Besorgnis und Angst

Während ich durch die Flure jagte, breitete sich eine Angst in mir aus, wie ich sie selten zuvor erlebt hatte. Nur am Rande nahm ich war, dass mein Wutausbruch von eben mir wohl die Möglichkeit verschafft hatte, in das menschliche Gedächtnis genauso leicht einzutauchen wie in das eines jeden anderen Lebewesens. Nichts davon interessierte mich. Die Sorge um Saphira fraß mich von innen heraus auf. Ich schleuderte um die nächste Ecke, direkt in Charlie hinein.

„Ah, Bella da bist du… Bella? Was ist passiert?", fragte er entsetzt, als er meinen Gesichtsausdruck bemerkte.

„Ich weiß nichts genaues, Charlie. Aber wir müssen schnellstmöglich zu dir nach Hause. Können wir sofort losfahren?" Ich merkte, wie meine Stimme in ein Flehen überging.

„Ähm, ja. Natürlich! Komm", sagte mein „Onkel" sofort. Ich war erleichtert. Keine lange Fragerei, keine Besorgnis, jedenfalls noch nicht. Einfach nur der Wunsch mir, oder in diesem Fall Saphira, zu helfen.

Ich rannte zum Parkplatz und Charlie folgte mir so schnell er konnte. Keuchend stieg er ein und fuhr los. Obwohl er Polizeichef war, interessierten ihn die Straßenbestimmungen herzlich wenig und stillschweigend dankte ich ihm dafür. Vor seinem Haus sprang ich aus dem Auto, bevor es überhaupt zum Stehen gekommen war. Arya wartete tatsächlich schon, die Lage war also ernst!

Ich fragte nicht, dazu war später genug Zeit. Jetzt zählte nur Saphira. Das Portal war schon geöffnet und ohne einen Blick zurück ging ich hindurch. Diesmal brach ich nicht zusammen, unter den Eindrücken. Ich war es wieder gewohnt und ich war dankbar für jede Sekunde, die es mir schenkte. Jede Sekunde, die mich früher zu Saphira bringen würde.

„Era! Bitte warte! Wir müssen reden", rief Arya hinter mir.

„Nein! Wo ist Saphira?" Keine Antwort. „Arya bitte! Wo ist Saphira?"

„Bei Oromis. Er hat sie gefunden und seine Hütte war am nächsten."

Ihre Stimme war so leise. Leise, als ob sie von einer Toten sprechen würde. Aber das konnte nicht sein! Saphira war nicht tot, dass wusste ich einfach. Ich hätte es gespürt!

„ERA", schallte es hinter mir, doch ich achtete einfach nicht darauf. Mir war egal, ob ich unhöflich war. Mir war egal, dass sie mir eigentlich helfen wollte. Mir war alles egal! Nur Saphira zählte!

Es kam mir vor, als würde ich Stunden durch den Wald laufen, aber es dürften nur ein paar Minuten gewesen sein. Von weitem sah ich schon die Lichtung und durch die Bäume drang ein blaues Funkeln. Saphira! Ich bremste vor ihr und lies mich auf die Knie fallen. Sie regte sich nicht und ihre Augen waren geschlossen. Sie konnte doch nicht tot sein? Das war einfach unmöglich!

Ein Schrei entrang sich meiner Kehle. Und dann begann ich zu schluchzen. „Saphira… nein… Saphira, tu das nicht! Verlass mich nicht!" Ich umschlang ihren Hals soweit ich es konnte.

Plötzlich erklang eine Stimme hinter mir und eine Hand legte sich beruhigend auf meinen Rücken. „Sie ist nicht tot, Eragon. Noch nicht. Aber sie hat schwere Verletzungen davongetragen, bevor wir eingreifen konnten."

Langsam blickte ich auf. Oromis stand hinter mir und sah mich an. Zum ersten Mal seit langem war sein Gesicht nicht von einem leichten Lächeln erhellt.

