In diesem Kapitel gibt es einige sehr große Zeitsprünge, bitte nicht wundern!
Als er sich erst einmal daran gewöhnt hatte, dass Ungarn ein Mädchen war entdeckte Preußen bald, dass er genau zur rechten Zeit verreist war. Er wusste, dass der Deutsche Orden Kreuzritter aus anderen Ländern für ihre Sache zu rekrutieren versuchte, nachdem sie in dem preußischen Aufstand so viele Männer verloren hatten, aber er hatte nicht gewusst, dass sie auch nach Ungarn kommen würden - bis er eines Tages eine kleine Gruppe Boten des Ordens traf, die Ungarn um Hilfe für ihren Kreuzzug bitten wollten. Er führte sie zusammen mit Ungarn selbst zu ihrem König und verhandelte mit ihm, als sie ihre Bitte äußerten. Sein erstes internationales Geschäft als Land, und es lief gut. Nach seinem Erfolg entschloss er sich, Ungarn wieder zu verlassen, etwas weniger als zwei Monate nach seiner Ankunft, und reiste mit seinen Rittern durch Europa um mehr Rekruten zu finden. Sie hatten Männer aus Ungarn, dem Heiligen Römischen Reich und Böhmen, und bereiteten sich nun auf die Eroberung Samlands vor, der nächste zu befriedende Teil Preußens, jetzt da sie den Westen des Landes unter Kontrolle hatten. Die dortige hohe Bevölkerungsdichte war sowohl ein Segen als auch ein Fluch, der Orden fürchtete, sie stünden wieder kurz vor einer gewaltigen Schlacht. Andererseits, sollte es ihnen gelingen, die Menschen auf der Insel zu taufen und die Region zu erobern, dann hätten sie ein weiteres großes Stück Land und das dort lebende Volk auf ihrer Seite - letzteres natürlich nur, wenn viele der Preußen dazu bereit sein würden, getauft zu werden.
Preußen selbst war nicht allzu begeistert über einige der Leute, die das Heilige Römische Reich ihm geschickt hatte. Unter ihnen waren Sachsen, Mähren, und - leider - Österreicher. Was bedeutete, dass er gezwungen war, sich mit Österreich zu treffen. Aber sein Cousin blieb nicht lange, und sie hatten sich im Grunde auch nicht viel zu sagen. Trotzdem musste er sich ihm gegenüber gastfreundlich verhalten, so wie es Österreich getan hatte als er mit Heilig bei ihm zu Besuch gewesen war. Überraschenderweise gelang es ihm, dem Herzogtum trotz seiner Anwesenheit keinerlei körperliche Schäden zuzufügen.
Sie schafften es, eine 60.000 Mann starke Armee für den Feldzug aufzustellen, der im Januar 1255 begann und noch im selben Monat in einem Erfolg für den Orden endete. Wie immer wurden diejenigen Preußen, die sich taufen ließen, mit Nachsicht behandelt. Die anderen… weniger. Aber Preußen zwang sich, nicht daran zu denken: Das war seine von Gott auferlegte Pflicht. Den christlichen Glauben in diese Region zu bringen und sie im Namen des Deutschen Ordens zu erobern, damit sein Volk dort leben konnte.
Im selben Jahr gründete der Deutsche Orden Königsberg. Auf Samland folgte Natangen, und bald war ganz Preußen unter Kontrolle des Ordens.
