Kapitel 7

Kapitel 7

Hogwarts – Zur selben Zeit

Während man sich im drüben im Gryffindorturm köstlich über das vermeintliche Verschwinden Colins amüsierte, hatte Mortebella es weit weniger gemütlich. Sie stand in einem feuchtkalten, dunklem Raum, gegenüber von einem schwarzhaarigen Mann mit Hakennase, der kaum freundlicher wirkte als die düsterste Ecke seines Büros: Professor Severus Snape, der im folgenden Schuljahr ihr Hauslehrer und Mentor sein würde.

Schon seit geschlagenen fünf Minuten stand sie nun hier, doch Prof. Snape versenkte seine Nase nur immer tiefer in seinen Papieren und gab sich große Mühe, sie nicht zu bemerken. Schließlich wurde es Mortebella zu bunt. Sie räusperte sich nachdrücklich. Keine Reaktion.

„Hallo?", sagte Mortebella. „Ich...bin jetzt hier. Sie hatten mich doch herbestellt..." Prof. Snape steckte seine Feder ins Tintenfass, blätterte die Seite um, die er bearbeitet hatte, kratzte sich am Kinn und ergriff dann die Feder erneut und fuhr fort, ohne Notiz von ihr zu nehmen.

Mortebella wartete noch einige Augenblicke, dann knallte sie entnervt die Notiz auf Snapes Schreibtisch, die sie vorhin erhalten hatte, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte zur Tür. Sie hatte schon die Hand auf der Türklinke, da ertönte eine gereizte Stimme. „Bleiben Sie!"

Verwirrt machte Mortebella kehrt und stellte sich, ein wenig unsicher, was sie jetzt tun sollte, neben die Tür. Snape winkte sie mit einer genervt wirkenden Handbewegung heran. „Kommen sie! Setzen sie sich." Er wies auf einen unbequem aussehenden Holzstuhl, der vor seinem Schreibtisch stand. Zögernd nahm Mortebella Platz.

Professor Snape hielt ihre Notiz noch in den Händen, nun legte er sie beiseite und wandte sich ihr zu, seine Hände in Dreiecksform auf dem Schreibtisch abgelegt. „Sie waren das...ja, ich hatte sie in mein Büro bestellt. Sie sind zu spät."

„Es war ja auch nicht gerade einfach, hier her zu finden", erwiderte Mortebella trotzig. „Ihr Büro ist ganz schön weit weg von der Großen Halle!"

„Ausreden!" antwortete Snape unwirsch. „Aber gut. Ich muss sagen, ich hatte sie mir etwas...schlangenartiger vorgestellt."

„Wie bitte?"

„Nun, ich dachte, wegen ihrem Vater..."

„Er sah nicht immer so aus! Das war lediglich eine missglückte Plastische Operation! Und außerdem: Sie kennen meinen Vater?"

„Aber natürlich kenne ich ihn", erwiderte Snape beschwichtigend. „Ich bin sozusagen seine linke Hand. Sie können mir also vertrauen. Außerdem...", er verzog schmerzhaft das Gesicht, „Sie...sie können jederzeit...zu mir kommen...bei...jeder Art von...Problemen." Er hatte sich abgewandt, seine gesamte hagere Gestalt schien von Krämpfen geschüttelt. „Es wäre mir wirklich...eine...Freude...", hier zuckte er besonders heftig zusammen, „...ihnen...behilflich...zu sein. Wirklich." Er schenkte ihr ein Lächeln, welches jedoch mehr zu einem Zähnefletschen geriet.

Mortebella war mit ihrem Stuhl etwas nach hinten gerückt. „Ah...ja. Danke." Sie lächelte ihrerseits zurück. „Also, darauf komme ich gerne zurück. Ich habe auch gleich eine wichtige Frage, und zwar, was muss ich eigentlich tun, um in ihr Cheerleader-Team einzutreten?"

Snapes Fingernägel bohrten sich in die Schreibtischplatte. „Cheerleading?!" stieß er hervor. „Sie sind wohl besch-". Mühsam hielt er sich zurück. Ein paar lange Momente verstrichen, bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. Mortebella lächelte ihn ahnungslos an.

Er holte tief Luft. „Entschuldigung", begann Snape mit Grabesstimme. „Ich muss sie enttäuschen, leider verfügt Hogwarts bis jetzt noch nicht über ein Cheerleader-Team. Und jetzt entschuldigen sie mich bitte. Bei weiteren Fragen können sie sich an Mr. Malfoy wenden, schicken sie ihn bitte zu mir, wenn sie gleich in den Gemeinschaftsraum gehen. Den Gang runter rechts, die Steinmauer. Passwort Sectumsempra. Hat mich gefreut, ihre Bekanntschaft zu machen, auf Wiedersehen!"

