8.
Lisa lag auf einer Wiese – einer Wiese voller bunter Blumen. In Berlin war sie bestimmt nicht – dafür war es auf dieser Wiese viel zu warm, grob geschätzt mindestens 36°c. Aber sie konnte sich auch irren – immerhin hatte diese Wiese auch einen eigenen Herzschlag. Gut, handelte es sich eben um einen Traum, aber einen sehr schönen Traum, den sie, solange es ging, genießen wollte. Sie atmete Duft der Blumen ein und musste feststellen, dass sie nach Rokko rochen. Seltsam, aber egal, Lisa kuschelte sich enger an dieses Bett aus Blumen, als sie ein leises Klopfen vernahm. Was das wohl war? Ein kurzes Klingeln drang zu ihr durch. Und was konnte das nun sein? Konnte man nicht einmal mehr ordentlich träumen? Das Klingeln war kaum verstummt, als das Chaos in Lisas kleinem Paradies ausbrach: Eine stetig lauter werdende Sirene setzte ein – vielleicht ein Tsunamifrühwarnsystem? Fliegeralarm? Nein, Erdbebenalarm! Denn die blumige Wiese unter ihr begann sich zu bewegen und wurde ersetzt durch ein kaltes, wenig gemütliches Kissen. Lisa konnte sich nicht länger gegen das Erwachen wehren. Verschlafend blinzelnd sah sie auf und folgte Rokko mit den Augen – er trug ein geblümtes Hemd und in diesem Moment war er auf dem Weg zu Tür. Nach einem kurzen Moment der Verwirrung fiel Lisa wieder ein, was passiert war: Sie war nie in Rokkos Bett angekommen. Der kleine Oliver hatte den größten Teil der Nacht geweint und als er sich endlich beruhigt hatte, ging die Sonne schon langsam auf. Lisa und Rokko hatten dann noch zusammen auf dem Sofa gesessen und überlegt, wie es jetzt weitergehen sollte, dabei mussten sie wohl eingeschlafen sein. Anders konnte Lisa sich nicht erklären, dass sie in ihrer Straßenkleidung auf Rokkos Brust gelegen hatte. Und diese Sirene war auch kein Alarm, sondern Olivers klägliches Weinen. Instinktiv erhob sich Lisa und nahm den Kleinen auf den Arm. „Menno, Rokko, du siehst aber müde aus." Das war die Stimme ihres Vaters. „Ja, das ist jetzt Mode. Ehrlich gesagt, könnte ich im Stehen schlafen", war Rokkos Antwort. „Nun, Bärchen, geh doch endlich rein, ich würde den Kleinen so gerne sehen." Das war Helgas Stimme. Sie war genauso bepackt wie Bernd – zusammen hatten sie mindestens drei Einkaufskörbe und fünf Beutel dabei. „Wir haben euch alles mitgebracht, was ihr für die nächsten Tage braucht", kündigte Helga an. „Jep, Obst, Jemüse, Kaffee, de selbstjemachte Marmelade von meinem Helga-Mäuschen und ick hab dir noch ne Flasche von meinem Selbstjebrannten injepackt, nur für den Fall der Fälle." Bernd verstand nicht so recht, warum Rokko auf einmal so bedrippelt aus der Wäsche guckte – vielleicht war er einfach nur zu müde, um diese Geste zu würdigen. „Morjen Schnattchen", wandte er sich stattdessen an seine Tochter – die kam doch mit so gut wie gar keinem Schlaf aus, sie war bestimmt schon ansprechbar. „Oh Bernd, wir haben den Kleinen geweckt mit unserer Klingelei." – „Na, uff's Kloppen hamse ja nich reagiert." Lisa sah ihre Mutter Hilfe suchend an: „Er hat fast die ganze Nacht geweint. Am Anfang hat er sich beruhigen lassen, wenn wir ihn hochgenommen haben, aber mittlerweile…" – „…beruhigt er sich nur noch, wenn Lisa ihn hochnimmt und das auch nicht gleich", vervollständigte Rokko ihren Satz. Helga nahm Lisa das Baby ab und begann zu wundern: „Nein, bist du niedlich. Aber irgendwie besteht keine Familienähnlichkeit", bemerkte sie mit einem Blick auf Rokko. „Na, sag der Oma Helga doch mal, warum du weinst. Hast du Hunger? Oder die Windeln voll?" Beides war nicht der Fall. „Ist dein Schnuller vielleicht weg?" Lisa lief