Kapitel 1.08 – Der Panther
- 22.07.2001 -
Severus erwachte früh. Sehr früh sogar. Vom halb geöffnetem Fenster zog kühle Luft in sein Zimmer und es kostete ihn einiges an Überwindung, aufzustehen und es zu schließen. Danach allerdings sah er keine Notwendigkeit mehr darin, ins Bett zurückzukehren. Also schlug er gleich den Bogen zum Bad und beschloss, Hermine lieber aus dem Weg zu gehen.
Es war still im Haus, als er später in der Küche saß. Mit flinken Fingern notierte er sich einige Ideen und Vorhaben zu seinen Tränken. Wenn Albus ihnen genug Zeit in diesem Haus ließ, würde er möglicherweise sogar ein Buch aus seinen Experimenten zusammenfassen können. Dieser Gedanke ließ ein flüchtiges Lächeln auf seine Lippen treten und beiläufig eine Scheibe Toast kauend, schrieb er noch ein paar mehr Zeilen auf.
Schließlich klappte er das Buch zu, stellte sein Geschirr weg und trank den letzten Rest des Earl Grey Tees, bevor er die Küche wieder verließ und sein Zimmer ansteuerte. Es wurde Zeit, dass er sich wieder seiner Therapie zuwandte, auch wenn ihm der Gedanke nicht gefiel. Allzu genaue Erinnerungen heraufzubeschwören verbot er sich in diesem klaren Zustand, auch wenn sie ihm nicht sehr zusetzen würden. Aber er wusste durchaus noch, dass es nicht besser, sondern immer schlimmer geworden war. Die falschen Erinnerungen um Hermine waren nur der Anfang gewesen.
Er hatte es jedoch geschafft, dieser Methode einen Riegel vorzuschieben. Nach diesem einen Mal hatte Lucius es niemals wieder geschafft, ihn damit zu verletzen. Und so wie die Dinge standen, würde er es auch niemals wieder schaffen.
Dennoch, als Hermine am obersten Treppenabsatz plötzlich vor ihm stand, glaubte Severus zuerst, sein Alptraum wäre wahr geworden. Zumindest sah sie ähnlich müde und erschöpft aus. Deswegen hielt er es für schlauer, sich zurückzuhalten. „Miss Granger", sagte er unverbindlich und sparte sich einen Guten Morgen-Gruß.
„Professor Snape", erwiderte sie ebenso steif.
Severus konnte es sich nicht verkneifen, ein paar Sekunden länger als nötig in ihrem Weg stehen zu bleiben, ehe er einen großen Schritt zur Seite tat, sein Notizbuch im besten Schulmädchenstil vor dem Körper hielt und ihr mit den Blicken folgte, während sie beinahe stolz die Treppe hinabstieg.
Hermine Granger hatte sich wirklich zu einer harten Nuss entwickelt. Und er konnte nicht leugnen, dass es auf eine gewisse Art Spaß brachte, sie zu knacken.
- 26.04.2001 -
Severus schrak aus einem unbequemen Schlaf, als die Tür entriegelt wurde. Die Ketten hatten seine Handgelenke inzwischen aufgescheuert und wenn er den Kopf weit genug drehte, konnte er an einer Stelle bereits den Knochen sehen.
Seine Muskeln waren steif und überbeansprucht, er zitterte unkontrolliert vor Kälte und Erschöpfung und sein Magen schwankte zwischen Hunger und Übelkeit. Durst war die einzige Konstante.
Nachdem er einige Male geblinzelt hatte, schärfte sich sein Blick. Es war Draco, der den Raum betreten hatte. Severus stöhnte und schüttelte den Kopf.
Der blonde Junge drehte sich ihm zu. „Sagen Sie bloß, Sie freuen sich nicht, mich zu sehen, Sir?" Ein Grinsen umspielte seine Lippen.
