Lust, er empfand sie nun.
Zu behaupten, die Empfindung hätte sich eingeschlichen, wäre eine glatte Lüge. Viel mehr war sie brutal in das Leben von Severus Snape geplatzt. Mit jedem Fetzen Information, den er hatte bekommen können, hatte sie sich verstärkt, aber ihr Ursprung war gut einen Kopf kleiner als er, trug anstelle von Haaren einen Mop auf dem Kopf und schien insgesamt das faszinierendste Geschöpf zu sein, das er jemals getroffen hatte. Hermine Granger hatte ihn verleitet, über etwas nachzudenken, oder vielmehr etwas nachzuspüren, was in seinem Leben bisher völlig bedeutungslos gewesen war. Sexualität.
Es hatte sich angebahnt, ganz klar schon in Hogwarts, in ihrem letzten Jahr. Ja, oft hatte er sie vor sich gesehen, sich erregt windend. Doch das war es schon lange nicht mehr, was ihn beschäftigte, mit dem Wissen um ihre Phantasien hatte sich alles schlagartig verändert. Er sehnte sich danach zu erleben, was sie ihm in ihren Träumen geboten hatte. Ohne Drohung allerdings, ohne geringschätzige Kommentare, aber eben durchaus mit ihrem körperlichen Einsatz.
Bis zu diesem Eingeständnis war es allerdings ein steiniger Weg gewesen und er wünschte sich nun, er wäre ihn nicht gegangen. Denn was brachte es ihm, eine Frau zu wollen, die er nie würde haben können?
Für Reue war es allerdings zu spät. Gelesen hatte er, unzählige Seiten und sie hatten ihn zu der Erkenntnis getrieben, dass er durchaus ein gestörtes Verhältnis zu jedweder Körperlichkeit hatte. Ihren Ursprung fand dieses Missverhältnis wohl in der Erziehung, die er in seiner Jugend genossen hatte. Sein Großvater hatte ein Bild in ihm geprägt, dass der Mensch, der sich in ihrem Leben Lust und Begierde hingab - so wie es seine eigene Mutter getan hatte, kopflos hatte sie sich aus niederen Gründen in eine Ehe mit einem verkommenen Muggel gestürzt -, krank war. Schließlich war es die Aufgabe der Frau, Kinder zu gebären, dafür seien die Triebe in einem jeden Menschen verankert. Sexuelle Begierde darüber hinaus deutete auf eine Krankheit hin, der Mensch verhielt sich wider seiner Entwicklung, stellte sich auf eine Stufe mit einem wilden Tier.
Hatte Severus das geglaubt? Er wusste es nicht, aber diese Annahme war ihm in jedem Fall in Fleisch und Blut übergegangen und er sie nicht angezweifelt, hatte nicht einmal darüber nachgedacht. Hatte er die Dienste der Hure nicht genießen können, weil er sich nach den Maßstäben des Großvaters, dem er, als letzter der Linie Prince, unbedingt hatte gefallen wollen, gegen ein wichtiges Gebot verstoßen hatte? Vielleicht. Vielleicht aber auch tatsächlich, weil es sein Ego nicht verkraftet hatte, kaufen zu müssen, was er von Lily unbewusst hatte geschenkt bekommen wollen.
In jedem Fall war die Meinung des alten Prince wohl überholt und stammte aus einer Zeit, die 100 Jahre zurücklag. Sex durfte und sollte Spaß machen. Und ein Samenerguss war nicht unbedingt ein Orgasmus. Dieser hatte nämlich etwas mit Genuss zu tun.
Genuss, oh ja, er kannte ihn nun, wenn er sich vorstellte, dass es die viel kleineren Hände von Hermine Granger waren, die sein Glied rieben. Unter der Dusche stehend stellte er sich auch häufig vor, sie würde vor ihm knien und es seien ihre Lippen, die ihn berührten. Aber was blieb jenseits dieser Phantasie? Nichts, denn es würde nie stattfinden. Was nützte es ihm, dass er nun auch Bücher sein eigenen nennen konnte, die Sex thematisierten? Was brachte ihm das Wissen, dass Sex stets ein Vergnügen gewesen war und es in der Muggelwelt durch den Einfluss der Kirche immer mehr verpönt gewesen war, Lust zu empfinden. Wie hätte es dem Großvater wohl gefallen, dass er falschem Muggelwissen aufgesessen war? Oder entstammte diese Überzeugung der eigenen Biographie des Despoten? Eine Frage, die sich nicht mehr klären ließ. Anders als eben so manche andere andere.
Was nutzte es ihm, dass er nun verschiedeneste Spielarten theoretisch kannte, zumindest ahnte, wie er einer Frau Genuss bereiten konnte, wenn die eine, die er wollte, jenseits seiner Reichweite war? Und das war sie nicht nur im übertragenen Sinn. Hermine Granger war aus Großbritannien verschwunden, schon kurz nach ihren Besuchen auf seiner einsamen Insel.
Potter hatte ihm auf einige Nachfragen hin versichert, dass es der Frau gut ging, aber sie war eben fort, nicht mehr im Land.
Die Erkenntnis, warum er sein neuerworbenes Wissen nicht an anderer Stelle praktizierte - Gelegenheiten würden sich leicht finden lassen, als junger Mann war er ein hässlicher Niemand gewesen, heute war er der Mann, der Voldemort getötet hatte, immer wieder hatte er lesen können, wie wichtig doch seine inneren Werte seien -, hatte ihn nahezu verzweifeln lassen. Lust durfte sein, sie musste nicht einmal andere Gefühle als Grundlage haben. Ja, er durfte eine Frau begehren, die er nicht kannte, er durfte sogar handeln und sie nur für eine Nacht in sein Bett bitten, ohne dass es in irgendeiner Form verwerflich wäre. Aber er wollte nicht irgendeine, sondern die eine. Und er wollte sie nicht, weil es sicher lustvoll wäre, sich so berühren zu lassen, wie sie es an sich selbst getan hatte. Nicht nur. Er wollte sie, weil der hässliche und schmierige Voldemortbeseitiger sich in Hermine Granger verliebt hatte. Ein Gedanke, der nach wie vor so schwülstig in ihm widerhallte, dass er angewidert das Gesicht verzog.
Liebe, es war lächerlich. Er kannte sie doch gar nicht. Zumindest nicht so, wie er nach seinem Glauben eine Frau kennen sollte, um Gefühle für sie zu entwickeln. Was wohl leider ein weiterer Trugschluss gewesen war. Offensichtlich wog eine Extremsituation ausdauerndes werben oder vergleichbare Interessen auf. Er kannte nur das, was er als zutiefst erotisch empfand von ihr. Und ihre Zerbrechlichkeit. Ihre Scham und Verzweiflung. Reichte das? Nun, offensichtlich schon, denn sie beherrschte seine Gedanken, seit Monaten. Fast zwei Jahre war es her, seit sie an seine Tür geklopft hatte, damit fast fünf, seit er sie tatsächlich nackt gesehen hatte und dennoch erinnerte er sich an jedes Detail. Schrecklich, denn an diesem Punkt setzte die Moral wieder ein, die Tatsache, dass er sie gesehen hatte, die Grundlage von allem, war schließlich absolut verwerflich. Und dennoch. Das angespannte Gesicht, die immer mehr zusammengezogenen Augenbrauen. Die blassen, runden Brüste.
Er hatte sie doch gar nicht ansehen, hatte ihre Würde schützen wollen. Das war wohl gründlich schief gegangen, schon damals.
Entweder die Eindrücke waren also tiefgreifend genug gewesen, um sie zum Zentrum all seiner äußerst privaten Gedanken zu machen, oder er war noch soziopathischer veranlagt, als ohnehin schon gedacht, um sich auf die erste Frau, die er orgastisch hatte stöhnen sehen, zu fixieren. So oder so, die Situation war unerträglich.

