Ein unverhofftes Strahlen erhellte Chase' Züge und ließ ihn die schwelgerisch breiten Lippen heben (die House geküsst hatte), und er setzte sich auf das Bett, um sich ankleiden zu lassen. Bei Anerkennung und Lob blühte er auf, was Wilson sonderbar berührte.

Er war in der Tat wie ein Kind geworden, hatte nicht mehr nur die unschuldige Aura eines kleinen Jungen, sondern transportierte auch dessen Freude. Freude über vermeintlich unwichtige Dinge. Möglicherweise sträubte sich House aus diesem Grund gegen eine Therapie, die Wilson nach wie vor reizte. Wenigstens die Störungen der Motorik, unter der er seit der OP wieder stärker litt, sollten durch entsprechende Medikamenteneinstellung vermindert werden können.

House war selbst nie richtig erwachsen geworden, daher schmeichelte es ihm, von jemandem gebraucht zu werden, der ihn auf einmal forderte, und zwar in allen Konsequenzen. Er hatte Angst, ihn zu verändern, weil Chase im Vollbesitz seiner Intelligenz komplizierter gewesen war, distanzierter, wogegen er nun unbeschwert und seiner quälenden Erinnerungen enthoben tatsächlich anders wirkte. Naiv. Süß. Und, was Wilson am meisten verblüffte: Glücklich. Es war im Grunde ein netter, fast reifer Entschluss seines Freundes, ihm keine Alternative anzubieten, doch auch selbstsüchtig und unfair Chase gegenüber, dem sein Entscheidungsvermögen durch höhere Gewalt genommen worden war. Der stärker hervortretende Akzent des Australiers riss Wilson aus seinen Überlegungen.

„Das hat er gesagt? Dass ich ein guter Berater bin?"

„Wortwörtlich."

Sollte er ihn duschen? Ihn ins Badezimmer zu schicken, schien ihm ein zu großes Risiko zu sein, daher verzichtete Wilson darauf und zog ihm die Boxers an, was Chase apathisch geschehen ließ. Zu gerne hätte er gewusst, an was er gerade dachte, als sich sein Mund zu einem träumerisch versunkenen Lächeln verzog. Die letzte Nacht? Leidenschaft mit House? Er durfte gar nicht daran denken.

Auf den Innenseiten von Chase' Schenkeln fand er verräterische Spuren einer zähen Flüssigkeit, die leicht süßlich in seine Nase stach. Schockiert und trotzdem weniger überrascht als er gedacht hätte, fuhr er spontan mit dem Finger über den sichtbaren Beweis einer tiefer gehenden Verbindung zwischen den beiden und rieb Zeigefinger und Daumen aneinander. Unwillkürlich zog Chase die Beine an und rutschte ein Stück von ihm ab, um dann die Arme in abwehrender Haltung um die Knie zu schlingen.

„Chase."

Seine Stimme bebte, aber er bemühte sich um Sachlichkeit. Er hatte es befürchtet und geahnt, lange schon. Indizien gab es mehr als genug, die er allerdings aus Gutmütigkeit oder Angst, sie könnten sich bestätigen, ignoriert hatte. Doch mit einem heiligen Zorn oder einem Eifersuchtsdrama wäre keinem gedient, obwohl die Vorstellung eines heißblütigen, über den attraktiven, naiven Chase herfallenden House wenig dazu beitrug, objektiv zu bleiben. Seltsamerweise ging es ihm dabei vornehmlich um das Wohl von Chase. Er mutete empfindsam an. Zart und in seinem jetzigen Zustand leicht beeinflussbar. Und vielleicht zugänglicher als früher.

„Liebt House Sie… körperlich? Ich frage, weil das hier Reste sind von... hm... Gleitgel."

Als hätte er die Frage nicht verstanden, schwieg Chase und versuchte verbissen, das Hemd zuzuknöpfen, wobei das Haar erneut wie ein Vorhang aus seidigen, blonden Fasern über sein Gesicht fiel und seine Hände unmerklich zitterten.

