„Nein ... das ist nicht nötig", Shirin wehrte den Injektor ab, den der Arzt im Schutzanzug an ihren Hals ansetzen wollte, nachdem er sie mit dem Tricorder gescannt hatte und versuchte die Hände des anderen zu packen.

Er war nur einer der vielen Leute, die plötzlich im Lagerraum herumwuselten, nachdem eine für sie unbestimmbare Zeit lang nichts passiert war. Wann und wie die Männer und Frauen aufgetaucht waren, hatte sie nicht einmal mehr richtig mitbekommen, da ihr Immunsystem nun alle Kräfte für sich beanspruchte und auch ihre Sinne auf ein Mindestmaß heruntergeschaltet hatte. Sie sah undeutlich und verschwommen, hörte nur wie durch einen dicken Wattebausch und schmeckte in diesem Moment gar nichts mehr.

„Stellen Sie sich nicht so an, Yeoman Kazan! Ihr Kreislauf steht kurz vor dem Kollaps!", ließ sich der Arzt im Schutzanzug nicht beirren. Einer seiner Helfer hielt ihren Arm fest und versuchte auch den anderen zu erwischen, um sie zu fixieren.

„Wenn ich nichts dagegen unternehme, wird Ihr Herz, dann der Rest Ihrer Organe aussetzen! Halten Sie endlich still. Das ist ein Befehl!"

Der Mediziner versuchte nun erneut, den Injektor anzusetzen, aber Shirin sammelte noch einmal alle Kräfte, die ihr noch zur Verfügung standen. Sie drehte sich mit aller Gewalt von den beiden Männern weg, es gelang ihr sogar sich aus dem festen Griff zu lösen und zwei Schritt zur Seite zu robben, aber dann erfasste sie schon ein weiterer Fieberschub, gefolgt von einem Krampf.

„Bitte ... nicht ...", stieß sie hervor, spürte, wie ihr Immunsystem zum letzten Schlag gegen den Virus ansetzte und fügte schwächer werdend hinzu. „Sie ... bringen ... mich ... damit ... um ..."

Ihr wurde schwarz vor Augen, während sie die Hand ein weiteres Mal hob, in der verzweifelten Hoffnung, man würde auf sie hören. Denn wenn sie ihr das Mittel genau jetzt injizierten, starb sie vielleicht wirklich.

Noch bevor sie jedoch in Erfahrung bringen konnte, ob man auf sie hörte, erfasste sie ein starker Sog und ihr Bewusstsein stürzte in bodenlose Dunkelheit. So wie sie es auf Enparos VII erlebt hatte.

Nur hatte sie sich damals noch rechtzeitig in ihrem Quartier einschließen können und die anderen Personen in der Forschungsstation hatten entweder selbst um ihr Leben gekämpft oder andere Sorgen gehabt, um ihr Fehlen zu bemerken ...

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"Miss Kazan befindet sich in Intensivraum 2, Sir. Die höchsten Quarantäneprotokolle sind bereits aktiv ", erklärte Schwester Reynolds, als Leonard McCoy die Krankenstation betrat. Er nickte nur und ging gleich in den hinteren Teil seines Wirkungsbereichs durch, in dem er normalerweise die schweren Fälle betreute, legte sein Padd auf den Arbeitsplatz und trat an die Scheibe aus transparentem Aluminium, die ihn von dem Geschehen trennten.

Doktor Gazetti, der den Einsatz im Lagerraum geleitet hatte, verfrachtete den leblos wirkenden Körper der jungen Frau zusammen mit einem Helfer gerade von der Trage, die mit einem Energiefeld umgeben gewesen war, auf das Biobett. Yeoman Kazan schien also nicht mehr bei Bewusstsein zu sein.

Sofort sprangen die Sensoren an, maßen Temperatur, Herzfrequenz, und andere Daten, die auf die Scheibe projiziert wurden. Als die beiden Männer zurücktraten schaltete sich ein Energiefeld an und bedeckte den Körper mit einem Raster aus grünen Strichen, um ihn komplett biometrisch zu erfassen. Auch dieses Bild war im nächsten Moment zu sehen.

McCoy runzelte die Stirn, als er diese genauer studierte. „Was ist denn das für ein Durcheinander?", murmelte er.

Denn da passte ein Wert nicht wirklich zum anderen. Das Herz der jungen Frau schlug immer noch schnell, dafür hatten die anderen Organe ihre Arbeit auf ein Mindestmaß reduziert. Die Temperatur in den Gliedmaßen war drastisch gesunken, während sie in Kopf und Torso einen lebensbedrohlichen Wert erreicht hatte, etwas, was ganz und gar nicht normal war und eigentlich nicht sein durfte ...

