Hi an alle fleißigen Leser. Tut mir leid, dass es wieder so ewig lange gedauert hat mit dem neuen Kapiteln. Das achte Kapitel dient nur so als Zwischenteil, für Nebenbei. Hoffe, es gefällt euch trotzdem. Ich bemühe mich, das neunte Kapitel sehr viel schneller fertigzustellen (in Ansätzen ist es schon vorhanden), damit ihr nicht ganz aufhört zu lesen, was ich natürlich vermeiden will.
Ich wünsche euch viel Spaß und freue mich über Reviews und konstruktive Kritik.
Viele Grüße an Maren, die sich immer beschwert hat, weil ich so langsam bin. ;-)
8. Kapitel
Von den mal stürmischen, mal zärtlich langsamen Klängen der Violinen getragen, schwebte Anne unterdessen mit immer wechselnden Partnern durch den Raum, ab und zu geschubst von anderen, ganz in die Musik versunkenen Paaren, woraufhin jedoch immer ein flötender Austausch von Entschuldigungen folgte, da es für alle Beteiligten unangenehm war, so unsanft aus dem Takt gebracht zu werden.
Die
Geräusche der Tanzenden, die Schritte und die leisen Stimmen
wurden überdeckt von den Melodien der Streicher und diese
drangen still, unaufdringlich und lieblich durch Wände gedämpft
bis in das Zimmer, in welchem de Wardes père und Mordaunt
einander stumm gegenüber saßen.
Beide
brachte das Gefühl zusammen, ganz abgeschirmt von der
Gesellschaft und somit von aller Welt zu sein, doch während de
Wardes wusste, dass sich das sofort beheben lassen würde, sobald
er diesen Raum verließ, war Mordaunt überzeugt, dass er
dieser heiteren und sorglosen Gesellschaft nie angehören werde.
Dieses Wissen brachte ihn noch mehr auf gegen die seichte
Oberschicht, der er dem Namen nach angehören könnte, wenn
ihm nur seine Titel nicht genommen worden wären.
Schließlich
brach Mordaunt das Schweigen, er richtete sich etwas im Sessel auf
und versuchte, durch die Schatten des Zimmers hindurch des Grafens
Gesicht auszumachen.
„Monsieur,
Ihr wisst, warum ich Euch sprechen wollte." Er wartete einen
Moment, doch der Graf schwieg.
„Ich
sagte Euch vor nicht allzu langer Zeit, dass ich mehr über meine
Mutter erfahren will. Nicht über ihr Leben. Ich weiß recht
wenig davon, doch was ich weiß, genügt mir. Doch über
ihrem Ende liegt ein Schatten, der mich daran hindert, in dieser
Angelegenheit, die mir am meisten am Herzen liegt, klar zu sehen.
Meine
Mutter ist ermordet worden. Warum?"
De Wardes
wich dem bohrenden Blick des jungen Mannes aus, der sich nun noch
mehr vorgebeugt hatte und den Eindruck einer Natter machte, die im
nächsten Augenblick auf ihr Opfer zustoßen will.
„Ich
sagte Euch bereits, dass Eure Mutter Feinde hatte", antwortete de
Wardes endlich zögernd und vorsichtig. „Sie war eine bekannte
Frau, die die Gesellschaft liebte. Euch ist nicht unbekannt, dass sie
in den Diensten Kardinal Richelieus stand?"
Obwohl
Mordaunt nichts davon wusste, nickte er. Mit einem Seufzen fuhr der
Graf fort.
„Nun,
sie war Agentin und man muss sagen, sie machte ihre Sache sehr gut.
Dadurch aber verschaffte sie sich unter manchen Royalisten viele
Feinde."
„Wenn
ich mich recht erinnere, bat ich Euch, mir etwas über ihr Ende
zu erzählen und warum sie ermordet wurde und keine Schilderung
ihres Lebens", bemerkte Mordaunt kalt.
„Nicht
so rasch, Monsieur, ich wollte Euch einiges erklären. Nun, da
Ihr es so schnell erfahren wollt: Sie hatte es sich meines Wissens
nach mit einigen Royalisten verscherzt, diese haben sie irgendwann
gestellt und umgebracht." De Wardes atmete tief auf und fragte
sich, ob er bereits zuviel gesagt hatte. Auf keinen Fall durfte er
den jungen Mann auf eine richtige Fährte locken.
