Zweiter Teil: Fidelius

Kapitel 8

Alte Freunde, alte Feinde

Es war ein kleines Zimmer, das bei hellem Sonnenschein vermutlich auf altmodische Weise gemütlich, wenn auch immer noch ziemlich voll gestellt gewirkt hätte. Ein wuchtiges altes Bett, ein Kleiderschrank, ein runder Tisch unter dem Fenster und, völlig überflüssig, eine Kommode ließen kaum genug Platz, zwischen den Möbeln hindurchzugehen. Kleingemusterte Vorhänge, die Lily eben zurückgezogen hatte, um das Fenster zu öffnen. Jetzt griff die Herbstnacht mit kalten, klammen Fingern nach ihnen.

Sie hatten kein Licht gemacht, um Harry nicht noch einmal zu wecken und einen weiteren empörten Schreianfall zu riskieren. Es hatte ihm gar nicht gepasst, unten in der hell erleuchteten Rezeption aufzuwachen und die Anmeldeformalitäten abzuwarten, bis sie endlich von der Wirtin hier heraufgeführt worden waren. Und als er dann noch feststellte, dass dort keineswegs sein gewohntes Zuhause und sein behagliches Bett auf ihn warteten, war es mit seiner Fassung vorbei gewesen.

Dumbledore hatte sich schnell verabschiedet – leider ohne seinen geheimnisvollen Beruhigungszauber an Harry auszuprobieren, wie Lily vermerkte – und war verschwunden.

Es gelang ihnen, Harry zu beruhigen, und nun schlief er endlich, fast versunken in diesem Bett mit seinen bombastischen Kissen und Decken. Seine Eltern saßen noch immer nebeneinander auf dem Bettrand. Jetzt konnten sie nur noch auf die Rückkehr von Sirius und Dumbledore warten.

James sah zu, wie die Nachtluft hin und wieder die Seiten des Buches bewegte, das aufgeschlagen auf der Häkeldecke lag, die den runden Tisch bedeckte. Es wurde allmählich ziemlich kalt hier drin, aber Lily, die zusammengekauert neben ihm saß, die Arme um die Beine geschlungen, schien es nicht einmal zu spüren. Er hätte sie so gern an sich gezogen und festgehalten. Ihr gesagt, dass sie das zusammen schon irgendwie durchstehen würden. Wenn er es nur selbst wirklich hätte glauben können. Wenn ihn nicht eine nie gekannte Angst im Würgegriff gehabt hätte. Wenn es nur um ihn selbst gegangen wäre – aber es ging um seinen Sohn, der fast noch ein Baby war. So verletzlich, so zerbrechlich –

Wie er geweint hatte, nur weil das hier nicht sein Zimmer war –

Und wie sollte er Lily trösten? Er konnte sie nicht einmal ansehen, ohne dass es ihm die Kehle zusammenschnürte. Sie lebte jetzt schon so lange in dieser Angst – kein Wunder, dass sie sich verändert hatte. Was immer er versucht hatte, um ihr Leben so normal wie möglich aussehen zu lassen – sie konnte die Bedrohung ja unmöglich vergessen. Und jetzt saßen sie hier und hatten selbst die schäbige kleine Geborgenheit ihrer Wohnung verloren, und vielleicht hatte ihr Verfolger in diesem Moment schon ihre Spur aufgenommen.

Mit Gewalt riss er sich aus diesen Gedanken. Es gab Dinge, die er noch tun konnte! Zum Beispiel in diesem Buch da drüben lesen und so genau wie möglich verstehen, wie der Fidelius-Zauber durchzuführen war.

Lily hatte das Gefühl, in der kalten Nachtluft langsam zu erstarren, aber sie hätte es nicht ertragen, jetzt bei geschlossenem Fenster in diesem engen, voll gestopften, fremd riechenden Zimmer zu sitzen.