„Warum habt ihr sie nicht geheilt? Warum ist sie bewusstlos?" Oromis lächelte traurig. „Keiner war stark genug. Keiner hatte genug Energie, selbst alle zusammen haben es nicht geschafft. Diesmal ist es aussichtslos. Es tut mir so Leid!"

„Eragon, ich glaube du musst dich auf einen Abschied vorbereiten.", grollte eine tiefe und traurige Stimme durch meine Gedanken. Auch Glaedor war zu uns getreten.

„Nein! Verdammt nochmal NEIN", schrie ich.

Und wieder blitzte etwas in der Sonne. Es war nicht der blaue Schimmer der von den Schuppen ausging, die nicht mit Blut bespritzt waren. Eine riesige Wunde, die mir erst jetzt auffiel, war auf ihrer gesamten linken Seite, die der Sonne entgegen gestreckt lag. Das Blitzen war von dunklerer Natur, also konnte es auch nicht von Glaedors goldenen Schuppen ausgehen. Obwohl es eigentlich bedeutungslos hätte sein müssen, blickte ich mich um. Nach einem Moment des Suchens erkannte ich wo es herkam. Es war Broms Ring, den er mir vererbt hatte.

Auch ihn hatte ich verloren, wie auch meine Mutter und meinen Onkel. Ich würde nicht zulassen, dass auch Saphira von mir ging! Noch immer starrte ich auf den Ring. Der Ring. Ahren, das einzige Erbstück meines Vaters. Der Ring, den Brom als Elfenfreund bekommen hatte. Der Ring auf dem Brom… Der Ring auf dem Brom Kraft angesammelt hatte! Über viele Jahre hinweg! Wie konnte ich nur so dumm sein? All die Minuten, die ich Ahren angestarrt hatte, starb Saphira unter meinen Händen weg. Ich wusste was ich zu tun hatte.

Ich zog den Ring aus, was Oromis und Glaedor, die immer noch hinter mir standen, nicht bemerkten. Ich nahm ihn in die linke Hand und hob die Rechte, auf der die Gedwëy Ignasia war, auch wenn sie nicht sichtbar war, durch den gleichen Trick verdeckt den auch Brom genutzt hatte, denn auf der Erde wäre dieses Merkmal viel zu auffällig gewesen. Dies bemerkten Drache und Reiter hinter mir!

„Era, bitte. Es hat keinen Zweck!", bat Oromis und Glaedor meinte: „Vergeude nicht deine Kraft, junge Reiterin!"

„Wenn ich es nicht tue, dann bin ich auch keine Reiterin mehr. Wenn ich es nicht versuche, gewinnt Galbatorix!"

Und dann sprach ich die einzigen Worte, die mir jetzt einfielen. Es war keine sichere Formel und doch wusste ich, dass es funktionieren würde! „Waise héil!" Meine Hand leuchtete und langsam, ganz langsam, fing sich Saphiras Wunde an zu schließen.

Nach einer Weile spürte ich meine Kräfte schwächer werden, doch nun kam der Ring zum Einsatz. Ich entzog dem voll aufgeladenem Stein seine Energie und übertrug sie auf die Heilung. Nun glühte auch meine linke Hand in dem dunklen Moosgrün des Steins.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß und heilte, aber der Stein gab mir seine letzte Energie, und langsam erlosch meine Magie. Die Wunde auf Saphiras Seite war geschlossen, aber noch immer war sie nicht erwacht. Doch ich sah, wie sich Saphiras Atmung wieder einstellte und Erleichterung ergriff mich.

Langsam drehte ich mich um und sah in Glaedors, Oromis und Aryas Augen, die hinzugekommen war. Alle starrten sie mich an, mit derselben, stummen Frage. Ich lächelte erschöpft. „Du hattest Recht, Arya! Durch dich habe ich die Kraft in Ahren für einen Notfall aufgehoben. Brom hat Saphira gerettet, sein letztes Geschenk an mich war ihr Leben!"

In ihren Augen sah ich noch immer etwas Verwirrung. Daher öffnete ich meine Hand und Broms Ring fiel auf den Boden. Das letzte was ich wahrnahm, war das Verständnis in ihren Augen, dann wurde alles schwarz.

