Und endlich wird es aufgeklärt. :) Ich wünsch euch viel Spaß mit dem nächsten Part.
Sorry, wenn die Sprünge manchmal etwas plötzlich und verwirrend sind. Irgendwie hab ich's einfach nicht besser hinbekommen :)
Das Lied, um das es später geht, hab ich auf Youtube gefunden und fand es einfach wunderschön und passend für diese Szene:
www youtube com/watch?v=mZapeCW_QPY
Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren (zumindest Haruka und Michiru ^^) - diese sind Naoko Takeuchi vorbehalten.
„Nein!", Michiru schreckte von ihrem eigenen Aufschrei hoch. Schweißgebadet und schwer atmend ließ sie ihre Augen hektisch durch den Raum springen, um die Orientierung wieder zu finden. Es dauerte einen Moment, bis sie Elza's Wohnung erkannte, als diese auch schon aus ihrem Schlafzimmer gestürzt kam und das Licht einschaltete. „Was ist passiert?", fragte sie alarmiert, als sie ihre Freundin zitternd und mit Tränen überflutetem Gesicht vorfand. Von der plötzlichen Helligkeit geblendet blinzelte Michiru ein paar mal. Dann vergrub sie ihr Gesicht in ihrer Bettdecke, die über ihren angewinkelten Knien lag und erlag zum zweiten Mal an diesem Abend entgegen aller Anstrengungen dem Chaos ihrer Gefühle. Sofort sprang Elza zu ihr aufs Sofa und Michiru konnte die wohlige Wärme ihrer Hand auf ihrem Rücken fühlen. Dies half ihr jedoch nicht gerade dabei, ihre Tränen unter Kontrolle zu bringen. Im Gegenteil. Sie biss sich auf die Unterlippe, um ein Schluchzen zu unterdrücken, doch das Beben, das unaufhaltsam durch ihren gesamten Körper fuhr, konnte sie nicht kontrollieren.
„Es ist alles gut... Beruhige dich.", hörte sie Elza leise sagen, während sie ihr behutsam über den Rücken strich.
Michiru umklammerte mit beiden Armen fest ihre Knie. Ihre Freundin zog sie zu sich und legte behutsam beide Arme um sie. „Es ist alles gut...", wiederholte sie beruhigend und drückte zärtlich Michiru's Oberarm.
Sie hatte es Elza zu verdanken, dass in der Sporthalle nichts schlimmeres passiert war. Die junge Sportlerin war zufällig vorbei gekommen, um zu trainieren und hatte laute Stimmen aus dem Inneren des Gebäudes gehört. Neugierig, wie sie war, hatte sie sich angeschlichen und hinein gespäht. Die Szene, die sich ihr dort bot, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Dort stand Michiru, in die Mangel genommen von Ryu und sein Freund Toya, die drauf und dran waren, ihr die Kleider vom Leib zu reißen und daneben standen zwei Mädchen und feuerten sie an. Akira und... Yuriko? Elza, die als einzige von Yuriko und Michiru gewusst hatte, verstand nicht, was hier vor sich ging. Doch sie wusste, dass sie eingreifen musste, um schlimmeres zu verhindern.
„Lasst sie sofort los!"
Augenblicklich zuckten alle anwesenden zusammen und wirbelten zu ihr herum, als Elza's kräftige Stimme durch den Raum hallte.
„Sieh an, der persönliche Bodyguard ist da.", spottete Akira, die den Schrecken über den unerwarteten Besuch als erste überwunden hatte und verschränkte die Arme. „Willst du mitspielen?"
„Liebend gerne...", antwortete Elza kühl, trat auf die Gruppe zu und ließ bedrohlich ihre Fingerknöchel knacken. „Lasst sie los.", wiederholte sie betont langsam.
„Elza, nicht...", brachte Michiru verzweifelt hervor. Ihre Stimme klang so schwach, dass Elza fürchtete, sie würde jeden Moment ihr Bewusstsein verlieren. Dies machte sie nur noch rasender. „Ich hab gesagt, ihr sollt sie loslassen!"
Mit einem lauten Aufschrei stürzte sie auf Ryu zu, der ihr am nächsten war und ihre Faust landete kraftvoll in seiner Magengrube. Gelähmt vor Schreck und Schmerz ließ er Michiru los. Diese verlor das Gleichgewicht und zu fiel Boden, als nun auch Toya von ihr abließ und sich mit ein paar großen Sätzen in sichere Entfernung brachte. Nur mit einiger Anstrengung gelang es Michiru, sich wieder aufzusetzen und dem Geschehen zu folgen. Vor ihren Augen verschwamm alles und von einem starken Schwindelgefühl gepackt, griff sie sich an den Kopf.
„Wollt ihr euch mit der Jugend-Nationalmeisterin im Kickboxen anlegen oder verschwindet ihr endlich?", drohte Elza leise, während sie erneut die Fäuste hob und mit ihrer gesamten Körperhaltung deutlich machte, dass sie nicht bluffte und jederzeit für einen weiteren Angriff bereit war.
„Scheiße, verschwinden wir!", rief Toya aus und hastete an den Mädchen vorbei, die immer noch wie gebannt zu Elza starrten, während diese sich nun bedrohlich vor Ryu aufbaute. Dann funkelte sie die Mädchen aus dem Augenwinkel an. „Schnappt euch diesen jämmerlichen Hund und verschwindet! Andernfalls könnte es euch genau so ergehen und glaubt bloß nicht, dass ich mit euch nachsichtiger umspringe, nur weil ihr Mädchen seid!"
„Das zahl ich dir heim, Grey...", keuchte Ryu neben ihr und rappelte sich auf, seine Hand fest gegen seinen Magen gepresst.
„Verschwinde.", antwortete Elza kalt und ihre grünen Augen durchbohrten ihn drohend.
Er zischte ein abfälliges Geräusch durch seine zusammen gepressten Zähne hindurch, dann wandte er sich ab und hinkte langsam an den Mädchen vorbei und aus der Halle hinaus.
Akira und Yuriko rührten sich nicht. Feindselige Blicke trafen aufeinander und ein langgezogenes Schweigen breitete sich zwischen ihnen und Elza aus. Die Luft zwischen ihnen schien geradezu elektrisiert zu knistern.
Ein dumpfes Geräusch hinter ihr lenkte Elza's Aufmerksamkeit von den Mädchen ab, die sich nun triumphierend ansahen. Eisige Kälte fuhr durch Elza's Glieder, als sie Michiru reglos am Boden liegen sah. „Verdammt!", mit einem einzigen schnellen Satz war sie bei ihrer Freundin und tätschelte vorsichtig ihre Wange. „Michiru! Hey, Michiru! Komm schon, mach die Augen auf!", mit wutentbranntem Blick wirbelte sie zu den Mädchen herum. „Was habt ihr mit ihr gemacht?!"
Akira hob abwehrend die Hände und grinste hämisch. „Wir haben nur geredet, nichts weiter. Scheinbar verträgt die Kleine es nicht, die Wahrheit über ihre ach so große Liebe zu erfahren. Der eigentliche Teil unseres Plans wurde ja leider zerschlagen."
„Ihr verdammten...", abgrundtiefe Wut brodelte in Elza hoch. „Verpisst euch endlich! Oder ich vergesse mich!", ihre schrille, wütende Stimme hallte durch den großen Saal und ließ die Mädchen einen Schritt zurück weichen. Es war offensichtlich, dass Elza's Selbstbeherrschung ihre Grenzen erreicht hatte und so beschlossen sie, dass ein Rückzug für's erste am besten für sie war.
Elza starrte ihnen mit vor Wut glänzenden Augen hinterher, bis sie endlich aus ihrem Sichtfeld verschwunden waren. Dann widmete sie ihre volle Aufmerksamkeit Michiru, die immer noch bewusstlos neben ihr am Boden lag. Schnell zog sie ihre Jacke aus und legte sie behutsam unter Michiru's Kopf. Dann sprintete sie los über den Hof zur Rennstrecke, griff nach ihrem Handtuch und hielt es unter eines der Waschbecken, die im Schulhof aufgestellt waren. Mit dem triefenden Handtuch und einer Flasche Wasser eilte sie zurück zu ihrer Freundin.
