Erebor 3022: Cursebearer – Die letzten Schatten Morguls

Von summerald – übersetzt aus dem Englischen von jessie152


Disclaimer: ''Der Hobbit'' und ''Der Herr der Ringe'' als auch sämtliche Figuren darin sind Eigentum von Tolkien Estate und Wingnut Films. Diese Geschichten dienen ausschließlich der Unterhaltung und weder der Autor noch der Übersetzer profitieren in irgend einer Weise davon oder erheben irgendwelche Ansprüche auf ''Der Hobbit'' oder ''Der Herr der Ringe''.


A/N: Dieses Kapitel ist wegen moderater sexueller Färbung in der Kategorie M eingestuft.


Kapitel 8

Zum großen Glück für Kíli und Nÿr fanden sie neben dem Pfad eine alte Wachstube, die nicht weit bergab vom Ort des Steinschlages in die Felswand gehauen war. Sie hinterließen eine Reihe von Steinen, um den Weg zu ihrem Unterschlupf zu markieren, dann führte Kíli sie ins Innere. Der Eingangshalle fehlte die Tür, aber der kleine, leere innere Raum war zumindest vor dem eisigen Wind geschützt.

In der Halle fanden sie eine Metallkiste mit Signalfackeln, nicht zu alt, und Kíli entzündete eine mit seinem Feuerstein.

Zusammen konnten sie sich einen guten Überblick über die hintere Kammer verschaffen. Abgesehen von etwas Staub, ein paar Felstrümmern und einigen seltsam aufgeschichteten Steinen, vermutlich einer Feuerstelle, war sie recht sauber und trocken.

Es würde allerdings außerordentlich kalt werden, und Feuerholz war nirgends zu entdecken.

''Ich frage mich, ob es hier eine geheime Tür gibt,'' sagte Kíli. Er hielt die Fackel empor und fuhr suchend mit der Hand über den kalten Stein der Wand. ''Vielleicht gibt es einen Weg hinein.'' Er wollte nach Skirfir sehen, dann seinem Bruder Bericht erstatten und den Saboteur in ihrer Mitte möglichst noch vor Sonnenaufgang erwischen.

Nÿr zog einen Handschuh aus und ließ ihre Fingerspitzen über den Fels gleiten. ''Keine Fugen,'' sagte sie nachdenklich. Und keiner von ihnen konnte die Art von dekorativen Ornamenten entdecken, die oftmals einen Riegel verbargen.

''Nur glatte, massive Wände,'' sagte Kíli. ''Ich schätze, wir sitzen hier fest,'' seine Schultern sackten entmutigt herab. Jegliche Hoffnung, die Gejagten rasch zu schnappen, war somit dahin, während draußen der Sturm unvermindert weiter tobte. ''Ich hoffe, Skirf hat's geschafft und ist in Ordnung.''

Nÿr warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. ''Ich bin ganz sicher, dass sie es geschafft haben, ihn nach drinnen und zur Krankenhalle zu bringen. Sein Bein wird heilen — es war ein glatter Bruch. Er ist in einem weitaus besseren Zustand als die anderen.''

Kíli nickte. ''Danke, dass Ihr ihnen geholfen habt,'' sagte er ruhig und steckte die Fackel in einen metallenen Halter an der Wand.

Sie neigte einmal den Kopf zur Erwiderung und akzeptierte den Dank.

''Wisst Ihr, ich habe Euch schon lange bevor wir einander auf der Feier vorgestellt wurden bemerkt…'' sagte er, und begann das Notfallbündel auszupacken. ''Ich…'' er hielt inne und lächelte in der Hoffnung, ihr die Befangenheit zu nehmen. Er sah auf, erkannte, wie sie ganz leicht errötete und zog rasch den Kopf ein.

Um seine Verlegenheit zu verbergen, zog er ein Päckchen getrocknete Früchte und Dörrfleisch aus dem Notfallbündel und gab es ihr. Sie sah ihn mit großen Augen an.

''Lasst uns das einfach auspacken und sehen, was wir haben…'' wechselte er das Thema. Dankenswerterweise überwanden sie den peinlichen Moment, indem sie gemeinsam das Bündel durchsahen. Sie fanden gefütterte Decken, einen kleinen Wasserkessel, mehrere Metallbecher und einen derben Sack, gefüllt mit behandeltem Holz, getränkt mit langbrennendem Öl.

