Sean beobachtete Natalie, die plötzlich von ihrem Platz aufgesprungen war, nachdem sie einmal mehr angerufen worden war. Dabei fiel ihm auf, wie oft sie telefonierte. Jetzt aber schien sie etwas, oder besser jemanden, zu suchen, denn sie hielt zielsicher auf die Schreibtische des Teams Burkhardt/Griffin zu und baute sich schließlich vor letzterem fordernd auf.
Okay, es war eine Sache, wenn sie den Grimm ärgern wollte, eine andere aber, wenn sie seine Leute anging. Und diese Szene, die reichte nun wirklich!
Sean erhob sich. Dabei ging ihm auf, daß Nick wirklich schon sehr lange verschwunden war. Er hatte eigentlich angenommen, der junge Grimm sei kurz hinüber in einen der zahllosen Coffeeshops, um sich und seinem Partner frische Becher zu besorgen. Der Kaffeeverbrauch der gesamten Dienststelle hatte immerhin dazu geführt, daß innerhalb der beiden Blocks um das Revier herum ein halbes Dutzend Shops eröffnet hatten, seit Sean zum Captain befördert worden war. Das gute daran, die Hälfte dieser Läden gehörte Wesen, so daß er durchaus auch dann eine gewisse Kontrolle über seine Leute hatte, wenn sie eben außer Haus waren.
Nicks Abwesenheit dagegen war mittlerweile auch durch eine lange Schlange vor dem Thresen eines solchen Shops nicht mehr erklärbar. Und Sean beschlich der Verdacht, der Grimm habe sich unter falschen Voraussetzungen davongeschlichen. Dabei fiel Sean ebenso plötzlich die Abwesenheit eines der FBI-Agenten unter Natalie auf.
Der Captain riß die Tür seines Büros auf und marschierte strammen Schritte hinüber zu Hank und Natalie. Wie er nicht anders erwartet hatte verlangte sie über Nicks Aufenthaltsort aufgeklärt zu werden, und, wie er eben ebenfalls erwartet hatte, bestritt Hank vehement, daß sein Partner sich wohin auch immer verdrückt hatte.
Ein Agent und ein Detective, beide nicht ganz menschlich, einer ein Grimm, der andere … Sean mußte zugeben, er hatte den Begleitern seiner Verflossenen nicht die Beachtung geschenkt, die sie offensichtlich benötigt hatten. Die drei Anwesenden waren ein Hundsjäger und zwei Steinadler. Der fehlende Vierte allerdings …
„Natalie, auf ein Wort!" Seans Stimme klang scharf. Scharf genug, daß sie sofort reagierte und zu ihm herumfuhr.
„Könnten Sie mir erklären, was hier los ist?" fragte Hank. „Eine Sache, wenn wir mit dem FBI zusammenarbeiten. Aber man muß keinen Uniabschluß haben um zu begreifen, daß hier einiges falsch läuft. Gerade zwischen Ihnen, Agent, und Nick."
Seans Gesicht war sehr ernst. „Sehe ich ähnlich, Hank. Danke, daß Sie das in Worte gefaßt haben für mich. Natalie?"
Er sah in ihren Augen etwas, was er dort nie erwartet hätte: Panik.
Sie hatte ihre Männer nicht im Griff, zumindest einen nicht. Und das konnte auch für sie das Aus bedeuten, das war Sean klar. Die Frage war, war Natalie die undichte Stelle, auf die sein Anrufer ihn hingewiesen hatte?
„In mein Büro … Bitte!" Sein Unterton war deutlich drohend, dennoch schüttelte sie den Kopf.
„Du verstehst nicht, Sean", entgegnete sie.
„Ich verstehe, daß du hier eine persönliche Vendetta mit Detective Burkhardt starten willst. Mir war es bisher gleich, aber allmählich endet der Spaß. Und eben darüber möchte ich mit dir unter vier Augen reden."
Ihre Kiefer mahlten und sie schüttelte beinahe trotzig den Kopf.