Michiru's Augen zuckten, als das nasse Tuch ihre Stirn berührte und ihre Hand ballte sich zu einer Faust. Elza atmete erleichtert aus, als das Mädchen endlich ein Lebenszeichen von sich gab. „Michiru. Kannst du mich hören?", flüsterte sie eindringlich und beobachtete, wie ihre Freundin erneut die Augen zusammen kniff und sie dann endlich einen winzigen Spalt weit öffnete. Ihr Blick war glasig und sie schien im ersten Moment nicht zu wissen, wo sie war. Dann kam die Erinnerung an das eben geschehene zurück und sie wollte sich ruckartig aufsetzen, doch Elza hielt sie zurück und drückte sie mit sanfter Gewalt zu Boden. „Bleib liegen. Es ist okay, sie sind weg."
„Elza...", Michiru's dunkle Augen sahen sie so gebrochen an, dass ihr das Herz in der Brust zu zerspringen drohte. Sie griff nach Michiru's Hand und streichelte sie sanft, um sie zu beruhigen.
Als sie am nächsten Morgen vom Klingeln des Weckers aus Elza's Zimmer aufwachten, lagen sie Arm in Arm auf dem Sofa, beide halb sitzend, halb liegend in einer höchst ungemütlichen Position und mit stechenden Genickschmerzen. Michiru war erst richtig aufgewacht, als Elza neben ihr versucht hatte, sich in eine angenehmere Position zu bringen. „Guten Morgen.", lächelte Elza zu ihr hinab und spielte mit einer der langen Haarsträhnen, die sich beim Schlafen um ihren Arm gewunden hatten.
„Guten Morgen.", antwortete Michiru und lächelte verlegen. „Tut mir Leid... Ich schätze, du hättest die Nacht lieber etwas angenehmer verbracht."
Trotz allem hatte Michiru einen ruhigen Schlaf gefunden, während Elza sie fest im Arm gehalten hatte. Sie war ihrer Freundin unendlich dankbar dafür und sie fühlte sich um einiges wohler, als am Tag davor.
„Schon gut.", Elza setzte sich auf und verzog das Gesicht, als ihr Genick ein lautes Knacken von sich gab. Sie rieb sich mit ihrer freien Hand über ihren Hinterkopf und beugte ihren Kopf langsam von links nach rechts. „Geht's dir denn besser?"
Michiru nickte schnell und rückte ein Stück von Elza weg, damit diese sich endlich wieder richtig bewegen konnte.
„Dann sind die Genickschmerzen wenigstens nicht ganz umsonst.", Elza grinste sie an, nachdem sie sich aufgerappelt hatte. Sie fuhr sich mit einer Hand durch ihr zerzaustes Haar und streckte sich ausgiebig. Dann huschte sie in ihr Zimmer, schaltete den Wecker aus und trat nur wenige Sekunden später wieder ins Wohnzimmer zurück. „ Hast du Hunger?"
„Ein wenig.", antwortete Michiru, rutschte ebenfalls vom Sofa und versuchte, ihr Haar einigermaßen in Ordnung zu bringen. An diesem Morgen nicht in ihrem Elternhaus aufzuwachen, ließ den Tag doch um einiges angenehmer beginnen, als sie erwartet hatte.
Als sie den amüsierten Blick ihrer Freundin bemerkte, sah sie Elza skeptisch an. „Was ist so lustig?"
„Du solltest öfter Jogginganzüge tragen.", Elza's Grinsen wurde breiter, während sie Michiru von oben bis unten musterte. „Das steht dir."
Michiru blinzelte verdattert und sah an sich herunter, was Elza mit einem frechen Lachen beantwortete und ohne eine Antwort abzuwarten in Richtung Küche verschwand. „Ich hoffe, Toast ist in Ordnung. Etwas anderes hab ich momentan leider nicht hier. Und wenn du möchtest, geh ruhig schon mal ins Bad. Ich kümmer mich um den Rest. Frische Handtücher findest du in dem hohen Schrank links neben dem Fernseher."
Michiru wusste, dass sie gegen Elza's Angebot nicht protestieren konnte und so griff sie mit einem leisen „Vielen Dank." nach ihrer Schuluniform, nahm sich ein Handtuch aus dem Schrank und verschwand im Bad.
Eine heiße Dusche war genau das, was sie jetzt brauchte, um ihre verspannten Glieder wieder auf Vordermann zu bringen. Ein paar Minuten lang ließ sie das warme Wasser einfach nur über ihr Gesicht rieseln.
An diesem Morgen war Haruka schon sehr früh im Klassenzimmer. Sie hoffte, vor dem Unterricht noch einmal mit Elza und Michiru sprechen zu können. Als die beiden jedoch endlich auftauchten, war es bereits kurz vor Unterrichtbeginn und so beschloss sie, die Unterhaltung vorerst auf später zu verschieben.
Haruka konnte deutlich erkennen, dass Michiru sich besser fühlte. Sie erntete ein freundliches und zugleich dankbares Lächeln zur Begrüßung, was sie mit einem kurzen Nicken beantwortete.
„Na, hat unser Prinzesschen sich wieder erholt?", ertönte Akira's gehässige Stimme von der Seite. Offenbar war auch ihr aufgefallen, dass Michiru ein wenig munterer wirkte, als am Vortag. Es war das erste Mal, dass sie an diesem Morgen das Wort ergriffen hatte. Bisher hatte das Mädchen Haruka gekonnt ignoriert und sich in einer Mode-Zeitschrift vertieft.
Elza funkelte sie warnend an und wollte etwas erwidern, doch Michiru kam ihr zuvor. „Hat sie. Und sie wäre dir sehr verbunden, wenn du sie nicht weiter mit deiner Anwesenheit belästigst."
Haruka's Mundwinkel zuckten verräterisch, als sie ein Grinsen unterdrückte. Akira zog eine Augenbraue hoch und musterte Michiru herablassend. „Sieh an. Man wird also vorlaut, wenn man nicht alleine da steht."
„Lass es gut sein, Akira.", mischte sich Haruka ein und wandte sich ihr zu. „Hast du es wirklich nötig, dich auf so einem Niveau zu bewegen?"
Akira's hellgrüne Augen funkelten gefährlich, als sie nun auch Haruka abfällig ansah. „Hast du es nötig, dich mit solchen Minderheiten abzugeben?"
Elza stieß einen empörten Laut aus, doch Michiru legte ihr beschwichtigend eine Hand auf die Schulter und deutete mit einem schwachen Kopfschütteln an, dass sie besser gar nicht erst darauf eingehen sollte. Auch Haruka erntete einen kurzen, vielsagenden Blick.
Die Blondine seufzte genervt. Sie fragte sich, wann dieser Zickenterror jemals ein Ende finden würden.
„Und der Hofstaat kniet nieder und gehorcht...", grinste Akira gehässig und widmete sich wieder ihrer Zeitschrift.
Elza verdrehte die Augen und ließ sich auf ihren Stuhl fallen, als der Lehrer das Klassenzimmer betrat. Auch Michiru setzte sich und wechselte einen schnellen Blick mit Haruka, die nur kurz entnervt den Kopf schüttelte und Michiru deutlich machte, dass sie Akira's Verhalten mehr als unmöglich fand.
Die Mittagspause verbrachte Haruka mit Elza und Michiru. Von ihrem Platz in der Kantine erhaschte sie einen kurzen Blick auf Akira und ihre Freunde, die sich auf ihren üblichen Platz setzten und ihnen hin und wieder missbilligende Blicke zuwarfen.
Haruka beschloss, das Thema bis nach dem Unterricht ruhen zu lassen und folgte schweigend Michiru's und Elza's Unterhaltungen über belanglose Themen, während sie halbherzig in ihrem Essen herum stocherte. Offenbar hatten ihre beiden neuen Freundinnen sich darüber geeinigt, dieses Thema zu begraben, solange es möglich war.
Wie üblich verstrich die Zeit der Mittagspause viel zu schnell und so fanden sich alle Schüler kurz darauf wieder in ihren Klassenzimmern ein.
Akira hatte für heute offenbar aufgegeben und ersparte ihnen für den Rest des Tages ihre vollkommen überflüssigen Kommentare. Auch Yuriko schenkte ihnen nicht allzu viel Beachtung und als der Unterricht nach unendlich scheinenden Stunden endlich zu Ende war, verschwanden die beiden ohne große Umschweife nach draußen. Haruka sah ihnen mit hochgezogenen Augenbrauen hinterher. „Da war für heute wohl die Luft raus.", bemerkte sie amüsiert und erntete einen warnenden Blick von Elza. „Belassen wir es dabei. Wir müssen nicht unnötig ihre Aufmerksamkeit auf uns ziehen."
Michiru stand seufzend auf und sah Elza an. „Lass uns gehen. Ich will nicht mehr Zeit hier verbringen, als nötig."
Haruka blinzelte sie überrascht an. „Gehen? Wohin?"
