Kapitel 8: Konfrontation
„…Draco, wach auf…"
„Noch fünf Minuten…", murmelte der Blonde und kuschelte sich zurück in sein Kissen. Einen Moment später wurde ihm unsanft die Decke weggerissen und die nervend, laute Stimme von vorhin meldete sich erneut: „Dray, wach endlich auf!"
Verschlafen setzte er sich widerwillig auf und fragte: „Wie spät ist es denn?"
„Beinahe sieben, also steh auf!", erwiderte Hermine und erntete sich dadurch einen ziemlich bösen Blick von dem Ex-Slytherin.
„Sieben? Wieso zur Hölle weckst du mich schon?", regte er sich auf und dachte noch immer wehmütig an den angenehmen, traumlosen Schlaf, den er gerade gehabt hatte.
„Wieso?", wiederholte Hermine ungläubig. „Ich will endlich Harry besuchen, also schwing deinen Knackarsch aus dem Bett und zieh dich an!"
Die Worte hatten nun den erwünschten Effekt – Draco war schlagartig hellwach. Er krabbelte schnell aus dem Bett, nuschelte ein „Sorry" in Hermines Richtung und verschwand dann mit ein paar Klamotten im anliegenden Badezimmer. Dort angekommen machte er sich erst mal daran sich unter eine kalte Dusche zu stellen, um seine Lebensgeister zu wecken. Eigentlich war es nur Harrys Schuld, dass er in der Früh so schwer aus dem Bett zu kriegen war. Früher war Draco immer ohne Probleme um halb sieben aufgestanden (schließlich hatte er genügend Zeit gebraucht, um seine Haare richtig zu stylen), doch dann kam das verhängnisvolle siebente Jahr und natürlich die langen Nächte im Raum der Wünsche. Anfangs hatte Draco es geschafft an seiner Gewohnheit in aller Früh aufzustehen festzuhalten, doch dann hatte er bemerkt, dass eine Kuschelrunde mit seinem Freund, der um diese Uhrzeit wohl nicht mal aus dem Bett geschlüpft wäre, wenn Voldemort persönlich das Schloss angegriffen hätte, viel besser war. Das alles hatte so geendet, dass es am Schluss Harry war, der den Slytherin mit dem Versprechen auf eine sehr heiße Dusche aus dem Bett gelockt hatte.
Mit einem kleinen Seufzen stieg der Blonde nun wieder aus der Dusche, um sich die Zähne zu putzen und sich anzuziehen. Bei seinen Haaren wagte er einen kleinen Zauber, um sie trocken zu bekommen und war ziemlich erleichtert, als er sah, dass es geklappt hatte. Anscheinend konnte man in der Magie nicht viel verlernen – wofür Draco sehr dankbar war. Anschließend verließ er das Zimmer und ging hinunter in die Küche wo Ron und Hermine gerade Toast und Spiegeleier auf drei Teller legten.
Das Frühstück verging recht schnell und leise. Keiner von ihnen hatte besondere Lust darüber zu reden was sie beschäftigte und Draco war irgendwie froh über diese Tatsache. Er wusste nicht, ob er noch immer den Mut haben würde Harry heute einen Besuch abzustatten, wenn sie jetzt viel darüber reden würden. Die Angst, dass der Schwarzhaarige sie abweisen würde war groß und, wie Draco vermutete, auch begründet. Es war ja nicht gerade schwer gewesen darauf zu kommen, dass sein Ex-Freund niemanden sehen wollte. Besorgt sah er zu wie Hermine ihre leeren Teller in die Spüle gab und diese dann mit einem kleinen Zauber dazu brachte sich selbst zu reinigen. Er konnte wirklich nur hoffen, dass die Schwangere es wegstecken konnte, wenn Harry sie rauswerfen würde.
„Okay, also braucht noch jemand was? Habt ihr noch Hunger?", fragte Hermine noch mal nach, wobei sie nun doch etwas nervös wirkte.
Ron und Draco schüttelten die Köpfe und schließlich machten sie sich auf den Weg ins Wohnzimmer, um von dort aus nach Banchory zu apparieren. „Es liegt jetzt an dir, Draco. Wir wissen ja nicht wo Harry wohnt. Du musst uns dorthin bringen", erinnerte der Rothaarige und hielt sich an dem linken Arm des Ex-Slytherin an, während Hermine dasselbe mit Dracos rechtem machte.