''Mein Herr, hinkt Ihr?'' fragte Nÿr. Sie war augenblicklich sehr besorgt, als sie bemerkte, dass er sein rechtes Bein schonte, während er das Holz zu einer freien Stelle trug und ablegte.

''Es ist nichts.'' Kíli versuchte zu lächeln, als er seinen Schwertgurt öffnete und die Waffe in Griffweite legte, bevor er sich bückte, um Feuer zu machen. ''Alte Verletzung. Macht sich bei Kälte manchmal bemerkbar.''

Sie sah skeptisch aus. ''Ich habe meinen Arzneibeutel dabei,'' sagte sie und deutete auf die lederne Tasche, die über ihre Schulter ging. ''Lasst es mich wissen, wenn ihr etwas braucht…''

''Danke,'' antwortete Kíli, aber er wandte sich ab. Er war sich ziemlich sicher, dass nichts aus ihrem Beutel ihm helfen würde. Scheinverletzung hatte es der alte Óin genannt, nachdem einmal klar geworden war, dass die Auswirkungen des Morgul-Giftes ihn jedes Jahr wieder heimsuchen würden. In manchen Jahren schmerzte die Narbe kaum. In anderen Jahren warf sie ihn nieder, mit einem heftigen Rückfall von hohem Fieber und brennenden Schmerzen… und quälenden Albträumen, beherrscht von einer düsteren Präsenz, die ihn verspottete und peinigte.

Er versuchte, nicht daran zu denken. Er versuchte sich einzureden, dass nun, da der Dunkle Herrscher aus Mordor verschwunden war, die Wunde ihre Macht verloren hatte, dass ein leichter Schmerz alles war, was ihm bevorstand.

Es ist vorbei, sagte er zu sich selbst. Aus und vorbei.

Und er versuchte, sich nicht an jene letzten paar Jahre zu erinnern, bevor der Eine Ring zerstört wurde. So wie der Dunkle Herrscher an Macht gewonnen hatte, so hatte auch die Wunde mehr und mehr Macht über ihn erlangt. Sie hatte ihn krank gemacht, ohne dass er sich wirklich erholen konnte, ein ständiges Unwohlsein, welches ihn lähmte. Hilflos hatte er sich kaum einen Schritt von Erebor entfernen können, während andere Zwerge — Zwerge wie sein Cousin Gimli — frei waren, durch Mittelerde zu reisen und ihren Teil beizutragen für den Kampf der freien Völker um Mittelerde.

Er wurde aus seinen düsteren Gedanken gerissen, als Nÿr den Kessel nahm und nach draußen ging, um ihn mit Schnee zu füllen. Kíli schüttelte seine Besorgnis ab und beschäftigte sich damit, einen flachen Stein ins Feuer zu legen, auf den sie den Kessel stellen konnten.

Und dann, wie es Zwerge generell in Überlebenssituationen taten, wickelten sie sich in die gefütterten Decken, rückten eng zusammen und wärmten einander.

Sie aßen ihre getrockneten Rationen und lauschten dem Heulen des Sturms.

''Ist Euch klar, dass uns das ewig nachhängen wird,'' erklärte Kíli, während er langsam eine Handvoll getrockneter Früchte kaute. ''Ein Bursche und ein Mädel suchen über Nacht Schutz vor dem Schnee. Merkwürdige Entschuldigung dafür, die ganzen Feierlichkeiten drinnen zu verpassen.'' Er sagte es, um ihrer beider Stimmung etwas aufzumuntern.

Nÿr jedoch antwortete nicht und sah ihn auch nicht an.

''Es tut mir Leid. Ich sollte keine Witze machen,'' sagte er ein wenig betreten. ''Ihr müsst einen Ehemann haben, der sich Sorgen macht.''

''Nein. Ihr?''

Kíli lachte. ''Nur meinen Bruder.''

Ein schelmisches Lächeln umspielte ihre Lippen. ''Es gibt jede Menge Geschichten über Euch beide, wisst Ihr.''

Kíli grinste. ''Wie könnt Ihr wissen, dass sie nicht alle wahr sind?'' neckte er sie.

Sie grinste zurück und zog ihre Decke enger um ihre Schultern. ''Oh, das ist ganz und gar nicht meine Angelegenheit, mein Herr.''

