Counting stars

Kapitel 8

Exposed

Die Tage vergehen, leider können wir die Zeit nicht anhalten.

Er wirkt mehr und mehr gestresst. Es kommt immer öfter vor, dass Voldemort nach ihm ruft.

Ich verbringe viel Zeit in seinem Schlafzimmer und damit, auf seine Rückkehr zu warten. Manchmal ist er so schwer verletzt, dass er sich gerade noch mit Mühe und Not zur Tür herein schleppt. Doch das ist nicht alles. Irgendetwas lastet auf ihm, aber er kann es mir nicht sagen.

Von Harry erfahre ich auch nichts Neues. Er ist immer noch mit Dumbledore und der Suche nach den Horkruxen beschäftigt.

Seit Snape und ich herausgefunden haben, dass wir deutlich besser miteinander auskommen als vermutet, verbringen wir jede freie Minute miteinander. Manchmal helfe ich ihm dabei, seine Verletzungen zu heilen. Wenigstens in diesem Punkt hat er den Widerstand aufgegeben.

Ja, ich weiß, dass er stur ist. Aber es kommt nicht von ungefähr. Abgesehen davon ist er eine angenehme Gesellschaft für mich. Er ist unheimlich klug und wir haben dieselbe Vorliebe für Bücher. Wir können miteinander reden, müssen es aber nicht. Manchmal sehen wir uns einfach nur an oder sitzen auf seinem Bett und halten uns wortlos in den Armen.

Die Verbindung, die wir auf diese Art zueinander aufgebaut haben, ist nicht leicht zu beschreiben. Es steckt weit mehr dahinter als ich je ahnen konnte und unsere gegenseitige Gesellschaft tut uns beiden gut. Wir vertrauen einander, obwohl ich weiß, dass es gewisse Dinge gibt, die er mir nicht sagen kann, Voldemort und Dumbledore betreffend.

Irgendwann gebe ich es auf, ihn danach zu fragen. Doch den Vorwurf, den ich mir fortan machen muss, nicht beharrlicher gewesen zu sein, werde ich wohl nie wieder ablegen können. Ich weiß es. Es passiert einfach alles viel zu schnell.

Er teilt mir mit, dass meine Eltern jetzt in Australien leben. Er hat ihnen eine neue Identität verpasst und ihre Erinnerungen verändert, so dass sie sich nicht an mich erinnern können.

Ich weiß, dass sie dadurch in Sicherheit sind. Er hat seinen Teil des Schwurs eingehalten. Aber das hätte er auch, wenn wir es nicht auf diese Art besiegelt hätten. Er bricht nicht sein Wort.

Doch dann stirbt Dumbledore.

Meine Reise mit den Jungs beginnt.

Ich verliere ihn aus den Augen, obwohl ich nicht glauben kann, dass alles so ist, wie es den Anschein hat.

Das Versteckspiel und die Hetzjagd beginnt. Ich verliere den Überblick über alles und jeden. Und dann, als ich in der Einsamkeit der Nacht Wache halte, fällt mir ein, dass ich meine Periode schon seit einer Weile nicht mehr bekommen habe.

Mir wird schlecht.

Es. Kann. Nicht. Sein.

Nicht von ihm, Dumbledores Mörder.

In meiner Verzweiflung verlasse ich an Ort und Stelle unser Versteck und breche schnell mal so in einer Apotheke ein, um mir einen Schwangerschaftstest zu besorgen.

Ich bin so von Sinnen und so ungeschickt, dass ich dabei fast erwischt werde. Trotz Magie.

Nur mit Mühe und Not schaffe ich die Flucht zurück zu unserem Lager.

Der Test ist eindeutig.

Ich reiße mir die Klamotten vom Leib und betrachte im Mondschein splitterfasernackt meinen Körper.

Oh.

Dass den Jungs das entgangen ist, überrascht mich doch sehr.

Wie konnte ich nur so blöd sein, das zu vergessen? Jeden Tag habe ich an ihn gedacht und daran, was wir getan haben. Doch die Möglichkeit, tatsächlich schwanger zu sein, habe ich nicht in Betracht gezogen.

Ich habe mich blind auf sein Urteil verlassen. Gut, ich war selbst nachlässig, weil ich nicht meinen Zyklus beobachtet habe, wie er es mir gesagt hat, aber das war wohl kaum ein Wunder bei all dem Stress.

Ich bin kurz vor dem Hyperventilieren. Seit Monaten habe ich ihn nicht gesehen, doch was ich über die Zustände an Hogwarts gehört habe, gefällt mir gar nicht. Dort muss es schrecklich sein.

