Chapter 7

Horatio machte einen hastigen Satz nach vorne, wo er vorher seine Hose achtlos hingeworfen hatte, riss sie förmlich an sich und presste sie verlegen an seinen Unterleib. Betsy hatte sich nicht vom Fleck gerührt, doch endlich kam wieder Leben in sie und sie drehte sich eilig um. Horatio schlüpfte so schnell es ging in seine Hose – was nicht allzu schnell war, da er sich vor lauter Hektik ständig darin verhedderte – schloss kurz die Augen und sammelte sich langsam wieder. Liebe Güte, sie wird ja wohl schon mal einen nackten Mann gesehen haben, dachte er, doch er fühlte sich ein wenig unbehaglich. So empfindlich wird sie hoffentlich nicht sein. Mit seiner ersten Annahme lag er zwar völlig falsch, aber Betsy fiel vor Schreck wenigstens nicht in Ohnmacht.

Sie stand mit geröteten Wangen stocksteif da und wartete mit bebendem Herzen, bis sie Horatio nicht mehr hinter sich herumfummeln, murmeln und unterdrückt fluchen hörte, bevor sie sich getraute, einen weiteren Blick zu riskieren. Doch auch jetzt konnte sie nicht anders, als ihn anzustarren.

Seine Hose lag, bedingt durch seinen nassen Körper, den er nicht mehr hatte abtrocknen können, eng an seinen langen Beinen an, während auf seinem muskulösen Oberkörper noch Wassertropfen glitzerten. Fasziniert beobachtete Betsy, wie einzelne Tröpfchen den Weg über seine Brust nach unten fanden. Einige wurden von einem dünnen Streifen dunklen Flaums unterhalb seines Bauchnabels gestoppt. Erst als Horatio die Arme vor der Brust verschränkte und sie mit gerunzelter Stirn ansah, hob sie den Blick.

Doch auch dieser Anblick holte sie nicht aus ihrem versonnenen Zustand heraus, im Gegenteil. Sie schaute in zwei dunkelbraune Augen, die fragend zurückstarrten, doch Betsy sagte kein Wort. Noch nie hatte sie Horatio mit offenen Haaren gesehen, die jetzt feucht in weichen Locken und etwas verwuschelt über seine nackten Schultern fielen. Unbewusst machte sie einen Schritt auf ihn zu, sie wollte diese Haare so gerne anfassen, über sein makelloses Gesicht streichen...

Horatio öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch er war zu verwirrt über ihr seltsames Verhalten, brachte kein Wort heraus. Diese kleine Bewegung verwirrte Betsy noch viel mehr. Liebe Güte, dieser Mann hatte die sinnlichsten Lippen, die sie jemals gesehen hatte! dachte sie atemlos. Wieso war ihr das noch niemals vorher aufgefallen? Als Horatio mit einem Finger nachdenklich über eben diese – jetzt halbgeöffneten – Lippen strich, musste sie tief Luft holen und sich zusammenreißen, um nicht auf ihn loszustürzen und ihn besinnungslos zu küssen.

Sie konnte sich kaum losreißen von seinem Anblick und merkte gar nicht, wie sich Horatios Verwunderung in ein amüsiertes Grinsen verwandelte.

„Miss Betsy?" Keine Reaktion. Horatios Grinsen wurde breiter. Was um alles in der Welt war nur in sie gefahren? Wieso starrte sie ihn an, als wollte sie ihn gleich zum Nachtisch verspeisen? Bei dem – zugegebenermaßen etwas unanständigen – Gedanken daran fuhr es ihm mit süßem Schmerz in den Magen, oder vielmehr in andere Regionen seines Körpers, und er schluckte hart.

„Miss Betsy? Wo haben Sie denn mein Hemd gelassen?" fragte er noch einmal. „Ich fürchte, ich bin im Augenblick doch sehr unangemessen gekleidet."

Betsy fuhr wie ertappt zusammen und wurde rot.

„Äh...hier", murmelte sie und hielt ihm das nasse Stück Stoff hin. „Es...es ist natürlich noch nicht...trocken, Sir."

„Danke", sagte Horatio mit leicht krächzender Stimme und schlang sich das Hemd kurzerhand um den Hals. Er räusperte sich. „Entschuldigen Sie meinen Aufzug, Miss Betsy. Am besten ist wohl, sie gehen voraus."

Betsy hätte nicht das geringste dagegen gehabt, hinter ihm herzugehen und dabei ausgiebig seinen schlanken, sehnigen Körper und nicht zu vergessen die dunklen, verführerisch seidigen Locken zu betrachten, aber sie riss sich zusammen, nickte bloß und ging voraus, wie er es wünschte. Sie fragte sich, was bloß in sie gefahren war, so über Lieutenant Hornblowers puren Anblick in Verzückung zu geraten! „Pur" im wahrsten Sinne des Wortes! Liebe Güte! Sie schien Gefühle zu entwickeln, von denen sie in ihrer Unschuld noch gar nichts wissen durfte!

Betsy wusste nachher nicht mehr, wie sie zu ihrem Lagerplatz gekommen war. Am Strand war sie an Horatios Seite gegangen anstatt ihm vorauszugehen. Sie hatten wenig gesprochen, aber aus den Augenwinkeln heraus hatte sie ihn heimlich beobachtet in der Hoffnung, etwas mehr von ihm erhaschen zu können. Wie er sie am Teich angelächelt hatte! So...so leidenschaftlich? Ach, sicher redete sie sich das bloß ein. Was für ein Unfug! Und überhaupt – was wusste sie schon von Leidenschaft!

