"So, jetzt kennst Du die ganze Geschichte, wie lösen wir das, ohne daß sich einer von uns in sein Schwert stürzen muss?" Hotch goss Rossi noch einen Brandy ein und setzte sich wieder hin. Er hatte beschlossen, Dave einzuweihen und sich bei ihm Rat zu Holen. Er liebte Rose, es war nicht übertrieben, wenn er Billie sagte, daß sein Herz für einen Moment aussetzte, wenn er sie sah, das tat es wirklich. Haley´s Tod hatte ein klaffende Wunde bei Hotch hinterlassen, seine Gefühle für Rosslyn begannen diese Wunde wieder zu schliessen. "Ich glaube nicht, daß Ihr so schwarz sehen müsst. So wie ich das sehe, schuldet Dir das Bureau eine ganze Menge. Rosslyn ist ein Ziehkind von Gideon, was auch nicht ohne Gewicht ist. Auf der Anderen Seite geht es niemanden etwas an, was Ihr in Eurer Freizeit macht, sofern Ihr nicht wieder Rosslyns Büro *zweckentfremdet*" fügte Dave noch hinzu. "Du warst das mit der Tür?" Rossi grinste," nichts, was ich nicht schon gesehen hätte", "Du hast aber keine Haltungsnoten verteilt, oder?" Hotch nippte an seinem Drink, als es klopfte, heftig klopfte. "Ich bin´s Billie", kam es verzweifelt von draußen. "Billie?" Hotch riss die Tür auf und erschrak. Billie sah furchtbar aus. Sie hatte eine aufgeplatzte Lippe, eine Verletzung am Auge und war leichenblass. Ihre Haare waren wirr, ihr Shirt hatte einen Riss und sie zitterte wie Espenlaub. "War das Kevin?" Billie nickte, "Kevin ist nicht nett" sagte sie und brach einfach zusammen. "Ich bringe den Kerl um", knurrte Hotch und legte Billie auf die Couch, Rossi hielt ihr den Brandy unter die Nase, "wir brauchen die Kollegen vom Washington PD und einen Krankenwagen, Aaron" sagte Rossi entsetzt und griff zu seinem Handy.

Zehn Minuten später waren sowohl die Polizei als auch der Notarzt vor Ort. Billie saß auf Hotchs Couch und sprach kein Wort. Durch den Brandy hatte sie wieder ein bisschen Farbe bekommen, zitterte aber immer noch unkontrolliert. Der Arzt versorgte sie notdürftig und Hotch sprach mit dem Detective. "Wissen Sie was passiert ist, Agent Hotchner?" "Billie hat kaum gesprochen, sie hat aber einen Namen genannt, Kevin, sie gehen miteinander, den Nachnamen kenne ich nicht. Ihre Mutter müsste es wissen, Mrs. Baines ist aber nicht in der Stadt." "Wie ist Ihr Verhältnis zu Miss Baines?" "Sie ist die Tochter von Section Chief Rosslyn Baines, ihr untersteht die BAU. Billie ist wie eine große Schwester für meinen Sohn, sie besucht ihn sehr oft. Heute waren wir zusammen im Naturkundemuseum, ich habe Billie gegen 17 Uhr zu Hause bei ihrem Kindermädchen abgesetzt. Wir haben im Wagen über diesen Kevin gesprochen, ich hatte das Gefühl, sie ist sich ihrer Gefühle ihm gegenüber nicht klar und habe ihr geraten, nichts zu überstürzen." Det. Jones machte sich Notizen, eine unerfreuliche Geschichte. Die Mutter ein hohes Tier beim FBI, das konnte politisch werden, keiner riss sich beim PD um solche Fälle. Jones hoffte, daß er diesen Kevin zuerst erwischte, Hotchner würde den Kerl ohne mit der Wimper zu zucken erschiessen, daran hatte Jones nicht den Hauch eines Zweifels.

"Warum sind hier so viele Leute, Dad?" Jack war von dem Krach aufgewacht und wollte wissen, was los ist. "Was ist mit Billie?" Jacks bange Frage weckte Billie aus ihrer Starre. Sie stiess den Arzt weg und stand auf. "Ich bin nur hingefallen, Jack. Geh wieder ins Bett, okay?" Sie drückte Jack fest und ging mit ihm in sein Zimmer. "Wenigstens spricht sie jetzt", sagte Rossi erleichtert, "Rosslyn hat ihr Handy nicht an, ich hab auf die Box gesprochen." "Wir müssen Miss Baines mitnehmen, sie steht unter Schock", sagte der Notarzt gerade. Hotch nickte, "ich fahre mit." Irgendjemand musste Billie erklären, was jetzt passieren würde. "Ich spreche nur mit Hotch", kam es leise von Billie die wieder ins Wohnzimmer gekommen war. "Das ist in Ordnung, Billie, was hat er gemacht?" Aaron setzte sich mit Billie auf die Couch, "Ich hab ihn vorhin g-getroffen, wir waren verabredet. Ich wollte nicht unfair sein und hab ihm gleich gesagt, daß ich nicht mit ihm, Du weisst schon, ich habe drüber nachgedacht, was Du im Auto gesagt hast." Billie schluchzte kurz," er hat mich in seinen Pick Up geschubst und ist losgefahren. Ich wollte nur raus, aber Kevin hat mir eine geschmiert und gesagt, ich soll mich nicht so anstellen. Andere wären nicht so zimperlich."