Sean ballte die Faust. „Zwing mich nicht zu Maßnahmen, die wir beide nicht wollen", sagte er, ließ seine Stimme ein wenig weicher klingen.
In Natalies Gesicht arbeitete es, nervös wechselte sie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
„Hast du deinen Mann Detective Burkhardt nachgeschickt?" fragte Sean kalt.
Ihr Blick wurde fest. Sie suchte seinen Augenkontakt und schüttelte den Kopf. „Nein, habe ich nicht. Aber es wäre besser, wenn mir irgendjemand sagen würde, wohin der G... Detective gefahren ist. Wenn ich das gestern recht verstanden habe, bin nicht ich diejenige mit der Vendetta."
Seans Wut wurde durch ihre Worte etwas abgemildert.
„Sie haben Nick abgekanzelt wie einen Schuljungen! Er ist unser bester Profiler und Sie ..." warf Hank ein.
„Das ist eine andere Sache, Detective", wandte Sean ein und griff nach Natalies Arm.
Sie war stark, stärker als die meisten Wesen, aber nicht stark genug für ihn. Sie versteifte sich unwillkürlich, als seine Finger sich um ihren Oberarm schlossen, doch sie ließ sich endlich vom Schreibtisch wegziehen, bis sie beide sich zumindest weit genug entfernt hatten, daß Hank nicht mehr jedes Wort verstehen würde.
„Harrison ist ein Reaper", zischte Natalie ihm zu. „Wenn wir den beiden nicht gleich nachfahren gibt es ein Unglück!"
„Du bringst einen Reaper in mein Kanton?" Sean baute sich über ihr auf und starrte auf sie hinunter. „In mein Kanton, in dem sich ein Grimm aufhält? Hast du den Verstand verloren?"
„Das war nich meine Entscheidung", entgegnete sie. „Sean, ich mag Gefallen daran finden, deinen kleinen Grimm ein wenig zu ärgern, aber ich will ihn nicht tot sehen … noch nicht."
„Das hörte sich gestern noch anders an."
Natalies Blick glitt ab, als sie wieder begann, nervös das Gewicht von einem auf den anderen Fuß zu wechseln.
„Was soll ich nun glauben?" bohrte Sean weiter.
Sie sah ihn wieder an. „Daß ich nicht will, daß die beiden aneinander geraten."
Seans Kiefer mahlten, während er den Augenkontakt hielt, dann nickte er und er marschierte mit weiten Schritten zum Eingangsportal. Sergeant Wu, der gerade hereinkam, hielt er an. „Lassen Sie Detective Burkhardts Standort mittels seines Handys tracken und schicken Sie ein SWAT-Team ihm hinterher", befahl er, dann wandte er sich zur Treppe, Natalie und Hank auf seinen Fersen.
Nick drehte sich zu dem Geräusch des Motors um, während Kaufman hinter der Schonung im Wald verschwand. Sein Seufzer gefror in der kalten Luft, kaum daß er seine Lippen passiert hatte.
Er scheute keinen Kampf, wenn es denn unbedingt sein mußte. Und das wußte er noch von Tante Marie, wenn Kaufman recht hatte und gerade ein Reaper angekommen war, dürfte es auf genau das hinauslaufen.
Nick warf seinem Truck einen begehrlichen Blick zu. Nach dem Angriff des Siegbarste hatte er sich angewöhnt, eine kurzläufige Schrotflinte im Kofferraum des Trucks mitzuführen, versteckt unter einem Stapel alter Decken, damit Juliette, die nervös wurde, wenn es um Waffen ging, nichts bemerkte. Nur leider würde ein Reaper vermutlich schneller bei ihm hier an der Schonung sein als er umgekehrt bei seinem Wagen. Also blieb Nick nur seine gute alte Pistole.
Einen Moment lang zögerte er noch, dann zog er die Waffe, als die Fahrertür des SUV sich öffnete. Als er allerdings erkannte, wer da ausstieg, wollte er die Waffe schon wieder sinken lassen. „Agent Harrison?"
