8. Kapitel
Draco sackte in sich zusammen. Fest presste er seine Handballen auf seine Augen. Er hasste das alles! Er wollte doch nur seine Ruhe. Er tat niemanden etwas – schon lange nicht mehr. Warum konnte er dann nicht eine Nacht durchschlafen?
Er war mit Crabbe und Goyle auf dem abendlichen Rundgang durch das Schloss gewesen. Es war kurz vor dem Zapfenstreich gewesen, der in diesem Jahr von 22 Uhr auf 19 Uhr zurückgesetzt worden war. Crabbe und Goyle machte es Spaß kurz nach 19 Uhr noch die letzten Nachzügler abzufangen.
Draco war das alles egal. Er verbrachte die Wochenenden zurzeit im Haus seiner Eltern und die Ereignisse dort ließen das gesamte Schulgeschehen lächerlich wirken.
In einem dunklen Gang, der von der Bibliothek zum Hufflepuff-Bereich führte, trafen sie dann auf zwei Mädchen. Beide waren hübsch und sahen vollkommen verängstigt aus, als sie die drei Jungen plötzlich vor sich sahen.
Seit Beginn des Schuljahres mussten alle Schüler einen Anstecker tragen. Es war eine kleine Phiole, in die jeder Schüler einen Tropfen seines Blutes hatte hineintropfen lassen müssen. Die Flüssigkeit im Inneren der Phiole färbte sich, sobald das Blut hinzukam je nach Blutstatus.
Das eine Mädchen hatte eine strahlend weiße Phiole, die der anderen war dunkelsandfarben. „Schau einer an! Miss Greengrass und Miss Schlammblut!" Crabbe grölte durch den Gang. Draco sah gelangweilt auf die zwei Mädchen.
Das Schlammblut war dunkelhaarig. Mit großen Rehaugen. Sehr hübsch. Die andere hatte blondes Haar, ansonsten war sie eher unscheinbar. Als er aber nun genauer hinsah, sah er ihre erstaunlichen Augen. Ein ungewöhnliches Blau, wie Kornblumen. Das musste diese Greengrass sein. Sie sah ihrer Schwester Daphne nicht sehr ähnlich. Er hatte einige der Jungs über sie reden hören. Und wenn Daphne etwas über sie erzählte, war es immer abfällig. Sie war eine Hufflepuff – das sagte ja schon alles!
Goyle näherte sich Greengrass. „Na, meine Schöne! Nun sind wir aber in Schwierigkeiten, nicht wahr?" Er strich mit seinen Wurstfingern über ihre Wange. Sie zuckte zurück. Goyle grinste sie anzüglich an. „Aber wir wollen mal nicht so sein. Wenn ihr ein wenig nett zu uns seid, dann drücken wir gerne beide Augen zu – nicht, Vince?"
Draco sah die Angst in den blauen Augen. Betreten sah er zu Boden. Dabei strich sein Blick über die strahlend weiße Phiole. „Sie ist reinblütig!"
Crabbe und Goyle starrten ihn an. Sie kapierten es nicht. „Lasst sie in Frieden. Sie ist eine von uns und wir wollen doch auch keine beschädigte Ware in der Hochzeitsnacht vorfinden!"
Nach einem Moment begriffen die zwei Gorillas, wovon er sprach. Sie begannen dümmlich zu lachen. „Beschädigte Ware!" Goyle schien es sehr witzig zu finden.
Crabbe, der vor dem anderen Mädchen stand, wandte sich wieder ihr zu. „Aber die hier können wie ein wenig 'beschädigen' – die ist nur ein wässriges Schlammblut!" Damit grapschte er plump nach der Brust des Mädchens.
Entsetzt wich sie bis zur Wand zurück, aber Crabbe folgte ihr. Drückte sie mit seinem klobigen Körper an die Steinmauer. Sie versuchte Crabbe wegzuschieben, aber das würde ihr nicht gelingen. Crabbe begann, sie schlabbrig zu küssen. Draco konnte nur noch sehen, wie die Haare des Mädchens sich wild bewegten. Scheinbar versuchte sie sich wegzudrehen.
Das andere Mädchen gab einen Laut von sich. Es klang nach einem erstickten Schrei. Goyle war erstaunlich schnell und schnappte sich ihren Zauberstab, den sie bereits in der Hand hielt.
„Nana, meine Süße – wir wollen doch nicht stören, wenn große Jungs spielen!" Dann sah Goyle sie von oben bis unten an. „Weißt du, vielleicht kann ich mit meinem Eltern reden und dann landest du in meinem Bett in deiner Hochzeitsnacht." Sie starrte ihn schockiert an. Draco konnte sehen, dass sie lieber sterben würde, als auch nur mit Goyle freiwillig zu reden.
