Kapitel 7: Die Erbschaft
Als Harry am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich frisch und ausgeschlafen und so glücklich wie schon lange nicht mehr. Gestern hatte er den schönsten Geburtstag seines Lebens gehabt! Er hatte jede Menge Geschenke bekommen, aber viel wichtiger noch, es waren jede Menge Freunde zu seinem Geburtstag gekommen. Da Ron schon nicht mehr im Zimmer war, beeilte sich Harry mit dem Aufstehen.
Erstaunlicherweise war er wirklich der Letzte, der zum Frühstück kam.
„Na, endlich ausgeschlafen?" fragten ihn Hermine mit einem Lächeln.
"Das du länger als Ron schläfst, ist ja wirklich eine Seltenheit" bemerkte Ginny und lächelte ihn ebenfalls an. Harry rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Aber bevor er sich Gedanken darüber machen konnte, was das wieder zu bedeuten hatte, erregte eine große, schwarze Eule die Aufmerksamkeit aller am Tisch. Sie steuerte direkt auf Harry zu und landete vor ihm auf dem Tisch. Die Eule hielt ihm ihr Bein mit einem versiegelten Pergament hin und wedelte bedeutungsschwer mit einem Flügel. Nachdem Harry aus seiner Erstarrung erwacht war und das Pergament vom Bein der Eule gelöst hatte, verschwand sie so schnell wie sie gekommen war.
„Was ist das?" fragte Ron sofort.
„Keine Ahnung" sagte Harry und sah sich das Siegel an. Es war von Gringotts. Harry runzelte seine Stirn. Was wollte Gringotts von ihm? Da er es nicht herausfinden würde wenn er den Brief nicht las, brach er das Siegel, rollte das Pergament auseinander und begann zu lesen.
Sehr geehrter Mr. Potter,
hiermit teile ich Ihnen mit, dass die Testamentsvollstreckung Ihres Paten Sirius BLACK am 02. August stattfinden wird. Bitte kommen Sie um 10 Uhr in unseren Geschäftsräumen in London.
Da Sie ebenfalls in diesem Testament bedacht sind, ist Ihre Anwesenheit dringend erforderlich. Wenn es Ihnen am besagten Termin nicht möglich ist zu erscheinen, teilen Sie uns das bitte umgehend mit.
Die Gringotts Bank bedauert den Tod ihres Paten.
Hochachtungsvoll
Grupert Feerhan/ Nachlassverwalter
Harrys Gesichtsausdruck war bei jeder Zeile dunkler geworden, und nachdem er den Brief zu Ende gelesen hatte, bemerkte er, dass er Tränen in den Augen hatte. Schnell stand er auf und verschwand in Rons Zimmer. Er bemerkte nur nebenbei, wie er seine Freunde ratlos am Tisch sitzen ließ. Aber das war ihm egal. Er wollte allein sein. Schnell schloss er die Tür von Rons Zimmer und warf sich auf sein Bett. Endlich konnte er seinen Tränen freien Lauf lassen. Gerade war er noch der glücklichste Mensch gewesen, und jetzt wurde er wieder an den Tod seines Paten erinnert. Er hatte gedacht, dass er das schon Alles überwunden hatte. Aber wahrscheinlich war er wirklich nur abgelenkt gewesen. Sogar am Grimmauldplatz war er schon gewesen, ohne dass es ihn so getroffen hatte. Aber diese offizielle Todeserklärung hatte ihn hart getroffen. Er wollte nichts von Sirius erben, er wollte, dass er wieder bei ihm war.
Vorsichtig öffnete Ron die Tür zu seinem Zimmer. Harry drehte sich demonstrativ im Bett um. Er wollte jetzt nicht mit Ron reden.
