Der Titel spricht eigentlich für sich... dafür machen Nami und Robin aber eine erheiternde Entdeckung :D


Die doppelte Dosis und ein neues Schiff

Choppers Part:

All meine Hoffnungen waren mit einem Schlag zunichte gemacht, als ich am nächsten Morgen die Küche betrat. Anscheinend hatten weder Sanjis Buch noch meine Pillen geholfen: Zorro saß missmutig am Tisch und starrte aus dem Fenster, während der andere noch nicht einmal da war. Dabei war ich mir so sicher gewesen, dass ich einen guten Anfang gemacht hatte mit meinem Plan, die beiden zu verkuppeln.

»Guten Morgen«, sagte ich vorsichtig und kletterte auf die Sitzbank. Hätte ich vielleicht besser bleiben lassen sollen.

»Du!«

Der soeben noch wie versteinert wirkende Zorro hatte plötzlich seine Hand nach mir ausgestreckt, um mich am nicht vorhandenen Kragen zu packen.

»Lass los!«, quietschte ich und versuchte mich vergebens seinem Griff zu entwinden, »Du tust mir weh!«

»Deine blöde Tablette hat überhaupt nichts gebracht!«, wetterte er und beutelte mich nur noch mehr. Und da sollte einer klar denken und sich um seine Patienten kümmern können?

»Wie, wie...? Sie hat nicht...?«

»Na, ich hab schon wieder Mist geträumt!«

Ich wurde grob zurück auf die Sitzfläche gedrückt. Wenn er so weitermachte, würde er mir noch alle Knochen brechen.

»Das kann doch gar nicht sein«, log ich, während ich mein zerzaustes Fell glatt strich, »Bestimmt hast du...«

»Und ob das sein kann! Sogar schlimmer als gestern!«

»Noch schlimmer? Tatsächlich?«

Wenn schon so nichts weiter geschehen war, hatte der verunglückte Rumble Ball zumindest interessante Nebenwirkungen. Oder lag das nur an der Tatsache, dass ich Sanji und Zorro gestern zuvorkommenderweise alleine gelassen hatte?

»Ja, tatsächlich!«, blaffte Zorro mich an, »Oder würdest du gerne träumen, vom Koch geknutscht zu werden?!«

Eher weniger...

»Du, du hast was

»Na ja!«, er lief leicht rosa an und sah woanders hin, »Das war derselbe dumme Traum wie gestern Nacht. Nur ist dem Koch plötzlich eingefallen, dass... also, dass er... dass er mich...«

»Du brauchst nicht weiterreden. Ich versteh schon.«

Ich unterdrückte einen Seufzer. Es war wohl doch nicht so einfach wie ich gedacht hatte, die beiden zusammen zu bringen. Im Gegenteil: Nach allem, was passiert war, schien es beinahe so, als würde Zorro Sanji noch mehr verabscheuen als für gewöhnlich. Sollte ich wirklich fortfahren mit meiner Operation?

»Was Besseres könntest du gar nicht tun«, ertönte eine Stimme neben meinem rechten Ohr.

Ach du meine Güte! Die sind ja auch noch da!

Wie konnte ich bloß meine Engelchen vergessen?

»Nix da!«, rief das Teufelchen zornig von der anderen Seite dazwischen, »Ist doch viel schöner, wenn wir uns hassen! So richtig Zoff; das macht Spaß!«

»Liebe ist seit jeher die größte Macht des Universums«, sagte das Engelchen andächtig, »Wir Engel sind dazu verpflichtet, sie zu verbreiten und dafür zu sorgen, dass sie bestehen bleibt.«

»Na und!? Ich bin ja kein Engel!«

»Natürlich bist du einer; ein gefallener Engel.«

»Gib Ruhe oder ich reiß dir deine Flügel aus!«

Das Teufelchen machte Anstalten, sich auf seinen Gegenspieler zu stürzen. Sah wohl ganz danach aus, als müsste ich die jetzige Entscheidung alleine treffen.

»Du willst also von mir«, meinte ich zu Zorro, der ungefähr genauso wütend aussah wie das Teufelchen, »Dass ich dir wieder Medizin verschreibe?«

»Hm. Kann sein.«

Sein bohrender Blick schweifte über die Tischplatte hinweg, dann auf einmal blieb er an mir hängen.

