[A/N: Vielen Dank für das Review Captain Jamie Tiberia Kirk (der Name ist genial ^^) Ich freue mich wirklich sehr! Hier kommt das nächste Kapitel :)]

WARNUNG: Das Kapitel ist eine ganze Spur heftiger...

Kapitel 8: Erste Schritte

Egal wie weit der Weg ist, man muss den ersten Schritt tun. - Mao Tse-tung

Peter Guillam war verärgert und gleichermaßen beeindruckt. Auch wenn Sherlock Holmes sich mit seinem Sozialverhalten unmöglich verhielt und ihn behandelte, als wäre er noch grün hinter den Ohren, war er trotzdem unumstritten ein Genie in seinem Job. Peter hatte Monate gebraucht, um Morans letzten Aufenthaltsort herauszubekommen. Sherlock Holmes hatte es innerhalb von zwei Tagen geschafft. Für Peter sehr beruhigend war die Tatsache, dass sich der Detektiv wenigstens an die Absprache, dem MI6 Bescheid zu geben, sobald er seine Spur zu Sebastian Moran gesichert hatte, gehalten hatte.

Peter hatte Haschen Chalid verhört, um alles über den momentanen Aufenthaltsort des Colonels herauszufinden. Er war überrascht, dass der Detektiv nicht bei dem Verhör dabei geblieben war. Das passte nicht in das Profil, dass Peter von Sherlock Holmes angefertigt hatte. Aber anscheinend war sein Partner, Freund - oder in welchem Verhältnis auch immer die Beiden zueinander standen - in diesem Moment wichtiger.

Peter hatte gehört, dass sich Captain Watson bei der Aktion, Holmes zu beschützen, verletzt hatte und danach behandelt werden musste. Sherlock Holmes war dadurch sehr kurz angebunden gewesen, als er ihm am Eingang des Krankenhauses getroffen hatte, um ihm zu zeigen, wo sich Chalid aufhielt.

Dem MI6 Agenten war das im Grunde nur Recht. So konnte er in Ruhe arbeiten. Aber ein wenig nagte diese, ihn überraschende Verhaltensweise des Detektivs schon an ihm. Er wusste auch wieso, allerdings wollte er nicht darüber nachdenken. Kurz bevor Peter nach Afghanistan gegangen war, hatte er mit seinem Freund Schluss gemacht, weil er der Meinung war, er könnte seinen Beruf nicht mit einer Beziehung vereinen. Aber wenn ein Soziopath wie Sherlock eine Beziehung neben seiner Arbeit tolerierte...

Peter schüttelte den Kopf. Alles Theorien und Spekulation – keine Fakten. Und überhaupt, er hatte seine Entscheidung getroffen. Zumindest musste er sich keine Sorgen mehr darum machen, dass seinem Freund wegen seiner Arbeit etwas zustieß.

John saß auf seinem Bett und schaute Clara mit einem gespielten, zerknirschten Blick an, während sie damit beschäftigt war das restliche Blut von ihm zu säubern und ihn neu zu verbinden.

„Sag es schon...", grinste er sie mit seinem charmantesten Lächeln an.

Sie lächelte zurück und schüttelte leicht ihren Kopf: „Ich hab's dir ja gesagt."

Sherlock beobachtete die Beiden missmutig. Er wusste nicht wieso, aber diese Ärztin störte ihn mehr, als andere Menschen ihn normalerweise störten. Und warum lächelte John sie so an?

Die Erkenntnis traf Sherlock unerwartet schnell. So fühlte sich also Eifersucht an. Wieder so ein Gefühl, auf das Sherlock lieber verzichten würde. Es gab nur eine Möglichkeit, diese unguten Emotionen endgültig abzustellen: Er musste dafür sorgen, dass John ihm gehörte – und zwar vollkommen. Allerdings setzte das voraus, dass John einwilligte, mit Sherlock eine solche Beziehung einzugehen.

Eine Beziehung... Selbst in Sherlocks Kopf klang das furchtbar provinziell und kleinkariert. Er hätte niemals von sich selbst erwartet, mit jemandem ein Verhältnis eingehen zu wollen. Allerdings hatte er sich auch noch nie vorher für andere Menschen interessiert. Nicht mal so etwas Simples wie einen Freund hatte er früher in seinem Leben gehabt. Und daran hatte er sich gewöhnt.

Aber seitdem John in sein Leben gekommen war, hatte sich das alles geändert. Mittlerweile konnte er sich nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu leben. John war immer für ihn da – vertraute ihm schon vom ersten Tag an. Und dieses Vertrauen schlich sich unerwartet schnell auch in Sherlock ein. John war die erste Person in seinem Leben, die ihn nicht ändern wollte, sondern ihn so nahm, wie er war und ihn für seine Intelligenz bewunderte, anstatt ihm mit Neid oder Misstrauen zu begegnen. Gleichzeitig sorgte er dafür, dass andere ihn besser verstanden und er half ihm, gefühlsbestimmte Motive besser nachzuvollziehen – wie eine Art Übersetzer. Wenn John bei ihm war, hatte Sherlock das Gefühl stärker zu sein und alles zu schaffen. John war sein Anker, sein Fels – seine Konstante, auf die er sich stützen konnte und die ihm Kraft gab, die ihn festhielt, wenn er das Gefühl hatte, in der Flut seiner Gedanken zu ertrinken und den Boden zu verlieren.