1260 folgte ein weiterer Preußenaufstand. Die Armee war trotz neuer Stärke nicht darauf vorbereitet, da sie sich in letzter Zeit auf andere Länder konzentriert hatten, besonders auf das Heilige Land. Dieses mal hatte der Orden den Preußen nicht viel entgegenzusetzen. Sie zerstörten die meisten preußischen Schlösser des Ordens und fielen Jahr zu Jahr immer wieder im Land ein. Preußen hatte so oft und so schlimme Schmerzen, dass er immer wieder kurz davor stand in seiner Verzweiflung die Hoffnung zu verlieren, und er sich fragte, ob all ihre Mühen sinnlos gewesen waren und er sterben würde. Aber zum Ende des Jahrzehnts hin sah die Welt für ihn schon wieder besser aus. 14 Jahre später schafften sie es, die Preußen 1274 zu schlagen. Daraufhin verloren die überlebenden einheimischen Preußen die im Ordensgebiet lebten die meisten Rechte die sie zuvor hatten, und die meisten flohen in heidnische, baltische Gebiete wie das Herzogtum Litauen. Preußen kümmerte es mittlerweile nicht mehr, was mit ihnen geschah. Die 14 Jahre des Leidens, die er dank ihnen hatte durchleben müssen waren Grund genug um so etwas zu tun, dachte er. Doch manchmal, wenn er die Menschen sah, die früher Stammesanführer in ihrem Dienst gewesen waren, konnte er seine Schuldgefühle kaum ertragen. Mochte er auch physisch in keinster Weise mit diesen Menschen verbunden sein, so band ihn sein Schicksal ja doch an sie. Wäre ihre eigene Personifikation nicht gestorben, dann hätte er nie existiert. Aber das beweist nur, sagte er zu sich selbst, dass der Deutschordensstaat ohne die Unterwerfung der einheimischen Preußen nicht existieren kann. Und wir sind nicht die Heiden, sondern sie. Wir dienen der Kirche in diesem Kreuzzug. Was auch immer hier passiert ist Gottes Wille. In den seltenen Augenblicken, in denen ihn sein Gewissen plagte, beschwichtigte dieser Gedanke ihn. Wenn ihr Handeln nicht rechtens wäre, würden sie nicht so handeln.
Viele weitere Feldzüge folgten, und gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts fand auch der preußische Kreuzzug sein Ende, der Staat des Deutschen Ordens herrschte endlich allein über das Land.
3. Juni 1360
Der Handel ist großartig! Fast großartiger als ich! Seit einige meiner wichtigsten Städte der Hanse beigetreten sind, fühle ich mich um einiges besser als zuvor! Ich meine, es gab Zeiten, in denen es der Wirtschaft nicht gut ging… schlechte Ernten und so, wenn wir wenig anzubieten haben. Aber in den guten Jahren (also meistens), fühle ich mich so… es ist schwer zu beschreiben. Aber es ist, als würde ich nie müde werden - ich habe immer noch Energie, um weiterzugehen, zu tun, was Länder eben so machen. Als könnte ich es mit der ganzen Welt aufnehmen! Also dieses mal wirklich, nicht wie mein lahmes Herumgeprahle während des Kreuzzuges.
Wie auch immer, Handel ist wirklich das größte, fast so gut wie neue Länder zu erobern. 1308 haben wir die Stadt Danzig eingenommen, etwas besseres ist mir noch nie passiert. Die Stadt ist wie ein Handelsparadies. Meine Hauptstadt Königsberg ebenso. Neben diesen beiden Städten machen sich auch Thorn und Elbing gut. Wir treiben Handel mit Städten im Königreich Schweden, dem Königreich Polen, dem Königreich Norwegen, dem Königreich England… und mit vielen freien Städten, Fürstentümern, Herzogtümern und anderen. Aber Königreiche klingen einfach besser, wenn man sie aufzählt! (Ich möchte eines Tages unbedingt auch ein Königreich werden!)
Und das beste daran? ICH BIN IM ERNST AUF EINEM SCHIFF, UM ZU REISEN UND HANDEL ZU TREIBEN! Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel Freude daran hätte, aber es einfach so cool! Und mit ein wenig Glück lerne ich sogar ein paar der oben genannten Länder kennen, wenn wir mit ihnen Handel treiben! Ich werde überall erzählen, wie großartig mein Land ist! Vielleicht möchten dann noch mehr Menschen in mein Land ziehen… oder ich finde noch mehr Handelspartner!
Preußen las sich den Tagebucheintrag noch einmal durch, den er vor vier Wochen geschrieben hatte. Sie hatten in Dänemark, Schweden und Norwegen angelegt, und obwohl er dort an Land gegangen war, hatte er bis jetzt keines der Königreiche getroffen. Jetzt reisten sie in Richtung Harlingen, einer niederländischen Stadt in Friesland. Und, da dies ein Hafen der Niederlande war, erwartete er dass das Land, von dem man ihm gesagt hatte, es sei einer seiner Cousins, da sein würde. Und selbst wenn nicht, ihr nächster Halt war in London. Wenn er England nicht in seiner Hauptstadt fand, wusste er nicht, wie er andere noch treffen könnte. Er legte sein Tagebuch nieder, rannte auf das Oberdeck und zu einem der Händler dort. „Und?" fragte er, seine roten Augen leuchtend vor Aufregung. „Sind wir bald da?"