»Aber nur, wenn es diesmal was Richtiges ist!«, verlangte Zorro, »Was auch tatsächlich hilft!«

»Ich hab nichts anderes«, sagte ich kleinlaut, »Wir könnten aber auch versuchen, herauszufinden, warum du diese Träume überhaupt hast...«

»Keine Lust! Ich will, dass es aufhört!«

Natürlich. Was frag ich überhaupt noch?

»Schon gut, schon gut«, beruhigte ich ihn und tätschelte seinen linken Arm ein wenig. Natürlich hatte ich ein Mittel für einen traumlosen Schlaf. Ihm dieses zu geben, erschien mir allerdings als wenig sinnvoll. Immerhin galt es, die Ursache zu behandeln und nicht die Symptome. Als Arzt sollte man sich immer dessen bewusst sein.

Wenn er mir also nichts sagen will, muss ich mit meiner List weitermachen. Da führt kein Weg daran vorbei.

Weshalb ich ihm nun vorschlug: »Machen wir es so: Du kriegst von mir jetzt die doppelte Dosis und wenn das bis morgen immer noch nichts gebracht hat, versuche ich ein anderes Mittel zu finden. Einverstanden?«

Ich sah ihn zuvorkommend an. Er überlegte eine Weile, nickte aber letztendlich.

»Wenn du meinst, dass das so richtig ist. Meinetwegen.«

Und wieder ist er mir auf den Leim gegangen. Schon das zweite Mal in Folge – dem ist echt nicht zu helfen.

Aber ich ließ mir nichts anmerken und sagte stattdessen: »Dann komm bitte mit. Die Tabletten sind im Frachtraum.«

Während wir die Küche verließen, Zorro immer einen Schritt hinter mir, wütete das Teufelchen auf meinem Hut ungestüm weiter.

»Das gibt es einfach nicht! Wieso tut keiner das, was ich sage?!«

»Vielleicht, weil du nur Blödsinn vorschlägst?«, entgegnete das Engelchen lässig.

»Halt du deine verdammte Klappe! Ich tu, was ich will!«

»Tja, daran wird es wohl liegen...«

Ich schlug mir seitlich gegen die Hutkrempe. Wenn die beiden nicht endlich still waren, konnte ich mich demnächst selber im Irrenhaus einliefern.

Wobei man auf diesem Schiff generell das Gefühl hat, im Irrenhaus zu sein...

Als wir die Küche verließen, kam uns ein ziemlich verschlafen aussehender Sanji entgegen.


Sanjis Part:

»'Morgen, Chopper«, brummte ich, als ich auf dem Weg zur Küche mit unserem Arzt und dem Marimo zusammenstieß, »Ich muss nachher nochmal mit dir reden, klar?«

»N-nachher?«

»Komm einfach zu mir in die Küche, wenn du Zeit hast.«

Ohne ein weiteres Wort ließ ich die beiden stehen, wobei ich es nicht wagte, den Marimo anzusehen. Er war es, der mich gestern noch ewig wach gehalten hatte, nur weil er so versessen auf meine Bücher war. Und er war es auch, der mich sogar bis in meine Träume hinein verfolgte.

Zornig schlug ich die Küchentür hinter mir zu, dann fing ich an, rabiat das schmutzige Frühstücksgeschirr der anderen in die Spüle zu pfeffern. Wie spät war es überhaupt, dass die alle schon gegessen hatten?

Halb elf!? Mann, Sanji, jetzt reiß dich gefälligst ein bisschen mehr zusammen! Als Smutje hast du als allererster aufzustehen, um den anderen mit einem gesunden Frühstück aufwarten zu können!

Es war zum Haareraufen! Da reichten zwei Tage voller ungewöhnlicher Ereignisse aus, um mich vollkommen aus der Bahn zu werfen. Hielt ich Jammerlappen wirklich nicht mehr aus? Das konnte unmöglich so weitergehen.

Und an allem ist dieser nichtsnutzige Volltrottel von einem Schwertfuchtler schuld! Wenn er doch bloß nicht diese Frage auch mit ja angekreuzt hätte, dann...

Aber was genau störte mich daran eigentlich? Die Tatsache, dass er der einzige andere Schwule auf diesem Schiff war und wir uns aber partout nicht ausstehen konnten? Oder vielleicht, dass mir das Geschichten-Vorlesen gestern tatsächlich Spaß gemacht hatte?