''Kíli,'' sagte er. ''Da wir beide hier unter uns sind, denke ich wirklich nicht, dass der Titel notwendig ist. Er ist nur zur Schau, wisst Ihr. Die Leute mögen es, ihn zu benutzen, also lass' ich sie. Doch wirklich, ich bin nur ein einfacher Kerl aus den Ered Luin.''

''Aus Khelethur?'' fragte sie und klang ein wenig wehmütig, als sie den Namen der wichtigsten Siedlung der Blauen Berge aussprach. ''Ich habe gerade fünf Jahre dort verbracht. Es ist ein wunderschöner Ort.''

''Das ist es, wo ich aufgewachsen bin,'' erklärte Kíli. Und während das Feuer hell brannte, tauschten die beiden ihre Erfahrungen und Erinnerungen über die Niederlassung in den Ered Luin aus. Sie genossen die unbefangene und lockere Unterhaltung, bis Nÿr zu gähnen anfing.

''Es war ein ziemlich langer Tag'', stelle Kíli fest. ''Wir sollten versuchen zu schlafen.'' Er sah in Richtung der dunklen Eingangshalle, vor der der Sturm ohne nachzulassen toste. Schnee und Eis wirbelte in den offenen vorderen Bereich. ''Ich bin dafür, dass wir darauf verzichten, Wache zu halten. Ich habe keine Ahnung, wer bei so einem Wetter draußen unterwegs sein sollte.''

Sie stimmte zu. Rücken an Rücken, um einander Deckung zu geben, ließen sie sich in den Schlaf gleiten, die Decken bis unters Kinn gezogen.

Einige Zeit später erwachte Kíli, ihm war seine leicht von Schweiß bedeckt Stirn ebenso gewahr, wie auch der dumpfe, anhaltende Schmerz in seinem Bein. Er änderte die Lage seines Beins. Nÿr neben ihm zitterte.

''Hey,'' stieß er sie leise an. ''Ihr seid doch völlig durchgefroren, wenn Ihr so zittert.'' Nicht nur Besorgnis klang in seiner tiefen, leisen Stimme.

Sie rieb sich verschlafen das Gesicht und beugte sich vor, um das kleine Feuer zu schüren. Es flackerte auf, aber ohne mehr Brennstoff würde es nicht viel mehr Wärme spenden.

''Kommt her,'' sagte er und öffnete seine Arme für sie. Sie setzte sich auf, rückte zu ihm und er legte seine Arme um sie, hielt sie und drückte sie sanft gegen seine Brust, so dass sie ganz von seiner Wärme umgeben war.

Sie sagte nichts, aber nach einigen Minuten hörte sie auf zu zittern.

''Besser?''

''Danke,'' sagte sie leise und etwas zaghaft.

Kíli war jetzt beinahe zu heiß.

''Ihr müsst das nicht tun,'' fügte sie hinzu.

''Euch warm halten?''

''Ihr versteht schon. Ich bin nicht wirklich jemand, mit dem sich ein Prinz abgeben sollte.''

''Wieso nicht?''

''Ich habe… in unangemessener Weise einige Grenzen überschritten…''

Kíli runzelte die Stirn. ''So? Ich überschreite Grenzen so oft ich kann…'' Er fing leise an zu lachen, dann wurde ihm bewusst, dass sie todernst war. ''Verzeiht mir,'' sagte er und ahnte, was ihr Problem war. ''Unangemessen, wie? Erzählt mir davon,'' drängte er behutsam.

''Ich… ich kann nicht, es tut mir Leid.''

''Mir auch.'' Für einen Moment sagte er nichts weiter. Wie sollte er eine Freundschaft aufbauen, wenn sie sich weigerte, sich ihm anzuvertrauen? Als er den Kopf wieder hob, sah er auf ihren wunderschönen einzelnen langen Zopf, rabenschwarz und voller Glanz, der in sanften Wellen von ihrem Hinterkopf herab über seinen Arm floss. Das zusammengebundene Ende lag gleich neben seiner Hand, und ganz unwillkürlich nahm er es behutsam zwischen zwei Finger, seidig und weich. Dann entschied er sich, etwas zu riskieren. ''Wie wäre es damit: Ich erzähle Euch von der schlimmsten Grenze, die ich übertreten habe, und wenn Ihr denkt, ihr könnt die Geschichte übertreffen, könnt ihr mir Eure erzählen.''

Ihr Blick war zweifelnd. Er fuhr fort.

''Einmal, während der Reise, bevor der Drache erschlagen wurde... wurden wir von den Elben im Düsterwald gefangen genommen.''