Voller Tatendrang sprang Elza von ihrem Stuhl auf, griff nach ihrer Tasche und warf sie sich über die Schulter. „Wir haben noch was zu erledigen. Wir sehen uns dann morgen.", zwinkerte sie und machte sich auf den Weg nach draußen. Michiru nickte Haruka zum Abschied knapp zu und folgte ihrer Freundin.
Für heute würde Haruka wohl aufgeben müssen. Doch sicherlich hatte sie morgen eine weitere Gelegenheit, in Ruhe mit den beiden zu sprechen.
Sie beschloss, noch eine Weile zu Trainieren und machte sich auf den Weg zur Laufstrecke auf dem Sportgelände. Unterwegs erblickte sie Ryu und Yuriko, die im Schatten eines Baumes standen und sich leise unterhielten. Mit ein paar schnellen Schritte huschte Haruka um die nächste Ecke und beobachtete die beiden aufmerksam. Offenbar diskutierten sie über irgendetwas, denn Yuriko wirkte höchst unzufrieden. Aus der Entfernung konnte sie nicht hören, was sie sagten, doch die Körperhaltung und Gesten des Mädchens machten deutlich, dass ihr nicht gefiel, was sie hörte. Ryu zuckte die Achseln, schob seine Hände in die Hosentaschen und lehnte sich gegen den Baumstamm, während Yuriko auf ihn einredete. Dann nickte er und winkte ab, was Yuriko mit einem beleidigten Blick beantwortete.
Haruka hätte zu gerne gewusst, worum es ging. Doch sie wollte es nicht riskieren, entdeckt zu werden und so beschloss sie, die beiden sich selbst zu überlassen und setzte ihren Weg zur Laufstrecke fort.
Das Training tat ihr gut und inzwischen hatte sie zumindest keine Schmerzen mehr, sodass sie sich endlich nicht länger allzu sehr zurückhalten musste.
Als sie nach einigen Runden schließlich keuchend zum Stehen kam und sich an ihren Knien abstützte, setzte bereits langsam die Dämmerung ein. Kalte Schweißperlen liefen über ihr Gesicht und ihren Rücken und sie lächelte zufrieden, während sie kurz darauf zu einem der Waschbecken spazierte, um sich mit dem angenehm kühlen Wasser das Gesicht zu waschen.
Ihr längst überfälliger Wettlauf gegen den Wind hatte ihr geholfen, ihre Gedanken zu sortieren und sich etwas zu beruhigen. Zufrieden griff sie nach ihrer Tasche, machte sich auf den Weg zu ihrem Auto und fuhr nach Hause.
Ihre Mutter begrüßte sie mit einem tadelnden Blick, als sie ihren Kopf in die Küche streckte. „Wo warst du so lange? Das Essen bleibt nicht ewig warm!"
„Tut mir Leid. Ich hab noch ein wenig trainiert.", entschuldigte Haruka sich und stellte ihre Tasche auf dem Boden ab. „Ich bin in 5 Minuten wieder da." Mit diesen Worten verschwand sie in ihrem Zimmer, zog ein paar frische Klamotten aus dem Schrank und wie angekündigt stand sie nur wenige Minuten später frisch geduscht und mit feuchtem Haar in der Küche.
Den Rest des Abends verbrachte sie damit, ihren Eltern zu versichern, dass alles in Ordnung war und es ihr gut ging. In den letzten Tagen hatte es derartige Diskussionen häufiger gegeben und Haruka hatte genug davon. Sie wusste, dass ihre Eltern es nur gut meinten und sie wollte ihnen keine weiteren Sorgen bereiten. So behielt sie auch das Chaos für sich, das derzeit in der Schule herrschte.
Michiru schloss leise die Tür auf, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern nicht auf sich zu ziehen. Elza, die mit offenem Mund das große Haus bestaunte, folgte ihr nach oben in ihr Zimmer. Erst, als ihre Freundin die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, wagte sie wieder zu sprechen. „Ich wusste ja, dass du in einem großen Haus wohnst, aber DAS hätte ich nicht erwartet. Und-", sie stockte, als ihr Blick auf die zahlreichen Bilder an der Wand fiel. „Wow...", hauchte sie und betrachtete eingehend eines nach dem anderen, während Michiru einen kleinen Koffer aus dem Schrank zog und begann, einige Klamotten einzupacken.
„Diese Bilder sind ja noch toller, als die, die ich in der Schule von dir gesehen habe.", warf Elza bewundernd ein.
„Vielen Dank.", Michiru lachte leise auf und betrachtete wehmütig eines der Bilder, vor dem Elza gerade stand. „Allerdings will mir zur Zeit nichts mehr so richtig gelingen.", murmelte sie leise. Elza drehte sich zu ihr um und sah sie aufmunternd an. „Keine Sorge. So ein Talent kann man nicht einfach verlieren. Ich bin sicher, sobald das alles geregelt ist, bist du wieder ganz die alte."
Michiru nickte und rang sich ein Lächeln ab. Sie wusste nicht, ob sich das ganze jemals wirklich „regeln" ließ, doch sie wollte Elza's Bemühungen sie aufzumuntern nicht zunichte machen. Elza deutete auf die Staffelei und die Farbpalette, die daneben auf einem kleinen Tisch lag. „Wieso nimmst du das nicht einfach mit? Wer weiß, vielleicht küsst dich ja die Muße, während du bei mir wohnst.", sie grinste kurz und sah Michiru erwartungsvoll an, die nun unschlüssig zu ihrer Ausstattung blickte. Auf gar keinen Fall wollte Sie mehr Platz beanspruchen, als unbedingt nötigt war.
„Normales Papier und Bleistifte tun es auch.", sie lächelte schwach, ging zu ihrem Schreibtisch und zog ihr Skizzenbuch unter einem Stapel Papier hervor. Elza, die froh war, dass ihre Freundin überhaupt in Betracht zog, zu zeichnen, nickte zustimmend und ließ sich auf das weiche Himmelbett fallen. Dann sah sie sich erneut in dem stilvoll eingerichteten Zimmer um, das beinahe so groß war, wie ihre gesamte Wohnung. „Von außen betrachtet könnte man wirklich etwas neidisch werden.", murmelte sie leise. Michiru gab vor, ihre Bemerkung überhört zu haben, während sie weiter ihren Koffer packte. Sie wusste, dass sie im Moment alles andere als beneidenswert war. Je länger sie darüber nachdachte, desto erbärmlicher fühlte sie sich. Hier stand sie nun. In ihrem eigenen Zimmer, das doch nicht mehr ihres war, auf der Flucht vor ihrem eigenen Leben. Es fühlte sich falsch an, hier zu sein.
Als sie endlich ihren Koffer schloss, sprang Elza auf und trat zu ihr. „Lass mich das tragen."
Michiru wollte protestieren, doch Elza hob ihre Hand und brachte sie mit einem vielsagenden Blick zum Schweigen. „Nimm du deine Geige. Ich weiß genau, du würdest es keine zwei Tage ohne sie aushalten." Michiru runzelte die Stirn und sah Elza an. „Ich kann beides tragen. So schwer ist der Koffer nun auch wieder nicht und außerdem-"
„Ich bin hier, um dir zu helfen, also tu ich das auch.", fiel Elza ihr ins Wort und griff nach dem Koffer. Ihre Augenbraue zuckte, als sie ihn anhob. „Nicht schwer? Das fühlt sich an, als würdest du für immer ausziehen.", sie grinste vielsagend, doch Michiru fand den Gedanken alles andere als komisch. In der Tat hatte sie bereits darüber nachgedacht, sich einen Nebenjob und eine Wohnung zu suchen. Elza bemerkte ihren ernsten Blick und zog die Augenbrauen hoch, sagte jedoch nichts weiter.
Auf dem Weg nach unten ertönten leise Geräusche aus der Küche und gerade, als sie die Eingangstür fast erreicht hatten, ertönte eine tiefe Stimme hinter ihnen. „Was treibt ihr da?", Michiru's Vater sah sie aus zu Schlitzen verengten Augen an. „Glaub nicht, dass du einfach so verschwinden kannst!"
Michiru straffte ihren Körper und erwiderte seinen Blick mit einiger Mühe. „Wieso nicht? Euch wäre es doch inzwischen lieber, ich würde gar nicht erst existieren."
Nun trat auch ihre Mutter aus der Küche, als sie die Stimmen aus dem Flur gehört hatte. Ihr besorgter Blick fiel zuerst auf Michiru, dann auf den Koffer in Elza's Hand, dann auf Elza und zurück zu Michiru. Diese sah ihre Mutter lange schweigend an und als keiner der beiden auf ihre letzte Bemerkung antwortete, kehrte sie ihnen den Rücken zu. „Alles Gute.", sagte sie mit rauher Stimme und öffnete die Tür.