Severus kniff die Augen zusammen und fixierte den Blick, der ihm aus den schwarzen Pupillen mit dem hellen Kranz zuteil wurde. Er war zweifelhaft genug, um den Tränkemeister die Stirn runzeln zu lassen. Dann sah er hinab zu den Händen seines ehemaligen Schülers und die Ahnung wurde zur Gewissheit, als er sie zittern sah.
Draco wich seinem Blick aus und angelte eine Flasche Wasser aus der Tasche. Mit langsamen Schritten kam Draco auf ihn zu. „Und? Freuen Sie sich, mich zu sehen, Sir?"
Severus schnaubte. „Verdammt, ja." Er folgte Dracos Bewegungen, soweit ihm dies möglich war. Der Blonde öffnete die Flasche und hielt sie Severus an die Lippen. Er kippte nicht zu schnell, aber doch schnell genug, dass einiges vorbei und über seine nackte Brust lief. Severus erschrak kurz darüber, dann allerdings nahm er es hin und konzentrierte sich auf die entspannende Feuchtigkeit, die seinen Hals beruhigte.
Erst als die Flasche geleert war, setzte Draco sie wieder ab. Er deutete mit seinem Zauberstab darauf und verwandelte sie in einen Metallstab, der kurz darauf rot zu glühen begann. Severus' Augen weiteten sich überrascht.
„Nun, ich freue mich nicht." Diese Worte waren sehr leise gesprochen.
„Draco…"
„Nein!" Der junge Mann trat wieder vor seinen ehemaligen Lehrer. „Hören Sie mir nur zu!"
Severus starrte ihn perplex an, nickte aber zustimmend.
Daraufhin wanderte er wieder an ihm vorbei und ging neben Severus' rechtem Bein in die Hocke. „Ich habe immer gewusst, dass Sie Dumbledores Spion waren. Und ich habe immer geglaubt, dass Sie mich aus diesem Wahnsinn rausholen würden."
Der Stab kam mit Severus' Knöchel in Berührung und er zuckte erschrocken zurück. Ansonsten ließ er keine Reaktion nach außen treten.
„Halten Sie still, verdammt!", zischte Draco dennoch und fasste ohne zu zögern nach seinem Bein. Dann fuhr er fort mit was immer er dort auch tat. „Es stand sicherlich nicht im Plan, dass Vater entdecken würde, was Sie taten. Es tut mir leid, dass ich Ihren Plan zerstörte, Sir."
Severus riss seinen Kopf herum (und bereute es, denn sein Genick knackte schmerzhaft). „Wovon sprichst du?", brachte er heiser hervor.
Draco sah auf, schien aber nicht mal entfernt daran zu denken, seinen Platz zu verlassen. „Diese Erinnerung, die Vater Ihnen zeigte… Ich war derjenige, der sich im Raum befand und es beobachtete. Es tut mir leid." Dann wandte er den Blick wieder ab und spielte weiter mit dem Metallstab an Severus' Bein herum.
Doch dieser bekam die Schmerzen nur am Rande mit. Die Möglichkeit, dass ausgerechnet Draco seine Tarnung zumindest zum Teil hatte auffliegen lassen, wollte noch nicht so recht in seinen Verstand. „Warum?", fragte er deswegen irgendwann und kam sich das erste Mal in seinem Leben wirklich dumm vor. Er verstand es nicht.
Draco schnaubte in einer Art, die Severus sehr an sich selbst in dem Alter erinnerte. Damals besaß er schon das Dunkle Mal. Hatte Draco auch eines?
„Ich wollte sehen, was Sie mit Granger jeden Abend da unten tun. Ich meine, ich wusste, dass Sie Dumbledores Spion waren, aber…" Er beendete den Satz nicht. Und das war auch nicht nötig. Severus wusste auch so, worauf er hinauswollte.
„Muss eine herbe Enttäuschung gewesen sein", schnarrte Severus.
„Ja, das war es wirklich", murmelte Draco sarkastisch.