Der Mensch lachte. Über die Wochen, die Preußen mit ihnen auf dem Schiff verbracht hatte, hatten die Leute ihn akzeptiert und sich in einigen Fällen sogar mit dem Jungen angefreundet, trotz seiner Merkwürdigkeit. „Die niederländischen Inseln liegen hinter uns," sagte er ruhig zu dem jungen Land. „Wir sollten jede Minute in Harlingen ankommen." Dann nickte er nach vorn. „Man kann schon Land sehen."
Sofort riss Preußen den Kopf herum und starrte aufmerksam in die angedeutete Richtung. Aber was er da sah, verwirrte ihn. „Wo sind die Hügel?" murmelte er und zog eine Augenbraue hoch, was für eine bizarre Landschaft. „Ich weiß, dass es die Küste sein muss, die wir hier sehen, aber selbst Küsten haben Hügel… Jedenfalls kann man sie immer schon von der Küste aus sehen." Er sah wieder auf zu dem Händler. „Sind wir noch so weit weg? Ich kann schon die Umrisse der Häuser erkennen, also müssen wir nahe dran sein…"
Der Händler lachte nur und tätschelte ihm den Kopf, wovon Preußen sich sofort wegduckte. „Es heißt nicht umsonst die Niederlande, mein Junge," erklärte der Mensch. „Das meiste Land, so weit ich gesehen und gehört habe, ist komplett platt. Kennst du die verschiedenen Grafschaften dieses Landes? Holland, Zeeland, Friesland - das sind die wichtigsten. Flach wie die Oberfläche eines Sees wenn kein Wind herrscht." Still starrte er das Land, dem sie sich rasch näherten, einen Augenblick lang an. Dann fuhr er fort. „Weil das Land so niedrig liegt und so flach ist, gibt es hier oft große Probleme durch Überflutung, habe ich gehört. Aber diese Menschen haben gelernt, gegen das Wasser anzukämpfen. Sie haben ihre eigenen Hügel gebaut, auf dem sie ihre Häuser bauen, sie machen die Hügel um die Flussbänke herum um das Wasser im Fall einer Flut aufzuhalten. Das finde ich sehr geschickt!"
Preußen nickte langsam und starrte wieder mit großen Augen in Richtung Land, das Land seines Cousins. Er hatte immer gedacht dass die Natur die eine Gegnerin war, die sich nicht bezwingen ließ. Wenn die Ernte schlecht war gab es eine Hungersnot, und nichts ließ sich dagegen tun. Feuer, die ganze Dörfer verschlangen, die Äcker zerstörten… Menschen und Länder gleichsam waren dagegen machtlos. Aber sein Cousin, seine Familie, hatte die Natur unterworfen! „Ich hoffe, er kann mir das beibringen…" murmelte er zu sich selbst.
„Wir werden schon sehen, Preußen."
Knapp eine Stunde später war er in Harlingen. Nachdem die Händler auf seinem Schiff die Friesen hatten überzeugen können, dass es ihm gut ging, erfuhr er, dass Niederlande tatsächlich gerade hier war. Aber sie sagten ihm auch, er solle nicht allzu viel erwarten, was ihn verwirrte. Er verstand, als er seinen Cousin, seinen kleinen Cousin - also Kleinkindalter - sah. Irgendwie hatte er erwartet, dass auch er etwa in seinem Alter wäre. Bis jetzt waren alle Länder, die er kennengelernt hatte, älter als er gewesen, besonders Familienmitglieder, aber Niederlande war nicht älter als ein Kleinkind. Der Junge versteckte sich hinter einem der Friesen und starrte Preußen mit großen, blau-grünen Augen an. Er krallte sich mit seinen winzigen Fäusten am Oberschenkel des Menschen fest, hinter dem er sich versteckte und murmelte etwas. Zu seiner Überraschung konnte Preußen ihn nicht verstehen: Deutsch und die meisten Dialekte Norddeutschlands waren sich sehr ähnlich. Vielleicht sprach er friesisch, schon während er die Stadt erkundet hatte war ihm aufgefallen, dass hier eine andere Sprache gesprochen wurde. Oder vielleicht sprach er niederländisch, aber er war sich einfach nicht sicher. „Wie is dat?" fragte der junge Niederländer zwei der friesischen Händler neben ihm. „Hij is eng…" Die Niederländer antworten irgendetwas, das Preußen auch nicht verstand. Aber Niederlande hatte sehr nervös geklungen, als er gesprochen hatte, und seine Augen waren nach wie vor auf Preußen fixiert, weit aufgerissen und etwas ängstlich.
