …"
Kie merkte auf. Die Frau hatte das Mittel, das sie ihm gegeben hatte, hier gestohlen. Wie war sie hier reingekommen? Und wieso hatte niemand ihren Diebstahl bemerkt?
Nun … wenn niemand bemerkt hatte, dass sie etwas davon mitgenommen hatte …
Kie war nicht kriminell veranlagt. Aber das Mittel war sehr effektiv gewesen. Er sah sich um; hier lagen überall Waffen herum, aber daran war er nicht mehr interessiert, seit er Mugen in den Händen hielt. Mehr Waffen als sonst etwas, ein paar Notenbündel, ein paar Münzen und dann … ganz hinten lagen auf einem Regal Säcke mit einer weißen Substanz. Ein Schild hing daran und als Kie näherkam, konnte er die Beschriftung 'Chloralhydrat' entziffern.
Zwei Minuten später sperrte er die Asservatenkammer wieder hinter sich zu, hängte den Schlüssel zurück ans Schlüsselbrett und schlich zum Ausgang. Der Beamte schlief noch immer, aber in dem Moment, in dem Kie die Tür fast erreicht hatte, hörte er von draußen Stimmen.
Und dann klingelte das Telefon in seinem Rucksack.
Ruckartig schoss der Beamte aus seiner schlafenden Position hoch und sah sich verwirrt um. Kie riss hastig die Tür auf, stolperte nach draußen und stieß mit jemandem zusammen. „Oh, Verzeih-"
„Das ist doch-"
„LAUF!"
Die beiden Polizisten brachen zusammen, beide mit einer blutenden Nase, und Kanda und Kie gaben Fersengeld. Als der Exorzist einen Blick über die Schulter zurück warf, sah er den Dienststellenleiter gerade einem seiner Leute auf die Füße helfen. Anscheinend hatte er nicht vor, sie verfolgen zu lassen – ihr Glück. Seine Sympathie hatte sich bis zum Schluss mehr als einmal bezahlt gemacht.
Sie rannten trotzdem weiter und machten erst Halt, als sie ausgerechnet vor der kleinen Kirche angekommen waren, die ihren Treffpunkt markiert hatte.
„Hier", keuchte Kie. „Dein Schwert." Er hielt Kanda Mugen hin und ließ sich völlig außer Atem auf die steinerne Mauer fallen. Pause gab es aber keine für ihn, denn wieder klingelte das Telefon. Seufzend stellte der Finder den Kasten ab und nahm ab.
„Hier ist Johnny, wieso gehst du denn nicht ran?", drang es aus dem Hörer. „Ich versuche dich seit Stunden zu erreichen! Wir haben Komui gefang- äh, gefunden und er hat alles für Kandas Freilassung in die Wege geleitet!"
„Danke, Johnny", antwortete Kie erschöpft, „aber das ist jetzt nicht mehr nötig. Allerdings … könntet ihr dafür sorgen, dass die Anklagen gegen ihn fallen gelassen werden?"
oOo
Der 28. Dezember 1895 galt als die offizielle Geburtsstunde des Mediums Film.
In diesem Zusammenhang konnte man den Begriff 'Filmriss', den Jinai eben kennengelernt hatte, also durchaus verwenden.
Sie wachte auf mit einem abgestandenen Geschmack im Mund und einem pelzigen Gefühl auf der Zunge. Verwirrt sah sie sich um. Über die Landschaft, in deren Mitte sie saß, hatte sich inzwischen der Schleier der Nacht gesenkt, aber im Osten schimmerte bereits schwach das Licht der Sonne durch die Schwärze der Nacht. Es musste ziemlich viel Zeit vergangen sein.
Sie wusste noch, dass sie sich neben den sterblichen Überresten des Bauern hingesetzt hatte, für ihn gebetet hatte nach Art ihrer Welt, ihn um Verzeihung gebeten hatte, weil sie es verabsäumt hatte, ihm zu helfen, viel zu beschäftigt mit sich selbst gewesen war, und dann … war sie vor Erschöpfung wohl doch noch eingeschlafen. Mitten auf dem freien Feld, ohne daran zu denken, wie weit sie noch fliegen musste. Die Küste war noch nicht einmal in Sicht.
Der Schlaf hatte ihr aber nicht wirkliche Erholung gebracht. Sie fühlte sich wie gerädert und nicht im geringsten ausgeschlafen. Ihr tat jeder Muskel und Knochen im Körper weh, was allerdings sicher auch auf die Prügel zurückzuführen war, die sie vorher bezogen hatte.
Bevor sie sich wieder aufmachte, weiterzufliegen, sah Jinai sich um. Weit und breit niemand zu sehen, aber trotzdem richtete sie sich mit zittrigen Knien auf und stiefelte durch die trockene Erde auf ein Feld zu, das mit Baumreihen bepflanzt war. Erst dort streifte sie steif und mit zusammengebissenen Zähnen die Jacke ihrer Uniform ab und knöpfte das Hemd auf, das sie darunter trug. Auf Missionen trug sie nie ihre eigenen Sachen, sondern die Sachen, die vom Orden für sie persönlich hergestellt wurden. Mit ihren Flügeln war das ein wenig komplizierter geworden, weswegen in die Sachen, die sie jetzt trug, auf dem Rücken ein Reißverschluss eingearbeitet war, der sich öffnete, wenn sie ihr Innocence aktivierte. Wie genau das funktionierte, hatte man ihr zu erklären versucht, aber – verstanden hatte sie es nicht. Nur dass das Metall wohl auf die Spannungen reagierte, die die Aktivierung verursachte. Oder so.
Ihr Oberkörper war ein einziger blauer Fleck.
