Die gute alte Schulzeit
Gespannt begab sich der ganze Orden am nächsten Tag zum Gerichtsgebäude, um Michelles erstem Auftritt als Mitglied des Gerichts beizuwohnen. Im Saal war es wieder mal voll bis auf den letzten Platz. Der Einzelprozess gegen Snape hatte sich zu DEM Ereignis entwickelt, das man nicht verpassen durfte.
Mit dem Eintreten des Gerichts wurde auch der Käfig des Angeklagten aus dem Boden gefahren. Michelle saß links vom Gericht und war somit von allen am nächsten an dem ehemaligen Lehrer dran.
„Sie ist nervös.", murmelte Moody, nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten.
„Sind wir das nicht alle mal?", fragte Tonks.
„Schon, aber sie darf sich jetzt nicht beirren lassen.", antwortete der alte Auror. „Sonst war der Kampf, den sie dafür ausgefochten hat, umsonst."
Zu einer Erwiderung kam es nicht mehr, denn der Vorsitzende erhob die Stimme.
„Professor Snape, nach der letzten doch recht abrupten Unterbrechung der Verhandlung..."
Der Ankläger schnaubte abfällig, doch der Richter ließ sich nicht irritieren.
„...wollen wir heute fortsetzen. Das Prozedere dürfte Ihnen ja noch bekannt sein. Sie müssen nichts sagen, doch sie haben jederzeit die Möglichkeit, Stellung zu nehmen."
Snape sah ihn mit einem geradezu frechen Desinteresse an, sodass der Richter erneut ansetzte.
„Da Sie – wie Sie deutlich angezeigt haben – nicht über Ihr Elternhaus und ihre Kindheit dort sprechen wollen, möchte ich jetzt – auf Anraten von Miss Clarkson, die dem Gericht inzwischen beigetreten ist – über Ihre Schulzeit in Hogwarts sprechen. Möchten Sie dazu etwas sagen?"
„Ich denke, ich sollte da nicht so egoistisch sein.", antwortete der Angeklagte mit gefährlich glatter Stimme und ließ seinen Blick zur Tribüne des Ordens wandern, auf der auch die Lehrerschaft von Hogwarts Platz genommen hatte. „Ich bin sicher, die Herrschaften brennen darauf, sich hier mit einer Aussage zu profilieren."
Peinlich berührt sahen Minerva McGonagall und Kollegen weg. Sie wussten, worauf ihr ehemaliger Kollege hinauswollte: Horace Slughorn hatte per Tagesprophet schon in Welt gekräht, dass die Lehrer von Hogwarts dafür sorgen würden, dass dieser „Schandfleck" ihrer Zunft zur Verantwortung gezogen würde. Doch der ganze Auftritt war ihnen mehr als peinlich.
„Ihre ehemaligen Kollegen – sofern sie damals schon Ihre Lehrer waren – sind zunächst als Zeugen nicht vorgesehen.", erklärte der Richter. „Es geht auch weniger um Ihre Leistungen als eher um Ihr persönliches Umfeld dort. Sie müssen ja spätestens dort den Kontakt zu Ihrem späteren Meister beziehungsweise dessen Organisation gefunden haben."
Den Richter völlig ignorierend blickte Snape an die Wand hinter Michelle und der neben ihr sitzenden Richterin.
„Sie möchten dazu also nichts sagen?", wiederholte der Richter seine Frage, wurde jedoch erneut nicht mit einer Antwort belohnt. „Wie Sie wollen. Dann wird das gestern entkodierte Erinnerungsstück als Beweis in Augenschein genommen."
Er nickte dem Beamten zu, der für das „Abspielen" der Erinnerungsstücke verantwortlich war und dieser begann mit seiner Arbeit.
Der Erinnerungswirbel erhellte sich und gab den Blick auf die Ländereien von Hogwarts frei. Severus Snape saß in der Schuluniform der Slytherins und einem etwas zu großen Umhang unter einem großzügig schattenspendenden Baum und überprüfte anhand eines Buches Aufgaben. Die Schüler um sich herum nahm er anscheinend kaum wahr, denn er fuhr merklich zusammen, als ihm von hinten eine Hand auf die Schulter gelegt wurde.