Billie stockte, sie konnte nicht weiter reden. "Lass Dir Zeit, Billie, aber versuch Dich genau zu erinnern", sagte Hotch. "Das will ich aber nicht", Billie konnte nicht aufhören zu weinen. "Du musst, ohne Deine Aussage können wir ihn nicht verhaften." Hotch hasste sich gerade für diesen Satz. Das war Billie, keine unbekannte Zeugin. Er nahm ihre Hand und sie atmete tief durch. "Er hat gesagt, daß Andere nicht so zimperlich sind und gern für ihn die B-Beine breit machen, Kevin ist so ein Arschloch. Dann hat er plötzlich angehalten und ich bin mit dem Gesicht auf das Armaturenbrett geknallt. Er hat seine Hose runtergezogen und er hat mich angegrabscht und mein Shirt zerissen und ich hab ihn gekratzt und er hat auf meine Jeans,... das war so eklig, ich werd die nie wieder anziehen." Hotch sah auf die Spermaflecken auf Billies Hose und holte tief Luft." Was hat er dann gemacht?" Billie schüttelte sich, " er hat sich angefasst, seinen äh..", Billie brachte das richtige Wort nicht über die Lippen, "ich konnte abhauen, als er die Augen verdreht hat. Ich hab ein Taxi angehalten und bin hierher gefahren", schloss Billie ihre Ausführungen. Der hartgesottene Rossi hatte gerade das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Jones hatte mit stenographiert und fragte noch einmal nach. "Er hat Sie also nicht vergewaltigt, Miss Baines?" "Nein, aber er hat meine Brust angefasst und mir die Jeans aufgemacht", Billie schluchzte auf, "dann hat er die Hand in meinen Slip geschoben und, oh Gott, ich hatte solche A-Angst, ich hätte nie gedacht, daß Kevin so was macht," Billie fing wieder an zu zittern und Hotch nahm sie vorsichtig in den Arm. "Was hat er mit seiner Hand gemacht, Miss Baines? Sie müssen das erzählen", Jones war es sichtlich unangenehm diese Frage zu stellen, hatte aber keine Wahl. Billie versuchte sich zusammen zu reissen. "Er hat mich befingert", sagte sie tonlos. "Verdammter Bastard", fluchte Hotch. "Wir müssen ins Krankenhaus fahren, wir brauchen Fotos und Du musst untersucht werden Billie, verstehst Du?" Billie riss entsetzt die Augen auf, ihr wurde gerade klar, worüber Hotch da sprach. "Du lässt mich aber nicht allein", fragte sie ängstlich, "sicher nicht, Deine Mum würde mich umbringen", versuchte Hotch einen kleinen Scherz, "Rossi bleibt solange bei Jack."

Billie verlor in der Notaufnahme die Nerven, sie wehrte lautstark gegen die Ärztin. Sie hatte die Fotos widerspruchslos über sich ergehen lassen, war aber jetzt am Ende ihrer Kraft. "Niemand fasst mich hier an! Wo ist meine Mum?!Oh bitte, ich will meine Mum!" Hotch hörte sie weinen und schreien hinter dem Vorhang und ertrug das nicht mehr länger. "Billie, ich komme jetzt rein", kündigte er an. Er setzte sich an das Kopfende des Bettes, mit dem Rücken zur Ärztin, " Du wirst jetzt nur mich ansehen", sagte er. Hotch streichelte Billies Wange und nahm ihre Hand, "ich weis, Du hättest jetzt lieber Deine Mum, aber Du bist nicht alleine. Ich werde Dich nicht anlügen und sagen, daß das jetzt nicht schlimm ist, oder daß ich weis, was Du gerade durchmachst, aber die Ärztin macht so schnell sie kann und sie wird versuchen, Dir nicht weh zu tun."