„Wie geht es ihr? Ist sie immer noch bewusstlos?", fragte eine mir bekannte Stimme, die ich jedoch trotzdem nicht zuordnen konnte.

„Sie kommt wieder auf die Beine. Sie hat sich nur überanstrengt!"

Blinzelnd öffnete ich die Augen. Helle Lichter blendeten mich, stachen in meine Augen. Aber ich schloss sie nicht. Ich blinzelte noch ein paar Mal, aber schließlich war alles scharf. Ich wusste nicht was passiert war. Obwohl ich meine Umgebung fühlen konnte, war es in mir eigenartig leer.

Vor mir standen Oromis und Charlie und unterhielten sich leise. Ich brummte leise, was sie dazu veranlasste sich zu mir umzudrehen. „Era!", stieß Charlie erleichtert aus. Er zog sich einen Stuhl heran, genauso wie Oromis. Mein Lehrer hatte immer noch nichts gesagt.

Ich wartete geduldig. Nach ein paar Minuten begann er zu sprechen. „Eragon, was du getan hast war sehr leichtsinnig. Dir muss klar gewesen sein, dass deine Kraft nicht reichen würde! Und du wusstest nicht, wie viel Kraft genau in Ahren war. Es hätte zu wenig sein können. Du hättest dich umbringen können."

„Aber Oromis-Elda, ohne Saphira wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden und hätte sowieso versucht mich umzubringen. Also war es doch die richtige Entscheidung!"

„Nein, Finiarel, das war es nicht! Wenn du zu viel Kraft auf Saphiras Heilung angewandt hättest, hätte sie vielleicht überlebt und DU wärst dann tot! Würdest du ihr das antun wollen?"

Ich blickte beschämt zu Boden. „Nein, Oromis-Elda. Ihr habt Recht. Aber ich musste es einfach probieren."

Oromis sah mich kurz tadelnd an, sagte dann jedoch mit sanfterer Stimme: „Ich verstehe, bitte dich jedoch das nächste Mal zuerst über die Konsequenzen nachzudenken."

Inzwischen wusste ich auch wieder was geschehen war und eine Frage brannte mir auf den Lippen. „Was ist mit Saphira? Hat sie es geschafft?"

Es wurde still im Raum. Entsetzen machte sich in mir breit. War sie etwa tot? Hatte ich es doch nicht geschafft? Ich war mir so sicher gewesen!

„Ich werde es dir zeigen", antwortete Oromis schließlich. Er blickte Charlie fragend an. Dieser nickte, erhob sich und kam zu mir, um mich zu stützen. Erst wollte ich dankend ablehnen, bis ich merkte, dass ich die Hilfe dringend nötig hatte. Ich war schwach auf den Beinen und es kostete mich große Mühe, mich zu bewegen.

Ich lag nicht in dem Zimmer in meinem Baumhaus, worüber ich unheimlich froh war. Es war unwahrscheinlich, dass ich den Weg nach unten geschafft hätte. Verblüfft stellte ich fest, dass ich in einem Raum in der Tialdarí-Halle der Elfen geschlafen hatte.

Wir durchquerten einige Flure und kamen vor einer Tür an. Oromis drehte sich zu mir. „Era, in diesem Raum liegt Saphira. Bitte bleib ruhig. Wir werden dir alles erklären!" Wenn es überhaupt noch möglich war, wurde meine Angst noch größer. Was war nur mit ihr los?

Vorsichtig öffnete ich die Tür und trat ein. Da lag sie. Saphira atmete, aber ihre Augen waren geschlossen. Es roch etwas seltsam und in einer Ecke sah ich eine elfische Heilerin, die eine grünliche Masse herstellte.

„Was ist mit ihr?" Meine Stimme war deutlich zu vernehmen, in der Stille, die eingetreten war.

„Du hast zwar ihr Leben gerettet, aber sie liegt im Koma", flüsterte Arya, die aus den Schatten trat.