Chapter Eight:

Immer wieder von neuem musste der magere Tommy mit ansehen wie die im Grunde für ihn ziemlich sympathische Frau, die unten in den unheimlichen Kerkern gefangen war, immer schwächer und schwächer wurde.

Er wollte so gerne etwas dagegen unternehmen, doch er hatte der attraktiven Lady sein Versprechen gegeben, den brutalen Kriegern, die auch seine kleine Schwester gefangen hielten, kein Sterbenswörtchen verraten würde. Doch was würden die Krieger sagen, wenn sie herausbekommen würden, dass die Frau auf die er eigentlich aufpassen sollte gestorben war? Und vor allem: was würden sie mit seiner Schwester tun? Ihn würden sie gewiss ebenfalls fürchterlich bestrafen, doch das würden sie auch tun, wenn er ihnen alles erzählte. Es war ihm egal, was sie mit ihm anstellten, doch seiner Schwester durften sie kein Haar krümmen. Er hatte seiner Mutter am Sterbebett versprochen, gut für seine kleine Schwester zu sorgen und nun war er seit zwölf Jahren in dieser schrecklichen Burg gefangen.

Er wusste nicht einmal wie es ihr ging. Mit fünf Jahren war er hierher gebracht worden und wurde sofort von seiner, um ein Jahr jüngeren, Schwester getrennt. Die Soldaten hatten ihm geschworen, dass es ihr gut ging und das hatte ihm genügt. Doch konnte er nun zusehen wie diese Frau langsam aber sicher starb? Nein, er konnte einfach nicht noch mehr verantworten. So quälte sich der junge Sklave bis tief in die Nacht hinein.

Offensichtlich konnte er es nicht länger ertragen, denn an einem Tag hörte Lara verdächtige Geräusche, nachdem die Eisentür geöffnet wurde. Sie blieb reglos sowie kraftlos auf ihrer Pritsche liegen und horchte angestrengt in die Dunkelheit hinein. Sie hatte sich nicht geirrt, denn anstatt der leichten, kaum hörbaren Schritte vernahm sie schwere Stiefel, die grob über den Untergrund schliffen. Auch der Lichtschein der Fackel war heller als gewöhnlich, was sie vermuten ließ, dass sich mehrere Männer auf sie zu bewegten.

Der unscheinbare Tommy hatte sie verraten. Sie konnte den Gedanken gar nicht mehr ganz zu Ende denken, als schon ihre Zellentür aufgerissen wurde und ein paar Männer hereinstürmten und sie hochzogen. Eine hünenhafte Gestalt warf einen großen Schatten auf sie und trat beiseite um Licht auf die geschwächte Abenteurerin zu werfen. Lara konnte sich kaum noch selbst aufrecht halten und so wurde sie von einem starken Krieger festgehalten, während ein anderer ihre Arme mit einem nach Desinfiziergeruch stinkenden Tuch abwischte. Bradek schüttelte den Kopf. „Miss, Croft. Was machen sie für Sachen? Da lässt man sie einmal für ein paar Tage allein und schon essen sie nichts mehr."

„Das muss dann wohl daran liegen, dass ich mich nicht gerne mit Drogen voll pumpen lasse", keuchte sie mit kaum hörbarer Stimme. Bradek kam auf sie zu und drückte ihr eine Feldflasche an die Lippen. „Los, trinken sie. Es ist nur Wasser."

Als sie nicht reagierte, ließ er etwas Wasser in ihren Rachen gleiten und zwang sie, indem er ihr in die Kehle drückte, zu schlucken. Als sie nach dem ersten Schluck merkte, dass es wirklich nur Wasser war, schlang sie das kostbare Nass gierig hinunter. Bradek machte kein Kommentar, als sie die Flasche ausgetrunken hatte und zückte eine zweite Feldflasche, die er ihr ebenfalls an ihre vollen Lippen drückte.

Als sie auf diese Weise auch noch die zweite Flasche ausgetrunken hatte, nahm er einen Laib Brot und brach ein Stück von diesem ab. Als er es in ihren Mund schob, ließ sie sich das flaumige Brot schmecken. Sie hatte bereits beinahe den ganzen Laib verschlungen, als sie spürte, wie ihr eine Nadel in den Unterarm gestoßen wurde. Sie zuckte zusammen und wurde daraufhin von zwei kräftigen Kriegern an die Wand gedrückt. „Träumen sie schön, Miss Croft. Ich hoffe, es hat ihnen geschmeckt", meinte Bradek und steckte die letzten Krümel des Brots in seine Jackentasche. Als die Spritze aus ihrem Unterarm herausgezogen wurde sah sie, wie rote Blutstropfen an ihrem Arm hinunterrannen. Das war das letzte, was sie wahrgenommen hatte, als ihr Blick verschwamm und sie im Nirgendwo versank.