Er fragte sich, wann sich seine Gefühle für John so intensiviert hatten, dass sie über Freundschaft hinaus gingen. Wenn er an Johns frühere Freundinnen dachte, so fiel ihm auf, dass er immer etwas eifersüchtig reagiert hatte. Allerdings hatte er sich das damit erklärt, dass diese - John unwürdigen Frauen - ihm die Zeit stahlen, mit seinem Freund Verbrechen aufzuklären. Auch hatte er immer Angst, dass sie ihm John eines Tages wegnehmen würden. Dann wäre er wieder allein.

Doch wann war diese, für Sherlock mittlerweile nicht mehr zu leugnende Tatsache der physischen Anziehung dazu gekommen? Sherlock war über diese Entwicklung innerlich zweigeteilt. Er verabscheute das Verlangen, John körperlich nah sein und ihn anfassen zu wollen. Er hasste es schon, dass sein Körper ihn dazu zwang zu essen und zu schlafen. Sex hatte noch weniger Berechtigung in seinem Leben. Den Nutzen der anderen beiden Übel, konnte er, wenigstens noch biologisch betrachtet, für sein spezielles Leben einsehen.

Auf der anderen Seite allerdings nagte die wissenschaftliche Neugierde des Entdeckens an ihm und die Versuchung, diesem Trieb nachzugehen, um seinen Geist zur Ruhe zu bringen. Aus Erfahrung früherer Jahre mit gewissen, berauschenden Substanzen, wusste er, dass ihm diese Mittel geholfen hatten zu Entspannen und seinen Geist zu befreien, um danach auf völlig neue Ideen zu kommen. Vielleicht würde John den selben Effekt auf seinen Körper haben.

John lachte über etwas, dass Clara gesagt hatte, und Sherlocks Blick verdüsterte sich weiter.

„Sind Sie bald fertig, meinen Freund zusammenzuflicken? Wir haben heute noch was Wichtigeres zu tun."

Zu seiner Überraschung blickte sich Clara nicht verärgert um, sondern grinste John nur wissend an.

„Keine Sorge, Mr. Holmes. Ihr Freund ist gleich wieder wie neu. Aber sorgen Sie bitte dafür, dass er sich schont und nicht durch die Gegend läuft."

Das Wort 'Freund' hatte sie betont langgezogen und John dabei mit hochgezogenen Augenbrauen und einem breiten Lächeln angesehen. John rollte nur mit den Augen, konnte es sich aber nicht verkneifen zurück zu grinsen.

Sherlock fühlte sich etwas flau im Magen, als er die Beiden bei ihrer stummen Kommunikation beobachtete. Er zog die Knie an seinen Körper und faltete die Hände unter sein Kinn. John musste seinen missmutigen Blick mitbekommen haben, denn er schaute ihn auf einmal leicht lächelnd an.

„Sag mal Clara, hattest du nicht vor ein paar Monaten genau dasselbe Problem mit deiner Freundin. Die wollte doch mit ihrem gebrochenen Bein auch nicht still sitzen, oder?"

John hatte zwar Clara angesprochen, doch Sherlock dabei nicht aus den Augen gelassen. Sherlock wusste, dass John die Tatsache, dass Clara anscheinend eine Freundin hatte, mit Absicht betont hatte, um Sherlock damit zu... ja was? Zu beruhigen? Hieß das, seine Eifersucht war so offensichtlich, dass selbst John sie bemerkte? Sherlock trat sich mental selbst in den Hintern und verwandelte sein Gesicht wieder in seine sonst übliche gefühllose Maske.

„Das stimmt, John. Und was hat es ihr gebracht? Drei Wochen länger im Gips. Ich hoffe, du bist jetzt vernünftiger und bleibst im Bett."

„Yes, Maam!" John salutierte spielerisch mit seiner linken Hand.

Clara knuffte ihn sanft gegen seine unverletzte Schulter und schüttelte den Kopf: „So, alles fertig. Ich komme später noch mal wieder und schau nach dir."

John nickte und bedankte sich, als die junge Ärztin die Nadeln wegräumte und schließlich mit einem kurzen Winken das Zimmer verließ. In der Tür stieß sie fast mit Peter Guillam zusammen, der ihr aber im letzten Moment noch ausweichen konnte. Mit einer genuschelten Entschuldigung drängte er sich an ihr vorbei ins Zimmer.

„Mr. Holmes", er nickte dem Detektiv grüßend zu, der nun an dem kleinen Tisch im Raum gelehnt stand und John beobachtete, wie dieser versuchte, sein sandfarbenes Armee T-Shirt wieder anzuziehen. Leider schien er aufgrund seiner Verletzung sehr große Schwierigkeiten mit dieser einfachen Aufgabe zu haben.

„Captain Watson, es freut mich, Sie endlich kennenzulernen. Ich hab schon viel von Ihnen gehört."

