Kapitel 8

„Was haben Sie erwartet, Granger? Dass Sie von einem tödlichen Fluch getroffen werden, sobald wir das Anwesen betreten?"

Es war unglaublich, seine Stimme konnte zur selben Zeit sowohl entnervt, als auch amüsiert klingen. Sie ging auf seine Worte nicht ein.
Natürlich hatte sie den Atem angehalten, als sie das Tor zum Anwesen durchquert hatte. Natürlich hatte sie befürchtet von einem Bann oder gar Fluch getroffen zu werden. Man setzte schließlich nicht jeden Tag den Fuß auf den Grund und Boden von Voldemort.

„Voldemort ist tot, Miss Granger.
Jeglicher Zauber, den er zu Lebzeiten auf dieses Anwesen gelegt hat, hat keinerlei Wirkung mehr, denn der, den Sie schützen sollten, existiert nicht mehr."

Sie konnte kaum glauben, dass es derselbe Snape war, der sie eben noch angeschnarrt hatte. Die Stimme war in jedem Fall eine andere. Er war stehen geblieben. Als sie sich zu ihm umwandte, sah sie, dass sein Blick auf ihr ruhte. Er schien etwas zu erwarten. Erst als sie nickte, als Zeichen, dass seine Worte zu ihr durchgedrungen waren, dass sie sie auch glaubte, ging er weiter.

Das Anwesen der Riddles.
Sie war wenig begeistert von der Idee gewesen, hier her zu kommen, in der Dunkelheit. Zumal sie noch nicht einmal wusste, was sie hier taten. Sie folgte Snape vollkommen blind. Was immer er auch vorhatte, sie würde später nicht leugnen können, dass sie ihn dabei unterstützt hatte.
Bei diesem Gedanken lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter.
Nein, sie musste damit aufhören.
All die Jahre hatte sie Harry überzeugen wollen, dass Snape kein Verräter war und nun da es bewiesen war, da Harry selbst seinen Namen reingewaschen hatte, sollte sie nicht an ihm Zweifeln. Sie würde ihn später Fragen können, was er hier gewollt hatte. Vielleicht würde er ihr sogar antworten.
Vielleicht.
Inzwischen waren sie am Haus angekommen.
Wie man es erwarten konnte, war die Eingangstür verschlossen.
Gerade als Hermine sie mit einem Alohomora öffnen wollte, unterbrach Snape sie.

„Es gibt sicherlich einfachere Wege, dass Ministerium zu alarmieren, Miss Granger."

Verwirrt schaute sie in sein Gesicht. Die Härte war in seine Stimme zurückgekehrt, was sie enorm verunsicherte.

„Sagen Sie nicht, Sie wüssten nicht was ich meine..."

Sagte er gereizt.
Auf ihr Nicken hin, fuhr er mit seiner rechten Hand zu seinem Gesicht, massierte sich unter einem tiefen Atemzug die Nasenwurzel.

„Die Banne Voldemorts brauchen Sie nicht fürchten, aber was glauben Sie, was geschieht, wenn Sie das Haus dieses Massenmörders ohne weitere Vorkehrung betreten?"

Sie schluckte hart.
Natürlich. Sie könnte genauso gut ein Todesser sein, der versucht diese potentielle Kultstätte zu betreten. Das Ministerium wartete sicherlich nur darauf, dass jemand diese Tür öffnete. Snape musste sie für eine Vollidiotin halten.
Er schob sie beiseite und zückte seinen eigenen Zauberstab.
Die Tür öffnete sich nach wenigen Sekunden, ohne dass sie auch nur eine Ahnung hatte, wie er die Schutz- und Alarmzauber umgangen hatte. Das befürchtete Plopp von aufgeschreckten Ministeriumsmitarbeitern blieb aus.

Das war es also. Das Haus in dem Voldemort seinen Vater und seine Großeltern ermordet hatte. Das Haus in dem er mit Pettigrews Hilfe seine Rückkehr vorbereitet hatte.
Es wirkte überraschend unscheinbar.
Es roch muffig, wie man es nach jahrelangem Leerstand nur erwarten konnte. Die Dielen unter ihren Füßen knarrten laut bei jedem Schritt, das Echo schien durch das gesamte Haus zu wallen. Snape hatte einen Lumos gesprochen, welcher die kleinen Staubwölkchen beleuchtete, die zu ihren Füßen aufstiegen.
Nein, das Haus allein wirkte nicht beängstigend. Doch das Wissen um das, was hier geschehen war, konnte sie einfach nicht vergessen.
Sie versuchte sich in vorsichtigen, kleinen Schritten, so unauffällig wie möglich, näher an Snape heran zu tasten.
Als sie glaubte, es sei ihr gelungen, als sie sich förmlich hinter ihn gedrängt hatte, quittierte er diese Bemühungen mit einem amüsiert klingenden

„Granger..."