Es war absurd, da aussichtslos, aber er kam an den Punkt, an dem sich nichts mehr unterdrücken und besänftigen ließ. Der Tatsache zum Trotz, dass bloßes Wissen eben gar nichts nutzte, warf er wütend eine Prise Flohpulver in die Flammen des Kamins in seinem Arbeitszimmer und schnappte, "Aurorenzentrale, Büro von Harry Potter."
Ja, er beließ es nicht einmal bei einem Gespräch durch die Flammen, sondern trat in den Kamin hinein, als sich die Verbindung geöffnet hatte und er somit wusste, dass der Junge tatsächlich in seinem Büro war. Dieser sah überrascht zu ihm auf, als er an seinem Schreibtisch erschien.
"Ist etwas passiert?", fragte der Junge, der nun eigentlich definitiv ein Mann war, regelrecht erschrocken.
Ja, absolut. So viel war passiert. Snape schnürte es für einen Moment regelrecht den Brustkorb zu, als er sich das verzweifelte Sehnen nach etwas, das er doch eigentlich nicht kannte, bewusst machte. Leise sagte er deshalb, "Wo ist sie, Potter. Wohin ist sie gegangen?"
Noch viel lächerlicher war das, nun war er nicht mehr nur sich selbst gegenüber ein Trottel, sondern auch gegenüber seiner Nemesis. Wobei nein, das war das Balg schon nicht mehr. Seine Nemesis war nun Granger, sie führte ihn geradewegs ins Verderben. Welcher Schwachkopf hatte befunden, dass die Liebe etwas wunderbares war? Sie war vernichtend und schmerzhaft. Brutal in ihrer Intensität. Er kannte das Mädchen noch nicht einmal! Und er war ihr in Albträumen erschienen. Wobei sie selbst sie nicht als solche bezeichnet hatte, sie hatte es genossen.
Betrieb er nun also schon Schönfärberei? Dass sie es genossen hatte, lag an einem Kurzschluss in ihrem Unterbewusstsein. Der Genuss einer Demütigenden Situation, ohne sich genau dieser bewusst zu sein, hatte sich in ihre Erinnerung eingebrannt. Und er war das Bindeglied gewesen, der Schatten, der von allem geblieben war, das kleine Fragment, der Trigger. Einmal unter demütigenden Umständen Genuss empfunden, glaubte ihr Geist, es sei das, was ihr gefiele. Ihrem Bewusstsein, das, worauf es für Hingabe ankommen würde, war offensichtlich ganz anderer Meinung gewesen.
"Sie war in den USA, Severus. Aber seit zwei Monaten ist sie zurück", unterbrach Potter seine innerliche Zurechtweisung.
Was war entsetzlicher? Dass der Junge ohne einen von Snape genannten Namen sofort gewusst hatte, um wen es gegangen war? Oder dass Potter ihn tatsächlich aus derart tiefen Gedanken gerissen hatte, dass der Tränkemeister wohl sichtbar zusammengezuckt war?
Er schluckte. War das der peinlichste Moment seines Lebens? Erst Potters Mutter, nun musste der Junge zweifellos ahnen, dass es dessen beste Freundin war, nach der sich Snape verzehrte.
"Soll ich ihr etwas ausrichten, Severus?"
Nein! So tat er eine wegwerfende Handbewegung, doch ehe er zu einem scheidenden und damit seinen bisherigen Auftritt revidierenden Kommentar ansetzen konnte, fügte Potter hinzu, "Es würde sie sicher freuen, sie spricht immer wieder von dir."
Frei von Sarkasmus waren diese Worte. Oder war es die Hoffnung, die ihm das vorgaukelte? Egal, denn Snapes Frage sprach sich von selbst.
"Wie geht es ihr?"
"Gut. Im Moment ist die dabei, die Scherben aufzusammeln, die ihr Verschwinden vor zwei Jahren verursacht hat, aber selbst die Vorwürfe, die sie zum Teil hört, werfen sie nicht aus der Bahn. Als nächstes will sie den Schritt in die Öffentlichkeit wagen. Ein Besuch in der Winkelgasse sollte genügen, um Scharen von Reportern aufzuscheuchen."
Erneut schluckte der ältere Mann, dann suchte er verzweifelt nach einem Strohhalm, der seinen Besuch auch nur annähernd in einem anderen Licht erscheinen ließ, als in dem Auftritt eines Verrückten und wurde sogar fündig.
"Mein Buch. Sag ihr, sie soll mir das Buch zuschicken."
Nachdem Potter das abgenickt hatte, drehte Snape sich um und verschwand ohne weiteren Kommentar durch den Kamin.