Überrascht hob Nick die Brauen, dann aber richtete er die Waffe doch wieder auf den FBI-Agenten, als er erkannte, was dieser ebenfalls aus der Fahrgastzelle befreite: eine der üblichen, kompakten Sensen.
„Agent Harrison, senken Sie sofort die Waffe!" befahl Nick und hielt genau auf seinen unverhofften Gegner.
Der drehte sich unbeeindruckt zu ihm um und schwang die Sense, daß das Blatt mit einem metallenen Laut einrastete.
Nick schluckte. „Mann, zwingen Sie mich nicht, auf Sie zu schießen!" rief er.
Der Nieselregen verwandelte sich in leichten Schneefall. Nick wurde jetzt erst bewußt, wie kalt es in den letzten Minuten geworden war. Und ihm wurde auch bewußt, daß Monroe in eine Falle laufen würde, wenn er diese Sache nicht beendete, ehe der Blutbad hier ankam.
Harrison senkte seinen Kopf, sein Gesicht veränderte sich zu dem, was Nick bereits kannte. Sollte er trotz Sense noch Zweifel gehegt haben, jetzt waren sie endgültig zerstreut.
„Grimm!" Harrison verzog sein Wesengesicht.
Nick würde nicht zurückweichen, soviel war ihm selbst klar. Die Frage war, war dieser Angriff jetzt auf irgendeine Weise motiviert, hatte vielleicht sogar Furlong ihm Harrison auf den Hals gehetzt oder steckte noch etwas anderes dahinter?
Nicks Grimmsinne begannen zu arbeiten, und eben sie sagten ihm, das da noch etwas anderes ablief und die Entführung Madeleines nur die Spitze eines Eisbergs war, den er lieber nicht zu tief hinabsteigen wollte.
Der Reaper Harrison kam näher.
Nick konzentrierte sich, so wie Monroe es ihm jetzt schon öfter erklärt hatte, auf sein Innerstes. Ein bißchen fühlte er sich wie Luke Skywalker, der blind irgendein fliegendes Ding, daß schwache Laserstrahlen aussendet, attackiert. Er hatte keine echte Ahnung dessen, was er eigentlich war. Er hatte mittlerweile nur gelernt, daß es da einen Punkt in ihm gab, der zu einem Abgrund führte, an dessen Oberfläche er kratzen konnte, ohne daß die Wogen zu hoch schlugen. Vermutlich eben besagte Grimmsinne.
Trotzdem hatte Harrison noch eine Warnung verdient.
Nick senkte den Lauf seiner Waffe und gab einen Warnschuß ab, direkt vor Harrisons Füßen spritzte die aufgeweichte Erde hoch. Den Reaper störte das herzlich wenig. Er hob die Sense.
„Verdammt!" Nick schoß ein zweites Mal, wohl wissend, wie aussichtslos das war. Er wußte nicht warum, aber Reaper schienen gefeit vor Kugeln zu sein. Und dieser war noch dazu schnell.
Mit einer kaum sichtbaren Bewegung der Sense lenkte Harrison die Kugel ab. Nick mußte sich zur Seite fallen lassen, sonst hätte der Querschläger ihn vermutlich sogar noch getroffen. Während er fiel gab er noch zwei Schüsse ab, die dieses Mal zumindest nicht postwendend zurückgeschickt wurden, aber trotzdem nutzlos blieben, trafen sie Harrison doch nicht.
Der aufgeweichte Boden saugte an ihm, als er sich zumindest wieder auf die Knie kämpfte. Die Zeit nutzte nun wieder der Reaper, um noch näher zu kommen.
Nicks Instinkte rasteten ein, als er das vertraute Zischen der Sense hörte. Er ließ sich nach hinten fallen und spürte den Luftzug über sich, als die Sense dort entlangzischte, wo vor nicht einmal einer Sekunde noch sein Kopf gewesen wäre.
