Der Bezirksstaatsanwalt machte eine langsame, schrittweise Erholung. Schließlich wurde er von seinem Beatmungsschlauch befreit; seine Lungen hatten sich regeneriert und waren endlich stabil genug, um wieder ohne Hilfe zu funktionieren. Die Narbe, die seine feine Haut überzog würde er jedoch niemals wieder loswerden. Die Hämatome die sich rund herum gebildet hatten, waren eine fleckige Mischung aus lila und grünlichen Farbtönen und nach über einer Woche im Krankenhaus, bedeckten sie immer noch ein Drittel seiner Brust. Der bloße Anblick machte Hirato rasend vor Wut. Und doch blieb er stets wachsam. Seine Kristall-Augen beobachteten jedes Mal unerschrocken hinter der Glaswand, wenn medizinische Assistenten kamen, um seine Bandagen zu wechseln oder eine Reihe weiterer Tests durchzuführen. Es ist das Mindeste, das ich verdiene, dachte er bitter, genau ansehen zu müssen, welchen Schaden ich angerichtet habe.

Im Leben gibt es so gut wie keine Sicherheiten, selbst nicht für einen außergewöhnlich talentierten und charismatischen Mann wie der brillante Strafverteidiger mit dem tintenschwarzen Haar es war. Doch er war sich sicher, dass jegliche Nachsicht, die Akari ihm zugestand, ihn nicht dazu bewegen könnte, sich selbst zu verzeihen.

Seine Schuld zu erleichtern, mochte sich vielleicht als unmöglich erweisen, doch seinen Durst nach Rache zu stillen, lag sehr wohl im Bereich des Machbaren.

Um dieses spezielle Ziel zu erreichen, hatte er sich einen extrem straffen Zeitplan auferlegt. In den frühen Morgenstunden würde er im Büro arbeiten, sich mit seinen vielen Klienten treffen oder Mandate mit seinem Team aus Rechtsanwaltsgehilfen durchgehen. Es war schließlich unerlässlich, eine überzeugende Show vor Azana abzuziehen. Jetzt den entscheidenden Vorsprung zu verlieren, könnte den launischen 2. Bürgermeister dazu veranlassen, woanders nach rechtlichem Beistand zu suchen – ein inakzeptables Ergebnis.

Die Abende wurden immer im Krankenhaus verbracht, unabhängig davon, ob Akari seine Gesellschaft begehrte (oder wollte).

Für einen selbst-ernannten Griesgram, war der Strafverfolger dennoch unglaublich beliebt. Eines Nachmittages, kehrte Hirato mit „Mexicanas" im Schlepptau in das medizinische Zentrum zurück und fand Gareki, Yogi, Eva und Jiki in dem Zimmer seines Geliebten vor. Er vermutete, dass heute der Abend sein würde, an dem Jiki und Eva, Akari den Plan für seine persönliche Sicherheit unterbreiten würden.

Ein gaunerhaftes Grinsen umspielte seine Lippen, als er sich die Reaktion des Blonden ausmalte. Das sollte interessant werden.

Er stolzierte herein und zog sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Anstatt die versammelten Personen zu begrüßen, richtete er das Wort an Akari. „Ich hab dir dein Lieblings-Mexicana mitgebracht", sagte er und hielt die Becher mit Designer-Kakao nach oben. „Mediterraner Mexicana! Also, sei nett, okay?"

„Das ist dein Favorit! Und außerdem hast du mir versprochen, dass du dich heute fern hältst, wenn ich gestern nett zu dir sein würde." Diese frustriert klingende Stimme war dabei, ihre ursprüngliche autoritäre Wirkung zurückzuerlangen, was Hirato dazu veranlasste noch breiter zu grinsen.

Er kicherte leise, als er Evas ungläubige Augen registrierte, die auf ihn verweilten. Ihr Gesichtsausdruck war mühelos zu entschlüsseln: Ich hab dir ja gesagt, dass das nicht funktioniert.

„Gut", sagte er und nahm einen großen Schluck. „Mehr für mich."

Akari schnaubte und verschränkte die Arme vor seiner Brust, sein Blick verengte sich in Verärgerung.

„Was ist der Anlass für die Party?" fragte Hirato die Gruppe.

Jiki sprach zuerst, seine Stimme abgehackt und ernst, so wie es einem Polizeiinspektor ähnlich sah. „Eva und ich sind gerade eingetroffen. Wir sind hier, um mit Staatsanwalt Akari Dezart über seine persönliche Sicherheit nach seiner Entlassung zu sprechen.