„Wenn das eine von deinen abnormalen Freundinnen ist, wird das noch ein Nachspiel haben! Ich dulde nicht, dass du dich mit solchen Leuten abgibst!", bellte ihr Vater hinter ihr. Elza warf ihm einen kalten Blick zu. „Sie haben nicht das Recht, über mich zu urteilen, bevor Sie mich überhaupt kennen gelernt haben."
Michiru wandte sich um und sah ihm erneut fest in die Augen. „Ich nehme an, die Info über meine 'abnormalen Freundinnen' habt ihr auch von Ryu?", sie machte eine Pause, doch erneut erhielt sie keine Antwort. „Wieso bietet ihr ihm nicht an, an meiner Stelle hier einzuziehen? Vielleicht zeigt er euch dann endlich sein wahres Gesicht."
Ihre Mutter schüttelte entmutigt den Kopf. „Du bist so verblendet von diesen... Leuten...", ihr Blick wanderte für eine Sekunde zu Elza. „Du merkst überhaupt nicht, wie sehr dir der Umgang mit ihnen schadet!"
Michiru starrte ihre Mutter entgeistert an. „Und ihr merkt das, ja? Ich entscheide immer noch selbst, welchen Umgang ich pflege! Und ich entscheide selbst, wer mir schadet und wer nicht! Wieso schenkt ihr einem für euch völlig fremden mehr Vertrauen, als eurer eigenen Tochter? Ryu ist nicht der, der er vorgibt zu sein!"
„Ryu ist ein netter und zuverlässiger Kerl. Und er will nur das beste für dich. Genau wie wir.", antwortete ihre Mutter mit einem Anflug von Verzweiflung in der Stimme.
„Na schön... Vergesst es einfach. Es hat ohnehin schon lange keinen Sinn mehr, mit euch zu sprechen. Erwartet nicht, dass ich allzu bald zurück bin.", sie drehte sich um, ohne auf den Protest ihres Vaters einzugehen und verließ das Haus.
„Keine Sorge. Ihre Tochter ist bei mir in guten Händen.", fügte Elza trocken hinzu, folgte Michiru mit ein paar eiligen Schritten nach draußen und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Michiru sah sie mit hochgezogener Augenbraue an. „In guten Händen, ja?"
Elza zuckte die Achseln und grinste schief. „Tut mir Leid, ich konnte es mir einfach nicht verkneifen."
Michiru zwang sich ein Lächeln auf und warf einen letzten Blick auf das große, inzwischen so kalt gewordene Haus. Es fiel ihr nicht schwer, es hinter sich zu lassen, nachdem ihre Eltern scheinbar nicht einmal versuchen wollten, sie aufzuhalten. Ohne viele Worte zu wechseln machten sie sich auf den Weg zum Bahnhof und zurück zu Elza's Wohnung.
„Also, was gibt es?", Elza lehnte sich gegen die Wand und sah Haruka aufmerksam an. Haruka war es einige Tage später endlich gelungen, Elza und Michiru in der Mittagspause zu überreden, mit ihr in den Schulhof zu kommen. Die letzten Tage hatten Akira und Yuriko es erneut geschafft, Michiru's Laune drastisch zu senken und Haruka konnte es beim besten Willen nicht länger ertragen, im Ungewissen zu bleiben.
Als sie einen unbeobachteten, ruhigen Ort gefunden hatten, sah sie die beiden Mädchen ernst an. Sie atmete einmal tief durch und senkte ihre Stimme, damit niemand ihre Unterhaltung mitbekam, sollte sich doch jemand in der Nähe aufhalten. „Ich möchte euch nur noch einmal bitten, mir endlich zu sagen, was zwischen euch und den anderen vorgefallen ist."
Michiru sah sie warnend an. „Haruka, ich habe dich nun mehr als einmal gebeten, dich da raus zu halten."
„Und ich habe dir bereits gesagt, dass ich das nicht tun werde.", antwortete Haruka ernst.
„Wieso klärt ihr mich nicht endlich auf? Und wieso lässt du dich weiter so von denen behandeln? Du hast es wirklich nicht nötig, dir sowas gefallen zu lassen."
Michiru schluckte schwer und funkelte warnend Haruka an. „Das ist ja wohl meine Sache!"
Haruka unterdrückte ein entnervtes Seufzen. Wieso war dieses Mädchen nur so stur?
„Es ist offensichtlich, dass du alleine nicht aus dieser Sache raus kommst.", entgegnete sie härter, als sie es vorgehabt hatte. „Lass dir doch endlich helfen!"
Michiru's Blick machte deutlich, dass sie zu weit gegangen war. Natürlich brauchte sie Hilfe und das wusste sie. Doch Michiru war weitaus stolzer, als sie sich selbst eingestehen wollte.
„Du weißt nichts über mich, Haruka. Ich brauche deine Hilfe nicht.", entgegnete Michiru kalt, ohne ihr in die Augen zu sehen. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte mit schnellen Schritten davon.
Haruka sah Elza hilfesuchend an, als diese leise seufzte. Dann stemmte die rothaarige ihre Hände in die Hüften und sah ihrer Freundin mit schief gelegtem Kopf hinterher. „Das war wirklich überflüssig.", bemerkte sie mit einem Seitenblick zu Haruka. Die Blondine fasste sich an den Kopf und fuhr sich entnervt durchs Haar. „Ich weiß ja... Aber ich verstehe es einfach nicht. Wieso lässt sie sich nicht helfen? Wieso lässt sie mich nicht helfen?"
„Weil sie verletzt wurde, Haruka. Ich bin mir sicher, dass sie versucht, dir zu vertrauen, aber sie kann es nicht. Gib ihr einfach noch etwas Zeit."
Haruka sah Elza ernst an. „War es dieser Ryu? Was hat er gegen sie in der Hand, dass sie sich nicht endlich zur Wehr setzt?"
Elza verschränkte die Arme und sah schweigend zu Boden. Haruka machte einen Schritt auf sie zu und schlug mit der flachen Hand gegen die Wand hinter Elza's Kopf.
„Verdammt Elza! Ich hab gehört, wie er ihr gedroht hat! Es geht hier nicht um eine Lappalie! Sag mir doch um Himmels Willen endlich, was los ist!"
Elza sah überrascht auf. „Gedroht? Wann?"
„Kurz bevor ich sie neulich bei dir abgesetzt habe.", antwortete Haruka ungeduldig.
Elza's Augen wurden noch größer und blankes nicht-verstehen lag in ihrem Blick ."Bevor du... was?"
Haruka stieß sich von der Wand ab, kehrte Elza den Rücken zu und stieß einen frustrierten Laut aus. „Nicht mal das hat sie dir erzählt?!"
Sie wandte sich wieder Elza zu, die nun sichtlich verwirrt wirkte. „Okay...", Haruka seufzte leise. „Ich hab ihr versprochen, dir nichts zu sagen. Aber nachdem du scheinbar die einzige bist, die weiß was hier los ist, sehe ich keine andere Möglichkeit."
Haruka erzählte ihr so knapp wie möglich von Ryu's Drohung im Park, was sie gehört hatte und von einem ominösen Foto, das sie aus ihrem Versteck heraus nicht hatte sehen können. Und dass sie sie zu Elza gebracht hatte, nachdem Michiru vor ihrem Elternhaus in Tränen ausgebrochen war.
Als sie ihren Bericht abgeschlossen hatte, ließ Elza sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen und starrte Haruka fassungslos an. „Wieso hat sie mir nichts erzählt?", fragte sie leise.
„Um dir keine Sorgen zu bereiten.", antwortete Haruka knapp. „Aber was bringt das, wenn Ryu weiterhin seine Spielchen mit ihr treibt? Will sie den ganzen Terror wirklich einfach so über sich ergehen lassen?"
„Ich muss mit ihr reden. Komm mit!", Elza packte Haruka am Arm und zog sie hinter sich her. Sie brauchte nicht lange, um herauszufinden, wo Michiru hin gegangen war. Als sie etwas zu schwungvoll die Tür des Kunstraums aufschob, blickte Michiru überrascht von ihrer Leinwand auf und hielt inne. Haruka starrte wie gebannt auf das angefangen Kunstwerk. Das Bild war noch lange nicht fertig, doch man konnte anhand der Skizzen bereits einen Blauwal erkennen, der unter einem großen Vollmond rücklings aus dem Wasser sprang. Es war unglaublich, was dieses Mädchen in so kurzer Zeit zustande bringen konnte. Elza machte eine paar schnelle Schritte auf Michiru zu und erinnerte Haruka wieder daran, wieso sie eigentlich hier waren.