Und was soll ich jetzt tun?

Wütend greife ich nach meiner verzauberten Handtasche und wühle darin herum. Dann habe ich ihn endlich gefunden: seinen Umhang.

Ich ziehe ihn heraus und lege ihn über meine Schultern.

Das Gefühl ist eigenartig. Fast ist mir, als könnte ich noch immer seinen Duft daran riechen.

Tränen laufen über meine Wangen und ich sinke zu Boden, mit nichts mehr am Leib als diesem blöden Umhang von ihm!

Es ist kalt.

Es ist mir egal.

Ich schließe die Augen und bemühe mich, dabei nicht sein Gesicht vor mir zu sehen.

Dann fange ich zu zählen an.

Eins.

Zwei.

Drei.

Recht viel weiter komme ich diesmal nicht.

Ich kann das nicht. In mir dreht sich alles. Ich bin schwanger mit seinem Kind.

Was ich in meiner Verzweiflung tue, ist einfach nur dumm, doch da die Jungs bis morgen Mittag schlafen werden, riskiere ich es. Ich kann schließlich nicht nichts tun in einer Lage wie dieser.

Ich schäle mich in meine Klamotten und schnappe mir Harrys Umhang und noch dazu den von Snape. Dann verschwinde ich von hier, bis kurz vor die Tore von Hogwarts. Dort angekommen, wickle ich mich fest in Harrys Umhang ein, den von Snape habe ich fest darunter verborgen. In der Hoffnung, dass niemand mich sehen kann, setze ich meinen Weg zu Fuß fort. Da ich alleine und unsichtbar bin, ist es wesentlich einfacher, unbemerkt zu bleiben, als ich gedacht hätte.

Ich weiß, dass ich nur eine Chance habe, also muss ich zusehen, sie zu nutzen. Das Verrückte dabei ist bloß, dass ich absolut keine Ahnung habe, was ich eigentlich tue. Doch da ich es schon einmal geschafft habe, auf ihn zuzugehen, werde ich jetzt nicht zögern, es erneut zu tun.

Ich muss es einfach wissen. Ich will die Wahrheit über seine Motive, die ihn dazu gebracht haben, unseren Schulleiter zu töten. Und ich will wissen, was er dazu sagen wird, wenn er erfährt, dass ich schwanger bin.

Mit klammen Fingern falte ich Snapes Umhang ordentlich zusammen und verschnüre ihn mit einer Kordel zu einem ordentlichen Paket. Dann binde ich einen Zettel dran, auf dem steht, dass ein leichtes Mädchen für den Schulleiter von Hogwarts bestellt ist und ihn dort erwartet, wo sich Wolf und Hund Gute Nacht sagen.

Ich weiß, dass er auf den Umhang reagieren wird, sobald er ihn sieht. Die Frage ist nur, ob er ihn auch erhalten wird, wobei mir der Einfall mit dem leichten Mädchen zugute kommen dürfte. Den Wachen wird das gefallen, da würde ich Gift drauf nehmen.

Was die Sache mit dem Hund und dem Wolf angeht, so bin ich mir sicher, dass er sich nur zu gut daran erinnert, wie er einst beinahe von Lupin zerfleischt worden wäre, als Sirius ihn in die Heulende Hütte gelockt hat. Es wird ihn einiges an Überwindung kosten, dort aufzutauchen, schließlich hat er dort zu allem Überfluss auch noch während meines dritten Schuljahres von uns Kindern einen gehörigen Denkzettel verpasst bekommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Unbemerkt platziere ich vor den Toren von Hogwarts mein Paket, lenke mit dem etwas unbeholfenen Schrei eines Käuzchens Aufmerksamkeit in meine Richtung und warte im Schutz der Bäume, bis es endlich Aufmerksamkeit erregt.

xxx

Mein Weg zur Heulenden Hütte ist alles andere als vergnüglich. Ich habe keine Gewissheit, dass nicht auch dort Todesser oder deren Verbündete lauern. Doch ich sehe es als einzige Chance, ihn zu treffen, denn einfach in Hogwarts einmarschieren kann ich nicht.

Dort angekommen stelle ich erleichtert fest, dass niemand hier ist. Zumindest heute nicht. Ich stelle einige verzauberte Kerzen auf, deren Farbe der Flammen mich warnen soll: rotes Licht bedeutet Gefahr, gelbes Licht, dass alles in Ordnung ist. Dann beziehe ich mit gezücktem Zauberstab Stellung und warte.