Oh, dachte Preußen und lächelte. Er ist schüchtern… wie süß. Das war nicht der ozean-bekämpfende Cousin den er sich vorgestellt hatte, aber andererseits war es nicht abwegig, sich die Niederlande als sehr jung vorzustellen.
Die niederländischen Grafschaften waren noch nicht geeint, obwohl sie in den letzten Jahrzehnten angefangen hatten, stärker zusammenzuarbeiten. Vermutlich gab es noch lebende Personifikationen der Grafschaften, obwohl die Personifikation der vereinten Version ihres Landes schon geboren worden war. Aber da es noch keine Einheit gab, war er noch nicht aufgewachsen.
Um weniger einschüchternd zu wirken, kniete Preußen sich mit einem Bein vor dem kleinen Kind hin. „Hallo Niederlande," sagte er mit beruhigender, seichter Stimme. „Wie geht es dir? Ich bin übrigens Preußen, dein Cousin."
Niederlande blinkte ihn nur verwirrt an, dann starrte er auf zu der Person, an dessen Bein er sich festklammerte. „Wat zegt hij?" fragte er.
Der Mensch lächelte nur und tätschelte dem Kind den Kopf. „Hij zegt dat hij jouw neef is," sagte er, Preußen schätzte dass er seine Worte für das junge Land übersetzte.
„Ich bin hier, um mit dir Handel zu treiben," sagte er mit einem Lächeln, glücklich, endlich einmal die Rolle des älteren Familienmitglieds einnehmen zu dürfen. „Sieh mal." Er nahm seine Gürteltasche und öffnete sie, schüttete ein wenig Getreide in seine Handfläche und hielt es den Niederlanden hin. „Wir können euch Getreide im Austausch für eure Produkte verkaufen. Wir haben bergeweise Getreide, wo ich herkomme."
Als er das Produkt sah, fingen die Augen des Niederländers zu leuchten an, vermutlich weil er erkannte was es war und verstand, mutmaßte Preußen. Ohne ein weiteres Wort steckte das Kind seine Hand in seine Hosentasche und holte eine Handvoll Kupfermünzen hervor. Dann inspizierte er das Getreide auf der Hand seines Cousins, sah wieder auf sein Geld und hielt Preußen zwei Kupfermünzen hin, die anderen steckte er in seine Tasche zurück. Überrascht hielt Preußen ihm seine andere Hand hin und ließ den Jungen sein Geld hineinlegen, wortlos gab er den Niederlanden das Getreide, der bereits die Hände aufhielt. Verwundert beobachtete das ältere Land, wie der Niederländer lächelte als er ihm das Getreide gab, schnell in ein Lagerhaus watschelte und ein paar Minuten mit drei Keilen Käse in seinen Armen zurückkehrte. Wortlos drückte er Preußen den Käse in die Arme, dann hielt er seine rechte Hand aus und sah den älteren Jungen erwartungsvoll an. Preußen kramte hektisch in seiner Tasche herum, holte ein paar Münzen hervor und hielt sie ihm hin. Da er mit seinem anderen Arm den Käse festhielt konnte er die Münzen nicht gut selbst passend heraussuchen, aber er vertraute darauf, dass Niederlande fair mit ihm handeln würde. Und um ehrlich zu sein hatte er keine Ahnung, wie viel dieser Käse wert war, und er wollte den jungen Händler nicht beleidigen indem er ihm aus Versehen zu wenig Geld dafür gab. Niederlande sah sich das Geld einen Moment lang an, dann griff er sich zwei Münzen aus Bronze und steckte sie zufrieden in seine Tasche. „Dat is een goede deal," sagte er glücklich. „Heb je meer?" Seinen letzten Satz konnte Preußen verstehen. Es klang ähnlich wie „hast du mehr?" und obwohl er das für etwas leger hielt, nickte und lächelte er. „Sicher haben wir mehr davon. Ganze Boote voll. Aber wir müssen England später diesen Monat auch noch etwas davon verkaufen, also können wir euch nicht alles geben."