„Wieso hast du mir nichts erzählt?", fuhr Elza ihre Freundin an.
Michiru, die sofort verstand, worum es ging, funkelte Haruka wütend an. „Du hast versprochen, es für dich zu behalten!"
„Wieso?", fuhr Elza dazwischen, bevor Haruka etwas erwidern konnte. „Ich dachte, wir wären Freunde! Wieso hast du mir nicht gesagt, dass er dir gedroht hat? Wenn du nicht endlich etwas dagegen unternimmst, wird das nie ein Ende haben! Verstehst du?! Sie werden nicht von alleine aufhören!"
Michiru starrte einige lange Sekunden ins Leere, bevor sie Elza ansah. „Ich...", sie schluckte schwer und sah dann zu Boden. „Ich wollte dich nicht noch weiter in die Sache hinein ziehen. Ich komm damit klar. Wirklich."
„Natürlich.", Elza gab einen abfälligen Ton von sich. „Deswegen brichst du zweimal am selben Abend zusammen. Deswegen packst du deine Sachen und läufst von zu Hause weg. Deswegen verschwindest du jeden Abend für mehrere Stunden in der Schwimmhalle. Weil du mit allem alleine klar kommst. Wann hörst du endlich damit auf, dir selbst etwas vorzumachen?"
Während Elza sprach, sanken Michiru's Schultern immer weiter nach unten und sie wirkte nun ungewöhnlich klein und hilflos. Von der Stärke, die sie sonst für gewöhnlich ausstrahlte, war nichts mehr zu sehen. Haruka, die immer noch an der Tür stand, trat nun ebenfalls zu den beiden und legte Elza eine Hand auf die Schulter. „Ich glaube, das reicht jetzt."
Erst, als Elza sie ansah, bemerkte Haruka die bittere Enttäuschung in ihren Augen. Sie nickte Elza aufmunternd zu. „Würdest du uns bitte einen Moment alleine lassen?"
Elza sah sie skeptisch an, nickte jedoch und verließ den Raum. „Ich warte im Klassenzimmer auf euch. Die Pause ist sowieso gleich um."
Haruka wartete, bis Elza die Tür hinter sich geschlossen hatte und sah dann zu Michiru, die immer noch mit gesenkten Schultern auf ihre Füße starrte.
„Hör mal... Wenn du mir schon nichts erzählen möchtest, dann halt wenigstens Elza auf dem Laufenden. Lass wenigstens sie helfen, wenn du mir schon nicht vertrauen kannst."
Michiru schüttelte schwach den Kopf. „Das hat nichts damit zu tun, dass ich dir nicht vertraue, Haruka.", antwortete sie leise. „Es ist nur..."
Haruka sah sie abwartend an, während die kleinere offenbar nach den richtigen Worten suchte.
„Ich verstehe nicht, wieso du dich so für mich einsetzt, obwohl wir uns kaum kennen. Du weißt gar nichts über mich und trotzdem...", sie brach ab, als ihre Stimme zu versagen drohte.
Haruka legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter und lächelte. „Es ist nicht wichtig, wie viel ich über dich weiß oder nicht. Meine Menschenkenntnis reicht aus, um zu erkennen, dass du ein gefühlvoller und liebenswerter Mensch bist und niemals jemandem etwas böses tun würdest. Hier wird ein unfaires Spiel gespielt und ich möchte einfach nur, dass die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft gezogen werden."
„Wieso sollte jemand so selbstlos sein, ohne eine Gegenleistung zu erwarten?", antwortete Michiru leise.
Haruka blickte nachdenklich auf das türkisblaue Haar und drückte sanft Michiru's Schulter. Dann ließ sie von ihr ab und setzte sich auf einen der Stühle. „Die Frage kann ich dir leider nicht beantworten. Ich bin nunmal so.", entgegnete Haruka lächelnd. „Ich hab mich schon immer für die eingesetzt, die unfair behandelt wurden oder in der Unterzahl waren. Das ist im Übrigen auch ein Grund, wieso ich von meiner alten Schule geflogen und im Krankenhaus gelandet bin.", sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, als Michiru sie nun endlich ansah und offenbar am Rest dieser Geschichte interessiert war. „Ich hab einen Kerl aus meiner Klasse verteidigt, der wegen seiner guten Noten regelmäßig verprügelt wurde. Irgendwann musste ich mich auf dem Heimweg alleine mit drei von ihnen anlegen und hab natürlich gnadenlos versagt. Gedankt wurde mir mein Einsatz nie, doch ich bereue nicht, es getan zu haben. Klingt merkwürdig, ich weiß. Aber das ist nunmal die Art, wie ich solche Dinge regle."
Michiru sah sie lange schweigend an. Auch Haruka hatte dem nichts mehr hinzuzufügen und ließ ihr die Möglichkeit, ihre Worte sacken zu lassen.
„Haruka...", begann Michiru unschlüssig und vergrub ihre Fingernägel in ihrem Oberarm. „Lass uns nach dem Unterricht in Ruhe darüber sprechen. Das heißt, wenn du später ein wenig Zeit hast."
„Natürlich." die Blondine nickte und zwinkerte Michiru aufmunternd zu. „Ich hab alle Zeit der Welt."
Michiru rang sich ein Lächeln ab und trat einen Schritt auf Haruka zu. „Ich will dir wirklich vertrauen, Haruka. Und ich möchte, dass du weißt, dass ich deine Hilfe sehr schätze."
Einen Augenblick lang hatte Haruka den Eindruck, Michiru würde ihr jeden Moment um den Hals fallen. Doch entweder hatte sie sich getäuscht oder Michiru hatte es sich in letzter Sekunde anders überlegt, denn es geschah nichts dergleichen.
Haruka erhob sich von ihrem Stuhl und für einige lange Sekunden sahen sie sich schweigend in die Augen. Haruka verlor sich geradezu in dem tiefen blauen Ozean, den die Augen dieses Mädchens widerspiegelten und sie fühlte, dass ein weiteres großes Stück der unsichtbaren Mauer, die Michiru um sich herum errichtet hatte, gefallen war. Haruka kämpfte gegen das Verlangen an, ihre Wange zu berühren und über ihr weiches Haar zu streicheln, wie sie es einige Tage zuvor in ihrem Auto getan hatte, um sie zu beruhigen.
„Wir sollten langsam zurück ins Klassenzimmer.", Michiru zwang sich, ihren Blick von Haruka's grauen Augen loszureißen und wandte sich ab.
„Ja. Natürlich.", Haruka nickte schnell und warf einen letzten Blick auf das angefangene Gemälde. „Du hast übrigens bemerkenswerte Talente. Geige spielen, malen, eine halbe Ewigkeit unter Wasser die Luft anhalten... Hast du noch mehr Überraschungen auf Lager?"
Michiru sah sie ein wenig verwundert an, dann kicherte sie leise, während sie durch den Raum ging und öffnete die Tür. „Vielleicht gibt es noch das ein oder andere..."
Haruka zog einen Schmollmund und folgte ihr. „Kannst du nicht ein einziges Mal weniger geheimnisvoll sein?", sie schloss die Tür hinter sich und trat an Michiru's Seite. Die kleinere sah zu ihr auf und lächelte sie an. Es war ein ehrliches Lächeln und Haruka war unglaublich erleichtert darüber, dass Michiru ihr nun offenbar endlich etwas mehr Vertrauen entgegenbringen wollte.
Elza sah die beiden aufmerksam an, als sie das Klassenzimmer betraten und Michiru nickte ihr lächelnd zu, um ihr zu signalisieren, dass alles in Ordnung war. Die rothaarige nickte beruhigt und erhob sich von ihrem Platz. „Und ich hatte schon Angst, ihr zerfleischt euch da drin.", scherzte sie. Haruka lachte auf und fasste sich an den Kopf. „Nicht doch. Wir sind ein Herz und eine Seele."
Michiru zog eine Augenbraue hoch und sah Haruka skeptisch an. Diese hob abwehrend die Hände und grinste frech. „Schon gut, schon gut! Zumindest kann man sagen, wir verstehen uns so gut, dass wir uns nicht gegenseitig an die Gurgel gehen. Besser?"
„Besser.", antwortete Michiru belustigt.
Elza sah ihre beiden Freundinnen zufrieden an und nickte anerkennend. Sie hatte nicht erwartet, dass Haruka es tatsächlich so schnell schaffen würde, Michiru aufzuheitern. Und was auch immer zwischen den beiden vorgefallen war, sie merkte deutlich, wie das Band zwischen ihnen zunehmend stärker wurde.