Billie quetschte Hotchs Hand, "Sie soll aufhören", flüsterte Billie als die Ärztin ihren Unterleib berührte, "schon vorbei", sagte Dr. Anderson kurz darauf. "Kann ich Sie sprechen?" sagte sie zu Hotch. Er nickte, "ich bin gleich wieder da", und ging mit der Ärztin. "Ohne Sie hätte ich das jetzt nicht geschafft. Es tut mit leid, daß Ihre Tochter das durchmachen muss, aber sie hatte Glück. Er hat sie wirklich nur angefasst, weitere Spermaspuren konnte ich nicht an ihr feststellen. Sie sollte über Nacht hierbleiben, aber ich fürchte, das will sie nicht." "Billie ist nicht meine leibliche Tochter", erklärte Hotch, " dafür haben Sie das eben aber sehr gut gemacht. Ich denke, sie ist bei Ihnen in guten Händen" nickte Dr. Anderson. Nach kurzer Rücksprache mit Billies Kindermädchen Ruth, die beinahe der Schlag traf, als sie erfuhr, was passiert war, nahm Hotch Billie wieder mit zu sich nach Hause.

Rossi döste im Sessel, war aber sofort hellwach, als Hotch und Billie wieder kamen. "Wie geht´s Dir?" sprach Dave Billie an, sie zuckte mit den Schultern, "kann ich duschen gehen?" "Du kennst Dich ja aus, frische Handtücher sind im Schrank hinter der Tür, ich hab aber den Weichspüler vergessen, sie sind ziemlich hart." Über Billies Gesicht huschte ein kurzes Lächeln, "vergisst Mum auch immer", sie machte die Badezimmertür hinter sich zu.

Hotch liess sich auf die Couch fallen und legte die Füsse auf den Tisch. "Das Krankenhaus war furchtbar, Billie war völlig von der Rolle", sagte er sichtlich erschüttert zu Rossi, "ich weis nicht, ob ich je wieder unbefangen mit einem Opfer eines Übergriffs reden kann, ohne dabei an Billie zu denken", Hotch fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. "Hat sich Rosslyn schon gemeldet?" Rossi nickte, "sie sitzt in einer Privatmaschine, sie landet gegen 6 Uhr früh. Soll ich hierbleiben, oder kommt Ihr zurecht?" "Du hast schon genug gemacht, Dave, danke. Geh nach Hause und schlaf Dich aus." "Na gut", sagte Rossi schon an der Tür, "und Aaron? Du warst großartig zu Billie." Hotch ging ins Schafzimmer und versuchte etwas ansatzweise passendes für Billie zum Anziehen zu finden. Sie trug Krankenhausklamotten, ihre eigenen waren von der Spurensicherung einbehalten worden, er konnte sich vorstellen, daß sie was anderes tragen wollte. Ihm fiel ein alter Trainingsanzug in die Hände, den zwar weichgespült, aber er zu heiss gewaschen hatte. Im Wäschemachen habe ich echt zwei linke Hände, dachte Hotch.

Er nahm sich sein Bettzeug und legte es auf die Couch. "Billie?" Hotch klopfte an der Badezimmertür, " ich habe Dir was zum Anziehen rausgesucht, es liegt auf dem Bett, dort kannst Du auch schlafen. Ich nehme die Couch." Ein paar Minuten später erschien Billie im neuen Outfit. Sie wirkte jetzt gefasster als noch im Krankenhaus und das beruhigte den innerlich aufgewühlten Aaron etwas. "Nicht so ganz Dein Stil, oder?" fragte Hotch, "macht nichts", antwortete sie, "kommt meine Mum?" Aaron nickte, "sie ist schon unterwegs", "ist sie enttäuscht von mir?" "Enttäuscht? Nein, sicher nicht, Deine Mutter liebt Dich. Ausserdem wolltest Du das Richtige tun, Du konntest nicht wissen, was Kevin für einer ist." "Aber meine Mum ist beim FBI, als Tochter hätte ich das wissen müssen, ich war so blöd", "sieh es mal von der Seite, so einen Fehler wirst Du nie wieder machen", kam es von Hotch, "geh jetzt ins Bett, wenn Du nicht schlafen kannst, dann ruh Dich nur ein bisschen aus, in Ordnung?" Billie nickte, "Was Du vorhin für mich gemacht hast, ich weis nicht, wie ich mich bedanken soll." "Du must Dich nicht bedanken, Billie, es ist okay." "Du hast das gemacht, weil Du mich gern hast?" fragte sie schüchtern. Aaron nickte. "Ich hab Dich auch gern, Hotch",sagte Billie leise.

Hab ich Billie zu sehr leiden lassen? Was meint Ihr? Rose muss sich im nächsten Teil mit etwas auseinandersetzen, was ihr Leben völlig auf den Kopf stellen wird.