''Die Geschichte habe ich gehört,'' nickte sie.

''Ja gut, hier kommt der Teil, den ihr, wie ich vermute, nicht gehört habt. Ich habe mich absolut lächerlicherweise verliebt.''

''Verliebt?''

''In einen Elb.''

Ihre Augenbrauen schossen nach oben. ''Ein Elbenmädchen?''

Er lächelte ''Eine Kriegerin, ja. Ihr Name war Tauriel, eine Waldelbe. Haar wie Feuer. Und gekämpft hat sie, wie ich es noch nie bei jemandem zuvor gesehen hatte. Messer, Pfeil und Bogen, alles gleichzeitig.'' Er schüttelte den Kopf, in der Erinnerung an ihre Geschicklichkeit. ''Hat mich vor einer Meute Spinnen gerettet und das war's. Ich war total vernarrt.'' Er schmunzelte vor sich hin, bei dem Gedanken an jene Zeit.

''Hat Euer Onkel das gewusst?'' Sie flüsterte kaum.

Kíli zuckte nur mit den Schultern ''War mir egal. Aber mein Bruder hat's gewusst. Hat versucht, mir Vernunft in den Schädel zu hämmern, dann hat er es einfach aufgegeben. Er hat eingelenkt und sich mit ihr abgefunden.''

''Ein Elbenmädchen zu bewundern ist doch kein Verbrechen.''

''Es… war wohl ein bisschen weiter gegangen sein als das,'' räumte er ein.

Sie zuckte nicht. Sie sah auch nicht schockiert aus. ''Was ist passiert?''

''Ich hab' sie geküsst…'' gestand er. ''Naja, es war eher, dass sie mich geküsst hat… irgendwie. Ich hab' mitgemacht. Es fühlte sich in dem Moment einfach richtig an.'' Er versuchte, seine Verlegenheit zu verbergen. Doch dann wurden seine Gesichtszüge ganz ernst. ''Und am nächsten Tag… der Drache. Sie… sie ist gefallen.''

Er hörte, wie ihr ein kleines, traurigen Oh entwich. ''Das tut mir Leid,'' sagte sie.

''Das war vor langer Zeit,'' antwortete er und versuchte, nicht zu verbittert zu klingen. Nach einem Moment sah er auf und zwang sich, zu lächeln. ''Ihr seid dran,'' forderte er sie auf und hoffte, dass sie sich entscheiden würde, sich ihm anzuvertrauen.

Sie nickte, überlegte einen Moment und setzte sich ein wenig zurück. ''Ein Mensch.''

''Ein… Mensch?'' er versuchte einen ganz unvoreingenommenen Eindruck zu machen, so als würde er zum ersten Mal davon hören.

''Ein Mann aus Thal. Ich wuchs bei meiner Adoptivmutter auf…'' Sie hielt einen Moment inne und sprach dann weiter. ''Ich habe ihn da getroffen. Es war schön, mit ihm befreundet zu sein. Auf eine Art und Weise war ich von ihm fasziniert. Er hat mich zum Reiten auf den großen Kurierpferden mitgenommen…'' Sie blinzelte, ganz offensichtlich hatte sie ihn bewundert. Doch dann breitete sich Ernüchterung auf ihrem Gesicht aus. ''Doch während ich dachte, wir wären einfach nur Freunde, stellte er sich wohl etwas mehr vor, so behauptete er jedenfalls.'' Sie runzelte die Stirn, als ob sie sich an etwas erinnerte, was sie damals nicht hatte begreifen können. ''Er wollte, dass ich mit ihm weggehe.'' Sie sah Kíli an. ''Ich war noch nicht mal erwachsen… ich habe versucht, ihm das zu erklären…''

''Wie alt wart Ihr?'' fragte Kíli leise.

''Gerade mal in meinen Sechzigern,'' gab sie zu.

Nicht viel älter als Fíli's ältester Sohn, erkannte Kíli. Alt genug, eine Lehre zu beginnen, aber nicht alt genug, um alleine zu leben. Wenn sie ein Pflegekind gewesen war, hatte sie wahrscheinlich auch keine richtige Familie mehr gehabt, die sie beschützen konnte.

''In einer Nacht hat er mich in der Schänke meiner Pflegemutter in die Enge getrieben. Er bestand darauf, dass wir gehen. Ich habe ihn zurückgewiesen. Danach war er nicht mehr so nett zu mir… drohte mir schlimme Dinge an. Ich konnte ihm gerade noch entwischen.''