Einige Minuten schwiegen sie und Severus versuchte zu ignorieren, dass Draco ihm mit der Begeisterung eines kleinen Kindes seine Haut verbrannte. Die Luft stank erbärmlich.
„Hat Lucius dich hergeschickt?"
„Nein. Ich kam freiwillig."
„Um dich zu rächen?"
Nun stand Draco doch auf, und zwar so schnell, dass Severus regelrecht erschrak. Der Junge lief um den gefesselten Mann herum und blieb so dicht vor ihm stehen, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. „Glauben Sie das wirklich, Sir?", zischte er gereizt.
Severus blinzelte müde. „Nein", antwortete er dann wahrheitsgemäß.
Draco nickte und entspannte sich wieder. „Gute Antwort." Dann kehrte er zu seiner Arbeit zurück. „Ich kam freiwillig, damit wir ungestört sind. Wäre Vater auf den Dreh gekommen, hätte er mir dabei zusehen wollen und das alles hier wäre sinnlos gewesen."
Severus umfasste die Ketten, um sich aufrecht zu halten, während sein Bein stärker zu zittern begann. Es fühlte sich inzwischen so an, als würde Draco sich bis auf den Knochen durcharbeiten. Ein Brandmal auf Raten.
„Was wäre sinnlos gewesen?", fragte er, als er die Kontrolle über seinen Körper und die Schmerzen halbwegs wiedergewonnen hatte.
Draco antwortete nicht. Und Severus war clever genug zu warten. Nach ein paar weiteren Minuten lehnte sich der jüngste Spross der Malfoys zurück und nickte zufrieden. Der Metallstab erkaltete wieder und er legte ihn unbeachtet beiseite. „Das hier."
Severus drehte seinen Kopf halb unter dem rechten Arm durch und Draco half ihm, indem er kurzzeitig die Fesseln um sein Bein löste. Er hielt es nicht lange durch, die freie Sicht auf sein Fußgelenk zu halten, doch es reichte, um die Formen eines Tieres, einen Panther zu erkennen. Etwas ungelenk und nicht wirklich formschön, aber die Brandmale, angeordnet wie ein detailliertes Sternenbild, waren definitiv als Panther zu identifizieren.
„Ich hätte mit einer Schlange gerechnet", sagte Severus trocken.
Draco rümpfte die Nase. „Zu einfach." Der Junge machte eine Bewegung mit dem Zauberstab und die einzelnen verbrannten Punkte verteilten sich über Severus' Körper. Überrascht von so viel Schmerz an verschiedenen Stellen, stöhnte der Tränkemeister auf. „Ich bedaure, dass ich das Mal nicht vollständig lassen kann. Es wäre zu auffällig."
Severus sah ihn missmutig an. „Allerdings."
Der Blonde kam wieder dicht an ihn heran, dieses Mal aber ruhig und besonnen. „Versprechen Sie mir, dass Sie nicht aufgeben werden, Sir. Es wird Sie jemand hier rausholen."
„Wer sollte mich schon hier rausholen?"
„Unwichtig. Es wird jemand kommen, dafür werde ich sorgen. Aber auch das hat keinen Sinn, wenn Sie vorher den Löffel abgeben. Also lassen Sie das besser bleiben."
Severus lachte freudlos auf. „Kaum zu glauben, dass ich den Anweisungen eines Schülers Folge leisten will", knurrte er.
Draco grinste zufrieden. „Ich hätte auch nicht erwartet, dass ich Sie jemals nackt zu Gesicht bekommen würde." Und seine Blicke wanderten vielsagend an Severus' Körper hinab.
Dieser räusperte sich und gab sich die beste Mühe, seine Augenbraue auf die altbekannte Art zu heben.
„Oh, keine Angst. Ich bin beeindruckt." Das Grinsen wurde noch breiter.
„Sieh zu, dass du Land gewinnst!" Bei diesen Worten rasselte der Tränkemeister drohend mit den Ketten.