„Hi Sev!", grüßte Lily ihn fröhlich und ließ sich neben ihn ins Gras fallen.
„Lily!"
Severus atmete kurz durch.
„Du hast mich erschreckt."
„Entschuldige, das wollte ich nicht! Ich hab dich nur gesucht, weil ich mich bei dir bedanken wollte."
„Wofür?", fragte Severus und sah von seinen Notizen auf. „Du hattest eben im Unterricht vollkommen Recht und darauf hab ich Professor Corsus nur hingewiesen."
„Ja, dafür auch!", erklärte Lily lächelnd. „Aber eigentlich eher für das Asyl, das dein Vater und du mir in den Ferien gewährt habt."
„Es hat dir gefallen?", fragte Severus etwas unsicher.
„Gefallen?"
Lily lachte.
„Es war wunderbar! Ich hab, seit meine Familie weiß, dass ich eine Hexe bin, nicht mehr so gelöst Spaß gehabt. Niemand, der einem Druck macht; niemand, der mit einem die neusten Geschehnisse der magischen Welt diskutieren will; einfach nur lockere Unterhaltungen! Und dein Vater ist super!"
„Naja..."
Severus senkte leicht errötet den Blick.
„Er ist ein bisschen rau und direkt, aber wenn man damit umgehen kann..."
„Ich finde ihn super! Jetzt versteh ich auch, warum du so große Stücke auf ihn hältst. Und ich konnte mal das wahre Gesicht von Severus Snape sehen."
Sie zwinkerte.
„Wie meinst du das?", fragte Severus und wirkte für den Bruchteil einer Sekunde erschrocken.
„Ich meine zum Beispiel, dass du so wahnsinnig gut kochen kannst. Oder dass du alte rumänische Schrift lesen kannst oder dich mit Tieren und Medizin so gut auskennst. Ich könnte ewig damit weitermachen! Du hast wahnsinnig viele Talente, Sev, du solltest sie nicht verstecken."
„Naja, wenn du meinst..."
Wieder senkte Severus den Blick auf seine Aufzeichnungen. Diesmal schien es jedoch so, als würde er sein Gesicht vor Lily verbergen wollen. Ob sie dies gemerkt hatte oder nicht, würde wohl nie jemand erfahren, denn in diesem Moment legte sich ein weiterer Schatten als der des Baumes über sie. Beide blickten auf und sahen James Potter und Sirius Black vor sich stehen – gefolgt von der Nachhut Remus Lupin und Peter Pettigrew.
„Du solltest aufpassen.", riet James Potter in höhnischem Ton Lily und beachtete Severus gar nicht. „Wer weiß, was du dir von so einem holen kannst! Läuse, Ausschlag oder Schlimmeres, wenn er dich mit der Nase erwischt."
Peter und Sirius lachten und auch die Miene von James verriet, dass er mit seinem ‚Witz' sehr zufrieden war.
„Halt die Klappe, Potter!", rief Lily wütend und baute sich vor James auf. „DU hast keine Ahnung und ICH kann meine Zeit verbringen mit wem ich will. Klar?"
„Ho, ho! Immer locker!", mischte sich nun Sirius ein. „Du weißt schon, dass er ein Slytherin ist? Die sind nicht sonderlich tolerant – gerade gegenüber Leuten wie dir, Evans."
„Nicht sonderlich tolerant, soso.", fauchte Lily. „Dann wärt ihr da wohl besser aufgehoben mit eurer Engstirnigkeit."
James gab eine kurze Schnappatmung von sich – mit diesem Widerstand eines Mädchens aus seinem eigenen Haus schien er nicht gerechnet zu haben. Deshalb wanderte sein Blick zu Severus, der völlig unbeeindruckt dieser Beleidigungen gegen sich dasaß und seine Aufgaben weiter überprüfte.
„Und du, Snivellus?", fragte er wieder in seinem überheblichen Tonfall. „Willst du nichts dazu sagen?"
„Zu dir gibt es nichts zu sagen, Potter.", antwortete er ohne den Gryffindor anzusehen und beinahe ohne sich anmerken zu lassen, wie sehr ihm dieser Spitzname zuwider war.