„Ja, ich weiß, Weasley", keifte der Blonde. Ron hielt es für besser nichts darauf zu erwidern, da er auf Grund der Erwähnung seines Nachnamens wusste, dass Draco wohl gerade etwas genervt von ihm war. Er musste zugeben, dass er gestern Abend bevor sie alle zu Bett gegangen waren es ziemlich oft gesagt hatte, dass der dieser aufpassen musste, aber er wollte eben noch alle Körperteile an sich haben, wenn sie bei Harry ankamen.
Draco konzentrierte sich jetzt auf das Vorzimmer der Wohnung seines Ex-Freundes, das Harry offensichtlich auch als Wohnzimmer diente, und auf den Wunsch zu dem Schwarzhaarigen zu kommen – was eigentlich nicht sehr schwer war. Als er ein paar Sekunden später die Augen aufmachte erkannte er mit Erleichterung die etwas schäbige Tapete, die er schon vor drei Tagen bei seinem ersten Besuch hier gesehen hatte. Neben ihm sahen seine Freunde sich ungläubig um.
„Hier wohnt er?", flüsterte Hermine und blickte unbehaglich auf den zerschlissenen Teppich, der in der Mitte des Raumes lag. Die Wohnung sah überhaupt sehr vernachlässigt aus. Das Sofa war durchgesessen, dem kleinen Fernseher, der in der Ecke stand, hingen ein paar Kabel raus und die einzige Pflanze, die zu sehen war, stand auf einem Regal und war total verwelkt. Das Regal selbst war staubig und voll gestellt mit Büchern – und wie Hermine mit Überraschung feststellte waren es Bücher über Magie. „Ich dachte, Harry will nichts mehr mit Zauberei zu tun haben. Wieso hat er dann so viele Bücher darüber?", fragte sie neugierig und wollte hinüber gehen, um sie sich anzusehen.
Der Ex-Slytherin hielt sie jedoch zurück. „Ich weiß nicht, aber denkst du nicht wir sollten einmal nachsehen, ob er hier ist, bevor wir anfangen seine Sachen zu durchwühlen?", meinte er etwas sarkastisch.
Hermine wirkte daraufhin gleichermaßen verlegen und sauer. „Ist ja gut, beruhige dich", erwiderte sie und rief dann laut: „Harry?"
Draco zuckte ein bisschen zusammen und Ron wartete unsicher auf eine Reaktion. Niemand antwortete jedoch und auch sonst blieb es still. „Harry, bist du da?", fragte Hermine noch einmal nach und als wieder nichts geschah, schritt sie entschlossen auf die Tür am anderen Ende des Zimmers zu, das wie sie dachte, wahrscheinlich das Schlafzimmer war. Die beiden Männer folgten ihr und hielten unbewusst die Luft an, als die Schwangere die Tür aufmachte. Wie sich herausstellte war es tatsächlich ein Schlafzimmer, aber Harry war nicht zu sehen.
„Und was machen wir jetzt? Vielleicht ist er ja abgehauen", sagte Ron, während seine Frau ihren Blick durch das Zimmer schweifen lies. Es war recht klein und außer einem Bett und einer Kommode war nicht viel drin. Ihr fiel jedoch auf, dass auch hier Bücher herumlagen, die von Magie handelten.
„Das glaub ich nicht. Seine Sachen sind wie es scheint alle noch hier", antwortete sie und ging zurück ins Wohnzimmer. „Was denkst du wo er ist?", fragte sie Draco.
Der Blonde zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Als ich ihn zum ersten Mal getroffen hab, hat er ja in diesem Lokal gearbeitet. Vielleicht hat er einen neuen Job."
Hermine seufzte auf. Das hatte sie nicht bedacht. „Ja, das könnte sein", murmelte sie und sah sich nun endlich die Bücher auf dem Regal näher an. Die meisten handelten von Flüchen und Gegenflüchen. Sie sah auch einige über verschiedene Blutsrituale und sogar beachtlich viele über schwarze Magie. „Wozu er die wohl braucht?", überlegte sie abwesend.
Ron trat zu ihr hin und sah sich mit seiner Frau die Bücher an. „Keine Ahnung, Mine. Vielleicht hat er ja wirklich irgendwelche großen Schwierigkeiten und deshalb braucht er die Bücher. Ich kann mir einfach nicht vorstellen wieso er seinen Tod hätte vortäuschen sollen, wenn ihm nicht etwas Schlimmes passiert ist."
Hermine nickte zustimmend. „Ja schon, aber wieso hat er denn niemanden um Hilfe gebeten? Wieso ist er weggelaufen?"