„Das
weiß ich alles schon. Ich will Namen! Und ich will Gründe.
Denn einfach so bringen fünf Mann keine Frau um." Überrascht
blickte der Graf Mordaunt an.
„Woher
wisst Ihr, dass es fünf waren?"
Mordaunt
triumphierte.„Der
Henker von Béthune! Ich weiß nicht, ob Euch dieser Name
etwas sagt, aber mir hat dieser Mann sehr viel gesagt, bevor er
sterben musste." De Wardes erblasste und ihm schauerte vor dem Sohn
der Mylady, der seiner Mutter so ähnlich war. Mit demselben Ton
in der Stimme hatte sie gesprochen, wenn es ihr wieder einmal
gelungen war, einen Sieg zu erzielen und wenn sie dabei über
Leichen gegangen war.
„Was
wollt Ihr denn noch von mir, wenn Ihr doch schon alles wisst,
Monsieur?"
„Namen,
Gründe, ordentliche Angaben. Monsieur", Mordaunt versuchte
seiner Stimme einen sanfteren, schmeichlerischen Klang zu geben, was
ihm kaum gelang, „ich sagte bereits, es wird Euer Schade nicht
sein. Was hindert Euch daran, mir manche Dinge zu sagen, von denen
Ihr wisst? Mit Eurer Weigerung erweckt Ihr mir allmählich den
Eindruck, als seid Ihr selbst am Mord meiner Mutter beteiligt
gewesen."
Mit einem
Gefühl der Angst blickte de Wardes den jungen Mann an, der sich
langsam erhoben hatte und drohend vor ihm stand, das Gesicht im
Schatten und doch spürte er seine stumme Frage, ob er einer der
Mörder war.
Plötzlich
kam es dem Grafen absurd vor, dass er sich hier vor dem Sohn seiner
ehemaligen Geliebten rechtfertigen musste, in seinem eigenen Haus, in
dem eine Gesellschaft stattfand, die fröhlich war und nichts vom
Ernst des Lebens und schon gar nicht vom Tod wissen wollte.
Mit einem
Ruck stand nun auch de Wardes auf, die matte Helligkeit vom Flur gab
zeichnete scharfe Züge in sein Gesicht, da er mit dem Gesicht
zur Tür stand, während Mordaunt noch immer im Dunkeln war.
„Eure
Mutter, Monsieur, war mir eine entzückende Geliebte, anderen
Menschen gegenüber aber war sie ein Dämon, ein Ungeheuer
geradezu. Sie hat die Geliebte eines Mannes umgebracht, aus reiner
Rachsucht, sie ist für den Tod des Herzogs von Buckingham
verantwortlich und für den Tod eines anderen Mannes, den sie
verführt und somit ins Elend gebracht hat. Außerdem hat
sie das Leben eines weiteres Mannes zerstört, eines untadligen
Edelmannes, sie hat geraubt, Unzucht getrieben und immer wieder
versucht, den Männern, die sie später gerichtet haben, auf
grausame Art das Leben zu nehmen. Sie…" Weiter kam der Graf, der
seine Worte immer schneller hervorgestoßen hatte, nicht. Ein
heftiger Schlag ins Gesicht hatte ihn zur Besinnung gebracht und mit
verzerrtem Gesicht stand Mordaunt vor ihm, die Hand noch immer
erhoben.
Langsam
führte de Wardes seine Hand ans Gesicht, seine Wange brannte
rot. Als sich der Graf versichert hatte, dass sein Gesicht noch heil
war, blickte er wieder Mordaunt an.
„Das ist
alles was ich Euch erzählen kann", sagte er sehr kühl.
„Ihr könnt nicht weiter Hilfe von mir verlangen, nach dem, was
Ihr gerade getan habt. Eigentlich müsste ich Euch fordern, doch
ich schreibe es Eurer Sohnesliebe zu und werde Euch nicht dafür
strafen. Ich wünsche Euch noch einen schönen Abend. Ich
denke, Ihr verlasst das Haus." Mit diesen Worten wandte er sich zum
Gehen, doch Mordaunt, der bis dahin wie erstarrt gestanden hatte,
vertrat ihm den Weg.
„Die
Mörder meiner Mutter, Monsieur", brachte er mit versagender
Stimme hervor. „Bitte, nur die Namen…" Ärgerlich wich de
Wardes ihm aus, ihm wurde dieser Auftritt zuviel.