John grinste den blonden MI6 Agenten kurz schief an und nickte unsicher. „Von wem?"

„Mycroft Holmes."

John machte ein Geräusch, was ein bisschen wie ein sarkastischer Lacher klang und versuchte sein T-Shirt auf seinem Schoß so zu falten, dass er es einfach nur noch über den Kopf zu ziehen brauchte.

„Mr. Guillam, ich spreche gleich mit ihnen. Würden Sie bitte draußen auf mich warten?" Sherlock hatte seine Position am Tisch verlassen und war einen Schritt auf John zugegangen.

Nicht nur Peter sondern auch John blickten Sherlock überrascht an.

„Sherlock, ich würde auch gerne die Neuigkeiten erfahren." John blickte den Detektiv ernst an. Sherlock konnte sehen, dass John Angst hatte, dass Sherlock ihn wieder außen vor ließ.

„Keine Sorge, ich hole ihn in ein paar Minuten wieder herein." Sherlock blickte Guillam erwartungsvoll an, der nur kurz die Augenbrauen hochzog, aber schließlich kommentarlos den Raum verließ.

John blickte ihm hinterher und wollte Sherlock gerade fragen, was das sollte, als dieser ihm das T-Shirt aus der Hand nahm. John beobachtete sprachlos, wie der Detektiv ihm langsam half, seinen rechten Arm durch den Ärmel zu bekommen und ihm dann sein T-Shirt vorsichtig über den Kopf zog. Sherlock hatte sich zu John, der immer noch auf dem Bett saß, herunter gebeugt. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem Freund entfernt und er konnte seinen Atem auf seiner Wange spüren. Sherlocks Hände berührten sanft Johns Oberkörper, als er sich mit Absicht Zeit ließ den Stoff des Kleidungsstückes herunterzuziehen. Er hörte, wie John tiefer und schneller einatmete, als er eigentlich müsste. Genau die Reaktion, die er sich erhofft hatte. Sherlock strich das T-Shirt über Johns Bauch zärtlich glatt und blickte ihn dann an. Er wurde mit dem Gesichtsausdruck belohnt, den er erwartet hatte – Johns Gesicht war etwas gerötet, Pupillen waren erweitert, sein Mund leicht geöffnet. Sein Blick war fragend und verwirrt.

John trug seine Gefühle immer auf dem Präsentierteller. Eine Tatsache, von der Sherlock immer dachte, dass sie einen angreifbar machte, in Johns Fall allerdings, war es seine Stärke. Sherlocks Blick fiel kurz auf Johns Lippen, und er fragte sich, ob er ihn einfach küssen sollte. Wahrscheinlich würde John es in diesem Moment tatsächlich zulassen. Es bestand allerdings eine zehnprozentige Wahrscheinlichkeit, dass er Sherlock danach eine runter hauen würde. Was in diesem Moment nicht besonders gut war, denn dann würde seine frische Naht an Arm und Schulter sicherlich wieder aufgehen.

John war nicht schwul, auch wenn viele das immer über die beiden annahmen. Sherlock wusste, dass John sehr bedacht war über gewisse Labels, oder was Leute von ihm hielten. Er sah zwar, dass sich Johns Gefühle ihm gegenüber eindeutig verändert hatten, aber war sich auch darüber bewusst, was für eine Verwirrung das in ihm auslösen musste. Und auf Verwirrung folgten meist irrationale Gefühle wie Wut, Zorn oder Verleugnung. Ergo eine zehn prozentige Chance, dass eine verfrühte Aktion einen eher gegenteiligen Effekt hätte.

Sherlock legte seine Hand auf Johns linke Schulter und drückte sich sanft von ihm weg. Die Spannung, die sich zwischen den Beiden und ihren Blicken aufgebaut hatte, verebbte schlagartig und John schaute verlegen auf den Boden.

„Danke", seine Stimme klang rau.

„Nicht der Rede wert", winkte Sherlock ab, räusperte sich und blickte zur Tür. „Dann kann ich Mr Guillam ja jetzt wieder rein bitten."

John musterte Sherlock von der Seite und lächelte dann leicht. Schließlich nickte er. Sherlock wusste, dass John gerade realisiert hatte, dass er Mr Guillam aus Rücksicht auf diesen privaten Moment aus dem Zimmer geworfen hatte. Er hoffte, das John dadurch erkennen würde, wie wichtig er für Sherlock war, allein durch die Tatsache, dass er beschlossen hatte auf seine Gefühle Rücksicht zu nehmen – eine Verhaltensweise für die Sherlock nicht gerade berühmt war. Ganz im Gegenteil.

Peter Guillam hatte eine Karte mit Bauplänen des Hauses, in dem sich Sebastian Moran aufhielt, besorgt und unterrichtete Sherlock nun über die taktische Lage des Anwesens. Die schlechte Nachricht war, dass dieses Haus dem MI6 sehr gut bekannt war, weil es oft von Drogenbaronen und anderen Kriminellen benutzt wurde. Es war durch Kameras, Selbstschussanlagen und Wachpersonal extrem gut bewacht. Da reinzukommen, war fast so, als würde man in Fort Nox einbrechen.