Draco hörte den Überlegungen seiner Freunde schon länger nicht mehr zu. Er war ins Schlafzimmer gegangen und hatte sich dort auf das Bett gesetzt. Gedankenverloren zog er an den Schubladen von dem Nachtkästchen, während er sich zum millionsten Mal fragte, was eigentlich mit Harry los war. Gut, Hermine hatte ihm gesagt, dass der Ex-Gryffindor ihn früher wirklich geliebt hatte – aber galt das auch jetzt noch? Diese Unsicherheit war beinahe zum Verrücktwerden! Unruhig fuhr er sich mit der Hand, mit der er gerade die Laden aufgezogen hatte, durchs Haar.
Als er seinen Blick jedoch nach unten in eine der geöffneten Laden senkte erstarrte er mitten in der Bewegung und sah erstaunt hinein. Ein Foto lag darin, auf dem er selbst zu sehen war wie er Harry im Arm hielt und gelegentlich küsste. Dracos Herz raste, als er in die Schublade hineingriff, um das Foto herauszunehmen und genauer anzusehen. Es war eindeutig in Hogsmeade gemacht worden, denn er konnte im Hintergrund den Honigtopf erkennen. Es lag noch etwas Schnee und überall in den Auslagen waren Herzen angebracht. Valentinstag.
Die Augen des Blonden wurden etwas wässrig, als er an den Tag zurückdachte. Es schien so lange her zu sein, aber jetzt wo er auf dieses Bild starrte kam es ihm vor, als wäre es erst gestern gewesen. Er konnte sich wieder an bestimmte Kleinigkeiten erinnern, wie dass Harry an diesem Tag seinen Schal vergessen hatte und sie gleich als Draco es bemerkt hatte in die Drei Besen gegangen sind, um sich etwas aufzuwärmen. Dort hatte der Slytherin seinen Krug in einen Schal verwandelt und ihn dann seinem Freund gegeben, der ihn ganz misstrauisch angesehen und sich gewundert hatte, wo der plötzlich herkam. Als Harry gesehen hatte, dass der Krug weg war hatte er eins und eins zusammengezählt und hatte den Schal zurückverwandeln wollen – schließlich war das doch in gewisser Weise Diebstahl. Ein ganz unschuldiger Dackelblick seitens des Slytherins und ein Kuss, der sie nun beide mehr als ausreichend aufgewärmt hatte, hatten diese Gedanken jedoch ganz schnell wieder aus Harrys Kopf gefegt.
Mit einem kleinen Lächeln im Gesicht schüttelte Draco jetzt leicht den Kopf. Das war so typisch Gryffindor von Harry gewesen. Und obwohl er sich selbst als sie zusammen waren immer wieder darüber lustig gemacht hatte wie edel sie doch waren, vermisste er diese Seite von seinem Ex-Freund beinahe am meisten. Es war echt süß gewesen, wenn der Schwarzhaarige seinen Beschützerinstinkt gezeigt hatte und Draco hatte es sich angewöhnt den Gryffindor (zumindest wenn sie allein waren), teils neckend, teils bewundernd, „mein Held" zu nennen – was er selbstverständlich nicht einmal unter Folter zugeben würde.
„Draco, komm mal her!", rief Hermine plötzlich und unterbrach ihn somit in seinen Erinnerungen.
Mit einem letzten traurigen Blick auf das Foto wollte er es zurücklegen, doch dann sah er, dass noch ein Bild in der Lade lag. Auf dem ersten Blick dachte Draco, dass es er selbst als Kind war, doch als er näher hinsah, konnte er erkennen, dass das nicht stimmte. Es war ein kleiner Junge, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, darauf abgebildet und er hatte ganz hellblonde Haare und ein etwas spitzes Gesicht. So würde der Junge dem Ex-Slytherin wirklich ähnlich sehen, doch es gab einen großen Unterschied – der Junge auf dem Foto hatte smaragdgrüne Augen.
Wie die von Harry, schoss es dem Blonden durch den Kopf und er wollte schon nach dem Foto greifen, als Hermine ihn erneut rief. Für einen Moment blieb Draco hin und her gerissen auf dem Bett sitzen, doch dann legte er das Bild von sich und Harry wieder zu dem von dem kleinen Jungen und schob die Lade zu. Er war schon auf halben Weg unterwegs in Wohnzimmer, als die Eingangstür plötzlich aufging und Hermine dazu veranlasste vor Schreck das Buch, das sie in der Hand gehalten hatte, fallen zu lassen. Draco blieb indes wie angewurzelt stehen und sah zu wie Harry, der gerade hereingekommen war, zuerst eindeutig überrascht aufkeuchte, dann unsicher zu der noch immer offen stehenden Tür blickte und sich schließlich etwas sauer aussehend wieder ihnen zuwandte.