Kíli lauschte nur.

''Aber was danach kam, war noch viel schlimmer. Er hat mich nicht mehr in Ruhe gelassen, indem er Gerüchte über mich verbreitete… behauptete, ich hätte gewisse Dinge getan, aber das stimmte gar nicht…'' Da war er, ein flüchtiger, finsterer Blick.

''Oh nein…'' seufzte Kíli voller Mitgefühl, seine Hand berührte ganz unwillkürlich die ihre.

''Ich war jung, ich dachte, es wäre mein Fehler. Aber…'' sie schüttelte den Kopf bei der Erinnerung. ''Die Leute glaubten die Gerüchte — Zwerge und Menschen gleichermaßen. Es gab Redereien. Selbst Freunde schlugen mir die Tür vor der Nase zu.'' Ihr Gesicht war voller Ärger. ''Nicht, dass ich so viele hatte.'' Sie verbarg ihr Gesicht mit ihren Händen, dann ließ sie sie herab sinken und seufzte zutiefst. ''Diese Ablehnung war einfach zu viel. Ich konnte nicht bleiben.''

Kíli war still. Während ihre Erlebnisse sicherlich viel schlimmer waren als das, was ihm widerfahren war – tief in seinem Herzen wusste er, dass es ihm und Tauriel genauso ergangen wäre, wenn sie noch an Leben gewesen wäre und vielleicht mehr aus ihrer gegenseitigen Schwärmerei geworden wäre, viel mehr… Niemand hätte so eine Liebe gebilligt. Man hätte sich von ihnen abgewandt, es hätte Gerede gegeben. Sei Onkel… Thorin hätte…

Er wollte gar nicht daran denken. Am Ende, all das Chaos, die gewaltige Schlacht, der tragische Tod seines Onkels, all das hatte alles überschattet… und später hatte Fíli die Angelegenheit für Tabu erklärt.

Die Elben allerdings hatten danach für viele Jahre ihren Groll gehegt. Tauriel war eine Art Pflegekind von König Thranduil persönlich gewesen.

''Wo ist er jetzt?'' Fragte Kíli. ''Der Mann aus Thal.''

''Er ist schon lange tot. Eine Auseinandersetzung in der Stadt, nicht lange nachdem das alles passiert war.'' Sie starrte ins Feuer.

''Es tut mir Leid, dass das alles passiert ist,'' flüsterte Kíli, und er meinte das ganz ehrlich. Er nahm ihre Hand und während er dies tat, wurde ihm bewusst, dass die gemischten Gefühle, die er ihr gegenüber empfunden hatte, verschwunden waren. Sie beide hatten in der Tat etwas sehr Reales gemeinsam: Zuneigungen, die sie jemandem in ihrer Jugend entgegengebracht hatten… Entscheidungen, die sie getroffen hatten, die auch nach all der Zeit immer noch weh taten.

Sie sah traurig aus, er strich ihr behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht und drückte sie ein wenig enger an sich. ''Gerade neulich hat mich mein Bruder daran erinnert, damit aufzuhören, die Vergangenheit zu bedauern, und stattdessen im Hier und Jetzt zu leben.''

''Könnt Ihr das?''

''Ich habe versprochen, es zu versuchen.'' Der unerklärliche Drang, ihr Ohr zu küssen war wieder da.

''Könnt ihr sie vergessen?''

''Ja und nein. Ich bin älter, und hoffentlich etwas weiser. Ich habe meinen Frieden mit der Geschichte gemacht. Und Ihr?''

''Ich bin nicht mehr die selbe Person.'' Sie schüttelte den Kopf. ''Doch wenn irgendwelche Damen versuchen, mich mit ihren Söhnen oder Cousins zu verkuppeln, möchte ich mich am liebsten verstecken. Wenn sie das jemals herausfinden würden, wenn diese Gerüchte jemals wieder hochkommen… sie würden das mit Sicherheit missbilligen.''

''Aber das ist gut.'' Kíli lächelte.

''Gut?''

''Ja, für mich. Ich missbillige es nicht. Außerdem, ich habe mich wie verrückt in ein Elbenmädchen verliebte, wer bin ich denn, über jemand anderen zu urteilen.''

Sie schwieg.

''Stört Euch das?'' fragte er.