»Beides!«, zischte ich leise, bebend vor Zorn über das Spülbecken gebeugt, »So verdammt nochmal beides!«

In diesem Moment ging die Tür auf und ich wirbelte alarmiert herum.

Es war Chopper, weshalb ich mich wieder halbwegs entspannte. Dem würde ich jetzt gehörig die Meinung geigen, was seine hochgelobten Fähigkeiten als Arzt anging.

»Chopper!«

Er zuckte zusammen, was mich aber weitestgehend kalt ließ. Wenn er mir die falsche Medizin gab, musste er auch mit den Konsequenzen klar kommen.

»Ich sag's dir gleich ganz ehrlich!«, schimpfte ich weiter, »Deine Tabletten wirken 'nen Scheißdreck!«

Giftig funkelte ich an, um meinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen. Er jedoch stellte sich ganz offensichtlich dumm.

»Was...? Was soll das denn heißen?«

Langsam wich er vor mir zurück, wie ich kühl an der Arbeitsplatte lehnte und mir meine wohlverdiente Zigarette anzündete.

»Na, was wird das schon heißen?«, knurrte ich, »Vielleicht, dass sich so rein gar nichts an meinen Träumen verändert hat, bis darauf, dass ich plötzlich den saublöden Einfall hatte, den Marimo knutschen zu müssen?!«

»Du, du hast ihn...?«

»Nur im Traum, aber ja!«

Schwelend vor unterdrücktem Zorn stieß ich einige Rauchschwaden aus. Dass mich selbst das nicht besonders beruhigte, wunderte mich jedoch kein bisschen. Immerhin schockierten mich die wilden Fantasien, die mir meine Träume bescherten, mehr noch als der Umstand, dass Chopper diese vermaledeite Frage in seinen Test geschrieben hatte.

»Ist das denn so schlimm?«, hakte er nun vorsichtig nach, verstummte aber sofort wieder, nachdem ich ihm einen weiteren tödlichen Blick hatte zukommen lassen.

»Der Marimo und alles, was mit ihm zu tun hat, kann sich von mir aus zum Teufel oder sonst wohin scheren!«, zischte ich, »Nur nicht in meine Träume! Kapiert?!«

»N-natürlich, aber...«

»Dann gib mir jetzt sofort mehr von diesen Tabletten! Du hast sie bestimmt falsch dosiert!«

»Du, du willst noch mehr davon nehmen?«

Chopper sah mich an wie eine Erscheinung. Verstand er etwa nicht, wie wichtig es mir war, den Marimo aus meinen Gedanken zu verbannen? Wusste er nicht, dass ich Angst davor hatte, dass was-auch-immer-es-war aus den tiefsten Tiefen meiner Gefühle auftauchte?

»Ja, ich will noch mehr davon nehmen«, erwiderte ich ungeduldig, »Jetzt rück schon raus damit!«

Einen kurzen Moment lang starrte er mich noch entgeistert an. Schließlich zuckte er jedoch mit den Schultern und holte etwas unter seinem Hut hervor. Bildete ich mir das nur ein, oder wischte er vorher mit einem Huf über die Krempe, als wolle er etwas verscheuchen?

»Hier«, sagte Chopper und lenkte somit meine Aufmerksamkeit wieder auf sich, »Zum Glück hatte ich die gerade dabei.«

Er legte zwei dieser hässlich braunen Kugeln in meine Handfläche, danach fügte er hinzu: »Aber vergiss nicht, sie erst heute Abend zu nehmen. Sonst wirken sie nicht richtig.«

Ich nickte, zwar immer noch leicht zerknirscht, jedoch mit dem siegessicheren Wissen, dass ich den Weg zu meiner Erlösung in den Händen hielt. Wo eine nicht gewirkt hatte, würden zwei bestimmt mehr ausrichten – das war wie mit Kopfwehtabletten.

Und dann heißt es: Dumme Träume auf nimmer Wiedersehen!

Bereits wieder mit einem Grinsen schob ich die Kugeln in meine Hosentasche. Ich war doch kein Weichei, das sich von solch läppischen Vorfällen aus der Ruhe bringen ließ. Und nach heute Nacht würde sowieso das Schlimmste vorüber sein. Dann galt es nur noch, Lysop davon zu überzeugen, dass ich nicht im Geringsten eine Gefahr für ihn darstellte.