„Vielleicht können wir ja doch ein wenig üben. Ohne die Ware zu beschädigen!" Er fuhr mit einer Hand in die langen blonden Haare und in den Nacken des Mädchens. Ihr Hals sah so zerbrechlich in der riesigen Hand aus. Goyle könnte sie leicht töten.
Er sah wie sie versuchte sich gegen den Druck der Hand zu wehren, aber trotzdem zog Goyle ihren Kopf immer näher.
Draco sah wie gebannt zu. Im Hintergrund hörte er Crabbe stöhnen und die schluchzenden Laute des anderen Mädchens. Kurz bevor Goyles Mund sich auf die Lippen des Mädchens pressen konnte, hallte eine kalte Stimme durch den Gang.
„Das ist widerliches Benehmen für Zauberer aus Slytherin!" Die drei Jungen fuhren herum. Snape stand im Gang. Sein eiskalter Blick glitt über die Szene. „Mister Crabbe, Mister Goyle entfernen sie sich von den ... Damen."
Crabbe und Goyle ließen von den Mädchen ab, als hätten sie sich verbrannt. Zittrig gesellten sie sich zu Draco.
„Miss Elvers richten sie ihre Kleidung! Sie und Miss Greengrass erhalten von mir jeden Abend Strafarbeiten für die nächsten zwei Wochen für ungebührliches Verhalten in der Öffentlichkeit. Und nun gehen sie mir aus den Augen!"
Die zwei Mädchen rannten aus dem Gang. Der eisige Blick von Snape fiel nun auf die Jungen.
„Das war ein unverzeihliches Benehmen für reinblütige Zauberer! Wir wälzen uns nicht wollüstig in Gängen mit fragwürdigen Mädchen herum! Sie sind eine Schande! Ich werde noch einmal darüber hinwegsehen, aber sollte ich sie noch einmal dabei ertappen, dass sie sich mit unwürdigen Weibern abgeben, dann erhalten sie von mir eine Strafe, dagegen erscheint alles was die Carrows austeilen ein Spaziergang! Und nun gehen sie in ihre Schlafräume!"
Crabbe und Goyle waren genauso schnell verschwunden wie die Mädchen. Draco lief langsamer hinterher. „Draco!" Er drehte sich zu seinem Patenonkel um. Die zwei anderen waren schon längst verschwunden.
„Ich bin sehr enttäuscht. So ein Verhalten hätte ich von dir nicht erwartet." Draco öffnete den Mund, um zu erklären, dass er eigentlich nichts gemacht hatte. Schloss ihn dann aber wieder und nickte. Dann drehte er sich um und lief seinen Freunden hinterher.
ooo
Astoria saß an ihrem Schreibtisch. Der Tag war anstrengend gewesen. Malfoy war anstrengend. Und jetzt brach ihre eigene Vergangenheit über sie her. Nicht, dass sie sich bisher viel Mühe mit der Bewältigung gegeben hätte. Verdrängung war ihrer Meinung nach erfolgreicher. Oder auch nicht – denn jetzt stand ihr alles wieder vor Augen.
Sie befand sich wieder in dem finsteren Gang und sah das aufgeschwollene Gesicht von Vincent Goyle auf sich zukommen, hörte Kathryns Schluchzen wieder.
Sie wollte sich nicht ausdenken, was passiert wäre, wenn Snape nicht aufgetaucht wäre. Sie waren direkt in ihren Schlafraum gerannt. Sie hatten die Nacht aneinander geklammert in einem Bett geschlafen.
Letztendlich war nicht viel passiert. Crabbe war nicht soweit gekommen. Aber danach waren sie nur noch in großen Gruppen durch die Gänge gelaufen, auch bei Tag.
Drei Wochen später hatte Neville Longbottom Kathryn aus der Schule geschmuggelt. Sie war in den Untergrund gegangen. Ihr Blutstatus war immer mehr zum Problem geworden. Die Carrows hatten Kathryn in ihrem Jahrgang herausgesucht, um ein Exempel zu statuieren. Für jede falsche, richtige oder nicht gegebene Antwort war sie unter den Cruciatus-Fluch gestellt worden.
Astoria hatte Kathryn nie wieder gesehen. Keiner wusste so genau, was mit ihr passiert war. Man wusste, dass sie mit zwei weiteren Mädchen untergetaucht war. Über den Orden des Phoenix hatte man für sie eine Möglichkeit gefunden, sie mit einer Muggelfähre auf den Kontinent zu bringen.
Sie war nicht am verabredeten Treffpunkt aufgetaucht. Auch keines der anderen Mädchen. Man hatte aber auch keine Leichen gefunden. Trotzdem hatte Astoria keine Hoffnung mehr.
Und dann fragte Malfoy sie ernsthaft, was für ein Problem sie mit ihm hatte. Das war unglaublich. Sie konnte das alles nicht! Aber das hatte sie ja alles schon durch. Granger würde sie nicht von dem Fall abziehen und sie konnte nicht kündigen.