„Harry, ist etwas passiert?" fragte Ron vorsichtig. Harry blieb reglos liegen. Aber Ron gab so schnell nicht auf. „Komm schon, mir kannst du es sagen." Wieder reagierte sein Freund nicht. Nach einer kleinen Pause versuchte Ron es wieder. „Von wem war denn der Brief? Mum, Ginny und Hermine machen sich schon Sorgen um dich." Endlich drehte sich Harry um und sah Ron an. Dieser blickte erschrocken zurück. Harry hatte rotgeweinte Augen, die das ansonsten grüne Leuchten verloren hatten. Wortlos warf er Ron den Brief zu, welchen er verkrampft in seiner Hand gehalten hatte. Ron wurde von Zeile zu Zeile blasser. Bevor er etwas sagen konnte, unterbrach ihn Harry. „Bitte lass mich allein. Ich kann jetzt nicht runter gehen." Dabei sah er Ron bittend an. Widerstrebend erhob er sich und verließ sein Zimmer, in dem sich Harry wieder auf dem Bett umdrehte.
Harry wusste nicht, wie lange er so dagelegen und die Wand angestarrt hatte. Als er sich wieder umdrehte sah er, wie Hedwig auf der Bettkante saß. Harry streichelte seiner Eule durch die Federn. Irgendwie war Hedwig immer da, wenn er sie brauchte. Nach ein paar Minuten stellte er fest, dass Hedwig einen Brief für ihn hatte. Langsam öffnete er den Brief. Noch so einen Schock könnte er heute nicht mehr ertragen. Aber seine Sorgen waren unbegründet, da er die Handschrift Dumbledores erkannte.
Lieber Harry,
ich hoffe, dass dich der Brief von Gringotts nicht zu sehr mitgenommen hat. Remus wird dich morgen um 8 Uhr abholen und dann mit dir in die Winkelgasse kommen. Ich werde auch bei der Testamentseröffnung dabei sein.
Dumbledore
Wenigstens musste er morgen nicht allein dorthin. Das könnte er nicht ertragen. Und Remus war für ihn mittlerweile ein richtiger Freund geworden. Und Dumbledore war sein Schulleiter, den er früher so gerne gemocht hatte. Er hatte sich wirklich geärgert, dass er ihm nicht alles erzählt hatte. Aber mittlerweile konnte er nicht mehr auf Dumbledore wütend sein. Dafür mochte er ihn viel zu gerne.
Ohne darüber nach zudenken, nahm Harry ein Buch aus seinem Koffer und begann zu lesen. Er kam zwar nicht so schnell voran wie sonst, aber wenigstens musste er so nicht über den morgigen Tag nachdenken.
Remus kam wie angekündigt um 8 Uhr, um Harry abzuholen. Glücklicherweise waren weder Ron noch Hermine um diese Uhrzeit schon wach, nur Ginny saß mit ihnen am Frühstückstisch. Sie sah Harry besorgt an und konnte sich nur mit Mühe ein Gespräch mit ihm verkneifen, wofür Harry sehr dankbar war. Er wusste nicht, ob er überhaupt fähig war ein Gespräch zu führen. Praktischerweise hielt sich Lupin nicht lange bei der Begrüßung von Mrs. Weasley, auf und sie verschwanden einen Moment später durch den Kamin.
Harry, der zuerst im tropfenden Kessel gelandet war, klopfte sich den Staub von seinem Umhang, bevor auch Remus eintraf.
„Hast du schon etwas gefrühstückt?" fragte er Harry
„Nein."
„Das hatte ich mir gedacht. Wie wäre es, wenn wir noch etwas essen? Immerhin haben wir fast noch zwei Stunden Zeit."
„Warum sind wir so früh aufgebrochen?" fragte Harry etwas genervt.
„Man weiß nie, ob alle Kamine auch funktionieren. Und die Kobolde sollte man wirklich nicht warten lassen, wenn es um so wichtige Sachen geht."
Währenddessen hatte Remus schon für beide ein Frühstück bestellt, indem nun Harry lustlos herumstocherte. Remus wollte schon etwas dazu sagen, als er es sich doch anders überlegte. Stattdessen trank er seinen Kaffee aus, bezahlte bei Tom das Essen und machte sich mit Harry auf den Weg in die Winkelgasse.
An jedem anderen Tag wäre Harry begeistert in jeden zweiten Laden gelaufen und erst mit Unmengen von Gegenständen wieder herausgekommen. Aber heute war das anders. Zwar hatte die Winkelgasse nichts von ihrem Charme verloren, aber Harry war heute nicht in Stimmung, um sich ablenken zu lassen.