Sie fühlte sich vollkommen leer und kalt. Irgendwo da draußen gab es eine Frau, die vor Angst schreien, davonrennen wollte, mit ihrem Kind auf dem Arm. Diese Frau sah komisch aus, wie eine Verrückte mit wehenden Haaren und mit Augen, die in Panik verdreht waren, so als wolle sie in alle Richtungen zugleich sehen. Aber sie, Lily Potter, saß still und stumm auf dem Bett in diesem Zimmer mit seinen Blümchentapeten und Spitzendeckchen und hätte beinahe gelacht, weil ihr das letzte Hotelzimmer einfiel, in dem sie gewesen war – obwohl das Wort Hotel wohl zu hoch gegriffen war – der Unterschied zu dieser plüschigen, aber adretten kleinen Pension hier hätte nicht größer sein können – was wohl James sagen würde, wenn sie jetzt anfing zu lachen – oder wenn sie ihm von jenem anderen Zimmer erzählen würde – meine Schuld – das hier ist alles meine Schuld – und jetzt kommt die Strafe –

Lavendel – es riecht nach Lavendel – warum riecht der nur immer so ältlich, wenn man ihn in diese Duftkissen stopft –

War das nun ein Schock? Meinten die Leute das, wenn sie sagten, dass jemand einen Schock erlitten hatte, nach einem Unfall oder so?

Das Bett quietschte, als James neben ihr aufstand. "Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken!", sagte er, als er Lily zusammenzucken sah. "Ich will nur – das Buch –"

Er nahm das Buch vom Tisch und kam zu ihr zurück. "Wir müssen das lesen", sagte er und sah sie mit einem unglücklichen Blick an. "Komm, setz dich doch zu mir."

Er lehnte sich an das Fußteil des Bettes und zog sie endlich doch zu sich. Legte den Arm um ihren erstarrten Körper und öffnete das Buch des Arcanus wieder bei dem Kapitel, in dem der Fidelius-Zauber in seinen verschiedenen Formen beschrieben wurde.

"Lumos!", sagte er leise, und das matte Licht des Zauberstabs reichte eben aus, die Schrift zu erkennen.

Aber für Sekunden konnte er gar nicht sehen, was da stand. Für Sekunden konnte er nur die Nähe seiner Frau spüren und sich ganz dem Gefühl überlassen, das Lily war, diese zärtliche Kühle, nie ganz greifbar.

"Ob er Frank und Alice und den Kleinen auch versteckt? Mit dem Fidelius?" Es war die ersten Worte, die Lily sagte, seit Harry eingeschlafen war. Sie war überrascht, wie normal ihre Stimme klang.

James antwortete lange nicht. Dann sagte er leise und mit Überwindung: "Glaube ich nicht. Wir sind es, die er will. Harry."

Er streichelte ganz sacht die Haarsträhne, die über ihre Schulter gefallen war und seine Hand berührte. Und dann vertiefte er sich in das Buch.

An der Wand hing eine Uhr, auf deren Zifferblatt eine lächelnde Sonne und ein träumender Mond von vielen kleinen Sternen umgeben waren. Ihr Ticken zerschnitt die Stille mit mechanischer Erbarmungslosigkeit.

Der Rest unseres Lebens, dachte Lily schaudernd. Sie zählt ihn ab.

oooOooo

Sirius war aus der Wohnung der Potters disappariert und betrat den Asphalt eine Straßenkreuzung weiter. Er ahnte nicht, dass in diesem Moment zwei weitere Besucher in die Straße einbogen, die er eben verlassen hatte. Sie hatten dasselbe Ziel, das er gehabt hatte.

Er beschloss, den Alkohol doch zu lassen und stattdessen einfach langsam zu dieser Pension zu gehen, in der James und Lily inzwischen vermutlich schon lange auf ihn warteten. Die kalte Nachtluft würde seinen Kopf schon klar fegen. Jedenfalls wollte er nicht nach Whisky oder Bier riechen, wenn er mit ihnen sprach.

Der gleichmäßige Rhythmus seiner Schritte wirkte beruhigend auf ihn, und allmählich konnte er wieder freier atmen.

James und er – die besten Freunde seit nunmehr zehn Jahren.

Aber da hatte es einen Abend gegeben, an dem sich zwischen ihnen eine tiefe Kluft offenbarte, von der sie bis dahin nichts gewusst hatten. Und weil beide ahnten, dass Reden daran nichts ändern würde, hatten sie es gelassen. Sirius hatte sogar vermieden, jemals wieder daran zu denken. Aber ausgerechnet jetzt kehrten seine Gedanken unbezwingbar zurück zu jener Nacht vor sechs Jahren, und die Bilder – allen voran das von James, obwohl der damals nicht einmal die Hauptperson gewesen war – standen so deutlich vor seinen Augen, als sei seitdem kein Tag vergangen.

ooOoo

Als er im Gras hinter sich leise Schritte rascheln hörte, wandte er sich um. Im Licht des Vollmondes konnte er seine Freunde deutlich erkennen.