Nun wandte sich Michiru Elza zu und sah sie entschuldigend an. „Es tut mir Leid, Elza."
Ihre Freundin verzog das Gesicht und winkte ab. „Schon gut. Aber versprich mir, dass du mir in Zukunft sofort erzählst, wenn irgendwas passiert!"
„Das werde ich.", antwortete Michiru und lächelte dankbar.
Die Schulglocke unterbrach das darauf folgende beinahe peinliche Schweigen und nahezu zeitgleich betrat der Klassenlehrer den Raum. Auch die restlichen Schüler – darunter Akira und Yuriko – kamen zurück und nahmen ihre Plätze ein.
Yamagawa legte einen Stapel Papiere auf seinem Schreibtisch ab und sah in die Klasse. „Wie Sie alle wissen, findet in weniger als zwei Wochen das Sommerfest statt. Dafür bedarf es noch einiger Vorbereitung. Es wurde entschieden, dass diese Klasse gemeinsam mit zwei anderen ein Café eröffnet und die Gäste mit Kaffee, Tee und Kuchen versorgt. Wir erwarten eine Menge Schüler, Eltern und andere Familienangehörige und hoffen, Sie vertreten diese Schule würdig nach außen."
Ein leises, aufgeregtes Murmeln ging durch den Klassenraum. „Daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht.", flüsterte Haruka leise und wechselte einen missmutigen Blick mit Michiru, die ebenso wenig begeistert wirkte, wie sie selbst.
Während Yamagawa in Planungs-Diskussionen verfiel, zog Michiru ein Stück Papier und einen Stift hervor und reichte Haruka kurz darauf eine fein säuberlich geschriebene Nachricht. Diese griff in einem unbeobachteten Moment schnell nach dem Zettel und legte ihn vor sich auf den Tisch.
„Hast du Lust, es nach dem Unterricht einmal mit unserem geplanten Duett zu versuchen?"
Ein breites Lächeln huschte über Haruka's Gesicht und sie nickte Michiru begeistert zu, was mit einem freundlichen Lächeln beantwortet wurde.
Den Rest des Nachmittags konnte Haruka es kaum erwarten, bis der Unterricht endlich vorbei war. Sie hatte gemischte Gefühle, was das vereinbarte Treffen mit Michiru anging. Zum einen würde sie hoffentlich endlich erfahren, was es mit diesem ganzen Terror auf sich hatte. Zum anderen bekam sie endlich die Gelegenheit, mit Michiru ein gemeinsames Hobby auszuüben. Und außer ihnen würde wohl niemand dort sein.
Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie sehr sie es kürzlich im Park und zuvor in der Mittagspause genossen hatte, mit ihr allein zu sein, wenn es auch nicht lange war. Ohne es zu bemerken, wanderte ihr Blick erneut zu Michiru hinüber, die nun wie so oft aus dem Fenster blickte. Haruka's Augen wanderten über das lange, wellige Haar nach unten, über ihre Hüfte und ihre schlanken Beine. Dann ertappte sie sich dabei, wie ihr Blick am Saum ihres Rockes hängen blieb und sie zwang sich, wieder nach vorne zu sehen und ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken.
Nach nicht enden wollenden Stunden war es endlich soweit und die Schulglocke entließ sie aus dem langweiligen Unterricht. Haruka, die nicht wollte, dass Michiru ihre Ungeduld bemerkte, zwang sich sitzen zu bleiben und nicht sofort von ihrem Stuhl aufzuspringen.
Im Gegensatz zu Elza, die schnell ihre Sachen packte und zu Michiru's Tisch sprang. „Wie sieht es aus? Heute wieder Schwimmtraining?"
Michiru schüttelte den Kopf und lächelte schwach. Den Rest ihrer Unterhaltung konnte Haruka nicht verstehen, da Michiru ihre Stimme gesenkt hatte und Elza ihr nun genau so leise antwortete. Dann sah Elza überrascht zu Haruka, zuckte die Achseln und nickte Michiru ermutigend zu. „Ich werd noch ein wenig trainieren und fahre dann nach Hause. Du weißt ja, wo du mich findest. Bis morgen, Haruka.", verabschiedete sie sich und klopfte der Blondine im vorbeigehen freundschaftlich auf die Schulter. Dann warf sie sich ihre Tasche über die Schulter und verschwand.
Michiru trat an Haruka's Seite, die nun endlich ebenfalls aufstand, um sich mit Akira's und Yuriko's gehässigen Blicken im Rücken mit Michiru auf den Weg zum Musikraum zu machen. Sie beide ignorierten die Mädchen und liefen schweigend den langen Gang entlang. Haruka wusste nicht, wo der Musikraum sich befand, doch was das anging, vertraute sie ganz auf die Führung ihrer Begleitung. Nachdem das kleinere Mädchen einen kurzen Umweg gemacht hatte, um ihre Geige aus ihrem Spind zu holen, betraten sie kurz darauf ein geräumiges Zimmer mit einer kleinen Tribüne, auf der ein großer schwarzer Flügel stand. Dieser fiel Haruka als erstes ins Auge, bevor sie einige Notenständer bemerkte, die an der Wand entlang ordentlich aneinander gereiht waren. In der gegenüberliegenden Ecke stand ein mit einer Nylonplane abgedecktes Schlagzeug und in einem Schrank dahinter lagen einige kleinere Percussion-Instrumente.
Michiru trat neben den Flügel und stellte behutsam ihren Geigenkoffer daneben auf dem Boden ab. Dann wandte sie sich um und beobachtete Haruka, die langsam durch den Raum spazierte und sich immer noch umsah. „Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Raum so groß sein würde.", sagte Haruka bewundernd und wandte sich Michiru zu. „Der meiner alten Schule war gerade mal halb so groß. Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es dort viele Schüler gab, die überhaupt jemals ein Instrument in der Hand hatten."
Michiru lachte leise auf, als sie den Sarkasmus in Haruka's Stimme bemerkte. „Du scheinst wirklich nicht viel von deiner alten Schulte zu halten."
Die Größere zog eine Augenbraue hoch und trat auf das Podest und neben Michiru. „Ernsthaft? Ich halte von dieser Schule noch viel weniger als 'nicht viel'. Manchmal kam man sich vor, wie im Irrenhaus. Oder im Knast.", ein verbitterter Unterton lag in ihrer Stimme.
Michiru sah sie ein wenig frech an. „Und hier ist es besser?"
Haruka schnaubte belustigt und grinste schief. „Zumindest gibt es hier ein paar wenige Leute, die etwas im Kopf haben und mit denen man vernünftige Unterhaltungen führen kann. Obwohl eine gewisse Person aus meiner neuen Klasse ziemlich anstrengend und dickköpfig ist.", Haruka grinste frech, als Michiru ihr einen empörten Blick zuwarf.
„Ich weiß nicht, wen du meinst.", entgegnete die Kleinere, während sie sich gegen den Flügel lehnte.
Haruka lachte leise und sah sie herausfordernd an. „Dann streng dein kluges Köpfchen mal ein wenig an. Vielleicht kommst du von selbst drauf."
Michiru sah sie eine Weile lang schweigend an. Dann lächelte sie und ein Hauch von Verlegenheit huschte über ihr Gesicht. Haruka erwiderte ihr Lächeln und erneut drohte sie in diesem tiefblauen Meer zu versinken. Je länger sie so dastanden, desto stärker wurde ihr Eindruck, in Michiru's Augen so etwas wie Sehnsucht zu erkennen. Ein stummes Flehen nach Nähe und Geborgenheit. Doch bevor Haruka weiter darüber nachdenken konnte, unterbrach Michiru abrupt den Blickkontakt, ging langsam zu einem der Regale und zog ein Notenheft hervor. Dann kam sie zurück und drückte es Haruka in die Hand. „Findest du hier drin irgendwas, was du spielen kannst?"
Ein wenig zerstreut setzte Haruka sich auf den kleinen Schemel vor dem Flügel und blätterte in dem dünnen Heft herum, bis sie schließlich ein Lied erblickte, das sie bereits vor einigen Jahren für einen Auftritt der Theatergruppe ihrer alten Schule hatte lernen müssen. Sie überflog die Noten und war sich sicher, dass sie es damals viel zu oft geübt hatte, als dass sie dieses Stück je wieder verlernen konnte. Neugierig blickte Michiru ihr über die Schulter, um herauszufinden, welches der Lieder Haruka's Aufmerksamkeit erregt hatte. Haruka hatte nicht bemerkt, wie nah Michiru ihr gekommen war und als sie sich zu ihr umdrehte und ihre Gesichter sich beinahe berührten, erstarrte sie für einen Moment. Dann räusperte sie sich und deutete auf die aufgeschlagene Seite in ihrer Hand. „Wie wäre es damit?"
