Kapitel 8: Catelyn I
„Loslassen kostet weniger Kraft als festhalten. Und dennoch ist es schwerer." (Autor unbekannt)
Winterfell, 296 n. A. E.
Catelyn war unglücklich, als sie ihren Sohn beobachtete, wie er ein Buch las. Zwar hatte Maester Luwin ihr gesagt, es war ein Wunder, wie schnell Rickon das lesen gelernt hatte und das in einem so jungen Alter, aber für sie war es nur ein Schritt weiter, den sich ihr Junge von ihr entfernte.
Es war nicht nur allein Rickon, sondern alle ihre Kinder. In der letzten Zeit hatten alle sich einen Schritt von ihr entfernt und sie konnte nicht sagen, wie es dazu gekommen war. Sie konnte einfach nicht den Finger auf den Zeitpunkt legen und sagen, wann die Veränderung geschehen war. Es entglitt ihr alles.
Rickon, ihr süße kleiner Junge, der gerade einmal vier Jahre alt war, schien sie nicht mehr zu brauchen. Auf einmal zog er sich allein an, er wusch sich selbst und er aß ordentlich. Er las jetzt und wollte seine Zeit mit seinen Geschwistern verbringen. Auf einmal rief er nicht mehr nach ihr und suchte sie ständig. Er lief in eine andere Richtung und blickte nicht mehr auf sie zurück. Als wüsste er nicht, dass er sich immer auf sie verlassen konnte.
Brandon, ihr süßer kleiner Bran, dagegen verbrachte seine Zeit meist nur noch in der Bibliothek oder mit reiten. Immer noch kletterte er auf Türme und Mauern, um stundenlang zu verschwinden. Sie wusste nie wirklich sicher, wo er sich aufhielt. Er schien so klug geworden zu sein. Und er schien einfach alles zu wissen. Aber er schien auch keine Freude mehr zu haben. Er war so ausdruckslos geworden.
Arya war wie immer, nur noch schlimmer. Sie tauchte gar nicht mehr zu ihrem Unterricht bei Septa Mordane auf und konnte nie gefunden werden. Nachdem sie sich die Haare geschnitten hatte, lief sie jetzt in Hosen herum und mit einem Schwert am Gürtel. Jedes Gespräch zwischen ihnen schien zu einem Streit zu werden und Arya scheute sich nicht davor zu schreien. Am vorherigen Tag wollte Catelyn darauf bestehen, dass Arya zu ihrem Unterricht ging, aber sie hatte nur geschrien, dass sie ihren blöden Göttern nicht folgte und niemals eine Dame sein würde.
Mit Sansa war es nicht besser, auch sie kam nicht mehr zum Unterricht, da sie glaubte bereits alles zu wissen und etwas anderes lernen wollte. Catelyn wusste nicht, womit sich ihre Tochter beschäftigte, aber sie las viel und verbrachte noch mehr Zeit im Wald. Auch schien ihre Tochter sie zu meiden und bemühte sich höflich zu sein, aber widersprach ihr auch häufig. Sie trat für Arya und Jon ein und hatte Catelyn gesagt, dass sie die beiden akzeptieren musste und in Ruhe lassen sollte. Vorher war Sansa eine kleine Version von ihr gewesen, doch jetzt war sie ein völlig anderer Mensch. Catelyn erkannte ihr kleines Mädchen nicht wieder.
Auch nicht Robb. Obwohl dieser noch am freundlichsten zu ihr war, wenn auch distanziert. Robb verbrachte jetzt mehr Zeit mit Jon, als mit Theon. Die beiden waren ständig unterwegs und schienen immer etwas zu tun zu haben. Robb schien auf einmal erwachsen geworden zu sein. Er machte keine Albernheiten mehr und spielte seinen Geschwistern keine Streiche mehr. Sein Blick war so weit entfernt und er fragte nicht mehr nach ihrem Rat. Er ging auch nicht mehr mit ihr in die Septe. Nicht einmal aus Höflichkeit. Wie alle anderen seiner Geschwister betete er nur noch im Götterhain.
Der Bastard ihres Mannes war noch ernster und grüblerischer. Ihre Kinder schienen ihn noch mehr zu lieben, als vorher. Und Theon… Sie wusste nicht was der Junge den ganzen Tag machte. Auch er hing über Bücher und tat… was auch immer. Keine Albernheiten mehr, keine Besuche im Bordell der Stadt, keine unangenehmen Scherze mehr, keine Ausflüge in den Wald mit Robb und Jon. Er schien komplett verändert. Wie alle.
Es war als entglitten ihr ihre Kinder. Sie verstand sie nicht mehr und es gab eine Barriere zwischen ihnen, die sie nicht überwinden konnte.
„Ich geh raus", sagte Rickon und legte sein Buch weg. „Wohin willst du?", fragte Catelyn sofort. Ihr Sohn hatte vor ein paar Wochen nie irgendwo ohne sie hingehen wollen. Er hatte immer gefragt, ob sie zusammen rausgehen konnten.
„Zu Arya", antwortete Rickon. „Sie hat versprochen mit mir zu spielen. Ich will nicht zu spät sein."
Damit lief er nach draußen und Catelyn sah ihn erstaunt nach. Ihr kleiner vierjähriger Junge sprach viel zu erwachsen. Seine Sprache hatte sich auf einmal so enorm verbessert und sein Charakter hatte sich so schnell entwickelt. Er verbrachte mittlerweile auch sehr viel Zeit mit Arya, die ihn vorher immer als Baby bezeichnet hatte und nie etwas mit ihm zu tun haben wollte.