Sein erbostes Schnauben verdeutlichte Wilson, dass seine Hilfe gefragt war. Bemüht nüchtern öffnete er die falsch geschlossenen Knöpfe, sah die knabenhaft glatte Brust sich heftig heben und senken, während Chase' hörbarer Atem ein wenig unregelmäßig an seine Stirn pustete. Über einen längeren Zeitraum hinweg war es sicher nicht einfach, ihm zu widerstehen, und vielleicht genoss er die Intimität sogar, aber jetzt wirkte er überführt, fast beschämt.

„Wie lange schon? Seit wann …?"

„Manchmal", erwiderte er abwesend und wich ihm aus, indem er den Kopf zur Seite drehte und auf seiner Lippe herum nagte; gedanklich noch bei seiner ersten Frage, weihte er ihn nun doch in das Geheimnis ein. „Nicht so oft."

Wilson raufte kurz, aber fassungslos sein Haar und versuchte vergebens, eine hartnäckige Metapher zu verbannen, die sich ihm aufdrängte. Der Mythos einer Liebe zwischen einem älteren Mann und einem berückend schönen Jüngling faszinierte die Menschen seit jeher, und sie hatte unzählige Beispiele aufzuweisen, von denen ihm spontan vier einfielen.

Zeus und Ganymed. Pan und Daphnis. Antinoos und Hadrian. Henry Wotton und Dorian Gray.

Die griechische Mythologie und die klassische Literatur waren voll von solchen angeblich fruchtbaren Beziehungen. Dass House sie nutzte, konnte er ihm nicht einmal verargen. Um Haaresbreite war er selbst dem jugendlichen Charme erlegen, wenngleich er Chase nicht auf die Art begehrte, wie House das offensichtlich tat und ihm gleichgeschlechtliche Neigungen fremd waren.

Vorsichtig hob er Chase' Kinn an. Die nächsten Worte wählte er mit Bedacht und betonte dabei jede Silbe.

„Ich maße mir kein Urteil darüber an, dass er mit Ihnen schläft, aber wenn er Ihnen wehtut oder Sie bedroht, müssen Sie es mir sagen."

„Er tut es nie."

Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen. Da er physisch nicht verletzt war und einen verhältnismäßig ausgeglichenen Eindruck machte, hakte er nicht nach. Mit House würde er jedoch ein ernstes Gespräch führen müssen. Ihm graute jetzt schon davor. Ihre Freundschaft hatte unter Chase' geistiger Beeinträchtigung empfindlich Federn gelassen, und es war ein Wunder, dass er den Zweitschlüssel zum Apartment noch sein eigen nennen konnte.

„Ich brauche einen Kaffee."

„Mein Brief", sagte er und hielt ihn fest; den Blick bittend auf ihn gerichtet, in dem Tränen schwammen. „Ich muss einen Brief schreiben. Bitte."

„Sofort, Chase. Ich bin gleich wieder da."

Er kannte sich aus in House' Wohnung, brühte einen Kaffee auf und kehrte zu Chase zurück, der wie hypnotisiert auf die Tastatur starrte. Der Monitor zeigte immer noch den Ayers Rock.

„Sie müssen ein Passwort eingeben", erklärte Wilson.

„Ich weiß es nicht mehr", flüsterte er mit erstickter Stimme, die Hände zwischen die Schenkel geklemmt. Große Kinderaugen musterten ihn flehentlich. Er tat es nicht mit Absicht, dazu war er nicht mehr raffiniert genug. Was sie ausdrückten, war echte Niedergeschlagenheit.

Er hatte nicht gedacht, dass ein vergesslicher Chase derart an die Nieren gehen würde. Sie waren keine Freunde; er hatte ihn angelogen, als er sich vorgestellt hatte. Zu Beginn seiner privaten Beziehung zu House hatte er es sein wollen, sich eingeschmeichelt, doch den arrogant wirkenden Intensivisten zu knacken war ihm nie gelungen. Vielleicht hatte er es zu hartnäckig versucht, nachdem er House den Erfolg nicht gönnen konnte, der ihm selbst nicht beschieden war. Darum konnte man sie eher als Konkurrenten bezeichnen. Rivalen um House' Gunst. Erbärmlich, doch es war so.

„Es ist nicht so schlimm. Kommunikationswege gibt es mehr als einen. Schreiben Sie einen altmodischen Brief oder telefonieren Sie. Aber erst trinken wir einen Kaffee. Ich glaube, wir haben es beide nötig."