Einen Moment lang schien es, als wolle Draco Kontra geben, doch dann besann er sich eines Besseren. „Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht, Sir. Ich werde darauf zurückkommen." Dann drehte er sich um, machte einen letzten Schlenker mit dem Zauberstab, woraufhin der Raum wieder sauber und mit frischer Luft gefüllt war, und verließ die Zelle.
- 22.07.2001 -
Severus kämpfte sich hartnäckig in die Realität. Er brauchte eine Pause. Keine weitere Erinnerung in diesem Moment.
Es dauerte ein paar Minuten und als er endlich die Augen aufschlug, war seine Stirn schweißbedeckt. Schwer atmend setzte er sich auf und wankte durch den Raum. Seine Hand traf laut auf die Türklinke, die Tür selbst flog mit einem heftigen Schlag gegen die Wand, als er sie ungestüm aufriss.
Immer wieder wollten sich schwarze Balken in sein Sichtfeld drängen und ihn zurück in den Schlaf ziehen. Der Trank war wirklich stark, die muskelentspannenden Komponenten gut vertreten. Er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten, und stolperte unkoordiniert die Treppen hinunter.
Es dauerte nicht lange, bis der Lärm Hermine auf den Plan rief. Alarmiert kam sie aus dem Wohnzimmer und starrte sein Treiben fassungslos an. „Was zum Teufel tun Sie da?", fragte sie scharf und griff widerstrebend nach einem Arm, als Severus am Fuß der Treppe ins Schwanken geriet.
„Beenden Sie es! Jetzt!", keuchte er atemlos.
„Was beenden?"
„Die Wirkung des Trankes. Ich muss… reden…" Mit pfeifendem Atem sank er auf die unterste Stufe und lehnte erschöpft den Kopf gegen eine Sprosse des Geländers.
Kurz darauf kniete Hermine vor ihm. „Ich kann die Wirkung nicht einfach beenden. Das ist ein wirklich unangenehmer Prozess. Sind Sie sicher, dass es nicht noch ein paar Stunden warten kann? Ich laufe nicht weg."
Er sah mit unkonzentrierten Blicken in ihr Gesicht. So klare Emotionen hatte er noch nicht darin gesehen, seitdem Hermine ihn befreit hatte. Sie schien mit sich zu ringen und gleichermaßen um ihn besorgt. Wirklich eine Medihexe, dachte er irgendwie zufrieden.
„Ich bin mir sicher, Miss Granger. Tun Sie es." Er würde jetzt keine weitere Erinnerung ertragen. Nicht ehe er mit dieser abgeschlossen hatte.
Einen Moment lang zögerte sie noch, dann nickte sie. „Okay. Bleiben Sie hier. Ich muss das Gegenmittel rasch zusammenmischen. Wird nicht lange dauern." Mit diesen Worten stand sie auf und verschwand aus Severus' Sichtfeld.
- - -
Eine Viertelstunde später kniff er schmerzerfüllt die Augen zu, während Hermine ihn ins Wohnzimmer führte. „Machen Sie bitte die Gardinen zu", stöhnte er gequält und lehnte sich gegen den Türrahmen, während sie ihren Zauberstab zog und seiner Bitte nachkam.
„Ich habe Sie gewarnt…", murmelte sie dabei missmutig und Severus linste durch ein halb geöffnetes Auge zu ihr hinüber.
„Ja, vielen Dank für diese Erinnerung." Sein Kopf brachte ihn beinahe um. Das Pochen, welches sich zwischen seinen Schläfen konzentriert hatte, war nicht mal im Ansatz mit einem Freitagnachmittag in Hogwarts zu vergleichen. Mit betont langsamen, vorsichtigen Schritten wanderte er zum Sofa hinüber und ließ sich darauf sinken.
Hermine ging auf den Sessel zu und setzte sich. Als er probeweise die Augen öffnete, sah er sie verhalten grinsen. „Wird es gehen, Sir?", erkundigte sie sich scheinheilig.