Mit diesen Worten verschwand der Professor im Hinterzimmer seines Büros. Die Sprechstunde war offensichtlich beendet. Mortebella saß noch einige Momente lang auf ihrem Stuhl und wartete darauf, ob er vielleicht zurückkäme, dann jedoch zuckte sie mit den Achseln und machte sich auf den Weg in den Gemeinschaftsraum der Slytherins.

Hätte sie noch etwas länger gewartet, sie hätte noch die hohlen, klopfenden Geräusche gehört, die bald darauf aus dem Hinterzimmer erklangen. Es waren ganz außergewöhnliche Klopfgeräusche, ja, es klang ganz so, als ob dort jemand immer wieder seinen Kopf durch einen harten Aufprall mit der Wand zu vereinen suchte.


Als Mortebella den Slytherin-Gemeinschaftsraum betrat, sah sie sogleich Draco, der sich auf einem der schwarzledernen Lehnstühle fläzte. Pansy saß auf seinem Schoß und machte eine große Show daraus, ihn mit Weintrauben zu füttern, während einige der anwesenden Schülerinnen bewundernde Blicke zu den beiden hinüberwarfen. Als Draco Mortebella sah, winkte er ihr lässig zu.

Mortebella ging zu ihm hinüber. „Professor Snape sagt, du sollst in sein Büro kommen", berichtete sie. „Uuuh, Draco-Schatz, du bist ja soo wichtig!" flötete Pansy und beugte sich vor, um ihm ein Küsschen zu geben. Draco schob sie sanft von sich herunter. „Pansy, zeig du unserer Neuen ihren Schlafsaal und alles weitere, ich geh dann derweil zum ollen Snape. Also, dann bis später! Man sieht sich." Er zwinkerte Mortebella im Vorbeigehen zu, was Pansy mit einem eifersüchtigen Blick registrierte.

Kaum hatte Draco den Raum verlassen, da winkte Pansy Mortebella zu sich heran. „Komm, setz dich!" Sie zeigte auf den Sessel neben sich. Als Mortebella Platz genommen hatte, rückte Pansy näher an sie heran, schlug elegant die Beine übereinander und fing an, in vertraulichem Tonfall mit ihr zu reden. „Und, wie gefällt es dir so in Hogwarts?"

„Oh, bisher sehr gut, danke", erwiderte Mortebella, erfreut darüber, so schnell eine Freundin gefunden zu haben. Pansy senkte die Stimme. „Und...schon jemand gefunden, der dir gefällt?" Mortebella zögerte. „Da ist doch jemand! Ich seh's dir an! Komm, du kannst es ruhig sagen. Wir sind ja hier unter Freundinnen..."

„Na gut", begann Mortebella und senkte ebenfalls ihre Stimme zu einem Flüstern. Ein verschämtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Es ist...Harry Potter."

Pansy lachte lauthals auf, sie hatte ein glockenhelles, ringendes Lachen, welches Aufmerksamkeit heischend durch den Raum perlte. „Habt ihr das gehört, Mädels!" rief sie und wie mit Lichtgeschwindigkeit bildete sich nun ein Schwarm von Slytherin-Mädchen, der aufgeregt um sie herumsummte. „Habt ihr das gehört? Die Neue sagt, sie steht auf Harry Potter!" Eilig stimmte auch der Rest der Clique mit in ihr schallendes Gelächter ein, bis Pansy die Hand hob, woraufhin wieder Stille herrschte. „Guter Witz, wirklich", sagte Pansy. „Aber jetzt sei mal ehrlich. Ist es vielleicht Blaise? Oder sogar Draco?"

Mortebella kniff, wohl zum 1000sten Mal an diesem Tag, verwirrt ihre Augenbrauen zusammen. „Wieso Witz", fragte sie. „Und wieso Draco?" Dann kam ihr ein erhellender Gedanke. „Sag mal...bist du vielleicht eifersüchtig?"

Pansys sorgfältig mit Kajal umrandete Augen verengten sich zu katzenartigen Schlitzen.

