Zurück in die Vergangenheit
Schwärze umgibt mich, als ich immer tiefer in das magische Loch zu fallen scheine, das Severus' Erinnerungen bilden. Hier und da ziehen blitzschnell Momentaufnahmen an mir vorbei: Ein magerer, schwarzhaariger junger Mann, umringt von finsteren Gestalten in Masken... ein greller Lichtblitz, dann die Nahaufnahme eines geröteten Unterarmes, auf dessen blasser Haut deutlich sichtbar ein frisches Dunkles Mal prangt... was muss er in diesem Moment gedacht haben? Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, um so einen Schritt zu tun? Denn aus Dummheit kann es nicht geschehen sein... wieder einmal fühle ich mich schuldig, ich hätte das alles beeinflussen können... hätte ich nur ein klein wenig Courage besessen.
Ein plötzlicher Zeitsprung, Severus ist nun erwachsen und steht mit erhobenem Zauberstab vor einer in sich zusammengesunkenen Gestalt, die ihn mit flehenden Augen anbettelt, ihn zu verschonen... doch ich möchte das Ergebnis gar nicht wissen, kann es mir leider viel zu gut vorstellen... dass Severus kein Unschuldslamm ist, ist auch mir klar, doch ich muss nicht auch noch die grafische Bestätigung haben. Bedrückt lasse mich weiter von dem Sog davontragen.
Dann schließlich sehe ich ein Glitzern... der Mond, wie er sich auf der Oberfläche eines Sees widerspiegelt... der Anblick kommt mir bekannt vor und ich versuche, ihn ein wenig länger festzuhalten. Angestrengt bemühe ich mich, Details zu erkennen und spüre, wie ich immer schneller auf den See zuzurasen scheine. Kurz bevor ich mit dem Wasserspiegel kollidiere, wird alles um mich herum erneut schwarz und ich spüre mich auf eine halbwegs weiche Oberfläche prallen. Verwirrt von dem plötzlich real gewordenen Fall schüttele ich den Kopf und öffne die Augen, um eine nur allzu bekannte Szene vor mir zu sehen.
Fest krallen sich meine Hände in das weiche, kühle Gras unter mir. Etwa zehn Meter von mir entfernt sitzt ein blasser, dunkelhaariger Teenager an eine dicke Buche gelehnt und starrt auf den glitzernden See hinaus. Auf einen Schlag strömen Millionen von Erinnerungen auf mich ein und mein Herz schlägt wie wild in meiner Brust. Wieso steckt diese Erinnerung in Severus' Denkarium? Sooft ich ihm auch hierher gefolgt bin, nie ist etwas Nennenswertes geschehen... oder doch? Suchend blicke ich mich um. Es kann wohl keiner der Tage sein, an dem mein jüngeres Ich sich ebenfalls hier aufgehalten hat, und trotzdem halte ich nach Zeichen ausschau.
Leise schleiche ich mich vorwärts, obwohl ich genau weiß, dass er mich sowieso nicht wahrnehmen kann; dennoch möchte ich die friedliche Ruhe nicht stören, die über die Szene herrscht. Nach wenigen Schritten stehe ich vor meinem alten Versteck - na ja, was heißt Versteck, da ich durch den Tarnumhang unsichtbar gewesen bin, habe ich eigentlich stets nur an einem Fleck gesessen, an dem er mich nicht durch plötzliche Bewegungen zufällig hätte berühren können. Und das ist der Punkt, an dem mein Mund unvermittelt staubtrocken wird und ich einen Hustenreiz nur schwer unterdrücken kann. Das Gras an diesem Platz ist eingedrückt.
Es ist mir ein Rätsel. Hat Severus einfach wahllos irgendwelche Erinnerungen in das Gefäß gepackt, um seinen Kopf freizubekommen? Oder hat er in dieser Nacht über etwas besonders Belastendes nachgedacht und wollte es daher aus seinem Gedächtnis entfernen?
