„Guten Abend, Mr. Wesker. Lord Spencer führt im Moment noch ein Gespräch, aber er wird Sie bald empfangen."

Die Sekretärin am Empfang deutete auf die große Doppeltür vor ihm, die, wie Wesker wusste, zu einem großen Konferenzraum und Spencers Büro führte. Normalerweise trafen sich hier nur Umbrellas Vorstände zu wichtigen Besprechungen. Wesker fragte sich, was Spencer wohl veranlasst hatte, ihn hierher zu bestellen.

Er wartete vielleicht ein paar Minuten im Vorraum, als die Tür aufschwang und eine große, schlanke Person heraustrat. Wesker hätte sich vermutlich gar nicht für die Frau interessiert, wenn es nicht Sheila Yamamoto gewesen wäre.

Als sie ihn erkannte, hielt sie inne und lächelte ihn an.

„Hi, Albert. Wir haben uns lange nicht gesehen. Wie geht es dir?"

„Sehr gut, ich kann mich nicht beklagen", antwortete Wesker ruhig, obwohl es innerlich in ihm kochte. Er war ihr die letzten Monate seit dem Vorfall auf dem Schießstand so weit möglich aus dem Weg gegangen. Sie jetzt hier zu treffen, konnte nichts Gutes bedeuten. Warum sollte Spencer sie sehen wollen?

„Das ist schön zu hören", sagte Sheila und musterte ihn eingehend. Irgendetwas an ihrem verschmitzten Grinsen, gefiel Wesker überhaupt nicht. Sie wollte gerade noch etwas sagen, als er sie jedoch unterbrach.

„Wenn Sie mich entschuldigen würden."

Wesker schritt, ohne sie anzusehen oder noch ein weiteres Wort mit ihr zu wechseln, an ihr vorüber und betrat den Konferenzraum. Er schloss die Tür hinter sich.

Spencer trat aus seinem Büro und schritt langsam auf ihn zu. Er war ein großer, stattlicher, aber mittlerweile in die Jahre gekommener Mann. Sein Gesicht zeigte deutliche Spuren seines Alters und sein Haar war graumeliert. Er war in einen Anzug und Krawatte gekleidet. Sein Auftreten strahlte Strenge und Härte aus, Wesker jedoch ließ sich davon nicht beeindrucken.

Er hatte den einstigen Respekt, den er Spencer als junger Mann entgegengebracht hatte, längst abgelegt und wenn er den Umbrella-Gründer heute sah, empfand er nur noch Abneigung.

„Ich grüße dich, Albert", sagte Spencer gedehnt mit seinem britischen Akzent. „Ich freue mich, dich einmal wieder persönlich sehen zu können."

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Lord Spencer", gab Wesker zur Antwort. Er war froh, seine Sonnenbrille zu tragen, denn dann konnte sein Gegenüber die Verachtung, die in seinen Augen lag, nicht sehen.

„Du siehst gut aus. Und wie ich höre, ergeht es dir im Informationen Department gut."

Wesker nickte.

„Bitte, komm in mein Büro."

Wesker folgte Spencer in sein Büro. Es war schon dunkel und schwere Regentropfen trommelten gegen das Fenster. Der Raum war nur schwach durch eine Schreibtischlampe erleuchtet. Der Ältere bot ihm den Stuhl vor seinem Schreibtisch an, doch er lehnte höflich ab.

„Ich hatte dich ja um ein Gespräch gebeten. Ich habe dich hier her beordert, da im April eine Veranstaltung ansteht."

„Eine Veranstaltung, Lord Spencer?", fragte Wesker gespielt interessiert.

„In der Tat. Du weißt sicher um unsere langjährigen Geschäftskontakte mit den Chinesen."

„Ja."

„Das Bestehen unserer langen Freundschaft und Zusammenarbeit jährt sich jetzt zum zehnten Mal. Aus diesem Grund gibt Umbrella einen Empfang, ein Geschäftsessen. Wir werden Gäste aus China haben. Die Geschäftsleute reisen persönlich an. Als einer der Personen, die mir und Umbrella besonders nahe stehen, verlange ich deine Anwesenheit, Albert."

Wesker musterte Spencer. Er wollte nicht zu der Veranstaltung gehen und überlegte für einen kurzen Moment, ob er absagen sollte. Er hätte liebend gerne Spencers Gesicht gesehen, wenn er tatsächlich eine klare Forderung missachtet hätte. Er besann sich jedoch rechtzeitig und antwortete stattdessen:

„Natürlich, Lord Spencer. Ich werde da sein."