„Engeland?" fragte Niederlande dann und legte den Kopf schief. Preußen nickte, froh dass sie sich endlich ein wenig verstanden. Vielleicht waren ihre Sprachen sich ähnlich genug dass sie lernen konnten miteinander zu sprechen, bevor Preußen wieder gehen musste.
„Engeland verkoopt wol. Dat is goed spul, maar duur. Betaal hem niet te veel." Niederlande plapperte noch eine Weile weiter, aber Preußen konnte dem nicht mehr folgen. Er sah hoch zu den niederländischen Händlern, die immer noch da waren und ihr kleines Land amüsiert ansahen. Auf Preußens fragenden Blick erklärten sie ihm, was das Kleinkind sagte. „Er gibt dir Ratschläge für den Handel mit England." Sagte einer von ihnen, während Niederlande fröhlich weiterredete.
„Er… ist wirklich in seinem Element, wenn es um den Handel geht. Und Landwirtschaft. Und Deiche… sagen wir mal, er ist einfach ein harter Arbeiter für sein Alter."
„Und ein komischer Vogel," fügte Preußen hinzu, und obwohl sie etwas gekränkt wirkten, lachten die Niederländer darüber.
„Meines Wissens nach," sagte einer von Preußens eigenen Händlern, „Seid ihr Unsterblichen alle besonders."
Dafür warf Preußen ihm einen kurzen, etwas erzürnten Blick zu, drehte sich um und ging wieder in Richtung ihres Schiffes um über seinen ‚besonderen' Cousin zu schreiben.
Zwei Wochen später hatten die Händler all ihre Ware verkauft und Preußen hatte ein wenig die Gegend um Harlingen erkundet. Seine Händler hatte recht gehabt: alles Land war entweder flach oder von Menschenhand geschaffene Hügel. Und Niederlande fand er selbst für sein junges Alter komisch.
Dann verließen sie die Niederlande wieder und erreichten bald ihren nächsten und letzten Halt vor ihrer Rückkehr nach Preußen. London war, wie Harlingen und dessen Umgebung, anders als alles, was Preußen je gesehen hatte. Es war nicht so einfach, die Personifikation Englands zu finden, wie es bei seinem Cousin gewesen war: er konnte kaum mit den Menschen in England kommunizieren, noch weniger als mit den Niederländern, von denen immerhin die Mehrheit passabel deutsch gesprochen hatte, und wann immer er jemanden fand, mit dem er sich verständigen konnte, kannte die Person entweder England nicht oder wollte ihm nicht helfen. Und dann fiel ihm ein, dass England gerade im Krieg mit Frankreich war, seit 23 Jahren schon. Vielleicht war er gerade drüben in Frankreich. Dieser Gedanke stimmte Preußen traurig. Er hatte so viele Länder wie möglich kennenlernen wollen, und da er das Meer hatte überqueren müssen, um hierher zu kommen, war dies vielleicht für Jahrzehnte seine einzige Chance, England zu treffen.
Aber schließlich fand er den Jungen doch. Er war von seinem Aussehen her das älteste Land, das er bis jetzt getroffen hatte, ungefähr 13 oder 14. Er starrte von oben auf Preußen herab, der nach wie vor nicht älter als elf war. Sein Haar war aschblond und sah sehr unordentlich aus, seine Augen waren noch grüner als Ungarns, sie erinnerten ihn an Smaragde. Diese Augen mochten sogar sehr schön gewesen sein, hätten sie ihn nicht mit so einem herablassenden Ausdruck angeblickt.
Preußen war einfach auf ihn zugegangen und hatte sich vorgestellt, und schon hatte Englands Gesicht förmlich ‚kein Interesse' geschrien. Das war der Blick, den Preußen von allen am wenigsten auf der Welt leiden konnte. „Also du bist Preußen?" antwortete England mit starkem Akzent auf Französisch - die einzige Sprache, die sie beide sprachen, obwohl England sich offensichtlich keine Mühe gab, die Sprache richtig auszusprechen. Das Königreich schnaubte. „Pipsqueak, das bist du. Und bei Gott, was ist mit dir passiert?"
„Ich habe blasse Haut, weiße Haare und rote Augen," grummelte Preußen, er wusste genau, was der andere Junge meinte. „Hast du ein Problem damit?"
„Yeah," antwortete England und kniff seine Augen zusammen. „Leute wie dich verbrennen wir hier in der Regel auf dem Scheiterhaufen. Teufelssohn, ohne Frage."