"Pst, James – Peter!", rief er mit gedämpfter Stimme. "Hier bin ich! Seid leise und kommt her."

Die beiden hatten ihn hinter dem großen Gesträuch entdeckt und kamen nun rasch heran.

"Mann, wo bleibt ihr denn? Ich warte schon die ganze Zeit auf euch."

"Filch hat uns in seinem Büro eingesperrt, wir mussten warten, bis er wieder zurückkam."

"Er hat euch erwischt?!"

"Quatsch. Wir waren natürlich unter dem Tarnumhang. Aber blöderweise kam er im falschen Moment ins Büro", sagte James leise. "Die Karte haben wir noch nicht gefunden."

"Wir reden nachher drüber. Jetzt will ich euch was zeigen", sagte Sirius mit einem bösen Grinsen. "Versteckt euch hier, und dann seht mal, da vorn!"

Sie duckten sich gehorsam in das Gesträuch und wandten sich der mondbeschienenen Wiese vor ihnen zu, wo sich die bizarr verschlungenen Zweige der Peitschenden Weide vor dem sternenerfüllten Nachthimmel abzeichneten. Dann sahen auch sie die schattenhafte Gestalt, die sich in der Nähe der Weide zu schaffen machte.

"Wer ist das? Die Pomfrey?", fragte Peter neugierig.

"Ach was, nee, die ist noch nicht wieder zurück. Kann aber nicht mehr lange dauern", erwiderte Sirius. "Guck mal genau hin!"

"Das ist Sniv!", rief James überrascht.

"Genau. Unser düsterer kleiner Verfolger! Er ist der Pomfrey und Moony bis hierher gefolgt. Ich hab euch doch gesagt, dass der uns nachschnüffelt!"

"Verdammt! Und was jetzt?", fragte James ratlos.

"Wartet erst mal, bis Poppy zurück ist. Da, ich glaub', da kommt sie gerade!"

Und richtig, eben betrat die Krankenschwester von Hogwarts die Wiese und folgte dem Pfad, der in weitem Bogen um die Weide herum und dann hinüber zum Schloss führte.

Sie hörten ein leises Krachen und etwas, das ein nächtlicher Tierlaut oder auch ein unterdrückter Schmerzensschrei hätte sein können. Die drei sahen sich grinsend an. Snivs plötzlicher Abgang ins Gebüsch hatte ziemlich komisch ausgesehen.

Madam Pomfrey hatte anscheinend auch etwas gehört und blickte sich prüfend um. Als in der mondhellen Weite nichts zu sehen war, setzte sie ihren Weg zum Schloss fort und entschwand ihren Blicken.

"Shht jetzt, wartet!", mahnte Sirius seine Freunde, als Peter die Deckung verlassen wollte. "Erst mal sehen, was die kleine Zecke da draußen vorhat."

Und da kam Snape auch schon wieder zum Vorschein. Er rieb sich leise fluchend die Stirn und verbrachte ein paar Sekunden mit dem Versuch, sich zu verrenken und seine Klamotten nach Dornen abzusuchen. Schließlich hörten sie ihn entnervt "Ratzeputz!" rufen. Dann ging er wieder auf die Weide zu, blieb aber in respektvoller Entfernung stehen und dachte offensichtlich über sein weiteres Vorgehen nach.

"Was sollen wir denn jetzt tun?", fragte Peter ganz unglücklich.

"Verwandle dich, saus' los und beiß' ihn ins Bein!", schlug James gnadenlos vor.

"Kinderkram!", sagte Sirius und stand mit einem mutwilligen Glitzern in den Augen auf. "Passt auf, was ich mache! Das wird ihn endgültig von seiner Schnüffelei heilen!" Und dann ging er einfach aus dem Gesträuch heraus, auf die in Nachdenken versunkene Gestalt ihres Mitschülers zu. "He Sniv!"

Snape fuhr herum, den Zauberstab schon gezückt.

"Komm schon, lass das! Ich tu dir nichts!", sagte Sirius spöttisch. "Im Gegenteil, ich will dir sogar 'nen Tipp geben!"

"Ach ja? Und wieso solltest du das tun, Black?", hörten sie Snapes giftige Stimme.