Peter lehnte sich zurück und blickte Sherlock an, der seine Hände zusammengefaltet hatte und mit dem Zeigefinger seine Lippen berührte.

„Das Militär hat sich bereit erklärt dem MI6 zu helfen und könnte uns eine Eingreiftruppe zusammenstellen, um das Haus zu stürmen. Allerdings ist diese Mission mit der höchsten Gefahrenstufe einzuschätzen."

Sherlock legte seine Hände auf den Tisch und schaute Peter an: „Wir wissen mittlerweile, dass Moran es auf mich abgesehen hat. Ich könnte den Köder spielen und ihn so aus dem Haus locken. Das würde die Gefahr minimieren."

„Vergiss es Sherlock! Das ist viel zu gefährlich. Lass den MI6 und das Militär das regeln. Dafür sind die Jungs ausgebildet."

John saß die ganze Zeit während der Besprechung aufrecht auf seiner Bettkante und hatte mit besorgter Mine zugehört. Als Sherlock seinen Vorschlag machte, wäre er fast aufgesprungen. Peter schaute kurz zu dem Soldaten rüber und nickte.

„Mr. Holmes, Captain Watson hat vollkommen recht. Das ist kein Ort für einen Detektiv. Außerdem hat mir Ihr Bruder strengstens untersagt Sie in Gefahr zu bringen."

Sherlock stand ruckartig von seinem Stuhl auf. „Mein Bruder hat keine Befehlsgewalt über mich. Moran ist das letzte Hindernis, dass zwischen mir und meinem früheren Leben, steht. Ich werde ihn beseitigen – mit oder ohne ihre Hilfe!"

„Sherlock!", John war aufgestanden und ging ein paar Schritte auf den Detektiv zu. Sein Gang war unsicher und er versuchte krampfhaft seinen Blick auf Sherlock zu fokussieren. Mit Sorge bemerkte Sherlock, dass John kurz davor war, sein Gleichgewicht oder im schlimmsten Fall sogar sein Bewusstsein zu verlieren. Mit einem beherzten Schritt schloss Sherlock den letzten Abstand zwischen seinem Blogger und ihm und legte stützend seinen Arm um seine Schultern.

„John, du solltest wirklich im Bett bleiben." Seine Stimme war sanft und ungewöhnlich beruhigend in Johns Ohren. Er ließ sich von seinem Freund wieder zurück zum Bett bugsieren und setzte sich mit einem Seufzen auf die Bettkante. Sherlock behielt seine Hand auf seiner Schulter und beobachtete, wie John ein paar Mal tief ein und ausatmete, um gegen seinen Schwindel anzukämpfen. Als er sich gefasst hatte, blickte er Sherlock eindringlich an.

„Ich weiß und ich verstehe, wie wichtig dir das alles ist, Sherlock. Aber in diesem einen Fall, lass bitte den MI6 das regeln. Es gibt keinen Grund für dich, bei dieser Aktion dabei zu sein."

Sherlock schüttelte leicht den Kopf. „Ich kann nicht, John. Moran darf auf keinen Fall entkommen und ich vertraue dem MI6 nicht wirklich."

Peter machte im Hintergrund ein abfälliges Geräusch, aber die beiden ignorierten den Agenten nur. John hob seinen unverletzten Arm und umschloss damit Sherlocks Handgelenk. Verzweiflung, Sorge und Angst waren nur ein paar der Gefühle, die Sherlock in Johns Augen lesen konnte.

„Ich habe dich gerade erst wieder." Johns Stimme war leise und er schaute kurz zu Boden. „Ich kann dich nicht schon wieder verlieren."

Der letzte Satz tat Sherlock körperlich weh in seiner Brust. Schuld? Wahrscheinlich, denn Sherlock war sich mittlerweile vollkommen bewusst darüber, durch welche Hölle John gegangen war, als er vor den Augen seines Freundes seinen Selbstmord inszeniert hatte. John hatte durch Sherlocks vermeintlichen Tod mit seinem Leben so gut wie abgeschlossen und war zurück nach Afghanistan gegangen – das Land, das ihn das letzte Mal fast getötet hatte.

Wenn er jetzt gehen würde, würde John ihm das nicht verzeihen, und das wenige Vertrauen, das er bei John bisher zurückerobert hatte, würde sich in Luft auflösen. Im schlimmsten Fall würde er Johns Leben vielleicht wirklich zerstören, wenn ihm bei dem Einsatz etwas passieren würde. War Moran das Wert? Johns Vertrauen wieder zu verlieren – ihm wieder das Gefühl zu geben, dass er ihn nicht brauchte und alle Entscheidungen allein zu treffen? Was hatte er davon, Moran aus dem Weg zu räumen, um wieder in die Bakerstreet zurückzukehren, wenn John ihn verlassen würde? Ohne John war die Bakerstreet nur eine Adresse und kein zuhause.

