8. Dezember

Weihnachten 1981

Ein letzter Besuch

by Se.Ka.Ya./Noir13

Gedankenverloren fing er eine Schneeflocke aus der Luft, die kurz darauf auch schon in seiner Hand zu Wasser schmolz. Er saß schon eine ganze Weile hier draußen und suchte nach den richtigen Worten. Doch ihm wollte einfach nichts einfallen. Nichts, was der Situation angemessen gewesen wäre. Er hatte einfach das Gefühl, dass es keine Worte gab, um zu beschreiben, was er in diesem Augenblick fühlte. Er hätte bereits früher herkommen sollen. Er hätte es ihr schon viel früher sagen müssen. Viel früher. Natürlich, Weihnachten, das Fest der Liebe, es wäre ein perfekter Rahmen gewesen, doch was nützte es nun? Es war zu spät. Viel zu spät. Alles, was nun noch blieb, war die Worte auszusprechen, in der Hoffnung, dass sie es hörte. Doch konnten Worte die Toten erreichen? Sie war fort – wie sollten Worte sie noch erreichen? Er betrachtete wieder schweigend die Schneeflocken, die sanft zu Boden fielen und alles in ein weißes Kleid hüllten. So friedlich. Ob es ihr gefallen hätte? Ob er ein wenig damit abschließen konnte, wenn er seine Gefühle in Worte fasste? Er hatte keine Antwort darauf und von ihr würde auch keine kommen. Aber er konnte es versuchen. Vielleicht fühlte er sich danach besser.

"Der Krieg ist vorbei, weißt du", begann er, noch immer in die Luft starrend. "Vermutlich weißt du es bereits, oder? Ich meine... na ja, du weißt schon..."

Er seufzte leise und schwieg wieder eine Zeit lang. Es war wirklich nicht einfach, die richtigen Worte zu finden. Vor allem, wenn man bedachte, mit wem er sprach. Oder mit wem er in diesem Augenblick sprechen wollte. Es war nicht leicht. Er konnte doch nicht einfach sagen "Ich liebe dich" und das war's. Es war einfach nicht angemessen.

"Es ist meine Schuld", sagte er. "Dein Tod... ich hätte dich beschützen müssen. Ich hätte mich nicht darauf verlassen dürfen, dass du sicher bist. Ich meine... es war Krieg! Du standest auf der Liste ganz oben – wie hätte ich auch nur eine Sekunde lang glauben dürfen, dass dir nichts passiert? Dass ich noch genug Zeit haben werde, es dir zu sagen?" Er schüttelte leicht den Kopf. "Wir hatten einfach keine Zeit. Niemand hatte Zeit. Ich hätte es dir sagen sollen, so viel früher. Ich hätte dich nicht abweisen dürfen. Es war einfach immer "du und deine Ideen", nicht wahr? Sie waren unkonventionell, aber vielleicht hätte alles anders geendet. Vielleicht würden wir zusammen in einem Café sitzen, reden, uns auf Weihnachten freuen... es hätte nicht so enden dürfen."

Er spürte, wie seine Augen ein wenig feucht wurden. Wann hatte er das letzte Mal Tränen vergossen? Er konnte sich nicht wirklich daran erinnern. Bei ihrer Beerdigung hatte er nicht geweint. Danach hatte er nicht geweint. Er hatte keine Zeit gehabt zu trauern. Zu viel war passiert. Es war das erste Mal seit dem Fall des Dunklen Lords, dass er Zeit hatte. Zeit um nachzudenken. Zeit um zu trauern. Und nun kamen die Tränen, die er so lange zurückgehalten hatte.

"Du würdest lachen, nicht wahr?", flüsterte er in Richtung des Grabsteins, während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte. "Ich und weinen? Ein Gegensatz in sich, nicht wahr? Und dann auch noch nach diesem Krieg, der so viele Opfer gefordert hat. Ausgerechnet ich soll nach all dem um dich trauern, wo ich dir doch so oft gesagt habe, dass du mir auf die Nerven gehst, du mit deinen Ansichten und Ideen? Die Wahrheit ist... die Wahrheit ist... dass..."