Sie lachte leise. ''Nein, es stört mich nicht. Es zeigt, dass Ihr ein offenes Herz habt.'' Sie drückte seine Hand zur Bestärkung.

''Hab' ich das?'' Er grinste. ''Wenn das so ist, war das so ziemlich das einzige Mal, dass es sich gezeigt hat.''

''So ziemlich? Gab es noch eine?''

''Eine Bogenschützin, ihr Name war Jô, das war vor langen Jahren. Ich verlor sie im Kampf…'' Er hielt inne, unfähig weiter zu sprechen. Er hatte nicht gedacht, dass es ihnen ernst gewesen war… bis sie fort war und er wieder allein. ''Was ist mit Euch?''

Sie rückte herum, um ihn anzusehen. ''Egil. Einer der anderen Lehrlinge. Ich habe ihn auch mehr oder weniger im Kampf verloren, könnte man sagen.''

Kíli riss die Augen auf.

Sie lächelte schüchtern. ''Nicht auf die Art. An ein anderes Mädchen. Sie hat ihn auserwählt und er hat akzeptiert.'' Da war er wieder, der flüchtige, finstere Blick, gefolgt von einem wehmütigen. ''Sie sind jetzt weggezogen, in die Eisenberge. Zumindest wie ich zuletzt gehört habe.'' Sie drückte wieder seine Hand. ''Ist schon zehn Jahre her.''

Kíli sah ihre Hand an, und ein warmes Lächeln umspielte seine Lippen. Er bemerkte, dass er die eisige Kälte im Raum gar nicht mehr fühlte, oder gar die erdrückende Schwere in seinen Gliedern.

''Wisst Ihr, es ist sehr lange her, seit ich so eine ungezwungene, angenehme Unterhaltung mit einem Mädchen hatte.'' Er versuchte einen verliebten Ausdruck in seinem Blick zu unterdrücken, als er sie ansah.

Ihr Blick traf seinen. Sie sah skeptisch aus.

''Einfach jemanden zu haben, mit dem ich zusammen sitzen kann, nun, zusammen mit Euch… das ist schön. Es gefällt mir…'' Doch dann fühlte er sich wieder unbehaglich und eine seltsame Leere breitete sich jäh in ihm aus, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass sie mehr verdient hatte. Warum hatte niemand sonst gesehen, wie bewundernswert sie war… so hingebungsvoll, und doch so allein?

''Vielleicht sollten wir beide Fílis Rat folgen,'' flüsterte er.

''Und wie?'' Ihr Tonfall war sanft.

''Aufzuhören, die Vergangenheit zu bereuen und im Hier und Jetzt zu leben…'' Sie sahen einander an. Und während der Wind draußen weiter stürmte, verschwand die Skepsis aus ihren Augen, so als ob sie sich das vorstellen konnte.

Dann riskierte er noch einmal etwas und drückte ihr rasch einen Kuss auf ihren Mund. Nur einen einfachen, sanften, sehr zarten Kuss…

Für einen endlosen Moment sagte sie nichts, und er fragte sich, was sie jetzt wohl denken mochte, dieses unabhängige Mädel, das so ein starkes Pflichtbewusstsein hatte.

Bitte, bat er innerlich, ganz plötzlich voller Angst, ob er viel zu überstürzt gehandelt hatte. Bitte, wendet Euch nicht ab. Er biss sich auf die Lippe und wappnete sich für ihre nächsten Worte. Er sah auf ihre Hand, die er in seiner hielt, und ganz langsam verwob er seine Finger mit ihren. Es gefiel ihm, ihre Hand in seiner – er spürte, wie er hoffte… doch Zweifel nagten an seinem Inneren. Er sah auf, sah mit seinen großen Augen in ihre.

Doch dann hob sie ihre andere Hand und legte sie auf seine Wange, beugte sich zu ihm und erwiderte den Kuss. Sein ganzer Körper schien zu vor Aufregung zu vibrieren bei der leichten Sanftheit ihrer Berührung, er schmolz beinahe davon.

Ja!

Und es war, als würde ein Damm brechen. Eines führte zum Anderen, Küsse, Hände die zärtlich des anderen Gesicht und Schultern berührten, Lippen , die sanft über Kehlen strichen. Mäntel wurden abgeschüttelt, ihre Hände öffneten sein Hemd und ihr zarter Mund auf seinem Schlüsselbein brachte jegliches Denken in seinem Kopf zum Stillstand.