Zwei Tage verdammte er sich für seinen absoluten Gesichtsverlust, dann klopfte ein Uhu mit kräftigen Schnabelschlägen an sein Wohnzimmerfenster. Bei sich trug er ein Paket, in braunes Papier eingeschlagen und ein Pergament, dass Snape mit klammen Fingern entrollte.

"Sehr geehrter Professor Snape,

Ich danke Ihnen - für eine Vielzahl von Dingen, mit diesem Schreiben aber vor allem für die Mühe, mit der sie "Von Lücke und ihren Geistern" für mich aufbereitet haben. Es war sehr hilfreich, nachzuvollziehen, was mit meinem Verstand geschehen ist.
Allerdings kann ich Ihnen heute sagen, Ihre Theorie war nicht gänzlich korrekt. Interessiert Sie eine Richtigstellung?
Eine Frage, die ein willkommener Türöffner ist. Kann ich Sie treffen? Nicht nur der Richtigstellung wegen, aber eben auch deshalb.
Sie sehen, ich frage. Ich werde mich nicht erneut einfach vor Ihrer Tür aufbauen und somit in Ihre Privatsphäre eindringen. Wenn Sie mir nicht antworten, lege ich Ihr Schweigen großzügig als Zustimmung aus und werde auf Ihre Insel apparieren. Stellt es sich dort heraus, dass Ihr Schweigen doch eher dem Prinzip des Ignorierens entstammt, werde ich das selbstverständlich akzeptieren. Das klingt sehr gönnerhaft, aber so ist es nicht gemeint. Ich stehe tief in Ihrer Schuld und nach allem, was geschehen ist, würde ich es sehr gut verstehen, wenn Sie die Tür nicht öffnen werden.
Nein, ich weiß, Sie benötigen ganz sicher nicht die Absolution von Miss Neumalklug. Seien Sie schlicht versichert, dass ich Ihnen ewig dankbar sein werde.
Hochachtungsvoll

Hermine Granger"