Er schloss kurz die Augen und legte dann seine Hand auf Johns, die ihm immer noch umfasst hielt. Beiläufig fragte er sich, ob John langsam merkte, dass er den Körperkontakt zu ihm suchte. Es sah allerdings nicht so aus, denn der Arzt hatte offenkundig gerade andere Dinge im Kopf. Sollte Sherlock in diesem Fall recht sein, so hatte er wenigstens eine Ausrede, seinem Drang, ihn zu berühren, ungehindert und konsequenzlos nachzugehen. Auch wenn Sherlock alarmierend feststellen musste, dass dieser Drang immer stärker wurde, und er sich fragte, wie lange er noch die Ausrede 'es-ist-nur-eine-freundschaftliche-Geste' benutzen konnte.

„Dieses eine Mal und auch nur, weil du nicht fit bist und mich nicht begleiten kannst." Sherlocks Stimme war leise, als er John antwortete. Lauter sagte er dann zu Peter gewandt: „Damit das klar ist, ich mache das nicht, weil mein Bruder es mir verbieten will!"

Peter Guillam grinste und nickte: „Ich werde es ihm ausrichten."

Während Peter seine Unterlagen zusammenpackte, genoss Sherlock Johns erleichterten und dankbaren Blick. Sherlock grinste kurz: „Nur damit das klar ist, wenn ich nicht mitgehe, wird mir sehr langweilig werden, und das werde ich alles an dir auslassen."

„Das ist schon in Ordnung." John grinste zurück. Ein geringes Opfer, einen gelangweilten Sherlock zu ertragen, aber ihn dafür in Sicherheit zu wissen.

Peter verabschiedete sich und versprach, sich sofort nach dem Zugriff zu melden. Sherlock nickte nur und wandte seine Aufmerksamkeit wieder John zu, der in diesem Moment wirklich mehr als zufrieden aussah und auch nichts dagegen zu haben schien, dass Sherlock immer noch seine Hand auf seiner liegen hatte.

Peter stand vor dem Overheadprojektor und zeigte dem Einsatzteam unter Leitung Colonel Mike Banning den Bauplan des Gebäudes. Agent Dave Forbes, sein langjähriger Freund beim MI6, hatte sich der Operation angeschlossen mit der Begründung, noch eine Rechnung mit Moran offen zu haben. Peter war froh über die Unterstützung, in diesem Fall konnte er wirklich jede Hilfe brauchen. Er erklärte den Einsatz und schlug eine Vorgehensweise vor, an der er lange getüftelt hatte. Es war immer noch gefährlich, aber ein paar Risikofaktoren hatte er ausklammern können.

Colonel Banning, der Peter tatsächlich wie ein jedes Klischee erfüllenden, typischen Soldat vorkam, hatte den Plan mit einem Nicken abgesegnet. Der muskulöse Mann mit den kurzen dunklen Haaren und dem ernsten Gesichtsausdruck, wies sein Team mit harter Stimme an, seine Sachen zu packen und sich Abmarsch bereit zu machen.

Dave grinste Peter schief an. „Ich mach mich jetzt auch fertig. Aber vorher schaue ich mir noch eine Folge 'Arrow' an."

Peter lachte und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Viel Spaß. Wir sehen uns gleich."

Als Peter den Raum verließ, verschwand das freundliche Grinsen aus Agent Forbes Gesicht und ein eiskalter Blick manifestierte sich in seinen grünen Augen. Er holte sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte eine Nummer. Er sagte nur einen Satz, bevor er wieder auflegte: „Showtime!"

Sherlock hatte für John und sich selbst Tee besorgt und sich nun neben das Bett seines Freundes gesetzt. John hatte sich endlich hingelegt, hatte aber darauf bestanden das Kopfteil seines Bettes hochzustellen, damit er nicht wirklich liegen musste. Die Abendsonne tauchte das Zimmer in rötlich-gelbes Licht und malte goldene Flecken in Johns sonst grau-blaue Augen.

„Laaaaangweilig!", maulte Sherlock. Das war eine faustdicke Lüge, denn Sherlock konnte sich im Moment kaum etwas Besseres vorstellen, als den Anblick Johns zu genießen. Er schätzte das leichte Gefühl der Nostalgie, einfach wieder Zeit mit seinem Freund verbringen zu können, was ihm wieder schmerzvoll bewusst machte, wie sehr er John vermisst hatte. Nicht unbedingt seine physikalische Anwesenheit, sondern das Bewusstsein, dass er bei ihm war. Früher hatte dies andere Menschen immer verwirrt. Die Tatsache, dass er mit John sprach, obwohl dieser gar nicht da war. John musste auch nicht körperlich da sein, um Sherlock das Gefühl zu geben, er wäre bei ihm. Der Gedanke, dass John auf die ein oder andere Weise für ihn da war und immer wieder zurückkehrte war der Grund für seine Sicherheit.

„Was möchtest du machen?", fragte John grinsend.

Darauf hatte Sherlock gewartet. Er tat so, als würde er über die Frage nachdenken. Ein paar Sekunden um den Schein zu wahren. In Wirklichkeit hatte er einen Plan. Einen Plan, um unauffällig mehr über John zu erfahren. Um an Informationen zu gelangen, die so tief vergraben waren, dass man durch normale Schlussfolgerungen nicht dahinter kam.

