8.
Ich hatte nicht viel Zeit, nur etwas Aufschub, eine Gnadenfrist. Aus meinem Bürofenster sah ich, wie im letzten Licht des Tages der verletzte Mann in das Auto der SS verfrachtet wurde, welches dann in Windeseile abfuhr. Ein Mann blieb als Wache an der Straße zurück. Bald würde Landa mit neuen Leuten zurück sein.
Ich ging in mein zerwühltes Büro. Zum Glück waren sie auf der Suche nach einer Person und nicht nach Dokumenten gewesen. Bald hatte ich schon alles was ich brauchte: die Tasche mit den Wocheninnahmen und meine Notizen zum Fahrplan. In der Tasche waren etwa 560 Reichsmark. Das müsste genügen.
Ich lief weiter in mein Schlafzimmer, riss meinen Kleiderschrank auf und stellte grob zwei Wintergarderoben zusammen. Der Reisepass! Er war in meinem Nachtschränkchen. Ich warf alle benötigten Utensilien auf den Boden. Dann lief ich nach einem vorsichtigen Blick aus dem Fenster schnell zur Treppe zum Dachboden.
Ein schrecklicher Anblick: Blut auf dem Holz, an den Wänden. Einschusslöcher. Als hätte ein regelrechtes Massaker stattgefunden. „Emilie!", zischte ich laut. Ich traute mich nicht zu schreien.
„Vertrau mir! Komm!" Irgendetwas rührte sich dort oben und bald sah ich oben ihr
tränenverschmiertes Gesicht. „Schnell. Wir haben nicht viel Zeit, sie werden bald zurück sein!"
Emilie stieg langsam die Treppe hinab. Am Fuß angekommen fiel sie mir in die Arme. Ich drückte sie kurz und kräftig an mich und zog sie ins Schlafzimmer, wo ich anfing, meine Oberkleidung abzulegen. „Hier, zieh meine Sachen über. Die anderen Klamotten da müssen wir noch in die Reisetasche stecken." Hektisch griff ich mir neue Sachen aus meinem Schrank, während Emilie in meine schlüpfte.
Hinter der Tür an der Garderobe hing meine Handtasche. Ich kippte sie kurzer Hand auf den Boden aus, steckte dann den Pass in die Innenseite und wählte ein paar der Utensilien aus, die heraus gefallen waren: Lippenstift, ein Taschentuch, eine kleine Tabakdose. Irgendwo hatte ich doch noch mein Portemonnaie . . .
Ich fand es nicht, nur eine Brieftasche, die meinem Vater gehörte. Egal, die musste jetzt auch reichen. Ich steckte dort das gesamte Geld hinein. In der Zwischenzeit hatte Emilie ihre Sachen und die ausgewählte Kleidung in der Reisetasche verstaut. Wir hielten kurz inne und überlegten, ob wir nicht etwas vergessen hatten. Schnell trug Emilie noch etwas Make-up auf und ich gab ihr ein warmes Kopftuch. Sie hängte sich die Handtasche um und ich nahm die Reisetasche.
„Es geht los . . .", ich zeigte ihr meinen Notizzettel mit dem Streckenverlauf: „Um 22 Uhr fährt ein Nachtzug von Dortmund über Duisburg nach Antwerpen. Den können wir kriegen."
Wir warfen uns Wintermäntel über und ich setzte mir noch einen etwas ungeliebten Hut auf, aber es war kalt draußen und etwas Tarnung konnte nicht schaden. Bevor wir losgingen hielt Emilie mich kurz fest. Sie löste ihre Halskette mit dem Davidsstern und legte sie mir an. „Pass darauf auf." Sagte sie nur, dann ging es endlich los.
Wir liefen in den Flur, ich schlich mich zur Vordertür und schloss zwei mal ab. Dann verließen wir das Haus durch die Hintertür. Die führte in den Garten, eigentlich ein abgeschlossener Bereich, aber nun waren die Büsche unbelaubt und wir konnten uns daran vorbei auf das Nachbargrundstück zwängen.
Von dort kamen wir auf eine parallel liegende Straße mit Geschäften und Restaurants. Ich drückte die Daumen, als ich durch die Hofeinfahrt spähte: nur einige wenige Fußgänger, Pärchen, die die Restaurants ansteuerten. Und an der Straße parkten zwei Taxis. Glück gehabt. Ich winkte Emilie heran und wir gingen ohne Eile zum Taxi und setzten uns in den Fond.