Endlich konnte er seine Füße aus dem Morast befreien. Er hob beide Beine und trat Harrison in den Bauch, gerade als der zu einem weiteren Hieb ausholen wollte. Mit einem Knurren auf den Lippen kippte der FBI-Agent nach hinten, fing sich aber wieder.
Nick wühlte sich aus dem Dreck und kämpfte sich auf die Beine zurück. Seine Grimmsinne waren nun voll erwacht, das Adrenalin sang in seinen Adern, als er seinerseits den Reaper angriff, der jetzt mit dem aufgeweichten, matschigen Untergrund zu kämpfen hatte.
Nick holte mit der geballten Faust aus und traf seinen Gegner voll am Kinn.
Es schmerzte nicht einmal …
Harrison taumelte einen Schritt nach hinten und trat in ein Matschloch, vermutlich das Wurzelloch einer nicht mehr existierenden Tanne. Der Reaper mußte die Sense fallenlassen, als er mit den Armen rudernd um sein Gleichgewicht kämpfte.
Gleichstand, kam es Nick in den Sinn, der schon wieder die Fäuste ballte, um seinen Gegner endgültig zu Boden zu schicken. Doch der Reaper schien das geahnt zu haben. Er ließ sich fallen und trat im Fall nach dem jungen Grimm, der nun seinerseits rückwärts torkelte.
Der Schneefall wurde dichter.
Nick kämpfte noch um sein Gleichgewicht, als er wieder das Zischen der Sense hörte.
Das konnte nicht sein, schoß es ihm durch den Kopf. Harrison lag auf dem Rücken, der konnte unmöglich so schnell wieder auf den Beinen sein.
Dann aber … fühlte er den Luftzug einer zweiten Sense, einen Sekundenbruchteil, ehe die rasiermesserscharfe Klinge den Rücken seiner Winterjacke aufschlitzte. Daunenfedern mischten sich mit Schneeflocken.
Ein zweiter Reaper!
Nick wirbelte so schnell er konnte herum, um sich dem zweiten Gegner zu stellen. Keine gute Idee bei dem Untergrund, auf dem sie alle sich bewegten. Nick war noch nicht tief genug in den Matsch eingesunken, um sicheren Stand zu haben. Statt dessen rutschte er wieder weg und schlug flach auf dem Rücken auf. Die Blutergüsse aus der Nacht protestierten gegen diese Behandlung mit einem dumpfen Schmerz, der ihn ächzen ließ.
Erneut hörte er das Zischen der Sense und rollte sich so schnell wie möglich herum. Trotzdem fühlte er, wie der kalte Stahl sich in das Bein seiner Jeans schnitt.
Reaper Harrison war mittlerweile auch wieder auf den Beinen und gesellte sich zu sich seinem Kollegen.
Nick machte sich so klein wie möglich, als wie aus dem Nichts plötzlich zwei Sensen auf ihn niedersaußten.
Er mußte unbedingt wieder auf die Beine kommen, wollte er nicht in Einzelteile zerschnitten werden.
Er griff wieder nach seiner Waffe, die auf wunderbare Weise immer noch im Halfter steckte, wo er sie hingesteckt hatte nach seinem Fall zur Seite.
Er mochte Reaper nicht mit Kugeln töten können, aber er konnte sie aufhalten.
Nick zielte und gab kurz hinteinander zwei gezielte Schüsse auf Harrisons Knie ab. Beide Kugeln trafen und zerschmetterten die Knieschieben des FBI-Agenten.
Einer erst einmal aus dem Rennen.
Nick hatte kaum die Zeit, sich wieder herumzurollen. Erneut traf die Sense ihn und hinterließ eine Spur aus heißem Schmerz in seiner Seite.
Auf allen Vieren krabbelte Nick außer Reichweite der Reaper und deren Waffen und begann, sich auf die Beine zurückzukämpfen. Da hörte er erneut das Zischen über sich – und dieses Mal wußte er, er konnte nicht mehr schnell genug reagieren. Er schloß die Augen in Erwartung der Klinge und dachte an Juliette …