„Monsieur,
ich denke, es ist genug. Ich kann Euch nicht mehr sagen, da ich nicht
mehr weiß. Belasst es dabei, mehr Informationen kann ich Euch
nicht geben."
In einem
letzten Versuch, den Grafen dazu zu bringen, sich zu verraten, rief
Mordaunt:
„Monsieur,
Ihr verschweigt mir was! Ich weiß, dass die Mörder meiner
Mutter Musketiere waren!" Tatsächlich fuhr de Wardes heftig
zusammen, als er das hörte und Entsetzen malte sich auf seinen
Zügen, obwohl ihm Mordaunts lauernder Blick nicht entging, der
gierig jede Regung beobachtete.
„Dann
wisst Ihr… mehr als ich", brachte der Graf schließlich mit
schwacher Stimme hervor. „Ihr werdet mich nicht gebrauchen können,
Monsieur, denn das Musketiere die Mörder Eurer Mutter sind, ist
mir völlig neu. Ich kann Euch nicht mehr sagen."
„Ihr
lügt, Monsieur, ich sehe es Euch an. Ich habe in meinem Leben
oft genug erkennen müssen, ob einer die Wahrheit sprach",
entgegnete Mordaunt eisig. „Aber das tut nichts zur Sache. Ich
werde ohne Euch weiter nachforschen und ich sage Euch, ich werde
jeden töten, der sich mir in den Weg stellt. Und sollte ich in
Erfahrung bringen, dass Ihr jemanden aus dem Corps der Musketiere
gewarnt habt… dann werdet Ihr das bereuen, das schwör ich!"
Mit dieser
Drohung trat Mordaunt an dem Grafen vorbei, stieß ihn dabei
heftig an und kehrte, totenbleich und vollkommen erregt, zur
Gesellschaft zurück.
Im Zimmer verharrte der Graf für einen Moment, während sich seine Gedanken überschlugen. Er musste die Musketiere warnen. Der Sohn der Mylady war offenbar deutlich gefährlicher, als er zuerst angenommen hatte und er bereute inzwischen zutiefst, dass er dem jungen Mann einen Fingerzeig gegeben hatte, als er ihn damals in den Korridor führte, in dem die Zeichnung seiner Mutter hing. Was hatte er da für einen Stein losgetreten, der sich anscheinend bereits in eine Lawine verwandelt hatte. Er musste unbedingt den Musketieren eine Warnung zukommen lassen. Doch wie sollte das geschehen? Er konnte nicht zu ihnen gehen und sagen: „Hütet Euch vor dem jungen Mordaunt, er ist der Sohn der Gräfin Winter und will die Mörder seiner Mutter umbringen." Nein, das wäre absurd. Das wäre auch für ihn viel zu gefährlich, wenn Mordaunt es herausfand, dass er die Musketiere gewarnt hatte… Zudem würden diese nie so unvorsichtig sein, dass sie sich dem jungen Mann zu entdecken geben oder sich auf irgendeine Art und Weise verraten würden. Immerhin waren sie erwachsene Menschen, erfahren und besonnen.
Mit diesem Gedanken beruhigte sich der Graf und als er kurze Zeit später zur Gesellschaft zurückkehrte, konnte ihm niemand anmerken, was zwischen ihm und Mordaunt vorgefallen war und dass er von der Gefahr wusste, in der einige der Gäste schwebten, wenn Mordaunt zuviel herausfand.
Es blieb nicht unbemerkt, dass der Vater des Gastgebers, Monsieur de Wardes, die Gesellschaft für einen Moment verlassen hatte. Man wunderte sich darüber, auf galante Einzelabenteuer war er offenbar nicht aus, denn seine derzeitige Geliebte, eine bezaubernde Dame von knapp dreißig Jahren, versicherte gerade hinter vorgehaltener Hand und unterbrochen von dem Gekicher der umstehenden Damen, dass sie den eleganten Grafen noch immer mit ihrer Gunst beglücke. Oder er sie mit seiner.
Die Abwesenheit des Engländers fiel allerdings nur drei Personen auf, den Herren d'Artagnan und de La Fère sowie Anne.