Dann geschieht das Unfassbare. Das zerdrückte Gras kommt in Bewegung und ich glaube, einen schweren Atemzug zu hören, bevor das sanfte Rascheln des seidigen Umhangstoffes folgt, der, plötzlich sichtbar, zu Boden gleitet und mein etwa 16-jähriges Ich enthüllt.
Wie ist das nur möglich? Entsetzt starre ich auf den braunhaarigen Teenager, der so gar nicht so wirkt, als sei er sich seiner Sache sicher. Was ich durchaus nachvollziehen kann, denn immerhin bin ICH das - und ich habe mich schließlich nie getraut, etwas derartiges zu tun! Welche kranke Phantasie vermischt sich da nur mit der tatsächlichen Vergangenheit?
Doch bevor ich noch weiter über dieses paradoxe Verhalten nachdenken kann, fasst sich der junge Remus offenbar ein Herz und räuspert sich leise. Undenkbar! Snape wird...
...sich zu Tode erschrecken. Wie vom Donner gerührt fährt Severus herum und sieht den unerwarteten Besuch mit schreckgeweiteten Augen an. Das kann ja heiter werden. Aber da ich ohnehin nicht eingreifen kann, versuche ich, meine Nerven zu beruhigen und beschließe, mir die ganze Sache erst einmal wie einen Film aus einem skurrilen Paralleluniversum anzusehen.
Unterdessen verändert sich der Ausdruck in Severus' Augen, die anfängliche Verwirrung weicht einer abwehrenden Verächtlichkeit.
"Was tust DU denn hier? Hast du nichts Besseres zu tun, als anderen Leuten hinterher zu spionieren?", fragt er herausfordernd.
"Nein. Doch! Also...", beginnt Remus stotternd, "ich meine, ich spioniere dir nicht hinterher." Oh, ich kann nur zu gut nachempfinden, wie er sich jetzt fühlt. Erkläre einem Severus Snape, dass du nicht aus böser Absicht seine Gesellschaft suchst: Ein Ding der Unmöglichkeit.
"Du bist also ganz zufällig mitten in der Nacht hier spazieren gegangen, ja?", entgegnet Severus spöttisch. "Was willst du wirklich? Ich bin entgegen der landläufigen Meinung kein Idiot, also pfeif schon deine Freunde aus dem Gebüsch und legt los."
Das Gesicht meines anderen Ichs zieht sich genauso schmerzlich zusammen wie mein Magen, als ihm dämmert, worauf Severus hinauswill. Natürlich, aus welchem anderen Grund könnte er hergekommen sein als ihn zu quälen?
"Ich... die anderen wissen nicht, dass ich hier bin... ich bin allein", stammelt der junge Remus, als ihm klar wird, dass er wohl eine ganze Menge an Überzeugungsarbeit zu leisten hat. Seufzend holt er tief Luft und lässt sie langsam wieder hinausgleiten. "Ich hab' dich draußen rumlaufen sehen, und da dachte ich..."
Severus ist verstummt und sieht mit zu Schlitzen verengten Augen äußerst misstrauisch drein. Offenbar ist er alles andere als überzeugt und verschränkt abweisend die Arme vor der Brust, während er sich noch näher an den Baumstamm zu drücken scheint. Wahrscheinlich wartet er noch immer darauf, dass gleich drei lärmende Gryffindors aus dem Gebüsch springen und ihre neusten Flüche an ihm ausprobieren.
"Ich wollte schon länger mal mit dir reden...", spricht Remus mit leiser Stimme weiter und senkt den Blick zu Boden.
Mein Herz schlägt immer schneller. Es ist einfach unglaublich, was da gerade passiert... ich scheine genau das zu sagen, was ich mir immer ausgemalt habe, es ist wie in meiner Phantasie von damals. Ob Severus dieselben Vorstellungen gehabt und diese ins Denkarium gesteckt hat, um zu verhindern, dass es jemals jemand erfährt? Aber das ist auch wieder so weit hergeholt, dass es einfach nicht sein kann. Gebannt beobachte ich weiter, was geschieht.
