Der Ausbruch war geplante Sache. Die Dementoren waren mit großer Zustimmung an die Seite des Dunklen Lords zurückgekehrt. Helia wusste nicht, was er ihnen für ihre Dienste versprochen hatte, aber sie ahnte, dass es nichts Gutes gewesen sein konnte. Sie konnte Dementoren noch nie ausstehen. Sie wollten Seelen, genauso wie sie selbst. Der Abend des geplanten Ausbruchs kam schnell. Tom war fort. Sie zweifelte zwar daran, dass er den Plan selbst in die Tat umsetzen würde, aber er würde sich diesmal nicht zu sehr auf seine Gefolgsleute verlassen. Dafür war ihm die Sache zu wichtig. Seine Laune war in den letzten Tagen merklich schlechter geworden. Je näher der Tag des Ausbruchs kam, desto unerträglicher wurde er. Sie versuchte ihm aus dem Weg zu gehen, bis alles überstanden war. Es war eine ziemlich stürmische Nacht und obwohl es noch Winter war, lag Gewitter in der Luft. Narzissa ging nervös auf und ab und starrte immer wieder minutenlang aus dem Fenster. Lucius Malfoy war mit dem Dunklen Lord fort gegangen und Narzissa sorgte sich, dem Anschein nach, schrecklich. Bei jedem Geräusch schien sie alarmiert. Helia hingegen hatte sich ein Buch genommen und saß ziemlich entspannt im Salon und sah hin und wieder zu Narzissa hinüber, um sich zu vergewissern, dass sie noch keinen Herzinfarkt erlitten hatte, nur weil irgendwo ein Ast knackte.

„Narzissa, beruhige dich. Setz' dich, trink einen Wein und genieße die Ruhe.", sagte Helia ruhig, ohne von ihrem Buch aufzusehen.

„Wie können Sie nur so ruhig da sitzen? Sind Sie denn gar nicht besorgt, Helia?", fragte sie etwas entrüstet.

„Nein, nicht im geringsten." Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Schließlich hatte sie sich schon einmal sehr getäuscht. Man sollte auch meinen, ein Baby zu töten, sei eine sichere Sache, aber dem war damals auch nicht so. Narzissa schien Helias Ruhe nur noch nervöser zu machen. Scheinbar dachte sie, dass sie nun die Besorgnis für sie beide tragen müsse.

„Narzissa, setz dich! Du machst mich ganz wahnsinnig mit deinem Umhergelaufe.", stöhnte Helia. Narzissa kam ihrem Wunsch nach und setzte sich angespannt. Jedoch nicht, ohne stetig mit dem Fuß zu wippen, oder an der Sofalehne zu knibbeln.

„Gut, lauf weiter, das macht mich noch wahnsinniger.", lachte Helia kopfschüttelnd.

Plötzlich sprang die Tür auf und ein ziemlich nasser Lucius Malfoy betrat den Salon. Narzissa stürzte auf ihn zu und umarmte ihn, als hätte sie ihn Jahre nicht gesehen. Helia zog ablehnend die Augenbraue hoch. Fein, also war alles gut gegangen. Keine Überraschungen heute. Dicht hinter Lucius, kam eine ebenso nasse Bellatrix Lestrange zum Vorschein. Oder zumindest das, was von ihr übrig war. Sie sah schrecklich aus. Abgemagert, die Haare zerzaust und verfilzt. Sie trug die einheitliche Sträflingsuniform aus Azkaban und wirkte um mehrere Jahrzehnte gealtert. Ihr Augen blickten wirr und unfokussiert umher, scheinbar blendete sie das, für sie sehr helle, Licht. Azkaban war, wie man wusste, ein sehr dunkler Ort. Narzissa starrte ihre Schwester einige Momente lang an, bis auch sie sich in die Arme fielen. Helia grüße einmal kurz, bevor sie sich auf die Suche nach Tom machte. Auch wenn Bellatrix es nie offen ausgesprochen hatte, so wusste Helia doch, dass sie sie nicht sonderlich leiden konnte. Wie sollte sie auch?

Sie fand Tom in ihrem Zimmer. Er saß auf dem Bett, als hätte er auf sie gewartet.

„Alles gut gegangen, wie ich sehe?", fragte sie und setzte sich neben ihn.

„Natürlich,", antwortete er knapp, „hast du denn etwas anderes erwartet?"