"Ich geb' dir den guten Rat, dich von der Weide fernzuhalten, Fettlocke! Es sei denn, du hast auch gegen dieses Ding einen deiner kleinen Zaubersprüche. Sieht allerdings nicht so aus."

"Hau ab, Black! Das hier geht dich nichts an!"

"Das seh' ich anders. Aber wie du meinst. Übrigens, es gibt wirklich 'ne Möglichkeit, unter der Peitschenden Weide durchzukommen. Hab ich zufällig rausgefunden!"

"Und die willst du mir jetzt natürlich brühwarm auftischen, was? Wenn du glaubst, ich fall' auf so 'nen Quatsch rein, irrst du dich."

"Aber Sniv – nicht so misstrauisch sein! Du musst nur den Knoten da unten an der Wurzel berühren, dann kommst du ganz einfach in den Gang da runter! Und wenn du mit deinen kurzen Ärmchen nicht dran kommst, nimm einfach einen Stock!"

"Und warum solltest du mir das verraten?"

"Tja – nenn' es Mitleid oder wie du willst! Ich kann nicht mit ansehen, wie du dich hier weiter vor Neugier verzehrst!", erwiderte Sirius, und James in seinem Versteck wusste genau, wie die Augen seines Freundes bei diesen Worten vor Spott funkelten. Ihm war unbehaglich zumute. Was bezweckte Sirius damit, Sniv den einzigen Zugang zur Heulenden Hütte zu verraten? Er beobachtete die magere Gestalt, die zögernd vor Sirius stand.

"Na, du traust dich wohl nicht, was?", feixte Sirius. "Dacht' ich mir übrigens. Du bist wirklich 'ne Niete, Sniv! Da serviert man dir die Antwort auf qualvolle Fragen, die Möglichkeit, deine glühende Neugier endlich zu befriedigen – und alles, was du tust, ist dir vor Angst in die Hose machen."

"Halt doch das Maul, Black!", zischte Snape wütend und blickte sich um, eindeutig auf der Suche nach einem Stock.

James musste grinsen. Sniv auf irgendeine Weise Feigheit vorzuhalten, wirkte immer. Er reagierte darauf wie ein Stier auf ein rotes Tuch.

Dann glaubte er, von ganz fern ein Geräusch zu hören – er hatte es schon oft gehört, aber immer noch bekam er eine Gänsehaut bei diesem Klang. Ein dünner Schrei, kaum wahrnehmbar, so weit entfernt.

Moony, dachte er voller Mitgefühl. Der Mond hat ihn wieder!

Peter neben ihm kicherte und stieß ihn an. "Da, jetzt hat er was gefunden! Jetzt werden wir ja sehen, ob er sich traut!"

Tatsächlich. Snape hatte einen langen Stock aus dem Gebüsch gezogen, mit dem er den Wurzelknoten auf jeden Fall erreichen würde. Entschlossen machte er ein paar Schritte auf die lauernde Weide zu.

Sirius blieb abwartend stehen. James betrachtete seine große, selbstsichere Gestalt, die sich vor dem Nachthimmel abhob. Etwas war da doch nicht in Ordnung, ganz und gar nicht.

Snape war inzwischen stehen geblieben und streckte die Hand mit dem Stock aus, um den Wurzelknoten zu berühren. Ein zischendes Sausen ertönte, und alle vier sahen gebannt, wie die Zweige des Baums zu einem peitschenden Schlag ausholten. Dann erstarrten sie mitten in der Bewegung, wobei das Holz des Stammes ein ersticktes Ächzen hören ließ.

"Da, er hat's geschafft!", rief Peter neben James enttäuscht. "Verdammt, was soll das denn? Warum hat Sirius ihm das verraten? Jetzt können wir da nie mehr reingehen und vor ihm sicher sein!"

Als Snapes mickrige Gestalt in dem Erdloch verschwand, das den Einstieg zu dem unterirdischen Gang bildete, durchzuckte James auf einmal die Erkenntnis. Er sprang auf. "Nein!", schrie er atemlos vor Schreck. "Sirius, bist du verrückt! Wir können ihn doch nicht da reingehen lassen!"

Er stürmte an seinem Freund vorbei. Die Weide hatte ihre bedrohlichen Bewegungen wieder aufgenommen, kaum dass der Eindringling in dem Erdloch zwischen den Wurzeln verschwunden war.

"Nun komm schon, Mann, wir müssen ihn unbedingt zurückhalten!"