Sie atmete flach aber schnell, als ob die Lungen die Sauerstoffzufuhr im Blut erhöhen müssten. Dazu wurde sie immer wieder von Krämpfen geschüttelt, die ihren Leib erzittern ließen.

„Sir, gut, dass Sie da sind. Yeoman Kazan ist in diesem Zustand, seit sie das Bewusstsein verloren hat. Bevor das geschah, wehrte sie sich vehement dagegen, dass ich ihr Dilphapham geben, um die Fieberschübe einzudämmen", erklärte der junge Doktor aufgeregt.

„Haben Sie es ihr danach verabreicht, Gazetti?"

„Nein Sir, kurz bevor Yeoman Kazan ganz zusammenklappte, flehte sie mich an, es nicht zu tun, behauptete, es würde sie umbringen. Da sich die Werte danach etwas beruhigten, habe ich es sein gelassen", folgte die verlegene Antwort.

„Das war vielleicht auch ganz gut so, denn es scheint, als habe sie nicht ganz unrecht mit ihrer Vermutung ...", murmelte McCoy und rief weitere Daten ab, um seine Vermutung rückzuversichern.

Und ja, tatsächlich Das Medikament hätte den Körper der jungen Frau unnötig ausgebremst. Es sah so aus, als ob dieser selbst nur zu genau wusste, wie er sich gegen die Eindringlinge zu wehren hatte, die nun auch auf dem medizinischen Scanner sichtbar wurden. Das reichte aber noch nicht aus, um eine vollständige Diagnose zu stellen.

Deshalb gab er rasch weitere Anweisungen: „Verabreichen Sie Miss Kazan gar nichts, außer reinem Sauerstoff, Gazetti. Nehmen Sie ihr stattdessen Blut ab, damit wir genauer herausfinden können, was mit ihr eigentlich los ist und welcher Virus sie da in seinen Klauen hält, damit wir ihr vernünftig helfen können."

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‚Dein Körper funktioniert auch jetzt schon wie ein präzise arbeitendes Uhrwerk. Sollte er einmal kompromittiert werden, finden die Wächter in deinem Blut das Problem umgehend, werden es isolieren und bekämpfen.

In dieser Zeit bist du allerdings hilflos wie ein neugeborenes Kind, schwach und unkoordiniert, so gut wie blind und fast taub. Deshalb ist es wichtig, auf die ersten Alarmzeichen zu hören, um sich rechtzeitig zurückziehe, um deine Familie benachrichtigen zu können, wenn du in die Verlegenheit kommen solltest dich unter Normalsterblichen bewegen zu müssen", erklärte eine ruhig wirkende Stimme kalt.

‚Um zu begreifen, wie immens wichtig, diese Schutzmaßnahme ist und damit du lernst, was zu tun ist, hast du mit dem Kuchen gerade eben auch Gift gegessen ...'

Shirin spürte wie damals als Dreijährige die Übelkeit, die sie dann plötzlich erfasste hatte, fühlte den gefühllosen Blick der Frau auf sich ruhen, die alles andere, nur kein Betteln und Flehen erwartete.

Trotzdem konnte das kleine Mädchen nicht anders als die Arme auszustrecken. ‚Manan? Manan?'- Eine Geste, die mit einem schmerzhaften Schlag auf ihre Wange quittiert und von der herzlosen Anweisung begleitet wurde: ‚Nein Shirin! Handle! Und lebe!'

Und das hatte sie damals unter Tränen auch getan, obwohl sie danach das Vertrauen zu ihrer eigenen Mutter verloren und diese danach nur noch gefürchtet hatte. Etwas, was die Sippenältesten bewusst forciert hatten, wie sie selbst später durch das Beispiel ihres jüngsten Bruders herausfinden sollte, weil sie die Stelle ihrer verstorbenen Lebensspenderin hatte einnehmen müssen, um ihn durch die erste Prüfung seines Lebens zu führen ...

Mit einem leisen Stöhnen kehrte Shirin aus der Welt ihrer Erinnerungen in die Realität zurück. Sie brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass sie sich nicht mehr im von kalten Winden umtosten Palast ihrer Sippe – fünfundzwanzig Jahre früher - sondern auf der Krankenstation der Enterprise befand. Die Geräuschkulisse, das Licht, auch der Geruch waren einfach zu unterschiedlich und erinnerte nicht im Entferntesten an die Stille und das Gemisch an unterschiedlichen aber angenehmen Düften, die in den großen Räumen des alterwürdigen Bauwerks vorgeherrscht hatte.

Ihre Hände ertasteten einen weichen, wabenartigen Stoff unter und neben sich. Eine leichte aber nichtsdestoweniger wärmende Decke. Fremdkörper an Schläfen, Pulsadern und über den Herzen.