Es war ihr in diesem Moment allerdings ziemlich egal, was er von ihr dachte.
Sie hätte diesen Ort nicht betreten sollen, dass konnte sie deutlich spüren. Er sollte ihr dankbar sein, dass sie ihn begleitet hatte. Auch wenn sie bisher nicht wusste, warum er das überhaupt so widerspruchslos zugelassen hatte. Vielleicht erwog er es inzwischen tatsächlich, sie in sein Vorhaben einzuweihen.
Vielleicht.
Oder er sah dies als eine gute Gelegenheit an, sie für ihre Aufdringlichkeit zu bestrafen.
Er hatte sicherlich die Spuren des feinen Entsetzens auf ihrem Gesicht erkannt, als er ihre Frage beantwortet hatte, wo er denn hingehen wollte, zu dieser späten und vor allem dunklen Stunde. Sie hatte es natürlich geahnt, eigentlich gewusst, schon in dem Moment, als sie in diesen Ort apperiert waren. Doch wissen und tun waren selbstverständlich zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Doch trotz ihrer zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr zu ignorierenden Furcht, hatte sie angeboten ihn zu begleiten. Und er hatte ohne Widerspruch eingewilligt.
Es konnte nur eine Strafe sein.
Er führte sie zielsicher den Flur entlang und schließlich durch die letzte Tür links des Ganges, in einen großen Raum. Den Salon. Augenblicklich wurde ihr übel.
Hier war es also geschehen.
Der Raum war noch komplett möbliert. Den Mittelpunkt bildete eine schwere Sitzgruppe. Drei große, elegante Sofas.
Sie konnte sie förmlich vor sich sehen, die Riddles. Hier hatten sie sicherlich einen gemütlichen Abend verbracht. Bis er gekommen war. Sie konnte nur hoffen, dass sie alle gestorben waren, bevor sie überhaupt wussten was mit ihnen geschah.
Die Furcht und der Ekel wirkten immer stärker auf Hermine, ihr Herz schien sich förmlich zusammen zu ziehen, immer mehr grausame Vorstellungen wirbelten durch ihren Kopf.
Sie wünschte sich sehnlichst eine Ablenkung, die sie von diesen düsteren Gedanken fort bringen würde. Da Snape die einzig mögliche Quelle für eine solche Ablenkung war, sprach sie ihn an. Die Furcht vor einem bissigen Kommentar war weit weniger gering, als die Furcht vor ihrer Phantasie.

„Woher... Wieso kennen Sie sich hier so gut aus, Sir?"

Fragte sie vorsichtig.
Er drehte sich zu ihr um, musterte sie. Da sie selbst durch das Licht seines Zauberstabs geblendet wurde, konnte sie sein Gesicht nicht erkennen. Doch sie war sich sicher, dass mindestens eine seiner Augenbrauen in die Höhe gewandert war.

„Auf Grund der gleichen Tatsache, mit der ich die Tür unbemerkt öffnen konnte."

Sagte er mit einem gelangweilten Tonfall.

„Und dieser Grund ist?"

Sie hörte ihn tief Luft holen. Doch er griff sie nicht mit einem bissigen Kommentar an, so wie sie es eigentlich erwartet hatte, sondern antwortete ihr zu ihrer großen Überraschung.

„Voldemort nutzte diesen Ort für einige Treffen der Todesser, kurz nach seiner Rückkehr. Das Ministerium hatte das Gebäude damals schon versiegelt, auch wenn die offizielle Meinung noch das Verneinen seiner Rückkehr war.
Er fand es wohl... amüsant, seine Zusammenkünfte direkt unter der Nase des Ministeriums abzuhalten.
Als ich den Bann überprüft habe, habe ich festgestellt, dass es noch immer derselbe ist wie vor drei Jahren. Sie werden mir sicherlich zustimmen, dass das äußerst nachlässig ist."

Sie unterbrach ihn.

„Soll das heißen, dass jeder Todesser dieses Haus betreten könnte?"

Seine schonungslos direkte Antwort darauf ließ sie hart schlucken.

„Ja, genau das heißt es.
Vielleicht verstehen Sie meinen Wunsch, Hogwarts allein zu verlassen ja nun etwas besser?"