Sirius hatte sich nicht geregt. "Was soll die Aufregung, James?", sagte er kühl. "Er hat's doch so gewollt."

Die Kälte in seiner Stimme ließ James innehalten und sich umsehen. "Sirius – wenn er da reingeht – der kommt nicht lebend wieder raus! Hast du das vergessen – Moony ist da drin! Und inzwischen hat er sich verwandelt! Ich glaub', ich hab ihn eben sogar gehört!", sagte er drängend.

"Ja, ich auch", erwiderte Sirius im selben kühlen Ton. "Ist das unsere Schuld, dass der kleine Schleimer uns immer hinterherschnüffelt? Wenn er jetzt mal 'ne Lektion kriegt?"

"Sirius!", rief James und blieb stehen, sichtlich fassungslos. "Das ist doch keine Lektion! Wenn er da jetzt reingeht – Moony bringt ihn um!"

"Ja!", sagte Sirius unwillig. "Das vermute ich auch. Und? Ist es etwa schade um ihn?"

Und sie sahen einander an; für Sekunden stand die weite, mondlichterfüllte Stille der Nacht zwischen ihnen und trennte sie wie zwei fremde Welten.

Dann drehte James sich um, nahm den Stock auf, mit dem Snape die Weide stillgelegt hatte, und berührte den Wurzelknoten auf die gleiche Weise. "Ich hol' ihn da raus", rief er im Davonlaufen.

Sirius blieb still stehen.

Sekunden später kam auch Peter heraus auf die Wiese und stellte sich abwartend neben ihm. "Was macht der bloß?", fragte er neugierig.

"Ach, halt bloß die Klappe!", fuhr Sirius ihn heftig an.

Es dauerte nur ein, zwei Minuten. Dann hörten sie wüstes Geschrei aus dem unterirdischen Gang. Sekunden später erschien James zwischen den Weidenwurzeln und zerrte den wütend um sich schlagenden Snape einfach hinter sich her.

"Ich hab's doch gewusst!", kreischte Snape. "Ein Werwolf! Und die halten das geheim! Ahh – lass mich endlich los, Potter! Euer Geheimnis ist aufgeflogen! Ich werd' das –"

"Jetzt komm schon, du Idiot!", schrie James. "Wir müssen hier weg, und zwar schnell! Hör endlich auf, herumzutreten!"

Er rannte mit Snape heraus auf die Wiese, an seinen Freunden vorbei. "Los, macht schnell! Er hat uns gewittert! Das dauert keine Minute mehr, dann ist er hier!"

"Er kommt doch gar nicht da raus ohne uns", sagte Sirius leise. "Hast du das vergessen?"

James blieb atemlos stehen, wobei er immer noch mit einer Hand den zappelnden Snape am Genick gepackt hielt. Jetzt ließ er ihn los. Für einen Moment hatte er das wirklich vergessen.

Snape zischte wie eine Schlange und schwenkte den Zauberstab hasserfüllt gegen die drei anderen. Aber Sirius schnippte mit seinem Zauberstab und fing den Fluch mit einem Protego! ab, immer noch mit derselben leisen Stimme, die so gar nicht zu ihm passte.

"Jetzt hau ab hier, Snape!", sagte er dann. "Verschwinde, bevor ich mich vergesse! Und wenn ich dich noch einmal erwische, wie du uns nachschnüffelst, dann kommst du nicht mehr davon, glaub' mir!"

Snape verschwand tatsächlich fluchend in der Dunkelheit.

"Er hat dir das Leben gerettet, du dämlicher Schleimer!", brüllte Sirius ihm plötzlich nach. "Das solltest du besser nicht vergessen!"

Dann standen die drei vor der Weide und hörten das Heulen des Wolfes nun ganz unverkennbar und viel näher.

"Wollen wir endlich los?", fragte Peter, bereit sich zu verwandeln. Er liebte die Vollmondnächte und ihre Abenteuer.

Die beiden anderen standen da und schwiegen.

"Ich glaub', ich hab heute keine Lust", sagte James schließlich. "Ich geh' rein."

Er wollte sich abwenden, da packte Sirius ihn am Arm. "Warte! Also gut, vielleicht war es ein Fehler!", sagte er, und ungläubig hörte Peter den bittenden Unterton in der sonst so sicheren Stimme.

"Hättest du ihn wirklich – so einfach da reingehen lassen? In den sicheren Tod?", fragte James leise.