„Ausgezeichnet", sagte Spencer lächelnd. „Ich freue mich. William und seine Frau werden anwesend sein und ich habe es geschafft, einen alten Bekannten von dir zu überzeugen, ebenfalls zu kommen. Ich bin mir sicher, du wirst dich über das Wiedersehen freuen."

Spencer sprach nicht weiter, als würde Wesker wohl erst am Abend des Essens erfahren, wer die besagte Person, der alte Bekannte, war.

„Wann findet das Geschäftsessen statt und wo?"

„Du wirst noch eine offizielle Einladung erhalten", erklärte Spencer. „Darin wird alles mitgeteilt."

Wesker nickte. Er dachte, das Gespräch sei hiermit beendet, Spencer jedoch entließ ihn nicht.

„Ich würde dir gerne noch jemanden vorstellen, bevor du gehst."

Spencer deutete zur Seite und ein Mann trat aus der Dunkelheit, die ihn bisher verborgen hatte.

Er war groß und breitschultrig und hatte graues, langes Haar. Eine lange Narbe zog sich von oben nach unten durch sein Gesicht, wodurch er auf dem rechten Auge blind war. Er war in einem langen, blauen Mantel gekleidet und auf seiner Brust prangte ein Militärabzeichen.

„Darf ich vorstellen. Das ist Sergei Vladimir", erklärte Spencer.

Der Mann trat auf Wesker zu und streckte seine Hand aus. Wesker ergriff sie und schüttelte sie.

„Das ist einer meiner engsten Vertrauten, Albert Wesker", sagte Spencer.

„Sehr erfreut, Albert Wesker. Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus."

Vladimir hatte einen schweren, russischen Akzent, als er sprach.

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite", sagte Wesker.

„Albert ist seit jeher einer meiner engsten Vertrauten und Mitarbeiter. Er war in der biologischen Forschung tätig und ist seit kurzem im Information Department", erklärte Spencer. „Er ist einer meiner besten Leute."

Sergei nickte anerkennungsvoll, Wesker spürte jedoch, dass er eingehend begutachtet wurde. Eine gewisse Spannung hatte den Raum erfüllt.

„Vladimir steht seit letztem Jahr mit mir in Verbindung und seit Anfang des Jahres leitet er das UBCS, die Militärabteilung. Er hat langjährige Erfahrung als General. Er kam nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hierher und ich habe ihm eine Stelle gewährt."

„Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit", sagte der Russe.

„Ebenso", sagte Wesker.


Da Wesker nach dem Gespräch mit Spencer und seinem Zusammentreffen mit Sheila dringend eine Ablenkung seines Alltags im Information Department brauchte, entschloss er sich, den Birkins im Labor zu assistieren. Es war eine willkommene Abwechslung wieder einmal in die vertrauten Abläufe einzutauchen, aber er musste zugeben, dass er es nicht bereute, seine Forschertätigkeit vorübergehend aufgegeben zu haben.

William arbeitete gerade an einigen Proben und Wesker hatte sich bereit erklärt, ihm bei der Auswertung und Verarbeitung der Daten zu helfen.

Es war elf Uhr vorbei, als sie immer noch im Labor saßen. Annette war bereits nach Hause gefahren, um nach Sherry zu sehen. Sie hatten sich gerade neuen Kaffe eingeschenkt.

„Albert, irgendwas ist anders an dir", bemerkte William und musterte seinen alten Freund eingehend.

„Von was sprichst du?", fragte Wesker, während er auf seinem Laptop tippte.

„Keine Ahnung, aber ich finde, du bist anders als sonst."

„Frisur", sagte Wesker trocken und achtete nicht weiter auf seinen Kollegen, während er konzentriert ihre Forschungsdaten in eine Tabelle eintrug.

„Haha", gab William genervt zurück. „Wenn du mir weisgemacht hättest, dass du eine neue Sonnenbrille hast, hätte ich dir fast geglaubt, aber so ..."

Wesker hielt inne und das Klicken der Tastatur erstarb.

„William, was willst du?" Er versuchte ernst zu klingen, aber konnte seine Belustigung nicht verbergen.

„Genau, das meine ich", sagte Birkin und deutet auf Weskers Gesicht, auf dem sich ein seltenes Lächeln abzeichnete.

„Was?! William, ich will weiterarbeiten ... Du willst das doch noch heute Nacht fertigmachen."

„Albert, du bist so ... fröhlich und ausgelassen und du hast gute Laune. So kenne ich dich nicht. Und sonst hast du für Scherze gar nichts übrig. Was ist da? Annette und ich haben schon spekuliert, aber wir können es uns nicht recht erklären." Birkin grinste jetzt vielsagend. „Du verheimlichst was, oder?" Er stupste seinen Kollegen mit dem Ellbogen in die Seite.

