Kapitel 8: „Schweiß"

Gillian wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und schlug nach den Insekten, die sie umschwirrten. Trotz der Hochlage war der Dschungel an dieser Stelle undurchdringlich und sie hatten den Jeep stehen lassen und sich zu Fuß weiter durchschlagen müssen.

Sie kamen nur langsam voran, die Männer vor ihr bahnten sich mit einer Machete einen Pfad.

Es waren nur noch drei Männer übrig: zwei Träger und der Ortskundige, mit dem sich Gillian auf gebrochenem Englisch verständigen musste. Die anderen, mit denen sie auf ihre Expedition aufgebrochen war, hatten sie fluchtartig verlassen; entweder als sie erfuhren, wo die Reise hinging, oder nachdem sie das merkwürdige Verhalten ihrer Auftraggeberin nicht mehr tolerieren konnten. Auch die drei, die übrig waren, hatten Angst vor ihr.

Gillian konnte es nicht ändern.

Seit Wochen war sie nun schon im Dschungel unterwegs, nachdem sie zunächst den halben Kontinent per Flugzeug durchquert und viele Kilometer mit dem Jeep gefahren war. Irgendwann hatte sie keine Ausreden mehr gehabt, warum sie nicht tagsüber unterwegs sein konnten, und die Einheimischen weigerten sich strikt, nachts im Dschungel zu wandern.

Gillian schützte sich vor dem Sonnenlicht durch einen selbst angefertigten Schlafsack, der provisorisch aber wirksam mit Alufolie gefüttert war.

Sie war auf diese Männer angewiesen, auch wenn sie gelernt hatte, mit Kompass und Karte umzugehen. Viel Geld, und Furcht vor ihrem Zorn, hielten die Männer davon ab, sie inmitten des Nirgendwo sitzen zu lassen.

Gannen Harst hatte sich dem Befehl Steve Leopards gebeugt, und die Koordinaten, an denen sich das Grab des letzten Schattentänzers befinden sollte, herausgerückt.

Doch er war nicht mitgekommen, Gillian war alleine aufgebrochen.

Jetzt befanden sie sich viele Kilometer entfernt von der letzten bewohnten Siedlung, und die Vorräte wurden knapp. Sie mussten ja auch noch für den Rückweg reichen.

Doch es war nicht mehr weit.

Immer wieder tauchten Ruinen rechts und links des Weges auf, und Gillian wurde immer aufgeregter.

Schließlich erreichten sie eine Art Lichtung, und die Männer blieben stehen.

Vor ihnen ragte der unförmige Klotz einer verblassten Steinpyramide auf, deren Stufen von Unterholz und dichten Schlingpflanzen bedeckt waren.

Mit klopfendem Herzen betrat Gillian die Lichtung, doch die Männer schüttelten den Kopf und riefen sich aufgebracht etwas zu.

Sie wagten es nicht, der Pyramide zu nahe zu kommen.

Ungeduldig bedeutete Gillian ihnen, zu warten, und am Rande der Lichtung ihr Lager aufzuschlagen.

Sie zog ihre Machete, und ging den Rest des Weges alleine weiter.

Sie versuchte das Bauwerk zu umrunden, auf der Suche nach einem Eingang.

Auch wenn Gillian es nicht mit Bestimmtheit sagen konnte: die Maya hatten diese Pyramide nicht erbaut, und auch sonst kein Volk, das die Geschichtsbücher erwähnten.

In der Hitze, die auch nachts im Dschungel herrschte, schlug Gillian sich einen Pfad bis zu dem Fuß der Stufen.

Sie hob die Fackel und in ihrem flackernden Schein, tauchte ein Loch auf, das in die Seitenwand der Pyramide gerissen war.

Dort ging es hinein.

Doch als Gillian dichter heran trat, stutzte sie.

Der Eingang lag weiterhin im Dunkeln.

Selbst als Gillian die Fackel ein Stück weit in die Öffnung herein hielt, erhellte kein Schein die Steinwände, die dort hätten zu sehen sein müssen.

Die Fackel gab ein Zischen von sich, und schnell zog sie sie wieder zurück.

Das Innere der Pyramide war von undurchdringlicher und unnatürlicher Dunkelheit erfüllt.

Atemlos starrte Gillian auf die tintige Schwärze.