"Verdammt – wir reden von Sniv!", platzte Sirius heraus. "Er ist ein Furunkel, Mann! So was schneidet man am besten weg, bevor es zu groß dafür wird!"

"Ich kann nicht glauben, was du da sagst", sagte James leise und schüttelte Sirius' Hand ab.

Sirius packte ihn wieder und riss ihn zu sich herum. Sekundenlang starrten sie sich an. Als James den Blick nicht senkte, ließ Sirius ihn überraschenderweise los.

"Also gut. Moony zuliebe", sagte James schließlich. "Gehen wir."

ooOoo

Sirius verzog das Gesicht, als diese Erinnerungen durch seinen Kopf gingen. Er hasste es, analysierend über Menschen – und ganz besonders über sich selbst – nachzudenken. Aber während er jetzt durch die nächtlichen Straßen ging, spulten sich die ungewohnt grüblerischen Gedanken wie von selbst ab.

Bis zu jener Nacht war er selbst ganz klar der Stärkere, der Überlegene in ihrer Freundschaft gewesen. Er hatte immer gewusst, wo es lang ging. War nie um eine Antwort verlegen gewesen. Und wenn James manchmal durcheinander und versponnen gewesen war – er selbst hatte immer einen klaren Kopf behalten.

Aber in diesen Sekunden damals, vor dem lauernd kauernden Schatten der Peitschenden Weide, Snapes Kreischen noch in ihren Ohren, da hatte sich etwas für immer verändert.

James wäre gegangen. Er hatte die Wahrheit gesagt. Er war nur Moony zuliebe dann doch noch mitgekommen.

Sirius hätte nie gehen können. Er hätte James nie aufgeben können, für keine Überzeugung der Welt. Darum hatte er klein beigegeben, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Nie hatte er das empörte Gesicht seines Freundes vergessen, die Fassungslosigkeit in seinen Augen hinter den Brillengläsern. Den Abgrund, der sich da zwischen ihnen aufgetan hatte.

Sirius konnte bis heute keinen wirklichen Fehler in seinem Handeln sehen. Er hielt Snape nach wie vor für Abschaum, an den es keinen Gedanken zu verschwenden lohnte. Aber für James hatte er darauf verzichtet, so etwas noch einmal zu sagen.

Immer noch konnte er seine plötzliche Wut von damals fühlen, als James seine Hand abgeschüttelt hatte. Sirius hatte ihn noch einmal gepackt. Und einen Moment taumelnd geschwankt zwischen dem Wunsch, ihn zu schlagen – oder –

Bis heute hatte er Angst vor dem, was James damals in seinen Augen gelesen haben mochte. Und doch war er Trauzeuge geworden, als James heiratete, Pate, als sein Sohn geboren wurde. Er war schon auf so vielfältige Weise mit dem Leben der Potters verbunden – er, der Bindungen aller Art nicht besonders schätzte, hatte es immer wieder zugelassen, in James' Leben hineingezogen zu werden.

Es konnte nicht gut gehen, wenn er nun auch noch ihr Geheimniswahrer wurde! Jeder, der sie kannte, würde sofort an ihn denken, wenn das Gerücht aufkam, dass die Potters anscheinend verschwunden waren. Das hätte James eigentlich sofort bedenken müssen, und Dumbledore sowieso.

Auf der anderen Straßenseite konnte er nun das blauweiße Schild des Kalypso's sehen. Erst beim Anblick des wolkigen Schimmers um das erleuchtete Schild fiel ihm auf, dass Nebel aufgezogen war.

Es war nicht mehr weit. Dann würde er sich den beiden stellen müssen.

Es gab da doch noch eine andere Möglichkeit – die war ihm vorhin flüchtig durch den Kopf gegangen. Überrascht stellte er fest, um wie viel festere Formen diese Idee in der letzten Stunde angenommen hatte, ohne dass er weiter darüber hätte nachdenken müssen.

Sie mussten einfach einsehen, dass das eine viel bessere Lösung war –

oooOooo

Es klopfte leise an die Tür, und James und Lily zuckten zusammen.

"Ich bin's!", flüsterte es von draußen.

James sprang auf und öffnete die Tür.

"Ich nehm' nicht an, dass er an die Tür klopfen würde, oder?", fragte Sirius flapsig, als er ihre verschreckten Gesichter sah.

"Komm rein, du Idiot!", sagte James erleichtert. "Wir warten schon seit Stunden auf dich. Wieso apparierst du nicht, Mann?"