Angespannt versuchte Preußen, ihn mit möglichst gelassener Stimme zu korrigieren, „Sohn von Germanien. Jemand wie ich kann doch von niemand anderem abstammen!"
Das schien Englands Interesse zu wecken, und er klang nun etwas weniger herablassend und gemein als er wiederholte, „Germanien? Echt?" Preußen nickte, und ein Ausdruck den er nicht so ganz einordnen konnte glänzte in Englands Augen. „Na dann," seufzte er und zuckte mit den Schultern. „Dann halt kein Scheiterhaufen für dich. Ich mag deinen Vater. Eine Schande, dass er uns hat verlassen müssen." Dann drehte er sich um ging, er gestikulierte zu Preußen, dass er ihm folgen solle. Der Junge war einen Moment lang überrascht, aber dann rannte er schnell zu ihm.
„Kanntest du meinen Vater?" fragte er, Englands Reaktion auf den Namen seines Vaters erstaunte ihn. „Wie war er so? Ich meine, warum mochtest du ihn so sehr?" Er hoffte, dass England seinen Versprecher auf sein schlechtes Französisch zurückführen würde. Als könnte er einfach irgendein Land wissen lassen, dass er seinen eigenen Vater nie kennengelernt hatte!
England zuckte wieder mit den Schultern. „Es ist schwer, keinen Respekt vor dem Mann zu haben, der meinen eigenen Vater getötet hat. Aber das ist nicht so wichtig. Was führt dich auf meine kleine, abgelegene Insel?" Er sah ihn über seine Schulter an, mit verengten Augen, jetzt wirkte er wieder ziemlich unsympathisch. „Oder, anders formuliert, warum bist du hierher gekommen und störst mich, wenn ich mitten in einem Krieg bin?"
Preußen rollte mit den Augen. „Weil der Handel weitergeht, im Krieg wie im Frieden," antwortete er mit einem seufzen. Er mochte England nicht besonders. Wirklich nicht. Aber er war immer noch ein Land, und das war Preußen schon interessant genug, um hier zu bleiben. Und immerhin, wenn England sich keine Mühe gab, höflich zu sein, musste er es auch nicht. Hier konnte er ganz er selbst sein. „Du scheinst ohnehin nichts zu tun zu haben, was ist dein Problem?"
England seufzte und murmelte etwas in seiner eigenen Sprache, die Preußen nicht verstand. Dann gingen sie ein ganzes Stück stumm nebeneinander, und Preußen fragte sich, ob er ihm überhaupt folgen sollte oder nicht. Schließlich betraten sie Ländereien eines Schlosses, aber das eigentliche Schloss lag noch etwas entfernt - Preußen konnte es zu seiner linken sehen, aber dann bogen sie nach rechts ab und gingen auf ein kleineres, hölzernes Gebäude zu. Als sie näher kamen, erkannte Preußen den Geruch schnell: Ställe.
„Was bringst du mich zu einem Stall?" fragte er und zog eine Grimasse aufgrund des Gestanks.
„Wer hat dir gesagt, dass du mir hinterlaufen sollst wie ein Hund?" schoss England zurück ohne ihn anzusehen, und Preußen verstummte wieder.
Drinnen ging England zu einem dunkelbraunem Pferd, holte es aus dem Stall und stieg auf seinen Rücken. Dann sah er auf Preußen herab. „Ich hoffe du findest selber zurück, Junge. Wäre doch zu schade, wenn du dein Schiff verpassen würdest. Dann müsstest du hier bleiben." Er zog eine Grimasse und galoppierte auf seinem Pferd davon, den Preußen hinter sich lassend.
„Verdammt," murmelte er zu sich selbst. „Sie hatten recht: alle Länder spinnen. Außer mir natürlich. Und Heilig kann auch noch als normal durchgehen, schätze ich." Aber Österreich war ein tuntiger Warmduscher mit schlechten Augen, Ungarn war ein Mädchen - das sich für einen Jungen hielt -, Niederlande war ein präpubertärer Wirtschaftsfanatiker und England war einfach ein Arsch.