Sie nickte, obwohl er sich bereits wieder von ihr abgewandt hatte.
Ja sie verstand es nun deutlich besser. Dennoch, sie hatte sich für diesen Weg entschieden. Bereuen konnte sie später. Sie sollte sich nützlich machen.

„Was genau tun wir hier?"

Fragte sie vorsichtig.

Ich suche etwas."

Entgegnete er bissig.

„Und was suchen Sie?"

Und wieder ein tiefer Atemzug. Sie konnte nur erahnen wie sehr ihre Anwesenheit ihn störte. Vermutlich bereute er inzwischen das von ihm selbst gewählte Strafmaß.
Ein Schmunzeln stahl sich bei diesem Gedanken auf ihr Gesicht und sie war froh, dass er ihr im Moment den Rücken zukehrte.

„Werden Sie mir die Worte - Ich weiß es selbst nicht so genau - glauben?"

Noch ehe sie wirklich darüber nachgedacht hatte, war die Antwort schon formuliert.

„Nein."

Ein schnaubendes Geräusch war von ihm zu hören. Wäre es nicht Snape, mit dem sie sich in diesem Raum befand, sie würde schwören, es hätte sich um ein unterdrücktes Lachen gehandelt.

„Ich weiß es tatsächlich nicht. Schauen Sie nach etwas, dass ihnen ungewöhnlich erscheint."

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen.
So benutzte sie ihren Zauberstab, der bisher mehr oder weniger nutzlos in ihrer Hand gelegen hatte und sprach ihrerseits ein Lumos.
Die folgenden Minuten verstrichen in einer nutzlosen Suche.
Sie tastete selbst den Kaminsims ab, um sicher zu gehen, dass nicht etwas getarntes darauf abgestellt war. Außer zu sehr staubigen Händen führte dies allerdings zu nichts. Auch die Suche unter dem dicken Teppich blieb ergebnislos.
Mit Licht fand sie nichts, einer Eingebung folgend löschte sie ihren Zauberstab mit einem 'Nox'.
Sie hatte im letzten Jahr so viel Zeit mit suchen verbracht, das sie wohl ein Gespür dafür entwickelt hatte. Ihr Blick tastete den Raum erneut ab.
Sie drehte sich um sich selbst und nahm sie ein schwaches Flimmern wahr.

„Da ist etwas."

Sagte sie.
Während sie versucht war, die Quelle für diesen wortwörtlichen Lichtblick ausfindig zu machen, trat Snape an sie heran.

„Was haben Sie?"

Fragte er in einem neutralen Ton.
Sie zögerte und zweifelte einen Moment an sich selbst. Doch dann fand sie es.
Ein schwaches, silbrig schimmerndes Flimmern, es drang aus dem Kamin.

„Sehen Sie das, beim Kamin?"

Er zögerte einen Moment, bis er ihre Frage verneinte.

„Aber schauen Sie doch, ich sehe es ganz deutlich."

Noch während sie sprach, schritt sie auf den Kamin zu, ging in die Hocke und streckte ihre Hand aus.
Das entsetzte

„Warten Sie, Granger!"

kam einen Sekundenbruchteil zu spät.
In dem Moment als ihre Finger in das Innere vordrangen, entzündeten sich grüne Flammen. Erschrocken wich sie zurück und plumpste dabei unelegant auf ihren Hintern. Doch dann wurde ihr bewusst, dass ihre Finger nicht schmerzten. Sie Flammen strahlten nicht einmal Wärme aus.
Sie wollte die Hand erneut ausstrecken, doch Snape, der inzwischen neben ihr hockte, verhinderte das.

„Lassen Sie das."

Das Licht, welches sein Gesicht beleuchtete, legte einen Anblick frei, den Hermine so noch nie gesehen hatte. Snape war besorgt, beunruhigt, wenn nicht sogar verängstigt.

„Die Flammen sind kalt..."

Versuchte sie zu erklären.
Snape ahmte ihre Bewegung nach, doch in dem Moment, als seine Finger die Flammen erreichten, verfärbten sie sich rot.
Er stieß einen unterdrückten Schrei aus und zog die Hand eng an seinen Körper.
Unter einigen keuchenden Lauten betrachtete er sie. Hermine konnte im inzwischen wieder grünen Licht keine Verletzung erkennen. Die Hand war weder rot, geschweige denn, dass sich Blasen bildeten.
Verwirrt blickte sie erneut in die Flammen. Sie waren wieder grün.
Vorsichtig streckte sie ihre Hand aus, tauchte sie ihn das magische Feuer ein.
Nichts geschah.