Knapp eine Stunde nach einem ziemlich spärlich besuchten Mittagessen kam Nami in die Küche gestürmt. Kaum hatte ich mich, endlich mit der Arbeit fertig, ein wenig hingesetzt, um in der Zeitung zu blättern, schlug sie völlig aus dem Häuschen die Tür auf.

»Sanji! Du sollst sofort mitkommen!«, sie schnappte keuchend nach Luft, »Frankie hat das Schiff fertig! Sieht einfach nur genial aus!«

Die Begeisterung in ihrer Stimme hatte mich von einem Moment zu nächsten mitgerissen. Das ließ ich mir doch nicht zweimal sagen!

Ich sprang auf und rannte hinter ihr her, zum Strand hinunter.

Als wir ankamen, hatte sich der Rest der Mannschaft bereits versammelt, inklusive Ace (der ja angeblich nur Urlaub bei uns machte) und den drei Gören. Nur von dem neuen Schiff war keine Spur zu sehen. Dafür jedoch Frankie, der neben dem Wasser am Boden lag, ganz offensichtlich erschöpft von seiner 48-Stunden-Bau-Aktion.

»Okay, Nami, wo genau ist denn jetzt das geniale Schiff...?«, begann ich, doch wurde ich von Ruffy unterbrochen, der etwas begutachtete, das unweit der Flying Lamb in der Brandung dümpelte.

»Und das soll das Schiff sein?!«, fragte er ungläubig und blickte Nami aus großen Augen an, »Is'n bisschen klein, was?«

»Blödmann!«, rüffelte sie ihn, »Was du da anguckst, ist das Beiboot! Das Schiff ist da drüben!«

Sie deutete hinter die Flying Lamb.

»Ach so!«, lachte Ruffy, »Und ich hab mich schon gewundert, wie das so schrumpfen konnte seit wir gestern Nacht dran gearbeitet haben!«

Es war ein Monstrum von einer Karavelle; mindestens dreimal so groß wie die Lamb und nur aufgrund dessen hatte ich es anfänglich übersehen, wie es da friedlich auf den Wellen schaukelte. Etwas Wildes ging von ihm aus, gemeinsam mit einer Art stolzer Erhabenheit, die von dem mächtigen Greifenkopf am Bug noch unterstrichen wurde. Mit grob geschätzt fünf Decks war es mit Abstand das wohnlichste Schiff für neun Personen, das ich je gesehen hatte.

»Starkes Stück«, sagte ich anerkennend, »Und wann dürfen wir es uns von innen ansehen?«

»Das will ich auch schon die ganze Zeit wissen, aber Frankie ist einfach umgefallen, kaum dass er fertig war«, meinte Ace neben mir.

»Unser Schiff hat 'nen Vogel!«, grinste Ruffy, der aufgeregt in Namis festem Griff zappelte, »Seht ihr das?! Ich glaub, es ist 'ne Ente!«

»Quatsch doch nicht! Ein Geier ist das!«, behauptete Lysop.

»Es ist weder eine Ente noch ein Geier!«, kam es da plötzlich von Frankie und er sprang wieder auf die Beine, »Das ist ein Greif!«

Er warf sich vor seiner neuen Kreation in Pose, dann johlte er: »Darf ich vorstellen!? Die Sunrise Gryphon

»COOL!«

Fast alle stimmten in Ruffys Aufschrei ein. Nur Robin meinte: »Sehr schön, Schatz. Aber ich glaube, die meisten von uns sind vor allem auf das Innenleben des Schiffs gespannt.«

Womit sie Recht hatte. Noch bevor Frankie überhaupt realisiert hatte, was sie damit meinte, waren wir anderen losgerannt. Ein jeder wollte der Erste an Bord sein. Dass das zu meiner gänzlichen Überraschung ausnahmsweise einmal ich war, lag allerdings nur daran, dass Ruffy abgelenkt war von Nami, die ihm ausführlich erklären musste, was genau denn ein Greif war.

Ist das genial! So riesig!

Niemand achtete auf das, was die anderen taten, sobald wir alle das Schiff erklommen hatten. Vollkommen fasziniert von dem hellen, fast weißen Holz, das an manchen Stellen dunkelrot lackiert war, stieg ich eine der beiden Treppen hinauf, die zum hinteren Teil des ersten Oberdecks führten. Es schien, als ob dieses insgesamt zwei Räume beherrbergte. Während der eine jedoch mit einem überdrehten Aufschrei von Nami zum Quartier der Frauen ernannt wurde, musste der andere...