Die Arme des Strafverfolgers flogen aufgebracht nach oben „Erstens, richtet eure Antworten nicht an Hirato. Er ist nicht mein Aufseher. Und zweitens, bin ich sicher genug-."

„-wenn du „zu Hause" sagen willst, dann besitzt du definitiv nicht den überwältigenden Intellekt, den man dir nachsagt", unterbrach ihn sein Nicht-Aufseher, der genau wusste, was der im Bett liegende Mann sagen wollte.

„Niemand hat dich nach deiner Protozoen-Meinung gefragt, danke", fuhr der Blonde unbeirrt fort. „Was ich sagen wollte war, dass ich sicher genug zu Hause mit einer Polizeieskorte sein würde."

Das Schmunzeln eines köstlich amüsierten Brünetten machte deutlich, dass das Anfordern einer Polizeieskorte die direkte Reaktion auf die Tatsache war, dass Hirato seinen Intellekt anzweifelte. Akari wurde noch gereizter als zuvor, wenn das überhaupt noch möglich war.

„Wir würden es vorziehen, wenn Sie andere Vorkehrungen treffen würden, Sir. Ihre Privatadresse ist unter den Anwohnern dieser Stadt wohlbekannt und viel zu unsicher. Alternativ können wir Sie temporär in Polizeigewahrsam nehmen", teilte ihm Jiki übertrieben dienstbeflissen mit und ließ den drohenden Blick seines Gesprächspartners völlig außer Acht. „Also bitte kooperieren Sie."

In der darauffolgenden Stille musste Yogi kräftig schlucken, seine lavendel-farbenen Augen sprangen nervös zwischen seinem Vorgesetzten und dem Inspektor hin und her. „D-D-Du kannst bei mir wohnen", offerierte der junge Anwalt und zweifellos hoffte er, dass sein Vorschlag abgelehnt werden würde. Selbst in seinem lahmgelegten Zustand, war Akaris Fähigkeit, unter seinen Angestellten Furcht zu verbreiten, vollkommen intakt.

„Oder bei mir", fügte Gareki hinzu. „Wenn es dir nichts ausmacht, in einem Schuhkarton zu leben."

Nur Hirato bemerkte es, denn nur er beobachtete den bettlägerigen Blonden so aufmerksam, aber Akari war von dieser Geste ziemlich gerührt. Seine kristallklaren Augen weiteten sich ein wenig, und für einen kurzen Augenblick entspannte sich die Falte zwischen seinen Augen. „Ich weiß das wirklich sehr zu schätzen, doch ich möchte euch lieber nicht derartige Unannehmlichkeiten bereiten."

„Dann bereite mir Unannehmlichkeiten", sagte Hirato, woraufhin Yogi vor Schock die Kinnlade herunterklappte und Evas Lippen zuckten. „Meinen alltäglichen Ablauf durcheinander zu bringen, dürfte dir sicherlich nicht so schwer auf dem Gewissen liegen."

„Den Teufel werd ich tun! " lehnte der Strafverfolger radikal ab. Der für ihn ungewöhnlich derbe Ton ließ keinen Verhandlungsspielraum zu.

Nun lag es an Eva, etwas zu sagen. „Um ehrlich zu sein, haben Jiki und ich es Hirato vorgeschlagen. Wir dachten, dass du dort am Sichersten sein würdest, wo niemand darauf kommen würde, nach dir zu suchen. Er hat jede Menge Platz und du würdest nicht lange dort bleiben müssen."

„Seh ich wie ein Idiot aus?" erkundigte sich Akari, jede grobhumorige Silbe strotzte vor Sarkasmus." Das hier trägt doch die eindeutige Handschrift von einer von Hiratos Spielchen."

„Akari…", beschwichtigte ihn Eva bevor sie von Hirato abgeschnitten wurde.

„Was in aller Welt hätte ich denn davon, so einen mürrischen Hausgast bei mir aufzunehmen?"

„Oh bitte! Wir wissen beide, was du im Schilde führst", fauchte Akari.

„Tun wir das?" Natürlich tun wir das. Der Brünette wäre vor Verzückung taumelnd umgefallen, würde er nicht gerade eine Rolle spielen. Selbstverständlich wussten sie beide sehr genau über Hiratos Absichten Bescheid (über die Lüsternen jedenfalls) –schließlich hatte er erst vor wenigen Tagen versucht, den Blonden direkt auf seinem eigenen Büroschreibtisch zu vernaschen. Wieviel der Strafverfolger von diesem kleinen Intermezzo für angebracht hielt preiszugeben, blieb abzuwarten. Würde der andere Mann die Tatsache offenlegen, dass immer noch sexuelle Anziehung (mindestens) zwischen ihnen bestand? Oder würde er ausweichen? Du bist am Zug, Akari.

