Kapitel 7: Countdown
Der nächste Tag begann unter einem wolkenbedeckten Himmel, der grau und düster schien und seine Tristheit an den Tag abfärbte, sodass Hermine miesmutig und müde in ihre Pantoffeln schlüpfte, nachdem sie die Augen aufgeschlagen hatte. Sie zog die roten Vorhänge von den Fenstern zurück, um sich einen klaren Blick auf den wolkenverhangenen Tag zu verschaffen. Keine Sonne, keine Vögel, kein Silberstreifen am Horizont – nur bedrückendes, trostloses Grau – ätzend. Passte perfekt zu ihrer Stimmung.
In der Nacht hatte sie schlecht geschlafen und die Aussicht auf ein baldiges, ganz privates Wiedersehen mit Severus Snape war auch nicht gerade etwas, von dem sie sagen konnte, dass sie sich darauf freute. Baldig... sehr bald… 3 Tage. Zum Kotzen.
Also trottete sie mit zerzausten Haaren und Augenringen ins Badezimmer, um sich innerhalb einer dreiviertel Stunde sämtlicher Anzeichen schlechten Schlafens, mieser Stimmung und einer absoluten „Lass mich in Ruhe" – Attitüde zu entledigen.
Die Haare waren wieder genauso wuschelig wie sonst, die Augenringe einfach mal kurz weggezaubert worden und ihre Laune würde sich auch schon irgendwie aufbessern…
Und sei es nun bei dem Quidditch-Spiel Slytherin gegen Gryffindor. Zuzusehen, wie 14 Idioten auf Besen ein paar Bällen nach flogen könnte ja ganz amüsant werden, und Slytherin gegen Gryffindor hieß immer eine Menge dreckiger Fouls, eine wütende Madame Hooch und eine vor Zorn bebende Slytherin-Mannschaft, wenn sie trotz allem doch verloren. Jaah, amüsant.
Während sie so nachdachte, ob Quidditch ihre Laune wirklich bessern konnte, fragte sie sich, ob sie sich vielleicht gegen bessere Laune sträubte –
Quidditch war bisher immer interessant, nervenaufreibend und eine gute Abwechslung gewesen… und das allein schon beim Zuschauen. Von ihrer eigen Sturheit und Verweigerung der guten Laune angewidert seufzte sie.
Schlurfend stieg sie die Wendeltreppe in den Gemeinschaftsraum hinab, als sie schon die Stimmen Rons und Harrys hören konnte. Vorsichtshalber setzte sie ein zufriedenes Lächeln auf.
„… wie ich dir schon gesagt habe – hör auf dir Sorgen zu machen, sie ist halt grad in so 'ner schwierigen Phase." Das war Harry. Hermines Ohren zuckten leicht – das klang ganz so, als würden sie über den vorigen Abend reden – und über Hermines Wutausbruch. Peinlich.
„Hmm…", machte Rons Stimme, „Jah… jah, du hast wohl Recht…"
‚Lass dir nichts anmerken – du hast die beiden nicht belauscht. Du kommst grade die Treppe runter', machte Hermine sich selbst klar, um nicht wieder irgendwelche Blicke oder Verdächtigungen oder gar merkwürdige Fragen auf sich zu ziehen.
Sie hüpfte die beiden letzten Stufen auf einmal runter, lächelte die beiden, die sie nun perplex anstarrten, an und fragte fröhlich: „Guten Morgen – worüber redet ihr denn gerade?" „Männersachen", antwortete Ron knapp. „Quidditch", ergänzte Harry.
‚Sie lügen mich auch an – also ist es okay', dachte Hermine selbstzufrieden, während ein kleines, verzweifeltes Stimmchen, dass es satt hatte, ständig überhört zu werden, ganz, ganz hinten in ihrem Kopf, verstaubend zwischen Aktenschränken voller Wissen, kreischte: „Ja, aber sie stehen auch nicht auf den meistgehassten Lehrer und den Erzfeind ihrer Freunde, oder?!" Hermine ignorierte diese Stimme gekonnt.
„Lass uns frühstücken gehen", schlug Ron vor, Harry und Hermine nickten zustimmend. Wie sie so zu dritt durch die Korridore runter zur Großen Halle liefen, erinnerte Hermine an ihre Zeiten als junge, neugierige Erst- und Zweitklässler… Die Portraits, die Geister, die Rüstungen, alles so neu und aufregend – selbst wenn man alles aus den Büchern gekannt hatte, es selbst zu erleben war um Längen besser gewesen. Die Erinnerungen an ihre Anfangsjahre in Hogwarts schienen unglaublich weit entfernt. Jetzt wurden ihre Gedanken von ganz anderen Problemen beherrscht.
Sie schluckte diesen bitteren Gedanken einfach runter – auch wenn er einen widerlichen Nachgeschmack hatte.
Als sie schließlich am Gryffindortisch in der großen Halle saßen, wurde Hermine auch hier unweigerlich an schon vor langer Zeit Geschehenes erinnert. Harrys erstes Quidditichmatch… das gegen Slytherin. Genau wie heute. Damals war Snape zu Harry, Ron und ihr gekommen, um Harry aufzuziehen und ein klein wenig Angst einzujagen.