Wesker seufzte und schloss den Deckel seines Computers, nachdem er seine Arbeit abgespeichert hatte.

„Gibt's da vielleicht jemanden? Sag schon!"

Nachdem Wesker nicht antwortete und nur verlegen nach unten sah und mit den Fingern auf dem Deckel des Laptops trommelte, trat ein triumphierender Ausdruck auf Williams Gesicht.

„Aha, erwischt! Ich wusste es doch!"

Wesker verdrehte die Augen. Er hasste es, wenn ihn andere Menschen und sei es William, den er seit vielen Jahren kannte, nach seinem Privatleben fragten. Er empfand dies als aufdringlich und als Eindringen in seinen persönlichen Raum und ging deshalb innerlich sofort in die Defensive.

„Erzähl mir alles", sagte Birkin und blickte ihn erwartungsvoll an. „Wer ist sie? Wie habt ihr euch kennengelernt? Wie lang seht ihr euch schon?"

„Will, wir haben jetzt keine Zeit für so was", meinte Wesker abwehrend, um das Thema zu wechseln. „Wir müssen ..." Er deutete auf eine Reihe von Petrischalen, in denen sich Proben zur Untersuchung befanden.

„Die schwimmen da in zehn Minuten auch noch", erwiderte William. „Jetzt erzähl schon. Weißt du, ich freu mich doch für dich. Weil man sieht, dass es dir gut tut. Also komm ..."

Wesker seufzte erneut, diesmal resignierend, und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

„OK. Ja, du hast Recht, es gibt da jemanden."

Er zögerte kurz. Er war selbst überrascht von sich und es beunruhigte ihn, aber es fühlte sich gut und richtig an, von Anna zu erzählen. Trotzdem war es ihm unangenehm, solche intimen Dinge von sich preiszugeben.

„Und? Wie heißt sie?"

„Ihr Name ist Anna. Anna Muller."

„Jaah", half William nach. „Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Anna, ja? Erzähl, wie ist sie so? Sie hat ja offensichtlich einen positiven Einfluss auf dich, wenn sie dich so fröhlich macht."

„Sie ist 22 und kommt aus Edonien."

„22, Al?" William grinste verschmitzt und musterte seinen Freund anerkennungsvoll. „Nicht schlecht. Aber nicht überraschend. Die jungen Dinger eben ..."

William spielte auf Weskers Gabe an, besonders junge Frauen um den Verstand zu bringen. Wesker ging nicht auf die Bemerkung ein. Er schüttelte den Kopf.

„Aus Edonien? Das ist doch ein kleiner Staat in Osteuropa, oder?"

Wesker nickte. „Sie ist seit ungefähr einem Jahr hier."

„Wie lange seht ihr euch schon?"

„Seit ca. vier Monaten. Richtig zusammen sind wir seit Januar."

„Vier Monate und du hast bisher nichts erzählt?", sagte William entrüstet. „Albert, warum sagst du nichts? Wie habt ihr euch kennengelernt?"

„Ich musste doch diesen Winter mal kurzfristig ins Hotel umsiedeln, weil es in meiner Wohnung doch den Schaden an den Rohren und der Heizung gab."

William nickte.

„Und dort haben wir uns getroffen. Wir waren einen Abend an der Bar und haben uns unterhalten."

„Sie war ein Gast dort?"

Es war naheliegend, dass William das schlussfolgerte, doch Wesker verneinte.

„Sie ist ... dort ein Zimmermädchen", sagte Wesker und er wurde von Williams Reaktion nicht enttäuscht. Er hatte schon damit gerechnet, dass sein alter Freund ihn komisch anschauen würde.

William musterte ihn für einen Moment ungläubig, als hätte er sich verhört.

„Ein Zimmermädchen? 22? Und aus Osteuropa?"

„Willst du damit was andeuten? Du hast doch hoffentlich keine Vorurteile gegenüber ausländischen Mitbürgern, oder?"

William verdrehte die Augen. „Albert, das ist erbärmlich. Nein, das wollte ich damit nicht ausdrücken. Ich meine nur, dass ihr ja dann doch ein ...", William suchte nach den richtigen Worten, "sehr ungleiches Paar seid."

Wesker antwortete nicht. Genau aus diesem Grund war es ihm unangenehm, über sein Beziehungsleben zu sprechen.

„Was glaubt sie denn, was du arbeitest?"

„Ich habe ihr gesagt, dass ich bei Umbrella als Forscher tätig war, aber seit einiger Zeit in der Verwaltung einen Bürojob habe. So falsch ist das nicht. Und sie schöpft keinen Verdacht, dass daran etwas nicht stimmen könnte. Ich erzähle ihr bestimmt nichts über die Arbeit."