„You'll have to excuse his behaviour," sagte eine neue Stimme plötzlich, und Preußen sah sich verwirrt um. Er wusste weder, wer gesprochen hatte, noch was seine Worte bedeuteten, denn das war kein Französisch gewesen. Dann fiel ein wenig Stroh auf seinen Kopf, welche er genervt abschüttelte. Er seufzte und blickte nach oben. Ein noch älterer Jugendlicher, vielleicht 15 Jahre alt, lag auf einem Hohen Heuhaufen und sah auf das junge Land herab. Einen Moment wirkte er ebenso verwirrt wie Preußen, dann murmelte er etwas, ob zu ihm oder zu sich selbst wusste Preußen nicht. „He spoke French to you... so you probably don't know any English, eh? Too bad I don't speak French." Was um Gottes Willen redet der Kerl da? „Latina?" fragte der Jugendliche in besagter Sprache. „Kannst du Latein?"
„Ich kann es lesen," stammelte Preußen, er war sich nicht sicher, wie er reagieren sollte. „Und schreiben. Sprechen ist schwer." Und wie. Wenn er nur eine einfachere Sprache als ausgerechnet Latein sprechen könnte, dann könnte er vielleicht kommunizieren, wie großartig er eigentlich war. Aber so musste er auf die andere Person wie ein dummes kleines Kind wirken.
Doch der Jugendliche zuckte nur mit den Schultern. „Das kannst du laut sagen. Was ich meinte, war: Ärger dich nicht über England. Er ist schon seit der Krieg mit Frankreich angefangen hat so drauf. Wahrscheinlich weil Schottland auf Frankreichs Seite kämpft - Schottland ist schließlich unser Bruder."
„Euer Bruder? wiederholte Preußen, und fragte sich, ob er richtig gehört hatte. Er hatte angenommen, der Junge sei menschlich - ein Stallbursche. Ein Knecht. Aber anscheinend-
„Ich bin Wales, Dummkopf," sagte das ältere Land dann, er wirkte beleidigt. Dann schnaubte er und sah einen Moment lang weg. „Obwohl ich ehrlich gesagt froh bin, dass du die Ähnlichkeit zwischen meinem Bruder und mir nicht gesehen hast."
Wie könnte ich auch? dachte Preußen, entschied sich aber, diese Worte nicht laut zu sagen. Er ist gescheit angezogen, sauber und gepflegt. Du bist über und über mit getrocknetem Schlamm und Stroh eingesaut und riechst wie ein Pferd. Doch jetzt da er ein wenig näher hinsah, fiel ihm die Ähnlichkeit auf - sie hatten sehr ähnliche Gesichtszüge und Wales hatte die gleichen, grünen Augen, aber etwas dunkler. Seine Haare hatten auch eine dunklere Farbe - oder vielleicht war es nur der Schlamm. Alles in allem sah er aus, als hätte er sich mehrere Monate nicht mehr gewaschen. Preußen hatte noch keine Nation gesehen, die so sehr nach Bauerntrampel aussah - kein Wunder, dass er ihn für einen Menschen gehalten hatte.
„Ehrlich gesagt bin ich froh, dass Schottland so gegen ihn kämpft," schnaubte Wales und legte sich wieder auf seinen Rücken, während er sich weiter mit Preußen unterhielt. „Wusstest du, dass England vor nicht allzu langer Zeit versucht hat, Schottland zu erobern?" Preußen nickte: er hatte davon gehört, obwohl es ihn nicht wirklich interessierte, was auf der anderen Seite des Meeres geschah. „Ja. Dieser Trottel denkt, er könnte uns alle so ‚einfach' erobern wie mich. Aber nicht Schottland, das sage ich dir! Ich habe mich mit Zähnen und Klauen gewehrt, aber Schottland ist noch stärker als ich. England wird niemals gewinnen!" Aha, also liebte er seinen Bruder. Sehr nützliche Information, danke, dachte Preußen und verdrehte die Augen. Er beschloss, das ältere Land zu unterbrechen, bevor er seinen Bruder noch wortwörtlich anzubeten begann.
„Also… warum bist du eigentlich hier?" fragte er, da ihm nichts besseres einfiel. Wenigstens musste er sich jetzt nicht mehr Wales' Geplapper über Schottland anhören. „Hier in der Nähe gibt es ein Schloss, warum lebst du in einem Stall? Scheinbar schon so lange, dass du angefangen hast schlimmer zu riechen als seine Bewohner, fügte er gedanklich hinzu.