"Wie sollte ich, ich wusste doch nicht, in welchem Zimmer ihr seid! Ich hatte keine Lust, am Bett irgendeiner alten Dame zu erscheinen und einen Riesenwirbel zu verursachen." Er betrachtete das geblümte Zimmer mit einem abfälligen Blick und wand sich dann zwischen Bett, Schrank und Kommode zum Tisch am Fenster durch. Dort warf er sich aufseufzend auf einen der zierlichen Stühle.

"Hier, Harrys Koffer. Keine Ahnung, ob ich die richtigen Sachen erwischt hab, Lily." Dann kramte er in seiner Jackentasche und zog den gläsernen Klotz hervor, der im Licht des Zauberstabs glänzte. "Schönes Foto", sagte er und warf ihn Lily zu, die ihn auffing und sofort einsteckte.

"Das hier werf' ich lieber nicht." Die kleine Schmuckschatulle stellte er vor sich auf die Häkeldecke, und Lily stand auf.

"Danke", sagte sie und zog sich dann mit Koffer und Kasten auf das Bett zurück.

"Übrigens wird es neblig draußen. Kein gutes Wetter fürs Motorrad, egal ob zum Fliegen oder Fahren."

Lily, die eben durch die Sachen in Harrys kleinem Koffer sah, blickte besorgt auf. "Was meinst du damit?"

"Schätze, ihr müsst doch apparieren. Ist euch eigentlich klar, dass es hier drin eiskalt ist? Kann ich das Fenster zumachen?"

Lily nickte abwesend. Sie ließ die Hand, die einen kleinen Wollpullover hielt, sinken und sah zu, wie Sirius die neblige Nacht aussperrte.

"Hier, lies das!" James kam mit dem Buch, in dem sie bis eben gelesen hatten, zu Sirius und legte es auf den Tisch vor ihn. "Die Anleitung für den perfekten Geheimniswahrer."

"Der perfekte Geheimniswahrer –", murmelte Sirius. "Also gut. Lesen kann ich's ja."

Und dann war da wieder nur die Stille. James hatte sich zu Sirius an den Tisch gesetzt. Lily starrte auf das Muster aus Perlmutt und grünem Stein, mit dem der Deckel des Holzkästchens eingelegt war, das sie eben aus der Schmuckschatulle genommen hatte. Harry drehte sich unter den Decken unruhig herum. Und die Uhr tickte.

Nach einer Weile schlug es von irgendeinem Kirchturm draußen Mitternacht, und als eben der letzte Schlag verklungen war, stand auf einmal Dumbledore in der Tür, die er rasch hinter sich schloss.

"Sirius, du bist zurück – sehr gut", sagte er anstelle einer Begrüßung. "Das heißt, wir können sofort anfangen. Ihr habt euch alle das Kapitel durchgelesen, ja?"

Sie nickten, für einen Moment auf einmal wieder gehorsame Schüler. Und in den folgenden zehn Minuten wurde Dumbledore wieder zu ihrem Lehrer, der ihnen ausführlich die Durchführung des Fidelius-Zaubers erklärte.

"Gibt es Fragen?", schloss er dann. "Mir ist bewusst, wie kompliziert sich das alles anhört. Und ich vermute, ihr seid heute auch nicht mehr in der besten Verfassung, um etwas derart Komplexes noch wirklich aufzunehmen. Aber –", und die plötzliche Schärfe seiner Stimme ließ sie aufhorchen, "aber ich muss wohl kaum betonen, wie wichtig es ist, dass ihr jeden dieser Schritte, die hier beschrieben sind, haarklein und buchstabengetreu so befolgt, wie ich es euch erklärt habe. Es ist für heute nicht nötig, dass ihr das alles versteht. Aber ihr müsst euch genau an die Beschreibung halten. Ist das klar?"

Er sah sie alle drei nacheinander über den Rand der Brille hinweg an. Dann seufzte er zum wiederholten Mal in dieser Nacht tief auf. "Ich wünschte wirklich, ich könnte euch begleiten und den Zauber selbst durchführen. Aber vermutlich hat es auch einen Vorteil, wenn nicht ich euer Geheimniswahrer bin."

Er macht sich große Sorgen, dachte Lily verzagt.