„Was zum Teufel wollt ihr hier?", knurrte der Schwarzhaarige, jedoch sah er keinen seiner ehemaligen Freunde direkt an.
Ron konnte es einfach nicht fassen. Fünf Jahre war es her seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten und das war die Art wie Harry sie begrüßte? Auch wenn Draco ihnen gesagt hatte, dass der Ex-Gryffindor total abweisend und verletzend gewesen war, hatte er so etwas nicht erwartet. Und irgendwie machte es ihn wütend. Er und Hermine hatten Harry geliebt wie einen Bruder; sie waren in ihrer Schulzeit durch dick und dünn gegangen und hatten zusammen sogar einige lebensgefährliche Situationen gemeistert. Sie waren die allerbesten Freunde gewesen und nun tat Harry so, als würde ihm das alles anscheinend rein gar nichts bedeuten. Wie konnte er nur?
Auch Hermine hatte ähnliche Gedanken, doch sie versuchte ruhig zu bleiben. „Harry, wir wollten doch nur mal sehen wie's dir geht. Wir machen uns Sorgen um dich", sagte sie leise und trat auf ihn zu.
Harry wich jedoch sofort zurück, als er das sah. „Mir geht's bestens! Also verschwindet jetzt", fauchte er sie an und bemerkte nun endlich, dass Hermine schwanger war, als diese zusammenzuckte und ihre Hände in einer beschützenden Gestik über ihren Bauch legte.
Als Ron das sah wurde er nur noch wütender. „Was ist eigentlich los mit dir? Hast du den Verstand verloren, oder was?", rief er aus und nahm seine Frau beruhigend in den Arm.
Das schlechte Gewissen meldete sich augenblicklich bei Harry, gemischt mit so vielen anderen Emotionen, dass er glaubte es nicht ertragen zu können. Ein Teil von ihm war überglücklich seine Freunde wieder zu sehen und zu wissen, dass sie offensichtlich eine erfüllte Ehe führten, doch dann war da noch Lucius' Stimme in seinem Hinterkopf, die ihn warnte ihnen zu nahe zu kommen. Es war, als würden zwei Kräfte an ihm ziehen, die eine in Richtung Tür zur Flucht und die andere zu seinen Freunden, um sie in die Arme zu schließen und Harry wusste beim besten Willen nicht welcher er nachgeben sollte. Also tat er das Einzige wozu er sich fähig fühlte – er schloss die Tür, ließ sich aufs Sofa fallen und legte ergeben den Kopf in seine Hände.
Wieso gerade heute, fragte er sich dabei. Er war unglaublich müde, sein ganzer Körper tat noch immer höllisch weh von den ganzen Cruciatus-Flüchen, die Lucius ihm augehalst hatte und er war wirklich in keinster Weise dazu fähig sich jetzt mit seinen ehemaligen Schulkameraden auseinander zu setzen. Er wollte nur etwas Ruhe haben, um endlich ein bisschen zu schlafen und sich von den Flüchen zu erholen – war das wirklich zu viel verlangt?
„Wieso bist du damals weggegangen?", fragte Ron jedoch, nicht gerade freundlich.
„Das geht euch nichts an. Verschwindet… bitte", murmelte Harry verzweifelt in seine Hände.
Draco schluckte schwer und ging nun endlich ins Wohnzimmer. Er achtete allerdings darauf einen großen Abstand zwischen sich und seinem Ex-Freund zu lassen. So wie es aussah war Harry wirklich nicht sehr erfreut sie zu sehen und er wollte nicht erneut das Ziel dessen Laune werden. Trotzdem konnte er nicht umhin zu bemerken wie fertig der Schwarzhaarige aussah. Die Haltung in der er dasaß hatte Draco schon früher bei ihm gesehen und normalerweise war Harry damals, wenn er so drauf war, immer wahnsinnig niedergeschlagen gewesen. Und Draco hatte ihn dann getröstet. Es schmerzte den Blonden in diesem Moment mehr seinen Geliebten nicht in die Arme nehmen zu können, als alle Grausamkeiten gemeinsam, die dieser ihm vor drei Tagen an den Kopf geworfen hatte.
