Kapitel 8

Als Lisa am Montag Morgen mit der S-Bahn nach Berlin fuhr, gingen ihr viele Dinge durch den Kopf. Sie hatte nicht mehr mit Rokko gesprochen, seit er Göberitz am Samstag Nachmittag verlassen hatte. Lisa musste zugeben, dass sie das ein wenig verunsicherte. Sie musste dringend mit Jürgen darüber reden. Nur wie? 'Ach, übrigens, Jürgen: Kowalski und ich haben im Schnee geknutscht'? Nee. So nicht.

Bei Jürgen angekommen, fehlte ihr immer noch ein richtiges Konzept. Sie hoffte, dass Rokko noch nicht dort wäre. Nachdem sie kurz durch das Schaufenster geguckt und ihn nicht im Kiosk entdeckt hatte, betrat sie leise und vorsichtig den Laden.

"Jürgen, ich MUSS mit dir reden. Und heute meine ich das auch wirklich so und nicht anders."

"Lisa, was ist denn los?" grinste Jürgen und stützte seinen Kopf mit den Händen ab.

"Also, am Wochenende, da wurde bei uns die Scheibe eingeschlagen und- was grinst du eigentlich so blöd?"

"Nun ja, wie du weißt, ist Göberitz ein eher kleines Dorf - und so kommt es, dass ich bereits seit gestern weiß, dass Lisa Plenske Herrenbesuch hatte. Erzähl! Habt ihr geknutscht?"

"W-was!"

"Sie wussten nicht, wer der schöne Unbekannte war, aber der Beschreibung nach zu urteilen, würde ich sagen, Rokko Kowalski hat von Freitag zu Samstag bei dir übernachtet."

"Das hat er", flüsterte Lisa schon fast.

Jürgens Augen wurden riesig. Natürlich hatte er die Gerüchte brühwarm von seiner Mutter erzählt bekommen - aber er hatte dem keinen Glauben geschenkt. Lisa Plenske und ein Mann? Nee, eher würden Schweine fliegen lernen.

"Und habt ihr-"

"Nein! Wir haben nicht. Wir haben nur ein bisschen.. na ja,.. geknutscht?"

Lisa hatte schon wieder begonnen, nervös ihre Hände zu kneten.

"Ach! Sag mal, Lisa, ist das was ernstes zwischen euch?"

"Zwischen mir und Rokko? Ach, quatsch, das ist nur so."

"Ist vielleicht auch besser so. Wer weiß, was der will."

"Was soll er denn wollen?" Lisa wurde immer unruhiger.

"Keine Ahnung. Aber bei einem wie dem weiß man doch nie. Werbeprofi. Sollen ja nicht die ehrlichsten sein."

"Ja..." flüsterte Lisa. Sie musste schlucken. "Bis nachher..." und weg war sie. Jürgen sah seiner besten Freundin sprachlos hinterher.

Was will er? Will er überhaupt was? Aber es muss ja einen Grund geben, warum er ausgerechnet mit der unscheinbaren Lisa Plenske knutscht, die ja nicht wirklich bekannt für ihre tollen Küsse ist. Lisa war auf einmal wieder unsicher. Vielleicht hatte er das nur getan, um sie von ihrer negativen Haltung ihm gegenüber abzubringen. Hatten sie nicht noch kurz vor dem ersten Kuss gestritten? Lisa ärgerte sich über sich selbst, dass sie so schnell all ihre Vorsicht in den Wind geschrieben hatte. Lisa steckte ihre Hände noch tiefer in ihren Mantel und lief eilig zum Fahrstuhl.

"Lisa, warte!" rief jemand hinter ihr und Lisa erkannte die Stimme sofort. Rokko schaffte es noch, mit in den Fahrstuhl zu schlüpfen. "Guten Morgen!" begrüßte er sie mit einem breiten Lächeln.

Lisa sah auf ihre Schuhe und murmelte nur ein kurzes "morgen".

Rokko, der eine Hand hinter dem Rücken hatte, ging einen Schritt auf sie zu und hob ihr Kinn mit einem Finger an. "Ich hab dich vermisst." Er wollte sie küssen, doch Lisa wich zurück.

"Wir sollten das vielleicht lieber für uns behalten."

"Was?"

"Was auch immer das war am Wochenende."

"Ah, ja" er räusperte sich. "Nun, wenn du das willst." Er lächelte sie immer noch an. "Aber gehen wir heute Abend vielleicht was trinken?"

Die Fahrstuhltüren öffneten sich, doch Lisa blieb noch kurz stehen. "Nein. Also, ich hab ja schrecklich viel zu tun. Und mit David muss ich auch noch reden wegen.. wegen der neuen Kollektion. Vielleicht später dann!" sie winkte noch kurz und verschwand eilig in Richtung ihres Büros und ließ einen verwirrten Rokko zurück.