Unversehens packte Chase das Notebook und schleuderte es mit einem verärgerten Laut und einem deftigen ozeanischen Fluch, den Wilson nur halbwegs verstand, auf den Boden.

Vor Schreck ließ der Ältere die Kaffeetassen fallen. Zornig hatte er Chase bisher nur einmal erlebt, und auch da hatte es ihn verstört. Cholerische Ausbrüche gingen mit seinem ursprünglich stoischen Gemüt nicht konform und waren wohl auf seine Unpässlichkeit, einer Neuronenfehlleitung im Gehirn, zurückzuführen. Seine Mundwinkel zuckten, während ein gefährlich grollendes Schluchzen in seiner Kehle rumorte. Die Hände hatte er zu Fäusten geballt, bevor er sich zitternd an der Wand abstützend hoch stemmte. Seine Augen durchbohrten das verhasste Objekt zu seinen Füßen, und er erinnerte Wilson an eine bockige Kinderfigur aus einem alten, deutschen Buch voller grausiger Geschichten, die ihm seine Mutter als Warnung vor dem Zubettgehen mit eindringlich erhobenem Zeigefinger vorgelesen hatte.

Vorsichtig näherte er sich Chase, so als müsse er ein kapriziöses Tier beruhigen, sein Vertrauen gewinnen, indem er es stückweise an sich gewöhnte.

„Whoa, whoa. Ganz ruhig. Wem wollten Sie schreiben?"

Er sank auf den Boden und bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Meiner Tante. In Melbourne. Sie macht sich Sorgen."

Wilson ging zum Schreibtisch, zog eine Schublade auf und fand nach einigem Herumwühlen einen Bogen Briefpapier und einen Stift. Mit beidem setzte er sich zu dem verzweifelten jungen Mann.

„Hier. Es dauert ein bisschen länger mit der Briefpost, aber anrufen sollten wir jetzt gerade nicht. Ich denke, sie wird schlafen. Dort unten ist es gerade Nacht, wenn ich richtig informiert bin. Haben Sie die Adresse hier? Wir können den Brief unterwegs in einen Postkasten einwerfen. Irgendwo auf dem Weg hierher habe ich noch eines dieser aussterbenden Exemplare gesehen. Wäre das ein Kompromiss?"

Halbwegs besänftigt nickte er zaghaft und fuhr sich mit dem Ärmel über die Nase. „Die Adresse steht in dem Notizbuch auf dem Schreibtisch."

Schreiben bereitete ihm Probleme. Es ging langsam voran, da er in seiner motorischen Unsicherheit große Blockbuchstaben malte, für die der Bogen nicht ausreichte. Sein Atem ging laut, fast keuchend vor Konzentration, und doch erkannte Wilson Verdreher in den einzelnen Worten oder Rechtschreibfehler. Der Kugelschreiber rutschte mehrfach ab, weil er zu starken Druck auf die Miene ausübte, bis er ihn resignierend los- und den Kopf auf den Knien ruhen ließ.

Geruhsam nahm er den Stift auf, holte ein neues Blatt Papier und kauerte sich abermals neben Chase. „Wenn Sie mir diktieren, schreibe ich für Sie."

Wieder schnaufte er unwillig. „Ich kann es selbst."

„Es ist keine Schande, auf Hilfe angewiesen zu sein in Ihrer derzeitigen Verfassung. Solange sie sich nicht bessert, müssen Sie Geduld mit sich haben und sich schonen. House' Hilfe nehmen Sie doch auch an, oder?"

Er schloss die Augen, atmete tief ein und presste die Finger leicht an die Schläfen. Kopfschmerzen waren eine bisher andauernde, leider nicht zu umgehende Begleiterscheinung der Schwellung der Hirnrinde und anschließenden Schädelöffnung. Stärker wirkende Tabletten als das Hausmittel Paracetamol zur Linderung verweigerte ihm House, und Wilson hatte nicht vor, einen noch größeren Keil zwischen sie zu treiben, indem er sich über die Anordnung hinwegsetzte.