es bei den Worten ihrer Mutter heiß und kalt den Rücken runter. Wie hatte sie das vergessen können? „Oh nein, er hat keinen." Rokko sah Lisa erstaunt und gleichzeitig amüsiert an. „Ich… ich habe vergessen, welche zu besorgen…", brachte Lisa nur stotternd raus. „Ach Schnattchen, keen Grund rot zu werden, dir is dis verziehen, nich. Du kannst ja jar nich wissen, dass son Kind nen Schnuller braucht. Du hast ja immer deenen Domen benutzt. Darum is er vielleicht och bloß bei dir ruhig, vielleicht hofft er, du erklärst ihm, wie dis mit dem Domenlutschen jeht." Reichlich peinlich war Lisa die ganze Situation. Wie hatte ihr das nur passieren können? Sie hatte an alle möglichen Kleinigkeiten gedacht, aber das Offensichtliche war ihr wieder einmal entgangen. „Wie gut, dass Oma Helga an alles gedacht hat", triumphierend zog Lisas Mutter eine Packung mit Schnullern aus einer der Tüten, die Bernd neben das Sofa gestellt hat. Tatsächlich schien Oliver nur darauf gewartet zu haben, etwas zum Nuckeln zu bekommen. „So kriegt man den kleinen Terroristen also ruhig", scherzte Rokko, verkniff sich aber ein Lachen, als er Lisas strafenden Blick sah.
„Und ihr habt noch jar nüscht von Jaby jehört?", quetschte Bernd seine Tochter und den potentiellen Kandidaten auf die Stelle des Schwiegersohnes aus. Rokko schüttelte nur mit dem Kopf, während er gleichzeitig einen Blick auf Helga warf, die in seiner eher schlecht sortierten Küche werkelte. Sie hatte es sich partout nicht nehmen lassen, Frühstück für ihn und Lisa zu machen. „Die Polizei kümmert sich drum. Heute Mittag soll die Fahndung rausgehen und Gabys Zimmer wollten sie auch noch mal sehen. Ehrlich gesagt, hat mich das alles ziemlich überrascht – nichts an Gabys Verhalten hat darauf hingewiesen. Ich meine, wir hätten ihr Hilfe suchen können. Oliver einfach so hier lassen und abhauen? Abhauen sieht ihr ähnlich, aber sich vor Verantwortung drücken nicht. Ich weiß ja nicht einmal, ob und was für Probleme sie hat." Rokko schüttelte den Kopf und sah dann dankbar zu Lisa, die sanft seine Hand drückte. Es tat ihm leid, dass sie so völlig unvorbereitet ins kalte Wasser geworfen wurde, aber er rechnete es ihr hoch an, dass sie so zu ihm hielt und sich so liebevoll um Oliver kümmerte.
„Wenn ihr Hilfe braucht oder einen Rat, einfach anrufen, ja? Wir nehmen euch den Kleinen auch mal ab", bot Helga Rokko zum Abschied an. „Ansonsten komme ich einfach morgen bei euch vorbei. Ich muss zum Großmarkt und bringe euch ein paar leckere Sachen von dort mit." Lisa umarmte ihre Eltern zum Abschied. Es stand außer Frage, dass sie ein paar Tage bei Rokko bleiben würde. Ingeheim hoffte sie natürlich, dass Gaby sich bald auf ihre Muttergefühle besann und zurückkam – nicht, damit sie bald wieder nach Hause konnte, sondern wegen Oliver, der seine Mutter dringend brauchte.
Das erneute Gespräch mit der Polizei brachte keine neuen Erkenntnisse, dafür was der Besuch der Nachsorgehebamme umso hilfreicher – man konnte nicht alles aus Büchern und von Helga lernen. Die robuste, direkte Frau mittleren Alters mit der Berliner Kodderschnute hatte ein Herz aus Gold – liebevoll zeigte sie Rokko und Lisa alles, was sie für die ersten Tage wissen mussten. „Und im Zweifelsfall, da hörtir einfach uff eurn Instinkt. Wenn der sacht, nimm den kleenen Wurm hoch, dann nimmsten hoch, och wenn's Buch sacht, lass ihn liegen. Ick bin mir janz sicher, die Mutter is bald widder hier. Ick hab noch nie eene erlebt, die's lange ohne ihren kleenen Schreihals ausjehalten hat. Also, bis denne", sagte sie den beiden Neu-Eltern zum Abschied.