„Warum würde ich im selben Gebäude wie England leben wollen?" murmelte Wales daraufhin nur. „Ich hasse ihn wie die Pest, diesen arroganten Arsch. Denkt, er wäre hier das Familienoberhaupt. Mich hat er vielleicht in die Ecke getrieben, aber obwohl er Irland auch für sich beansprucht, ist Irland noch so ziemlich unabhängig, und von Schottland habe ich dir ja bereits erzählt." Der Jugendliche setzte sich wieder auf und sprang herunter, wirbelte dabei Sand und Stroh in Preußens Richtung auf. „Du müsstest ja wissen, wie das ist. Wenn andere über dich herrschen, meine ich." Danke. Echt, vielen Dank. „Es ist zum heulen. Und deine Geschwister? Sind sie auch herzlose Bastarde wie meine?"
„Nein, die sind alle nett," antwortete Preußen, trat einen Schritt zurück und versuchte nicht zu husten. Vielleicht war dieser ‚Schlamm' auf Wales gar nicht alles Schlamm…
„Wie auch immer," sagte Wales. „Wann gehst du wieder? Ich meine, ich würde dich gerne einladen, noch etwas zu bleiben, aber ich habe hier echt gar nichts zu sagen. Ich kann dir höchstens den Heuballen da anbieten, aber das ist schon meiner."
„Eigentlich hatte ich gar nicht vor, hierher zu kommen," antwortete Preußen kühl. Wales war freundlicher als England, aber kein bisschen höflicher. „Ich wollte England ein wenig kennenlernen-" Wales schnaubte daraufhin, und Preußen log rasch: -und dich, aber ich habe es mir anders überlegt." Er schnaubte und sagte mit arrogantem Tonfall: „Ich habe besseres zu tun, als meine Zeit mit einem griesgrämigen, herablassenden Bastard wie dir zu verschwenden, du wandelnder Haufen Mist und Stroh und… weiß der Teufel noch was…"
„Als wärst du so nett anzusehen!" gab Wales wütend zurück. „Verzieh dich zurück auf dein Schiff und segle zurück zu deinem öden Land und komm ja nicht wieder. Ich habe besseres zu tun, als mir von einem arroganten kleinen Bengel wird dir auf die Nerven gehen zu lassen! Und ich bin arbeitslos!"
Preußen wollte etwas sagen, aber dann wurde er von dem älteren Jungen am Kragen hochgerissen, aus dem Stall geschleppt und davon geschmissen als wiege er nichts. Preußen landete mitten in einer Schlammpfütze, und er konnte Wales lachen hören. „Dreck steht dir, Pipsqueak! Hast wenigstens mal ein bisschen Farbe im Gesicht!" Preußen war wieder auf seinen Beinen und kämpfte gegen das Bedürfnis, das ältere Land in seiner Wut einfach anzugreifen. Er hatte keine Waffen bei sich, und da Wales um einiges größer war als er, hätte er keine Chance.
Dann ging er und blieb von da an auf seinem Schiff. Sehr zu seiner Erleichterung begegnete er weder England noch Wales ein zweites mal bevor sie schließlich abfuhren. Er wollte nicht zu viel Platz in seinem Tagebuch verschwenden, also machte er sich eine Notiz unter dem Eintrag vom Beginn der Reise.
Der Handel ist toll. Andere Länder weniger. Hinweis an mich selbst: besuche keine Länder, die gerade im Krieg sind, rede nicht mit annektierten Gebieten anderer Länder. Sind alles Hunde.
Anmerkung Autorin:
„Wie is dat? Hij is eng…" - „Wer ist das? Er ist mir unheimlich…"
„Wat zegt hij?" - „Was sagt er?"
„Hij zegt dat hij jouw neef is." - „Er sagt, er sei dein Cousin."
„Dat is een goede deal. Heb je meer?" - „Das ist ein guter Deal. Hast du mehr davon?"
Engeland? Engeland verkoopt wol. Dat is goed spul, maar duur. Betaal hem niet te veel." - „England? England verkauft Wolle. Gutes Zeug, aber teuer. Pass auf dass du ihm nicht zu viel bezahlst."
Anmerkung der Übersetzerin:
Da „Die Niederlande" im Deutschen Plural ist und nicht wie die meisten anderen Länder im Singular steht, hatte ich meine Probleme mit diesem Charakter. Letzten Endes habe ich mich dafür entschieden, es wie die englischsprachigen Autoren zu machen und den Artikel sowie die Pluralform wegzulassen. Sollte jemand eine bessere Idee haben, würde ich mich natürlich freuen davon zu hören.