Sie hatte noch nie Schatten gesehen, die sie nicht selbst heraufbeschworen hatte.

Dies war die Dunkelheit eines Schattentänzers.

Und Gillian begriff: Niemand konnte dieses Grab betreten, der nicht selbst ein Schattentänzer war.

Vor allem konnte kein Vampir diese Barriere durchdringen, ohne in Flammen aufzugehen.

Die Pyramide war mit Dunkelheit erfüllt, die brannte wie Sonnenlicht.

Gillian kaute auf ihrer Unterlippe.

Verdammt.

Sie war ein Schattentänzer.

Aber sie war auch ein Vampir.

Würde sie es schaffen, diese Barriere zu durchqueren? Oder würden die Schatten sie als Feind sehen, als Vampir, und sie zu Asche verbrennen.

Gillian kroch eine Gänsehaut über den Rücken.

Sie war so weit gekommen.

Sie musste es probieren.

Die Vampirin steckte die Fackel nahe des Eingangs in die Erde, und streckte ihre nach der langen Wanderung steifen Glieder.

Sie zwang sich, ruhig zu atmen, und schloß die Augen.

Sie fühlte in den Eingang hinein, und versuchte, den Schatten dort drinnen zu rufen.

Erschrocken zog sie die Luft ein, und keuchte auf.

Die Dunkelheit da drin war anders, als alle, die sie je kennengelernt hatte.

Es war, als lebe dort drinnen ein intelligentes, böses Wesen. Und ein Hasserfülltes.

Der Schattentänzer, der in diesem Grab lag, hatte all seinen Wut und seinen Hass darauf gerichtet, seine letzte Ruhestätte zu schützen.

Aber Gillian war nicht in böser Absicht hier.

Sie war auf der Suche nach einem Lehrmeister.

Sie schloß die Augen und konzentrierte sich.

Laß mich rein, ich bin kein Feind, dachte sie konzentriert.

Mit den Gesten, die sie sich selbst beigebracht hatte, befahl sie, der Dunkelheit vor ihr, zu weichen. Sie hatte die Augen geschlossen und öffnete sie auch nicht, aus Angst, dass sie Zögern würde, wenn sie sah, dass es nicht geklappt hatte.

Dann hielt sie den Atem an, und trat beherzt einen Schritt in den Tunnel.

Es war als wäre sie in kühles Wasser eingetaucht.

Doch die Schatten verbrannten sie nicht.

Sie öffnete die Augen, und wusste einen Moment lang nicht, ob sie schon offen waren, oder nicht, denn alles was sie sah, war schwärzeste Nacht. Dann gewöhnten sich ihre Schattentänzer-Augen an die Dunkelheit und sie sah die grauen Umrisse einer Kammer.

Vorsichtig drang Gillian tiefer in die Pyramide ein.

Sie sah die Silhouette eines Sarkophages, der knapp vor ihr auf einem Steinpodest ruhte.

Ihr Puls beschleunigte sich.

Der Sarkophag war offen, und als Gillian der Dunkelheit befahl, zu weichen, riß sie auf wie Nebel und gab den Blick frei, auf die Gestalt einer Mumie, die mit über der Brust verkreuzten Armen in dem offenen Steinsarkophag lag.

Die Mumie war ledrig und vertrocknet, und es war unmöglich zu sagen, seit wann sie hier lag.

Der Kopf des Schattentänzers war in den Nacken gelegt und fasziniert und verängstigt zugleich sah Gillian, wie Dunkelheit wie schwarzer Rauch aus dem weit aufgerissenen Rachen der Mumie herausströmte.

Er produzierte diese Schwärze!

Noch immer!

Vorsichtig trat Gillian näher an den Sarkophag heran, unsicher, was als nächstes zu tun sei.

Da fuhr sie erschrocken herum.

In der Dunkelheit hinter dem Sarg hatte etwas aufgeglüht und war wieder erloschen!

Mit klopfendem Herzen starrte sie zu der Stelle, versucht, die Schwärze zu durchdringen.

Da war es wieder!

Es glühte auf und erlosch.

Glühte auf und erlosch.

Glühte auf und erlosch – Gillian glaubte herzförmige Umrisse zu erkennen.