Genau genommen erzählte ihr Wesker oft erfundene oder gelogenen Dinge, um seine Identität zu verschleiern. Mittlerweile hatte er schon ein schlechtes Gewissen deswegen.

„Und wie ist das sonst so mit euch beiden? Wie versteht ihr euch? Ich kenne dich ja ziemlich genau und weiß, dass du nicht einfach bist."

Wesker zog hinter seiner Sonnenbrille die Augenbrauen zusammen.

„Was soll das denn heißen?"

„Egal", winkte William schnell ab. „also erzähl. Wie ist sie, wie versteht ihr euch?"

„Sehr gut. Wir verstehen uns ausgezeichnet."

„Trotz dem dass sie so jung ist und nur ein Zimmermädchen? Ich meine, Albert, komm schon. Ein Zimmermädchen?"

„Und? Mich stört das nicht, genauso wenig der Altersunterschied. Sie ist eine intelligente, junge Frau und sie hat ein gutes Herz. Wir können uns sehr gut unterhalten, weil sie mich irgendwie anspricht. Ich habe noch nie eine Frau wie sie getroffen und ich muss sagen, dass sie etwas Besonderes ist. Sie ist so jung und gegen den Willen ihrer Eltern nach Amerika ausgewandert. Sie arbeitet hart für sich und den Traum, den sie sich erfüllen wollte. So jemanden trifft man nicht jeden Tag. Es tut mir nur leid für sie, weil sie aus ihren Fähigkeiten nichts machen kann. Sie hat Potenzial. Wir sind auf einer Ebene und ich sehe sie gern. Ich bin gern mit ihr zusammen."

William musterte Albert mit einem seltsamen Blick.

„Wow, ich bin wirklich baff. So wie du von ihr redest, scheint sie wirklich eine besondere Frau zu sein. Oder etwa die Richtige?" Eine gewisse Andeutung lag in seiner Stimme. "Da ist jemand ... verliebt, eh?"

„Mach dich nicht lächerlich", sagte Wesker sofort. Wohl etwas zu schnell. Er spürte, wie Hitze in seine Wangen aufstieg.

"Hab ich es doch gewusst. Mein bester Freund ist verliebt. Irgendwann trifft es jeden, Albert. Das ich das noch erleben darf. So ein junges Ding aus Osteuropa, ganz allein in Amerika. Du hast dir schon immer Frauen ausgesucht, bei denen du den Beschützer spielen konntest", sagte William.

"William!", knurrte Wesker, dem es langsam, aber sich zu bunt wurde.

William grinste nur, sagte aber nichts weiter. Er nahm eine ihrer Proben und betrachtete sie unter dem Mikroskop.

„Weißt du, ich freue mich für dich. Ich habe immer gehofft, dass du auch mal jemanden für dich findest. Auch wenn es ungewöhnlich ist, aber wenn das mit euch passt, warum nicht? Und ich muss sagen, dass du dich zum Positiven verändert hast. Offensichtlich hat sie guten Einfluss auf dich. So ein junges Ding schafft es, den Eisklotz in dir zum Schmelzen zu bringen. Ich kann es gar nicht fassen, Albert hat eine Freundin."

„William, der Eisklotz, auf dem du gerade stehst, ist verdammt dünn", mahnte Wesker mit ernster Stimme.

„Ich höre schon auf. Aber ich hoffe, du hast erkannt, dass es wichtig ist, jemanden zu haben. Du warst einfach einsam."

„Ich war nicht einsam!", verteidigte sich Wesker sofort. William fing schon wieder mit der alten Leier an und er konnte es nicht mehr hören.

„Das warst du, das sagst sogar Sherry und sie ist fünf."

„Was sagt sie?", fragte Wesker verwundert.

„Sie hat mich ein paar Mal gefragt, ob sie dich wieder besuchen darf, weil sie nicht will, dass du andauernd allein bist. Wenn sogar eine Fünfjährige das merkt, Albert ..."

„Ich versichere dir, dass mein Leben sehr zufriedenstellend war und das ist es auch jetzt", sagte Wesker entschieden, um das unangenehme Thema zu beenden. Er öffnete das Laptop und begann, weiterzuschreiben. William reichte ihm seine Notizen, die er angefertigt hatte.

„Schon gut. Sherry redet immer noch oft von dir."

„Wirklich?" Manchmal bereute es Wesker, dass er die Tochter seines Kollegen zu sich kommen und bei sich übernachten lassen hatte.