Michiru's Augen ruhten für einige Sekunden auf den Noten. Dann nickte sie und lächelte sanft. „Ich wusste nicht, dass du eine Vorliebe für derart romantischen Lieder hast."
Haruka lachte verlegen auf und rieb sich über den Hinterkopf. „Das ist eines der wenigen Stücke, die ich im Schlaf spielen kann."
Michiru's Lächeln wurde breiter und sie warf einen letzten Blick auf den Titel des Liedes, bevor sie ihre Geige aus ihrem Koffer befreite und wieder neben Haruka trat.
„Love Story".
Haruka wusste, dass es möglicherweise kein passender Titel für ihre momentane Situation war. Doch etwas in ihr bestand darauf, dieses Stück mit Michiru zu spielen. Sie wusste bereits, wie viel Gefühl dieses Mädchen in die Musik steckte und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als nur ein einziges Mal Teil dieser wunderbaren Welt zu sein, in die Michiru sich immer wieder zurück zog.
Als sie sich versichert hatten, dass das Klavier richtig gestimmt war, begannen sie zu spielen. Es war eine traurige und melancholische Melodie. Doch gleichzeitig war sie auch beruhigend und als Michiru's Geige sich dem Klavier anschloss, hatte Haruka das Gefühl, sie hätten schon ewig zusammen gespielt. Es war nicht allein die Tatsache, dass sie beide dieses Stück auswendig kannten. Es lag auch nicht daran, dass sie beide ein musikalisches Talent an den Tag legten. Viel mehr war es ihr Einklang miteinander, der sie sich gegenseitig perfekt ergänzen ließ. Sanfte Geigentöne schmiegten sich zwischen die oft so bestimmenden Klaviertöne und sie verschmolzen zu einem ganzen, einer wunderbaren Melodie, die ihnen beiden so vertraut war und sich doch noch nie so wirklich angefühlt hatte. Keine von ihnen benötigte die Noten, die vor Haruka aufgeschlagen waren. Sie beide hatten die Augen geschlossen und versanken in einem Meer von Gefühlen.
Zu Haruka's Bedauern war es ein ziemlich kurzes Lied und so ließen sie nur wenige Minuten später die letzten Töne ausklingen. Als sie langsam ihre Augen wieder geöffnet hatten, rührte sich eine Zeit lang keine von ihnen, aus Angst, den Zauber zu brechen der sich über sie gelegt hatte.
Nach einer Weile drehte Haruka sich langsam zu Michiru um, die ihre Geige inzwischen hatte sinken lassen. Ein Haruka inzwischen nur allzu bekannter Glanz lag in den großen dunkelblauen Augen und ohne darüber nachzudenken, sprang sie auf und schlang fest beide Arme um den zierlichen Körper, als ihre Gefühle Michiru erneut zu überwältigen drohten. „Es ist in Ordnung.", flüsterte Haruka beruhigend und legte sanft ihr Kinn auf dem Kopf der Kleineren ab. Michiru vergrub ihr Gesicht in Haruka's Schulter und nickte kaum merklich. Beruhigend strich Haruka ihr über den Rücken. Dann schob sie Michiru ein Stück von sich und lächelte zu ihr hinunter. „Wir sollten das bei Gelegenheit unbedingt wiederholen."
Michiru wischte sich schnell mit dem Ärmel über die Augen und nickte erneut, diesmal etwas deutlicher. Dann sah sie zu Haruka auf und atmete einmal tief durch. „Ich denke, ich bin dir eine Erklärung schuldig."
Haruka nickte knapp, strich ihr ein letztes Mal über den Arm und ließ dann von ihr ab.
Michiru legte ihre Geige auf den Flügel und trat ans Fenster, um Haruka's Blicken auszuweichen.
Nur zögernd begann sie, ihr von den Geschehnissen der letzten Wochen zu berichten. Haruka blieb die ganze Zeit über reglos hinter ihr stehen und ihre Mine verfinsterte sich zunehmend, je länger Michiru sprach und ihre Stimme mit der Zeit mehr und mehr an Emotionen verlor. Grauenvolle Bilder spielten sich vor ihrem inneren Auge ab und sie ballte so fest die Fäuste, dass sich ihre Fingernägel schmerzhaft in ihre Handflächen bohrten.
„Nachdem ich Elza versichert habe, dass alles in Ordnung wäre, fuhr ich nach Hause und wollte alldem mit einer Hand voll Schlaftabletten ein Ende setzen. Doch meine Eltern fanden mich rechtzeitig und riefen den Notarzt. Ich weiß, wie dumm das von mir war... Aber ich sah einfach keinen anderen Ausweg.", beendete Michiru ihren Bericht und wandte sich langsam wieder Haruka zu, deren Augen vor Wut brannten. Haruka wusste nicht, was sie darauf sagen sollte; ob sie überhaupt etwas sagen sollte. Noch immer hallten die Worte der Kleineren in ihrem Kopf wider und unablässig sah sie diese Bilder vor sich, als hätte sie all das eben gehörte mit eigenen Augen beobachtet.
Michiru kam langsam ein paar Schritte auf sie zu und blieb unmittelbar vor ihr stehen.
„Bist du jetzt zufrieden? Jetzt, wo du die Wahrheit kennst?", fragte sie verbittert und mit versteinerter Mine.
Haruka schluckte schwer. „Nein, ich...", nun war sie es, die dem Blick der Kleineren auswich. „Ich hatte nicht das Recht, dich dazu zu drängen, all das noch einmal Revue passieren zu lassen. Es tut mir Leid."
Michiru's ausdrucksloser Blick wich einem schwachen Lächeln. „Ich komme sowieso nicht dagegen an. Ihre hasserfüllten Blicke verfolgen mich.", antwortete sie leise. „Ich träume davon. Immer und immer wieder."
„Aber... Wieso?", Haruka blickte auf und sah Michiru erneut in die Augen. „Wieso hast du es niemandem erzählt? Wieso suchst du dir keine Hilfe? Die Polizei. Oder wenigstens den Schuldirektor.", sie verstummte, als Michiru entschlossen den Kopf schüttelte.
„Was würde das bringen?", fragte die kleinere nun beinahe flüsternd. „Die Polizei wird nichts unternehmen, solange nichts schlimmeres passiert. Und der Direktor... Ich denke nicht, dass sie sich von ihm in die Schranken weisen lassen. Selbst, wenn er sie der Schule verweisen würde, würde es sie nicht zwingend von mir fern halten."
„Aber du hast ihnen doch nichts getan! Was gibt ihnen das Recht, dich so zu behandeln?", fiel Haruka ihr ins Wort.
„Das tut nichts zur Sache, Haruka. Sie hassen mich. Und sie haben beschlossen, mich in die Knie zu zwingen. Koste es, was es wolle.", Michiru seufzte leise. „Deswegen möchte ich nicht, dass du dich weiter in diese Sache einmischt. Wer weiß, wozu sie noch fähig sind."
„Hör mal, Michiru." Haruka legte ihre Hände auf die Schultern des Mädchens und sah sie eindringlich an. „Es ist mir egal, wie sehr du dich dagegen sträubst. Und wie du weißt, ist es mir egal, wenn andere auf mich einprügeln. Ich lasse nicht zu, dass diese Bastarde dich weiter wie Dreck behandeln! Wenn du wirklich glaubst, dass ich einfach so weg sehen werde, täuscht du dich ganz gewaltig! Erst recht, nachdem ich all das gehört habe."
Michiru blinzelte ein paar Mal, um gegen die erneut aufsteigenden Tränen anzukämpfen. Dann sah sie zu Boden und nickte knapp. „Ich wusste, dass du so reagieren würdest.", trotz ihres Flüsterns entging Haruka das Beben in ihrer Stimme nicht. Sie verstärkte den Griff um die Schultern der Kleineren und sah liebevoll auf sie herab. „Hör mir gut zu. Und egal was passiert, denk immer an das, was ich dir jetzt sage.", Michiru sah zögernd auf und Haruka legte sanft eine Hand auf ihre Wange. Die weiche Haut unter ihren Fingern zu spüren, ohne dass das Mädchen sich dagegen wehrte, ließ ihr Herz höher schlagen. „Du bist ein wundervoller Mensch, Michiru. Und ganz gleich, was diese Nichtsnutze oder deine Eltern oder irgendjemand sonst sagt... Du bist um so vieles mehr wert, als sie alle zusammen. Du bist stark, intelligent und du weißt, was du willst. Und du folgst deinem eigenen Weg. Und all das macht dich zu etwas ganz besonderem."