Traurig schüttelte sie den Kopf. All das riss an ihrem Herzen und keiner schien sie zu verstehen. Ned hatte zwar zugestimmt, dass er auch die Veränderungen ihrer Kinder bemerkt hatte, aber er schien sich nicht annähernd so viele Sorgen zu machen. Er sagte nichts gegen Aryas Frisur und hatte nur nachdenklich die Stirn gerunzelt, als sie ihm erzählt hatte, dass Arya jetzt ein scharfes Schwert mit sich herum trug. Ned befürwortete natürlich die Freundschaft zwischen Jon und Sansa, das wusste sie ohne sich noch ein zweites Mal darüber zu beschweren.
Dennoch schlug sie den Weg zu seinem Solar auf, in der Hoffnung ein paar ihrer Sorgen loszuwerden. Es wäre gut mit jemand darüber zu sprechen. Rickons Veränderungen waren am auffälligsten und ungewöhnlichsten. Er war noch so jung und benahm sich bereits wie ein kleiner Erwachsener.
Kurz klopfte sie, bevor sie eintrat. Ned war mit seinen Papieren beschäftigt. Sie wusste, dass es die Aufgabe war, die er am wenigsten mochte. Besonders Briefe lesen und beantworten mochte er nicht, obwohl er unglaublich viel Geduld hatte, sodass man ihn das gar nicht anmerkte. Er erledigte immer alle seiner Aufgaben voller Pflichtgefühl.
„Ned", forderte sie seine Aufmerksamkeit. „Ich möchte mit dir über Rickon sprechen."
Verwirrt sah Ned auf. „Was gibt es? Hat Rickon etwas Neues gelernt? Maester Luwin sagt er sei ein Genie, so schnell wie er lesen, schreiben und rechnen gelernt hat." Ein Genie, vielleicht.
„Genau das ist es, Ned", sagte Catelyn ihm und setzte sich hin. Auf einem der beiden Stühle vor seinem Schreibtisch. „Er lernt zu schnell. Selbst für ein Genie. Auf einmal ist nichts kindisches mehr an ihn. Er kann sich allein waschen, anziehen, sogar alleine beschäftigen. Das klingt dumm. Ich weiß. Aber er will alles alleine machen und er kann es alleine tun. Er spielt mit seinen Geschwister und ist auf einmal erwachsen genug, dass sie ihn akzeptieren. Rickon hat sich so schnell verändert, als wäre er nicht mehr er. Als wäre nicht mehr unser kleiner Junge. Oder ein anderer. Auf einmal ist er kein Kind mehr."
Nicht mehr ihr Sohn, ihr kleiner Junge.
Nachdenklich sah Ned sie an und sie fügte hinzu: „Arya und Rickon verbringen jetzt sehr viel Zeit zusammen. Ich weiß nicht was sie machen. Rickon sagt, sie spielen zusammen. Aber er hat ganz viele blaue Flecke und Schrammen. Arya ist wild. Was ist wenn sie ihn verletzt und ihn zu gefährlichen Orten mitnimmt?"
Neds Augen verengten sich und plötzlich stand er auf. „Es gibt etwas, das ich überprüfen muss. Ich glaube zumindest, das ich weiß, was Arya und Rickon tun." Er wusste es?
Aufgeregt stand Catelyn auf und wollte mit ihren Mann gehen. „Was tun sie? Ned, sag mir was hier vor sich geht!" „Sie trainieren Catelyn", antwortete Ned ihr. „Die beiden üben Schwertkampf. Bitte bleib hier. Ich werde mit den beiden sprechen." Damit ging ihr Mann und Catelyn blieb frustriert zurück.
Catelyn wollte auch mit ihrer Tochter sprechen. Wie konnte Arya das nur tun? Sie brachte Rickon in Gefahr! Arya wusste genau, dass sie nicht mit Schwertern spielen sollte und dann zog sie auch noch ihren kleinen Jungen da mit hinein. Es war unverantwortlich. Wie konnte Arya es nur riskieren sie beide so zu verletzen?
Schon wieder hatte Catelyn das Gefühl ihre Kinder nicht mehr zu verstehen. Sie hatte gedacht, dass sie ihnen Verantwortung beigebracht hatte. Aber sie hatte versagt. Arya kümmerte sich schon lange nicht mehr darum, was sie sagte. Sie musste die schlechteste Mutter sein, die es gab.
Ihre Septa hatte ihr alles beigebracht und sie hatte immer aufmerksam zugehört. Doch nichts schien auf ihre wilden Kinder anwendbar zu sein. Ihre Töchter wollten keine feinen Damen werden und ihr Söhne keine Ritter. Keiner ihrer Kinder wollte noch mit ihr in die Septe gehen. Mit jedem Tag fühlte sich Catelyn überflüssiger. Es war ein altbekanntes Gefühl. Hier in Winterfell fühlte sie sich wie eine Fremde. Nach all den Jahren noch immer. Aber jetzt fühlte sie sich auch von ihren Kindern ausgeschlossen. Als wäre sie auch ihnen fremd. Und sie sahen sie so an. Ihre Kinder sahen sie so an, als würde es Catelyn sein, die nichts verstand.