Er schluckte krampfhaft und brach schließlich ab. Auch wenn er bereits einiges gesagt hatte – er konnte sich einfach nicht dazu durchringen, die drei entscheidenden Worte auszusprechen. Er hatte sich nicht wirklich getraut, als er es ihr persönlich hätte sagen können, doch auch nun war da etwas wie Angst. Er war kein Gryffindor. Und auch, wenn er sich in manchen Situationen als mutig erwiesen hatte – er war einfach kein Mensch, der einfach sagen konnte, was er dachte und fühlte. Er gehörte nicht zu jenen, die ihr Herz auf der Zunge trugen. Der Krieg hatte das nur noch verschärft. Es war zu gefährlich gewesen, einfach zu sagen, was man dachte, selbst wenn der Gegenüber auf derselben Seite stand. Es gab Spione, überall, und Wissen war gefährlich. Er konnte nicht so einfach von Krieg auf Frieden umschalten. Nicht hier, nicht vor ihr. Sie hatte diesen Frieden nicht mehr erlebt, auch wenn sie wohl einen maßgeblichen Teil dazu beigetragen hatte.

"Ich hätte früher kommen sollen." Er seufzte erneut, inzwischen wieder Herr seiner Gefühle. "Ich meine... deine Beerdigung... es ist schon Monate her, doch ich bin erst jetzt hier. Weihnachten. Heiligabend. Normale Menschen sitzen daheim im Kreis ihrer Familie." Er lachte kurz und freudlos auf. "Aber so etwas habe ich nicht – zu gefährlich. Die einzige Familie waren die Kollegen, aber... weißt du, dass ich den Dienst quittiert habe? Du hast das nicht mehr mitbekommen, oder? Das mit den Todessern und Crouchs Ansicht dazu und das alles eben... Sirius Black ist nach Askaban gekommen, ohne Verhandlung, einfach vom Fleck weg eingesperrt." Er senkte den Kopf. "Du mochtest ihn, nicht wahr? Ich meine, nicht so, aber er war ein enger Freund, ein aufsteigender Stern. Unglaublich, dass er von allen Leuten ein Verräter sein soll, nicht wahr?"

Er schwieg wieder und starrte in den Himmel über sich. Noch immer fielen weiße Flocken zu Boden. Dieses friedliche Bild stand so im Gegensatz zu seiner inneren Aufgewühltheit. Eigentlich war er nur hergekommen, um ihr seine Liebe zu gestehen, aber nun redete er um den heißen Brei herum. Wenn sie noch gelebt hätte, hätte sie ihm sicherlich dafür eine Standpauke gehalten. Sie war einer dieser direkten Personen gewesen. Schnurgerade aufs Ziel. Nicht wie er, wie Slytherins, um viele verworrene Ecken. Irgendwie vermisste er genau diese Art, hatte sie in den letzten Monaten vermisst. Immer wenn er mit den anderen zusammengesessen hatte, Pläne diskutiert hatte, hatte ihm ihre Art gefehlt, alles einfach auf den Punkt zu bringen.

"Planung bringt doch am Ende sowieso nichts!", hätte sie gesagt.

Und es entsprach den Tatsachen. Er hatte hier ein weiteres Beispiel für nutzlose Pläne. Er hatte sich vorgenommen, es ihr zu sagen, dieses Jahr zu Weihnachten. Er hatte es sich schon vor mehreren Monaten fest vorgenommen. Er hatte sich Worte zurechtgelegt gehabt, das Gespräch geplant. Dann jedoch war alles anders gekommen. Sie, ermordet von Lord Voldemort höchstpersönlich. Er, in Verzweiflung gestürzt über ihren Tod, doch er machte weiter. Er hatte immer weitergemacht, so auch jetzt. Und er würde es dieses Weihnachten, dieses Fest der Liebe, schaffen, ihr zu gestehen, was er nicht zu ihren Lebzeiten gekonnt hatte.

"Auch auf die Gefahr hin, dass du mich lynchen willst...", begann er, alles zusammenkratzend, was er an Gryffindormut besaß. "Ich liebe dich. Ich liebe dich von ganzem Herzen, mehr noch als mich selbst. Nenn mich ruhig verrückt – das wäre nicht das erste Mal. Auch wenn es pathetisch klingt, was ich da von mir gebe. Gryffindorisch, was? Ich meine, ich gestehe dir meine Liebe. Klingt ein wenig wie aus einem Theaterstück, ein pures Klischee. Aber es ist die Wahrheit. Glaub es oder nicht. Der Rest liegt nun bei dir..."

Er erhob sich schwerfällig, schon ganz steif wegen der Kälte und dem langen Sitzen. Er sah mit einem traurigen Ausdruck in den Augen auf den Grabstein vor sich. So lange hatte er es aufgeschoben, bis es zu spät war. Aber er hatte letztendlich den Mut gefunden, den Mut, es laut auszusprechen.

"Ruhe sanft", murmelte er und wischte den Schnee von dem Namenszug. "Und frohe Weihnachten, Dorcas."

Dann wandte Alastor Moody sich um und ließ das verschneite Grab zurück, welches die sterblichen Überreste von Dorcas Meadowes beherbergte.