Michiru schüttelte schwach den Kopf. Unaufhaltsam hatten sich ihre dunklen Augen erneut mit Tränen gefüllt. „Ich bin nicht stark. Und schon gar nicht bin ich irgendwas besonderes.", ein leichtes Beben fuhr durch ihren Körper und erneut zog Haruka sie fest an sich. Diesmal kämpfte Michiru kurzzeitig dagegen an, sich zum wiederholten Male in den Arm nehmen zu lassen, gab dann aber schließlich doch nach. „Ich habe meine Eltern enttäuscht. Und offenbar bin ich auch nicht besonders intelligent, wenn ich mich ohne weiter nachzudenken auf jemanden einlasse, der nur seine Spielchen mit mir treibt. Aber...", sie Schluckte schwer und nach kurzem Zögern legte sie ihre Hand auf Haruka's Oberarm. „Es fühlte sich einfach gut an, im Arm gehalten zu werden. Es fühlte sich gut an, endlich als der Mensch gesehen zu werden, der ich wirklich bin. Ich dachte wirklich, es wäre ihr ernst mit mir." Haruka verstärkte ihre Umarmung, als das Zittern in Michiru's zierlichem Körper zunahm. „Und all das... Alles was sie getan haben... Nichts schmerzt so sehr, wie die Erkenntnis, dass es nur eine Illusion war. All die Zärtlichkeiten, die netten Worte, die Zeit dir wir miteinander verbracht haben. Eine einzige Lüge. Ich bin für sie nichts weiter als ein wertloses Spielzeug, das man mit Füßen treten kann, wenn es ausgedient hat."
Zärtlich strich Haruka über das weiche Haar, während Michiru ihrem Schmerz und ihrer Enttäuschung endlich freien Lauf ließ. Sie wusste, dass sie nun nichts sagen konnte, was das Mädchen beruhigen würde. Doch genau so gut wusste sie, dass es ihr nur gut tun würde, sich endlich alles von der Seele zu reden, was sie so lange in sich hinein gefressen hatte. Und auf einmal war sie sich sicher, dass Michiru Elza nie auf diese Weise offenbart hatte, wie sie wirklich über diese ganze Sache dachte. Wie sie wirklich fühlte.
Sie vergrub ihre Hand in Michiru's Haar und die kleinere schmiegte sich fest an sie.
Viele lange Minuten verharrten sie in dieser Position, bis Michiru sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Haruka kraulte ihr sanft durchs Haar und hielt sie weiterhin fest an sich gedrückt. Die ganze Zeit über kreisten ihre Gedanken um das eben Gehörte und mehr denn je verspürte sie den Drang danach, dieser intriganten Gruppe alles heimzuzahlen, was sie Michiru angetan hatten.
Sie lockerte ihre Umarmung, als Michiru sich zaghaft von ihr löste und sich erneut mit dem Ärmel Tränen aus dem Gesicht wischte. „So viel zu meiner Stärke...", sagte sie sarkastisch. Haruka lächelte zu ihr hinab und strich ein letztes Mal über ihr Haar. Dann zog sie langsam ihre Hand zurück. „Es hat nichts mit Stärke oder Schwäche zu tun, wenn man seinen Gefühlen auch mal freien Lauf lässt."
Michiru sah nun ein wenig skeptisch zu ihr auf. „Und sicher erzählst du mir gleich, wie oft du dich jemandem in die Arme wirfst und genau so erbärmlich bist, wie ich gerade."
„Du bist nicht erbärmlich!", widersprach Haruka scharf. „Hör auf damit, dich ständig selbst schlecht zu machen."
„Aber es ist doch die W-"
Ehe Haruka sich darüber bewusst war, was sie tat, hatte sie ihre Hände an Michiru's Wangen gelegt, sie zu sich gezogen und brachte sie mit einem langen, zärtlichen Kuss zum Schweigen. „Hör auf...", wiederholte sie leise in den Kuss, während ihre Finger sanft über Michiru's Wangen strichen. Michiru erstarrte und sah sie mit großen Augen an, bis Haruka's Lippen sich schließlich von den ihren lösten. „Du bist nicht erbärmlich.", flüsterte Haruka, während ihre Finger weiterhin zärtlich über die weiche Haut strichen. „Du bist bewundernswert. Und atemberaubend. Und bereits als ich dich das erste Mal gesehen habe, wusste ich, dass du etwas ganz besonderes bist. Dass ich dich beschützen und vor weiterem Leid bewahren möchte."
„Haruka, ich...", Michiru's Stimme versagte und sie senkte ihren Blick, Haruka's warme Hände immer noch an ihren Wangen. „Ich kann nicht-"
„Ich weiß.", unterbrach Haruka sie ruhig und strich behutsam eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Und es ist in Ordnung."
Sie sprach erst weiter, als Michiru keine Anstalten machte, zu antworten. „Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich jederzeit für dich da bin. Und dass ich es ehrlich meine. Ich könnte dir niemals weh tun."
Langsam ließ sie ihre Hände sinken und lächelte schwach, erleichtert darüber, dass Michiru offenbar nicht verärgert über den Kuss war. Trotzdem fühlte sie sich nun ein wenig unwohl in ihrer Haut. Sie wusste, dass die Situation mehr als unpassend gewesen war, doch es war einfach so passiert.
„Vielen Dank..."
Haruka atmete erleichtert aus, als Michiru endlich das Schweigen brach.
„Es tut gut zu wissen, dass man nicht allein ist.", fuhr Michiru leise fort. „Aber ich bitte dich noch einmal, halt dich von Akira und den anderen fern. Diese ganze Sache muss nicht schlimmer werden, als sie schon ist."
„Ich will dir nichts versprechen, was ich nicht halten kann.", antwortete Haruka bestimmt. „Ich werde nichts unternehmen, solange sie dir nicht zu nahe kommen. Aber ein falscher Zug von ihnen und ich werde mich nicht zurück halten."
Michiru sah sie lange nachdenklich an, bevor sie nickte. Dann lächelte sie und ging langsam an Haruka vorbei, nicht ohne sanft ihren Arm zu streifen, griff nach ihrer Geige und packte sie in ihren Koffer zurück. Auch Haruka lächelte, während sie sie dabei beobachtete.
„Hast du Lust, noch einen Kaffee trinken zu gehen?", fragte sie vorsichtig und setzte ihr charmantestes Lächeln auf.
„Gern.", entgegen Haruka's Erwartungen nickte Michiru und sah ihr freudig entgegen.
Die Größere blinzelte ein paar Mal, überrascht darüber, wie schnell sich die Stimmung dieses Mädchens ändern konnte. Doch dann kam ihr der Gedanke, dass Michiru sicherlich vermeiden wollte, dass sie sich weiter um sie sorgte.
Ihre Reaktion entlockte Michiru ein leises Lachen. „Was ist? Hattest du erwartet, dass ich ablehne?"
Haruka räusperte sich und schüttelte den Kopf. „Es überrascht mich nur ein wenig, dass ich nach gerade eben keinen Korb bekomme."
Michiru kicherte leise und sah sie amüsiert an, ohne ihr darauf zu antworten. Haruka kratzte sich verlegen an der Wange, kehrte Michiru dann den Rücken zu und trat zur Tür. Die Kleinere folgte ihr und gemeinsam verließen sie Seite an Seite das Schulgebäude. Haruka führte sie zu ihrem Auto und nur wenig später saßen sie in einem elegant eingerichteten, ruhigen Café. Keine von ihnen verlor ein weiteres Wort über das, was im Musikraum geschehen war. Doch die Offenheit, mit der Michiru ihr nun gegenüber trat, erweckte in Haruka ein noch stärkeres Gefühl von Zuneigung. Die Distanz, die das Mädchen zuvor zwischen ihnen aufrecht erhalten hatte, war restlos in Vergessenheit geraten und zum ersten Mal erlebte sie Michiru vollkommen natürlich und ohne Furcht, die zu sein, die sie wirklich war.
Guuut. Ich hoffe, dieses Kapitel war euch nicht zu langweilig, nachdem in den vorherigen so viel passiert ist.
Aber die Ruhe vor dem Sturm und so... ;)
Und langsam war es wirklich an der Zeit, dass Haruka und Michiru sich endlich (wenigstens ein bisschen) näher kommen.
Bis zum nächsten Mal. ^^