Die Minuten vergehen, die Kerzen brennen ungehindert, doch alles zieht sich scheinbar endlos dahin. Derart im Ungewissen zu sein, ist schrecklich. Ich habe nicht einmal einen Plan, wie es weitergehen soll, wenn er nicht auftaucht, denn einen Brief per Eule zu verschicken, käme einem Selbstmord ziemlich nahe.

Hoffentlich fallen die Wachen auf die Sache mit dem leichten Mädchen rein...

Noch während ich so in meine Gedanken versunken bin, flackern meine Kerzen auf. Ich bin irritiert. Das Licht aber bleibt unverändert und schon öffnet sich vorsichtig die Tür. Ein Zauberstab streckt sich mir entgegen, dazu eine Hand. Sein weißes Hemd spitzt unter seinem Frack hervor und endlich habe ich Gewissheit, dass er es ist. Ich sehe sein Gesicht, das hinter einem Vorhang ungepflegter schwarzer Haare zum Vorschein kommt, sehe seine glühenden Augen und die dunkle Furche in der Mitte seiner Brauen.

Er ist dünn und ausgemergelt. Die Schatten und Falten auf seinem Gesicht haben deutlich an Intensität gewonnen. Seine Kleidung aber ist wie immer perfekt. Seine Haltung auch.

Ihn nach all dieser Zeit wiederzusehen raubt mir meine ganze Kraft. Meine Beine zittern, als würden sie jeden Moment nachgeben.

Er steht in der Tür und sieht mich mit geweiteten Augen an, als würde er dem Anblick nicht trauen.

Ehrlich gesagt kann ich es ihm nicht verdenken, denn mir geht es ähnlich. Mein ganzer Körper scheint vor Aufregung und Unsicherheit zu beben. Der Vorteil ist auf seiner Seite, er hat deutlich bessere Übung darin, sich zu verstellen.

Doch nicht besonders lang. Fast glaube ich, dass er spürt, dass etwas mit mir anders ist. Und ich täusche mich nicht. Sein Blick gleitet langsam an mir hinab, bis er auf meinem geschwollenen Bauch ruhen bleibt.

Der Ausdruck auf seinem Gesicht ist unbeschreiblich. Sein Zauberstab schwankt für einen Moment.

Ich vergesse meine Vorsicht und bewege mich mit raschen Schritten auf ihn zu.

Seine Augen blitzen auf und er richtet seine Hand erneut auf mich aus.

„Halt", dringt seine markante Stimme durch die Stille.

Wie angewurzelt bleibe ich auf halbem Weg zu ihm stehen. Ich kann nicht glauben, dass er so reagiert. Doch bei näherem Hinsehen fällt mir auf, dass er gehetzt aussieht. Wann hat er das letzte Mal geschlafen? Waren seine Züge jemals so hart? Nein. Nicht in meiner Gegenwart. Nicht einmal, als wir feststellen mussten, einen derart gravierenden Fehler in Sachen Sex gemacht zu haben.

Vorsichtig nicke ich und warte.

Sein Blick gleitet erneut zu meinem Bauch. Ungläubig sieht er zu mir auf.

„Wie kann das sein?", fragt er dann mit zittriger Stimme.

Ich schnaube ihn an. „Das fragst du noch? Du hast Glück, dass du kein Gynäkologe geworden bist! Bei der jämmerlichen Vorhersage, die du getroffen hast, hast du wohl einen kleinen Fehler gemacht!"

Meine Worte klingen fies und das sollen sie auch. Ich bin wirklich mehr als geladen. Außerdem stehe ich unter dem Einfluss meiner Hormone.

Oh Gott. Die armen Jungs! So langsam wird mir klar, was sie in den vergangenen Monaten mit mir zu erdulden hatten...

Er lässt mit gerunzelter Stirn den Zauberstab sinken und starrt mich an.

Ich nutze die Gelegenheit und mache einen weiteren Schritt auf ihn zu. Dann nehme ich mein Knie hoch und trete mit all meiner Kraft in seine Eier. Spätestens jetzt sollte ihm dämmern, dass ich wahrhaftig hier bin und kein verwunschenes Abbild der leibhaftigen Hermine Granger. Gut. Natürlich weiß ich, dass das nicht ganz die feine Art ist, so zu handeln, aber in Anbetracht der Umstände halte ich es für gerechtfertigt, eine Ausnahme zu machen.

Mit einer gewissen Genugtuung beobachte ich ihn dabei, wie er sich vor Schmerz vornüber zusammen krümmt, die Hände fest an seine Männlichkeit gepresst. Das sollte vorerst als Ausgleich für die bevorstehenden Geburtswehen reichen.