„Sie soll mir Dinge schicken. Irgendetwas, das mich an früher erinnert. Fotos. Vielleicht von meinen Eltern, von meinem Zuhause. Ich weiß nicht, ob sie welche hat, oder ob sie etwas wachrufen, aber... einen Versuch ist es wert, oder? House sagt, ich hätte die Ferien bei ihr verbracht als Kind, und sie hat uns auch oft besucht."

Erstaunt sah er ihn an. Tatkraft hätte er ihm – einem mental Geschädigten - nicht zugetraut. Dass er mutiger war als House und sich mit seiner Einschränkung nicht abfinden wollte, war keine allzu große Überraschung, aber er zollte ihm Respekt für den vernünftigen Gedanken.

Vorsichtig, als könnte der Junge unter seinem Griff entzweibrechen, schloss er die Finger anerkennend um dessen Schulter. „Das ist eine hervorragende Idee."

„Bitte sagen Sie ihm nichts davon."

oOo

Die eindeutig vornehme, reiche Gegend, zu der Wilson ihn chauffierte, war Chase vollkommen unbekannt, und er bekämpfte aufsteigende Panik und den heftigen Wunsch nach House. Er war seine Insel, eine andere brauchte er nicht. Im Apartment war er immer anwesend, und sei es nur in den Sachen, die ihm gehörten oder seinem vertrauten Geruch. Draußen gab es nichts, woran er sich klammern konnte. Und in den formellen Kleidern fühlte er sich unwohl.

„Meine Exfrau ist in Immobilien", erläuterte Wilson, der seine Beklemmung spürte, als sie vor einem Bungalow hielten. „Das Haus steht seit dem Umzug der Vorbesitzer ins Seniorenheim leer. Halb möbliert, ein bisschen heruntergekommen. Aber dafür wird es zu einem Spottpreis verkauft. Wenn ich mich entschließe, es zu nehmen, handelt Bonnie noch einen Rabatt aus." Belustigt schüttelte er den Kopf. „Geschäftstüchtig ist sie nie gewesen. Irgendwann wird die Firma Bankrott gehen durch ihre Freigiebigkeit. Aber sie hatte unbestreitbar ihre Qualitäten. So wie Sie."

Das Kompliment klang zweifelhaft, doch er erwiderte es mit einem Lächeln, während er sich wünschte, die Fahrt mitsamt Hausbesichtigung möglichst rasch hinter sich zu bringen. Es gab keine Berührungspunkte, keine Gemeinsamkeiten mit dem Onkologen. Wilson war, wenn er es genau nahm, so fremd wie alle anderen, denen er bisher begegnet war und die doch das Gegenteil behauptet hatten. Mit Ausnahme von House musste er jeden Menschen neu kennen lernen.

oOo

Über Steinplatten passierten sie den verwilderten, von Hecken umzäunten Vorgarten, in dem ein riesiger Ahornbaum wuchs. Vielleicht hieß die Straße deshalb Maple Wood Avenue. Chase fasste ein wenig Mut, strebte darauf zu und spähte am Stamm entlang in die Baumwipfel. Irgendwo weit oben pochte ein Specht, den er im dichten, herbstlich gelb und rot gefärbten Blätterwerk kaum ausmachen konnte. Den Sommer hatte er verpasst. Er empfand unerklärliche Wehmut und war erleichtert, als Wilson ihn rief.

„Es ist groß für eine Person", kommentierte er beeindruckt, als er an der Seite des Onkologen die Zimmer durchschritt, an dessen Arm er sich hielt, um nicht zu schwanken, während er sich mit einem leichten Schwindelgefühl umschaute. „Oder haben Sie Familie?"

„Nein. Sie haben recht, es ist groß. Außerdem sollte renoviert werden, und ich habe nicht die Zeit, zwei linke Hände und misstraue Handwerkern. Schade. Das Angebot war wirklich verlockend. Mit ein bisschen Muße würde man ein echtes Schnäppchen machen."

Die Möbel unter Planen waren tatsächlich sehr alt, fast schon museumsreif und mussten wahrscheinlich entsorgt werden. Partiell platzte die Farbe von den Wänden, und es roch muffig und ein wenig säuerlich. Der Boden war in Bad und Küche aus Parkett statt gefliest, beide Räume maßen mindestens das Doppelte an Quadratmetern im Vergleich zu House' Apartment. Und die Küche war mit Licht durchflutet und hatte einen emaillierten, aber funktionstüchtigen Herd, der es Chase besonders antat.