Ich blieb wie angewurzelt stehen, als ich die Tür geöffnet hatte. In eine Küche dieser Ausmaße hatte ich schon seit Ewigkeiten keinen Fuß mehr gesetzt. Und dass diese hier jetzt mein Territorium sein sollte, war schier zu viel des Guten. Es gab Platz! Platz für all das Geschirr, das ich auf der Lamb kaum mehr unterbrachte, und Platz zum Kochen überhaupt! All die Schränke und die Arbeitsfläche warteten geradezu darauf, von mir in Gebrauch genommen zu werden. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, prangte in der Mitte auf der Anrichte das von mir bestellte Riesenaquarium, das sich bis fast zur Decke hinaufzog. Ich hätte singen können vor Freude.

Mit einem Anflug von Feuereifer wandte ich mich wieder um. Jetzt galt es, den Rest des Schiffs zu erkunden und dabei möglicherweise mein Zimmer zu finden. Seit dem dämlichen Untersuchungstest war ich nicht mehr so gut gelaunt gewesen, und während ich die Treppe auf das Mitteldeck hinabstieg, summte ich leise vor mich hin. Ich öffnete die Tür, die ins Innere führte, und anhand eines geschäftig umherwuselnden Rentiers wurde mir klar, dass Chopper sein Zimmer auf diesem Gang hatte. Allerdings auch Ace, der lautstark damit prahlte, dass er das Esszimmer und das Bad gleich vor der Nase hatte.

Der faule Hund, der! Aber gut zu wissen, dass sich hier das Hauptleben abspielen wird.

Zumindest dann, wenn es draußen regnete, wir vor Anker lagen und niemand die Dachterasse über der Küche nutzen wollte.

»Sanji! Sanji«, mit begeistert leuchtenden Augen packte mich Chopper am Hosenbein, »Schnell, du musst mitkommen und dir das ansehen! Ich hab eine ganz eigene Praxis!«

Er zog mich bis ans Ende des Gangs, wo die offene Tür den Blick auf ein durchaus gemütlich eingerichtetes Arztzimmer freigab. Mit Schreibtisch, Liege und allem Drum und Dran. Na ja, wenn es ihn so sehr freute, ließ ich ihm seinen Spaß besser.

»Ganz nett«, sagte ich, »Aber eigentlich...«

»Und dein Zimmer ist gleich hier schräg gegenüber!«, grinste er mich von unten her an. Irgendwie sah er für einen kurzen Moment auf eine unheimlich hinterhältige Weise fröhlich aus; beinahe schon durchgeknallt.

»D-das ist toll«, sagte ich verwirrt, doch meine Einbildung schien mir einen Streich gespielt zu haben. Als ich ein zweites Mal hinsah, lächelte mich Chopper wieder so freundlich an wie eh und je.

Mann, jetzt reiß dich aber gefälligst etwas mehr zusammen! Du fängst ja schon an, Gespenster zu sehen!

Ich schüttelte ein beunruhigendes Gefühl mit einer unwirschen Kopfbewegung von mir ab, dann ließ ich Chopper auf dem Gang stehen, indem ich die Tür aufzog, hinter der ich mein Zimmer vermutete.

Es war ein schon fast vergessener Luxus, diese Privatsphäre, die mich empfing, kaum dass ich einen Fuß in den Raum gesetzt hatte. Die Tür fiel hinter mir zu und ich stand staunend vor der tüchtigen Arbeit eines durchaus fähigen Zimmermanns, der auch noch Spaß daran gehabt zu haben schien, all meine verrückten Forderungen hier unterzubringen. Und nicht nur das: Eine gemütliche Couchecke mit Tisch und noch einem Aquarium gab es zusätzlich. Fast so, als ob Frankie meine Gedanken gelesen hätte. Schon wollte ich mich andächtig auf meinem neuen Bett niederlassen, doch ein störendes Geräusch von draußen hielt mich davon ab. Es gab unter uns nur genau einen, der so laut und durchdringlich schnarchte.

»Marimo!«

Fuchsteufelswild stürmte ich zurück auf den Gang. Er brauchte ja nicht glauben, er konnte auf dem neuen Schiff tun und lassen was er wollte.