„Da ich zur Zeit hier bin, kann ich nicht an bestimmten Experimenten arbeiten, die mir helfen würden, gewisse Sachzusammenhänge in Verbrechen besser zu verstehen. Aber da du zur Zeit aus gewissermaßen erster Hand Erfahrungen gesammelt hast, könntest du mich in dieser Aufgabe unterstützen. Auch wenn diese Methode nicht besonders wissenschaftlich ist und ich bitte dich daher, auf meinen Fragen so sachlich wie möglich zu antworten, damit meine Datensammlung einigermaßen sinnvoll ist!"

John zog fragend eine Augenbraue hoch. „Was möchtest du wissen?"

„Du bist zweimal angeschossen worden. Ich möchte einen Vergleich haben, zwischen deiner ersten Schulterwunde und den Umständen, die dazu geführt haben und der jetzigen. Was sind die Unterschiede, was ist gleich?"

Sherlock klopfte sich innerlich selbst auf die Schulter für diesen brillanten Einfall, John nicht nur nach seiner Vergangenheit auszufragen, sondern auch in Erfahrung zu bringen, wie es seinem Blogger jetzt gerade ging – alles unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft.

John seufzte und schaute zur Decke. „Vier Monate bevor wir uns getroffen haben, wurde ich in einem Einsatz in der Provinz Lugar, südlich von Kabul angeschossen. Unsere Mission war es, ein Terroristenlager östlich der Hauptstadt Pol-e Alam auszuschalten und Gefangene zu befreien. Unsere Einheit stand unter Dauerbeschuss, und einem Kamerad von mir..." John schwieg kurz und schloss die Augen. „...wurde ins Bein geschossen. Bei dem Versuch, ihn aus der Schusslinie zu ziehen und ihn zu verarzten, wurde ich ebenfalls angeschossen. Steckschuss, dass heißt, es gab keine Austrittswunde. Die Kugel hat meinen Brustmuskel durchschlagen und ist dort stecken geblieben. Das Projektil stammte aus einer Kleinkaliberwaffe. Ich versuchte, meinen Kameraden hinter eine Steinmauer zu ziehen, als eine Granate diese in Luft sprengte. Mein Kamerad wurde von den Splittern tödlich getroffen, ich konnte nichts mehr für ihn tun."

John presste kurz stark seine Augenlider zusammen und Sherlock fragte sich, ob dieses Erlebnis Schuld an Johns nächtlichen Albträumen und seinem anfänglichen psychosomatischen Humpeln war. Sein Freund räusperte sich und Sherlock sah, wie John sich innerlich anspannte. Seine typische Soldatenhaltung, die er immer einnahm, wenn er sich nicht von Gefühlen kontrollieren lassen wollte.

„Meine jetzige Schulterwunde ist ebenfalls ein Steckschuss, wieder im oberen Brustmuskel, allerdings zwei Zentimeter höher als die andere. Der Schlüsselbeinknochen ist in der Mitte gesplittert und Knochenteile haben das umliegende Gewebe verletzt. Die Schusswunde am Arm ist nur ein Streifschuss. Eine typisch grabenförmige Wunde, die den Bizepsmuskel verletzt hat und wahrscheinlich maßgeblich an meinen Hypovolämie Symptomen beteiligt war. Wenn ich die beiden Schulterwunden vergleiche, würde ich sagen, die damalige war schlimmer, weil sie tiefer in meinen Körper eingedrungen war und dadurch mehr Gewebe zerstört hatte."

John schaute Sherlock mit hochgezogenen Augenbrauen an: „Zufrieden, oder hast du noch Fragen?"

Zufrieden war nicht das Wort, welches Sherlocks Gemütszustand am besten beschrieb. Es war eigenartig, John über diese Erlebnisse sprechen zu hören. Er konnte das Gefühl nur schwer beschreiben, allerdings hatte sich das Bedürfnis, John Nahe zu sein, gerade um ein vielfaches verstärkt. Sherlock versuchte, dieses Gefühl zu analysieren und zu verstehen, doch es entzog sich völlig seiner Erfahrungswelt.

„Du wirkst verstört, Sherlock. Alles in Ordnung?"

Sherlock blickte seinen Freund traurig an: „Nein."

Colonel Banning hatte seine Männer in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe war zuständig dafür, die Stromzufuhr zum Haus abzustellen, um damit zumindest einen Teil der automatischen Abwehr und Überwachung abzustellen. Allerdings war bekannt, dass ein separater Generator das Anwesen unabhängig mit Strom versorgte. Also gab es ein zweites Team, dass dafür zuständig war, den Generator zu zerstören.

Das dritte Team sorgte am Haupt- und Hintereingang für Ablenkung und war bemächtigt, das Haus zu stürmen, sobald der Strom abgestellt war. Scharfschützen bezogen rund ums Anwesen Stellung. Peter und Dave saßen in einem gepanzerten Fahrzeug und überwachten und koordinierten die Operation. Jetzt kam alles auf das richtige Timing an.

John versuchte, sich etwas mehr im Bett aufzurichten und stützte sich dabei auf seinen linken Unterarm. Er drehte sich dabei so zu Sherlock, dass er ihm näher war und ihn anschauen konnte.

„Was ist los, Sherlock? Im Gegensatz zu dir, kann ich nicht deine Gedanken lesen."