Monsieur d'Artagnan, der auf Grund seines Auftrages sowieso an Mordaunt interessiert war, näherte sich Anne, nachdem sich diese von einem Kavalier gelöst hatte, um ein wenig über ihren englischen Freund herauszufinden. Getrieben von einer väterlichen Sorge folgte ihm de La Fère, ihm erschien das Verhältnis zwischen den beiden Engländern noch nicht gesichert und er wollte, wenn sich seine Vermutungen bestätigten, seinem Ziehsohn gegebenenfalls einen Wink geben.
Erschöpft
vom Tanzen ließ sich Anne auf einem eleganten, behaglichen
Sessel nieder, den ein alter, grauhaariger Soldat ihr charmant anbot
und blickte überrascht auf, als der Leutnant der Musketiere und
der Vater ihres verliebten Tanzpartners plötzlich vor ihr
standen.„Mademoiselle,
ist es gestattet, bei Euch Platz zu nehmen und ein wenig zu
plaudern?", erkundigte sich d'Artagnan höflich. Mit einem
Neigen ihres Hauptes bejahte sie und fächelte sich Luft zu,
während die beiden Herren sich ebenfalls Sessel zu ihr
heranzogen.
Einem
Diener fiel ihr leicht gerötetes Gesicht und ihr Wedeln mit dem
Fächer auf und er bot ihr eine Erfrischung an, die sie dankend
annahm. Auch die Herren zierten sich nicht und nahmen ein wenig Obst
und Gebäck.
„Wie ich
sehe, amüsiert Ihr Euch gut", brachte d'Artagnan schließlich
galant an, „die Männerwelt von Paris hat sich fast darum
geschlagen, mit Euch tanzen zu dürfen." Sie errötete, ob
vor Hitze oder vor Freude war nicht zu sagen und betätigte ihren
Fächer heftiger.
„Ich
habe in England wenig Möglichkeiten zum Tanzen, da ich sehr
zurückgezogen lebe. Umso mehr habe ich mich über die
Einladung des Grafen de Wardes gefreut, die es mir ermöglicht,
endlich einmal wieder eine Gesellschaft zu besuchen."
In diesem
Moment entdeckten sie alle drei Mordaunt, der von seinem Gespräch
mit de Wardes père zurückkehrte, sich kurz umsah und dann
verschwand.
Sie alle
drei hatten ihn dabei beobachtet, doch verlor vorerst keiner von
ihnen eine Bemerkung darüber.
„Ihr
wolltet nicht lange in Paris bleiben, hörte ich vorhin Monsieur
Mordaunt sagen?", begann d'Artagnan, dem immer noch viel
daran gelegen war, etwas über Mordaunt zu erfahren, damit er den Wissensdurst Kardinal Mazarins auch stillen konnte.
„Ich
denke, in einigen Tagen werden wir Frankreich verlassen", erwiderte
sie. „Unsere Arbeit hier ist getan."
„Seid
Ihr schon öfter mit ihm verreist?"
„In
England besuchen wir häufig andere Städte. Allerdings war
ich noch nie in einem anderen Land –"
Sie wurde
von Mordaunt unterbrochen, der unvermittelt vor ihr auftauchte und
auf Englisch zu ihr sagte:
„Monsieur
de Wardes hat mich gerade gebeten, sein Haus zu verlassen."
Erschrocken
blickte Anne auf und wechselte gleich ihm in die englische Sprache:
„Er hat
dich rausgeworfen? Was hast du getan?"
„Das
erzähl ich dir später", entgegnete er heftig und warf
einen Blick zu de La Fère und d'Artagnan, die mit
gleichgültigen Mienen in ihren Sessel saßen. Doch weder
Anne noch Mordaunt ahnten, dass beide Edelleute die englische Sprache
genug beherrschten, um jedes ihrer Worte zu verstehen, wenn sie sich
auch den Anschein der Ungerührtheit gaben. Es war beiden Männern
bewusst, dass es unangenehme Folgen haben konnte, erführe
Mordaunt, dass sie diese kleine Unterhaltung mitangehört hatten.
In d'Artagnan wuchs das Verlangen, mehr über diesen
undurchsichtigen Puritaner herauszufinden.
Auf eine
kleine Handbewegung ihres Pflegebruders hin erhob sich Anne und
wandte sich an d'Artagnan und de La Fère, die es ihr höflich
gleichtaten.
„Meine
Herren, sosehr ich es bedaure, muss ich diese Gesellschaft nun doch
verlassen", sprach sie und ihr Akzent war bei diesen Worten durch
die wenigen englischen Sätze plötzlich stärker
ausgeprägt.