»Marimo, steh auf!«

Ich stieß ihm mit dem Fuß in die Seite, wie er da seelenruhig mitten auf dem Boden lag und vor sich hin döste. Mit einem Ruck war er wach.

»Was?! Schon hell?!«, er entdeckte mich und sein Blick wurde finster, »Koch, was willst du denn hier? Raus aus meinem Zimmer!«

»Dein Zimmer?!«

Fast hätte ich gelacht. Ich wusste zwar, dass er einen schlechteren Orientierungssinn hatte als ein Goldfisch, aber dass er den Gang für sein Zimmer hielt, war wohl seine beste Glanzleistung bisher.

»Marimo«, grinste ich und baute mich gehässig über ihm auf, »An deiner Stelle würde ich mir von Frankie noch einmal genau erklären lassen, wo dein Zimmer sein soll. Das hier ist nämlich der Gang.«

Weiterhin feixend lehnte ich mich an die Wand. Es war zu schön, zuzusehen, wie seine Miene von Abscheu zu Überraschung und schließlich zu unverholenem Zorn wurde.

»Ohh! Koch!«

Er sprang auf, dann schnauzte er mich an: »Gib du mir keine Befehle, Tellerwäscher!«

Tellerwäscher!?

Bevor ich explodieren konnte, war er schon davongestapft. Wohin, das war nicht ganz sicher. Wenn ich Glück hatte, verirrte er sich so, dass wir ihn erst Morgen früh in einer Woche wiederfanden.

Innerlich brodelnd kehrte ich zurück in mein Zimmer. Dort warf ich mich endlich auf das Bett und schloss die Augen; vergaß meinen Ärger gänzlich. War das angenehm! Wie lange es wohl her war, dass ich das letzte Mal eine richtige Matratze unter meinem Rücken hatte spüren dürfen? Zufrieden lächelnd setzte ich mich auf und betrachtete die Schrankwand vor mir. Nie mehr wieder meine Sachen zu denen von den anderen Schlampern und Blödmännern räumen, die von Ästhetik so rein gar keinen Schimmer hatten. Nie mehr wieder meine ach-so-anzüglichen Bücher vor ihnen verstecken, aus Angst, sie kämen hinter mein Geheimnis, welches nun genaugenommen gar keines mehr war. Und außerdem nie mehr wieder von diesem elenden Schnarchen geweckt werden, dass von...

...der anderen Seite dieser Wand kommt, oder wie?!

Argwöhnisch stand ich auf und lugte auf den Gang hinaus. Nein, diesmal war kein Marimo zu sehen. Zumindest nicht hier draußen. Als ich jedoch die benachbarte Tür öffnete, wurde mir sofort klar, wo der Taugenichts steckte.

Zu blöd, um nach dem Weg zu fragen auch noch!?

Mit drei Schritten war ich neben dem Bett, in dem ein gewisser Jemand seinen Mittagsschlaf fortsetzte. Glück für ihn, dass er sich dazu nicht gerade in mein Zimmer verlaufen hatte.

»Marimo, wach auf!«

Ich zerlegte halb das Bett, bis er endlich so gnädig war, die Augen aufzumachen.

»Koch!«, mürrisch setzte er sich auf, »Was willst du denn schon wieder?!«

»Du schnarchst! Außerdem sollst du doch dein Zimmer suchen!«

»Das ist mein Zimmer! Und herumkommandieren lass ich mich von dir auch nicht!«

»Das ist nicht dein Zimmer!«

Eigentlich wollte ich bestimmt klingen, schaffte es jedoch nicht ganz, die in mir aufsteigende Unsicherheit zu unterdrücken. Wenn er tatsächlich Recht hatte, dann...

»Wohl ist das mein Zimmer! Ich hab Frankie extra gefragt! Wenn es dir nicht passt, kannst du ja im Frachtraum pennen!«

»Das ist doch die Höhe!«, wetterte ich, »Da sag ich Frankie noch, ich will mein Zimmer auf keinen Fall neben deinem...!«

»Oh, vielen Dank auch, Koch!«

»...und was kommt letztendlich dabei raus?! Jetzt muss ich mich doch wieder mit dir herumschlagen!«

Wutschnaubend machte ich kehrt, mit der Absicht, dieses Zimmer hier auf schnellstem Wege zu verlassen. Natürlich gehörte es dem Marimo, da brauchte man keine Leuchte zu sein, um das zu sehen. Niemand sonst hätte sich eine Trennwand aus Papier bestellt und sein Möbiliar auf einen Tisch und ein Regal beschränkt.