Nur bei Flourish & Blotts wurde er schwach, und da sie noch genug Zeit hatten, betraten sie den Buchladen. Zwar kannte Harry diesen Laden von seinen Einkäufen zu Schuljahresbeginn, trotzdem war er beeindruckt von den Mengen an Büchern. Da er keine genaue Idee hatte welches Buch er kaufen wollte, schlenderte er die Buchreihen entlang. Ein Buch in der 3. Reihe erweckte seine Aufmerksamkeit. Als er nahe genug gekommen war konnte er den Buchtitel lesen. Apparieren leicht gemacht, so schaffen Sie ihren Apparationstest. Harry blätterte durch ein paar Seiten und war sich sofort sicher dieses Buch kaufen zu wollen. Also machte er sich auf den Weg zu einem Verkäufer. Als er einen gefunden hatte brachte dieser ihm das gewünschte Buch.
"Darf ich fragen wie alt Sie sind?" fragte der Verkäufer interessiert
"16" antwortete Harry
"Wirklich?" Der Verkäufer sah ihn etwas ungläubig an. Glücklicherweise kam gerade in diesem Moment Remus um die Ecke eines Buchregals.
"Das kann ich bestätigen" sagte er.
"Gut. Tut mir leid das ich Sie damit aufgehalten habe, aber wir haben unsere Auflagen vom Ministerium. Und da erst Erwachsenen den Test machen dürfen, können wir das Buch erst an 16 jährige verkaufen. Alles natürlich aus Sicherheitsgründen." Harry bezahlte sein Buch und machte sich dann mit Remus auf den Weg aus dem Buchladen.
"Wieso hast du dir ein Buch gekauft über Apparieren?" fragte Remus neugierig. "Du kannst die Prüfung doch erst in einem Jahr machen und außerdem denke ich nicht das du Probleme damit hast."
"Ich bin einfach an der Theorie interessiert und wollte alles schon mal theoretisch vorarbeiten, damit auch alles klappt bei der Prüfung" schwindelte Harry. Natürlich war er nicht nur an der Theorie interessiert, sondern wollte unbedingt schon das Apparieren lernen. Aber das musste ja Remus nicht unbedingt wissen. Wahrscheinlich würde er es ihm sowieso verbieten.
Remus schien zwar nicht ganz überzeugt zu sein sagte aber nichts mehr dazu, so dass sie schnell bei Gringotts ankamen. Da sie noch ein bisschen Zeit hatten, lies sich Harry zu seinem Verlies fahren um seinen fast leeren Geldbeutel wieder aufzufüllen.
Als er wieder zurück war, war es schon 5 vor 10 Uhr. Remus erkundigte sich bei einem der Kobolde wo sie hin mussten und dieser führte sich durch eine Tür in einen Besprechungsraum.
"Setzen Sie sich doch bitte" sagte er höflich "ich werde den zuständigen Mitarbeiter holen." Damit verschwand er und lies die beiden zurück. Harry fühlte sich von Minute zu Minute immer schlechter. Als er schon aufstehen wollte öffnete sich die Tür durch welche sie herein gekommen waren und Dumbledore erschien mit einem anderen Zauberer.
"Hallo Remus" sagte Dumbledore und begrüßte ihn. Anschließend ging er zu Harry und begrüßte ihn ebenfalls.
"Darf ich euch Herrn Mr. Feerhan vorstellen" sagte er anschließend und deutete auf den anderen Zauberer „er ist der Nachlassverwalter von Sirius."
Glücklicherweise forderte Sie Mr. Feerhan gleich auf sich zu setzten, bevor es Harry schwindelig werden konnte. Der Nachlassverwalter öffnete eine Mappe mit einigen Pergamenten darin. Dann sah er auf und begann zu sprechen.
„Es tut mir Leid, dass ich Ihnen schon heute dieses Testament vorlesen muss, da es mir lieber gewesen wäre wenn es noch einige Jahrzehnte gedauert hätte. Ich wollte ihnen zuerst mein Beileid aussprechen." Er sah alle drei aufmerksam an. Harrys Magen fühlte sich mittlerweile so an als ob er Steine gegessen hätte.