Es gab eine Fußbodenheizung, und den zum Essbereich hin offenen Wohnraum mit der großzügigen Fensterfront beherrschte ein Kamin, der von zwei gusseisernen Löwen flankiert wurde, die dienstbeflissen Schürhaken und Kehrschaufel in den Pranken hielten. Dahinter erstreckten sich eine Terrasse mit einer Grillgelegenheit in einem Rauchfang und ein weitläufiger Garten, in dem Rosen und weitere alte Bäume wuchsen, die vor neugierigen Blicken der Nachbarn schützten.

Sein Herz machte einen Sprung, als er ein pavillonartiges, aus Holz gefertigtes Sommerhaus und einen leer gepumpten Swimmingpool entdeckte. Ein bisschen wie in seiner Erinnerung, den rätselhaften Bildern, die ihn nachts heimsuchten.

Er ließ Wilson los, um stolpernd zur Terrassentür zu eilen. „Ich möchte den Garten sehen", bat er aufgeregt und rüttelte am Griff. „Darf ich?"

Wilson nickte. "Nur zu."

Einer göttlichen Eingebung gleich schoss der heimatliche Pool in sein Gehirn. Anders als dieser von Grünspann und Algenflechten vereinnahmte, knapp fünfzehn Meter lange Kasten, vor dem er nun stand, luxuriöser, in einer sanft gerundeten Nierenform mit einem abfallenden Einstieg statt einer Leiter.

Tropische Nachmittage, bitter schmeckende Cocktails und kandierte Kirschen. Seine roten, coolen boardies, breitkrempige Schlapphüte, die er gehasst hatte, aber obligatorisch gewesen waren wie der Sunblocker auf seiner Nase. Kriegsbemalung. Der unverwechselbare Geruch von Sonnencreme und das angenehm schläfrig machende Gefühl streichender Hände auf seinen Schultern und eine zärtliche Frauenstimme.

Ein wenig hölzern vor Ehrfurcht und der Erkenntnis, dass nicht alles aus seiner Kindheit unwiderruflich verloren war, ließ er sich am Rand nieder. Als Wilson sich näherte und hüstelnd hinter ihm stehen blieb, schrak er zusammen.

„Gefällt es Ihnen?"

„Es ist wunderschön", sagte er leise; der Stimme in seiner Einbildung nachhorchend, zupfte er gedankenverloren ein Grasbüschel aus. Er fragte sich, ob es die seiner Mutter war. In ihrem Haushalt hatten meist Gouvernanten für seine Erziehung gesorgt. „Falls Sie es gekauft hätten, hätte ich Ihnen beim Renovieren gerne geholfen. Ich glaube, es hätte mir Spaß gemacht. Und vielleicht ..." Ein wenig betreten blinzelte er zu Wilson auf. Hoffentlich war es nicht unverschämt, was er da in grauer Theorie entwarf. „ ...vielleicht hätte ich ab und zu herkommen können, mich um den Garten kümmern oder den Pool reinigen. Ich hätte kein Geld verlangt", fügte er hastig hinzu.

„Lassen Sie uns zur Laube gehen", schlug Wilson vor und nahm wieder seinen Arm. „Die kann man sogar im Winter nutzen. Sie ist beheizt. Der Vorbesitzer war ein Tüftler. Vielleicht überlege ich es mir doch noch."

Seine instinktive Befangenheit im Umgang mit Wilson löste sich allmählich. Es war angenehm, mit ihm zusammen zu sein. Die oft etwas gönnerhafte Art, mit der House über ihn sprach, wurde ihm nicht gerecht. Allerdings ließ sich stets eine etwas derbe, aber unerschütterliche Zuneigung aus seiner Stimme herausfiltern, die deutlich machte, dass er es nicht so meinte. Dr. Wilson war seit langen Jahren sein Freund, wahrscheinlich der einzige, den er hatte.

An Wilsons Stelle hätte Chase das Gartenhaus endgültig überzeugt.