„Ach, dazu gibt's nichts zu sagen?", blaffte Sirius und baute sich neben Severus auf. „Gibt's denn was dazu zu sagen, dass du dich von einem Mädchen verteidigen lassen musst?"
„Wenn du aufgepasst hättest, Black, wäre dir aufgefallen, dass ich darum nicht gebeten habe."
„Sev, du musst dir das nicht gefallen lassen!", protestierte Lily.
„Ja genau!", rief James und riss Severus sein Buch weg. „Wehr dich doch mal, du Feigling!"
Severus sah James mit schmalen, gefährlich blitzenden Augen an.
„Gib – mir – das – Buch – wieder – Potter."
„Na – hein!", äffte James Severus' Aussprache nach.
Dann grinste er.
„Ein Mann würde es sich holen. Aber meiner Ansicht nach bist du eh nur ein feiges Mädchen."
Die nächsten Ereignisse geschahen in rasender Geschwindigkeit. Ehe noch irgendein Beteiligter reagieren konnte, war Severus aufgesprungen, hatte mit der Faust ausgeholt und James ins Gesicht geschlagen. Der Gryffindor-Sucher taumelte zurück, ließ dabei das Buch fallen und fasste sich nur fassungslos an die blutende Lippe. Sirius, Remus und Peter standen mit entsetzten Gesichtern um James herum, nur Lily brachte ein schockiertes „Severus!" heraus.
„Das sollte dich eines lehren.", zischte Severus und in seinen Augen stand pure Wut. „Nenn – mich – nie – wieder – Mädchen. Klar?"
„Lehren?", fragte James und auch sein Gesicht verzog sich nach dem anfänglichen Schock zu einer wütenden Grimasse. „Ich geb dir gleich lehren!"
Damit ging er auf Severus los und versuchte nun seinerseits den Slytherin zu treffen. Doch seine Schläge gingen immer wieder daneben, wohingegen der Faustschlag von Severus in den Magen des Gryffindors saß.
„Versuch nicht, einem Slum-Kind ne Schlägerei beizubringen!", fauchte Severus und machte sich für die nächste Attacke des Gryffindors bereit, doch der Angriff kam von hinten.
Sirius Black hatte hinter ihm Stellung bezogen und ihn mit einem Spruch plötzlich kopfüber in die Luft befördert.
„Lass mich runter, du Dreckskerl!", fluchte Severus und wollte nach seinem Zauberstab greifen, als James ihn mit einem Klammerfluch belegte.
„Jetzt wollen wir doch mal schauen, was das ist."
Mit einem dreckigen Grinsen ging James an der immer noch schockerstarrten Lily vorbei und hob Severus Pergamente auf.
„Aha, die Hausaufgaben für die nächste Stunde! Was denkst du?", fragte er und hielt Sirius die Blätter lesbar hin.
„Na, ich würde sagen, da stecken ein paar Stunden Abendarbeit drin.", grinste dieser zurück, da er augenscheinlich genau wusste, was sein bester Freund vorhatte.
„Tja, zu schade, dass du sie noch mal wirst machen müssen.", erklärte James, warf die Rollen hoch und traf jede mit einem Feuerfluch, sodass sie brennend in den See segelten.
Tränen der Wut und Verzweiflung standen Severus in den Augen, denn augenscheinlich hatte es wirklich viel Zeit gekostet, diese Ausführungen anzufertigen. Doch gerade diese Tränen schienen James zu reizen.
„Schau dir das an, Tatze! Jetzt weint er auch noch wie ein Mädchen."
Gerade wollten die beiden Gryffindors über ihren gelungenen Scherz lachen, als scharfe Fingernägel James über die Wange fuhren.
„Was zum...?"
Durch Sirius' Unaufmerksamkeit löste sich der Schwebespruch und Severus landete recht unsanft auf dem Boden.
„Wie hat er das trotz Klammerfluch geschafft?", fragte Sirius verwirrt.
„Ist mir egal!", knurrte James. „Jetzt ist er fällig!"