Severus grummelte unverständlich vor sich hin, bis er merkte, dass das Vibrieren seines Kehlkopfes sich bis zu seinem Kopf vorkämpfte und dort äußerst schmerzhafte Auswirkungen hatte. Lautlos stöhnend sank er in die Kissen zurück.
„Was gibt es denn nun so dringendes, dass es nicht bis heute Abend warten konnte?"
Severus verzog das Gesicht. „Wäre es Ihnen eventuell möglich, weniger laut zu sprechen? Ihre Stimme hat eine mir momentan unerträgliche Frequenz…"
Nun war es an seiner ehemaligen Schülerin, unverständlich zu murmeln. Dann stand sie auf, ging zu einer Vitrine hinüber und kehrte mit einer Flasche Feuerwhiskey und zwei Gläsern zurück. „Trinken Sie!", forderte sie flüsternd auf, stellte dafür aber die Flasche mit einem so lauten Schlag auf den Tisch, dass Severus zusammenzuckte.
„Danke", knurrte er, als der unvermittelt aufwallende Anflug von Schmerz vergangen war. Dennoch griff er nach dem Alkohol und trank einen großen Schluck davon. Er rechnete zwar nicht wirklich damit, dass es helfen würde, aber Alkohol war generell ein guter Anfang.
„Also, was soll das ganze Theater?"
Zu seiner Überraschung hatte sie wirklich ihre Stimme gedämpft und Severus öffnete blinzelnd seine Augen, versuchte sich auf das Thema zu konzentrieren. „Draco Malfoy", sagte er schlicht und leerte sein Glas.
Hermine erstarrte und richtete sich gerade auf. „Was ist mit ihm?"
Allein ihre körperliche Reaktion zeigte Severus, dass sie ihm einiges verschwiegen hatte. Missmutig deutete er ihr an, sein Glas erneut aufzufüllen, was sie mit mahlenden Kiefern tat. „Die gleiche Frage könnte ich Ihnen stellen, Miss Granger", sagte er dabei und sie sah ihn ausdruckslos an. „Er kam zu mir in meiner Gefangenschaft."
„Das wusste ich nicht", erwiderte sie, als Severus eine lange Pause machte.
„Oh, ich habe viel Besuch bekommen. Kaum einer war so angenehm wie seiner." Ein weiteres Mal verschwand der halbe Inhalt seines Glases in Severus' Mund, denn das Zeug half wirklich. Möglicherweise verursachte das Beenden des Trankes einen schlimmen Kater. Und er hatte schon mehr als einmal festgestellt, dass das beste Mittel gegen einen Kater mehr Alkohol war.
„Was hat er getan?"
Severus schürzte die Lippen. „Es geht vielmehr um das, was er sagte."
„Und das wäre?", seufzte sie, anscheinend genervt darüber, dass sie ihm alles einzeln aus der Nase ziehen musste.
„Er sagte, dass er dafür sorgen würde, dass mich jemand befreit." Daraufhin erwiderte sie nichts. Ihre Mimik blieb unbewegt und Severus ärgerte sich einmal mehr darüber, dass sie im Halbdunkel saßen und Hermine eine so unglaublich biestige, aber durchaus talentierte Schauspielerin geworden war. „Hat er Sie aufgesucht, Miss Granger?", fragte er schließlich geradeheraus.
„Spielt das eine Rolle?"
Severus nickte, was er auf der Stelle bereute. Stöhnend schloss er die Augen. „Es spielt eine sehr große Rolle", fügte er dann noch vorsichtig hinzu.
„Ich wüsste nicht warum", blockte sie sofort ab und stand auf.
Was Severus allerdings erst bemerkte, als sie bereits an der Tür war. „Miss Granger!", sagte er sehr laut und sehr scharf. Er hatte jetzt keine Zeit, sich auf diese vermaledeiten Kopfschmerzen zu konzentrieren.