Ihr Kopf schmerzte ungeheuerlich, als Lara die Augen aufschlug. Aber immerhin schlug sie die Augen auf. Überhaupt ging es ihr im Vergleich zur letzten Zeit besser. Sie hatte wieder etwas im Magen und sie konnte halbwegs klar denken.

Das gestern (war es gestern?) musste wohl nur ein einfaches Betäubungsmittel gewesen sein. Sie war sich nicht im klaren, ob sie Tommy nun böse sein sollte, oder nicht. Nach einer Weile beschloss Lara ihm nicht böse zu sein. Er hatte bestimmt schon genug Schwierigkeiten. Doch was war mit ihren Schwierigkeiten? Ihre momentane Situation sah nicht besonders rosig aus, um nicht zu sagen hoffnungslos und düster. Sehr, sehr düster. Nun ja, irgend wann würde sich schon eine passende Gelegenheit bieten, zu entkommen.

Sie hatte es schließlich bis jetzt immer geschafft. Mit diesem kleinen Hoffnungsschimmer ging es ihr schon viel besser. Halbwegs guter Laune wartete sie auf Tommy. Sie hatte keine Ahnung wie spät es war, als sie Schritte hörte. Freudig richtete sie sich auf und versuchte die Dunkelheit mit ihren Blicken zu durchdringen. Es dauerte nicht lange, da erhellte eine Fackel ihre trostlose Umgebung. Tommy sperrte ihre Zelle auf und stellte das Tablett am Boden ab. „Hallo Tommy. Wie geht's?" Erstaunt blickte der Bursche in die freundlichen Augen der Gefangenen. „Äh, gut. Sind sie mir denn gar nicht böse?"

„Doch, aber was würde es mir bringen, wenn ich dich töte?" Irritiert und erschrocken blickte er sie an. „Nun schau nicht so! Das war doch nur ein Scherz." Erleichtert atmete der Junge auf. „Tun sie das nie wieder."

„Lara." Er blickte sie fragend an. „Nenn mich einfach Lara, okay?" Tommy lächelte schüchtern und nickte. Plötzlich fiel Lara etwas ein. „Tommy, darfst du eigentlich nicht mit mir reden?" Er zuckte zusammen und sie vermutete, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. „Das dachte ich mir. Warum tust du's trotzdem? Bekommst du keinen Ärger?"

Er rieb sich verlegen am Arm. „Nun ja... eigentlich schon...", plötzlich brach es aus ihm heraus, „aber ich hab ja sonst niemanden zum reden!"

Mitleidig blickte sie den ausgehungerten Knaben an. „Bist du ganz alleine hier?" Tommy blickte niedergeschlagen zu Boden und flüsterte: „Ja... ich meine nein, ich hab eine Schwester."

„Und wo ist sie?" Er schüttelte verzweifelt den Kopf. „Das weiß ich doch nicht! Ich habe keine Ahnung, ich weiß nur, dass sie hier in der Burg ist." Er setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und schüttete der Abenteurerin sein Herz aus. Als er geendet hatte sprang er erschrocken auf die Füße und verließ so schnell wie nur möglich den Kerker. Er wurde bestimmt schon vermisst. Tommy hatte eine sehr nachdenkliche Lara zurückgelassen.

Doch auch der junge Sklave grübelte über die Fremde nach. Sie hätte jederzeit an ihm vorbeirennen und flüchten können, doch sie hatte bloß auf ihrer harten Pritsche gesessen und ihm zugehört. Er hatte die Geschichten gehört, die die Krieger über Lara erzählten, als er ihren Aufenthaltsraum säuberte. In diesen Erzählungen war ihm diese Frau eher unberechenbar und grausam vorgekommen, doch als sie einfach so still dasaß und ihre gesamte Aufmerksamkeit nur ihm widmete, konnte er den Geschichten der Krieger keinen Glauben mehr schenken. In diesen Geschichten wurde sie brutal geschildert und die Morde an den Kollegen der Krieger wurden besonders ausgeschmückt. Es war, als ob sie zwei Seiten hatte, eine überaus sanfte und eine überaus gnadenlose. Doch er musste sich nun auf seine Arbeit konzentrieren, sonst bekam er

noch mehr Ärger als er ohnehin schon hatte.

Nach geraumer Zeit hörte Lara wieder Schritte. Sie hatte ihr Essen bereits zu sich genommen und verspürte schon wieder ein leichtes Knurren im Magen. Diesmal hatte es keinen seltsam aussehenden Klumpen gegeben, sondern flaumiges Brot und Wasser in dem, dem Geruch nach zu schließen, keine Drogen waren.

