28. August 1663, London

Die Zeit bekam wieder Bedeutung, während sein Körper weiterhin brannte und sein Herz lautstark raste. Carlisle begann jeden Schlag seines Herzens zu zählen.

Dreihundertfünfundsechzig Herzschläge. Irgendwo weinte ein Kind. Und Carlisle brannte.

Siebentausendeinhundertdrei Herzschläge. Ein Hund bellte. Und Carlisle brannte.

Fünfzehntausendachthundertzweiunddreißig Herzschläge. Etwas veränderte sich. Im ersten Augenblick war Carlisle erleichtert. Die scheinbar ewigen Flammen in seinem Körper zogen sich zurück. Es waren nur Millimeter in seinen Finger- und Zehenspitzen, doch die waren frei von Schmerz, frei von der Qual.

Ganz langsam wich der Schmerz immer weiter und weiter. Carlisle spürte jeden Bruchteil eines Millimeters, war um jedes bisschen dankbar, bis er realisierte, dass die Hitze in seinem Herzen weiter anschwoll. Wie war das nur möglich? Er hatte geglaubt einen grausameren Schmerz könne es nicht geben und nun wurde er eines besseren belehrt. Die Qualen verdoppelten, verdreifachten, vervielfachten sich, wuchsen ins unermessliche.

Seine Arme und Beine waren nun frei, doch das war keine wirkliche Erlösung. Sein Herz galoppierte davon, heißer, heißer, bis es zu einer hektisch pulsierenden Sonne wurde.

Schneller, heißer, schneller und noch heißer.

Carlisle biss mit aller Macht die Zähne zusammen. Lange würde er es nicht mehr ertragen stumm zu bleiben, wenn diese Qual noch wenige Sekunden länger anhalten würde, dann würde er schreien.

In diesem Augenblick stolperte sein galoppierendes Herz. Es setzte einige Schläge aus, raste ein Stück weiter und setzte dann erneut für einen Moment aus. Mit einem letzten Aufbäumen schlug es noch ein mal.

Und dann war Stille. Der Schmerz war fort. Einzig ein unerträgliches Durstgefühl war geblieben, ein trockenes Brennen in seiner Kehle, das jedoch nichts war verglichen mit dem was er gerade erst durchlitten hatte.

Hatte sein Körper das Gift letztlich besiegt?

Verwirrt atmete Carlisle tief ein. Der Geruch der fauligen Kartoffeln stach ihm augenblicklich unangenehm in der Nase, er konnte sie fast auf der Zunge schmecken, pelzig, schleimig. Und irgendwas stimmte nicht.

Er musste aufstehen. Kaum hatte er den Gedanken, da stand er bereits. Mitten in dem Haufen der verrottenden Kartoffeln.

Erneut atmete er tief ein. Vor seinen Augen tanzten Staubflocken in der Luft. Alles war so klar, so deutlich. Er konnte ohne Probleme selbst die kleinsten Staubflöckchen am anderen Ende des Kellers erkennen. Es war dunkel – und zeitgleich auch nicht.

Er schaute nach oben. Der Keller hatte eine winzige Luke, durch die er gefallen war. Eine moderige Leiter führte nach oben, Carlisle bezweifelte, dass sie ihn tragen würde. Er würde versuchen müssen zu springen, hoffend, dass er hoch genug springen konnte, um dem stinkenden Loch zu entkommen.

Es war einfacher als erwartet. Als würde er nur einen Schritt nach oben machen. Eben war er noch in dem düsteren Loch und schon stand er auch bereits auf der Straße.

Ein weiteres mal atmete er tief ein und wurde regelrecht überwältigt von all den Gerüchen, die sich hier versammelten.

Irgendwo tief in seinem Kopf bemerkte er mit Erstaunen, dass es egal war ob er atmete oder nicht. Seine Lunge schien die Luft nicht zu brauchen, aber dennoch war es angenehm, denn mit jedem Atemzug konnte er die Welt um sich herum riechen, konnte sie regelrecht schmecken.