Währenddessen war Hermine den Tränen nahe. Sie freute sich so sehr zu wissen, dass Harry lebte und dass er sie alle wegschicken wollte brach ihr das Herz. „Wieso?", flüsterte sie heiser. „Wieso willst du, dass wir gehen?"
Harry antwortete nicht. Selbst wenn er es gewollt hätte, wäre er wohl nicht in der Lage dazu gewesen, denn er wusste wie seine Antwort aussehen musste, wenn er nicht wollte, dass Lucius von diesen Treffen erfuhr. Aber er wollte seine Freunde eigentlich nicht loswerden – im Gegenteil. Er fühlte sich gerade so schwach und hilflos, dass er nichts lieber getan hätte, als ihnen alles zu erzählen und sich trösten zu lassen, denn Trost und Zuneigung waren etwas was er in den letzten Jahren von niemandem bekommen hatte, wonach er sich jedoch schrecklich sehnte.
„Verdammt, jetzt sag doch endlich mal was!", schrie Ron plötzlich, als er sah, dass seiner Frau eine Träne die Wange hinunterlief. „Merkst du denn nicht, dass dein Verhalten total daneben ist? Oder hast du deinen Spaß daran?"
Der Ex-Gryffindor reagierte jedoch nicht. Es war alles zu viel. Er konnte es einfach nicht mehr länger ertragen. Dachte Ron denn wirklich, dass er das hier gerne tat? Dass er es genoss ihnen wehzutun? Er wusste wie sehr er Draco verletzt hatte, als dieser zum ersten Mal bei ihm gewesen war und mied jetzt auch dessen Blick, aber er hatte es doch wirklich nicht so gewollt! Wie konnte Ron nur für eine Sekunde glauben, dass ihn das alles kalt ließ, geschweige denn amüsierte?
Draco wollte gerade etwas sagen, um den Rothaarigen zu beruhigen, denn dieser schien nun seiner Wut, genauso wie er selbst es vor wenigen Tagen getan hatte, nachgeben zu wollen und das würde bestimmt in einem Desaster enden. Doch noch bevor er die Gelegenheit dazu hatte, fuhr Ron, mit einer Zornesröte auf dem Gesicht, mit seiner Schimpftirade fort: „Weißt du eigentlich wie es ist zu erfahren, dass dein bester Freund noch lebt nachdem du jahrelang gedacht hast er wäre tot? Nein, das weißt du natürlich nicht, denn wir hätten dir so etwas nie angetan! Und dann erzählst du uns auch noch irgendwelche dämlichen Lügen und antwortest auf keine unserer Fragen! Ich hätte nie gedacht, dass du so verdammt herzlos sein könntest!"
„Ron, lass das", wimmerte Hermine neben ihm, denn obwohl sie auch etwas wütend war, überwog doch die Sorge um Harry, der ganz offensichtlich große Probleme hatte.
Im Gegensatz zu Hermine, die sehr leise gesprochen hatte, wollte Draco dieses dämliche Wiesel (er war gerade sehr sauer auf Ron) am liebsten anbrüllen und ihm eine verpassen. Wie kam der Rothaarige dazu seinem Harry Vorwürfe zu machen, wenn dieser so absolut erledigt aussah? Hatte Ron denn keine Augen im Kopf? Oder war es ein Gehirn, das ihm fehlte? Doch Draco wurde auch schnell klar, dass er vor ein paar Tagen dasselbe getan hatte, doch er hatte sich fest vorgenommen die Sache heute ruhig anzugehen. Er machte schon den Mund auf, um die Situation etwas zu entschärfen, als er erneut von einer lauten männlichen Stimme unterbrochen wurde – nur dieses Mal war es Harry, der sprach.
„Du machst es dir ja ganz einfach, nicht wahr, Ron?", meinte der Schwarzhaarige und sah jetzt endlich wieder auf. „Ihr habt alle so sehr gelitten und ich bin einfach nur ein kaltes, herzloses Arschloch! Ist es das, was du sagen willst?", fragte er, ließ seinem ehemaligen besten Freund jedoch keine Zeit zu antworten. „Ich hab Neuigkeiten für dich – ich habe auch gelitten! Ich bin in den letzten Jahren durch die Hölle gegangen und das Letzte was ich brauche sind eure Anschuldigungen! Ihr habt ja keine Ahnung was ich alles durchgemacht habe und jetzt steht ihr da und tut so, als wäret ihr die Einzigen, die verletzt worden sind! Ich hab es so satt! Verschwindet endlich und lasst mich in Ruhe!"