„Einmal nach Dortmund, Königswall." Der Taxifahrer sah sich um: „Das ist außerorts, meine
Damen, und sogar ein ganzes Stückchen . . ." Ich hielt ihm 25 Reichsmark hin und sagte: „Meine Schwester ist nur noch heute in der Stadt und ich hatte ihr einen Ausflug ins Varieté versprochen." Der Mann steckte das Geld ein. „Zwei so reizenden Fahrgästen bin ich doch gerne zu Diensten." Los ging die Fahrt. Emilie und ich improvisierten ein Streitgespräch darüber, ob Zauberkünstler oder Feuerschlucker aufregender waren. So ging die etwa einstündige Fahrt schneller rum.
Es war dunkel geworden, als wir in Dortmund ankamen. Die Gaslaternen sorgten für ein gespenstisches Licht. In der Bahnhofsgegend waren viele Leute unterwegs, die Lichter der Bars und Kneipen tauschten alles in eine künstlich-fröhliche Atmosphäre. Musik drang aus den Läden nach draußen.
Dieser Trubel war gut für uns. Keiner beachtete uns zwei Frauen, außer vielleicht ein paar angetrunkene Junggesellen. Wir hatten noch etwas Zeit, bis der Zug abfuhr und gönnten uns einen letzten gemeinsamen Kaffee in der bestbesuchten Kneipe an der Straße. Emile entspannte sich ein wenig und genoss es sogar. Kein wunder – sie war ja die letzten Wochen regelrecht abgeschnitten von der Welt.
Wir zuckten zusammen, als eine Gruppe von SS-Leuten hereinkam, aber keines der Gesichter kannte ich und nach deren Verhalten zu urteilen – sie suchten gleich die Theke auf – hatten sie wohl dienstfrei. Erleichtert atmeten wir auf, zahlten dann aber doch recht bald und gingen langsam zum Bahnhof. Es war eisig geworden. Unser Atem bildete Wolken vor den Gesichtern.
Mein Herz schlug schneller, als wir uns dem Fahrkartenschalter näherten. Landa kam mir in den Sinn, wahrscheinlich würde er toben wenn er bemerkte daß ich das Haus – trotz Wachposten verlassen hatte. Waren er oder seine Leute uns schon auf den Fersen? Wie groß war unser Vorsprung? Oder waren wir schon in der Falle und der Bahnhof voller Soldaten? Hatten die Männer in der Kneipe wirklich dienstfrei? Je näher ich mich dem Mann am Schalter näherte, desto mehr Katastrophenszenarien gingen mir durch den Kopf.
„Ja bitte, wertes Fräulein?", sprach der Mann durch die Glasscheibe. Sein Atem hatte sie von innen beschlagen und ich konnte sein Gesicht nicht sehen, nur das verschwommene Blau der Uniform.
„Einmal den Nachtexpress nach Antwerpen, bitte."
„Ist aber nur noch die dritte Klasse frei."
„Das macht nichts."
„15 Reichsmark bitte, und noch einmal 5 Reichsmark fürs Gepäck."
Ich fühlte mich wie im Traum, als ich den Fahrschein in der Hand hielt. Beinahe hätte ich vor Freunde geschrien. Emilie stand etwas entfernt. Schnell schob ich ihr den Fahrschein zu. Wir sahen uns an und gingen mit zitternden Knien zu den Gleisen. Der Zug wartete schon und Dampf hüllte den Bahnstieg ein. Der Schaffner sah gerade auf seine Taschenuhr. Und das Schnaufen der Lokomotive wurde lauter.
Ich umarmte sie zum Abschied, wollte noch etwas sagen, als ich mit den Augenwinkeln eine aufsteigende Unruhe bemerkte. Schemenhaft waren sie zunächst zu sehen. Männer in Uniform, sie sprachen die Reisenden an. Pässe wurden gezückt.
„Los", flüsterte ich und gab Emilie einen Schubs. Wir taten so, als hätten wir die Leute der SS noch nicht bemerkt und Emile stieg langsam in den Zug. Ebenso langsam bewegte ich mich zurück zur Treppe . . .
„Halt. Ihren Ausweis, bitte." Ein Mann in SS-Uniform sprach mich an. Ich tastete meinen Mantel ab: „Ja, selbstverständlich. Wo habe ich ihn nur . . ." Übertrieben klopfte ich den Mantel von außen ab.
„Ein bisschen schneller, wenn man bitten darf, Fräulein." Der Mann wurde ungeduldig.
„Ich werde doch wohl noch suchen dürfen." blaffte ich zurück. Ein Hochgefühl überkam mich.
„Da!" rief ich aus und zeigte hinter den Mann. Verwundert blickte er für eine Sekunde um sich und ich rannte los. Schnell war er hinter diesen lumpigen Trick gekommen und rief sofort Verstärkung.
Weit kam ich nicht, in der Eingangshalle wurde ich brutal zu Boden gerissen und jemand verpasste mir einen Schlag gegen den Hinterkopf.