"Mit mir? Wozu soll das gut sein?", fragt Severus argwöhnisch, doch anscheinend ist sein Interesse geweckt und er beäugt sein Gegenüber nun etwas genauer.
"Es tut mir Leid, ich..." Remus ringt um Worte, die ihm einfach nicht einfallen wollen. "Ich wollte dir nie was Böses..."
Er wird von Severus' trockenem Auflachen unterbrochen. "Da hast du aber eine merkwürdige Art, das zu zeigen!", zischt er kalt und taxiert Remus mit einem durchdringenden Blick.
"Ich weiß", erwidert dieser niedergeschlagen. "Deswegen bin ich ja gekommen, um mich zu entschuldigen. Ich wollte das alles nie. Aber ich komme nicht gegen sie an, Severus, das musst du mir glauben..."
Für eine Weile ist es ganz still, nur die Geräusche der Nacht dringen an meine Ohren, während ich weiterhin regungslos dem Gespräch folge.
"Ich muss gar nichts", antwortet Severus schließlich leise und wendet ebenfalls den Blick ab. Irgendetwas an seinem Tonfall ist anders, etwas von der Kälte ist aus seiner Stimme gewichen und lässt viel mehr von dem verwirrten Teenager durchblicken, der er eigentlich ist. "Lass mich einfach in Ruhe. Ihr hasst mich, ich hasse euch, das ist doch am einfachsten. Bisher hat dich das ja auch nicht gestört."
Verzweifelt hebt Remus die Hände in die Luft, um sie gleich darauf wieder sinken zu lassen.
"Das ist nicht wahr. Es hat mich immer gestört, aber was hätte ich denn tun sollen?", versucht er es traurig.
"Nicht weit her mit deinem Gryffindormut, wie?", fragt Severus schneidend. "Lohnt sich ja auch gar nicht, nur wegen eines Slytherins, nicht?"
Das scheint Remus nun doch an seiner Ehre zu packen (erstaunlich - auch wenn es nur eine Phantasie ist, dann hat er mich doch ziemlich gut getroffen!) und sein bisher unsicherer Tonfall ändert sich.
"Du hast ja auch nicht gerade Anstalten gemacht, jemals besonders freundlich zu irgendwem zu sein! Und was nützt mir mein Heldenmut, wenn ich meine Freunde verrate und im Gegenzug damit rechnen kann, dass du mich nur auslachst?", entgegnet er auf die Anschuldigungen hin recht heftig. "Schließlich tust du mit Lily nichts anderes!"
"Lily ist eine furchtbare Weltverbessererin und zeigt lediglich Mitleid mit anderen, weil sie dadurch als wahnsinnig herzensguter Mensch dasteht! Kannst du dir vorstellen, was das für ein Gefühl ist? Zu hören, wie sie bewundert wird, weil sie sich 'sogar mit diesem Snape' abgibt?!" Verbittert schüttelt Severus langsam den Kopf und sieht aus, als würde er bereits bereuen, überhaupt etwas gesagt zu haben. Überraschenderweise bleibt Remus auf seinen Ausbruch hin vollkommen ruhig.
"Da hast du völlig Recht", stellt er leise fest.
Langsam wird es wirklich unheimlich. Woher weiß Snape, dass das tatsächlich exakt meiner Meinung entsprochen hat? Sollte er nicht denken, dass ich sehr gut mit Lily befreundet war? Ich beginne, mich in meiner Haut mehr als unwohl zu fühlen. Irgendetwas geht hier vor, was ich nicht verstehe, und ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich es überhaupt wissen will. Doch nun bleibt mir wohl keine andere Wahl mehr, ich muss die Suppe auslöffeln, die ich mir mit meiner elenden Neugier eingebrockt habe.