In ihrem Büro ließ sich Lisa auf ihren Stuhl fallen und versteckte ihr Gesicht in ihren Händen.Es hatte sie viel Beherrschung gekostet, Rokko nicht sofort in die Arme zu fallen, als sie im Fahrstuhl waren. Und wie er sie angesehen hatte! Sie schämte sich für ihr dummes Verhalten. Aber konnte sie ihm denn trauen? Oder hatte Jürgen am Ende doch recht und Rokko küsste sie nur, weil...

Lisa schob alle Gedanken von sich weg. Immerhin hatte sie noch ein Modeunternehmen zu leiten. Da musste sie alles andere wengistens während ihrer Arbeitszeit vergessen.

Doch Lisa konnte nicht vergessen. Konnte (und wollte auch nicht wirklich vergessen), wie sie am Wochenende in Rokkos Armen gelegen hatte, wie wohl sie sich gefühlt hatte und wie viele tausend Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzten, wenn sie auch nur daran dachte, dass er nur wenige Türen weiter in seinem Büro war - und sich vielleicht gerade selbst dafür verfluchte, ihr am Freitag zur Hilfe gekommen zu sein. Was hab ich nur getan?

Gegen Mittag beschloss sie, dass es für den Moment sowieso keinen Sinn machte, über den Kalkulationen zu sitzen und so begab sich Lisa zum Catering. Vorher suchte sie jedoch die Damentoilette auf. Etwas nervös sah sie in den Spiegel und strich ihre Haare glatt - zumindest so gut es ging.

"Na, da kannste aber noch lange in den Spiegel gucken - hübscher wirste dadurch och nich, wa?" lachte Sabrina, die so eben neben sie getreten war. "Aber manche Männer stehen vielleicht auch auf den Typ 'Wischmop mit Schneeketten'!" Sabrina lachte noch immer. Nach einem kurzen Check im Spiegel zog sie von dannen. Lisa sah nun noch verzweifelter in den Spiegel. 'Meine süße Frau Plenske' hat er mich genannt. Süß. Wo sieht er denn da was süßes? Nee, so geht's nicht weiter... Resolut drehte sich Lisa um und ging endlich zum Catering, um sich einen Kaffee zu holen. Dort saß bereits Rokko auf einem der Hocker und unterhielt sich mit Hannah. Sie lachten. Offenbar amüsierten sie sich köstlich über etwas. Doch nicht über mich? Oder?

"Einen Kaffee, bitte, Mama. ... Ach, hallo", begrüßte Lisa die beiden anderen nur kurz und sah dann wieder zu Boden. "Hallo, Lisa", antwortete Hannah und wandte sich dann wieder an Rokko. Lisa musste zugeben, dass es ihr weh tat zu sehen, wie Rokko und die wunderschöne Hannah sich unterhielten und lachten. Noch mehr schmerzte es sie, als Rokko nach wenigen Minuten das Catering zusammen mit Hannah verließ, ohne etwas zu ihr zu sagen. Lisa, die ihnen kurz nachgesehen hatte, wusste nicht, wohin sie nun gucken sollte. Ihr Blick blieb auf dem kleinen Mülleimer neben dem Tresen haften. Jemand hatte eine Rose hineingeworfen.

"Die hat der Herr Kowalski heute Morgen dort hinein gestopft."

"Was?"

"Herr Kowalski. Er hatte heute Morgen die Rose dabei und hat sie, kaum dass er hier war, im Mülleimer entsorgt. Eigentlich schade.. so eine schöne Blume..."

"Ja..." Lisa rang nach Worten. War das Teil seines Plans gewesen? Oder.. oder mochte er sie wirklich? Vielleicht war die überhaupt nicht für dich, Lisa. Es gibt so viele schöen Frauen bei Kerima! ...Aber warum hat er sie weggeworfen?

Plötzlich sprang Lisa auf und lief mit einigen schnellen Schritten zu Rokkos Büro. Dort angekommen, atmete sie noch ein mal tief durch, klopfte kurz und riss seine Tür auf. "Hallo", begrüßte sie den verdutzten Rokko. "Herr Kowalski.. nein! Rokko... I-ich hab mich in dich verliebt. Mit Herzrasen und Schmetterlingen im Bauch, mit immer zu an dich denken müssen und von dir träumen. Und wenn du nur mit mir spielst, dann sag mir das bitte jetzt. Dann kann ich nämlich aufhören, mir darüber Gedanken zu machen, ob du irgendwas damit bezwecken willst oder ob dir... ob dir vielleicht wirklich was an mir leigt."

Als Rokko sie mit großen Augen anstarrte und einige Momente nichts sagte, rutschte Lisa das Herz in die Hose. Panisch drehte sie sich um und verließ sein Büro und Kerima. Sie musste raus. Weg. Durchatmen. Was hab ich nur getan! fragte sie sich unablässig selbst. Soviel zum vorsichtigen Vorgehen...