„Lassen Sie es, Granger..."

Zischte Snape. Sein Atem ging stoßweise, er schien starke Schmerzen zu haben.
Doch sie hörte nicht auf seine Worte. Sie streckte ihren Arm komplett hindurch, nichts geschah.
Mit einem beherzten Schritt im Entengang, trat sie gebückt durch das Feuer hindurch, ehe er sie aufhalten konnte. Ohne Probleme fand sie sich auf der anderen Seite des Feuers wieder.
Kühle Luft schlug ihr entgegen, ein leises Pfeifen des Windes hallte den Schornstein bis zu ihr hinab. Als sie sich umdrehte und aufrichte, stand sie der Ursache des Flimmerns gegenüber.
Sie schluckte schwer.
Auf einem Absatz einige Zentimeter über ihr stand ein steinernes Denkarium.

„Ich habe etwas gefunden."

Sagte sie triumphierend.

„Dann kommen Sie wieder raus, sofort."

Hörte sie Snape knurren.
Ein nicht sehr weit entferntes Piepen, unterstützte diese Aufforderung zusätzlich. Hermine legte nicht gerade gesteigerten Wert auf die Gesellschaft von Ratten.
Sie fasste mit der rechten Hand nach dem Steingefäß, um sehr schnell zu merken, dass sie wohl beide Hände brauchen würde. Dann trat sie erneut auf die Flammen zu.
Zu ihrem Entsetzten änderten sie erneut die Farbe.
Lodernd rot wurde es nun von den kahlen Wänden im Schacht des Kamins reflektiert.

„Was auch immer sie gefunden haben, stellen Sie es zurück."

Snapes Worte sickerten zäh in ihren Verstand.
Sie hatte Angst. Allzu deutlich konnte sie sich an seine Miene erinnern, nachdem er mit den Flammen in Berührung gekommen war. Sie glaubte kaum, dass sich dieser Mann von einem leichten Brenner aus der Fassung bringen ließ.
Sie stellte das Denkarium neben sich auf den Boden. Nichts geschah.
Auch nicht, als sie es zurück auf den Absatz stellte.

„Haben Sie mich nicht verstanden, Granger?"

Seine Stimme klang wütend.

„Doch. Aber es ändert sich nichts."

Nein, dass stimmte nicht.
Erst jetzt bemerkte Hermine die Hitze, die sich im Schacht ausbreitete. Ihre Wangen schienen bereits zu glühen.

„Es wird ziemlich heiß ihr drin."

Rief sie nach draußen. Sie hoffte, Snape würde wissen was zu tun war.
Er antwortete nicht sofort, es schienen Sekunden zu verstreichen, ehe endlich eine Antwort kam.

„Sehen Sie einen anderen Ausweg?"

Jetzt klang er besorgt. Da schlug sie zu, die Panik.
Hermine antwortete schrill

„Nein, es sei denn Sie mir eine sehr lange Leiter hier herein reichen..."

Sie war bereits an die Wand zurück gewichen. Doch vor der Hitze gab es kein Entkommen. Wo war nur der kühle Windzug geblieben? Mit jedem Atemzug, sog sie die Hitze in ihre Lungen. Nach wenigen weiteren Sekunden hatte sie das Gefühl zu ersticken.
Begleitet von einem lauten Poltern zog sie das Denkarium nun wieder von dem Sims, dann hockte sie sich hin.

„Warten Sie Granger, kommen Sie nicht heraus, ich versuche Ihnen zu helfen."

Erst jetzt erkannte sie Snapes Gestalt. Er stand nahe den Flammen, seinen Zauberstab gezückt. Scheinbar suchte er nach einem Zauber um das Feuer zu löschen.
Doch sie konnte nicht länger warten, es sei denn sie wollte ersticken.
Sie fand nicht den Mut einen Schritt zu tun, also ließ sie sich einfach mit Schwung nach vorn fallen.
Ein fataler Fehler, wie ihr sofort bewusst wurde.
Der Schrei den sie ausstieß konnte nicht annähernd ihre Schmerzen zum Ausdruck bringen. Sie hatte das Gefühl in Flammen zu stehen. Das unerträgliche Brennen zog sich durch ihren gesamten Körper, sie war blind vor Schmerz.
Stolpernd bewegte sie sich durch den Raum.
Ein Fenster, oder eine Tür...
Sie musste hinaus.
Der Schreck über Snapes Fluch, der sie im Rücken traf, währte nur kurz, dann fiel sie in eine angenehme Schwärze.