Harry hatte nicht bemerkt, dass er am Schluss schon geschrieen hatte und er hatte auch nicht bemerkt, dass er aufgestanden war und am ganzen Körper vor Wut, Verzweiflung und Schmerzen zitterte. Was er nun jedoch sehr wohl erkannte war, was er gerade gesagt hatte. Auch sah er jetzt, dass sich auf den Gesichtern seiner Freunde Schock und Mitleid ausbreitete und dass Draco der Einzige von ihnen war, der noch immer einigermaßen gefasst wirkte.
Das traf allerdings nur rein äußerlich zu. Der Blonde war genauso geschockt von Harrys Worten wie seine Freunde, denn obwohl er vermutete hatte, dass der Ex-Gryffindor ernsthafte Schwierigkeiten hatte, traf die Beschreibung des Schwarzhaarigen ihn tief. Er wollte so gern wissen was Harry durchmachen musste, damit er ihm helfen konnte und die Tatsache, dass dieser das nicht zulassen würde, war einfach unerträglich für ihn.
„Ach Harry", schluchzte Hermine plötzlich in die eingetretene Stille, die auf dessen Worte gefolgt war. „Wieso sagst du uns denn nicht was los ist? Ich verspreche dir es wird alles gut werden."
Ron nickte heftig. Es tat ihm auch schon Leid was er vorhin gesagt hatte. „Ja, genau. Ich hab das vorhin nicht so gemeint. Ich – ich war einfach nur sauer, aber wir wollen doch nur wissen wieso – "
„Bitte, geht einfach", unterbrach ihn Harry, seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
„Aber wir können dir vielleicht helfen", sagte Hermine verzweifelt. Sie wollte nicht so leicht aufgeben – sie wollte ihren Freund wiederhaben.
Harry schüttelte traurig den Kopf. „Nein, das könnt ihr nicht", erwiderte er resigniert. Für einen Moment sah er das Ehepaar einfach nur an, Draco anzusehen brachte er nicht über sich. „Hört mal, ich will euch wirklich nicht wehtun – ganz ehrlich nicht. Aber ich kann euch da nicht mit reinziehen. Auch wenn ihr es nicht versteht, es gab einen Grund weshalb ich damals alle in dem Glauben ließ ich wäre tot. Ich weiß es ist nicht fair euch einfach wegzuschicken, aber ich hab überhaupt keine andere Wahl. Ich flehe euch an – geht jetzt bitte."
Der Rothaarige wollte protestieren, doch dieses Mal kam ihm Draco zuvor. „Also gut, wir werden gehen", meinte er, woraufhin Ron und Hermine ihn erbost ansahen.
„Was? Wir werden jetzt nicht gehen. Harry braucht unsere Hilfe!", entrüstete sich Ron.
„Aber er will sie nun mal nicht", erwiderte Draco und ging zur Tür.
Hermine blickte für ein paar Sekunden zwischen Harry und dem Blonden hin und her, doch dann wurde ihr klar, dass der Ex-Slytherin wohl Recht hatte. Sie würden heute nichts mehr erreichen. Also zog sie ihren sich halbherzig sträubenden Ehemann zur Eingangstür, die Draco mittlerweile schon geöffnet hatte. Dort drehte sie sich noch ein letztes Mal zu Harry um und sagte dann entschlossen: „Wir werden dir helfen, ob du es willst oder nicht." Dann verließ sie mit Ron die Wohnung.
Der Schwarzhaarige starrte stur auf den Boden, während Draco sich ihm noch einmal zuwandte. „Sie hat Recht", sagte er leise. „Ich werde nicht aufgeben, Harry. Du hast mir einmal versprochen, dass du mich vor meinem Vater beschützen wirst, falls ihm jemals die Flucht gelingt. Hermine hat mir erzählt, dass er vor Jahren aus Askaban geflohen ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er was mit dieser Sache zu tun hat und ich verspreche dir, ich werde herausfinden was hier vor sich geht und ich werde dich vor ihm beschützen."
Mit diesen Worten trat Draco aus der Wohnung und schloss die Tür hinter sich.
Fortsetzung folgt…
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Im nächsten Kapitel gibt es dann wieder eine Rückblende die klar machen wird wieso Damian bei Lucius aufwächst und was eigentlich beim letzten Kampf mit Voldemort geschehen ist.
Bis zum nächsten Mal! Lg jezzi85