Heute… kam er nicht vorbei. Und dafür dankte Hermine sämtlichen vorigen Schulleitern, die sie anscheinend vergötterte. Sie würde ihm schon früh genug gegenüber stehen müssen… und bis dahin wollte sie ihn dann aber auch absolut nicht sehen.
Entzugsgebundene Schocktherapie. Sie würde sich die restliche Zeit von ihm fern halten und dann – BAM. Der Sprung ins kalte Wasser. Eine ganze Stunde mit ihm. Eine Stunde in einem kleinen Raum, nur sie und er. Schocktherapie. Ein perfekter Plan – das redete sie sich zumindest ein. Und wenn es auch gar nicht zu Hermine passte…. Dieses Schönreden half ihr doch, die Zeit bis zur Nachhilfestunde zu überstehen.
Schon eine Stunde später saß Hermine zwischen Neville und Lavender Brown auf eine der Tribünen beim Quidditchfeld. Ron und Harry hatten sich beide in ihre Quidditchuniformen geworfen und bestiegen gerade ihre Besen. Für einen Moment glaubte Hermine zu erkennen, wie Ron in ihre Richtung starrte. Das war an sich ja nichts Ungewöhnliches, aber… na ja.
Im nächsten Moment schon stiegen sie in die Lüfte, wie kleine rote Vögel, die sich nicht um einen Wurm, sondern um einen Ball stritten – und zwar mit etwas größeren, bulligen, hässlichen grünen Vögeln. Ron schwebte sofort zu seinem Platz als Torhüter und bewachte die drei goldenen Ringe, während Harry hoch über alle Anderen schwebte, in der Hoffnung den Schnatz zu erspähen.
Hermines Augen folgten zunächst nur Harrys Bewegungen, dann denen des Quaffels. Von einem Ende des Feldes zum Anderen, von Gryffindor zu Slytherin, von Slytherin zurück zu in den Besitz der Gryffindors… etliche Pässe, dann endlich mal ein Tor für die Gryffindors. Auch wenn sie sich nicht so wie früher dafür begeistern konnte, war es doch eine willkommene Abwechslung. Denn irgendwie war es doch ganz nett anzusehen, wie die Slytherins Madame Hooch durch dreckige Fouls in Rage versetzten. Mit hochrotem Kopf und wild gestikulierend brüllte sie auf die Slytherins ein, die nur wenig schuldbewusst aussahen.
Sie erinnerten Hermine ganz stark an ihren Hauslehrer… Sie schüttelte diesen Gedanken ab und starrte noch zwei Stunden auf das Quidditchfeld, bis Harry endlich den Schnatz fing. Vielleicht war es auch nur eine halbe Stunde, doch Hermine kam es ziemlich endlos vor. Gryffindor gewann 180 zu 60, alle freuten sich, rote Banner wurden gehisst und Fahnen geschwenkt, die Slytherins sahen eher unglücklich und aufgebracht aus. Neville hüpfte freudig neben Hermine auf und ab und wiederholte sämtliche Details des Spiels, die ihn beeindruckt hatten… und das waren so gut wie alle.
Wenig später waren Harry und Ron umgezogen und trafen auf die bereits am Quidditchfeldeingang wartende Hermine, die mit den Füßen im Boden rumscharrte.
„Hey Hermiiiii~iiine!", rief Ron und rannte auf sie zu, „hast du gesehen wie ich den Quaffel, den dieser Riesengorilla geworfen hat, gefangen habe?"
„Jaah?", antwortete Hermine und lächelte.
„Und dann das andere Mal, als ich…" Und so fuhr Ron fort und berichtete von seinen Heldentaten, während sie langsam zum Schloss gingen. Harry schmunzelte an manchen Stellen, hielt sich aber schweigend zurück, und überließ es Hermine die Interessierte zu spielen, was sich in ständigem Nicken und Nachfragen äußerte.
Als sie wieder im Schloss waren, war Ron immer noch damit beschäftigt, heftig gestikulierend das Quidditchspiel zu schildern. Zweimal hätte er fast einen Mitschüler getroffen oder ein Bild von der Wand gerissen, aber auch das konnte ihn nicht aufhalten. Lediglich als sie durch das Porträt der fetten Dame stiegen hielt er kurz inne, aus Angst, sich eventuell noch selbst zu verletzen. Hermine war zum ersten mal seit langem wieder aufrichtig amüsiert. Wie einfach es doch war, zu lachen, dachte sie und schämte sich mal wieder für ihre eigenen unberechtigten Depressionen.
Im Gryffindorgemeinschaftsraum wartete schon eine Horde rotgekleideter Schüler mit wehenden fahnen und geöffneten Butterbieren. Fröhlich grölend zogen sie ihre persönlichen Helden, Ron und vor allem Harry, in ihre Mitte und bejubelten sie. Sofort wurden ihnen ihre eigenen Flaschen in die Hand gedrückt, ihre Schultern wurden geklopft und Hände geschüttelt. Es war eine ausgelassene Stimmung. Hermine lächelte, als auch sie sich dem heiteren Treiben hingab. Mit Butterbier und lauter Menschen, die sie umgaben und alle durcheinander redeten.
