8) Eine Kussbremse und eine psychologische Polizeikontrolle
Nun kehren wir wieder zu den Guten Jungs zurück. Und wo landen wir da? In einem versteckten Winkel vom CIA-Forschungslabor, welcher entfernt an einen Riesenventilator erinnert. Dort knien sich Raven und Hank gegenüber, zwischen sich eine Ansammlung von allerlei medizinischem Kram: Spritzen, Stofftücher, und was sonst noch zu diesem Spaß dazugehört. Nanu, Kinder, ihr wollt doch in eurem Alter keine Arztspielchen mehr machen, hoffe ich! Aber es kann auch um etwas ganz Anderes gehen, lassen wir die voreiligen Schlüsse.
Hank: „Ich hab schon als Dreikäsehoch einen Eid darauf abgelegt, dass ich ein Heilmittel finden werde. Ich wäre verdammt gerne..."
Beide gleichzeitig: „Ein Normalo."
Falls es davor Eis gab, so ist dieses nun gebrochen, denn unser süßes Pärchen lacht gepflegt gemeinsam auf. Dann wird eine Runde gegrinst, und dann schüttet Raven bitteren Ernstes Hank ihr Herz aus.
Raven: „Charles hat nie richtig durchgeblickt, was das angeht. Er ist ja auch nicht blauer als Käpt´n Blaubär!"
Hank (verständnisinnig): „Und er hat nicht die Füße von King Kongs kleinem Bruder... Wir beide haben wirklich das Verliererlos gezogen."
Raven: „Aber dieses Serum, das du entwickelst, könnte unsere Gene umkrempeln und dem Versteckspiel ein Ende machen, oder? Wobei... mir ist nur meine Gestalt ein Dorn im Auge, meine Fähigkeiten mag ich. Könnte ich sie behalten?"
Hank: „Schwer zu sagen. Du willst permanent normal aussehen. Wenn deine Hauptfähigkeit aber doch die Gestaltwandlung ist, könnte das heißen, dass du sie dafür in die Tonne kloppen musst."
Raven: „Sei doch kein solcher Miesmacher. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Jag mir bitte dieses Zeug in die Blutbahn, sobald es fertig ist."
Hank: „Weißt du, dass dich das wie einen Drogenjunkie klingen lässt? Aber du hast ja recht, wir müssen zu diesem Mittel greifen, damit uns die Gesellschaft für schön hält. OK, ich werde es dir spritzen. Deiner Blutprobe gleich habe ich es überhaupt erst zu verdanken, dass die Heilung aus meinem verzweifelten Kopf in die Welt treten wird."
Raven (lächelt): „Diese Bitte von dir war richtig überraschend. Die meisten Kerle denken bei mir nicht ans Blut, sondern an andere Dinge. Ich habe Kurven wie eine Colaflasche, wurde mir gesagt. Aber Charles sieht mich immer noch als Kind."
Hank (wird rot): „Also ich finde dich auch total Zucker. Bitte sieh das mit dem Blut nicht als Fauxpas an! Ich will nur so sehr meine grässliche Gestalt normalisieren, und wenn das in deinen Genen steckt..."
Raven: „Das hast du wohl in die falsche Kehle bekommen. Es war für mich kein Fauxpas, sondern sehr erfrischend!"
Hank: „Und wieder spiele ich den Trottel vom Dienst! Man mag es drehen und wenden, wie man will: Ich habe deine Intimsphäre mit Affenfüßen getreten."
Raven: „Aber nein, Dummerchen. Und wenn du nochmal richtig reinspaziert kämst, hätte ich nichts dagegen."
Hank (in Gedanken): Was mir jetzt durch den Kopf geht, darf ich nicht aussprechen. Ist zu versaut.
Raven (rückt auf ihn zu und streckt den Arm aus): „Komm schon, spiel den Moskito."
Dabei ist es natürlich unumgänglich, dass Hank seiner Angebeteten eine Spritzennadel in die Vene sticht. Raven zuckt zusammen.
Hank (betroffen): „Oh nein! Hab ich dir Aua gemacht?!"