„Du hältst dich wohl für besonders toll", zischte sie. „ Aber weil du ja noch neu bist, will ich mal nicht so sein. Ich gebe ich dir jetzt eine kleine Nachhilfestunde, also hör schön zu! Bilde dir bloß nichts darauf ein, dass Draco nett zu dir ist, das heißt noch gar nichts. Er gehört mir allein! Ist das klar? Und noch was: Hier bei den Mädchen habe immer noch ich das sagen. Und wenn ich will, kann ich dir das Leben ganz schnell zur Hölle machen. Also pass auf, was du sagst!"

Nun war Mortebella vollends verwirrt. Hatte sie etwas Falsches gesagt?

„So", fuhr Pansy fort und lächelte bösartig. „Und jetzt stell ich dir mal deine Mitschüler vor. Du bist doch im vierten Jahr? Das hier sind Samantha, Clarissa und Marilyn." Sie wies auf drei Mädchen, die aussahen wir blondhaarige Klone von ihr selbst und welche Mortebella kühl musterten. „Wie ich gerade erfahren habe, ist der Schlafsaal für das vierte Jahr leider schon vollständig besetzt", sagte Pansy mit gespielt bedauerndem Gesichtsausdruck und begutachtete ihre French Manicure. Deswegen wird dir wohl leider nichts anderes übrig bleiben, als im...Behelfsraum...zu schlafen. Die Unberührbare wird dir zeigen, wo es ist. Ihr seid jetzt ja Zimmerkameraden."

Sie kicherte affektiert und zeigte in die gegenüberliegende Ecke des Raumes, wo ein Mädchen saß. Es war das Mädchen, welches Mortebella in der Großen Halle zugelächelt hatte. Jetzt klappte sie widerstrebend ihr Buch zu, erhob sich von ihrem Sessel und ging langsam zu den anderen hinüber. „Na los! Zeig der Neuen ihr Zimmer!" rief Pansy ihr zu, und schubste Mortebella in ihre Richtung. „Viel Spaß auch!" Unter dem hämischen Gekicher der Umstehenden zog das Mädchen die vollkommen überrumpelte Mortebella aus dem Gemeinschaftsraum.


Kaum waren die beiden aus dem Gemeinschaftsraum hinaus gegangen, da verzog sich das bisher steinerne Gesicht des Mädchens und sie brach in lautes Gelächter aus. So heftig war ihr Lachanfall, dass sie sich gegen das steinerne Geländer der Treppe lehnen musste, um nicht umzukippen. „Ha!", japste sie. „Das war einfach spitze! Und ich dachte erst, du wärst auch nur eine von denen. Aber das...wie die geguckt hat! Haha!"

Mortebella konnte ihre Heiterkeit kaum teilen. „Wenn ich bloß wüsste, was ich falsch gemacht habe" sagte sie unglücklich. „Erst lief doch alles so gut!"

Das Mädchen starrte sie verwundert an. „Willst du etwa sagen, du hast das eben gar nicht extra gemacht?"

Mortebella sah sie verzweifelt an. „Nein! Wie sollte ich denn wissen, dass so eine einfache Frage..."

Einfache Frage?" prustete das Mädchen. „Oh Mann! Pansy Parkinson zu fragen, ob sie eifersüchtig ist, das ist wie..." sie stockte auf der Suche nach einem Vergleich. „Das ist als ob du...die Queen fragst, ob sie in der Badewanne pupst!"

„Hä?" machte Mortebella.

„Na hör mal! Das war ein eindeutiger Angriff auf ihr Hoheitsgefühl! Kein Wunder, dass sie da die Krallen ausfährt." Als sie Mortebellas betroffenes Gesicht sah, beeilte sich das Mädchen, in beschwichtigendem Tonfall fortzufahren. „Aber mach dir keinen Kopf. Sie hat dich auch schon vorher im Visier gehabt, immerhin scheint Draco dich zu mögen. Und dann bist du auch noch hübsch...da schrillen bei der doch sofort sämtliche Alarmglocken. Und mal ganz ehrlich:" Sie blinzelte Mortebella verschwörerisch zu. „Mit den eingebildeten Schnepfen da drinnen hättest du eh keinen Spaß gehabt. Die haben alle keine eigenen Gedanken, die machen nur alles nach, was Pansy tut. Sei bloß froh, dass die dich gar nicht erst wollen, wir beide werden es bestimmt lustiger haben. Ich bin übrigens Sarah."

Sie streckte ihre Hand aus. Mortebella ergriff sie. „Wenn du meinst...", sagte sie, noch nicht vollständig überzeugt.

„Meine ich. So, und jetzt geh ich dir mal unser Zimmer zeigen", sagte Sarah, und zog Mortebella kurzerhand hinter sich her.