Zuvorkommend
verneigten sich die beiden Herren vor ihr, während sie Mordaunt
bereits den Arm reichte und d'Artagnan die Rechte zum Abschied
hinhielt.
Dieser
neigte sich über ihre Hand und sprach sodann, sich aufrichtend:
„Ich
würde es außerordentlich bedauern, wenn es heute das
letzte Mal gewesen ist, dass wir uns sahen. Ich schlage vor - " Er
wurde von Raoul unterbrochen, der in diesem Moment herankam, mit
fliegendem Atem und vom Tanzen geröteten Wangen, eine besorgte
Miene zeigend, da ein Abschied offensichtlich war.
„Ihr
wollt gehen?", wandte sich der junge Mann bestürzt an Anne,
die errötete und Mordaunt einen scheuen Blick zuwarf.
Dieser
verneigte sich vor den Herren und sprach, an Raoul gewandt:
„Es ist
leider unumgänglich, doch es erscheint mir sicher, Monsieur,
dass wir noch in Paris bleiben werden. Man sieht sich gewiss noch ein
zweites Mal."
„Oh, ich
habe Euch doch versprochen, Euch Paris zu zeigen!", rief der
Vicomte aus, Anne dabei unaufhörlich ansehend. „Und ich wollte
auch Monsieur d'Artagnan bitten, uns die Fechtkünste der
Musketiere zu zeigen und die Fechthalle von Paris, die einzigartig
ist in ihrer Art. Ihr wolltet dies doch so gern sehen!"
Überrascht
blickte Mordaunt auf Anne, er hatte angenommen, sie tändelte nur
mit Raoul, stattdessen hatte sie offenbar an ihn gedacht. Oder sie
wollte nur mit Raoul möglichst viel zusammen sein. Wieder
marterte Mordaunt die Eifersucht und unbewusst zog er Anne näher
an sich heran.
„Wenn
das so ist", warf d'Artagnan mit leichtem Lächeln ein, „dann
können wir es der Lady gewiss nicht verwehren, sich dies alles
anzusehen. Ich schlage deshalb vor, dass wir uns morgen treffen. Alle
zusammen. Auch Euch, Monsieur Mordaunt, wird die Fechthalle sicher
fesseln, es gibt dort Fechtmeister, die über die Ländergrenzen
hinaus bekannt sind. Möglicherweise wollt Ihr mit einem von
ihnen die Klinge kreuzen? Auch sonst wird es vieles zu sehen geben."
„Abgemacht",
willigte Mordaunt ein und sprach nun schneller, denn er sah de Wardes
père am einige Schritte entfernt, dessen Miene sich deutlich
verfinsterte, als er den Puritaner noch in seinem Hause sah.
„Wir
treffen uns dann morgen Vormittag. Im Hauptquartier? Ist es recht so,
Messieurs?" Mit dieser Verabredung tat er immerhin das Beste, was
aus diesem Abend noch zu holen war. Während man sich nun richtig
verabschiedete, was seltsamerweise bei dem Vicomte und Anne am
längsten zu dauern schien, wurde de Wardes' Miene zunehmend
gereizter, so dass Mordaunt froh war, als sie endlich das Haus
verlassen konnten, dass er mit einem Gefühl, ähnlich dem
eines Verlierers nach einer Schlacht, verließ. Beim Herausgehen
hatte er noch de Wardes fils mit der koketten Brünetten, die
vorher mit Raoul getanzt hatte, gesehen, der junge Graf hatte ihm
verschwörerisch zugezwinkert und ihn so an die Verabredung für
den nächsten Tag erinnert. Die Stimmung Mordaunt wurde noch
schlechter, soweit das überhaupt möglich war.
Sobald
d'Artagnan und de La Fère wieder allein waren, Raoul hatte
betrübt den Engländern hinterher gesehen und war dann
wieder zu den Tanzenden gegangen, sprach d'Artagnan leise seinen
Jugendgefährten an:
„Habe
ich eben richtig vernommen, dass der Graf den Puritaner aus dem Haus
geworfen hat oder versagen meine Kenntnisse der englischen Sprache?"
Ruhig und
bedächtig nickte der Graf.