»Aber eines sag ich dir!«, rief ich und drehte mich auf der Türschwelle um, »Wenn du noch ein einziges Mal so schnarchst, dann tret ich die Wand ein!«

»Ja, mach doch! Mir egal!«

»Das mach ich auch! Verlass dich drauf!«

Und damit ließ ich ihn alleine. Hauptsache, ich hatte das letzte Wort.


Robins Part:

Sehr zufrieden mit mir und der Welt saß ich auf der Couch und sah zu, wie Nami eifrig das Zimmer erkundete. Es war, ohne übertreiben zu wollen, das größte von allen. Doch die Tatsache, dass wir es gemeinsam bewohnen würden, rechtfertigte das wieder. Vielleicht hatte aber auch Frankie mit dem Gedanken gespielt, mich des Öfteren hier zu besuchen. Ganz sicher war ich mir da nicht. Egal wie viele schiefe Blicke ich ihm zuwarf, wie er da in der Tür stand, breit grinsend und mit verschränkten Armen. Sicher war ich mir allerdings, dass die Sitzecke mit Tisch aus genau dem Grund entstanden war. Immerhin schien sie für mehr als nur zwei Personen konzipiert.

In genau dem Moment, in dem Nami das untere der beiden Betten für sich in Anspruch nahm, ging ein Ruck durch das gesamte Schiff. Kurz darauf war ein zorniges Aufheulen zu vernehmen.

»Verdammter Mist, verdammter! Woraus ist diese Scheißwand eigentlich?!«

Wodurch sich auch die Nachfrage erübrigte, wer genau dort unten unter die Randalierer gegangen war.

»Tja, Jungs«, sagte Frankie fröhlich in den Raum hinein, »Die ist aus Diamantstahl. Härtegrad 20. Wenn ihr die kleinkriegen wollt, müsst ihr noch ein wenig trainieren.«

Er lachte, dann meinte er an mich gewandt: »Robin, wenn du nichts dagegen hast, dann geh ich den anderen helfen, die Sachen von der Lamb hier rüber zu tragen.«

»Ist in Ordnung, Schatz.«

Ich schenkte ihm mein freundlichstes Lächeln, woraufhin er mit einer lässigen Handbewegung von dannen zog.

»Na endlich!«

Kaum war die Tür zugefallen, kniete sich Nami auf den Boden und hob den dort liegenden Teppich etwas an.

»Was genau tust du da?«, fragte ich. Ob sie wohl nach einem weiteren Versteck für ihre wohl behüteten Schätze suchte?

»Hab ich's mir doch gedacht!«, gab sie mir mit triumphierender Stimme als Antwort, »Selbst Frankie kann nicht so perfekt sein, dass er nicht das eine odere andere Astloch übersieht.«

»Du meinst, wir haben ein Loch im Fußboden?«

Ich stand auf. Das war eine ausnahmsweise interessante Wendung der Dinge.

»Tjaah... Aber nicht nur irgendeines!«, grinste sie hinterlistig, »Guck mal da durch und sag mir, was du siehst.«

Ich ließ mich neben sie auf den Boden sinken, dann tat ich wie geheißen.

»Hm, praktisch.«

Ich richtete mich wieder auf, lächelte verklärt. Wir hatten gerade eine Freikarte für großartiges Kino erhalten, so viel stand fest.

»Exakt das«, sagte Nami, während sie die andere Seite des Teppichs auch noch inspizierte, »Ach, und sieh einer an: Da ist noch eins!«

Sie sah ungläubig zu mir herüber.

»Frankie wird das doch wohl nicht mit Absicht gemacht haben?«

»Haha, nein, das glaub ich nicht«, kicherte ich, »Der weiß doch gar nichts davon, dass wir Sanji und Zorro verkuppeln wollen.«

»Wie auch immer; die Gucklöcher kommen uns gerade recht. Pass auf, wir kriegen noch Sachen über die beiden raus, die wir uns nicht im Traum vorzustellen gewagt hätten.«

»Solange keiner von beiden Bonsai-Bäumchen züchtet oder strickt...«

»Oh Gott, Robin, hör auf!«, Nami brach gackernd über dem aufgerollten Teppich zusammen, »Sanji vielleicht noch, aber Zorro! Zorro, der strickt! Stell dir das mal vor!«

In der Tat ein amüsantes Bild.