„Was?", fragte sie ebenso laut zurück und er war überzeugt, dass sie ihrer Stimme absichtlich einen extra schrillen Unterton verlieh. „Was wollen Sie von mir wissen?"
„Ich will wissen, was mit Draco Malfoy passiert ist! Geht es ihm gut?"
Hermine hielt seinem Blick einige Sekunden stand, dann stöhnte sie resignierend auf, stützte sich mit einer Hand an der Wand ab und fuhr sich mit der anderen über das Gesicht. „Ich weiß es nicht. Möglicherweise…", brachte sie erschöpft hervor.
Nun stand auch Severus auf und ging langsam hinüber zu ihr. „Was wollen Sie mir damit sagen?" Seine Herzfrequenz hatte sich erstaunlicherweise erhöht. Er war es nicht mehr gewohnt, dass das Interesse, die Sorge gegenüber Menschen, die seinen Weg begleitet hatten, ihn so aufregte. Doch vielleicht waren das auch nur Nebenwirkungen des Trankes.
„Draco Malfoy ist tot, Sir."
Diese Worte trafen ihn hart, auch wenn er sie befürchtet hatte. Hermine sah ihm direkt in die Augen und er konnte nicht erkennen, ob es ihr leid tat oder nicht. Severus streckte eine Hand aus und stützte sich an der Wand ab. Seine Beine hatten erneut zu zittern begonnen.
Als Hermine diese Reaktionen seines Körpers bemerkte, fasste sie ihn stützend am Arm und legte diesen schließlich sogar um ihre Schultern, um ihn zum Sofa zurückzubringen. „Sie hätten bis heute Abend warten sollen", ließ sie ihn an ihrer Meinung teilhaben, was Severus einen brummenden Laut entlockte.
Mehr liegend als sitzend kam er zur Ruhe und schloss die Augen. Er hörte dennoch, dass Hermine wieder drauf und dran war, das Zimmer zu verlassen. „Miss Granger", hielt er sie deswegen erneut zurück. Die Schritte erstarben. „Leisten Sie mir Gesellschaft und erzählen Sie mir, was passiert ist." Er blinzelte zu ihr hinüber und sah, wie sich ihre Körperhaltung versteifte.
„Verlangen Sie das nicht von mir", bat sie schließlich mit sehr leiser, sehr schwacher Stimme.
Unter anderen Umständen hätte Severus ihrer Bitte sicherlich nachgegeben. Doch gerade jetzt machten ihn Kopfschmerzen, Schuldgefühle und Trauer sehr egoistisch. „Ich kann nicht anders."
Ihre Schultern sackten sichtbar ab, während ihre Hände sich zu Fäusten ballten. Nach einigen Sekunden drehte sie sich abrupt um, kam zum Tisch zurück, goss sich sein Glas bis oben mit Feuerwhiskey voll und trank es in einem Zug leer. Dann setzte sie sich auf den äußeren Rand des Sessels und nickte steif. „Schön!"
Das Fehlen jeglicher Reaktion auf den Whiskey brachte Severus dazu, sich wieder aufzusetzen. Sie trank das Zeug, als wäre es Wasser.
Doch er hatte keine Chance, genauer darauf einzugehen. Sie hatte sich dazu entschieden, endlich zu berichten, was geschehen war: „Malfoy ging zu Professor Dumbledore, etwa einen Monat nachdem Sie verschwunden waren. Er bot uns Informationen an."
„Was hat er dafür verlangt?", hakte Severus sofort nach, als sie stockte.
Hermine gab ein grunzendes Geräusch von sich. „Sie kennen Ihre Slytherins gut, nicht wahr?"
Er zuckte mit den Schultern. „Lässt sich nicht vermeiden. Also, was wollte er als Gegenleistung?"