Raven: „Zieh einfach die Nadel raus und sei still..."
Sie kommt ihm noch etwas näher, etwas viel sogar, doch als wir uns schon fast an einem Kuss der Beiden zu erfreuen glauben... platzt Erik in ihre traute Zweisamkeit und lässt sie auseinanderfahren. Braucht jemand Riechsalz, weil es so plötzlich kam? Man muss eben aufhören, wenn es am Schönsten ist.
Erik: „Verliebt, verlobt, verheiratet... Und lass dir sagen, Mädel, dass du bei deinem Aussehen weder Schönheits-OPs noch Zaubermittelchen brauchst. Perfekter als perfekt gibt's nicht, verstehste?"
Dann schlendert Herr Lehnsherr davon und lässt hinter sich eine peinliche Stille entstehen. Da wollte wohl einer unbedingt die Kussbremse spielen...
Zu unserem Glück müssen wir uns nicht anhören, was daraufhin zwischen den beiden Turteltäubchen abgeht. Stattdessen machen wir einen Zeitsprung, der uns in die Nacht befördert. Die Nacht darauf, nehme ich mal stark an. Da ist ein gewisser Jemand, der unbehelligt ein Büro der CIA-Bude betritt, Schubladen durchsucht und fündig wird. Shaws Mappe! Sicher habt ihr erraten, wer der Kater ist, der da zu nachtschlafender Zeit solches Interesse an diesem Stapel Bürokratie zeigt. Erik natürlich. Er packt das Dokument ordentlich ein und will sich durch den Haupteingang aus dem Staub machen, unser einsamer Rächer. Doch die Mäusepolizei schläft nicht.
Charles (taucht aus dem Dunkel auf): „Halt, nicht so schnell!"
Erik (wirbelt zu ihm herum): „Ich weiß von nix und ich hab auch nix, blöder Bulle!... Ach, du bist´s."
Charles: „Schlechtes Gewissen, was? Das spricht für dich. Aber wenn du unter keinen Ärger machen verstehst, bei erster Gelegenheit wichtige Papiere zu mopsen, kann ich nicht wegschauen."
Erik: „Die Wahrheit tut weh, nicht wahr? Ich brauchte halt die Info über Doktor Frankenstein. Hauptsächlich deswegen hab ich mich an euch drangehängt."
Charles: „Das hab ich jetzt nicht gehört."
Erik: „Ich sagte, dass ich halt die Info über -"
Charles: „Nein. Irgendwas fehlt da noch. Nach deinen Maßstäben warst du selbst für diesen Tag verteufelt lange hier."
Erik: „Du bist mir unheimlich, Mann! Ich hab dir doch keinen Piep erzählt. Also was weißt du über mich?"
Charles: „Restlos alles."
Erik (baff): „Und danach glaubst du trotzdem, dass ich freiwillig länger hiergeblieben bin, obwohl Shaw irgendwo quicklebendig herumeiert?!"
Charles: „Natürlich. Ich bin sicher, dass du dich unbewusst in unserer Runde wohlfühlst und so langsam dein Schneckenhaus verlassen willst. Da ist noch Gutes in dir, ich konnte und kann es fühlen."
Erik (wendet sich zum Gehen): „Auch egal. Ich mag keine Gefühlsduseleien. Wenn dein Gedankenlesen zu so etwas führt, lass es bei mir bleiben. Schreib dir das hinter die Ohren!"
Charles: „Sorry, aber ich habe das alles wider Willen mitbekommen. Was Shaw mit dir gemacht hat, war wirklich harter Tobak. Ich werde dir zeigen, wie du dieses Trauma aufarbeiten kannst. Wie beide, na wie wär´s?"
Erik (blickt zurück): „Seh ich aus, als bräuchte ich einen Seelenklempner? Bis jetzt habe ich alles im Alleingang geschafft."
Charles: „Aber sicher doch. Gestern zum Beispiel hast du es – fast – geschafft, mit dem Wanst voller Salzwasser auf dem Meeresgrund zu landen. Da hast du meine Hilfe nicht abgeschlagen. Wenn du bei uns bleibst, starten wir ein Mammutprojekt, das sich gewaschen hat! Wenn du nicht willst, zieh Leine. Du bist frei. Ich verspreche dir, nichts in deinem Kopf zu drehen, was dich abbremsen würde."