»Und nicht nur das«, sponn ich den Gedanken weiter, »Nähen und häkeln kann er womöglich auch noch.«

»Aufhören! Aufhören!«

Nami lag mehr als dass sie saß und hielt sich den Bauch. Es tat doch immer wieder gut, gemeinsam mit ihr die Jungs zu veralbern. Besonders, wenn die gar nichts davon wussten.


Zu zwölft saßen wir beim Abendessen. In unserem neuen Esszimmer-Gemeinschaftsraum gab es nämlich endlich einen Tisch, der groß genug dafür war, ohne dass man die Ellenbogen des Nebenmanns im Teller hatte. Und die Durchreiche, die die Küche von oben mit dem Tisch verband, hatte nun auch ihren ersten glorreichen Auftritt. Ich hätte schwören können, noch nie zuvor einen so glücklichen Sanji gesehen zu haben.

»Wann wird denn das Schiff eingeweiht?«

Die Frage von Paprika kam ganz unschuldig, traf uns aber eher unvorbereitet.

»Ja, genau«, stimmte Nami zu, »Da haben wir uns noch gar keine Gedanken drüber gemacht.«

»Ich bin für heute«, mampfte Ruffy, schwer beschäftigt mit seinem zehnten Steak.

»Wir haben aber doch noch überhaupt nichts dafür vorbereitet«, warf Sanji ein, »Geschweige denn, alle unsere Sachen richtig verräumt.«

»Dann eben morgen. Da hat sowieso Lysop Geburtstag.«

Erstaunlich. Er kann sich Daten merken.

»Ja, genau!«, rief Lysop begeistert, »Da feiern wir dann alles zusammen: Meinen Geburtstag, den Geburtstag vom Schiff...! Hey, die Gryphon hat am gleichen Tag wie ich Geburtstag!«

»Wollen wir nur hoffen, dass sie nicht auch so ein April-Scherz ist wie du«, sagte Nami mit missbilligendem Blick, da Lysop ihr vor lauter Euphorie mit dem Butterbrot eine Ohrfeige verpasst hatte.

»Ich bin doch kein April-Scherz!«, entrüstete er sich, entdeckte dann jedoch die Bescherung, die er angerichtet hatte.

»Ahh! Nami, es tut mir ja so Leid! Warte, warte...! Das hab ich gleich...«

»Pfoten weg!«

Das Butterbrot, das trotz fehlendem Segelschein sehr gut vorankam, flog quer über den Tisch und bruchlandete mitten in Choppers Teller.

»Hilfe! Attentäter!«

Vor Schreck stieß er die Saftflasche um, die sich daraufhin anschickte, ihren gesamten Inhalt auf dem Tisch zu verteilen.

Ja, genau das ist er; der Zeitpunkt, an dem man sich zurückziehen sollte, wenn man nicht gerade schwerwiegende Blessuren davontragen möchte.

»Also, dann ist das ja alles geklärt«, sagte ich dem Chaos zum Trotz und erhob mich, »Sehr schön. Ich bin dann im Bett.«

Mit einem leisen Lächeln auf dem Gesicht machte ich mich auf den Weg, das Esszimmer zu verlassen, wobei mir der aufdringlich die Tür aufhaltende Sanji kein Stück fehlte. Verwundert von meinem plötzlichen Entschluss sahen mir alle hinterher, weshalb ich es mir nicht verkneifen konnte, noch einen Ratschlag loszuwerden.

»Ach ja, übrigens«, sagte ich, als wäre es mir gerade eben eingefallen, »Vergesst nicht, was ihr heute Nacht träumt. Man sagt sich, der Traum der ersten Nacht im neuen Heim wird wahr.«

Noch einen letzten vielsagenden Blick in die Runde werfend verließ ich sie schlussendlich. Ob sie mir glaubten oder nicht, war mir im Grunde egal. Sicher war nur, dass ich damit einen ganz bestimmten Stein ins Rollen gebracht hatte.

Die doppelte Dosis und ein neues Schiff - Ende


Tjahhh... WAS werden die wohl träumen? Hihi, auf jeden Fall etwas sehr Zukunftsweisendes. Und das nächste Kapitel ist einfach nur genial, wenn ich so behaupten darf ;)

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