Hermine schluckte. „Er wollte einen Unterschlupf. Einen Platz, an dem er sicher war und warten konnte, bis der Orden die Drecksarbeit erledigt hatte. Er wollte seinen Arsch retten!" Die letzten Worte spie sie regelrecht auf den Boden vor sich und ihre Hand griff erneut nach dem Whiskey.
Severus fasste ebenfalls nach der Flasche und so kam seine Hand auf ihrer zum Liegen. Hermines Blicke flogen hoch zu seinen Augen, fixierten sie drohend und irgendwann schüttelte sie seine Hand einfach ab und goss sich mehr von dem Hochprozentigen ein, ohne Severus auch nur das kleinste bisschen Beachtung zu schenken.
Der Tränkemeister wusste nicht, warum er sich diesen Umgang gefallen ließ. Doch momentan saß sie am längeren Hebel. Sie hatte die Informationen, die er haben wollte. „Sie haben ihm diesen Unterschlupf gewährt", schlussfolgerte er deswegen unverbindlich und hoffte, dass sie weiterreden würde.
„Ich wollte es nicht. Der schleimige Kerl hat unter Voldemorts Regime keine Zweifel an seiner Zugehörigkeit gehabt. Ich war überzeugt, dass es eine Falle war."
„Aber?", schmetterte Severus ihre harten Anschuldigungen ab.
Hermine ließ unzufrieden ihre Schultern kreisen. „Professor Dumbledore wollte davon nichts hören und erfüllte Malfoy seine Bedingung. Ihre Sicherheit, so sagte er, ginge über alles."
Zu Severus' Überraschung ließ sie diese Erwähnung auf jeglicher Ebene unkommentiert. „Alter Narr", knurrte Severus.
„Jedenfalls", fuhr sie dieses Mal recht bereitwillig fort, „besorgte Professor Dumbledore ein Versteck für Malfoy. Er schützte diese Information mit dem Fidelius-Zauber, wurde selbst der Geheimniswahrer. Malfoy musste nur noch dort hingehen und es sich bequem machen." Hermine machte eine ausladende Bewegung mit der Hand.
„Aber?", fragte Severus erneut.
„Nichts aber. Er hat sich umbringen lassen." Ihre Stimme bekam einen hysterischen Ton.
Bei Severus wallten die Kopfschmerzen wieder auf und er griff sich stöhnend an die Stirn. „Miss Granger, bitte…"
Sie räusperte sich leise. „Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Wir arbeiteten einige Zeit zusammen, er sagte mir, was er wusste, und verschwand dann mit dem Hinweis, dass er noch etwas erledigen musste. Er kam nie zurück." Nun war ihre Stimme ruhig und vielleicht sogar bedauernd.
Severus sparte es sich, seine Augen wieder zu öffnen. „Ich danke Ihnen", sagte er leise und kurz darauf hörte er, wie Hermine das Zimmer verließ.
Erschöpft ließ er sich zurücksinken und erlaubte es seinen Gedanken, planlos durch seinen Kopf zu geistern. Draco war tot. Das war zugegebenermaßen keine überraschende Information, ebenso wenig wie die Tatsache, dass er einen Unterschlupf hatte haben wollen. Wäre alles gut gegangen, wäre er sicherlich auch hier. Vielleicht an Hermines Stelle.
Möglicherweise war das auch ein Grund, warum sie so gereizt auf dieses Thema reagierte. Vielleicht spielte sie genauso mit der Hypothese, dass Draco sie vor diesem Gefängnis hätte bewahren können. Verstehen würde er es.
Doch all diese Dinge änderten nichts daran, dass er Draco hätte schützen müssen. Es hätte nicht Dracos Aufgabe sein sollen, sich einen Unterschlupf zu erpressen. Es war so, wie Draco es ihm gesagt hatte: Er hatte immer geglaubt, dass Severus ihn aus diesem Wahnsinn rausholen würde.