Sie waren ein bisschen unbeholfen, da sie einander so fremd waren, doch das hielt sie nicht zurück. Er hätte sofort aufgehört, hätte sie ihn darum gebeten… doch Mahal, sie tat es nicht.

Sie atmete scharf ein, als ein Schwall eisiger Luft beinahe ihr kleines Feuer löschte, und Kíli fühlte es auch — der Schauder des eiskalten Windstoßes brachte ihn wieder ein wenig zur Besinnung. Abwehrend zog er die Decke um sie beide.

"Nÿr…" flüsterte er. Er sah sie an, in dem weichen, flackernden Schein des Feuers, doch er konnte kaum denken. Es war, als würde er gefangen sein, feststecken am Grunde der tiefsten Mine und er sah die einzige Person, die fähig war, ihn ins Licht zurück zu bringen.

Sie antwortete nicht. Doch ihre Augen — ihre wunderschönen, glänzenden Augen wurden ganz sanft, ihre Hände glitten zart seine Schultern hinauf und ihr Körper suchte seine Nähe.

Mahal. Ihre Lippen fanden seine, und sie wagten sich weiter voran, behutsam und scheu, bis er vollkommen versunken war, versunken in ihrem Duft, ihrer Wärme, ihrer Liebe…

Es war das Innigste, was er je in seinem Leben gefühlt hatte, voller Verlangen und Zärtlichkeit, und so viel Leidenschaft… Es war eindeutig, es war nicht das erste Mal, für jeden von ihnen beiden, und dennoch, es war allzu schnell vorbei. Am Ende keuchte sie und klammerte sich an seine Arme, während er wieder zu Atem kam. Noch immer gefangen in einer Flut von Gefühlen küsste er ihren Hals gleich unter dem Ohr und versuchte seine Gedanken zu ordnen, das auf lodernde Verlangen, ihr sie für immer zu beschützen … sie hauchte seinen Namen… Kíli… und nahm sein Gesicht in ihre Hände. Und er wünschte, er brauchte… und er erkannte ihre Zustimmung.

''Würde das nicht gut sein…?'' fragte er leise, seine Stimme war heiser und tief. Es war das, was Burschen zu sagen pflegten, um die Dame des Herzens wissen zu lassen, dass sie ihre Wahl willkommen heißen würden, hätte sie den Wunsch, sie auszusprechen.

Die Zeit schien still zu stehen für einen langen Moment, in dem sich ihre Hände fest umschlossen und sie einfach nur des anderen Stirn mit der eigenen berührten.

Sie schloss ihre Augen und flüsterte, ''Ja…''

Er ließ sich neben sie gleiten und lag nahe bei ihr, Haut an Haut, seine offene Hand neben ihrer, gleich dort, falls sie sie wollte.

Sie wollte. Sie nahm seine Hand und legte ihre Wange in seine Handfläche. Sie wussten es beide, ohne es aussprechen zu müssen, dass sie zusammen gehörten.

Das ist richtig, Kíli spürte es tief in seiner Seele. Mahal, das ist endlich richtig.

Langsam schlummerten sie ein, eng aneinander gekuschelt, halb trunken von neu entdeckter Verbundenheit und behaglich in des anderen Wärme.

Draußen tobte weiter der Sturm, und in Kílis Körper entbrannte das Fieber, egal wie sehr er auch gedacht hatte, es in Schach halten zu können.

In der Kälte des sehr frühen Morgens verlor er den Kampf und erwachte. Er schrie auf vor qualvollem Schmerz, sein rechtes Bein krampfte und brannte wie Feuer. In seinem Kopf hämmerte es.

Nÿr war auf der Stelle hellwach. Ihre Hände waren auf seiner Stirn und ihre Augen zeigten ihren Schrecken.

''Kíli,'' keuchte sie und versuchte ihn zu beruhigen. Sie rappelte sich auf, um die Decken zurück zu schlagen und sah auf die brennende, böse Vernarbung auf seinem Oberschenkel, gleich über dem Knie. Ihr geschulter Blick als Heiler sagte ihr, dies war keine normale Wunde.

''Was brauchst du…?'' rief sie, ganz ratlos und halb in Panik. ''Was kann ich tun?''

Doch Kíli konnte es nicht sagen. Er konnte nicht denken durch den blutroten Nebel von lähmender Pein.


...

AN: Mahal's Segen wünschen Summer, Jessie und Tallboy ;-)