Doch bevor sich der Gryffindor erneut auf den vor Wut bebenden Slytherin stürzen konnte, erschien die riesige Gestalt von Hagrid auf der Bildfläche.
„Was'n hier los?", fragte der Wildhüter und sah die Jungs an.
„Nichts.", antwortete James. „Typischer Slytherin-Ärger halt."
Damit verließ er mit seinen drei Freunden die Bildfläche.
„Stimmt das?", fragte Hagrid die beiden übrigen.
„Ja.", antwortete Severus zu Lilys Überraschung. „Typischer Ärger halt."
Daraufhin ließ er Lily und den Wildhüter stehen, um die Überreste seiner Aufgaben aus dem See zu fischen.
Zurück im Saal richteten sich die Blicke auf Snape, der in seinem Käfig bis aufs Äußerste angespannt war. Michelle spürte zwar diese Aggressivität, doch sie bemerkte auch, dass das Gericht mit dieser Passage nicht direkt etwas anzufangen wusste. Also bediente sie sich ihres Fragerechts.
„Professor Snape," sprach sie ihn an, „wir kennen und zwar bereits, trotzdem möchte ich mich noch einmal vorstellen: Mein Name ist Michelle Clarkson, ich bin Psychoanalytikerin und als solche in diesem Gericht zuständig. Ich würde gerne mit Ihnen über das gerade Gesehene reden."
„Da gibt es nichts zu reden.", presste Snape zwischen den Zähnen hervor.
„Das denke ich schon.", entgegnete Michelle. „In dem, was wir da gerade gesehen haben, ist Ihnen ohne jeglichen erkennbaren Grund von zwei Mitschülern Gewalt angetan worden."
„Und?"
„Ich würde gerne erfahren, wie es weitergegangen ist. Haben Sie die beiden Schüler gemeldet?"
Snape lachte verächtlich auf.
„Melden? Bei wem denn? Haben Sie eine Ahnung, wer das war? Das waren James The-One-And-Only Potter und sein bester Freund Sirius Auf-Mich-Hat-Die-Welt-Gewartet Black. Regel Nummer 1: Die schwärzt man nicht an. Regel Nummer 2: Tut man es doch, hat man mindestens ein Problem mehr. Regel Nummer 3: Da sie immer ihren auch dort gesehenen Anhang dabei haben, hätten sie definitiv immer jemanden gehabt, der bestätigt, dass sie dort, wo was passiert ist, NIEMALS gewesen sein können."
Ein gefährliches Funkeln traf Remus Lupin, der daraufhin schuldbewusst den Kopf senkte.
„Hey!"
Harry stieß ihn an.
„Lass mich bitte, Harry.", murmelte Remus. „Egal was Severus auch getan hat, deswegen bin ich trotzdem alles andere als stolz auf mein damaliges Verhalten."
„Und Regel Nummer 4: Es wird dir keiner glauben. Die Aussage eines Slytherin, der ja automatisch schon mit einer lügenden Zunge auf die Welt gekommen ist, gegen die Worte der Lieblinge der Schule. Kein Lehrer wäre bereit gewesen, die Richtigkeit meiner Behauptung auch nur in Erwägung zu ziehen – ganz zu schweigen vom Mut dazu."
Wieder ging ein verächtlicher Blick zu den Ex-Kollegen.
„Aber was war mit Lily Evans?", hakte Michelle nach. „Sie war eine Gryffindor, allem Anschein nach eine gute bis sehr gute Schülerin. Und Sie schienen befreundet zu sein. Warum haben Sie sie nicht um Unterstützung gebeten?"
„Ich brauche keine Hilfe!", fauchte Snape überraschend aggressiv. „Ich habe nie Hilfe gebraucht. Ich hab meine Sachen immer alleine geschafft."
„Das habe ich gesehen.", stieg Michelle darauf ein. „Die Kraft, mit der Sie Sich aus dem Klammerfluch befreit haben, war bemerkenswert. Woher haben Sie diese Kraft genommen?"
„Das geht Sie nichts an!", zischte Snape, fügte aber mit hinterlistiger Stimme hinzu: „Sie sollten Sich lieber Gedanken machen, was ich mit dieser Kraft noch anstellen könnte..."