„Ich werde Ihnen nun das Testament von Sirius Black verlesen, von dem Sie natürlich jeder eine Abschrift bekommen werden." Damit nahm er das erste Pergament aus seiner Mappe und begann zu lesen.
„Testament von Sirius Black erstellt am 21.08.1978, geändert am 11.10.1997
Hiermit erkläre ich, Sirius Black, in Vollbesitz meiner geistigen Kräfte meinen letzten Willen.
1.) Das Haus der Blacks am Grimmauldplatz mit allem Inventar geht an Mr. Harry Potter
2.) Mein Vermögen soll wie folgt verteilt werden:
2/3 des Vermögens sowie die persönlichen Gegenstände in meinem Gringott-Verlies
gehen an Mr. Harry Potter
1/6 des Vermögens geht an Mr. Remus Lupin
1/6 geht an den Phönix Orden für den Kampf gegen Voldemort
3.) Sollte Mr. Harry Potter bei der Testamentsvollstreckung noch nicht volljährig sein, soll
sein Anteil von Mr. Remus Lupin kommissarisch bis zu seiner Volljährigkeit und in Harry
Potters Sinn verwaltet werden.
4.) Sollte Mr. Harry Potter nicht mehr leben, so geht je die Hälfte des Vermögens an den
Phönix Orden und an Mr. Remus Lupin. Die persönlichen Gegenstände gehen an Mr.
Remus Lupin und das Haus an den Phönix Orden.
5.) Sollte Mr. Remus Lupin nicht mehr leben geht sein Anteil ebenfalls an den Phoenix
Orden.
6.) Sollte Mr. Remus Lupin nicht wie in Punkt 3 dargelegt das Geld und Haus kommissarisch
verwalten können, so soll Professor Dumbledore dies übernehmen.
Gezeichnet Sirius Black/ Testaments-Inhaber
Gezeichnet i.A. Rupert Feerhan/ Testamentsverwalter (Gringotts)"
Der Testamentsverwalter sah nun wieder von seinem Pergament auf. Nachdem er jedem der Anwesenden eine Abschrift überreicht hatte, begann er die weiteren Pergamente hervor zu ziehen.
„Das hier sind die Besitzurkunde von dem Haus der Blacks und der Schlüssel für das Gringott-Verlies von Sirius Black. Die Beträge für den Orden des Phönix und für Sie Mr. Lupin werden nach der Unterzeichnung des Testaments sofort an sie überwiesen. Dürfte ich sie alle bitten hier das Testament zu unterschreiben." Dumbledore stand als erster auf und unterschrieb. Danach setzte Remus seine Unterschrift auf das Pergament. Mittlerweile war Harry schon leicht grün im Gesicht geworden und konnte nur mit Mühe das Frühstück im Bauch behalten. Als er unterschreiben wollte, zitterte seine Hand so stark, der er noch mal Luft holen musste bevor er etwas wackelig unterschreiben konnte. Nachdem er fertig war, legte ihm Dumbledore seine Hand auf die Schulter. Remus erhielt die Unterlagen für das Haus und die Schlüssel zum Gringotts Verlies und dann waren sie auch schon entlassen. Alles Weitere schien für Harry nur noch nebelhaft abzulaufen. Er bemerkte kaum wie sich Dumbledore verabschiedete und ihm versprach bald nach ihm zu sehen und bemerkte auch nur nebenbei wie er von Remus zum Kamin in den Tropfenden Kessel geführt wurde.
Als sie im Fuchsbau ankamen ging Harry auf dem schnellsten Weg in Rons Zimmer wo er sich ins Bett fallen lies. Hier konnte er seinen Tränen freien Lauf lassen. Die Testamentsvollstreckung hatte alle Wunden wieder aufgerissen und er fühlte sich so schlecht wie zu Beginn der Sommerferien. Es war die gleiche Trauer und Verzweiflung. Sirius war für immer von ihm gegangen. Er konnte ihm nie mehr helfen.
Keiner der Weasleys, auch nicht Hermine, hatte es gewagt ihn anzusprechen. Stattdessen berichtete Remus von der Testamentsvollstreckung und er bat alle Harry alles in Ruhe verarbeiten zu lassen. Alle nickten geknickt mit den Köpfen und Remus verschwand zum Grimmauldplatz.