„Ich bin kein Gedankenleser, John. Das ist reine Beobachtungsgabe und logisches Denken."

„Du weißt, wie ich das meine."

Sherlock schwieg, und John konnte sehen, dass er anscheinend innerlich gerade einen Kampf mit sich selbst ausfochte.

„John...", Sherlocks Stimme war leise und eindringlich. John kannte diesen Tonfall. Den benutze Sherlock nur ihm gegenüber, wenn er irgendetwas sehr Wichtiges mitteilen wollte. John rückte etwas näher an die Bettkante und versuchte, Sherlock in die Augen zu sehen. Überrascht sah er, wie Sherlock langsam nach seiner Hand griff. Sie fühlte sich warm an und John war einmal mehr froh, dass Sherlock in letzter Zeit so generös mit Körperkontakt zu ihm war.

Er hatte versucht, sich wegen diesem Umstand keine Hoffnungen zu machen, auch wenn der Gedanke verlockend war, dass eine tiefere Bedeutung dahinter steckte. John hatte es aufgegeben, Sherlock interpretieren zu wollen. Nachdem er einmal gedacht hatte, Sherlock hätte ein schlechtes Gewissen und wollte ihm als Entschuldigung einen Kaffee machen, als sie in Baskerville waren, er ihn aber in Wirklichkeit unter Drogen setzten wollte, hatte er sein Handtuch endgültig geworfen. Sherlock wusste genau, wie er John austricksen konnte, wenn er etwas Bestimmtes wollte und John fiel immer darauf herein. Genau wie damals, als er ihn mit diesem Trick vom St. Barts weggelockt hatte. Eine schmerzvolle Erinnerung, die John immer noch einen Stich versetzte.

Sherlock konnte sich anscheinend nicht dazu überwinden weiter zu sprechen. Was immer es war, was er sagen wollte, schien ihm sehr schwer zu fallen. John drehte seine Hand um und umschlang Sherlocks Finger mit seinen. Sherlocks Blick fiel auf ihre beiden verbundenen Hände. Er drückte Johns Hand leicht.

John traute sich kaum zu atmen.

John drückte sanft zurück, um Sherlock die Bestätigung zu geben, dass alles in Ordnung war und er, was auch immer ihm auf dem Herzen lag, ihm erzählen konnte.

„Erinnerst du dich daran, wie ich dich gerettet habe?", fragte Sherlock schließlich, als er seinen Kopf erhob und John mit seinen durchdringenden, hellblauen Augen anblickte. John hatte das Gefühl, Sherlock konnte mit diesen Augen direkt in sein Innerstes blicken und seine dunkelsten und geheimsten Gedanken lesen.

John schaute kurz auf sein Bettlaken und räusperte sich verlegen. Johns Verhalten war für Sherlock so eindeutig, als hätte er darauf geantwortet.

„Bruchstückhaft", meinte John unsicher.

„Würdest du mich schlagen, wenn ich nochmal versuchen würde dich zu küssen?"

„W...Was?"

Die Baracke mit dem separaten Generator explodierte mit einem ohrenbetäubenden Knall. Von überall waren Schüsse und Schreie zu hören. Das Alpha und Beta Team hatten 'Go' gegeben und das dritte Team unter Führung Colonel Bannings hatte das Haus gestürmt. Die Scharfschützen hatten gleichzeitig angefangen Wachposten vom Hausdach unschädlich zu machen.

Bisher sah alles gut aus.

Eine Granate explodierte und ließ die Fenster in der unteren Etage zersplittern. Dave Forbes schaute nervös aus dem gepanzerten kleinen Fenster des Fahrzeugs.

Peter schaute ihn kurz grinsend an. „Das ist wie in Budapest, oder? Da warst du auch nervös."

„Du und ich haben sehr unterschiedliche Erinnerungen an Budapest", meinte der Agent mit gepresster Stimme.

„Die erste Etage ist unter unserer Kontrolle. Zwei Männer sind verletzt. Werden gleich rausgebracht. Noch keine Spur von Moran." Bannings Stimme klang etwas verzerrt über Funk. Peter konnte aber trotzdem hören, dass der Mann die Ruhe weg hatte.

„Medics stehen bereit. Suchen Sie weiter!", bellte Peter grimmig in sein Headset. Er hoffte, dass das Einsatzteam Moran bald fand und der Spuk vorbei war.

John blickte Sherlock mit großen, ungläubigen Augen an. Sherlock wollte ihn küssen? Es dauerte eine Weile, bis er diesen Gedanken verarbeiten konnte.

„Ich nehme an, das war eine rhetorische Frage. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du mich akustisch verstanden hast."

John blinzelte ein paar Mal und sagte zögerlich: „Ja... Ich meine – ja, ich habe dich verstanden. Denke ich. Also...Puhh. Ähm..." John schürzte die Lippen und legte den Kopf schief. „Nein, habe ich nicht. Heißt das etwa... Also... Du...willst...mich...küssen?"