Er beißt sich mit voller Wucht auf die Lippe und unterdrückt mühsam einen Aufschrei. Sein Atem geht stoßweise, dann fällt er auf die Knie.

Dass ich ihn derart gezielt erwischen würde, hätte ich nie gedacht. Doch ich bin so schräg drauf, dass es mich nicht weiter kümmert, denn schon brülle ich ihn an.

„Du verdammtes Arschloch! Warum hast du das getan? Warum hast du ihn umgebracht?"

Er blickt mit geröteten Augen zwischen seinen langen Strähnen hindurch zu mir auf und will etwas sagen, bringt aber nichts hervor und so mache ich knallhart weiter.

„Und warum hast du mich überhaupt untersucht, wenn du gar keine Ahnung hattest, was du da eigentlich tust?"

Von Schmerz verzerrt senkt er den Kopf, sackt zur Seite und fällt einfach vor meinen Füßen um.

Ich kann es nicht glauben!

Männer.

„SIEH MICH AN!"

Er hebt den Kopf. Seine Nasenflügel beben angestrengt.

„Hermine ..."

Ich zucke ungewollt zusammen. Meinen Namen aus seinem Mund zu vernehmen, behagt mir in einer Situation wie dieser überhaupt nicht, obwohl ich zugeben muss, dass es schön ist, ihn mit seiner Stimme zu hören.

„Wage es nicht, mich jetzt Hermine zu nennen, du Hurenbock!"

Er blinzelt wortlos zu mir hoch. Überrascht. Gut, das bin ich selbst, denn normalerweise ist es ganz und gar nicht meine Art, solche Worte zu sagen.

„Hast du mich überhaupt schon richtig angesehen? Ich sehe aus wie ein wandelndes Fass!"

„Wissen die Jungs davon?", fragt er mit ersticktem Ton. Es klingt fast schon panisch.

Ich schüttle den Kopf.

„Nein. Natürlich nicht. Sie sind viel zu unerfahren auf diesem Gebiet, als dass sie das bemerken würden."

„Wie lange weißt du es?", setzt er heiser nach.

Ich muss blinzeln. Mit dieser Frage hätte ich nicht so früh gerechnet.

„Was?"

„Wie lange?", wiederholt er ernst. Und diesmal gelingt es ihm, es klar und deutlich zu äußern.

Ich beiße mir auf die Lippe. „Seit drei Stunden."

Er sieht aus, als würden ihm die Augen aus dem Kopf fallen und so rappelt er sich mühsam auf und setzt sich vor mir hin. Dann legt er die Stirn in Falten, um auf eine Erklärung zu warten.

Ich muss erst einmal Luft holen. Das ganze Gezeter wird mir zu viel. Ich hasse diese Ungewissheit. Erschöpft setze ich mich mit gekreuzten Beinen neben ihn auf den Boden.

„Ich habe es erst heute gemerkt, okay? Bist du jetzt zufrieden?"

Fragend runzelt er die Stirn.

„Natürlich habe ich gespürt, dass meine Klamotten spannen, aber ich habe sie einfach etwas transformiert. Ich hab mir schlicht und ergreifend keine Gedanken darüber gemacht."

Er schnaubt leise. „So wie damals mit deinem Zyklus, ja?"

„Sei bloß still! Ich meine, ist das wirklich ein Wunder? Wir sind auf der Flucht. Die ganze Welt scheint hinter uns her zu sein ..." Mir schießen Tränen in die Augen und ich ziehe betreten die Nase hoch. „Tut mir übrigens leid, dass ich dich getreten habe."

Jetzt stimmt es auch. Vorhin war das noch anders.

Er nickt und es sieht so verständnisvoll aus, dass ich aufschluchzen muss, wobei meine Augen ihre Last nicht länger halten können.

Wortlos streckt er seine Hand nach mir aus und wischt mit dem Daumen meine Tränen beiseite.

Ein Schauder durchfährt mich, als er mich berührt. Seine Hand ist so warm, dass ich mich am liebsten an ihn drücken möchte. Aber kann ich das wirklich einfach so tun?

Was ist mit der Ermordung Dumbledores und damit, dass wir die ganze Zeit über keinen Kontakt zueinander hatten?

Ich kann mich nicht mehr zurückhalten und werfe mich nach vorn. Meine Arme legen sich um seinen Hals, ganz so, wie sie es immer getan haben. Meine Nase vergräbt sich in seinem schwarzen Haar. Und dann spüre ich es: seine Wärme. Seine Finger, die sich zaghaft auf meinen Rücken legen und mich fest und innig an ihn drücken, als würde er mich nie wieder loslassen wollen.