Es war Nacht, die Straße verlassen. Das war ein Glück, die Bewohner hätten sich wahrscheinlich erschreckt, wenn urplötzlich jemand aus dem kleinen Kellerloch kam, vollkommen verdreckt durch die fauligen und erdigen Kartoffeln. Vermutlich wussten sie auch bereits, dass man ihn suchte, und Carlisle war sich unsicher, ob es klug war nach Hause zurück zu kehren, oder ob er dann erneut durch das Feuer würde gehen müssen.

Wenn nur der unerträgliche Durst nicht wäre. Er würde irgendwo etwas zu trinken finden müssen. Anscheinend war es auch endlich wärmer geworden, obwohl es Nacht war, war ihm nicht kalt, sein Atem gefror nicht, wenn er ausatmete. Endlich! Das winterliche Wetter war eine Tortur für alle Menschen dieses Landes.

Vorsichtig machte er einen Schritt vorwärts, ganz leise, damit ihn niemand hörte.

Unter ihm knackte etwas und er spürte Wasser über seine Füße schwappen. Als er hinab blickte, sah er etwas, dass ihn verwirrte.

Es erstaunte ihn nicht so sehr, dass er nur noch einen Schuh trug, der Verlust war vermutlich irgendwann in dem Moment passiert, als der Dämon ihn festgehalten hatte und er sich vergeblich versucht hatte zu wehren. Was viel erstaunlicher war, war der Anblick der Pfütze in der er stand.

Es war, als wäre die Pfütze von einer dünnen Glasscheibe bedeckt, welche unter seinem Gewicht nachgegeben hatte und dann zerbrochen war. Die Scherben schwammen auf dem Wasser.

Er bückte sich und bemerkte irgendwo tief in seinem Kopf wie seltsam es war wie er sich bewegte. Jedesmal, wenn er eine Bewegung machen wollte, war sie bereits in dem gleichen Moment schon geschehen, als wäre keinerlei Zeit vergangen.

Er hob eine der Scherben an und betrachtete sie.

Es war keine Glasscherbe.

Es war Eis.

Die Pfütze war mit Eis bedeckt. Wie konnte das Wasser dann aber warm sein? Wie war es möglich, dass sich die Luft so warm anfühlte und das Eis nicht schmolz? Und weshalb schmolz es nicht in seiner Hand? Weshalb fühlte sich auch das Eis nicht kalt an?

„Was ist passiert", flüsterte er entsetzt. Seine Stimme, sie klang so anders als zuvor. Glockenrein. Nichts war von dem leichten Kratzen übrig, dass in seiner Stimme lag seitdem er in den Stimmwechsel gekommen war.

Und seine Kehle brannte so, dieser Durst, der sich immer wieder in den Vordergrund drängte. Für einen Moment erwog er, einfach das Stück Eis in den Mund zu stecken, egal wie dreckig es war. Ein weiteres mal atmete er tief ein. Etwas hier in der Gegend roch so köstlich. Warm, süß.

Er hörte ein vertrautes Geräusch. Das schlagen eines Herzens. Nein, nicht eines Herzens. Das Schlagen vieler Herzen. Er hörte Blut durch Körper rauschen. Er konnte es riechen.

Und er wollte es. Er wollte nicht das Eis, er wollte das Blut. So sehr wie er noch nie zuvor etwas gewollt hatte. Seine Kehle brannte, sein Mund wurde wässrig, sämtliche Muskeln in seinem Körper spannten sich an in der Vorfreude auf das was kommen würde.

Blut. Er brauchte es, er musste es haben.

Entsetzt ließ er das Eisstück fallen. Mit einem leisen Klirren fiel es zu Boden und zersprang in tausende kleine Stücke.

Jetzt wusste er es. Er konnte nicht nach Hause. Er würde niemals wieder heimkehren können. Sein Körper hatte das Gift nicht besiegt, es war genau umgekehrt, das Gift hatte ihn besiegt. Es hatte ihn verwandelt, hatte ihn zu genau so einem Dämon gemacht wie diejenigen, die er gejagt hatte. Und nun wollte alles an ihm genauso grausam sein wie das Wesen, dass ihn gebissen hatte. Er wollte töten, wollte das Blut der Menschen.