„Hör mal, Eva." Der Patient richtete seine Aufmerksamkeit auf seine ehemalige Schülerin. „ Ich weiß, dass du versuchst mich zu schützen, doch mich bei Hirato unterzubringen, wird sich diesbezüglich als ineffektiv herausstellen."

„Warum?" fragte Jiki, ein Ausdruck völliger Verwirrung zog sich über seine markanten Gesichtszüge. „Es erscheint mir als ziemlich effektiv."

Akari drückte seine Fingerspitzen zwischen die Stirn, augenscheinlich mit seiner Weisheit am Ende und viel zu erschöpft um weiter zweideutig zu reden, nicht einmal in Anwesenheit seiner Besucher. „Weil er versucht, mich zu vögeln", maulte er, woraufhin der Polizeiinspektor zusammenschrak und Hirato in spöttisches Gekicher ausbrach.

„Oh, du armer, armer Mann, " sagte Hirato inmitten zwanghafter Lacher. „Naivität steht dir nicht im Geringsten." Er schritt auf den Strafverfolger zu und lehnte sich nah an ihn heran, seine Lippen strichen leicht an einer Ohrmuschel entlang. Lange Finger krallten sich an dem Seitengestell des Bettes fest, als Akari versuchte, den daraus resultierenden stoßartigen Atemzug zu unterdrücken. Als der Brünette jedoch sprach, war es laut genug, so dass alle anwesenden Parteien es verstehen konnten. „Denkst du, es gäbe in deinem Bekanntenkreis viele Personen, die nicht versuchen würden, dich zu vögeln?" Wieder lachte er in sich hinein und ließ bewusst seinen warmen Atemzug über die nun errötete Haut streichen. „Okay, außer Yogi vielleicht", räumte er ein, während seine Stimme etwas lauter wurde und sein durchdringender Blick den nervösen Jugendlichen fixierte – eine unmissverständliche Warnung. „Zu seinem Leidwesen, scheint er auf meinen Bruder zu stehen."

„Hirato!" Garekis Aufschrei durchbrach das gedämpfte Gemurmel, dass auf diese Enthüllung folgte. „Lass den großen Bruder Scheiß sein. Darin bist du mies."

„Liege ich etwa falsch, Yogi?" trällerte der Anwalt, erfreut darüber, dass er jeden in diesem Raum so einfach aus der Fassung bringen konnte. Yogi trat bloß unsicher und von einem Fuß auf den anderen und wandte seinen Blick ab, völlig ratlos darüber, wie er auf die Frage reagieren sollte. Eine bejahende Antwort, würde Hiratos Zorn schüren, es zu verneinen, würde Gareki kränken.

„Genug!" Akaris eisige Abmahnung schnitt durch die gespannte Stille. Vulgäre Ausdrücke von den Lippen seines Ex-Geliebten zu hören, ließ einen Schauer über seinen Rücken laufen, und er hasste sich selbst dafür. Und in Kombination mit der Art wie Hirato das Wort „fuck" aussprach – so als wenn er in Gedanken schon dabei wäre – war es kein Wunder, dass Akari dunkelrot anlief. „Nicht jeder ist ein schamloser Lüstling", brachte er nach einigen verhaltenen Atemzügen hervor.

Hiratos Coup de Grâce wurde bereits eine Woche im Voraus geplant, mustergültig, optimal abgestimmt, um all die eklatanten Neigungen des Strafverfolgers zu provozieren - seine Vorliebe für Herausforderungen, die Verabscheuung von Schwäche (insbesondere seiner Eigenen) , Ekel vor sich selbst dafür, dass er Hirato begehrte, und vielleicht eine Abneigung gegen Hirato im Allgemeinen. „Vielleicht hast du Recht. Auch wenn du mich nun zu dem faszinierendem Fazit bringst, dass du die vernünftigste Herangehensweise ablehnst, da du fürchtest, meinem Charme nicht widerstehen zu können." Ein siegessicheres Grinsen zauberte sich auf seine Lippen. „Verstehe ich das richtig, Akari?"

Akari gab anschließend ohne großen Widerstand sein Einverständnis zu der vorgeschlagenen Unterkunft.