„Natürlich nicht.", sagte sie und nahm seine Hand, die sie einige Sekunden lang fest drückte, ehe sie einen Kuss darauf hauchte.

„Ich würde niemals an dir zweifeln, Tom. Niemals! Ich hoffe das weißt du."

Er stöhnte auf und ließ sich auf das Bett zurück fallen. Helia legte sich neben ihn. Vorsichtig lehnte sie sich über ihn. Ganz langsam kam sie seinem Gesicht Zentimeter für Zentimeter näher. Und noch bevor sich ihre Lippen berührten, packte er sie im Nacken und zog sie zu sich hinunter. Es lag zwar keinerlei Leidenschaft in diesem Kuss, aber dennoch konnte Helia eine unglaubliche Vertrautheit spüren. Ihm ging es nie um Leidenschaft, Vertrautheit oder gar Liebe. Zwar kannte er die Worte, jedoch würde er ihre Bedeutung vermutlich niemals verstehen, da sie für ihn einfach nicht von Bedeutung waren. Von Bedeutung war einzig und allein Macht und da er nicht die Macht hatte, sie zu töten oder ihr ernsthaft weh zu tun, war das die einzige Art von Macht, die er über sie hatte. Blitzschnell drehte er sie um, so dass er auf ihr zum Liegen kam ...

Langsam erhob sie sich aus dem Bett und ging hinüber zum Kleiderschrank, aus dem sie sich frische Sachen holte.

„Was hast du vor?", fragte er misstrauisch.

„Frühstücken.", sagte sie ruhig „Du kannst mir ja Gesellschaft leisten?" Aber sie wusste schon, dass er sich darauf kaum einließ. Er ließ sich die Mahlzeiten fast immer in sein Arbeitszimmer bringen. Sie ging ins Bad, um zu duschen und kam einige Minuten später, perfekt zurecht gemacht und frisiert, wieder hinaus. Er lag immer noch auf seiner Seite des Bettes. Sie musste lächeln. Vorsichtig setzte sie sich neben ihn und küsste ihn auf die Stirn.

„Steh auf!", sagte sie lächelnd und ging.

Bellatrix saß schon an der Tafel. Bei Tageslicht sah sie zwar immer noch erbärmlich aus, aber sie hatte wenigstens versucht, sich etwas herzurichten.

„Guten Morgen.", sagte Helia freundlich und ließ sich am Kopf der Tafel nieder.

„Wer hat dir erlaubt dort zu sitzen?", fauchte Bellatrix. So, so, Respekt schien sie heute nicht an den Tag legen zu wollen. Soweit sich Helia erinnerte, hatte sie ihr nie das Du angeboten.

„Nun, Bellatrix, ich suche mir meinen Platz für gewöhnlich selbst aus.", gab Helia gelangweilt zurück. Sie kannte diese Machtspielchen schon.

„Der Kopf der Tafel gebührt dem Dunklen Lord, nicht irgendeiner Frau."

„Ich werde das jetzt nur ein mal sagen, Bellatrix, also hör besser genau zu, sofern deine Ohren wieder sauber genug sind, um mit ihnen zu hören. Redest Du noch ein mal in diesem Ton mit mir, werde ich dir zeigen, wo dein Platz ist, hast Du mich verstanden?"

Bellatrix schwieg und sah auf ihren Teller. Jahre hatte sie kein so gutes Essen mehr gesehen, auch wenn es aus nicht mehr als Toast und Kaffee bestand.

„Ob Du mich verstanden hast, Bellatrix?", fragte Helia noch einmal mit Nachdruck. Langsam und kaum merklich nickte sie. „Schön. Ich bin vielleicht eine Frau, aber ich bin seine Frau und daher ist für dich mein Wort Gesetz! Wenn ich sage : Spring!, dann springst du und wenn ich sage : Hol mir den Tagespropheten!, dann gehst du und holst mir den Tagespropheten." Ihre Stimme war schneidend kalt. „Wo wir gerade dabei sind - ich hätte nun gerne den Tagespropheten." Bellatrix erhob sich missmutig von ihrem Platz, um ihrem Wunsch nach zu kommen. Wütend pfefferte sie ihr die Zeitung auf den Tisch.