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Severus wusste später nicht mehr, wie lange er im Wohnzimmer gesessen hatte. Die Portraits hatten irgendwann angefangen, leise zu reden und Wetten über ihn abzuschließen. Er bekam nicht mit, worum es im Einzelnen ging, doch es wurden oft Hände geschüttelt und viel Geld wechselte den Besitzer. Hätte er seinen Zauberstab zur Hand gehabt, hätte er sie einfach zum Schweigen gebracht.
So allerdings ließ er das Murmeln einige Zeit über sich ergehen, bis er schließlich aufstand, wankend einen Moment stehen blieb und dann mit erstaunlich geraden Linien die Tür ansteuerte.
Hermine hatte wirklich Recht gehabt, dieses abrupte Beenden des Trankes war keine angenehme Sache. Aber der Alkohol hatte seine Kopfschmerzen gelindert und er hatte die Hoffnung, heute auch ohne Schlaftrank gut schlafen zu können.
Doch bevor er sich diesem Gedanken hingab, steuerte er die Küche an. Wie erwartet, fand er Hermine dort. Sie saß am Tisch und starrte schweigend aus dem Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes.
„Darf ich mir Ihren Zauberstab ausleihen, Miss Granger?", fragte er mit träger Zunge und fragte sich, wann er die Fähigkeit, klar zu sprechen, verloren hatte.
Ihr Kopf drehte sich langsam zu ihm. „Was genau haben Sie damit vor, Sir?"
Er schnaubte schwach auf. „Nichts Dummes, falls Sie das meinen." Sie hob eine Augenbraue. „Ich werde es Ihnen bei Gelegenheit erzählen. Heute ist nicht der richtige Tag für weitere Geschichten. Vertrauen Sie mir."
Sie betrachtete sein Gesicht lange. Dann senkte sie den Blick und zog ihren Zauberstab aus der Tasche. Mit ruhiger Hand hielt sie ihm das längliche Stück Holz entgegen. „Ich vertraue Ihnen, Sir."
Severus betrachtete den Stab einige Minuten, dann neigte er den Kopf und nahm ihn entgegen. „Vielen Dank." Mit diesen Worten drehte er sich wieder um und verließ die Küche.
Langsam trugen seine Beine ihn hinauf in sein Zimmer und er schloss die Tür fest, wenn auch nicht magisch hinter sich. Er legte Hermines Zauberstab auf den Tisch und knöpfte sich das Hemd auf. Dann zog er sich die Hose aus und hängte beides säuberlich über die Stuhllehne.
Nur mit seiner Shorts bekleidet, griff er wieder nach dem Zauberstab und stellte sein rechtes Bein auf die Sitzfläche des Stuhls. Die Haut am Knöcheln war, bis auf eine einzige Brandnarbe, glatt und ebenmäßig.
Mit einem exakten Schlenker des Zauberstabes suchte er die Brandnarben auf seinem Körper zusammen und brachte sie zurück an die Stelle, an der sie verursacht worden waren. Es war ein brennendes Reißen, mit dem sie zu ihrem ursprünglichen Ort wanderten, und Severus sah, wie sich danach dunkelrote Streifen über seine Haut zogen.
Doch sein Knöchel war nun nicht mehr unverletzt. Die Narben hatten sich wieder zu dem Tier zusammengefunden, mit dem Draco ihn gezeichnet hatte. Das erste Mal besah er sich den Panther genau, tastete ihn mit den Fingerspitzen ab und entschied, dass es gut war.
Mit einem leisen Lächeln legte er Hermines Zauberstab wieder zur Seite. Er würde ihn ihr morgen früh geben. Dann zog er die Gardinen vor dem Fenster zu, zündete eine Öllampe an und legte sich ins Bett. Es dauerte einige Minuten, ehe das Pochen seines Kopfes und das Brennen der Spuren auf seinem Körper nachließen. Doch nach einiger Zeit spürte er, wie er von ganz alleine schläfrig und träge wurde. Bis seine Erinnerungen abrissen.
TBC...