Tommy bog um die Ecke und blickte irgendwie verstört drein. Lara wollte ihn gerade freundlich begrüßen, als er ihr mit einer Handbewegung und beinahe angsterfülltem Gesicht zu verstehen gab, dass sie nichts sagen sollte. Kaum das der junge Sklave die Reste ihres letzten Mahles aufhob, bog auch schon eine Handvoll Krieger um die Ecke. Bradek war nicht unter ihnen. Er kam wohl nur zu außergewöhnlichen Anlässen.

Lara gab sich Mühe nicht zu dem angsterfüllten Tommy zu sehen und richtete sich auf. Die Männer stießen Tommy beiseite und zwei von ihnen machten sich sofort daran ihre Arme zu desinfizieren. Ein anderer stellte ein Tablett mit neuem Essen auf den Boden, während zwei weitere Krieger vor ihr standen und jeden Atemzug von ihr genauestens verfolgten. Lara war schlau genug sich nicht gegen die Hampelmänner Bradeks zu wehren, sondern wartete einfach die folgenden Ereignisse ab.

Einer von den Kriegern grunzte: „Essen für sie." Er machte eine Kopfbewegung in Richtung Tablett und lenkte somit Laras Blick auf Tommy, der soeben die Zelle verließ. Sie blinzelte ihm zu und sah wie er sie schwach anlächelte.

„Ich sagte: Essen für sie!", meinte der Krieger ungeduldig. Lara fand es nicht einmal der Mühe wert den Mann anzusehen, sondern betrachtete stattdessen ihre Fingernägel. Sie hatten unter den Strapazen ziemlich gelitten. Bevor der Krieger wütend auffahren konnte, meinte sie gelassen: „Danke." Verdutzt starrte er sie an. Vermutlich war er noch nie so von einer Frau behandelt worden (geschieht ihm recht teuflischgg).

Als der Typ sich wieder gefangen hatte schnauzte er sie an: „Sie sollen es sofort essen!" Mit offenbar großer Interesse betrachtete sie eine Spinne, die gerade dabei war ihr Netz zu spinnen. Obwohl sie den Krieger nicht ansah, sah sie förmlich wie er bereits rot im Gesicht anlief vor Wut. „Danke, aber ich habe jetzt keinen Hunger. Ich sage bescheid, wenn ich etwas essen will." Sie stellte sich vor wie es jetzt wohl aus seinen Ohren rauchen würde.

„Nein! Sie werden jetzt etwas essen. Das ist ein Befehl von Commander Bradek!" Die Spinne hing an einem silbernen Faden und ruhte sich aus.

„Wie schön, für den Commander. Grüßen sie ihn schön von mir", erwiderte sie mit solch ruhiger Stimme, dass sie die unaufhaltsam steigende Wut des Kriegers beinahe spüren konnte. Er gab seinen Kollegen einen Wink und verließ die Zelle. „Das wird Folgen haben, das verspreche ich ihnen", knurrte der Krieger.

„Oh ja, schreckliche Folgen. Erzählen sie mir was Bradek gesagt hat, nachdem sie ihm berichtet haben, wie böse doch diese gemeine Gefangene zu ihnen war." Ein Kollege des Kriegers musste ihn zurückhalten, damit er sich nicht auf sie stürzte. Mit einigem Kraftaufwand zerrten sie ihn von Laras Zelle weg. „Und sagen sie ihm, dass er mir jemanden schicken soll, der es mit mir aufnehmen kann und keinen drittklassigen Handlanger", rief sie dem tobenden Krieger nach.

Tommy trat aus einem Schatten hervor und hielt sich die Hand vor den Mund, während ihn ein Lachanfall nach dem nächsten beutelte.

Er sperrte Laras Zelle auf und trat hinein. Erst als sie die Eisentür zuschlagen hörten, prustete er los. „Das war herrlich. Das... das war einfach göttlich. So hab ich die Krieger noch nie gesehen." Lara schmunzelte. „Ich bin froh, dass es dir gefallen hat. Das sind doch alles keine Gegner." Tommy krümmte sich vor Lachen und hielt sich den Bauch. „Wenn sich das erst rumspricht!" Beide lachten bei der Vorstellung, wie Bradek alles haargenau von einem Waschweib erzählt bekam.

Plötzlich hörten sie die schwere Eisentüre aufschlagen und zornige Schritte näherkommen. Das gab bestimmt Ärger. Mit einem Schlag viel alles ausgelassene Lachen von Tommy ab, er drückte sich verängstigt in eine Ecke der Zelle und hoffte, dass ihn die zürnenden Krieger, die nun kommen mochten, nicht entdeckten.