„Na, das üben wir aber noch mal.", lachte Helia. „Wenn du dich beschweren möchtest, bitte. Der Dunkle Lord müsste aufgestanden sein und sich in seinem Arbeitszimmer aufhalten. Geh nur." Bellatrix machte keinerlei Anstalten zu gehen. Immer noch wütend, setzte sie sich wieder und nahm mit Helia das Frühstück ein. Sie musterte Helia genauer. Ein selbstzufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen. Helia war sich sehr darüber im Klaren, dass Bellatrix alles darum gäbe, an ihrer Stelle zu sein. Ja, sie würde alles dafür tun, sie zu sein. Und sei es nur ein Mal, nur für einen Tag. Was hatte sie da eben gesagt? Er war aufgestanden und bereits in seinem Arbeitszimmer. Sie mussten sich also schon unterhalten haben. Worüber sprachen sie wohl, schon so früh am Morgen? Hatten sie sich abgesprochen, wer zuerst aufsteht? Ins Bad geht? Oder waren sie sogar gleichzeitig aufgestanden? Sie würde ihre Seele, für solch einen trivialen Moment, ein so belangloses Gespräch mit ihm opfern. Die Letzte zu sein, mit der er am Abend sprach und die Erste, die er am Morgen sah. Und Helia wusste das ganz genau. Immer schon. Es hatte damals, als sie sich kennen lernten, keine zwei Sekunden gebraucht und Bellatrix hatte erkannt, dass sie niemals so sein würde wie sie. Ihm niemals das geben könnte, was sie ihm gab, was sie für ihn war. Und auch wenn sie sich beinahe sicher war, dass zwischen ihnen keine Liebe war, so war er doch so anders zu ihr. Sie war wichtig. Wichtiger als sie selbst, als sie jemals sein könnte und es schmerzte sie jedes Mal, wenn sie sich sahen, auch wenn sie dies niemals zeigen oder gar zugeben würde.

Die Schlagzeile des Tagespropheten war keine Überraschung. Massenausbruch aus Azkaban war in großen Lettern zu lesen. Die folgenden Seiten waren mit den Fahndungsbildern der Entflohenen bedruckt. Auch Bellatrix war darunter. Es musste ein älteres Bild sein, denn sie wirkte wesentlich jünger, gewaschener und wenigstens etwas weniger wahnsinnig. Helia blickte immer mal wieder zu ihr hinüber, um das Bild mit der Realität zu vergleichen.

„Was?", fauchte Bellatrix, als sie dies bemerkte.

„Ach, ich stelle nur fest, dass du älter geworden bist.", sagte Helia beiläufig und widmete sich wieder ihrer Zeitung. Bellatrix murmelte etwas vor sich hin. Vollkommen durchgedreht, dachte Helia. Sie hatte zwar schon vor ihrem ungeplanten Aufenthalt in Azkaban eine - wenn nicht mehr - Schrauben nicht ganz angezogen gehabt, aber Helia merkte schnell, dass sich dieser Umstand verschlimmert hatte. Früher wäre Bellatrix nicht so schnell und schon gar nicht so offensiv, auf die los gegangen. Dafür war sie damals zu vorsichtig gewesen, heute reichte da scheinbar schon weniger.

Die Zeitung langweilte Helia. Das Ministerium schob die Schuld Sirius Black, einem Cousin von Bellatrix, zu, der schon zuvor aus Azkaban fliehen konnte. Wieso sie damals gedacht hatten, er wäre auf der Seite des Dunklen Lords gewesen, fand Helia immer noch lächerlich. Er war es natürlich nicht. Nach Azkaban zu kommen war schon schlimm genug, aber unschuldig dort zu sein, wollte sie sich nicht einmal ausmalen. Sie hatte noch nie viel für Dementoren übrig gehabt und hielt sich, nach Möglichkeit, gern von ihnen fern. Aber so sehr sie die Alltäglichkeiten der Welt draußen auch langweilten, so sehr genoss sie sie auch. Die Welt außerhalb von Malfoy Manor hatte für sie, in den Monaten die sie nun dort war, aufgehört zu existieren. Ihre Zeit verbrachte sie mit lesen oder unterhielt sich mit Narzissa. Und auch wenn sie Narzissa wirklich gut leiden konnte, so steckte hinter der Fassade aus Prahlerei und Stolz doch nicht so viel, wie Helia gehofft hatte. Langsam bekam sie das Gefühl eingesperrt zu sein, obwohl es ihr eigentlich nicht verboten war das Haus zu verlassen.