Außer den rot karierten Vorhängen gestaltete sich der Rest der Einrichtung eher praktisch; ein grober Tisch mit Stühlen, eine Pritsche und eine Truhe, in der Bücher, Polster, Holzscheite für den Ofen und Gartengerätschaften gelagert waren. Man konnte einen Riegel hervor schieben und die Laube zu einem Refugium machen, wenn man ungestört sein wollte. Plötzlich übermannte ihn eine Aufregung, die ihn beinahe umwarf. Ein Verschlag, in dem er sich verkrochen hatte, tauchte vor seinem inneren Auge auf, und er hörte plätschernden Regen auf einem Wellblechdach, während er unter dem Tisch aus Decken ein Lager gebaut und sich in Phantasiewelten geflüchtet hatte.

„Da möchte man direkt wieder Kind sein", meinte Wilson, als hätte er seine Gedanken erraten und legte ihm jovial die Hand auf die Schulter. „Hätten Sie nicht Lust, einzuziehen?"

„Hier?" Seine Stimme kippte über. „Mit Ihnen?"

„Warum nicht?" Einen Moment weidete sich Wilson an Chase' ungläubigem Gesichtsausdruck, ehe er begütigend den wahren Grund der Hausbesichtigung erklärte.

„Keine Angst. Ich hatte nicht vor, umzuziehen. Aber als Bonnie mir sagte, dass ihr neuestes Objekt einen Pool im Garten hat, dachte ich an Sie. Im Hospital hat House eine Aquatherapie mit Ihnen gemacht, die sich äußerst positiv auf Ihre Motorik ausgewirkt hat. Es war eine Therapie, die Ihnen nicht nur gut getan, sondern auch gefallen hat. Ich liege ja nicht grundverkehrt mit meiner Vermutung, dass Sie gerne schwimmen, oder? Jetzt wird es leider Herbst, aber man könnte einen Glasüberbau errichten, so dass Sie den Pool auch bei kühlerem Wetter in Gebrauch nehmen könnten. Und wer weiß, vielleicht findet House irgendwann auch Gefallen daran. Für sein krankes Bein ist Schwimmen eine gute Übung."

Nachdenklich sah Chase hinaus durch das trübe Fenster. Der Swimmingpool aus Kindertagen hatte keine Überdachung gehabt. In seiner Erinnerung war dort immer Sommer gewesen. Er drückte wieder die Finger an die Schläfen, ergriffen und verwirrt von dem Angebot, das Wilson ihm unterbreitete.

„Es soll so bleiben. Ich weiß aber nicht … ich bin nicht befugt. Nicht - geschäftsfähig. Und ich kann das Haus sicher nicht bezahlen."

„House verwaltet Ihr Konto. Sie können ein Darlehen aufnehmen. Fragen Sie ihn. Ein Tapetenwechsel würde Ihnen beiden nicht schaden. Er trägt sich schon länger mit dem Gedanken, hat ihn aber verworfen, nachdem ihm klar wurde, dass Sie es vorzogen, im alten Haus zu bleiben. Wenn sich die Dinge jetzt geändert haben, reden Sie mit ihm. Hier haben Sie viel mehr Platz und auch Möglichkeiten, sich zurückzuziehen. Ich könnte mir vorstellen, dass ihm das einleuchten wird."

„Ich weiß nicht." Unsicher schaute er zum Bungalow. Alle Zimmer lagen ebenerdig, wie in ihrem Apartment. Es wäre ein Kriterium, auf das er Wert legte in einer Für und Wider-Diskussion. Er wusste nicht, ob er House überreden konnte, aber es wäre schön, einen Garten zu haben. Dieser sah aus wie die Lichtung in einem verwunschenen Zauberwald. Der Gedanke, hier alles verrotten zu lassen, tat weh. Aber er wollte House nicht zwingen, die Wohnung aufzugeben, hatte keinen Schimmer, wie er es ihm erklären sollte. Als er ihm gesagt hatte, wie glücklich sie beide in dem winzigen Apartment waren, hatten seine Augen in einem Glanz geleuchtet, den er nur selten zu sehen bekam. „Er würde es nicht wollen."

„Fragen kostet nichts, und Sie haben House mehr im Griff, als Sie denken. Ich glaube, Sie sind der Einzige, dem zuliebe er eine Veränderung einzugehen bereit wäre."