„Wir sollten als erstes sehen, dass wir uns einen Regenschutz bauen", unterbrach Horatio ihre wüsten Gedanken mit einem skeptischen Blick zum Himmel. In der Tat, es waren mittlerweile dunkle Wolken aufgezogen und die Aussicht, eine Nacht im Freien inklusive strömendem Regen zu verbringen war nicht gerade verlockend. Betsy nickte langsam. Wieso zum Teufel konnte er dieses verdammte Hemd nicht endlich wieder anziehen? Wollte er ihr den letzten Rest Verstand rauben? Arrrghhh...

Als hätte Horatio ihre Seelenqual erraten, öffnete er als nächstes die Truhe mit den Kleidungsstücken und wühlte darin herum, bis er etwas passendes fand. Er rümpfte die Nase – das gute Stück roch nicht allzu gut. Aber es würde gehen müssen, bis sein eigenes Hemd wieder trocken war – Betsys kaum verhüllte Blicke, die seinem nackten Oberkörper galten, hatte er mit einem leichten Unbehagen zur Kenntnis genommen. Unbehagen – aber gleichzeitig auch ein wenig Erregung. Sorgfältig breitete er sein noch feuchtes Hemd über einer Kiste aus, damit es trocknen konnte und sah sich dann grübelnd um. Er hatte keine Ahnung, was seine langen, schlanken Finger bei Betsy auslösten, als er sich wieder nachdenklich über die Lippen strich.

„Da drüben!" sagte er plötzlich und deutete auf eine Felsgruppe, die sich im nahen Waldstück befand. „Dort sollten wir unseren Regenschutz einrichten." Betsy löste widerwillig den Blick, folgte seinem ausgestreckten Arm und nickte nur. Sie fragte sich, wie sie das bewerkstelligen sollten, so ohne Material und Werkzeug, aber Horatio war glücklicherweise praktisch veranlagt und schritt umgehend zur Tat. Er brach ein paar dickere Äste ab, wies Betsy an, große Palmwedel abzuschneiden, schleppte das Stück Plane herbei, das mit an Land gespült worden war und in etwas mehr als zwei Stunden war ihr Unterschlupf fertig.

Betsy warf Horatio einen bewundernden Blick zu, der kleine „Verschlag" war in der Tat gut gelungen. Die Rückseite ihres „Asyls" bestand komplett aus Fels, das Dach und die Wände waren eine raffinierte und erstaunlich stabile Konstruktion aus Palmwedeln und der Plane. Das ganze war so intelligent angelegt, dass sie rundherum gut geschützt wären, nicht ersticken würden und trotzdem einfachen Zugang hätten. Das einzige Problem war, es gab sehr, sehr wenig Platz für zwei Erwachsene. Beide versuchten zu verdrängen, dass sie heute nacht auf engstem Raum hier drinnen würden schlafen müssen.

Aber soweit war es noch nicht. Sie nahmen ein kurzes, aber spätes Mittagessen ein und beschlossen, ihre Kräfte heute ein wenig zu schonen und keine weiteren Exkursionen zu machen, zumal die Wolken immer dunkler wurden. Sicher würde es jeden Augenblick losregnen.

Der Regen ließ sich jedoch wider Erwarten Zeit und so konnten sie in Ruhe ihre Mahlzeit im Freien verzehren. Betsy seufzte und warf einen wehmütigen Blick zu der Kokospalme, die hoch neben ihnen in den Himmel wuchs.

„Ich gäbe was für eine Kokosnuss", murmelte sie und trank ihren Wein aus. „Frisches, zartes, weißes Kokosfleisch, kühle Kokosmilch..." Horatio blickte skeptisch nach oben, wo einige der prallen Nüsse unter den Blättern hervorlugten.

„Das ist viel zu hoch, Miss Betsy, viel zu gefährlich."

„So hoch auch wieder nicht. Sehen Sie, der Stamm verläuft schräg, vielleicht könnte man zur Hälfte hochklettern und dann mit einem starken Ast..." Horatio schüttelte entschieden den Kopf.

„Wenn Sie sich nicht getrauen, ich werde es versuchen!" erklärte sie herausfordernd. Horatio schenkte ihr einen unheilvollen Blick.

„Das werden Sie nicht, Madam!"

Doch bevor er sie zurückhalten konnte, war sie auch schon aufgesprungen, zur Palme gerannt und machte sich daran, den Stamm hochzuklettern.

„Miss Betsy, kommen Sie sofort da runter!" brüllte Horatio aufgebracht, doch natürlich vergebens. Betsy lachte bloß und krabbelte weiter tapfer nach oben.

„Keine Angst, Mr. Hornblower, mir passiert schon nichts!" rief sie und winkte übermütig zu ihm herunter. Horatio stieß mehrere derbe Flüche aus, die selbst ihn normalerweise zum Erröten gebracht hätten, doch auch das machte nicht den geringsten Eindruck auf die junge Frau. Dann hatte er eine – zugegebenermaßen etwas boshafte – Idee; eine Idee, die schon einmal in ähnlicher Weise ihren Zweck erfüllt hatte.

„Dann nehmen Sie sich aber auch bitte vor den Skorpionen in acht, die dort auf dem Stamm herumlaufen!" Betsy hielt sofort in ihrer Bewegung inne, erstarrte und dann sah sie fatalerweise in diesem Moment einen etwas größeren Käfer auf sich zukrabbeln, den sie in ihrer ansteigenden Panik und Abscheu vor Krabbeltieren jeder Art sofort fälschlicherweise für einen Skorpion hielt. Mit einem lauten Schrei des Entsetzens versuchte sie, am Stamm herunterzuklettern, doch sie verlor das Gleichgewicht und stürzte wie ein zappelnder Stein zu Boden – oder vielmehr auf einen sehr erschrockenen Horatio.