„Narzissa!", rief Helia laut, in der Gewissheit, dass sie sich irgendwo in der Nähe aufhielt. Natürlich hatte sie recht und Narzissa kam nur Momente später herein. „Wir werden spazieren gehen." verkündete sie.

„Spazieren, Madame?", fragte Narzissa verwundert.

„Ganz recht. Mir wird es hier allmählich zu eng." Helia stand auf, bereit zu gehen. Narzissa blickte weiterhin verwundert drein, aber nickte schließlich.

Die Luft war eiskalt aber der Himmel strahlte in feinem blau.

„Wollen Sie sich nicht einen Mantel anziehen?", fragte Narzissa besorgt.

„Nein, keine Sorge. Ich werde mich nicht erkälten.", gab sie zurück. Sie liefen eine Weile schweigend durch den Schnee, bis Narzissa die Stille durchbrach.

„Ich mache mir Sorgen, Helia.", sagte sie leise. „Lucius, er - er steht nicht gerade in der Gunst des Dunklen Lords." Helia sah sie nicht an, sie konnte ihren Blick erahnen.

„Ja, ich weiß. Er hat ihn bereits einige Male enttäuscht und soweit ich weiß, war er auch bei der Befreiung der anderen nicht besonders hilfreich.", antwortete sie.

„Ich weiß, aber was kann er tun?"

„Nicht versagen. Er sollte zusehen, die nächste Aufgabe, die der Dunkle Lord ihm stellt, besser auszuführen. Ich denke, eine weitere Enttäuschung wird er nicht hinnehmen."

„Ja, ich weiß, aber können Sie vielleicht …?", Helia unterbrach sie sogleich.

„Was? Mit ihm reden? Nein. Du weißt, dass ich dir sofort helfen würde, wenn ich es könnte, aber was soll ich ihm denn sagen? Dein Mann sollte seine Aufgaben einfach besser ausführen. Dann wird er auch wieder in der Gunst des Dunklen Lords stehen."

Narzissa wirkte geknickt, aber sie verstand. Sie wusste, dass Helia ihr Bestes tun würde, aber es lag doch an Lucius und nicht am Dunklen Lord.

Sie kamen am frühen Mittag zurück und wurden schon von einer hämisch grinsenden Bellatrix begrüßt.

„Das wird Ärger geben.", lachte sie und wirkte dabei wie ein Schulkind, welches seine Mitschüler verpetzt hatte. Helia marschierte einfach an ihr vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. In ihrem Zimmer traf sie auf Tom, der vor Zorn glühte.

„Wo bist du gewesen?", fragte er wütend und warf ein Buch, dass er von seinem Schreibtisch griff, nach ihr. Sie konnte jedoch schnell genug ausweichen.

„Spazieren. Ich musste mal an die frische Luft.", sagte sie ruhig und setzte sich aufs Bett.

„Du hast mir Bescheid zu geben, wenn du das Haus verlässt!", brüllte er immer noch schäumend vor Wut.

„Ich wusste nicht, dass ich deine Erlaubnis brauche, um vor die Tür zu gehen. Verzeih."

Er ging zum Schreibtisch hinüber und setzte sich. Helia seufzte und stand auf. Er beachtete sie nicht und kümmerte sich um seine Pergamente. Langsam ging sie auf ihn zu und stellte sich hinter ihn. Vorsichtig begann sie seine Schultern zu massieren.

„Hätte ich gewusst, dass es dir so wichtig ist, immer zu wissen wo ich bin, hätte ich dir natürlich Bescheid gegeben.", flüsterte sie ihm ins Ohr. Er beruhigte sich ein wenig, was Helia erleichtert aufatmen ließ.

„Du hast mich um Erlaubnis zu bitten!", sagte er mit Nachdruck. Helia sah ihn fragend an. Früher hatte sie ihm nie Bescheid geben müssen, wenn sie irgendwo hin ging. Geschweige denn um Erlaubnis bitten.

„Wieso?", fragte sie vorsichtig. „Wieso auf einmal? Früher hat es dich auch nicht interessiert, wo ich gerade bin." Er drehte sich langsam zu ihr um und sah sie kalt an.

„Nun interessiert es mich. Nur für den Fall." war seine kühle Antwort und Helia verstand.

„Sollte dieser Fall wirklich eintreten, könntest du ja vielleicht dieses Mal nach mir rufen.", sagte sie ebenfalls recht unterkühlt und ging zum Sofa hinüber.