Bradek kam festen Schritts auf Laras Zelle zu, gefolgt von seinen schaulustigen Kriegern. Er schlug die Tür auf und baute sich drohend vor der Abenteurerin auf. „Hab' ich richtig gehört! Sie haben einen meiner Männer zutiefst gekränkt und beleidigt vor allen Anwesenden? Miss Croft, dass ist aber nicht das was wir vereinbart hatten!"

„Wenn ich mich recht entsinne, hatten wir nichts vereinbart", meinte sie kühl.

„O doch! Ihr Gedächtnis lässt sehr zu wünschen übrig. Die Vereinbarung, das wenn sie zu Carver kommen keinen von meinen Kriegern in irgend einer Form beleidigen! Ihr Wort ist wohl nichts wert!" Ein leichter Spuckeregen ergoss sich auf den Kerkerboden, als Bradek sie anschrie. Nun konnte auch Lara nicht mehr an sich halten. Aufgebracht schrie sie: „Carver ist tot, oder! Außerdem, sie brauchen gar nicht erst von Wortbruch reden, sie Möchtegern-Commander!" Ihre Lunge brannte und sie musste husten. Dieses Streitgespräch strengte sie viel zu sehr an. Sie war noch lange nicht bei Kräften und noch ziemlich schwach.

„Was erlauben sie sich, mich vor meinen ganzen Soldaten so zu beschimpfen! Es war nie die Rede davon Carver am Leben zu erhalten. Ich hatte nur versprochen sie zu ihm zu bringen!" Das ließ Lara nicht auf sich sitzen, sie als Idiotin darzustellen!

„Sie sind eine Schande für sämtliche ehrenwerte Krieger und sie nennen sich Commander! Einfach lächerlich!" Sie spuckte voller Verachtung vor seine Füße.

Anscheinend hatte sie eine Grenze eindeutig überschritten. Auf Bradeks Stirn trat eine dicke, pulsierende Ader hervor und er trat wütend einen Schritt auf sie zu. Bradek holte zum Schlag aus, doch Tommy, der das Streitgespräch verängstigt beobachtet hatte, sprang zwischen den wütenden Commander und die geschwächte Lara. Mit derselben Handbewegung mit der er Lara eine saftige Ohrfeige verpassen wollte, stieß er den mageren Tommy beiseite und brüllte ihn voller Verachtung an: „Was bildest du dir ein, dreckiger Sklave mit einer toten Mutter die dich verkauft hat, dass du dich einfach einmischst!" Tommy zitterte und brüllte nicht minder laut zurück: „Meine Mutter war zwar nur eine arme Bauersfrau, aber sie würde nie zu ihrem eigenen Nutzen ihre Kinder an so skrupellose Monster verkaufen, ohne triftigen Grund! Ich lasse nicht zu, dass ihr Name in den Schmutz gezogen wird! Am Totenbett musste ich ihr versprechen für meine kleine Schwester zu sorgen und allein das zeigt, dass sie eine anständige Frau war!" Er kam nicht dazu noch mehr zu sagen, da Bradek ihm bereits einen Schlag verpasste der den Jungen ohnmächtig werden ließ.

Lara sprang auf und wollte sich auf den Commander stürzen, doch zwei seiner Soldaten hielten sie zurück und drückten sie wieder auf die Pritsche. Bradek wies einen seiner Krieger mit einer Handbewegung, dass er den Jungen wegschaffe. „So, Miss Croft. Ich denke, es ist auch für sie Zeit schlafen zu gehen." Die beiden Krieger hielten die aufgebrachte Abenteurerin eisern fest und ließen nicht zu, dass sie Bradek zu nahe kam. Ein weiterer Mann Bradeks beeilte sich ihre Unterarme erneut zu desinfizieren.

„Da sie wohl jetzt freiwillig nichts mehr essen wollen, wird ihnen die nötige Nahrung gespritzt." Noch bevor Bradek seinen Satz zuende sprach wurde ihr schon eine Nadel in den Arm gerammt. Sie schrie auf. Eine zweite Nadel wurde ihr in den Arm gestoßen und die ganze Szenerie begann vor ihren Augen zu verschwimmen. „Natürlich bekommen sie auch eine Injektion, die sie rasch ins Traumland befördern wird. Gute Nacht, Miss Croft." Ihr wurde schwarz vor Augen und sie nahm nichts mehr um sich herum wahr.


Im nächsten Kapitel taucht die Person auf, wegen der ich die gesamte Story eigentlich schreibe... Ich hoffe er/sie gefällt euch... Reviewt, macht mir die Freude...