Sie registrierte, dass das rotglühende Herz im Rhythmus ihres eigenen Herzschlages zu pulsieren schien.

„Wer ist da?!", keuchte sie.

Jemand trat aus der Finsternis hervor.

Jemand mit einer Taschenuhr in Form eines Herzens in der Hand.

Desmond Tiny.

Erschrocken taumelte Gillian ein paar Schritte zurück. Ein kalter Schauder kroch ihr den Rücken hoch.

Was hatte der hier zu suchen?

Der dicke Mann in dem tadellosen Aufzug schien weder zu schwitzen noch unter den Insekten zu leiden. Frisch wie aus dem Ei gepellt trat er hervor, und betrachtete Gillian amüsiert.

Bei seinem Anblick kroch kalte Furcht in ihr hoch, und griff nach ihrem Herzen.

Gillian war dem unheimlichen Mann, der sich Desmond Tiny nannte, nur ein paar Mal begegnet. Die Kleinen Leute aus dem Cirque du Freak gehörten zu ihm, und er war ab und zu vorbeigekommen und hatte welche abgesetzt oder mitgenommen. Ausnahmslos alle im Cirque hatten Angst vor ihm, und gingen ihm aus dem Weg. Es gab die wildesten Gerüchte über ihn. Es hieß, er sei ein Magier.

Und es hieß, er verspeise kleine Kinder zum Frühstück.

Larten Crepsley jedenfalls fürchtete und hasste den Magier, und das war Grund genug für Gillian, ihn auch zu hassen.

„Was machen Sie hier?", keuchte Gillian, und versuchte ihre Angst zu verbergen.

„Du hast also endlich hierher gefunden", sagte er amüsiert, und Gillian starrte ihn entgeistert an.

„Heißt das, sie haben mich erwartet?"

„Gewiss", gluckste er vergnügt.

Gillian runzelte zornig die Stirn. „Dann wissen Sie, was das hier ist", sie deutete auf das Grab und auf die Mumie, aus deren Rachen schwarzer Rauch drang.

„Vermutlich tue ich das", kicherte Mr Tiny, so dass sein Kinn wackelte.

Gillians Gedanken rasten.

„Und sie wissen auch, warum ich hier bin."

„Weil du Fragen hast, kleine Gillian." Eindringlich sah er sie an.

Die herzförmige Uhr in seiner Hand glühte auf und erlosch wieder im Rhythmus ihres eigenen Pulsschlags.

Gillian legte den Kopf schief. „Und sie können mir meine Fragen beantworten."

Mr Tiny wandte sich ab, und stolzierte eine paar Schritte in die Kammer.

„Das könnte ich. Aber das wäre ja viel zu einfach, nicht wahr. Es ist viel amüsanter, dir zu zu sehen, wie du im Dunkeln tappst." Er lachte vergnügt über sein Wortspiel.

Gillian verzog zornig das Gesicht.

Er sah sie onkelhaft an: "Ich sehe dir gerne zu. Du hast hohen Unterhaltungswert. Wirklich. Ich mag dich, Vampirin Gillian."

Gillian kniff die Augen zusammen und schnaubte wütend.

Mr Tiny grinste: "Und weil ich dich so mag, gewähre ich dir eine Frage. Wie ist das? Eine einzige Frage. Überlege also gut, bevor du sie stellst."

Offenbar amüsierte er sich sehr, und Gillian drehte ihm angewidert den Rücken zu.

Was sollte das? Sie traute ihm nicht eine Sekunde.

Und doch…

Und doch wusste er wahrscheinlich alles über das Grab und die Schattentänzer.

Niemand wusste, wie alt Mr Tiny war – oder was er war- aber Larten Crepsley hatte Andeutungen gemacht, dass es ihn schon sehr lange gab. Er war vielleicht älter, als die ältesten der Vampire. Älter als Paris Skyle.

Er wollte ihr eine Frage beantworten. Warum nicht? Sie würde hören, was er zu sagen hatte.

Sie begann grübelnd auf und ab zu gehen, merkte nicht, wie sie sich in Gedanken versunken über die Narben an ihrer linken Seite rieb.

Es gab so viel, was sie fragen wollte, so viel, was sie nicht verstand.

Sie sah zu dem Sarkophag des Schattentänzers und beobachtete den schwarzen Rauch, der aus seinem Mund quoll und die Kammer in ewige Nacht tauchte.