Verfärbte Blutergüsse auf ihren Armen, den Schultern, dem Bauch und wahrscheinlich auch auf ihrem Rücken. Sie überdeckten teilweise sogar die Narbe auf ihrer Brust. Mit den Fingerspitzen tastete sie ihre Rippen ab, um zu sehen, ob eine davon gebrochen hatte, aber zumindest in dieser Hinsicht hatte sie Glück: Es tat zwar weh, aber das lag an den Hämatomen und nicht daran, dass eine der Rippen beschädigt worden wäre. Das Akuma hatte auch auf ihre Beine eingetreten und sie nahm an, dass diese ähnlich bunt aussahen.
Müde strich Jinai sich übers Gesicht und holte dann zischend Luft. Also hatten auch die Schläge ins Gesicht ihre Spuren hinterlassen. Nun vorsichtiger geworden betastete sie ihr Gesicht ebenfalls nur mit den Fingerspitzen und entdeckte neben vieler Schmerzquellen auch Blut in ihrem Mundwinkel, eine aufgeplatzte Unterlippe und Abschürfungen rund um ihre Augen und auf ihren Lidern. Wenn sie daran dachte, wie das Akuma versucht hatte, ihr die Augenlider abzuziehen, wurde ihr übel.
Ob der Versuch, die Erinnerung an das Gesicht auszulöschen, das das Akuma getragen hatte, funktioniert hatte, konnte sie noch nicht sagen. Während Jinai das Hemd wieder zuknöpfte, versuchte sie es zu ergründen, kam aber zu dem Schluss, dass sie das jetzt noch nicht wusste. Sie wollte Kanda unvoreingenommen gegenüber treten, ohne dabei daran denken zu müssen, was dieses Akuma mit ihr gemacht hatte. Es musste funktionieren – sie war so kurz davor, ihn wiederzusehen.
Wie weit war es wohl noch zur Küste? Genau wusste es Jinai nicht, zog jetzt aber wieder die Karte zurate. Sie musste wieder die Zähne zusammenbeißen, als sie sie aus dem Stiefel zog, und breitete sie dann auf dem Boden aus. Allerdings half ihr die Karte nicht viel, denn sie wusste weder, wo sie war, noch gab ihre Umgebung Aufschluss darüber. Sie sah nur Felder und Obstbäume.
Die letzte große Stadt, die sie überflogen hatte, war Córdoba gewesen. Danach waren mehrere kleine Städte gefolgt, aber sie war nicht besonders lang geflogen seit Córdoba. Wenn sie mit dem Finger nach Süd-Süd-West fuhr, … waren es vielleicht siebzig oder achtzig Meilen. Sie war schon so weit geflogen – das würde sie auch noch schaffen.
Jinai packte die Karte wieder weg und stand auf. Sie hatte ja nicht mehr weit zu fliegen. Siebzig oder achtzig Meilen, das war doch nur ein Katzensprung für ihre Flügel. Und sie war ja inzwischen auch ausgeschlafen … mehr oder weniger. An ihre Prellungen dachte sie lieber nicht, als sie die Flügel spannte und gegen den Wind abhob. Sie suchte sich mit zusammengebissenen Flügeln eine günstige Luftströmung und machte sich wieder auf den Weg Richtung Gibraltar. Obwohl jeder Muskel und jeder Knochen in ihrem Körper wehtat, flossen die Meilen an ihr vorbei wie Wasser in einem Fluss und bald konnte sie inder Ferne das Meer sehen.
Das Meer. Sie hatte es seit China nicht mehr gesehen, hatte ihm mit dem Betreten von Japan den Rücken gekehrt. Es besaß die gleiche endlose Weite wie die Hochebenen von Seaiathan und machte sie jedes Mal wehmütig. Unwillkürlich beschleunigte sie ihren Flügelschlag noch ein bisschen mehr.
Für Gibraltar selbst hatte sie kaum einen Blick übrig. Sie war viel zu spät dran und wäre jede Wette eingegangen, dass Kanda schon längst auf dem Weg nach Mostaganem war. Es war ja noch nicht einmal Vormittag und Jinai schätzte, dass das Schiff, das er nehmen würde, etwas länger brauchen würde, um die knapp zweihundertsiebzig Seemeilen zurückzulegen. Die Fähre würde vielleicht fünfzehn Knoten machen, mehr aber auch nicht. Damit wäre Kanda, wenn er die Wartezeit noch über die Nacht ausgedehnt und heute Morgen abgelegt hätte, bereits mitten auf offener See.
Hoffentlich kam sie wirklich nicht zu spät.
Als ob sie dadurch noch schneller fliegen könne, streckte sich Jinai noch ein wenig mehr. Sie überflog Gibraltar in geringerer Höhe als bisher, auch wenn sie sich wahrscheinlich keine Illusionen machen musste, aus dieser Höhe den Japaner finden zu können, der höchstwahrscheinlich sowieso nicht mehr da war.
Und dann war sie über dem offenen Meer und flog die Route der Fähren nach Südosten ab. Wo sollte sie nach Kanda suchen? Es waren so viele.
Vielleicht sollte sie mit dem Fährboot anfangen, das von Akuma unter Beschuss genommen wurde.
Jinai: Öhm ... hab ich doch gut gemacht, oder?
Raffael: Ja, hast du gut gemacht, kekschen.
Jinai *kreisch**versteck* Sag dieses Wort nicht.
Raffael: Höhö, alles eine Frage der Erzieh- *niedergeschlagen werd*
Jinai: *schnief* Angst kann einem unglaubliche Kräfte verleihen. Hab ich von Jinai gelernt :P
moah, ich muss ja noch das neue chap on stellen ... ich hab keine lust, reviews zu beantworten .