„Laut diesem Buch brauchen Kinder einen geregelten Tagesablauf und Rituale", meinte Rokko zu Lisa, die gerade damit fertig geworden war, die Fläschchen abzuwaschen. „Ja, das würde ich auch so sehen. Außerdem gibt es da ja noch ein Problem." – „Was für ein Problem?", hakte Rokko nach. „Kerima?!", Lisa wurde unsicher, ihr war klar, dass Rokko im Moment andere Probleme hatte als Kerima. „Richtig, wir haben ja beide einen Job. Und einen nervenaufreibenden noch dazu. Hoffentlich schafft Inka es, Hugo zu neuen Entwürfen zu motivieren. Und die Präsentation…" Lisa nagte an ihrer Unterlippe und grübelte. „Weißt du, ich kann problemlos von Zuhause aus arbeiten. Ich meine, ich brauche doch nur meinen Computer, ein Telefon und die Tagespost. Ich könnte tagsüber für Oliver da sein und die Pausen zwischen seinem Gebrüll zum Arbeiten nutzen." Ihr Blick verklärte sich, als sie Rokko da so sitzen sah, mit dem kleinen, hilflosen Würmchen auf dem Arm. „Hey, träumst du?" – „Nei-ein." – „Gut, dann wiederhole, was ich gesagt habe", forderte Rokko Lisa lächelnd auf. Sein Lächeln wich einen Lachen, als er sah wie Lisa errötete. „Ich sagte, ich könnte halbe Tage machen – Zeitungen lesen und Pressemitteilungen schreiben kann ich hier und alles, was mit der Präsentation zu tun hat, mache ich von Kerima aus." Lisa zog die Stirn kraus. „Irgendwie ist es nicht richtig, dass wir uns die Köpfe zerbrechen, wie wir Kerima und Oliver unter einen Hut kriegen. Ich meine, sollten die nicht ein paar Tage ohne uns auskommen? Kerima gibt es seit 1970 und bis 2005 ging es doch auch ohne uns."
Kurze Zeit später kam Lisa bei Kerima an und wollte alles holen, was das Arbeiten von Zuhause ermöglichte. Die Feierabendzeit war nah und es waren kaum noch Mitarbeiter da. In Davids Büro war noch Licht an, aber Lisa wollte sich nicht lange aufhalten – nur ein paar Sachen holen und dann zurück zu Rokko, schließlich wurde sie da gebraucht. In ihrem Büro packte sie also zusammen, was sie so brauchte, als die Tür hinter ihr aufging. „Lisa?", fragte eine raue Stimme sie. Als Lisa sich umdrehte, sah sie in Davids traurige Augen. „Du hast dich nicht von Rokko getrennt, oder?" In diesem Moment fiel Lisa es Lisa wieder ein – die Liebeserklärung, das hatte sie nicht geträumt! Aber was hatte es zu bedeuten, dass sie sie so einfach hatte verdrängen können? „Nein. Es ging nicht – Rokko braucht mich." – „Wie es ging nicht? Liebst du ihn oder mich?" – „Ich sagte doch schon, Rokko braucht mich jetzt. Das hat nichts mit dir und mir zu tun." – „Oh doch, das hat mit dir und mir zu tun. Was du machst, ist nicht fair. Wenn du mich liebst, dann solltest du dich von Rokko trennen und wenn du ihn liebst, dann solltest du mir das sagen. Du wirst doch nicht mit ansehen, wie ich mir Hoffnungen mache? Das ist nicht fair – auch Rokko gegenüber nicht." Lisa spürte wie sich hier Herz zusammenzog. David hatte Recht, was sie tat, war nicht fair, aber was sollte sie sagen? Sie wusste nicht mehr, wo rechts und links war und noch weniger wusste sie, ob sie Rokko oder David liebte. Danke Gaby, dachte sie. Die ganze Situation würde ihr Zeit verschaffen, sich über ihre Gefühle klar zu werden. „Wenn der Zeitpunkt besser ist, rede ich mit Rokko. Bis dahin wirst du dich wohl