Erik (in Gedanken): So eine Macht, und doch beschneidet er sie. Um meinetwillen. Was für eine Selbstkasteiung!
Charles (im Weggehen): „Shaw ist ein Schurke vor dem Herrn, aber er hat Freunde. Vielleicht solltest du dir bei Gelegenheit auch solche Leutchen zulegen."
Unser Metallbändiger bleibt nachdenklich zurück. In seinem Oberstübchen drehen sich sichtlich die Rädchen, ganz ohne telepathische Einflüsse.
Ein neuer Morgen bricht an, mit strahlendem Sonnenschein und grünem Rasen, auf dem sich schon erwähnter riesiger Golfball im Eierbecher erhebt. Wir dürfen ihn aus einem großen Fenster bewundern. Da geht es uns gerade wie Charles und dem vollschlanken Anzugträger. Und die Chancen stehen gut, dass jetzt endlich das Rätsel um dieses seltsame Objekt gelöst wird.
Vollschlanker Anzugträger: „Hank hat wirklich ein Händchen für schlaue Basteleien. Frag mich nicht, wie, aber er hat die Radaranlage dort draußen zu einem Transmitter umgebaut. Dieser gibt Gehirnwellen so richtig Power. Könnte also sein, dass deine telepathischen Fähigkeiten superstark werden. Wie abgemacht, stecken wir dich in die Maschine und sehen, was passiert. Vielleicht läuft alles wie am Schnürchen, und wir können weitere Mutanten für unser Team finden."
Charles: …
Erik (platzt rein, was langsam zur Gewohnheit wird): „Und wenn sie keinen Bock haben, gefunden zu werden?"
Charles (lächelt): „Erik, ich finde es erstklassig, dass du bleibst!"
Erik (lächelt zurück): „Wenn wir von Menschen entdeckt werden, sehen sie uns doch nur als Wilde mit Lendenschurz. Das kennt man ja. Deshalb machen Charles hier und ich den Job alleine, ohne die CIA-Käpsele."
Vollschlanker Anzugträger: „Kommt nicht in die Tüte, dass ihr euch dafür meine teure Maschine unter den Nagel reißt! Außerdem, und das ist noch wichtiger, hat Charles hier das letzte Wort. Er kann eine Mitwirkung der CIA nur begrüßen, gell?"
Professor X in spe und Magneto in spe wechseln einen langen Blick, und es ist, als würde es Klick machen. Alea iacta est. Es ist entschieden, das Menschlein ist ausgeschlossen. Nichts zu machen.
Charles: „Entschuldigen Sie bitte, aber ich bin von Eriks Idee mehr als angetan. Wir gehen auf einen Zwei-Mann-Trip, ganz ohne CIA-Eskorte."
Vollschlanker Anzugträger: „Und was, wenn ich mich querstelle?"
Charles (genervt): „Warum legt es alle Welt darauf an, meine Selbstdisziplin zu untergraben? Wenn das so weitergeht, breche ich eines schönen Tages meinen Kräftekodex... Na ja. Schließen Sie sich bis dahin einfach an Ihre heißgeliebte Maschine an und versuchen Sie, meinen Job zu tun. Für Risiken und Nebenwirkungen bin ich dann aber nicht verantwortlich."
Vollschlanker Anzugträger (eingeschüchtert): „Nein, nein! Dann macht doch, was ihr wollt. Hoffentlich springt mir mein Chef dafür nicht an die Gurgel..."
Charles und Erik: „So lasset denn die große Suche beginnen!"
Daraufhin wird diese Golfball-Maschine näher herangezoomt. Ganz klar, sie wird unser nächster Schauplatz! Dann drücken wir doch mal die Daumen, dass sich Charles beim Experiment gleich nicht zu blöd anstellt. Und natürlich, dass ihn diese Erfindung nicht in einen armen Irren verwandelt. Bei Hanks Machwerken weiß man ja nie, oder?