"Und jetzt, meine Lieben, müssen wir uns verabschieden", fuhr er dann unerwartet fort. "Ihr müsst apparieren, sofort. Es ist neblig draußen und – sagen wir, ich habe einfach ein sehr ungutes Gefühl bei dem Gedanken, dass ihr diesen umständlichen Weg mit dem Motorrad macht oder hier noch länger abwartet."

"Aber –", begann Lily hilflos. "Harry – kann ich denn wirklich mit ihm apparieren? Ist das denn nicht – gefährlich?"

"Alles andere wäre noch gefährlicher, Lily", erwiderte er. "Und du kannst ganz beruhigt sein, es wird vielleicht ein bisschen unangenehm für ihn, aber es ist schnell vorbei."

"Sind Sie denn sicher, dass – dass er nicht schon in Godric's Hollow auf uns wartet?", fragte Sirius.

"Nein, sicher bin ich nicht, Sirius. Wenn ich von der traurigen Gewissheit ausgehe, dass er Informationen von einem aus unseren Reihen erhält, so habe ich die starke Vermutung, dass er euch zunächst in London suchen wird. Aber sicher, nein, das kann ich nicht sein. Und deshalb werde ich jetzt zuerst nach Godric's Hollow apparieren und mich umsehen. Ich bin in wenigen Minuten zurück." Und bevor einer von ihnen noch etwas sagen konnte, war Dumbledore verschwunden.

James schlug das Buch des Arcanus zu und legte es oben auf die Sachen in Harrys Koffer. Lily und Sirius standen einfach da und warteten unbehaglich auf Dumbledores Rückkehr.

"Alles in Ordnung", sagte dieser, als er unvermittelt wieder zwischen ihnen erschien. Sein weißes Haar wirbelte noch im Sog des Apparierens. "Ich habe einen Schutzzauber um euer Haus gelegt. Der wird euch aber nicht lange gegen ihn schützen können. Ihr müsst den Fidelius durchführen, sobald ihr dort seid. Noch heute Nacht, versprecht mir das!"

"Natürlich", sagte James. Er zerrte an der Innenseite seines Jackenärmels, als suche er darin etwas.

Lily nahm das Kästchen von der Bettdecke. "Also dann", sagte sie mit einem tiefen Aufatmen, als müsse sie sich zu etwas durchringen, und wandte sich an Dumbledore. "Das hier – können Sie das für uns aufbewahren? Für – Harry? Wenn uns etwas passiert, meine ich. Falls er – oh, er wird – er wird weiterleben!"

"Ich werde das gern für ihn verwahren, Lily", sagte Dumbledore sanft.

"Geben Sie es ihm aber nicht vor seinem siebzehnten Geburtstag", bat sie. "Erst, wenn er volljährig ist."

"Ich verspreche es – und gehe davon aus, dass du es ihm dann selbst überreichen kannst. Und jetzt solltest du Harry nehmen, ihn fest einpacken und dich auf das Apparieren vorbereiten."

Lily beugte sich über das Bett, dankbar für die Gelegenheit, die Tränen in ihren Augen zu verbergen, und nahm das schlafende Kind vorsichtig auf. Sie wollte ihn möglichst nicht wecken.

Sirius nahm sich derweil den Koffer und stand dann etwas ratlos da.

"Da ist noch was", murmelte James, dem es endlich gelungen war, die schmale Innentasche seines Jackenärmels zu öffnen. Er zog ein feines silbriges Gewebe daraus hervor, knüllte es zusammen und gab es Dumbledore so beiläufig wie möglich. "Sie wissen schon. Ich brauch' ihn jetzt ja nicht. Und falls – na ja, falls etwas schiefgeht – geben Sie ihn Harry. Er wird ihn sicher mal brauchen können."

Sein Grinsen war ein wenig verunglückt, und Sirius und Lily starrten ihn an.

James auch!, dachte sie und fühlte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte. Er denkt auch, dass wir verloren sind! Sonst hätte er sich nie davon getrennt!

James hatte den Tarnumhang in den vergangenen anderthalb Jahren ständig bei sich getragen. Er hatte diese schmalen Innentaschen in all seinen Muggeljacketts angebracht, um ihn immer unauffällig dabei haben zu können.

Dumbledore steckte auch den Tarnumhang ein und sah dann mit einem Lächeln in die drei Gesichter, in denen sich so verschiedene Ausprägungen der Angst zeigten.

"Ich wünsche euch gutes Gelingen", sagte er ernst. "Und jetzt los!"