gedulden können. Ich meine, du hast mich solange zappeln lassen, dass eine paar Tage keinen Unterschied mehr machen." David war erstaunt – so hatte er Lisa selten erlebt. Normalerweise kriegte er von ihr, was er wollte. Kowalski, dachte er verärgert, du hast vielleicht so ein niedliches kleines Baby Zuhause, auf das eine Frau wie Lisa abfährt, aber die Polizei findet deine Schwester schon und dann erobere ich Lisa zurück. Kampfgeist würde David als zweiten Vornamen wählen, wenn er müsste... „Gut, wenn du meinst", versuchte er möglichst ruhig zu sagen. In seinem Inneren sah es aber anders aus: Neben dem Ärger über Rokko, fühlte er Enttäuschung und noch mehr Ärger – Ärger auf sich selbst. Lisa hatte ihn vom ersten Moment an geliebt und dass sie ihn jetzt nicht mit offenen Armen empfing, gab ihm zu denken. Vielleicht war ihm der Mut, zu seinen Gefühlen für sie zu stehen, zu spät gekommen… Wieso war er auch so lange so blind gewesen? Wieso hatte ihn seine eigene Oberflächlichkeit davon abgehalten, zu seinen Gefühlen zu stehen? Wenn er Lisa jetzt an Rokko verloren hatte, dann konnte er nur sich selbst die Schuld dafür geben. „Ich muss wieder los. Ist noch irgendetwas?", unterbrach Lisa Davids aufkeimenden Verdacht, dass sie sich endgültig von ihm gelöst hatte und nun wirklich Rokko lieben würde. „Nein, nichts weiter." – „Dann ist ja gut. Ich bin die nächsten Tage dann nicht hier, wenn etwas ist, weißt du ja, wo du mich erreichen kannst."
Zu später Stunde schloss Lisa leise die Tür zu Rokkos Wohnung auf. Er hatte ihr den Zweitschlüssel gegeben, damit sie Oliver nicht mit der Klingel wecken würde. Genauso leise, wie sie hineingekommen war, stellte sie ihre Sachen ab und schlich auf Zehenspitzen zum Sofa, um das Bild, das sich ihr bot, von Nahem betrachten zu können. Rokko lag auf dem Sofa und schlief. Auf seiner Brust lag Oliver und lutsche friedlich an seinem Daumen. Im Gegensatz zu seinem Onkel schlief der Kleine nicht, sondern sah sie mit seinen großen blauen Augen an. Sanft streichelte Lisa dem Baby über das Köpfchen und fuhr dann mit ihrer Hand durch Rokkos Haare. Eigentlich wollte sie Oliver sofort hochnehmen und in sein Bettchen legen, aber diesen Anblick musste sie einfach genießen oder viel mehr das angenehme Kribbeln, das er in ihr auslöste. Wo kam denn das her? Und was sollte sie davon halten? Es war ein schöner Anblick. Am liebsten hätte Lisa ihn für immer festgehalten – er verströmte so eine Geborgenheit. Letztlich nahm sie Oliver doch hoch und deckte Rokko kurze Zeit später zu. Es fühlte sich definitiv gut an, Rokko so nah zu sein. Die Situation war mehr als absurd, aber kaum absurder als das, was sie sonst schon mit Rokko erlebt hatte. Wieso fiel es ihr so leicht, ihm so nah zu sein? Sollte sie sich dabei nicht unwohl fühlen? Immerhin war sie von einer Küsschen-und-Händchen-halt-Beziehung in eine Wir-spielen-Mama-und-Papa-Beziehung gestolpert. Sie hatte hier übernachtet, bei Rokko geduscht, seine Handtücher benutzt… und trotzdem war ihr das nicht peinlich, aber es sollte ihr doch peinlich sein, oder nicht? Darüber musste sie sich dringend Gedanken machen… aber vorher musste sie ein bisschen schlafen, solange es ruhig war und niemand ein Fläschchen oder eine Windel wollte…