Sie öffnete die Augen und stellte fest, dass ihre erste Ahnung richtig gewesen war. Sie lag also angeschlossen an die üblichen Sensoren in einem Biobett der Intensivstation, wie es die Dienstvorschriften in einem Fall wie dem ihren vorgaben.

Vorsichtig bewegte sie ihre Finger, hob vorsichtig die Hände zum Hals, um ihren den Puls zu spüren. Die kleinen Plättchen, die Herzrhythmus, Blutdruck und anderes maßen beließ sie jedoch an Ort und Stelle.

Mund und Nase fühlten sich trocken an, aber da waren kein Brennen, kein Schmerz mehr. Nur Benommenheit und Erschöpfung, wie damals in der Forschungsstation. Ob ihr Körper den Virus bereits besiegt hatte, wusste sie nicht ... aber das würde sie vermutlich bald erfahren.

Shirin setzte sich vorsichtig auf, als die erste Schwäche vorüber war, stützte sich mit den Händen ab und drehte dann ihren Kopf, um sich vorsichtig umzusehen.

Natürlich war die Scheibe aus transparentem Aluminium hochgefahren, die Schleuse als einziger Zugang fest verriegelt. Ein bitterer Zug spielte um ihren Mund, als ihr andere Gedanken in den Kopf kamen: ‚So kann ich mich schon einmal an diese Art von Quartier gewöhnen ...'

Dann beugte sie sich ein Stück vor und versuchte zu erkennen, wie viel Zeit seit ihrer Meldung an Chief O'Hara vergangen war. Eine Uhr war nicht zu sehen, aber es musste schon in der Gamma-Schicht sein, denn das Licht war gedämpft und sonst niemand zu sehen, bis auf den dunkelhaarigen Mann, der bei den Bildschirmen der gegenüberliegenden Wand saß und ganz in seine Arbeit vertieft war. Sonst hätte er vermutlich schon mitbekommen, dass seine Patientin wieder zu Bewusstsein gekommen war.

Vorsichtig streifte Shirin die Decke zurück, stellte fest, dass sie nur einen locker herunterhängenden und im Rücken von Bändern gehaltenen Kittel trug – welche sie rasch verknotete - und ließ die Füße von der Liege gleiten. Als sie ihr Gewicht auf die Beine verlagerte, erfasste sie erneut ein Anfall von Schwäche, doch der ging genau so schnell vorüber, wie er gekommen war.

Langsam tappte sie auf nackten Füßen zu der Scheibe, um besser zu erkennen, mit was sich der Chefarzt der Enterprise da eigentlich beschäftigte, was ihn so in den Bann schlug, dass er ihr Erwachen nicht bemerkt hatte. Bisher hatte er leicht vorgebeugt dagesessen, das Kinn auf die Hand gestützt, nun richtete er sich in Habachtstellung auf und öffnete ein weiteres Fenster auf dem Bildschirm.

Shirin taumelte leicht, als sie von einem leichten Schwindelgefühl erfasst wurde, da sie erkannte, um was es sich handelte. Sie verzichtete aber darauf, sich an der Scheibe abzustützen.

Statt dessen schlang sie die Arme um sich. Ihr wurde kalt, aber das lag nicht an der Temperatur des Raumes oder einem weiteren Fieberschub. Sie wusste genau, was er da gerade studierte und für was er den letzten Beweis suchte.

Diese Analysen waren einmal ein Teil ihres Lebens gewesen, und sie hatte sie bereits mit zehn Jahren so zu lesen gewusst wie andere Kinder ein normales Buch. Mit fünfzehn hätte sie an jeder Universität der Erde problemlos ihren Doktor in Medizin und Biogenetik machen können ...

Das eine Blutbild war das ihre. Das andere das ihres Stammvaters und zwar in weitaus besserer Qualität und detailreicher als sie je eines zuvor gesehen hatte. Sie wusste auch wieso: Der Doktor konnte ja schließlich auch auf Proben zurückgreifen, die nicht schon über zweihundertundfünfzig Jahre alt waren.

„Khan ...",murmelte sie unwillkürlich.

In diesem Moment schreckte Doktor Leonard McCoy auf und drehte sich um, so als habe er ihre Stimme bemerkt. Seine Augen weiteten sich einen Moment, als habe er sie nicht außerhalb des Bettes erwartet, dann jedoch musterte er sie scharf.

Shirin wich seinem Blick nicht aus. ‚Ich habe schon einmal die Flucht nach vorne gewagt, indem ich aus meinem alten Leben ausgebrochen bin, nun sollte ich es ein weiteres mal tun und zu dem stehen was ich bin! Denn nur so kann ich steuern, was ich ihnen erzähle und was nicht', entschied sie sich und antwortete auf die unausgesprochene Frage mit einem leisen „Ja!"