„Ihr
habt richtig gehört. Ich schlage vor, wir wenden uns nun an den
Grafen." Mit diesen Worten erhob er sich und zusammen mit
d'Artagnan drängte er sich solange an den ausladenden Röcken
der Damen vorbei, bis er plötzlich vor de Wardes stand, der,
wahrscheinlich zum ersten Mal an diesem Abend, allein stand und
nichts tat, weder reden, noch lachen, noch jemanden anschauen. Er
fuhr zusammen, als die beiden Freunde vor ihm auftauchten, fasste
sich aber rasch und lächelte ihnen zu.
„Ihr
saht aus, als wäret Ihr in Gedanken weit weg gewesen",
bemerkte d'Artagnan. Unbekümmert winkte der Graf ab. „Das
schien nur so. Wollten die Herren zu mir?"
„Es ist
eher so, dass wir auf Euch getroffen sind", warf Athos mit der ihm
eigenen vornehmen Sicherheit ein, „wir suchten den jungen Monsieur
Mordaunt, können ihn aber nicht finden. Vielleicht habt Ihr ihn
gesehen?" Stirnrunzelnd blickte der Graf auf die beiden Herren, er
hatte doch gesehen, dass diese sich von Mordaunt verabschiedet
hatten. Wollten sie ihn zum Narren halten?
„Monsieur
Mordaunt hat die Gesellschaft bereits verlassen", entgegnete er und
versuchte, seiner Stimme den verächtlichen und erzürnten
Klang bei der Erwähnung des Namens des Puritaners zu nehmen, was
nur mangelhaft gelang.
„Oh, das
tut uns leid. Nun, vielleicht werden wir ihn an einem anderen Tag
treffen."
„Das
wünsche ich für Euch auch." De Wardes zögerte einen
Moment, dann fuhr er fort:
„Es ist
so, dass man manche Menschen nicht treffen sollte, selbst wenn man
wollte. Und zuweilen ist es besser, wenn man sich gewisse Leute fern
hält, damit diese sich einem nicht nähern können."
Nun war es an den beiden Herren, die Augenbrauen hoch zu ziehen,
während de Wardes schon wieder von anderer Seite in Anspruch
genommen wurde.
„Verrückt, die ganze Sippschaft", dachte d'Artagnan zum wiederholten Male in den letzten Tagen und diesen Gedanken konnte sein väterlicher Freund ihm am Gesicht ablesen. Er hatte die Worte des Grafen ebenfalls nicht in dem von de Wardes gewünschten Sinne verstanden, was ihm auch niemand übel nehmen konnte, doch de Wardes fühlte sich nach dieser orakelhaften Warnung erleichtert, er hatte getan, was er konnte, um die Musketiere zu schützen.
In de La Fère erwachte der Wunsch, sich zurück zu ziehen, auch d'Artagnan hatte genug von der Gesellschaft, die, je weiter die Zeit voranschritt, immer lauter wurde. Die Luft war schwül und dumpf, am Boden lagen Brotreste und Athos entdeckte Scherben und einen großen roten Fleck auf dem Teppich. Hier hatte ein Diener vorhin das Geschirr fallen gelassen, der Graf hatte noch das Scheppern im Ohr.
Auf den
Sesseln, die die beiden Männer vorher inne gehabt hatten, hatte
es sich nun ein Pärchen bequem gemacht, sie küssten sich
schamlos, während ein alter Herr ihnen zusah.
Auf einem
breiten, mit rotem Samt bezogenen Stuhl schnarchte hingegossen eine
alte, dicke Frau, ein halbleeres Weinglas stand, gehalten von ihrer
Hand, auf ihrem hervortretendem Bauch. Zwei junge Burschen
versuchten, eine lange, schmale Feder von einem Hut in ihren
halbgeöffneten Mund zu schieben und amüsierten sich dabei
über alle Maßen.
„Gehen wir", empfahl de La Fère und d'Artagnan nickte zustimmend. Sie kämpften sich zum Tanzraum durch, man klatschte eben, eine Courante hatte geendet. Bevor der Graf seinen Ziehsohn überhaupt ausmachen konnte, kam dieser schon auf ihn zu. Er widersprach nicht, als man ihm sagte, dass man sich zurückziehen wolle.
Obwohl de Wardes fils ganz bestürzt war, dass sie nun aufbrechen wollten, ließen sich die Herren nicht beirren und erschöpft von der ungewohnten Anstrengung einer Gesellschaft brachen sie nach Hause auf.
