Kapitel 8

Merkwürdiges Flugobjekt

Alena genoss es, auf dem Pferd zu sitzen. Nachtschatten war aus seiner schläfrigen Stimmung herausgekommen und kaute jetzt erwartungsvoll auf dem Gebiss.

Die Sonne schien, es war ein wunderbarer Samstagmorgen und es würde vermutlich noch etwas dauern, bis es so warm wurde, dass sie nicht länger unterwegs sein konnten.

Über dem Quidditchfeld konnte sie einige verschwommene Figuren ausmachen.

Alena ritt ein wenig im Schritt am Waldrand entlang. Als sie jedoch den See hinter sich gelassen hatten, wendete sie ihr Pferd vom Wald weg und ließ ihn in einen leichten Galopp fallen.

Vor ihnen lag eine riesenhafte Grasfläche und so ließ sie Nachtschatten nach ein, zwei Galoppsprüngen einfach freien Zügel, damit er sein Tempo nach Belieben wählen konnte.

Snape hatte genug. Der Zusammenstoß mit Alena gestern hatte eine Woche voller Unliebsamkeiten und aufsässiger Schüler besiegelt. Jetzt wollte er nur noch raus.

Obwohl er noch eine Menge zu tun hatte und wahrscheinlich morgen gar nicht mehr zum Essen und Luftholen kommen würde, wenn er jetzt nichts tat, verließ er das Schloss durch einen Seiteneingang und machte einen Spaziergang.

Er war noch nicht lange unterwegs, da sah er in einiger Entfernung einen Reiter mit, wie es schien, ziemlich halsbrecherischer Geschwindigkeit vorbei jagen.

Entschlossen drehte er sich um und ging in die andere Richtung. Eine weitere Begegnung mit Alena konnte er im Moment wirklich nicht gebrauchen.

Minerva McGonagall stand oben in ihrem Büro am Fenster und beobachtete das Treiben auf dem Schulgelände. Es war Mai und viele Schüler waren draußen und nutzten die ersten warmen Stunden, um zu fliegen oder zu faulenzen.

Am Wald konnte sie mit Mühe ihre Nichte und Nachtschatten sehen, dessen graues Fell sie zu einem Schemen unter Schemen machte. Jetzt bogen sie ab und überquerten die weite Fläche, die zwischen dem Wald und den nächsten Felsen lag. Nachtschatten fiel in Galopp, zuerst langsam, dann immer schneller werdend.

Minerva schüttelte belustigt den Kopf. Alena war schon immer ein trotziges und unbeherrschtes Kind gewesen, dass sich nur ungern etwas vorschreiben ließ.

Eine andere Gestalt zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Eine große, in eine schwarze Robe gekleidete, die mit langsamen Schritten über die Grünfläche vor dem Schloss schritt; ganz so, als wäre sie in tiefen Gedanken.

Professor Snape! Draußen! An der frischen Luft. Sie sah noch ein zweites Mal hin, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht getäuscht hatte.

Hatte sie nicht. Was mochte Snape dazu bewegt haben, sich einmal außerhalb der Kerker beobachten zu lassen?

Er muss sehr unter Stress stehen, überlegte sie, wenn er einen Spaziergang im Sonnenschein der Gesellschaft seiner geliebten Bücher vorzieht.

Aber es stimmte, in den letzten Tagen war er noch übellauniger und reizbarer gewesen als sonst.

Alena hatte von einem Streit erzählt, aber das war doch schon Monate her, fast ein ganzes Jahr. Also musste noch etwas anderes passiert sein.

Nur was?

Sie grübelte weiter, während sie beobachte, wie er stehen blieb und dann unvermittelt umdrehte, nicht aber zum Schloss zurückging. Zweifellos hatte auch er Alena gesehen, es musste also doch an ihr, dass er so schlecht gelaunt war.

Minerva schüttelte den Kopf, um diese Grübeleien zu verscheuchen.

Sie würde Alena fragen müssen, wenn sie herausfinden wollte, ob noch etwas passiert war, anders wäre es wohl schwierig.

Minerva setzte sich seufzend wieder an ihren Schreibtisch und begann ohne viel Enthusiasmus Aufsätze zu korrigieren.

Alena nahm die Zügel wieder auf. Selbst wenn Nachtschatten lange laufen konnte, mussten sie noch zurückkommen, und ewig würden auch seine Kraftreserven nicht halten.

Der stahlgraue Wallach kam langsam zum Halten.

Alena ließ sich heruntergleiten und kraulte ihm die Stirn, was Nachtschatten schnauben und den Kopf an ihr reiben ließ.

Er atmete schwer, beruhigte sich jedoch langsam wieder. Alena ergriff den Trensenzaum mit der Rechten und zog ihn über die kleinen Ohren des Pferdes nach vorne herunter. Folgsam spuckte Nachtschatten das Gebiss aus und begann zu fressen.

Auch sie selbst war etwas außer Atem gekommen und so legte sie sich erschöpft auf den Rücken und beobachtete die Wolken.

Eine der Wolken hatte eine sehr merkwürdige Form. Als sie den Kopf wandte, um sie besser erkennen zu können, geriet noch etwas ganz anderes in ihr Blickfeld.

Erst nachdem sie länger darauf gestarrt hatte, erkannte sie es. Es war ein Besen, auf dem sich ein rothaariger Junge verzweifelt zu halten versuchte. Der Besen trudelte unkontrolliert in Richtung der Felsformationen, die das Gelände von Hogwarts begrenzten und bockte zwischendurch immer wieder heftig.

Als er näher kam, sah Alena, dass das Gesicht des Jungen verzerrt war vor Angst. Es war Fhyr.

Und wenn nicht bald ein Wunder geschah hatte er zu Recht Angst, denn dann würde er auf den Felsen aufprallen.

Entsetzt sprang Alena auf. Sie musste etwas tun, um Fhyr zu helfen. Mit fliegenden Fingern löste sie die Zügel von den Ringen den Gebisses und knüpfte eine Schlaufe in das eine Ende. Mit etwas Glück würde der lederne Riemen halten.

Den Rest der Trense ließ sie einfach liegen. Sie würde ihr ohnehin nicht von Nutzen sein, wenn die Zügel fehlten.

Alena wirbelte herum und pfiff nach Nachtschatten. Er hatte sich nicht weit entfernt und kam sofort angetrabt.

Die eben geknüpfte Schlaufe in der einen Hand griff sie mit der anderen in seine Mähne und sprang mit wild klopfendem Herzen auf seinen Rücken. Sie würde sich jetzt ganz auf ihn verlassen müssen.