William nickte. „Sie würde dich wirklich gern mal wieder besuchen. Es hat ihr beim letzten Mal so gut gefallen." Er klang ein wenig missmutig, beinahe traurig. „Sie interessiert sich jetzt für meine Bücher, aber immer wenn ich ihr was erklären will, dann ... Sie will, dass du es ihr erklärst. Und ich finde, dass sie ... irgendwie ... Sie ist so anders. Man könnte fast meinen, sie ist deine Tochter."

„Ich versichere dir, sie ist absolut deine Tochter."

Während Wesker tippte, kam ihm ein Gedanke. Er hatte schon oft daran gedacht, es aber gegenüber den Birkins noch nie geäußert. Eigentlich wollte er sich ungern in die Familienangelegenheiten anderer einmischen, aber wenn William immer sein Privatleben kommentierte und offenbar wirklich so blind war, dass er das Offensichtliche nicht erkennen konnte, dann wollte Wesker nachhelfen.

Das Tippen erstarb und einen Augenblick später sah William verdutzt vom Mikroskop auf.

„Was ist? Wieso arbeitest du nicht weiter?"

„Mir geht schon länger etwas durch den Kopf. Ich wollte es dir eigentlich nicht sagen, aber ich schätze, ich muss es wirklich tun. Es geht um Sherry", fügte Wesker hinzu, als William ihn verwirrt anblickte.

„Du weißt, dass es nicht meine Art ist, das Leben anderer zu beurteilen und du darfst das nicht als persönlichen Angriff werten. Ich habe sie nur einen Abend lang erlebt, aber ich kann dir genau den Grund nennen, warum du keinen Draht zu ihr hast und sie mich so toll findet."

William wandte sich wieder seinen Proben in den Petrischalen zu, während er zuhörte.

„Deine Kleine ist aufgeweckt, intelligent und sie braucht einfach Beschäftigung. Ihr seht euer Kind kaum und lasst sie zu viel allein. Da wundert es mich nicht, wenn du deine eigene Tochter nicht kennst. Außerdem bist du auf der anderen Seite viel zu überbehütend und packst sie in Watte. Du unterschätztst sie völlig. Ich hab mich halt mit ihr beschäftigt und Zeit in sie investiert."

Williams Blick verfinsterte sich. Er wollte gerade etwas sagen, als Wesker ihn mit Bestimmtheit unterbrach. „Du weißt, dass ich Recht habe. Es liegt auf der Hand, dass ihr sie zu viel allein lasst. Ihr vergrabt euch ja manchmal nächtelang hier. Sie versucht das ganz gut wegzustecken, aber es belastet sie. Und wenn sie mal erwachsen ist, wird sie es euch übel nehmen, dass ihr euch nicht ausreichend um sie gekümmert habt. So was tun Kinder."

William seufzte. „Ich weiß, ich weiß das doch. Annette und ich haben darüber auch schon gesprochen. Aber ich kann ... Wir versuchen sie ja wenigstens oft hierher mitzunehmen, das sie mit uns zusammen ist, obwohl das natürlich für ein kleines Mädchen nicht der richtige Ort ist. Es geht nicht, die Arbeit zurückzustellen, das weißt du. Und Spencer ist da nicht gerade hilfreich. Mittlerweile erkundigt er sich mit noch mehr ... Erwartungshaltung."

Die beiden Männer verfielen in Schweigen. Sie mussten darüber keine Worte mehr verlieren.

„Hat der dich eigentlich noch mal angerufen?", fragte William dann.

„Ja. Er hat mich gebeten, ihn zu treffen. Es ging um dieses Geschäftsessen. Ich soll dort anwesend sein. Und er macht Geschäfte mit einem Russen, der übergelaufen ist. Ich hatte das Vergnügen den Herren kennenzulernen."

„Schon davon gehört. Annette und ich müssen auch hingehen. Gehst du allein?"

„Ich wollte allein hingehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Anna fragen soll", gab Wesker zu.

Er haderte mich sich. Er wollte Anna auf keinen Fall in die Nähe von Umbrella bringen. Je weniger sie damit in Berührung kam, desto besser. Außerdem bedeutete ein öffentliches Auftreten der beiden, dass sie jeder als Paar wahrnehmen würde und Wesker war sich unsicher, ob er das wollte.

„Stell uns Anna doch vor", schlug William vor. „Nachdem, was du erzählt hast, würde ich sie gerne kennenlernen. Die Frau kennzulernen, die dir Schmetterlinge im Bauch macht, das will ich mir nicht entgehen lassen."

„Ich bin noch unentschieden", sagte Wesker und ignorierte Birkins Kommentar zu seinen Gefühlen. „Wir werden sehen."