Ekel überkam ihm, ekel vor sich selbst. Er musste fort, so schnell es ging und so weit es ging.

Panisch wirbelte er herum und rannte.

Irgendwo in seinem Kopf staunte er über die Geschwindigkeit, die er entwickelte, während er durch die winzigen Gassen der schlafenden Stadt jagte, so schnell, dass ein Mensch nichts weiter als einen verwischten Blitz sehen würde, der vorbei jagte.

Rasch hatte er die Stadt hinter sich gelassen, doch Carlisle blieb nicht stehen. Er lief und lief. Tiefer und tiefer in die Wälder Englands, möglichst weit fort von den Menschen, nach deren Blut sein Körper so sehnlichst schrie.

Anmerkung:

In meiner ersten Fassung, wurden die von Carlisles Vater beschuldigten Menschen noch vor ein Gericht gestellt und dann verurteilt. Doch die Beschreibung von der Szene in der Carlisle letztlich gebissen wurde, brachte mich dazu, das wieder zu ändern. Stephenie schreibt, dass er den Mob anführte, der mit Mistgabeln und ähnlichem bewaffnet den Unsterblichen folgte. Das spricht eher für direkte Lynchjustiz als für das Verfahren, wo die Beschuldigten vor das Gericht kommen. Carlisle wird sich diese Lynchjustiz eher nicht selbst ausgedacht haben, das passt nicht zu seinem Charakter. Es wird eher das gewesen sein, was auch sein Vater vor ihm üblicherweise tat. Daher habe ich auch Opfer wie die Hebamme auf diese Art sterben lassen.

Der August 1663 zeichnete sich durch ungewöhnlich frostiges Wetter aus, speziell der 28. August. Dass dies die Menschen damals sehr beunruhigte, schließlich waren sie damals noch viel stärker auf das Wetter angewiesen als wir es heute sind, ist nur verständlich. Für mich ist es da eine logische Schlussfolgerung, dass in gerade einer solchen schwierigen Zeit verstärkt an die Existenz von Dämonen und Hexen geglaubt wird.

Das Wort „Vampir" lasse ich bis zum jetzigen Zeitpunkt der Geschichte jedoch aus, da dieses Wort damals noch ungebräuchlich und unbekannt war.

Die sehr strenge Glaubensweise, die Carlisles Vater so sehr verteidigte und die während Cromwells Zeiten durchaus gefördert wurde, war jedoch bei der allgemeinen Bevölkerung im Sinken begriffen. So hatten zwischen 1642 und 1660 die Theater geschlossen, doch nun wieder geöffnet. Auf den Bühnen standen nun auch erstmalig Frauen in den weiblichen Hauptrollen, Margaret Hughes war eine von ihnen. Sie spielte möglicherweise die erste wirklich weibliche Desdemona in Shakespeares Othello. Es begann das Zeitalter der Aufklärung.

Carlisle dürfte das durchaus gefallen haben, seine Neugier wurde durch Publikationen von noch heute bekannten Philosophen wie John Locke, gefördert und auch ein wenig gestillt.

Carlisles Vater blieb jedoch von der alten Schule, er dürfte diese Neuerungen als Teufelswerk bezeichnet haben. Und so blieb der menschliche Carlisle hin und hergerissen zwischen seiner puritanischen Erziehung, die ihn letztlich dazu brachte sich an die Spitze des Mobs zu stellen, nachdem er sich sicher war, einen echten Dämon entdeckt zu haben, als auch seinem Wissensdurst, den er während seines menschlichen Lebens wahrscheinlich nur sehr begrenzt ausleben durfte.

Erst die Verwandlung in einen Vampir, löste Carlisle endgültig von dem Puritanismus seines Vaters und gab ihm den Weg frei selbst ein Teil der großen Aufklärung zu werden.