Sherlocks Grinsen hatte etwas von einem Raubtier und John fragte sich, warum der Detektiv nicht genauso nervös wie er über diesen Gedanken war. Schließlich war John derjenige, der die meiste sexuelle Erfahrung hatte, nach allem, was er von Sherlock wusste, war dieser wahrscheinlich noch nie mit jemandem zusammen gewesen. Um fair zu sein, hatte John auch genauso wenig Erfahrung damit, einen Mann zu küssen, wie Sherlock. Aber wie groß konnte der Unterschied schon sein?

„Du hast meine Frage nicht beantwortet." Sherlock ignorierte Johns Nachfrage einfach. Wiederholungen langweilten ihn.

John schüttelte leicht den Kopf und sagte schließlich leise: „Ich würde dich nicht schlagen."

Sherlock beobachtete wie Johns Nervosität aus seinem Körper wich und er ganz ruhig wurde. Er machte eine mentale Notiz darüber, wie ähnlich dieses Verhalten dem war, wenn John in eine gefährliche Situation kam. Der Soldat hatte wieder übernommen. Johns Aufmerksamkeit lag komplett auf ihm und seine dunkelblauen Augen fixierten Sherlock und ließen ihn nicht mehr los.

Sherlock bemerkte mit Freude, dass sein Körper ein ähnliches Gefühl übernommen hatte, wie das, was er bekam, wenn er mit einem schwierigen Kriminalfall konfrontiert war. Nur das dies sogar noch besser war, als einen Serienmörder zu fassen.

John hatte seine Hand losgelassen, und bevor Sherlock darüber verwirrt sein konnte, hatte sein Freund seine Hand schon zärtlich auf Sherlocks Wange gelegt. Dem Detektiv entging nicht, dass sich John auf seinen rechten Arm abstützte, um in eine aufrechte Position zu kommen, was überhaupt nicht gut für seine Verletzung war und was John gerade einfach ignorierte. Sherlock legte seinen rechten Arm vorsichtig um John, um ihn zu stützen und die Belastung von seinem anderem Arm wegzunehmen.

Überrascht bemerkte der Detektiv, wie er seine Augen automatisch schloss, als seine Lippen Johns zaghaft berührten. In seinem Kopf herrschte auf einmal eine Stille, die Sherlock beinahe erschreckte, wäre sie nicht so abwechslungsreich und wohltuend gewesen. Dieser Kuss war nicht mit dem ersten zu vergleichen. Nicht nur, weil John diesmal mehr Kontrolle darüber hatte. Der erste Kuss war viel härter und hastig gewesen. Doch diesmal ließen sie sich beide Zeit, diesen neuen Schritt – diesen ersten Schritt zu gehen.

John bewegte seine Lippen anfangs nur zaghaft, fast wie eine Feder über seine. Doch aus dem vorsichtigen Antesten der neuen Gewässer wurde stetig mehr. Es dauerte nicht lange und Sherlock fühlte Johns Zunge über seine Oberlippe gleiten. Seine Hand vergrub er langsam in Sherlocks dichte, dunkle Locken und zog ihn näher zu sich. Sherlock hatte anfangs John erst einmal gewähren lassen und sich etwas zurückgehalten, auch weil John der Erfahrenere von beiden war. Aber er lernte schnell und als er Johns Zunge auf seinen Lippen fühlte, konnte er sich nicht mehr zurück halten. Er öffnete leicht seinen Mund und als sich ihre Zungen zum ersten Mal berührten, verstand er endlich, warum normale Menschen, so viel Zeit mit dieser Tätigkeit verbrachten.

Die Explosion kam so plötzlich, dass Peter erschrocken seinen Arm vors Gesicht riss.

WAS ZUR HÖLLE?

Trümmerteile fielen krachend auf das Fahrzeug und ließen es erbeben. Die Tür wurde neben ihm aufgerissen und Peter reagierte sofort instinktiv, als er Colonel Morans Gesicht in der offenen Fahrzeugtür erblickte. Er wollte seine Waffe auf ihn richten und sofort abfeuern, doch er wurde von hinten festgehalten und die Waffe wurde ihm brutal aus der Hand gerissen. Ein heftiger Schlag gegen seinen Hinterkopf ließ ihn nur benommen um sich schlagen, als Moran ihn aus dem Fahrzeug zog. Peter schlug beim Fallen mit dem Kopf gegen etwas Hartes und biss sich schmerzhaft auf die Zunge. Entsetzt versuchte er sich umzudrehen und zu verstehen, was passiert war. Moran zog ihn hoch und hielt sein Jagdmesser an seinen Hals gedrückt.

„Hast du wirklich geglaubt, du könntest so einfach in mein Haus marschieren? Ihr seid solche Würmer und ich zertrete euch."

Der Schmerz trieb Peter Tränen in die Augen, doch trotz des verschleierten Blicks, konnte er erkennen, dass das Haus in Trümmern lag und brannte. Eine riesige Rauchsäule hatte sich innerhalb von Sekunden gebildet und brannte mit Peters Wut noch zusätzlich in seinen Augen.

Agent Dave Forbes beugte sich aus der Tür und schaute mit kalten Blick auf ihn herunter.

„Colonel, wir müssen jetzt los."

Der Colonel nickte und schnitt Peter die Kehle durch.