Mr Tiny beobachtete sie und Gillian hielt seinem Blick stand.

„Warum nennt man sie die Königin von Luft und Dunkelheit? Was hat es mit der Luft auf sich? Ich verstehe den Teil mit der Dunkelheit, aber was ist mit der Luft…?"

Mr Tiny verzog sein Gesicht im Zorn. „Das nicht! Das beantworte ich dir nicht. Stell eine andere Frage!"

Verblüfft sah Gillian, wie Des Tiny wütend wurde. „Wieso nicht? Warum wollen sie das nicht beantworten?"

„Vergiß die Luft! Das ist nichts für dich! Bleibe bei der Dunkelheit!"

Aufgeregt kapierte Gillian, dass sie da wohl an etwas Wichtigem dran war. Wenn Mr Tiny nicht wollte, dass sie ihm Fragen über die Luft stellte, dann waren diese Fragen wohl sehr wichtig!

Sie ist zu schlau!, dachte Des Tiny verärgert und betrachtete die schlanke Frau, als sähe er sie zum ersten Mal. Ich darf sie nicht unterschätzen!

„Wir hatten eine Abmachung. Beantworten Sie mir meine Frage, Des Tiny!"

Der unheimliche dicke Mann sah sie auf eine Art und Weise an, die Gillian kalte Schauer über den Rücken laufen ließ. Sie begriff, dieser Mann war böse. Abgrundtief böse!

Sie konnte ihre Furcht nicht verbergen, und Mr Tiny schmollte mit den Lippen. „Ich habe dir gewährt eine Frage zu stellen. Ich habe nichts davon gesagt, dass ich sie dir beantworten werde", sagte er hämisch, und machte Gillian damit fuchsteufelswild.

Sie schnaubte und wandte sich ab.

Es kostete sie große Selbstkontrolle, diesem Mann den Rücken zu zu drehen, während all ihre Sinne ihr zuriefen, dass man ihm nicht trauen konnte.

Doch sie wollte verhindern, dass er weiter zornig auf sie wurde.

Dieser Mann war zu allem fähig.

„Schon gut", sagte sie möglichst beiläufig, und tat so, als interessiere sie sich genauer für den Sarkophag. „Ich werde es schon alleine herausfinden."

Mr Tiny beobachtete sie, wie sie das Grab umrundete, und mit den Fingern über eine Inschrift fuhr.

Die Inschrift war in Latein.

Sie sah wieder zu ihm auf. „Dann sagen sie mir doch, warum sie hier sind."

Das schien dem Magier wiederum zu gefallen. Ein Lächeln huschte wieder über sein dickes Gesicht. „Wer sagt, dass ich etwas will?", gluckste er.

„Sie haben doch nicht den weiten Weg hierher gemacht, um mich zu sehen?", fragte Gillian und zog in gespielter Überraschung eine Augenbraue hoch.

Mr Tiny kicherte vergnügt. „Oh, so weit wie du denkst, ist der Weg nicht."

Gillian beugte sich über den Sarkophag und betrachtet scheinbar interessiert die Mumie.

„Wie wäre es, wenn ich dir deine Frage doch beantworte?"

Gillian sah auf.

„Dafür musst du dann aber auch etwas für mich tun."

Gillian packte kalte Furcht. Des Tiny war der Letzte, mit dem sie einen Deal haben wollte. Was auch immer er von ihr wollte, sie durfte es auf keinen Fall tun.

Dennoch brannte sie darauf, zu erfahren, was es war, dass er von ihr wollte.

„Was?", fragte sie daher, und ihr Magen rebellierte vor Angst. „Was wollen Sie, dass ich tue?"

Mr Tiny sah sie kalt und berechnend an. „Ich werde dir deine Frage beantworten. Aber noch nicht. Es ist noch nicht so weit. Eines Tages wirst du die Antwort auf deine Frage erhalten. Aber bis dahin, musst du erst noch etwas tun."

Er machte eine Pause und genoß die Wirkung seiner Worte.

„Was wollen sie?", fragte Gillian gequält.

Mit einem bösen Lächeln beugte Des Tiny sich vor: „Ich will, dass du dich für eine Seite entscheidest!"

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